RS 2018: Der Flö­ten­schlumpf fängt an

Wenn die Ser­ben etwas machen, dann machen sie es rich­tig! Nach zwei eher ent­täu­schen­den inter­nen Inter­pre­ten­aus­wah­len ließ es der Sen­der RTS beim dies­jäh­ri­gen natio­na­len Vor­ent­scheid unter dem his­to­ri­schen Titel Beo­vi­zi­ja rich­tig kra­chen. Gleich 17 Bei­trä­ge bot man auf, die fast alle­samt auf das Präch­tigs­te unter­hiel­ten und den Fan des gepfleg­ten Eth­no-Pop­schla­gers in einen der­ma­ßenen Glücks­rausch ver­setz­ten, als sei er ver­se­hent­lich über Nacht in der Süß­wa­ren­ab­tei­lung des Kauf­hau­ses ein­ge­schlos­sen. Min­des­tens sechs abso­lu­te Lieb­lings­lie­der, die alle­samt hät­ten gewin­nen dür­fen, zähl­te ich am Ende, und mit dem unter ande­rem durch einen zau­sel­bär­ti­gen Flö­ten­schlumpf folk­lo­ris­tisch instru­men­tier­ten, kla­ge­wei­ber­haft dahin­ge­jam­mer­ten, druck­vol­len Bal­kan­klop­per ‘Nova Deca’ (‘Neue Kin­der’) des 66jährigen Kom­po­nis­ten San­ja Ilić und sei­ner For­ma­ti­on Bal­ka­ni­ka sieg­te dann, unge­wöhn­lich genug, sogar eines davon. Ilić ver­fügt als Song­schrei­ber bereits über Euro­vi­si­ons­er­fah­rung: aus sei­ner Feder stammt das ungleich fade­re ‘Halo, Halo’ (→ YU 1982).

Der schmu­cke voll­bär­ti­ge Glatz­kopf in der Mit­te heißt übri­gens Mla­den Lukić.

Ein biss­chen leid tun konn­te einem der Bel­gra­der DJ Milan Stan­ko­vić (nein, nicht der ‘Ove je Bal­kan’-Space-Cow­boy) ali­as Sev­dah Bej­bi, der das Kon­kur­ren­ten­feld eröff­ne­te. Und zwar direkt im Anschluss an einen pom­pö­sen Ein­lei­tungs-Showact, bei dem ein rie­si­ger Chor die augen­schein­lich neue ser­bi­sche Natio­nal­hym­ne ‘Molit­va’ (→ RS 2007), die an die­sem Abend noch mehr­fach Erwäh­nung fand, gran­di­os inter­pre­tier­te. Dage­gen fiel Sev­dahs mit­tel­gu­ter Club-Track deut­lich ab, und das sehr unglück­lich an DJ Bobo (→ CH 2007) gemah­nen­de Sta­ging mit drei Papp­auf­stel­lern des Künst­lers mach­te die Sache nicht bes­ser. Beim Green­room-Inter­view in der Halb­zeit igno­rier­te die Mode­ra­to­rin den sich immer wie­der ver­zwei­felt Rich­tung Mikro­fon drän­gen­den Milan dann hart­nä­ckig: das war fast ein biss­chen fies. Direkt nach ihm star­te­te mit dem legen­dä­ren Ram­bo Ama­de­us (→ ME 2012) einer mei­ner größ­ten Euro­vi­si­ons­hel­den, aller­dings nur als vor sich hin knot­tern­der Begleit­rap­per der völ­lig hin­rei­ßen­den 72jährigen Beti Đorđe­vić, die in den Sieb­zi­gern etli­che Schla­ger-Hits hat­te und nun hier mit abso­lut läs­si­ger Gran­dez­za eine fan­tas­ti­sche Jazz­bal­la­de ablie­fer­te.

Lus­tig: Ram­bo Ama­de­us hat­te schein­bar Vader Abra­hams rote Melo­ne geklaut.

