MD 2018: Love for Sale

Das Bes­te zum Schluss: an einem ziem­lich durch­wach­se­nen Euro­vi­si­ons-Super­sams­tag unter­hielt das mol­da­wi­sche Fern­se­hen TRM mit einer her­aus­ra­gen­den O Melo­die pen­tru Euro­pa (OMpE), bei der – wie wir das von dem rumä­ni­schen Bru­der­staat gewohnt sind – mal wie­der ein Trash-High­light das nächs­te jag­te. Ange­fan­gen vom erwart­ba­ren Sie­ger­song: dass ‘My lucky Day’ von den DoRe­Dos den Vor­ent­scheid gewin­nen wür­de, stand schon im Vor­feld fest. Stammt das uptem­po­rä­re, schla­ger­haf­te Mach­werk doch aus der Feder der baro­cken rus­si­schen Kom­po­nis­tent­un­te Phil­lip Karko­rov (→ RU 1993). Und der ver­füg­te über genü­gend Kne­te, um dem aus einem Dörf­chen im abtrün­ni­gen Trans­nis­tri­en stam­men­den Trio sowohl eine mit mili­tä­ri­schem Drill exe­ku­tier­te, effek­ti­ve Cho­reo­gra­fie zu spen­die­ren, als auch die Juro­ren zu über­zeu­gen, die bis auf einen ein­zel­nen, der anschei­nend das Memo oder den dis­kre­ten Umschlag nicht erhal­ten hat­te, geschlos­sen für die DoRe­Dos stimm­ten. Auch beim Tel­e­vo­ting über­ließ man nichts dem Zufall: die drei kas­sier­ten gut zehn mal so vie­le Anru­fe (!) wie der Zweit­plat­zier­te.

Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer ist der Nied­lichs­te im gan­zen Land? Ser­giu Mita, das DoRe­Dos-Bär­chen, ist es!

Nun betei­li­gen sich in dem finan­zi­ell eher nicht auf Rosen gebet­te­ten Land ohne­hin tra­di­tio­nell sehr weni­ge Men­schen am Tel­e­vo­ting: die Letzt­plat­zier­te Vio­re­la erhielt gera­de mal 25 Anru­fe, was bedeu­tet, dass wohl noch nicht mal sämt­li­che Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen für sie zum Hörer grif­fen. Da hat jemand wie der in Chi­si­nau per­sön­lich anwe­sen­de, ehr­gei­zi­ge Kir­ko­rov natür­lich leich­tes Spiel. Um so trau­ri­ger, dass die DoRe­Dos für ihre Euro­vi­si­ons­teil­nah­me zuerst ihre See­le an den Teu­fel ver­kau­fen muss­ten, gehö­ren ihre wei­test­ge­hend selbst geschrie­be­nen OMpE-Bei­trä­ge von 2015 und 2016, ‘Mari­ci­ca’ und ‘Fun­ny Folk’, doch zu den Juwe­len mei­ner Per­len-der-Vor­ent­schei­dun­gen-Schatz­tru­he! Da pass­te es, dass sich das schmu­cke Bär­chen Ser­giu Mita und sein Band­kol­le­ge Euge­niu Andria­nov in tris­te schwar­ze Anzü­ge war­fen anstel­le der sonst so gern vor­ge­führ­ten far­ben­fro­hen Folk­lo­re-Strick­wa­ren. Des­sen­un­ge­ach­tet: Spaß macht die mit trans­por­ta­blen Spie­geln und drei zusätz­li­chen Tän­zern wohl­durch­dacht prä­sen­tier­te Show den­noch, mit der das Land spie­lend an sein gutes Vor­jah­res­er­geb­nis anschlie­ßen kön­nen soll­te.

Dage­gen wirkt selbst das dies­jäh­ri­ge spa­ni­sche Pär­chen noch pro­gres­siv: Bel­la und Luna sül­zen sich die Hucke voll.

