2. Semi 2019: Dei­ne Spu­ren im Sand

Madon­na wird am Sams­tag im Fina­le des Euro­vi­si­on Song Con­test 2019 auf­tre­ten. Die seit Mona­ten als Gerücht gestreu­te, in den letz­ten Tagen mit einem ent­we­der unnö­ti­gen oder gefak­ten Dra­ma um nicht unter­schrie­be­ne Ver­trä­ge gehyp­te und ges­tern bestä­tig­te Nach­richt, dass die EBU der ame­ri­ka­ni­schen Groß­mutter des Pop, die hier­für sogar noch eine von einem israe­li­schen Indus­tri­el­len finan­zier­te Mil­lio­nen­ga­ge ein­streicht, in der zuschau­er­stärks­ten TV-Show der Welt kos­ten­los die Mög­lich­keit zur Bewer­bung ihres neu­es­ten Albums ein­räumt, nahm am gest­ri­gen Don­ners­tag­abend gefühlt ein Vier­tel der Sen­de­zeit, min­des­tens jedoch der Mode­ra­ti­on ein und degra­dier­te die acht­zehn im Kampf um den Final­ein­zug ange­tre­te­nen Acts zur blo­ßen Staf­fa­ge. Ver­traut die EBU der Strahl­kraft ihrer eige­nen Vor­zei­ge­sen­dung mitt­ler­wei­le so wenig, dass sie glaubt, die­ses erbärm­li­che Spiel mit­ma­chen zu müs­sen? Gut, der musi­ka­li­sche Anspruch des zwei­ten Semi­fi­na­les, in dem sich zwar alle nicht fix fürs Fina­le gesetz­ten Buch­ma­cher-Favo­ri­ten tum­mel­ten, das aber größ­ten­teils durch glatt­po­lier­te, main­strea­m­i­ge Lan­ge­wei­le glänz­te, ließ einen ein Stück weit nach­voll­zie­hen, war­um man sich sei­tens des Sen­ders KAN so auf das Drum­her­um kapri­zier­te.

Die dür­fen das: der Pau­se­nact Shal­va mit einem wun­der­bar herz­er­wär­men­den Kitsch­stück.

So wie bei­spiels­wei­se mit dem Auf­tritt der Shal­va Band, eines Musik­pro­jek­tes für und mit gehan­di­capp­ten Men­schen, die beim dies­jäh­ri­gen israe­li­schen Vor­ent­scheid lan­ge Zeit führ­te, kurz vor Ende aber aus reli­giö­sen Grün­den aus­stieg, weil sie im Fal­le der Euro­vi­si­ons­teil­nah­me am Frei­tag – also wäh­rend des Sab­bat – im Jury­fi­na­le hät­te sin­gen müs­sen. Statt ihrer zog der zu die­sem Zeit­punkt bereits aus­ge­schie­de­ne Kobi Mari­mi per Wild­card wie­der ein – und gewann. Frap­pant stach in die­ser Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de ins Auge, wie vie­le Län­der prak­tisch dar­um bet­tel­ten, bloß nicht wei­ter ins Fina­le gewählt zu wer­den, in dem sie bewusst mage­re Lied­chen sand­ten und die­se dazu noch auf­fäl­lig ärm­lich insze­nier­ten. Das Mus­ter­bei­spiel: der Litau­er Jurij Veklen­ko, in frü­he­ren Jah­ren bereits als Tän­zer und Chor­sän­ger im Grand-Prix-Ein­satz, der ver­such­te, sei­ne inne­re Vicky Lean­dros zu chan­neln und die Büh­ne mit gra­zi­len Hand­ges­ten völ­lig allei­ne zu bespie­len, wofür ihm jedoch die Aus­strah­lung fehl­te. Zwar war der im schlich­ten schwar­zen T-Shirt, Jeans und Stie­feln auf­tre­ten­de, gut gebau­te Jurij durch­aus lecker anzu­schau­en, so dass ich mich ertapp­te, im Refrain anstel­le der Zei­le “Come on, come on, let your Fee­lings out” mehr­fach “Come on, come on, get your Penis out” mit­zu­sum­men, er blick­te dabei aber so wel­pen­haft devot in die Kame­ra und sang mit einer der­ma­ßen wim­me­ri­gen Fal­sett­stim­me, dass sämt­li­cher Sex­ap­peal umge­hend erstarb.

This Boy is a Bot­tom: Jurij rennt nicht mit den Löwen, son­dern von ihnen davon.

