ECG-Fan­tref­fen 2018: ein Abend der Über­ra­schun­gen

Am gest­ri­gen Sams­tag lud der Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny mal wie­der ins bis auf den letz­ten Platz aus­ver­kauf­te Glo­ria in Köln. Und auch, wenn es das bereits xund­zwan­zigs­te Event sei­ner Art war, ent­pupp­te sich der hoch­ver­gnüg­li­che Abend als einer vol­ler Über­ra­schun­gen. Doch bevor wir uns die­sen zuwen­den, gilt es zunächst, die brand­hei­ßen Neu­ig­kei­ten von der NDR-Road­show abzu­ar­bei­ten, die dort ges­tern Nach­mit­tag eben­falls gas­tier­te (und von der ich dank der all­seits bekann­ten Unzu­ver­läs­sig­keit der Deut­schen Bahn lei­der nur einen Teil mit­be­kam). So ließ sich Tho­mas Schrei­ber zwar immer noch kei­nen amt­li­chen Ter­min für den deut­schen Vor­ent­scheid 2019 ent­lo­cken, gab aber den Hin­weis, dass Unser Lied für Isra­el “in der ach­ten Kalen­der­wo­che”, rich­ti­ger­wei­se erneut in der Haupt­stadt, über die Büh­ne gehen wird. Da die Show in letz­ten Jah­ren tra­di­tio­nell don­ners­tags statt­fand, kön­nen wir uns wohl auf den 21. Febru­ar 2019 ein­stel­len. Die offi­zi­el­le Bestä­ti­gung erfolgt aller­dings erst Mit­te Janu­ar.

Ein Ein­blick in das bereits abge­schlos­se­ne Song­wri­ting-Camp für ULfI.

Zum wich­tigs­ten The­ma, näm­lich den Songs, war zu erfah­ren, dass beim Lie­der­ma­cher­camp mit den bis­lang aus­ge­wähl­ten sechs Fina­lis­ten 25 poten­ti­el­le Bei­trä­ge ent­stan­den sind, die nun, gemein­sam mit einer Hand­voll wei­te­ren, extern ein­ge­reich­ten, den bei­den Jurys zur Bewer­tung vor­lie­gen. Dar­un­ter befin­den sich immer­hin zwei deutsch­spra­chi­ge. Neben den bereits gesetz­ten sechs Interpret/innen sind noch zwei wei­te­re mög­li­che Acts im Ren­nen. Abhän­gig vom Urteil der Jury könn­ten wir also im Febru­ar bis zu acht Bei­trä­ge zur Aus­wahl haben. Wobei “Aus­wahl” viel­leicht nicht das rich­ti­ge Wort ist: auf der Road­show gab es auch sehr kur­ze Aus­schnit­te aus eini­gen weni­gen der knapp tau­send beim NDR ein­ge­tru­del­ten Bewer­ber­vi­de­os zu sehen. Dar­un­ter natür­lich die übli­chen Hoff­nungs­lo­sen, aber auch ein lus­ti­ges Video einer baye­ri­schen Bol­ler­beat-Bier­wa­gen-Band, gegen die Voxx­club wie die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker wir­ken und deren musi­ka­li­sche Gau­di dem zutiefst depri­mie­ren­den, gleich­för­mi­gen Novem­ber­de­pres­si­ons-Gejau­le, das uns aus den eben­falls ange­spiel­ten Bewer­bungs­vi­de­os von drei der sechs Finalist/innen ent­ge­gen weh­te, mit Kuss­hand vor­zu­zie­hen gewe­sen wäre.

Natür­lich will man einen sol­chen Gru­sel (hier ein Bei­spiel aus der rumä­ni­schen Vor­run­de 2018) nicht im Vor­ent­scheid haben. Doch der NDR sor­tier­te nicht nur sol­cher­art tra­gi­sche Gestal­ten aus, son­dern auch gut gemach­ten Trash. Und das fin­de ich bedau­er­lich. 

