Drit­ter Super­sams­tag 2018: die hei­ße Schlacht am kal­ten Büf­fett

Mit einem erschre­ckend faden ers­ten Semi des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len begann ges­tern Abend die offi­zi­el­le Vor­ent­schei­dungs-Haupt­sai­son 2018. In Karl­stad ver­sam­mel­ten sich sie­ben Acts im Kampf um den Final­ein­zug, die hof­fen lie­ßen, dass der Mel­lo-Macher Chris­ter Björk­man (→ SE 1992) sich die guten Songs für die noch fol­gen­den drei Vor­run­den auf­ge­ho­ben hat. Auf dem letz­ten Platz lan­de­te, völ­lig zu Recht, die Schla­ger­le­gen­de Kikki Dani­els­son (→ SE 1982, 1985), die es hin­sicht­lich ihres baro­cken Umfangs mitt­ler­wei­le mit der viel zu früh ver­stor­be­nen deut­schen Grand-Prix-Kol­le­gin Joy Fle­ming (→ DE 1975) auf­neh­men kann, stimm­lich aller­dings eher an die spä­te Bon­nie Tyler (→ UK 2013) erin­ner­te. Ein­ge­hüllt in ein silb­rig glit­zern­des Cow­boy-Fran­sen-Zelt, ließ sie sich auf einem Bar­ho­cker nie­der, um eine lah­me Coun­try­bal­la­de abzu­lie­fern, in wel­cher sie ihren schwe­di­schen Geburts­ort Osby in den US-Staat Ten­nes­see ver­leg­te. Wunsch­traum oder Demenz? Den Atem anhal­ten muss­te man, als sie nach zwei­ein­halb Minu­ten ver­such­te, Schwung zu holen, um sich vom Hocker zu erhe­ben, und es kurz so aus­sah, als wür­de sie nach hin­ten über­kip­pen. Vor dem geis­ti­gen Auge sah man sie schon mit den Bein­chen stram­pelnd wie ein auf den Rücken gefal­le­nen Käfer auf der Büh­ne lie­gen. Im zwei­ten Anlauf klapp­te das Auf­ste­hen dann aber doch noch. Puh!

Muss­te nach dem kräf­te­rau­ben­den Auf­tritt sicher erst mal ins Sauer­stoff­zelt: die Kikki.

Mit der kom­mer­zi­ell sehr erfolg­rei­chen Cover­ver­si­on eines Kikki-Dani­els­son-Titels erlang­te die nor­we­gi­sche Sän­ge­rin Hei­di Musum, bes­ser bekannt unter ihrem Künst­ler­na­men Kam­fer­drops, letz­tes Jahr Bekannt­heit in Skan­di­na­vi­en. Als pink­far­be­nes Ein­horn ver­klei­det trat sie nun beim Mel­lo direkt gegen ihr Vor­bild an. Und schied, wie die­ses, eben­so sang- und klang­los aus. Um ihren Wett­be­werbs­bei­trag ‘Solen lever kvar hos dig’ gab es im Vor­feld eine Kon­tro­ver­se, weil der Song angeb­lich schon seit meh­re­ren Jah­ren die Run­de machen soll. Egal: auch eine rund um den Auf­tritt gestrick­te Zau­ber­show mit einem Zer­säg­te-Jung­frau­en-Trick und etli­chen Dop­pel­gän­ge­rin­nen konn­te das schwäch­li­che Lied­lein nicht ret­ten. Schluss war in Karl­stad auch für den drit­ten schwe­disch­spra­chi­gen Bei­trag die­ser Vor­run­de, das musi­cal­haf­te ‘Livet på en pin­ne’ eines gewis­sen Edward Blom, der in Schwe­den Ruhm als TV-Exper­te in Sachen Ernäh­rungs­his­to­rie erlang­te. Dem­entspre­chend ließ er sich auf der Büh­ne von einem Hau­fen Lebens­mit­tel umtan­zen, was gemein­sam mit sei­nem stets den Ein­satz ver­feh­len­den Sprech­ge­sang den Ein­druck einer mise­ra­bel geprob­ten Schul­thea­ter­auf­füh­rung zum Thanks­gi­ving-Day hin­ter­ließ.

