Rank & File 2019: Platz 7 – Sul tsin iare

Mit dem geor­gi­schen Bei­trag schaff­te es ein Lied in mei­ne Top Ten, das in den meis­ten Fan-Polls und in den Wett­bü­ros ganz weit unten lan­de­te. Dabei gelang es der ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­blik, von der EBU-Zen­sur unbe­merkt ein hoch­gra­dig poli­ti­sches Werk in den Wett­be­werb zu schmug­geln, was allei­ne mir schon Respekt abnö­tigt.

Platz 7: Geor­gi­en – Oto Nemsad­ze: Sul tsin iare (Mach wei­ter)

Denn das mit für west­li­che Ohren mit bei­na­he schon ans Komi­sche gren­zen­der Inbrunst gesun­ge­ne “Vaar­a­da vara­da!”, das der bäri­ge Hips­ter und sein Gefan­ge­nen­chor im Refrain ein ums ande­re Mal in ste­tig stei­gen­der Dring­lich­keit wie­der­ho­len, ist, wie Oto im Inter­view mit ESC Kom­pakt erklär­te, ein alt­her­ge­brach­ter Refrain in tra­di­tio­nel­len Gesän­gen in den vom geor­gi­schen Mut­ter­land abtrün­ni­gen Regio­nen Abcha­si­en und Süd­os­se­ti­en, die der bei einer Cas­ting­show aus­ge­wähl­te Nemsad­ze mit sei­nem Buh­len zur Wie­der­ver­ei­ni­gung becir­cen möch­te. “Über­win­de den Sta­chel­draht” lau­tet einer sei­ner Text­zei­len, mit denen er die bestehen­den (und auch mit rus­si­scher Hil­fe finan­zier­ten) Gren­zen inner­halb der Nati­on nie­der­schmet­tern möch­te, wobei ihm die Musik als eine Art künst­le­ri­scher Frie­dens­pfei­fe die­nen soll: “Wir hei­len uns gegen­sei­tig die Wun­den mit Gesang”. Das mar­tia­li­sche Musik­vi­deo macht sein der Sprach­gren­ze zum Opfer fal­len­des Ansin­nen noch­mals augen­fäl­li­ger als sein Auf­tritt im Fina­le von Geor­gi­en sucht den Super­star, wo zu sei­nem Lied auf der LED-Wand hin­ter ihm unüber­seh­bar die Lan­des­flag­ge weh­te.

Ein Lied kann eine Brü­cke sein: Oto will die abtrün­ni­gen Abcha­sen über­zeu­gen, den Sta­chel­draht an den Strän­den des frü­he­ren Tou­ris­ten­hot­spots nie­der­zu­rei­ßen.

Ob man die hoch­gra­dig natio­na­lis­ti­sche Hym­ne nun als musi­ka­li­sches Ver­söh­nungs­an­ge­bot, als unwill­kom­me­ne Ein­mi­schung in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten von nach Sou­ve­rä­ni­tät stre­ben­der De-fac­to-Repu­bli­ken oder als simp­len Bal­sam auf die ver­wun­de­te See­le der zwi­schen der Bewah­rung ihrer Iden­ti­tät und der stän­di­gen sub­ti­len Bedro­hung aus Mos­kau zer­rie­be­nen Kaukasusbewohner/innen inter­pre­tie­ren mag, bleibt jedem selbst über­las­sen. Den meis­ten Nicht-Geor­gi­er/in­nen wird es in ers­ter Linie egal sein, aber Oto ver­han­delt hier exis­ten­zi­el­le Fra­gen für die so geschichts­rei­che wie ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne und ein­woh­ner­schwa­che Nati­on. Das erklärt auch den über­bor­den­den Pathos in sei­nem Song, die Dra­ma­tik in der Melo­die, den schein­bar autis­tisch agie­ren­den Män­ner­chor und das Mar­tia­li­sche in sei­nem Auf­tritt, wel­ches der Num­mer, auch wenn man um ihren Inhalt nicht weiß, eine unge­heu­re Kraft ver­leiht. Otos unglaub­lich mas­ku­li­ne Reib­ei­sen­stim­me, mit der er sich durch die Stro­phen ras­pelt, passt dazu wie die Faust aufs Auge und ist auch der Grund, war­um mich das Gan­ze der­ma­ßen anspricht.

