[UPD] Ist er’s oder ist er’s nicht? Auf­re­gung um Mah­mood

Wird der 26jährige Ales­san­dro Mahmoud, bes­ser bekannt unter sei­nem Künst­ler­na­men Mah­mood, Ita­li­en beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2019 in Tel Aviv ver­tre­ten? Nach sei­nem Über­ra­schungs­sieg beim San-Remo-Fes­ti­val am ver­gan­ge­nen Sams­tag sag­te er noch in der Nacht zu, und eurovision.tv lis­tet ihn dem­entspre­chend als Reprä­sen­tan­ten der Halb­in­sel in Isra­el. Zwi­schen­zeit­lich ruder­te der Mila­ne­se auf Druck sei­ner Plat­ten­fir­ma jedoch wie­der zurück, die Mah­mood offen­bar auf eine aus­ge­dehn­te Pro­mo­ti­on­tour im Land schi­cken möch­te, was sich mit den zeit­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Euro­vi­si­ons­teil­nah­me nicht so gut ver­trägt. Der­zeit wer­de, wie zu hören war, hin­ter ver­schlos­se­nen Türen zwi­schen der Rai und Mah­moods Manage­ment über die Details ver­han­delt. Kommt kein Deal zustan­de, kann der ita­lie­ni­sche Sen­der nach dem bestehen­den Regle­ment frei aus den übri­gen 23 San-Remo-Teil­neh­mer/in­nen wäh­len. Aus dem Ren­nen sein dürf­te dabei der Zweit­plat­zier­te Ulti­mo, der im Super­fi­na­le zwar das Tele­vo­ting gewann, jedoch von der Jury über­stimmt wur­de, wor­auf­hin er in einem Video sei­ner Ent­täu­schung und Ver­är­ge­rung in einem emo­tio­na­len Rant Luft mach­te.

Schlech­ter Ver­lie­rer: Ulti­mo unter­stellt den Juro­ren, dass sie ihn nicht aus­ste­hen konn­ten und des­halb sei­nen Sieg sabo­tier­ten.

Ulti­mo blieb indes nicht der Ein­zi­ge, der die Rai und die Jury hart anging. Unqua­li­fi­zier­te Kom­men­ta­re kamen auch von höchs­ter Stel­le: der rechts­ra­di­ka­le Innen­mi­nis­ter und stell­ver­tre­ten­de Minis­ter­prä­si­dent Ita­li­ens, Matteo Sal­vi­ni, berüch­tigt für sei­ne ras­sis­ti­schen Äuße­run­gen und sei­ne flücht­lings­feind­li­che Poli­tik, bezwei­fel­te in der Nacht zum Sonn­tag in einem Tweet, dass ‘Sol­di’ tat­säch­lich “das schöns­te ita­lie­ni­sche Lied” gewe­sen sei. Grund sei­ner Empö­rung ver­mut­lich: der sieg­rei­che San-Remo-Song ent­hält in Refe­renz auf Mah­moods ägyp­ti­schen Vater eine Text­zei­le auf ara­bisch. Sal­vi­nis Kabi­netts­kol­le­ge Lui­gi Di Maio gei­ßel­te das Ergeb­nis auf Face­book gar als “Wunsch einer aus Jour­na­lis­ten und Salon­bol­sche­wis­ten bestehen­den Min­der­heit”, die sich über “die Mehr­heit der Zuschau­er” hin­weg­ge­setzt habe. Wie der bri­ti­sche Guar­di­an berich­tet, stützt ein Musik­kri­ti­ker der Zei­tung La Repu­blic­ca ein Stück weit die­se The­se: zwar gebe es “jedes Jahr Geze­ter,” so der Jour­na­list Feder­i­co Capi­to­ni im Hin­blick auf das stän­di­ge wech­seln­de Wer­tungs­ver­fah­ren beim ligu­ri­schen Lie­der­fes­ti­val und dem teils sehr unter­schied­li­chen Abstim­mungs­ver­hal­ten von Publi­kum und Jurys.

Live­auf­tritt mit der Stu­dio­ver­si­on des ita­lie­ni­schen Euro­vi­si­ons­bei­trags.

