SE 2018: Lass die Neon-Son­ne in Dein Herz

Mit dem erwar­te­ten Sieg des Favo­ri­ten Ben­ja­min Ingros­so ging am gest­ri­gen Sams­tag­abend das Fina­le des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len zuen­de. So über­ra­schungs­arm das Ergeb­nis, so unspan­nend sein Song ‘Dance you off’: ein gemäch­lich vor sich hin plu­ckern­des, dampf­strahl­ge­bü­gel­tes Musik­bett, über dem eine infan­til hoch­gepitch­te, kom­plett emo­ti­ons­lo­se Stim­me schwebt. Mit ande­ren Wor­ten: die Art von Track, die ein DJ am frü­hen Abend auf­legt, wenn das Per­so­nal die Über­zahl der Men­schen im Club stellt und die zah­len­den Gäs­te erst tröpf­chen­wei­se ein­tru­deln; wenn es also Ver­schwen­dung wäre, bereits jetzt einen ech­ten Tanz­flä­chen­fül­ler auf­zu­le­gen. Dazu bewegt sich ein cha­ris­ma­frei­es Milch­büb­chen halb­her­zig vor einem Hin­ter­grund aus bun­ten, leuch­ten­den Neon­röh­ren: was womög­lich als Reve­renz an den Acht­zi­ger­jah­re-Trash-Film Tron gedacht war, erin­nert aller­dings mehr an das Innen­le­ben eines Assi-Toas­ters oder UV-Licht­s­ar­ges. Und so unecht wie Sola­ri­ums­bräu­ne wirkt auch der dies­jäh­ri­ge schwe­di­sche Euro­vi­si­ons­bei­trag.

So ste­ril, man könn­te glau­ben, er käme aus Däne­mark: der schwe­di­sche Kauf­haus­mu­sik-Track von Ben­ja­min Inkas­so.

Ingros­so sieg­te mit sehr deut­li­chem Abstand im Votum der inter­na­tio­na­len Jurys, beim Publi­kum lag er indes ledig­lich drei Zäh­ler vor dem Ergeb­nis des Zweit­plat­zier­ten Felix Sand­mann, der sei­ne Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Every sin­gle Day’ in einem aggres­siv stim­mend wei­ner­li­chen Ton­fall dahin­jam­mer­te und den offen­sicht­lich der­ar­tig star­ke Depres­sio­nen quäl­ten, dass er anstel­le eines Mikro­fons in einen Fön sang: ein deut­li­ches Sui­zid-Warn­zei­chen. Schaut mal bit­te jemand nach, wie es ihm geht? Das App-basier­te Publi­kums­vo­ting erwies sich erneut als obso­let: so eng lagen die Abstim­mungs­er­geb­nis­se bei­ein­an­der (Ben­ja­min erhielt gera­de 1,81 mal so vie­le Voten wie das berech­tig­te Schluss­licht Jes­si­ca Anders­son), dass de fac­to erneut die Jury im Allein­gang ent­schied. Bei der lag das Ver­hält­nis zwi­schen letz­tem und ers­tem Platz beim 57-fachen. Das zeig­te sich beson­ders schön beim ein­zi­gen Fall, wo das Ran­king deut­lich von­ein­an­der abwich, bei dem gebür­ti­gen Chi­le­nen Leo­poldo Mén­dez näm­lich, dem “aus der lang­jäh­ri­gen Haft ent­las­se­nen Onkel, des­sen Ver­gan­gen­heit als Dro­gen­dea­ler kei­ner in der Fami­lie mehr mit auch nur einer ein­zi­gen Sil­be erwähnt”, wie jemand im ESCN-Forum so schön spot­te­te.

Okay, das Sin­gen ist nicht so Mén­dez’ Stär­ke. Dafür kann er aber auch nicht tan­zen.