Gut gerüs­tet für ein klei­nes Gabel­früh­stück: Edward Blom.

In die Noch-ist-es-nicht-vor­bei-Run­de Andra Chan­sen zog eine schi­cke schwar­ze Sän­ge­rin namens Renai­da ein, die sich zu ihrem eher so mit­tel­prä­chi­gen ‘All the Feels’ von sechs ker­ni­gen Müll­män­nern beglei­ten ließ. Unbe­dingt etwas fürs Auge, genau­so wie die oran­ge­far­be­nen Fin­ger­nä­gel der Inter­pre­tin, aller­dings weni­ger etwas fürs Ohr, da Renai­da gesang­lich doch eher eine Stel­la Mwan­gi (→ NO 2011) pull­te (die übri­gens die­ses Jahr erneut beim MPG am Start ist). AC hieß es auch für ihre Kon­kur­ren­tin Sig­rid Bern­son, deren Hom­mage an den eben­falls viel zu früh ver­stor­be­nen Dir­ty-Dan­cing-Star ‘Patrick Sway­ze’ offen­hör­bar für Ace Wil­der (→ MGP 2014 u.a.) gedacht gewe­sen sein und von die­ser wegen der Schwäch­lich­keit des Songs abge­lehnt wor­den sein muss. Auch die iko­ni­sche Hebe­fi­gur aus dem Kult­strei­fen fehl­te nicht in Sig­rids auf die Kom­ple­men­tär­far­ben schwarz-gelb set­zen­den Dar­bie­tung, die den­noch nicht über­zeu­gen woll­te. Selbst der ins Mel­lo-Fina­le dele­gier­te Ben­ja­min Ingros­so wirk­te mit sei­ner Num­mer ‘Dance you off’ eher müde.

Brin­gen dann mal schnell den Müll weg: Renai­da und ihre ker­ni­gen Kol­le­gen.

Vor­ent­scheid SE 2018 (1. Semi)

Melo­di­fes­ti­va­len. Sams­tag, 3. Febru­ar 2018, aus der Löf­bergs-Are­na in Karl­stad. Sie­ben Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: David Lind­gren.
#Interpret/inTitelPunk­tePlatz
01Sig­rid Bern­sonPatrick Sway­ze1.043.73604
02John Lund­vikMy Turn1.152.13302
03Renai­daAll the Feels1.126.90703
04Edward BlomLivet på en pin­ne865.44205
05Kikki Dani­els­sonOsby Ten­nes­see555.46607
06Kam­fer­dropsSolen lever kvar hos dig555.77806
07Ben­ja­min Ingros­soDance you off1.295.15501

Ein direk­ter Link zwi­schen dem gest­ri­gen Mel­lo und dem gleich­zei­tig statt­fin­den­den ers­ten Semi­fi­na­le der let­ti­schen Super­no­va exis­tiert in Form der schwe­di­schen Schwes­tern Ylva und Lin­da Pers­son, die für den ansons­ten nicht wei­ter erwäh­nens­wer­ten Bei­trag ‘Walk the Talk’ von Lie­ne Greifā­ne ver­ant­wort­lich zeich­nen. Wie in Karl­stad tra­ten auch in Riga sie­ben rela­tiv unauf­fäl­li­ge Acts gegen­ein­an­der an. Allen­falls optisch sta­chen die Zwil­lings­schwes­tern Ana­sta­sia und Kathe­ri­na Dvi­nes her­aus, deren äthe­ri­sche Büh­nen­show ein wenig an die grus­li­gen Geis­ter-Twins aus dem Hor­ror­klas­si­ker Shi­ning erin­ner­ten, bzw. an die nicht weni­ger grus­li­gen Tomalt­schowa-Schwes­tern (→ RU 2014). Ihr Lied ‘More than meets the Eye’ ging den­noch zum einen Ohr hin­ein und zum ande­ren wie­der her­aus. Ein μ stär­ker haf­ten blieb ein Künst­ler mit dem schö­nen Namen Rahu the Fool, der zu sei­ner sanft dahin­plät­schern­den, hand­ge­klampf­ten Coun­try-Wei­se ‘Oh, Lon­gri­ver’ mit der­ar­tig wäss­ri­gen Augen in die Kame­ras schau­te, als woll­te er jeden Moment los­heu­len. Unklar blieb, ob wegen sei­nes spar­sam melan­cho­li­schen Lied­tex­tes oder wegen des Lam­pen­fie­bers.

