Per­len der Vor­ent­schei­dung: die ser­bi­sche Strick­lie­sel

Bevor der heu­ti­ge letz­te Super­sams­tag der Vor­ent­schei­dungs­sai­son 2019 unse­re letz­ten Kraft­re­ser­ven for­dert, gilt es noch, die bei­den Semi­fi­na­le der ser­bi­schen Beo­vi­zi­ja Revue pas­sie­ren zu las­sen, die am Mitt­woch und Don­ners­tag die­ser Woche über die Büh­ne gin­gen und die sich über wei­tes­te Stre­cken in einer schier unglaub­li­chen Nost­al­gie ergin­gen. Wäh­rend man näm­lich die jeweils 12 Kombattant/innen je Run­de, von denen die Hälf­te ins Fina­le pas­sie­ren durf­te, in einer knap­pen Drei­vier­tel­stun­de Schlag auf Schlag durch das Pro­gramm prü­gel­te, unter­bro­chen nur von kaum ein­mi­nü­ti­gen Ein­spie­lern (sieh und ler­ne, NDR!) füll­te der Sen­der RTS die ver­blie­be­nen mehr als zwei Stun­den Sen­de­zeit bis zum Bers­ten mit nam­haf­ten Star­gäs­ten aus dem gesam­ten Bal­kan. So wie bei­spiels­wei­se der anbe­tungs­wür­di­gen Kalio­pi, dem etwas abge­härmt aus­se­hen­den Laka, der frisch gestraff­ten San­ja Vučić, dem sicht­lich geal­ter­ten Knez oder der zucker­sü­ßen Boja­na Sta­men­ov, die nicht nur jeweils ihre eige­nen Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge noch­mals zum Bes­ten gaben, son­dern auch, zusam­men­ge­stellt zu Super­star-Duet­ten bis Quar­tet­ten, wei­te­re Bal­kan- und Euro­vi­si­ons­klas­si­ker prä­sen­tier­ten. Und damit das zuvor gezeig­te aktu­el­le Beo­vi­zi­ja-Teil­neh­mer­feld der­ma­ßen grell über­strahl­ten, dass nur die gele­gent­lich ein­ge­streu­ten Schnell­durch­läu­fe es vor dem völ­li­gen Ver­ges­sen bewahr­te.

Ob die Lipi­de für San­ja Vučićs Lip­pen­auf­sprit­zung direkt aus dem Gesäß von Jac­ques Hou­dek abge­saugt wur­den?

Dabei gab es durch­aus was zu sehen in der Beo­vi­zi­ja. So zum Bei­spiel die Sän­ge­rin Dun­ja Vuja­di­no­vić, die in einem tief aus­ge­schnit­te­nen, umwelt­freund­li­chen Kleid aus recy­cel­tem Toi­let­ten­pa­pier antrat. Aller­dings schien sich ihre schwarz­ge­wan­de­te Begleit­bal­let­teu­se im Streik zu befin­den: die meis­te Zeit ver­harr­te sie regungs­los auf dem Büh­nen­bo­den, erst zur Song­mit­te hin schlich sie sich hin­ter­rücks an Dun­ja an, benann­te mit­tels Klopf­zei­chen ihre Gagen­for­de­rung und ließ sich nach offen­sicht­lich erfolg­rei­chem Abschluss der Ver­hand­lung zu einer Per­for­mance ver­lei­ten, bevor sie sich für die letz­te hal­be Minu­te wie­der schla­fen leg­te. Durch das zwei­te Polu­fi­na­le zog sich unter­des­sen ein sprich­wört­li­cher opti­scher Faden als Leit­the­ma: so sorg­te zum einen die Kapel­le Gipsy­kord mit stra­te­gisch ein­ge­setz­ten, neon­far­be­nen Schnür­sen­keln für einen ech­ten Hin­gu­cker. Die­se hiel­ten näm­lich den haut­engen, ledig­lich aus ein paar dün­nen ver­ti­ka­len Leder­strei­fen bestehen­den Body ihrer kur­ven­star­ken Lead­sän­ge­rin not­dürf­tig zusam­men und lenk­ten so den Blick sehr erfolg­reich ab von ihren gleich drei bul­li­gen Zuhäl­tern, die im Hin­ter­grund saßen und so taten, als spiel­ten sie Instru­men­te, wäh­rend ihr prall­ge­schnür­tes Pferd­chen die Hüf­ten rotie­ren ließ, als hin­ge ihr Leben davon ab. Was es viel­leicht auch tat. Inso­fern schlecht für sie, dass die Zigeuner­kor­del eben­so am Final­ein­zug schei­ter­te wie die Frau im Umwelt­kleid.

Reiß­fest und saug­stark: Dun­jas Krepp­pa­pier­de­kol­le­té.

Man könn­te sie so wun­der­bar als Post­pa­ket ver­schi­cken…: Gipsy­kord.