Das Publi­kum näm­lich sah das Ganz­kör­per-Bau­ern­ma­le­rei-Model trotz leich­ter stimm­li­cher und tän­ze­ri­scher Schwä­chen dank eines süf­fi­gen Refrains und der unbe­streit­ba­ren, vor Selbst­be­wusst­sein nur so strot­zen­den Aus­strah­lung des Mitt­vier­zi­gers auf dem Bron­ze­me­dail­len­rang, wäh­rend die Juro­ren ihn mit gera­de mal zwei Trost­pünkt­chen zor­nig auf den letz­ten Platz ver­damm­ten. Wo er dann auch im Gesamt­ran­king lan­de­te. Ledig­lich zu einem Mit­tel­feld­re­sul­tat reich­te es für die pol­ni­sche Sire­nen­quet­sche Mar­ga­ret (→ Vor­ent­scheid PL 2016) und ihren erfri­schend bil­li­gen Strand­hüt­ten­schla­ger ‘My Caba­na’ sowie für die bei­den schwe­di­schen Nackt­ba­der Vik­tor & Samir mit ihrem nicht min­der bil­li­gen Elek­tro-Stamp­fer ‘Shuf­fla’. Den bei­den bol­le­ri­gen Buben dürf­te ob des Ergeb­nis­ses ein Stein vom Her­zen gefal­len sein: im Vor­feld hat­te Vik­tor erklärt, dass sein bereits aus­ge­buch­ter Ter­min­ka­len­der mit dem Euro­vi­si­on Song Con­test kol­li­die­re. Ein – auf­grund der Ver­kaufs­zah­len nicht völ­lig unwahr­schein­li­cher – ‘Shuf­fla’-Sieg hät­te so wohl ein wei­te­res Küm­mert­ga­te pro­vo­ziert. Noch mal Glück gehabt!

Shuf­fla’ nimmt ganz ent­fernt Bezug auf den rund­her­aus fan­tas­ti­schen 2014er bel­gi­schen Vor­ent­schei­dungs­bei­trag ‘She’s after my Pia­no’ von 2Fabiola + Lore­da­na, einer der größ­ten Ver­lus­te in der Grand-Prix-Geschich­te.

Vor­ent­scheid SE 2018 (Fina­le)

Melo­di­fes­ti­va­len. Sams­tag, 11. März 2018, aus der Friends Are­na in Stock­holm, Schwe­den. 12 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: David Lind­gren.
#Interpret/inTitelTVJuryGesamtPlatz
01Men­dezEver­y­day062 | 1.351.89600206412
02Renai­daAll the Feels051 | 1.116.74003008109
03Mar­tin Alm­grenA bit­ter Lul­la­by041 | 899.04904308408
04John LundvikMy Turn062 | 1.349.76606612803
05Jes­si­ca Anders­sonPar­ty Voice037 | 809.26203307011
06Lia­mooLast Breath053 | 1.171.24705210506
07Samir & Vik­torShuf­fla060 | 1.314.01605411404
08Mari­et­teFor you049 | 1.080.54606411305
09Felix Sand­manEvery sin­gle Day064 | 1.401.76709415802
10Mar­ga­retIn my Caba­na041 | 904.89306210307
11Ben­ja­min Ingros­soDance you off067 | 1.469.80811418101
12RolandzFuld­ans051 | 1.124.95502407510

Kommt der Ingros­so mit dem Ding ins Fina­le?

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4 Gedanken zu “SE 2018: Lass die Neon-Son­ne in Dein Herz

  1. Der Gegen­ent­wurf zu Sal­va­dor Sobral. Man stel­le sich vor, Schwe­den gewinnt damit (Monz-Ergeb­nis rel­oa­ded?). Könn­te lus­tig wer­den, wenn Sal­va­dor sich wei­gert, die Tro­phäe zu über­ge­ben.

  2. Dan­ke für die­sen, wie ich fin­de, schöns­ten Text der dies­jäh­ri­gen Sai­son! Bes­ser geht kaum. Was für ein doo­fes Lied­chen von dem Ingres­so. Schlimm übri­gens auch noch die Geor­ge Micha­el Gedächt­nis-Leder­ja­cke mit dazu­ge­hö­ri­gem, kecken Augen­auf­schlag.

  3. Super geschrie­ben mit dem Herz­blut und der Ori­gi­na­li­tät, die die­ser Reiß­brett-Num­mer fehlt, dan­ke!

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