Aber mit die­ser Art von Regie­rung, die wir jetzt haben, und Sal­vi­nis [stram­mer Anti-Immi­gra­ti­ons-Poli­tik] scheint nun eine Vor­ge­schich­te zu bestehen”. Er hal­te es für durch­aus mög­lich, dass ein Teil der aus Pres­se­ver­tre­tern zusam­men­ge­setz­ten Sala-Stam­pa-Jury bewusst für Mah­mood gestimmt habe, um ein poli­ti­sches Signal zu set­zen und es dem Ein­wan­de­rer- und Medi­en-feind­li­chen Sal­vi­ni heim­zu­zah­len. Mah­mood selbst sag­te zu den gan­zen Anfein­dun­gen, dass er sich als “hun­dert­pro­zen­ti­ger Ita­lie­ner” emp­fin­de und mit sei­nem Lied kei­ne poli­ti­sche Geschich­te erzäh­len wol­le, son­dern eine sehr per­sön­li­che. In ‘Sol­di’ ver­ar­bei­te er das schwie­ri­ge Ver­hält­nis zu sei­nem Vater, der die Fami­lie ver­ließ, als Ales­san­dro sechs Jah­re alt war und der in Ägyp­ten wei­te­re drei Mal ver­hei­ra­tet war sowie meh­re­re Kin­der in die Welt setz­te. “Mein gan­zes Leben habe ich nach einem Weg gesucht, die­se Lücke zu fül­len,” erzähl­te der Sän­ger der Zeit­schrift Vani­ty Fair in Bezug auf die feh­len­de Vater­fi­gur. Die die Faschis­ten so offen­sicht­lich trig­gern­de Text­zei­le “Wala­di wala­di habi­bi ta’aleena” (“Mein Sohn, Lieb­ling, komm her­über”) sei eine sei­ner weni­gen Kind­heits­er­in­ne­run­gen.

Der offi­zi­el­le Video­clip.

Im Zuge der Debat­te um Mah­moods Sieg tauch­te, wie unter ande­rem queer.de berich­tet, auch die Bezeich­nung “schwu­ler mus­li­mi­scher Migran­ten­sohn” auf, die eine wei­te­re Debat­te um die sexu­el­le Ori­en­tie­rung des Sän­gers aus­lös­te, zu wel­cher sich der Mila­ne­se aber bis dato nicht ein­deu­tig posi­tio­nier­te. Auf­hän­ger: ein Inter­view aus dem Jah­re 2016 für das Inter­net­por­tal gay.it, in dem sich Mah­mood zur schwie­ri­gen Situa­ti­on von Schwu­len in Ägyp­ten äußer­te und zudem sag­te, er bewun­de­re Künst­ler, die den Mut zum öffent­li­chen Com­ing-Out hät­ten, fin­de aber auch, das müs­se jeder für sich selbst ent­schei­den. Unlängst von der Vani­ty Fair auf die hier­durch aus­ge­lös­ten Spe­ku­la­tio­nen über sei­ne eige­ne Per­son ange­spro­chen, eier­te er jedoch her­um: “schwul, hete­ro…. Ich den­ke, es soll­te kei­ne sol­chen Unter­schie­de mehr geben. Wenn wir mit die­sen Unter­schie­den fort­fah­ren, wird Homo­se­xua­li­tät nie als eine nor­ma­le Sache wahr­ge­nom­men wer­den, so wie sie es ist.” Und so sehr mich ein sol­ches per­sön­li­ches Ver­ste­cken annervt, so ver­ständ­lich erscheint es ande­rer­seits, dass der von den Rech­ten ange­fein­de­te jun­ge Sän­ger der­zeit nicht auch noch an einer wei­te­ren Front kämp­fen möch­te. So oder so hof­fe ich, dass er der ita­lie­ni­sche Ver­tre­ter beim ESC 2019 wird, denn sein Song ist berüh­rend und gehört zu mei­nen weni­gen dies­jäh­ri­gen Favo­ri­ten.

[UPDATE] Das ging ja schnell: nur weni­ge Minu­ten nach der Ver­öf­fent­li­chung des oben­ste­hen­den Arti­kels gab Mah­mood via Face­book bekannt, dass er sein Hei­mat­land beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2019 in Isra­el mit dem Lied ‘Sol­di’ ver­tre­ten wird. “Ich kann es kaum erwar­ten,” so der Künst­ler. Hur­ra!

11 Gedanken zu “[<span class="caps">UPD</span>] Ist er’s oder ist er’s nicht? Auf­re­gung um Mah­mood”

  1. Es wäre sehr scha­de, wenn er nicht am ESC teil­nimmt. Ich fin­de das Lied bis­her das beste…es sind zwar noch nicht alle Lie­der ver­öf­fent­licht, aber Mah­mood hät­te, den­ke ich, gute Chan­cen auf eine gute Top 10 Plat­zie­rung. Aller­dings bin ich seit Fran­ces­co Gab­ba­ni ein biss­chen vorisch­ti­ger mit vor­schnel­len Urtei­len 😉
    Die Schwul-oder-nicht The­ma­tik fin­de ich selt­sam… Ich dach­te, er wäre hete­ro bzw. hab mir die­se Fra­ge gar nicht gestellt. Erst als ein Freund gleich mein­te, dass der schwul sei, hab ich a bissl recher­chiert und bin dann auch auf den queer.de arti­kel gesto­ßen… Im Grun­de ists ja auch egal. Er tut mir a bissl leid, denn jetzt ist er in einer doo­fen Situa­ti­on und “muss” sich für sei­ne Sexua­li­tät recht­fer­ti­gen. Ich hof­fe für ihn, dass das The­ma ein­fach nicht mehr sooft ange­spro­chen wird und er sich für den ESC ent­schei­det 🙂