Mit der pracht­voll auf­ge­bre­zel­ten, 42jährigen, mehr­fa­chen ser­bi­schen Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­me­rin Maja Niko­lić und ihrem wun­der­bar tra­shi­gen ‘Zeml­ja čuda’ (‘Wun­der­land’) folg­te der opti­sche Höhe­punkt des Abends. Offen­sicht­lich ein klei­nes Ver­mö­gen kos­ten las­sen hat­te sich die gute Maja ihre neu­en Möp­se, Zeus und Apol­lo, die sie daher nun aus­führ­lich in Kame­ra hielt, damit die Babys ihr Geld wie­der ver­dien­ten. Wovon die meis­ten aus der Kern­ziel­grup­pe aber gar nichts mit­be­kom­men haben dürf­ten, denn links und rechts von ihr tanz­ten vier bunt bekleb­te, vor allem aber oben­rum erfreu­lich nack­te, mus­ku­lö­se Ker­le, die es bei­na­he schaff­ten, von Majas ziem­lich wacke­li­ger Stim­me abzu­len­ken. Und von dem ver­gleichs­wei­se bil­li­gen Bühen­re­qui­sit in Form zwei­er has­tig aus dem Mate­ri­al­raum gehol­ter und not­dürf­tig mit Papier­bah­nen abge­deck­ter Kon­fe­renz­ti­sche, auf und von wel­chen die kräf­ti­gen jun­gen Bur­schen den Cou­gar per­ma­nent hoch- und run­ter­wuch­te­ten, so als wür­den sie nach Stemm­leis­tung bezahlt.

Den Rep­til-Kra­gen hab ich schon mal in ‘Pri­scil­la – Queen of the Desert’ gese­hen!

Kon­kur­renz in Sachen Ober­wei­te erwuchs Maja in Form der zehn Jah­re älte­ren Lana Toko­vić, die zwar als Teil des Duos Lana & Aldo auf­trat, tat­säch­lich aber mit ihren mons­trös auf­tou­pier­ten Haa­ren und ihrem gigan­ti­schen schwar­zen Reif­rock die Sze­ne völ­lig domi­nier­te, wäh­rend Aldo den Bert gab. Ihr Song war nicht der Rede wert. Herr­lich nost­al­gi­sche, akkor­de­on­ge­schwän­ger­te Bal­kan­schnul­zen prä­sen­tier­ten der fol­li­kös stark Her­aus­ge­for­der­te Ivan Kur­tić und der in einer Gar­de­uni­form antre­ten­de ehe­ma­li­ge Ope­ra­ci­ja-Tri­jumf-Fina­list und Mari­ja-Šerif­o­vić-Halb­bru­der Dani­jel Pavlo­vić, der in sei­ner Büh­nen­prä­sen­ta­ti­on auf die visu­el­le Kraft des bos­ni­schen Blocks™ setz­te, der erst­ma­lig 2006 vom bos­ni­schen Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter Hari Mata Hari ver­wen­de­ten Men­schen­mau­er aus hier vier baum­lan­gen, eben­falls mili­tä­risch geklei­de­ten Her­ren. Die tra­ten nach einem eher ver­hal­te­nen Lied­auf­takt zur Song­mit­te ins Bild, und ab da stei­ger­te sich die Dra­ma­tik der lei­den­schaft­lich vor­ge­sülz­ten Bal­la­de ste­tig bis zum Höhe­punkt. Zu wel­chem eine klei­ne Bal­le­ri­na auf die Büh­ne hüpf­te, vor der die Gar­de­of­fi­zie­re denn auch artig das Knie beug­ten und so das schon gro­tesk Mas­ku­li­ne der Insze­nie­rung wun­der­bar kon­ter­ka­rier­ten.

Die gro­ße alte Schu­le der Euro­vi­si­ons-Dar­bie­tung: Dani­jel und sei­ne erfri­schend alt­mo­di­sche Bal­kan­bal­la­de.

Den Pein­lich­keits­hö­he­punkt des Abends lie­fer­ten Osmi Vaz­duh und sei­ne Begleit­band ab: was in den ers­ten drei Sekun­den so klang, als habe sich bei einem Mil­li-Vanil­li-Auf­tritt das Play­back ver­klemmt, ent­pupp­te sich schnell als aus­ge­wach­se­ner That’s Life-Gedächt­ni­sact (→ Vor­ent­scheid DE 1986), sowohl musi­ka­lisch wie optisch. Für jede Men­ge simp­len, aber effek­ti­ven Spaß sorg­te hin­ge­gen ein bebrill­ter jun­ger Mann mit dem ein wenig blas­phe­misch anmu­ten­den Künst­ler­na­men Lord, der mit sei­ner sen­sa­tio­nel­len Num­mer ‘Samo nek se okreće’ den dama­li­gen bri­ti­schen Rohr­kre­pie­rern Elec­tro Vel­vet (→ UK 2015) mal eben locker vor­mach­te, wie es rich­tig geht! Ins sel­be Horn stieß auch der im bos­ni­schen Ban­ja Luka gebo­re­ne Boris Režak, der mit ‘Vila’ dem Charles­ton frön­te. Was, völ­lig unge­ach­tet der Fra­ge, wie pop­mu­si­ka­lisch aktu­ell die­ses Stück nur war oder nicht war, sich ein­fach unglaub­lich ver­gnüg­lich anschau­te und anhör­te. Und mich hof­fen lässt, dass RTS künf­tig wie­der jedes Jahr eine Beo­vi­zi­ja auf­le­gen möge, die ich um kei­nen Preis der Welt ver­pas­sen möch­te!