Denn selbst der Bewer­bungs­mit­schnitt der eigent­lich für rotz­fre­che Quir­lig­keit ste­hen­den Aly Ryan erging sich in lamen­tie­ren­dem Gewin­sel. Augen­schein­lich die ein­zi­ge Stra­te­gie, mit der man es ins Fina­le schafft. So erhär­tet sich der Ver­dacht, dass auch die hun­dert­köp­fi­ge Fan-Jury kein Garant für eine wirk­lich viel­fäl­ti­ge musi­ka­li­sche Band­brei­te ist, die eben auch “Kan­ti­ges” und Schrä­ges ent­hält, son­dern eben­falls – wie schon die sen­der­in­ter­ne Jury in den Jah­ren zuvor – aus­schließ­lich Strom­li­ni­en­för­mi­ges durch­lässt. Ob man so das von Herrn Schrei­ber aus­ge­ge­be­ne (und rich­ti­ge!) Ziel erreicht, anstel­le der übli­chen For­ma­t­ra­dio­mu­cke einen Titel zu fin­den, der im euro­päi­schen Wett­be­werb bestehen kann, muss sich auf Dau­er noch zei­gen. Beim (auch von mir geschätz­ten) ‘You let me walk alo­ne’ war es ja letzt­lich die Authen­ti­zi­tät und Aus­strah­lung des Inter­pre­ten Micha­el Schul­te, der die Num­mer aus dem Ein­heits­brei des eds­heera­nes­ken Befind­lich­keits­ge­susels her­aus­hob und in die Her­zen der Zuschauer/innen und Juror/innen spül­te.

ECG-Head­li­ner Micha­el Schul­te, hier beim Bam­bi.

Und damit sind wir dann auch end­lich beim Büh­nen­pro­gramm des gest­ri­gen ECG-Tref­fens ange­langt, denn tat­säch­lich trat dort auch unser dies­jäh­ri­ger Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter auf. Und zeig­te dabei noch­mal, war­um er die rich­ti­ge Wahl für Lis­sa­bon war: mit sei­ner abso­lut authen­ti­schen, zu glei­chen Tei­len selbst­be­wuss­ten wie beschei­de­nen Art ließ der Bam­bi-Preis­trä­ger sein rei­nes Akus­tik­gi­tar­ren­set – wer mich kennt, weiß, dass mir schon die­ses Wort kör­per­li­che Schmer­zen berei­tet! – zu einem kurz­wei­li­gen Quell des Ver­gnü­gens wer­den. Mit einem Pot­pour­ri an Four-Chord-Euro­vi­si­ons­lie­dern demons­trier­te er zudem auf sym­pha­tisch selbst­iro­nisch-läs­si­ge Wei­se sei­ne Lie­be zum Song Con­test. Er ist, wel­che Wohl­tat, einer von uns! Im Gespräch mit dem club­ei­ge­nen Mode­ra­tor Bernd Ochs – der sich mit sei­nem fun­dier­ten Hin­ter­grund­wis­sen und sei­nen poin­tier­ten Fra­gen wenig über­ra­schend als abso­lu­ter Glücks­griff erwies – erzähl­te er dann noch, dass er unter den sechs Unser-Lied-für-Lis­sa­bon-Fina­lis­ten der Ein­zi­ge war, der sich selbst zuvor aktiv beim NDR bewor­ben hat­te und gleich­zei­tig von den Scouts des Ham­bur­ger Sen­ders ange­spro­chen wur­de.

Gehör­te eben­falls zu Micha­els ECG-Set: ‘Smuk som et Ster­nesk­jud’ und ‘Satel­li­te’.

