Vid­bir 2019: Komm doch mal rüber

Ist das herr­lich: nut­ti­ger Trash, schmut­zi­ge Poli­tik, Auf­re­gung, Dra­ma, Rän­ke­spie­le und ein stür­mi­scher Rück­zug – so ken­nen und so lie­ben wir die Ukrai­ne! Seit dem Fina­le des Vor­ent­scheids Vid­bir am ver­gan­ge­nen Sams­tag über­schla­gen sich dort die Ereig­nis­se und haben mit der heu­te ver­kün­de­ten Sus­pen­die­rung der Sie­ge­rin durch den Sen­der UA:PBC nun ihren vor­läu­fi­gen Höhe­punkt gefun­den. Doch der Rei­he nach: gegen den Wil­len der drei­köp­fi­gen Jury gewann vor knapp 48 Stun­den die Sän­ge­rin Han­na Kor­sun unter ihrem Büh­nen­na­men Maruv auf­grund des kla­ren Pla­zets des ukrai­ni­schen Publi­kums die Vid­bir. Und zwar mit einem gräus­lich gesun­ge­nen, aber erfri­schend bil­lig bol­lern­den Uptem­po-Tras­her mit dem spre­chen­den Titel ‘Siren Song (Bang!)’ und einer SM-inspi­rier­ten Büh­nen­show, die mit gro­ßer Sicher­heit bei dem ein oder ande­ren hete­ro­se­xu­el­len Zuschau­er und dem ein oder ande­ren Hüter von Sit­te und Moral für har­te Ver­span­nun­gen der ein oder ande­ren Art sorg­te. Ein kla­rer Sieg der Show über die Musik also, und damit eine Rück­be­sin­nung auf die beson­de­ren Stär­ken der Ukrai­ne beim Euro­vi­si­on Song Con­test. Gera­de für vie­le deut­sche Grand-Prix-Fans, die noch frisch unter dem Schock des ent­täu­schen­den Heim­bei­trags stan­den, hell­te sich der Hori­zont am Sams­tag kurz­zei­tig auf.

Falls Sie sich gera­de fra­gen, war­um ihnen das “Ohoh, ohoh” aus dem Vid­bir-Jing­le so bekannt vor­kommt: es fin­det eben­falls im Refrain des deut­schen Euro­vi­si­ons­bei­trags ‘Sis­ter’ Ver­wen­dung.

Denn der ‘Siren Song’ beginnt mit den deut­schen Wor­ten “Komm zu mir, komm zu mir” und taug­te damit bes­tens als spi­ri­tu­el­les Asyl für ent­täusch­te ger­ma­ni­sche Euro­vi­sio­nis­tas auf der Suche nach einem Lied, dem sie aus vol­lem Her­zen die Dau­men drü­cken könn­ten. “End­lich mal ein Song in die­sem müden Jahr­gang, der rich­tig abgeht,” lau­te­te nur einer von vie­len begeis­ter­ten Kom­men­ta­ren in den Fan-Foren. Doch es soll uns heu­er ein­fach nicht ver­gönnt sein! Denn bereits in der Live-Sen­dung kam es zu unan­ge­neh­men Sze­nen zwi­schen der erst nach dem kurz­fris­ti­gen Rück­zug von Tayan­na von der Vid­bir eilends nach­no­mi­nier­ten Maruv und der Juro­rin Jama­la, die sie nach ihrem Auf­tritt vor lau­fen­den Kame­ras einem hoch­not­pein­li­chen poli­ti­schen Ver­hör in bes­ter Sta­si-Manier unter­zog. In dem ging es um ihre Ein­stel­lung zur Krim-Fra­ge und um ver­gan­ge­ne und künf­ti­ge Auf­trit­te Maruvs in Russ­land, wie sie in den Ter­min­ka­len­dern etli­cher ukrai­ni­scher Künstler/innen ste­hen, die Jama­la jedoch ange­sichts der wei­ter schwe­len­den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit der Föde­ra­ti­on als Lan­des­ver­rat betrach­tet. Eine Ansicht, die der ver­ant­wort­li­che staat­li­che Sen­der UA:PBC offen­sicht­lich teilt: bevor man Frau Kor­sun als Reprä­sen­tan­tin des Lan­des bestä­ti­ge, müs­se sie einen Kon­trakt unter­zeich­nen, in dem auch die­ses The­ma gere­gelt wer­de, hieß es.