Inter­es­san­ter­wei­se beschritt der Sen­der TRM beim Zusam­men­stel­len des OMpE-Line-Ups den umge­kehr­ten Weg, den die EBU seit eini­gen Jah­ren beim Song Con­test geht: nicht mög­lichst abwechs­lungs­reich gestal­te­te man die Lied­fol­ge, son­dern so homo­gen, wie es gera­de ging. Auf eine drö­ge Bal­la­de folg­te zugleich die nächs­te, rocki­ge Songs grup­pier­te man gemein­sam, Folk­lo­ris­ti­sches eben­so. So star­te­te von Posi­ti­on 3 aus bei­spiels­wei­se das hem­mungs­los schmach­ten­de ‘Moments’ des Duos Bel­la Luna, eine der­ma­ßen alt­mo­disch schleim­trie­fen­de Pär­chen­bal­la­de, wie sie sich heut­zu­ta­ge nur noch die Osteuropäer/innen trau­en. Im Anschluss dar­an plat­zier­te TRM das nicht min­der scham­los schnul­zi­ge, von sei­ner Inter­pre­tin Anna Tim­of­ei aller­dings krei­schend schief in den Orkus gesun­ge­ne ‘End­less­ly’, einer von gleich zwei mol­da­wi­schen Vor­ent­schei­dungs­lie­dern aus der Feder der noto­ri­schen schwe­di­schen Pers­son-Schwes­tern, die bei gleich bei­den Num­mern als Chor­d­a­men mit auf der Büh­ne stan­den. Bei dem zwei­ten Ylva-&-Linda-Song han­del­te es sich um den bis­lang schlech­tes­ten Bei­trag der OMpE-Dau­er­teil­neh­me­rin Doi­nița Gher­man, ‘Dance in Fla­mes’.

Trank offen­bar vor ihrem Auf­tritt liter­wei­se Red Bull: Doi­nița.

Das über­zeug­te lei­der weder musi­ka­lisch noch insze­na­to­risch: die bemüht dau­er­grin­sen­de Doi­nița schmück­te sich mit sil­ber­nen Flü­gel­chen, ihre Kom­po­nis­tin­nen mit albern bun­ten Röck­chen und die bei­den über­flüs­si­gen Tän­ze­rin­nen mit lan­gen Wedel­tü­chern. Und dann stand da noch ein in sil­ber­ner Ret­tungs­fo­lie ein­ge­wi­ckel­ter Klops mit auf der Büh­ne, der sich pünkt­lich zum Wech­sel von unsi­che­rem Eng­lisch auf har­mo­ni­sche­res Rumä­nisch dar­aus befrei­te: ein mit Gold­lack ange­sprüh­ter Body­buil­der mit beein­dru­cken­den Mus­keln und einem aus­ge­spro­chen eng sit­zen­den Hös­chen, in das er sich ent­we­der noch einen Dop­pel­pack Ten­nis­so­cken gestopft hat­te – oder aber die Men­schen sol­chen Aus­ma­ßes sonst übli­chen Ste­ro­ide hat­ten bei ihm noch nicht ihre gemächt­ver­klei­nern­de Wir­kung ent­fal­tet. Jeden­falls tanz­te unser mol­da­wi­scher Hulk dann der­ge­stalt robo­ter­haft, dass es schmerz­te, zuzu­schau­en. Womit sich mal wie­der beweist: wenn das Aus­gangs­ma­te­ri­al nichts taugt, nutzt jeg­li­che noch so bil­li­ge Anbie­de­rung an die Kern­ziel­grup­pe nichts.

Be sure to wear / some Flowers in your Hair: Nico­le­ta.

Deut­lich bes­ser, weil orga­ni­scher, woll­te da schon der hoch repe­ti­ti­ve Latein­ame­ri­ka-Schla­ger ‘La Esen­cia del Sur’ (‘Die Essenz des Südens’) gefal­len, der aus einer kur­zen rumä­ni­schen Ein­füh­rungs­stro­phe und gefühlt sechs­hun­dert Wie­der­ho­lun­gen des spa­ni­schen Refrains bestand. Die Inter­pre­tin Nico­le­ta Sava chan­nel­te dazu ihre inne­re Acht­zi­ger­jah­re-Madon­na, schmiss sich in einen roten ‘La Isla Boni­ta’-Gedächt­nis­fum­mel, steck­te sich einen mari­en­haf­ten Blu­men­kranz ins Haar und ließ sich von meh­re­ren tan­zen­den Zor­ros beglei­ten. Sim­pel und alt­mo­disch, aber effek­tiv. Eine spek­ta­ku­lä­re Per­for­mance lie­fer­te hin­ge­gen die X-Fac­tor-Teil­neh­me­rin Vera Țurca­nu ab, die sich die meis­te Zeit hin­ter einer rie­si­gen, mit schwar­zen Spann­gur­ten bestück­ten Matrat­ze ver­steck­te, wäh­rend ihr Kör­per­dou­ble und ein halb­nack­ter Akro­bat auf besag­ter Bett­statt die aus­ge­fal­lens­ten Ver­ren­kun­gen voll­führ­ten. Nein – nicht was Sie altes Fer­kel jetzt wie­der den­ken: völ­lig jugend­freie Turn­übun­gen natür­lich!

