Inter­pre­ten­kür 2019: Es trollt so hart im Euro­land

Hut ab: nie­mand trollt die Euro­vi­si­ons­ge­mein­de so geni­al wie San Mari­no! Ließ sich der chro­nisch klam­me Sen­der des Minia­tur­staa­tes letz­tes Jahr noch von der ehe­ma­li­gen öster­rei­chi­schen ESC-Teil­neh­me­rin Zoë Straub eine crowd­fun­ding-finan­zier­te öffent­li­che Vor­ent­schei­dung andre­hen, bei der gewann, wer am meis­ten Geld sam­mel­te, posaun­te SMRTV an Sil­ves­ter 2018 groß­spu­rig in die Land­schaft, man arbei­te der­zeit hin­ter ver­schlos­se­nen Türen “mit einem wun­der­ba­ren inter­na­tio­na­len Künst­ler” an einem Bei­trag für Tel Aviv. Und wäh­rend sich die Fan-Bub­ble in den wil­des­ten Spe­ku­la­tio­nen über mög­li­che Welt­stars erging, brach­te sich der wegen ras­sis­ti­scher Äuße­run­gen im Som­mer 2018 aus dem bri­ti­schen Big-Bro­ther-Haus gewor­fe­ne, Schön­heits-OP- und auf­merk­sam­keits­süch­ti­ge, gebür­ti­ge Bra­si­lia­ner Rodri­go Alves, auch bekannt als hoch­gra­dig tra­gi­sche “mensch­li­che Ken-Pup­pe”, selbst ins Gespräch, was man in San Mari­no genüss­lich weder bestä­tig­te noch demen­tier­te. Genau­so wenig wie die Behaup­tung der rus­si­schen Sän­ge­rin Darya­na Krai­eva, sie sei die Aus­er­wähl­te. Ges­tern nun ließ man die Kat­ze aus dem Sack. Und sie­he da: bei dem geheim­nis­um­wo­be­nen “inter­na­tio­na­len Künst­ler” han­delt es sich um einen im Wort­sin­ne alten Bekann­ten! Näm­lich um die tür­ki­sche TV-Per­sön­lich­keit Ser­hat Hacıpaşalıoğlu, der bereits 2016 die Winz-Repu­blik ver­trat. Zu Hil­fe: ich kann seit ges­tern nicht auf­hö­ren, zu lachen.

I want to pee insi­de your Mind”: Ser­hat will es noch­mal wis­sen!

Etwas mehr Mühe gibt man sich unter­des­sen in den Nie­der­lan­den. Dort nomi­nier­te der Sen­der TROS am glei­chen Tag den 24jährigen Dun­can Lau­rence als Ver­tre­ter für Tel Aviv. Der nahm 2014 noch unter sei­nem bür­ger­li­chen Namen Dun­can de Moor an der Cas­ting­show The Voice of Hol­land teil, wo er mit sei­nem mar­kan­ten Fal­set­to die dama­li­ge Juro­rin Ilse de Lan­ge (Com­mon Lin­nets) becirc­te, die seit­her zu sei­nen För­de­rin­nen gehört. Und das sogar mit einem (gru­sel) Ed-Sheeran-Song! Das dis­qua­li­fi­ziert unter nor­ma­len Umstän­den eigent­lich jeden Sän­ger von der Auf­nah­me in mei­ne Sym­pa­thie-Lis­te. Dun­can ver­fügt jedoch über eine der­ma­ßen tol­le Stim­me und Aus­strah­lung, dass ich aus­nahms­wei­se dar­über hin­weg sehen kann. Und auch wenn er trotz The-Voice-Teil­nah­me in sei­ner Hei­mat eher zu den Unbe­kann­ten zählt, zeigt man sich bei TROS über­zeugt: sein Song sei “der­ma­ßen stark, dass wir uns sofort ent­schie­den haben, dass Dun­can unser Mann ist”, sag­te der Sen­der­chef in der Pres­se­mit­tei­lung. Wer schon mal in den Nie­der­lan­den Kaf­fee trank, mag nun in Zwei­fel zie­hen, ob die dor­ti­ge Defi­ni­ti­on von “stark” auch außer­halb des Lan­des geteilt wird. Davon kön­nen wir uns aller­dings erst am 7. März 2019 ein Bild machen: erst dann will man den Euro­vi­si­ons­bei­trag der Öffent­lich­keit prä­sen­tie­ren.

Selbst­ver­trau­en hat er: der nie­der­län­di­sche Sin­ger-Song­wri­ter Dun­can Lau­rence (Reper­toire­bei­spiel).