Wol­len kei­ne Pro­fi­teu­re des Krim-Krie­ges sein: die Rosi­nen­bom­be­rin­nen Frei­heits-Jaz­ze­rin­nen ste­hen nicht für Tel Aviv zur Ver­fü­gung.

Über­nimmt Ser­gey Laza­rev jetzt Maruvs Song und Cho­reo? Bei­spiel­fo­to: © Atti­tu­de UK

Und zwar der­ge­stalt, dass sie sich ver­pflich­ten müs­se, alle noch anste­hen­den Gigs im Fein­des­land umge­hend abzu­sa­gen. Maruv selbst ver­öf­fent­lich­te in den sozia­len Medi­en wei­te­re Klau­seln des Ver­trags­werks, das nicht auf ihre Zustim­mung stieß, weil sie damit die künst­le­ri­sche Kon­trol­le über ihren Auf­tritt voll­stän­dig an den Sen­der abge­ben, ihre Rei­se nach Tel Aviv den­noch wei­test­ge­hend aus eige­ner Tasche bezah­len muss – ein nicht nur, aber gera­de in finan­zi­ell gebeu­tel­ten ehe­ma­li­gen Ost­block­län­dern durch­aus übli­ches Ver­fah­ren. In meh­re­ren inten­si­ven Gesprä­chen zwi­schen UA:PBC und der Vid­bir-Sie­ge­rin konn­te kei­ne Eini­gung erzielt wer­den, so dass Maruv nun nicht als Reprä­sen­tan­tin der Ukrai­ne fun­gie­ren darf. Iro­ni­scher­wei­se begrün­de­te der Sen­der die poli­tisch moti­vier­te Absa­ge heu­te mit den EBU-Regeln hin­sicht­lich der “unpo­li­ti­schen Natur des Wett­be­werbs”. “Die aktu­el­le Situa­ti­on rund um die dies­jäh­ri­gen Natio­nal­wah­len” sowie die “Infor­ma­ti­ons­struk­tu­ren des Aggres­sors” (lies: Russ­land) hät­ten zu einer “Poli­ti­sie­rung der Ergeb­nis­se der natio­na­len Vor­ent­schei­dung” geführt. UA:PBC sehe daher die “Gefahr einer Ver­tie­fung des Ris­ses durch die ukrai­ni­sche Gesell­schaft,” wie es in einer Stel­lung­nah­me hieß. Dies wider­spre­che jedoch der eige­nen Auf­ga­ben­stel­lung.

Halb­ga­res Eth­no-Gejo­del: Kaz­ka ist die wahr­schein­lichs­te Wahl für den ESC. Lei­der.

Aller­dings brau­chen wir uns gar nicht erst der Hoff­nung hin­ge­ben, dass nun die Jury­lieb­lin­ge und Zweit­plat­zier­ten der Vid­bir das Ticket nach Tel Aviv erhiel­ten: die drei Damen der Neo-Swing-Kapel­le Free­dom Jazz (nein, das den­ke ich mir nicht gera­de aus, die hei­ßen wirk­lich so!) möch­ten die­ses unter den gege­be­nen Umstän­den eben­falls nicht anneh­men, wie sie bereits vor­sorg­lich ver­kün­de­ten. Ob sie die stren­gen Anfor­de­run­gen an die poli­ti­sche Lini­en­treue nicht erfül­len wol­len oder ob die offen­sicht­lich hoch­schwan­ge­re Lead­sän­ge­rin des Tri­os bis zur Euro­vi­si­on im Mai 2019 einem Flug- oder Auf­tritts­ver­bot nach dem Mut­ter­schutz­ge­setz unter­lie­gen bzw. gar bereits die Eltern­zeit ange­tre­ten haben könn­te, blieb offen. Dop­pelt scha­de, denn das, wenn man es sehr wohl­wol­lend beschrei­ben möch­te, irgend­wie pos­sier­li­che ‘Cupi­don’ (‘Amor’) wäre zwar eine deut­lich schlech­te­re, aber immer­hin noch die zweit­bes­te Wahl und läge musi­ka­lisch zumin­dest im aktu­el­len Trend die­ser merk­wür­di­gen Zeit. Ganz anders als das unmo­ti­vier­te Eth­no-Genu­del von Kaz­ka, das auf dem drit­ten Rang lan­de­te und, da ich es per­sön­lich voll­kom­men schreck­lich fin­de, nun mit gro­ßer Sicher­heit der ukrai­ni­sche Bei­trag in Tel Aviv wird, nur um das bereits unglaub­lich gro­ße musi­ka­li­sche Leid noch­mals zu ver­grö­ßern.