Jury­mit­glied Natia Todua (die Letzt­plat­zier­te aus dem deut­schen Vor­ent­scheid 2018) ras­tet schier aus bei Otos Vor­ent­schei­dungs­auf­ritt.

Semi: 1. Final­chan­cen: null. Dar­um geht’s den Geor­gi­ern auch offen­sicht­lich nicht, son­dern um kul­tu­rel­le Selbst­be­stä­ti­gung.

Bes­te Text­zei­le: “Iare gulit da zgh­va gadaiare” (“Fol­ge dei­nem Her­zen und lau­fe über das Meer”): da lei­det wohl jemand unter einem Jesus-Kom­plex?

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9 Gedanken zu “Rank <span class="amp">&</span> File 2019: Platz 7 – Sul tsin iare”

  1. Ich muss ja zuge­ben, dass ich hin und wie­der von einem läs­ti­gen Vaaaar­a­daa Vara­daaaa-Ohr­wurm heim­ge­sucht wer­de…

  2. Ui, das ist ja Mal ein beson­ders schlim­mes guil­ty plea­su­re!
    Der Kon­flikt Geor­gi­en – Abcha­si­en hat ja vie­le Gemein­sam­kei­ten mit dem ser­bisch-koso­va­ri­schen,
    Von daher wird sein Fle­hen wohl ver­ge­bens sein

  3. Ich bin nicht allein! Natür­lich wird Oto sehr weit hin­ten im Semi lan­den, aber auch mich fas­zi­niert sei­ne Stim­me unge­mein. Die­ser Song ist mir mehr ans Herz gewach­sen, als ich je für mög­lich gehal­ten hät­te…

  4. Ich geb mir ja echt Mühe und ich würd mir wün­schen, dass es mir gefällt – aber es will mir nicht gelin­gen 🙂 Von den kau­ka­si­schen Län­dern schickt Geor­gi­en mMn die inter­es­san­tes­ten Songs – und dann dies­mal auch noch in Lan­des­spra­che. Aber “Sul Tsin Iare” fin­de ich lei­der nicht gut.…

  5. Ich hab mir mal die Mühe gemacht, und aus dem Geschrei ein Lied her­aus­zu­fil­tern und – sie­he da – es ist mir gelun­gen. Da wird eine tat­säch­lich ganz hüb­sche Melo­die in Grund und Boden gekri­schen, dass man sich nur noch die Ohren zuhal­ten möch­te. Hät­te man das Gan­ze einer Frau zum sin­gen (nicht schrei­en !!!) gege­ben, ich fän­de es hörens­wert. Aber so.… nein dan­ke.

  6. Hat­te gera­de Mühe, vor lachen nicht über den Boden zu rol­len, aber gut, die Geschmä­cker sind ja bekannt­lich ver­schie­den. Und selbst­ver­ständ­lich ist es legi­tim, den Bei­trag mehr oder weni­ger abzu­fei­ern.
    Ich habe ja eher den Ein­druck, Oto ruft da ganz ein­dring­lich nach ’nem Arzt, weil ihm was fehlt. Muss was Schlim­mes sein, denn er sieht nicht danach aus ein Hypo­chon­der zu sein. Das Kerl­sein kann man ihm sicher nicht abspre­chen.

  7. @forever – wobei gera­de (pseudo-)kerlig wir­ken­de Typen oft die größ­ten Hypo­chon­der sind; sie wei­gern sich bloß zum Arzt zu gehen… unab­hän­gig davon kann ich mit dem Song auch nix anfan­gen und fin­de ihn nur mar­gi­nal weni­ger ner­vig als Spa­ni­en oder Polen.

  8. War­um soll­ten “gekri­sche­ne” Dra­ma-Bal­la­den beim ESC das Vor­recht von Frau­en sein? ZUdem hier wirk­lich eine unge­mei­ne Kraft drin liegt. Dau­men hoch für Oto!

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