Pan Tau lebt jetzt in Ser­bi­en und hat sich einen Bart ste­hen las­sen: der klei­ne Lord bei sei­nem Auf­tritt.

Der bos­ni­sche Rob­bie Wil­liams: Boris Režak.

Zur Über­brü­ckung der Stimm­aus­zäh­lung fuhr der Sen­der prak­tisch alles auf, was der Bal­kan in den letz­ten zehn Jah­ren zum Euro­vi­si­on Song Con­test schick­te. Nicht nur – mit Aus­nah­me von ‘Nije lju­bav Stvar’ (→ RS 2012, lei­der) und ‘Čaro­ban’ (→ RS 2011, Gott sei Dank) – sämt­li­che ser­bi­schen Grand-Prix-Bei­trä­ge seit 2008 brach­ten die Originalinterpret/innen zu Gehör, wenn auch lei­der nur im Voll­play­back­ver­fah­ren. Selbst für Regi­na (→ BH 2009) und Knez (→ ME 2015) fand sich noch ein Plätz­chen. Sodass die Text­zei­le “feels like I’ve been sen­ten­ced to Life” in Tija­na Bogiće­vićs 2017er Bei­trag ‘In too deep’ für die auf die Ergeb­nis­se war­ten­den Zuschauer/innen eine ganz neue Bedeu­tung gewann. Doch natür­lich bil­de­te ihr Auf­tritt den Abschluss des Pau­sen­pro­gramms, aus dem vor allem der bereits anfäng­lich erwähn­te, nun aber ech­te Milan Stan­ko­vić (→ RS 2010) in Erin­ne­rung blieb. Wenn auch nicht in guter: augen­schein­lich voll wie eine Nat­ter tor­kel­te der kaum wie­der­zu­er­ken­nen­de Sän­ger über die Büh­ne. Und wer immer ihn anzog, gehört ein­ge­sperrt. Den­noch: als die bes­te Vor­ent­schei­dung der bis­he­ri­gen Sai­son (natür­lich nach der fran­zö­si­schen!) kann und muss man die Beo­vi­zi­ja 2018 mit Fug und Recht bezeich­nen. Bit­te mehr davon!

Für die Blon­die­rung reicht’s mitt­ler­wei­le auch schon nicht mehr: Milan.

Vor­ent­scheid RS 2018

Beo­vi­zi­ja. Diens­tag, 20. Febru­ar 2018, aus dem Sava Cen­tar in Bel­grad, Ser­bi­en. 17 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Dra­ga­na Kos­je­ri­na, Kris­ti­na Raden­ko­vić und Mari­ja Vel­j­ko­vić.
#Interpret/inTitelTVJuryGesamtPlatz
01Sev­dah Bej­biHaj­de da igra­mo sada00000012
02Ram­bo Ama­de­us + Beti Đorđe­vićNema te01030409
03Maja Niko­lićZeml­ja čuda03000310
04Srđan Mari­ja­no­vićBar da znam00000012
05Ivan Kur­tićNi sun­ca ni mes­e­ca02081006
06San­ja Ilić + Bal­ka­ni­kaNova Deca12122401
07Kok­tel Bal­kanZato00010111
08Boris RežakVila05040907
09Lana & AldoJača sam od svih00000012
10Dušan SvilarPod krošn­jom bagre­ma08071503
11Igor Laza­re­vićBeži od mene00000012
12Saš­ka JanksPes­ma za tebe10102002
13LordSamo nek se okreće06061204
14Dani­jel Pavlo­vićRuža sud­bi­ne04020608
15Rej­bassUmoran00000012
16Osmi Vaz­duh + Druga­riPro­du­bi se00000012
17Biber + DJ Niko Bra­voJutros07051205

Sehen wir Bal­ka­ni­ka im ESC-Fina­le wie­der?

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10 Gedanken zu “<span class="caps">RS</span> 2018: Der Flö­ten­schlumpf fängt an”

  1. Der Bal­kan irri­tiert mich immer wie­der: War­um tra­gen die bei­den Trau­er­wei­den nicht schwarz? Müs­sen sie das dem glatz­köp­fi­gen Bestat­tungs­un­ter­neh­mer über­las­sen? Und wie man Trau­er und Eth­no-Stamp­fer ver­bin­den kann, ist auch eine Spe­zia­li­tät die­ser Regi­on. Aber recht hübsch isses schon.