Mehr Glück mit dem Final­ein­zug hat­te der Kon­kur­rent Džen­an Lončare­vić mit sei­ner tief melan­cho­li­schen und den Titel ‘Nema Suza’ (‘Kei­ne Trä­nen’) damit Lügen stra­fen­den Bal­kan­bal­la­de über eine Mut­ter, die den Ver­lust ihres musisch begab­ten, den­noch in den Krieg gezo­ge­nen und dort gefal­le­nen Sohns betrau­ert. Woher ich das trotz nicht vor­han­de­ner Ser­bisch­kennt­nis­se wis­sen will? Nun, Džen­an erwies sich als so freund­lich, die kom­plet­te Geschich­te für uns in einer kitsch­trie­fen­den, aber hoch­ef­fek­ti­ven Thea­ter­in­sze­nie­rung dar­stel­len zu las­sen, deren Haupt­rol­le eben jenes ver­härm­te Müt­ter­chen ein­nahm, wel­ches die meis­te Zeit mit sor­gen­vol­lem Gesicht zusam­men­ge­krümmt auf einem Stuhl ver­harr­te und einen wär­men­den Schal als Will­kom­mens­ge­schenk für die erhoff­te Rück­kehr ihres Aug­ap­fels strick­te. Ein Quar­tett unver­mit­telt die Büh­ne stür­men­der Aus­druck­s­tän­ze­rin­nen ver­län­ger­te das Strick­werk dann zu einer Art wol­le­ner Nabel­schnur, die sie zum Seil­sprin­gen nutz­ten, wäh­rend der wei­test­ge­hend cha­ris­ma­freie Sän­ger, mit sil­ber­nen Schul­ter­kor­deln als mili­tä­ri­scher Befehls­ha­ber gekenn­zeich­net, das im Ver­gleich zu den Klas­si­kern aus dem Pau­sen­pro­gramm etwas zähe Lied sang.

Der ser­bi­sche Art Gar­fun­kel mit sei­ner etwas drö­gen, rein von der Insze­nie­rung leben­den Anti-Kriegs-Bal­la­de.

Doch es soll­te alles nichts nüt­zen: am Schluss schritt der Sohn, gekrönt von einem Hei­li­gen­schein als Zei­chen sei­nes Able­bens, aus dem jen­sei­ti­gen Büh­nen­dun­kel zu sei­ner Ma und leg­te ihr trös­tend die Hand auf die Schul­ter. Und wem an die­ser Stel­le nicht die Trä­nen waa­ge­recht aus den Augen spritz­ten, hat wohl kein Herz. Nicht nur die schmerz­er­füll­te Ver­gan­gen­heit war The­ma in der Beo­vi­zi­ja, son­dern auch die uner­freu­li­che poli­ti­sche Gegen­wart, reprä­sen­tiert durch den Titel ‘Do 100’ eines Acts mit dem Namen Mr. Doo. Die­ser schei­ter­te im ers­ten Polu­fi­na­le und wäre musi­ka­lisch auch gar nicht wei­ter erwäh­nens­wert, bestand er doch haupt­säch­lich aus “Na na na”-Gesän­gen zu einem etwas wirr vor sich hin tuckern­den Elek­tro-Pop-Bett. Doch auch hier blieb die Insze­nie­rung im Gedächt­nis hän­gen: wäh­rend Mr. Doo und sei­ne bei­den Chor­d­a­men, ver­packt in flat­tern­der Plas­tik­fo­lie, im Dun­kel des Büh­nen­hin­ter­grunds agier­ten und gar nicht wahr­ge­nom­men wer­den woll­ten, stand ein mit Thea­ter­schmin­ke als Opfer einer Schlä­ge­rei zurecht­ge­mach­ter Bauch­red­ner am vor­de­ren Büh­nen­rand im Schein­wer­fer­ke­gel und beweg­te sei­ne Lip­pen nicht zum Gesang. Wie Roy D. Hack­saw von Euro­vi­si­on Apo­ca­lyp­se her­aus­fand, soll es sich dabei mut­maß­lich um einen Pro­test gegen den Über­fall auf den füh­ren­den ser­bi­schen Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker und ehe­ma­li­gen Punk­ro­cker Bor­ko Ste­fa­no­vić im Novem­ber 2018 han­deln, der eine lan­des­wei­te Pro­test­wel­le gegen das immer dik­ta­to­ri­scher agie­ren­de und die Mei­nungs­frei­heit beschnei­den­de Régime des der­zei­ti­gen Prä­si­den­ten Alek­san­dar Vučić aus­lös­te.

Stopp für blut­ver­schmier­te Hem­den” lau­tet ein Mot­to der ser­bi­schen Pro­test­be­we­gung gegen Prä­si­dent Vučić, der beschul­digt wird, Schlä­ger­trupps gegen Oppo­si­tio­nel­le zu schi­cken. Vor die­sem Hin­ter­grund macht die ansons­ten ver­wun­der­li­che Insze­nie­rung auf ein­mal völ­li­gen Sinn.

4 Gedanken zu „Per­len der Vor­ent­schei­dung: die ser­bi­sche Strick­lie­sel“

  1. WOW, ich bin hin und weg – die Molit­va-Ver­si­on ist ja der Ham­mer! Gibt’s von den Duet­ten bis Quar­tet­ten noch mehr auf der Tube zu sehen?

  2. Bit­te nächs­tes Jahr Boja­na Hou­dek schi­cken. Sind mit die bes­ten Stim­men aller ESCs der letz­ten 10 Jah­re. (Aber Obacht auf die Büh­nen­sta­tik…)

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