IM Horch & Guck: Vera und ihr Tän­zer.

Veras Dou­ble beweg­te dazu lip­pen­syn­chron zu ihrem Gesang den Mund, und erst, als man anfing, sich zu wun­dern, dass man gar kein Mikro­fon sah, sprang die Sän­ge­rin aus ihrem Ver­steck her­vor und gesell­te sich zu dem Duo. Das alles lenk­te jedoch nicht genü­gend von ihrem furcht­ba­ren Song ‘Black Heart’ ab, der dank groß­zü­gi­ger Jury-Lie­be völ­lig unver­dien­ter­ma­ßen auf dem zwei­ten Platz lan­de­te. Den unfrei­wil­lig lus­tigs­ten Auf­tritt des Abends lie­fer­te jedoch der an letz­ter Stel­le star­ten­de Rus­lan Tsar ab, ein offen­sicht­lich gut gebo­tox­ter Mitt­fünf­zi­ger in völ­lig unan­ge­mes­sen jugend­li­chen Kla­mot­ten, also gewis­ser­ma­ßen der mol­da­wi­sche Cam­pi­no (Tote Hosen), der mit einer von der ers­ten Sekun­de an uner­träg­li­chen, irgend­wie säu­er­lich klin­gen­den Reib­ei­sen­stim­men einen selbst geschrie­be­nen, graus­li­gen Pop­song namens ‘Come to Life’ zuschan­de sang, dabei unter­stützt von einem leicht dis­har­mo­nisch agie­ren­den, vier­köp­fi­gen Begleit­chor. Unter Mit­wir­kung der Kon­kur­ren­tin Doi­nița Gher­man! Brauch­te die­se die Koh­le denn wirk­lich der­ma­ßen drin­gend?

Als modi­sches State­ment sind schwarz­la­ckier­te Fin­ger­nä­gel bei hete­ro­se­xu­el­len Her­ren auch schon seit den Neun­zi­gern wie­der out.

Vor­ent­scheid MD 2018

O Melo­die pen­tru Euro­pa. Sams­tag, 24. Febru­ar 2018, aus dem TRM Stu­dio in Chi­si­nau, Mol­da­wi­en. 16 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on:
#Interpret/inTitelTVJuryGesamtPlatz
01TolikBro­ken Glass0385 | 10030 | 031304
02Lavi­nia RusuAltun­de­va0059 | 02030 | 040610
03Bel­la LunaMoments0034 | 00014 | 000013
04Anna Tim­of­eiEnd­less­ly0039 | 00028 | 020211
05Ilia Soro­cea­nu + Dasha DaGroMinds and Veins0054 | 00025 | 010112
06Che MDIni­ma-n stân­gă0026 | 00003 | 000016
07Cobî­le­an Con­stan­tinNumai tu0134 | 07008 | 000709
08DoRe­DosMy lucky Day3813 | 12104 | 122401
09San­dy C + Aaron SibleyOnce upon a Time0113 | 04036 | 050906
10Anna Odo­bes­cuAgo­ny0062 | 03054 | 081105
11Nico­le­ta SavaEsen­cia del Sur0171 | 08016 | 000807
12Doi­nița Gher­manDance in Fla­mes0134 | 06052 | 071303
13Feli­cia Dun­afAli­en0056 | 01040 | 060708
14Vio­re­laThe Gates of Love0025 | 00005 | 000015
15Vera Țurca­nuBlack Heart0123 | 05069 | 101502
16Rus­lan TsarCome to Life0032 | 00008 | 000014

Spielt Mol­da­wi­en mit den DoRe­Dos auch 2018 wie­der um den Sieg mit?

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2 Gedanken zu “MD 2018: Love for Sale

  1. Der Sie­ger­song gefällt mir ganz gut, nur das mise­ra­ble Eng­lisch ist stö­rend. Doi­ni­ta hat es wie­der nicht geschafft obwohl ich ihr es seit Jah­ren gön­ne. Des­halb hat sie sicher bei Rus­lan mit­ge­macht, es erhöh­te ihre Chan­cen auf eine Aus­lands­rei­se.

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