  2. Ich habe wirk­lich mein Bes­tes ver­sucht ‚die­sen Bei­trag lieb zu gewin­nen.
    Nach­dem ich aber sofort nach hören des Lie­des an mei­ne heu­te Nacht erfro­ren Blu­men auf den Bal­kon gedacht habe – fällt es mir echt schwer.
    2 gen Him­mel kla­gen­de Nym­phen machen alles noch viel schlim­mer und das Flö­ten­spiel des ergrau­ten Satyrs bringt auch nix mehr zum ste­hen. Optisch solls dann der paus­bä­cki­ge Pan rich­ten .
    Beim Bar­te des Zeus , ich finds schlimm !
    Oder mit den Wor­ten der Wald Nym­phen ab 0:50 gesagt :“Ehhhhhhhehhhhhh, Na na Na!

  3. Hur­ra – ich habe mein Toi­let­ten­pau­sen­lied gefun­den. Allein schon um dem sofor­ti­gen Schlafan­fall zu ent­kom­men, wer­de ich mich aufs Häusl ver­zie­hen. Der Ver­gleich des Vor­red­ners mit den erfro­re­nen Pflan­zen ist aus­ge­spro­chen tref­fend. Jetzt mach ich mir Sor­gen um mei­ne zar­ten Wohn­zim­mer­ge­wäch­se…

  4. An Vader Abra­ham habe ich auch gleich gedacht, hihi.…. In Audio war “Nova Deca” einer mei­ner Favo­ri­ten, live über­zeugt es mich nicht so. Die Trup­pe wirkt irgend­wie nicht wie eine Ein­heit und , melo­disch ist das Stück ein wenig mono­ton. Sym­pa­thie gibt es für das Bal­kan­f­lair, des­we­gen hof­fe ich auch auf die Qua­li­fi­ka­ti­on. Ich wer­te mal 5 von 10 Punk­ten.

    1. Ita­li­en 9/10
    2. Grie­chen­land 8/10
    3. Frank­reich 8/10
    4. Däne­mark 7/10
    5. Alba­ni­en 7/10
    6. Tsche­chi­en 6/10
    7. Schweiz 5/10
    8. Ser­bi­en 5/10
    9. Spa­ni­en 4/10
    10. Mon­te­ne­gro 2/10
    11. GB 1/10
    12. Bela­rus 1/10
    13. Mal­ta 0/10

  5. Das ist nicht San­ja Ilić ;). Nicht immer ist der, der am auf­fäl­ligs­ten ist, oder am lau­tes­ten brüllt, der Boss ;). Ilić sel­ber, ist der unschein­ba­re Kerl, am Key­board. Bal­ka­ni­ka hat ins­ge­samt 12 Mit­glie­der.

    Der Ein­stein­ver­schnitt, bzw., ver­rück­te Wissenschaftler/Professor ist Lju­bo­mir Dimi­tri­je­vić.

    Bal­ka­ni­ka hat­ten vie­le gei­le Titel, wie New Gaj­de, Ker­mes, Doli­na Suza … und zahl­rei­che ande­re. Nova Deca ist so la-la. Ins­ge­samt war die Aus­wahl, bei der Beo­vi­zi­ja, etwas schwach. Man hat einen der akzep­ta­blen Titel aus­ge­sucht.

  6. Also mich hat der “Flö­ten­schlumpf” sofort an Cat­weaz­le erin­nert, falls den hier noch jemand ken­nen soll­te…

  7. Der “schmu­cke Glatz­kopf”, heißt übri­gens auch nicht “Neman­ja Kojić”, son­dern Mla­den Lukić ;).

    Da hat der gute Oli­ver wie­der mal meis­ter­lich recher­chiert ;). Die sehen sich noch nicht ein­mal ähn­lich ;).

    @Stefan

    Stimmt ;)))!!!

  8. Der schmu­cke voll­bär­ti­ge Glatz­kopf in der Mit­te heißt NICHT Neman­ja Kojić son­dern Mla­den Lukić. Viel­leicht schafft ihr es, den Arti­kel vor dem Fina­le noch zu kor­ri­gie­ren 🙂

  9. Dan­ke für die zahl­rei­chen Hin­wei­se, da hat­te mich die Goog­le-Bil­der­su­che lei­der kom­plett in die Irre geführt. Text ist kor­ri­giert.

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