Gleich weint einer: Rahu the Fool.

Ver­stö­rend hin­ge­gen die Inter­pre­tin Kat­rī­na Gupa­lo mit ihrem musi­ka­lisch unver­dau­li­chen Stück ‘Into­xi­ca­ting Cara­mel’, zu dem sie sich, in einer roten Kor­sa­ge per­for­mend, wohl an die knapp hun­dert­jäh­ri­ge Tra­di­ti­on der Bur­les­ke anzu­flan­schen ver­such­te. Inwie­weit ihre von der kleb­ri­gen Süßig­keit han­deln­den Lyrics ero­ti­schen Sub­text ent­hiel­ten, ent­zieht sich lei­der mei­ner Kennt­nis, da dank ihrer mat­schi­gen Aus­spra­che nicht ein Wort zu ver­ste­hen war. Am stärks­ten ver­stö­rend jedoch wirk­te am gest­ri­gen, vom Eye­can­dy Justs Sir­mais (→ LT 2016) mode­rier­ten Super­no­va-Abend, der sich in schwe­rer Nost­al­gie hin­sicht­lich der der drei bis­lang mit die­sem For­mat aus­ge­wähl­ten Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge erging, die Abwe­sen­heit des kul­ti­gen Riga Biber, der uns in der Ver­gan­gen­heit in den Wer­be­pau­sen mit sur­rea­len Ein­la­gen unter­hal­ten hat­te und dies­mal einem kom­men­tie­ren­den Quar­tett eines let­ti­schen Addams-Fami­ly-Mit­glieds und sei­ner Kum­pels wei­chen muss­te. Hat schon jemand eine Peti­ti­on für sei­ne Rück­kehr ein­ge­stellt?

Frü­her war alles bes­ser™: das Super­no­va-Pau­sen­pro­gramm bestand aus einem Med­ley der letz­ten drei ESC-Bei­trä­ge und war das Unter­halt­sams­te am gan­zen Abend.

Vor­ent­scheid LV 2018 (1. Semi)

Super­no­va. Sams­tag, 3. Febru­ar 2018, aus dem Rīgas Kino­stu­di­ja, Riga, Lett­land. 7 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Justs + Dag­mā­ra Legan­te.
#Inter­pretTitelTVJuryGesamt
01Kat­rī­na Gupa­lo + Black­birdsInto­xi­ca­ting Cara­mel4.5.05
02Rahu the FoolOh, Lon­gri­ver7.6.06
03Dvi­nesMore than meets the Eye5.3.04
04Agne­se Sten­g­re­vicsYou are my World6.7.07
05Sud­den LightsJust fine1.4.03
06Edgars Krei­lisYoun­ger Days2.2.02
07Lie­ne Greifā­neWalk the Talk3.1.01