Wo wir uns gera­de im Bene­lux auf­hal­ten, gilt es noch, den bereits vor Wochen­frist ver­kün­de­ten bel­gi­schen Ver­tre­ter nach­zu­lie­fern. Der ist 17, hört auf den Namen Eli­ot Vas­sa­mil­let und nahm letz­tes Jahr an The Voice Bel­gi­que teil, wo er bereits nach einer Run­de wie­der aus­schied. Stört den heu­er zustän­di­gen wal­lo­ni­schen Sen­der RTBF aller­dings wenig, der augen­schein­lich nur einen wil­li­gen Inter­pre­ten für ein bereits fest­ste­hen­des oder gera­de im Schaf­fungs­pro­zess befind­li­ches Lied such­te. Das stammt aus der Feder von Pierre Dumoulin, der bereits Blan­ches viel­ge­lob­tes ‘City Lights’ ver­fass­te, wird uns Nor­mal­sterb­li­chen aber auch erst im Febru­ar vor­ge­stellt. Und nach­dem ich hoch­gra­dig ver­är­gert fest­stel­len muss­te, dass RTBF alle (zwei) You­tube-Vide­os von Eli­ots bis­he­ri­gen Auf­trit­ten sper­ren ließ, sinkt mein Inter­es­se an die­sem Kan­di­da­ten gera­de schlag­ar­tig auf Null und steht bereits jetzt mein Ent­schluss fest, unter kei­nen Umstän­den für ihn anzu­ru­fen. Wie ich die Zen­sur die­ser elen­den Cont­ent­wich­ser HAS­SE! Übli­cher­wei­se ver­su­che ich ja, mich eines etwas geho­be­ne­ren Umgangs­tons zu beflei­ßi­gen, aber in die­sem Fall kann ich nur sagen: fick dich, Bel­gi­en.

Das hier ist nicht der bel­gi­sche Eli­ot, son­dern ein fran­zö­si­scher Vor­na­mens­vet­ter, der eben­falls schon an The Voice teil­nahm und jetzt ver­tre­tungs­wei­se die­sen Spot fül­len darf, da Bel­gi­en offen­bar kein Inter­es­se an Pro­mo­ti­on hat.

Das Stich­wort “Cont­ent­wich­ser” führt uns naht­los ins Nach­bar­land Frank­reich, wo der Vor­ent­schei­dungsteil­neh­mer Sil­vàn Areg mit eben die­sen unan­ge­neh­men Zeit­ge­nos­sen zu kämp­fen hat. Näm­lich in Form der ent­we­der gie­ri­gen oder geis­tig deran­gier­ten Erben der Comic­le­gen­de René Goscin­ny, dem Schöp­fer der im Lan­de zum kul­tu­rel­len Grund­ka­non gehö­ren­den Kin­der­buch­se­rie Le petit Nico­las. Die stö­ren sich dar­an, dass Areg mit sei­nem gleich­na­mi­gen Lied dem klei­nen Nick, wie er bei uns heißt, die Reve­renz erwei­sen möch­te. Oder sie wol­len ein­fach nur Tan­tie­men erpres­sen. Der Sprach­ge­sangs­künst­ler geht dem mög­li­chen Rechts­streit aus dem Weg, in dem er im Fina­le der Desti­na­ti­on Euro­vi­si­on am kom­men­den Sams­tag nun statt­des­sen die Wor­te “Allez leur dire” aus dem Refrain als Titel für sei­nen lie­bens­wert ver­schro­be­nen Song ver­wen­det. Bleibt natür­lich der kon­spi­ra­ti­ve Ver­dacht, dass es sich womög­lich um eine zwi­schen Areg und den Goscin­ny-Erben abge­kar­te­te Akti­on han­deln könn­te, um dem Bei­trag noch etwas zusätz­li­che Auf­merk­sam­keit zuzu­füh­ren, die es im Blut­bad-Fina­le sicher benö­tigt. In die­sem Fal­le: hat funk­tio­niert, Hut ab!

Ein neu­er Fall von Boo­ga­loo: Sil­vàn Areg muss den Titel sei­nes Lie­des ändern. Hier der Auf­tritt aus dem zwei­ten Semi, den mit dem alten Titel ließ Fran­ce 2 sper­ren. Sterbt, elen­de Copy­right-Scher­gen!

2 Gedanken zu “Inter­pre­ten­kür 2019: Es trollt so hart im Euro­land”

  1. OK, im Vee­gleich zu dem Schrott, den San Mari­no die letz­ten 2 Jah­re geschickt hat, Frank­reichs “Ich bin König auf Insta­gram” und dem spa­ni­schen Miki-Miki dance die­ses Jahr soll­te Ser­hat zumin­dest etwas Klas­se und Stil in den dies­jäh­ri­gen ESC brin­gen, so erschre­ckend das für eini­ge auch sein mag.

  2. Ich fin­de, gera­de auch sol­che “Kar­rie­ren” gehö­ren irgend­wie zum ESC dazu und schlie­ße mich ger­ne dem Haus­herrn beim Lachen an.

    Lie­be Grü­ße aus Offen­bach !

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