Ihre Stra­ße führt nicht nach Tel Aviv: Anna Maria.

Aber wer weiß? Noch sind es gut drei Wochen bis zur EBU-Dead­line, und es soll­te mich nicht wun­dern, wenn die Ukrai­ne die­se Zeit­span­ne nicht zur Gän­ze mit wei­te­rem Dra­ma fül­len könn­te, um am Ende jemand ganz ande­res zu ent­sen­den. Die apar­ten Zwil­lings­schwes­tern Anna Maria wer­den es aller­dings sicher nicht sein. Die Letzt­plat­zier­ten des Vid­bir-Fina­les muss­ten sich in der Sen­dung von Jama­la und vom Mode­ra­tor Ser­hiy Pry­tu­la eben­falls aufs Här­tes­te gril­len las­sen, da die Mut­ter des Duos der rus­si­schen Besat­zungs­re­gie­rung auf der annek­tier­ten Halb­in­sel ange­hört und nach Aus­sa­ge der ‘1944’-Sän­ge­rin direkt dafür ver­ant­wort­lich sei, dass die­se ihre auf der Krim leben­den Eltern nicht besu­chen kön­ne. Ob das umstrit­te­ne Ter­ri­to­ri­um ihrer Mei­nung nach zu Russ­land gehö­re und wie sie über­haupt an der ukrai­ni­schen Vor­ent­schei­dung teil­neh­men könn­ten, muss­ten sich die Bei­den anhö­ren. Unter Trä­nen ant­wor­te­ten die Schwes­tern, wenn sie sich zwi­schen ihren Eltern und der Euro­vi­si­on ent­schei­den müss­ten, fal­le ihre Wahl auf die Fami­lie. Die Quit­tung: ledig­lich ein Punkt im Jury­vo­ting. Den­noch gehen die nun reflex­ar­tig laut wer­den­den For­de­run­gen nach einem Aus­schluss der Ukrai­ne vom Song Con­test fehl: zum einen haben die Län­der beim Vor­ent­scheid freie Hand. Zum ande­ren unter­schei­det sich die 2015 ohne Not erfolg­te öffent­li­che Kreu­zi­gung von Xavier Nai­doo durch Mitarbeiter/innen des NDR nur in Details vom sams­täg­li­chen Gesche­hen in dem Kriegs­land. Wer also ohne Sün­de ist…

Ver­lor der schmu­cke Key­tar-Spie­ler der Band Yuko sein Augen­licht als Fol­ge einer erhitz­ten Debat­te mit Jama­la? Aus­zu­schlie­ßen wäre es nicht!

Vor­ent­scheid UA 2019

Vid­bir. Sams­tag, 23. Febru­ar 2018, aus dem Kul­tur­pa­last der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät in Kiew, Ukrai­ne. 6 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Ser­hiy Pry­tu­la.
#Inter­pretTitelTVJuryPlatz
01Free­dom JazzCupi­don040602
02YukoGaly­na gulia­la010404
03MaruvSiren Song060501
04Bru­net­tes shoot Blon­desHous­ton030205
05Kaz­kaApart050303
06Anna MariaMy Road020106

5 Gedanken zu “Vid­bir 2019: Komm doch mal rüber”

  1. Man könn­te natür­lich auch Jama­la nach­träg­lich den Sieg 2016 aberken­nen, Wäre nur gerecht. Die­se Hexe des 21.Jahrhunderts !
    Ok – man wird ja noch träu­men dür­fen

  2. Mist, Maruv war die per­fek­te Wahl für die heu­ti­ge Ukrai­ne, in sei­ner Scham­lo­sig­keit wie aus dem Ber­lin der 20er Jah­re in die­ses heu­te genau­so geschun­de­ne Land gebeamt.
    “Frau­en wer­den geschla­gen weil sie stär­ker sind” – Zitat von ich weiss nicht wem-
    Aber dass Maruv und Anna Maria von der eige­nen S!ster geschla­gen wer­den ist natür­lich unschön

  3. @ Tho­mas

    24-Stun­den-Dau­er­be­schal­lung mit dem deut­schen Bei­trag wäre natür­lich auch eine schö­ne und lehr­rei­che Stra­fe für Jama­la.^^

  4. Sehr scha­de, dass Maruv doch nicht antritt. Ja, es ist bil­lig und nut­tig und was weiss ich noch. Aber ich lie­be es! Beson­ders in dem bis­her sehr schwa­chen Feld wäre der Song echt eine will­kom­me­ne Abwechs­lung gewe­sen.

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