AU, HR, BE 2018: Und ich spür das Adrenalin

Gleich mehrere Nationen, deren jeweilige/r Eurovisionsvertreter/in bereits seit längerem feststehen, haben in den letzten Tagen endlich die dazugehörigen Songs gedroppt. Oder das eigentlich zu einem späteren Datum vorgehabt, was allerdings in Zeiten, da Leaken als Volkssport betrieben wird, zum Scheitern verurteilt ist. So tröpfelte beispielsweise der Beitrag Australiens bereits durch. Für Down Under tritt bekanntlich das Castingsternchen Jessica Mauboy an, die 2014 in Kopenhagen den Pausenact gab, der nach offizieller Geschichtsschreibung seitens der EBU als erfolgreiche Teilnahmebewerbung der Australier akzeptiert wurde. Seither hänge ihr Herz am ESC, so Jessica bei der diesjährigen Direktnominierung durch den Sender SBS. Ihr Lied ‚We got Love‘ entstand laut Eurofire als Gemeinschaftsproduktion der Interpretin mit den Komponisten Anthony Egizii und David Musumeci, die bereits die Beiträge von Dami Im (→ AU 2016) und Isiah Firebrace (→ AU 2017) verbrachen. Merkt man leider: gegen den aus belanglosen Textklischees und tausend Mal gehörten Pop-Fragmenten lieblos zusammengeschusterten Midtemposong wirkt sogar Ella Endlichs ‚Atemlos‘-Abklatsch ‚Adrenalin‘ (→ Vorentscheid DE 2016), an dessen stumpfen Schlagerbeat es stellenweise erinnert, wie ein Feuerwerk der Originalität.

So, nach viel Hin und Her wurde das offizielle Video nun am Donnerstag doch veröffentlicht. Enjoy. (AU).

Ein bisschen ratlos lässt der heute ganz offiziell veröffentlichte kroatische Beitrag den Rezensenten zurück. Die von HRT ebenfalls intern ausgewählte, mehrfache DORA-Teilnehmerin Franka Batelić präsentiert mit ‚Crazy‘ nicht die gewohnte Balkan-Ware, sondern ein Konglomerat tagesaktueller Sounds und Effekte. Vom bollernden Bass-Beat über dezente Jazz-Trompeten und einen etwas gezwungen wirkenden Sprachpart bis hin zum derzeit quasi unvermeidlichen stotternden Gesang fahren Franka und ihr Produzent Branimir Mihaljević alles auf, was nach 2018 klingt, und nehmen uns mit auf eine stellenweise recht unterhaltsame Stil- und Popzitate-Reise. Zum Auftakt erwachen kurz vage Erinnerungen an Artsviks ‚Fly with me‘ (→ AM 2017), doch bevor wir diese zu fassen bekommen, ziehen bereits in einiger Entfernung schwelgerische Streicher an uns vorüber. Bis wir die so recht bemerken, nimmt der – wenn man das so nennen kann – Refrain allerdings eine steile Rechtskurve und die Richtung des Stücks ändert sich erneut. Das ist zumindest einfallsreicher als der australische Beitrag. Was Franka jedoch vom Hörer will, bleibt im Ungewissen.

Ein Pop-Trip (HR).

Nicht so bei Laura Groeseneken alias Sennek, der belgischen Vertreterin. Deren Beitrag ‚A Matter of Time‘, dessen Veröffentlichung am gestrigen Montag erfolgen sollte, sickerte bereits Sonntagabend parallel zum portugiesischen Festival da Canção durch. Seit gestern gibt es auch einen offiziellen Videoclip. „James-Bond-Titellied“ ist das im Zusammenhang mit ihrem Song meistgenannte Stichwort, und das trifft es sehr gut, zumal Laura stimmlich ein wenig an Sheryl Crow (‚Tomorrow never dies‘) erinnert. ‚A Matter of Time‘ überzeugt vor allem durch ausgesprochen elegante, dezent spannungsgeladene Strophen. Um so herber enttäuscht der vergleichsweise platte, geradezu derbe Refrain, in dem auch die Belgierin leider nicht vom Stottern lassen kann: ein musikalischer nasser Waschlappen ins Gesicht des Hörers. Andererseits: immerhin gibt es einen Refrain – mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr! Und zweifellos gehört Senneks Song zu den besten Beiträgen dieses Jahrgangs. So lässt man die anstößige Stelle der „Echoes, Echoes“ eben mit einem leicht widerwilligen Gesichtszucken über sich ergehen und erfreut sich am Rest.

Merci, la Belgique, dank U vel, België, danke Belgien: endlich wieder was für die Top Ten!

8 Gedanken zu “AU, HR, BE 2018: Und ich spür das Adrenalin

  1. wo man überall sein Haar drapieren kann wenn man genug davon hat!
    Guter Job mal wieder aus Belgien, die haben die lange Zeit seit der ersten Ankündigung der Sängerin wohl intensiv genutzt.
    Für Kroatien wirds dagegen wohl nur einen Auftritt in Lissabon geben, die Sängerin oder Ihr Alter Ego im Video unter Wasser gehen zu lassen ist kein gutes Omen, siehe Serbien 2017 …

  2. Im 1. Semi gesetzt sind ja traditionell Armenien, Aserbeidschan, Albanien, Griechenland und Zypern. Um den Rest gibts dann Gerangel und ich fürchte, dass da sowohl Kroatien als auch Belgien auf der Strecke bleiben, was ich sehr schade fände.

  3. Exzellenter Song aus Pommesland ! Das könnte auch dieses Jahr wieder klappen mit den Top 5. SO hört sich Musik (im Sinn nicht nur von Salvador) an. Nur Italien gefällt mir noch ein Stück besser.

  4. Mir gefällt die Nummer aus AUS ausnehmend gut! Ein bisschen mehr Wumms noch drauf, ein 7th Heaven Remix in 8 Minutenlänge und viele, halbnackte Tänzer in Lissabon. Fertig ist die neue LGTB Hymne…
    Scheint ja übrigens ein sehr balladenarmes Jahr zu werden, dafür viele halbgare Clubbanger…

  5. Down Under gefällt mir auch ganz gut, eine recht passable Hymne. Besser als sämtliches Dancezeug, welches uns in den letzten Jahren beim ESC um die Ohren gehauen wurde. Allzu gut möchte ich es aber nicht platziert sehen, geschweige denn als Sieger. Ich werte mal 6/10.

  6. Ok, auch Australien beherrscht „Menschen Leben Tanzen Welt“ ganz gut…
    und da die Juries großteils aus „Menschen Leben Tanzen Welt“ Musikern besteht ist mit dieser Nummer leider das Finale fix für down under

  7. Wie machen diese Belgier das eigentlich immer? Super, wie fast immer eigentlich. Dennoch, meine Bassqueen aus Slowenien hat bisher keiner das Wasser reichen können.

  8. Na, lieber Rezensent, nun sein Sie mal nicht so streng mit Frau Mauboy (lustiger Name übrigens…), sie liefert doch gute Zutaten für einen ESC-Beitrag – inklusive Rückung – und die Windmaschine darf Überstunden machen. Ich mag sowas… ;-)))
    Belgien liefert wieder gute Qualität, da bin ich 100% d’accord.
    Den kroatischen Beitrag habe ich bis auf das Stottern der Interpretin (lo-o-o-ove) nach wenigen Minuten wieder vergessen…

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