In Ungarn foch­ten unter­des­sen in der drit­ten Vor­run­de von A Dal beim gro­ßen Abend der Kopf­be­de­ckun­gen die letz­ten zehn Kombattant/innen um einen Platz in den bei­den Semis. Neben einem der Ganz­kör­per-Bau­ern­ma­le­rei zuge­neig­ten jun­gen Mann namens Tamás Hor­váth, der in Beglei­tung zwei­er Her­ren mit schau­fel­rad­damp­fer­gro­ßen Hüten per­form­te, schaff­te es auch eine Zig­an­ka­pel­le namens Ham ko Ham, stil­echt bewaff­net mit Man­do­li­ne und einer zur Trom­mel umfunk­tio­nier­ten metal­le­nen Blu­men­va­se, sowie ein ker­ni­ger Künst­ler namens Roland Gulyás, der sei­nen grau­sam ver­nu­schel­ten, mit­tel­mä­ßi­gen Rock­pop­song ‘Hynoti­zed’ mit einer geschick­ten Illu­mi­na­ti­on auf­pepp­te: waren doch dank einer stra­te­gisch plat­zier­ten Geschichts­ver­schat­tung in den ers­ten drei­ßig Sekun­den nur sei­ne zu aggres­si­ven Seh­schlit­zen zusam­men­ge­zo­ge­nen brau­nen Augen und sei­ne aus­drucks­star­ken Brau­en zu sehen, bevor die Licht­re­gie den nicht min­der ansehn­li­chen Rest ent­hüll­te. Dass zor­ni­ge Halb­star­ke zie­hen, bewies das unga­ri­sche Publi­kum, wel­ches den von der Jury bereits abser­vier­ten Roland in der Trost­run­de ret­te­te.

Hät­te, hät­te, Königs­ket­te: der magya­ri­sche James-Dean-Ele­ve Roland Guy­lás schaff­te es dank des Tel­e­vo­tings eine Run­de wei­ter.

Der ein oder ande­re, mit den Fein­hei­ten natio­na­ler Aus­wahl­run­den ver­trau­te Leser erin­nert sich viel­leicht noch an den klei­nen Dis­put zum The­ma kul­tu­rel­le Aneig­nung rund um den slo­we­ni­schen Vor­ent­schei­dungs­bei­trag ‘Koni­chi­wa’ des Schwes­tern-Duos Dvo­jči­ci Prus­nik bei der EMA 2012? Einer ähn­li­chen Ästhe­tik bedien­te sich die Insze­nie­rung des hoff­nungs­los kata­stro­pha­len Euro­dance-Hip-Hop-Gemischs ‘Crack my Code’ von Reni Tol­vai, die sich und ihre Backings mit glit­zern­den schwar­zen Gei­sha-Kos­tü­men aus­ge­stat­tet hat­te. Den eigent­li­chen Hin­gu­cker bil­de­ten jedoch die mit grü­nen Leucht­strei­fen ver­se­he­nen Fächer und Kegel­hü­te ihrer weib­li­chen Pos­se, wobei gera­de die beleuch­te­ten Kopf­be­de­ckun­gen den Ein­druck erzeug­ten, ihre bei­den Chor­d­a­men hät­ten sich, wie in schlech­ten Kla­mauk­strei­fen, zur auf­fäl­lig unauf­fäl­li­gen Tar­nung in einer Steh­lam­pe zu ver­ste­cken ver­sucht. In hohem Maße unter­halt­sam, hät­te man Reni viel­leicht sogar den schwa­chen Song ver­zie­hen, wäre da nicht die­ser völ­lig über­flüs­si­ge, schlech­te Rap­per gewe­sen. Ein alles in allem wenig ergie­bi­ger Super­sams­tag also, den wir hier­mit abschlie­ßen wol­len: die neu­es­ten Schau­er­lich­kei­ten aus Litau­en müs­sen noch war­ten, denn der dor­ti­ge Sen­der schläft wie­der beim Hoch­la­den der You­tube-Vide­os.

Den Code zu kna­cken, ist nun wirk­lich leicht: er heißt ‘Wod­ka’, wie wir seit 2008 bereits wis­sen.

3 Gedanken zu “Drit­ter Super­sams­tag 2018: die hei­ße Schlacht am kal­ten Büf­fett

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