  2. Und jetzt stel­le man sich vor, er gewinnt den ESC. Was dann wohl bei Ita­li­ens Poli­ti­kern los ist?

  3. @Oliver
    Ein sehr gut recher­chier­ter Arti­kel zu “Sol­di” und sei­nem Prot­ago­nis­ten Mah­mood in San Remo. Ich bin froh, dass er in Tel Aviv die­sen sehr per­sön­li­chen Song der brei­ten Öffent­lich­keit vor­stel­len darf. Und Mah­mood wün­sche ich nicht nur viel Erfolg beim ESC, son­dern vor allem die Kraft den gan­zen Bös­wil­lig­kei­ten, die ihm begeg­nen zu trot­zen. Kein Mensch muss sich für sei­ne Her­kunft und sei­ne Sexua­li­tät (ob hete­ro oder homo, oder was auch immer) recht­fer­ti­gen. Ich dach­te, wir wären in Euro­pa schon wei­ter.

  4. Erneut ein Top­bei­trag aus Ita­li­en !!!!!!

    Das ist Bal­sam nach den jüngs­ten Kata­stro­phen in Aus­tra­li­en und Mon­te­ne­gro für die geschun­de­nen ESC-Fan­oh­ren.

  5. Bis­he­ri­ge Bewer­tun­gen

    Ita­li­en 9/10
    Alba­ni­en 8/10
    Spa­ni­en 7/10
    GB 3/10
    Tsche­chi­en 2/10
    Frank­reich 1/10
    Aus­tra­li­en 0/10
    Mon­te­ne­gro 0/10

    Falls es noch nicht allen auf­ge­fal­len ist: Zum drit­ten Man in der ESC-Geschich­te gibt es die ara­bi­sche Spra­che zu hören, wenn­gleich nur zwei Zei­len.

  6. Die Ant­wort auf die Sexua­li­täts­fra­ge erin­nert übri­gens frap­pant an die Reak­ti­on von Mar­co Men­go­ni…

  7. @porsteinn – all­ge­mein ist es in Ita­li­en ja so, dass es bis zum Zeit­punkt des ESC 2020 min­des­tens eine neue Regie­rung geben wird.
    @Cal X – die­se For­mu­lie­run­gen Rich­tung “Sexua­li­tät ist per­sön­lich, jeder muss sel­ber ent­schei­den, wie er damit umgeht” hört man genau­so oft von Hete­ros wie den Satz “ich defi­nier mich nicht als top oder bot­tom, ich fin­de das wich­ti­ge ist, dass man Spaß hat” von (selbst-defi­nier­ten) Tops.

  8. Ich hät­te ger­ne die reak­tio­nen gele­sen, wenn das gan­ze umge­kehrt gelau­fen wäre. D.h., wenn mah­mood das zuschau­er­vo­ting mit fast 50% gewon­nen hät­te und er von der pres­se und jury der­mas­sen bestraft wor­den wäre. Dann wäre das geschrei rie­sen­gross gewesen.…..hätte hät­te fahr­rad­ket­te.

  9. Aah, jetzt will ich unbe­dingt, dass er Ita­li­en ver­tritt. War ja klar, dass da irgend­ein rechts­ex­tre­mer Poli­ti­ker wie­der zün­deln muss. Den­noch regt mich die­ses ita­lie­ni­sche Rum­ge­eie­re auf, wenn nach­her nie­mand weiß, ob der Sie­ger jetzt ja sagt zum ESC oder nicht. Mir ist zwar klar, dass man in Ita­li­en den ESC als Abklatsch betrach­tet, aber ner­ven tut es mich trotz­dem.

    Und mit dem Song kann ich bis­lang auch nicht viel anfan­gen. Aber ver­mut­lich wird er trotz­dem Erfolg haben, sobald ihm alle erlie­gen dank sei­nes ita­lie­ni­schen Charms… das war ja auch 2013 so. Ich befürch­te, dass es einen genia­len Ban­ger wie 2017 nicht mehr so schnell geben wird.

  10. Wun­der­schö­nes LIED! – und ein tol­ler Arti­kel, Oli­ver – das lie­be ich an dei­ner Sei­te.
    Gut recher­chier­ter ESC “Klatsch” und Bal­sam für die aus­ge­hun­ger­te ESC See­le.

    BRA­VIS­SI­MA!

    Und trotz­dem gro­ßer Trau­er , da mir die­ses Lied wie­der ein­mal zeigt wie toll das
    Orches­ter die­ses Lied ein­rahmt bzw. für die­ses Lied das I‑Tüpfelchen ist.

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