Die Schla­ger­le­gen­de Lena Valai­tis, zwei­te Head­line­rin des Abends, über­rasch­te neben ihrem nach­ge­ra­de unglaub­lich jugend­lich-strah­len­den Aus­se­hen mit ihrer kör­per­li­chen Beweg­lich­keit: bei jedem Applaus ver­beug­te sich die gera­de ihr fünf­zig­jäh­ri­ges Büh­nen­ju­bi­lä­um bege­hen­de Sän­ge­rin der­ma­ßen tief, dass selbst den rou­ti­nier­tes­ten Power­bot­toms im Saal vor Neid der Atem stock­te. Scha­de, dass in ihrer Set­list zwei mei­ner Lieb­lings­ti­tel fehl­ten, näm­lich die Rol­len­des-R-Fest­spie­le ‘Glo­ria’ und ‘Rio Bra­vo’. Dafür brach­te sie – wis­send, was sie den Fans schul­det – unter ande­rem ihre bei­den geschei­ter­ten Vor­ent­schei­dungs­bei­trä­ge ‘Du machst Kar­rie­re’ (1976) und ‘Wir sehen uns wie­der’ (1992) zu Gehör, die sie nach eige­ner Aus­sa­ge teils “schon seit Ewig­kei­ten nicht mehr gesun­gen” habe. Und es wur­de, gera­de im Direkt­ver­gleich mit ihrem fabel­haf­ten Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘John­ny Blue’ (1981), einem der unge­rech­tes­ten Kurz-am-Sieg-vor­bei­ge­schramm­ten Lie­der der Grand-Prix-Geschich­te, auch klar, war­um.

Auch die­sen Titel prä­sen­tier­te Lena ges­tern Abend in Köln. Wobei ich auf­grund der schlech­ten Sound­ab­mi­schung im Glo­ria immer “Und ich rufe dei­nen Namen, wenn ich kom­me” ver­stand.

Lena bestä­tig­te im Gespräch mit Bernd Ochs eben­falls die nach wie vor unglaub­li­che Geschich­te, nach wel­cher ihr dama­li­ger Kom­po­nist Ralph Sie­gel, augen­schein­lich der Mann mit dem schlech­tes­ten Musik­ge­schmack der Welt, beim deut­schen Vor­ent­scheid von 1981 fel­sen­fest auf den Sieg sei­nes zwei­ten Eisens im Feu­er setz­te, näm­lich dem ent­setz­lich spie­ßi­gen ‘Man­ne­quin’ der Hor­net­tes, und für die­se bereits ein Fest­ban­kett gebucht hat­te. Nach ihrem Vor­ent­schei­dungs­sieg muss­te Frau Valai­tis den rest­li­chen Abend mit dem Tex­ter Bernd Mei­nun­ger Vor­lieb neh­men, da Sie­gel sei­ne Kir­mes­mu­si­kan­tin­nen trös­te­te. Unfass­bar! Die erschre­ckend hage­re Unga­rin Kati Wolf (2011), deren wei­te­re Kar­rie­re nach Düs­sel­dorf ich zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht ver­folgt habe, stell­te unter Beweis, dass man auch mit völ­lig unbe­kann­ten Dis­co­schla­gern die Hüt­te zum Bren­nen brin­gen kann. Als größ­te Über­ra­schun­gen ent­pupp­ten sich aber die von mir im Vor­feld gedank­lich als “Lang­wei­ler” schub­la­di­sier­ten wei­te­ren musi­ka­li­schen Star­gäs­te.

Auch nach dem ESC geht das Leben wei­ter, wie Wolf­kati weiß.

Ari Ólafs­son (IS 2018) brach­te neben sei­nem eige­nen ESC-Bei­trag näm­lich fast aus­schließ­lich gran­dio­se Grand-Prix-Kra­cher zu Gehör, dar­un­ter mei­nen islän­di­schen Top-Favo­ri­ten ‘This is my Life’ (2008), was für den ver­aus­ga­bends­ten Mit­singmo­ment des Abends sorg­te. Und der dies­jäh­ri­ge san­ma­ri­ne­si­sche Back­ground Sebas­ti­an Schmidt gab uns gewis­ser­ma­ßen den klei­nen schwu­len Bru­der von Roman Lob: der sehr nied­li­che Bas­ti bezau­ber­te nicht nur mit einer apar­ten, tief­aus­ge­schnit­te­nen Glit­zer­blu­se, einer glaub­haf­ten Lie­be zum Grand Prix und einer sehr zau­ber­haf­ten Vor­trags­wei­se, son­dern auch mit einer wirk­lich her­aus­ra­gen­den Stim­me. In dem jun­gen Mann ist offen­sicht­lich eine Vicky Lean­dros ver­lo­ren gegan­gen: schein­bar mühe­los ser­vier­te er uns einen kraft­vol­len, gro­ßen hohen Schluss­ton nach dem ande­ren. Talents­couts auf­ge­merkt: hier ist ein Roh­dia­mant am Wer­ke! Wenn der nicht in den nächs­ten Jah­ren als Solo-Künst­ler auf der Euro­vi­si­ons­büh­ne auf­taucht, gibt es kei­ne Gerech­tig­keit.

Der mar­kan­te Hut war ges­tern Abend eben­falls Teil des ansons­ten jedoch deut­lich gla­mou­rö­se­ren Out­fits von Bas­ti.

Sehr viel Lie­be hat­te das Team des Euro­vi­si­on Clubs Ger­ma­ny erneut in die selbst­pro­du­zier­ten Unter­halts­ele­men­te gesteckt. In Reak­ti­on auf die immer kür­zer wer­den­den Auf­merk­sam­keits­span­nen des Publi­kums wur­de das wie immer wun­der­bar tra­shi­ge Grand-Prix-Musi­cal dies­mal von einem Nar­ra­tor ein­ge­rahmt, der die im Dickicht der Song­schnip­sel sonst sehr schnell unter­ge­hen­de Geschich­te zusam­men­hielt. Nutz­te auf mei­nem Lieb­lings­platz direkt an der Glo­ria-The­ke, wo das Büh­nen­ge­sche­hen immer wie­der im Stim­men­ge­wirr der Geträn­ke­be­stel­lun­gen unter­ging, nur wenig, aber dafür kön­nen die Macher natür­lich nichts. Ein Da Capo jeden­falls für den Mut zum poli­tisch unkor­rek­ten Humor: die ganz leicht an der Behin­der­ten­ver­höh­nung ent­lang schrap­pen­de Par­odie auf die rus­si­sche Teil­neh­me­rin Julia Samo­yl­o­va und ihren Tüll­berg sorg­te für den herz­haf­tes­ten Lacher des Abends. Sehr schön auch die Idee, die Fans zur Ein­stim­mung auf den Abend einen alten Grand-Prix-Schla­ger sin­gen zu las­sen, was für ein woh­li­ges Gemein­schafts­ge­fühl im Saal sorg­te. Wun­der­bar!

Ein Gefühl von Vertrau’n: Ingrids Schla­ger bau­te spi­ri­tu­el­le Brü­cken in Köln.

Den schöns­ten Teil des Abends stell­te jedoch erneut die nach­ge­la­ger­te, wie immer viel zu kur­ze Grand-Prix-Dis­co mit DJ Ohr­meis­ter dar. Nicht nur wegen des­sen gelun­ge­ner Song­aus­wahl mit wun­der­bar tra­shi­gen, tanz­ba­ren Vor­ent­schei­dungs­per­len wie ‘Adre­na­lin’ von Ella End­lich (2016), son­dern wegen des so herz­er­wär­men­den Aus­flip­pens der ver­blie­be­nen Fans und der bei­spiels­wei­se vom wun­der­ba­ren Ans­gar Kuhn und sei­ner Entou­ra­ge zu fast schon ver­ges­se­nen Song­schätz­chen wie Maras ‘Ster­nen­land’ oder All about Angels’ ‘Engel’ vor­ge­führ­ten hys­te­ri­schen Cho­reo­gra­fi­en. Für die­se Momen­te im Jahr lebe ich! Na, nei­disch, nicht dabei gewe­sen zu sein? Zu Recht! Daher auf­ge­merkt: das nächs­te Club­tref­fen des ECG ist für den 30.11.2019 ter­mi­niert.

Ich wer­de das Lied nie wie­der hören kön­nen, ohne an die­sen ECG-Moment zu den­ken.

Oder was denkst Du?