Auch der sich aktu­ell in har­ter poli­ti­scher wie finan­zi­el­ler Bedräng­nis durch die mit­re­gie­ren­den Rechts­fa­schis­ten der FPÖ befind­li­che ORF tat von Anfang an alles, um trotz der groß­zü­gi­gen Jury-Lie­be der letz­ten Jah­re für die öster­rei­chi­schen Bei­trä­ge bloß nicht in die Ver­le­gen­heit zu kom­men, den Wett­be­werb 2020 erneut in Wien aus­tra­gen zu müs­sen. So igno­rier­te man das Ange­bot des groß­ar­ti­gen, kon­tro­ver­sen Polit­sa­ti­re-Acts Hyä­ne Fischer und wähl­te statt­des­sen die Elek­tro-Pop-Künst­le­rin Gabrie­la Horn ali­as Pæn­da intern aus. Doch auch bei ihr ent­schied sich der ORF nicht für eine von der Inter­pre­tin selbst vor­ge­schla­ge­ne, ein­gän­gi­ge­re Num­mer, son­dern für das laut dem Stan­dard-Kri­ti­ker Karl Fluch “schlech­tes­te Lied von Pæn­das neu­em Album”. Die inhalt­lich von der durch die mas­si­ve täg­li­che Über­for­de­rung in unse­rer irre gewor­de­nen Leis­tungs- und Selb­st­op­ti­mie­rungs­ge­sell­schaft aus­ge­lös­ten kol­lek­ti­ven und / oder indi­vi­du­el­len Depres­si­on han­deln­de, musi­ka­lisch indes “eher ereig­nis­ar­me, dafür von sich selbst über die Maßen ergrif­fe­ne Bal­la­de” trug die lila­haa­ri­ge Sän­ge­rin der­ma­ßen fiep­sig jau­lend vor, dass einem als Zuschauer/in selbst jeg­li­cher Lebens­wil­len flö­ten ging. Auch Horn muss­te die Büh­ne allei­ne fül­len, wur­de jedoch von der Licht­re­gie zudem der­ma­ßen ins Halb­dun­kel gehüllt, das man glau­ben konn­te, einer Dar­bie­tung der Dame ohne Unter­leib bei­zu­woh­nen. Depri­mie­rend!

Hat sie Bei­ne oder kei­ne? Die KAN-Licht­re­gie ließ die­se Fra­ge unbe­ant­wor­tet.

Bereits die ers­te Inter­pre­tin des zwei­ten Semis, die in wei­test­mög­li­chem Abstand zu dem den Rei­gen beschlie­ßen­den aser­bai­dscha­ni­schen Kon­kur­ren­ten plat­zier­te Arme­nie­rin Srbuk, muss­te ohne jeg­li­chen Begleit­schutz auf das Büh­nen­drei­eck. Was in ihrem Fall noch am ehes­ten pass­te, da die mit Corn Rows ver­un­stal­te­te Sän­ge­rin ihren die Been­di­gung einer gewalt­tä­ti­gen Bezie­hung the­ma­ti­sie­ren­den Titel ‘Wal­king out’ der­ma­ßen aggres­siv vor­trug, dass man den Ein­druck bekam, sie habe sich jeg­li­cher Chorsänger/innen oder Tän­zer bereits im Vor­feld durch per­sön­li­che kör­per­li­che Angrif­fe ent­le­digt. Den Begleit­schutz wird sie nun mög­li­cher­wei­se bei der Rück­kehr in die Hei­mat benö­ti­gen, denn die Schmach des Aus­schei­dens im Semi­fi­na­le könn­ten ihre Lands­leu­te ihr sehr übel neh­men. Zumal der erwähn­te Kon­kur­rent des Erz­fein­des, der zu allem Über­fluss extrem arro­gant auf­tre­ten­de und bei der Bekannt­ga­be sei­nes Final­ein­zugs im Green Room auch noch höh­nisch die ansehn­lich trai­nier­ten Bizeps fle­xen­de Chin­giz Mus­ta­fay­ev im Gegen­satz zu Srbuk wei­ter­kam. Der schö­ne Dschinghis stand übri­gens eben­falls allei­ne auf der Büh­ne, flan­kiert jedoch von zwei Robo­ter­ar­men, die per Laser eine dif­fi­zi­le Ope­ra­ti­on am offe­nen Her­zen durch­führ­ten, wäh­rend er mit gelang­weil­ter Mie­ne sei­nen ega­len Song run­ter­rat­ter­te.

Ban­ge Minu­ten: kann der schö­ne Ase­ri die Herz-OP über­le­ben? Beru­hi­gung: Chin­giz kann.

Zur vor­sorg­li­chen Rache hack­ten sich die Arme­ni­er wäh­rend des aser­bai­dscha­ni­schen Auf­tritts in die Live-Über­tra­gung ein und lie­ßen Chin­giz von einem com­pu­ter­ani­mier­ten Dou­ble pfäh­len, was den breit­bei­nig daste­hen­den Schwarz­meer-Macho aber auch nicht wei­ter beein­druck­te. Doch zurück zu den Aus­ge­schie­de­nen, die sich fast alle in der ers­ten Hälf­te des Star­ter­fel­des sam­mel­ten. Zu ihnen gehör­te auch die rie­si­ge und im Green-Room-Inter­view mit erstaun­lich bass­las­ti­ger Stim­me spre­chen­de Irin Sarah McTer­n­an, der somit offi­zi­el­len Nach­fol­ge­rin von Lin­da Mar­tin in der Grand-Prix-Rate­spiel­ka­te­go­rie “Drag­queen oder Bio-Frau?”. Sarah, die mit zwei Begleit­tän­ze­rin­nen an einem Fünf­zi­ger­jah­re-Din­ertre­sen Platz nahm, wo sich die drei Damen ledig­lich zwei bereit­ge­stell­te Eis­be­cher tei­len soll­ten, die sie schließ­lich in Sor­ge um die vie­len Kalo­ri­en lie­ber am Büh­nen­rand zum Kon­sum durch das Hal­len­pu­bli­kum ste­hen lie­ßen, quetsch­te ihre üppi­gen Kur­ven in eine figur­be­to­nen­de Kunst­le­der­kla­mot­te, die ihr offen­hör­bar ein wenig die Luft abdrück­te. So klang sie ziem­lich schnapp­at­mig, was den Genuss ihres harm­los vor sich hin­plät­schern­den Gute-Lau­ne-Lied­chens leicht min­der­te. Doch egal: eine ernst­haf­te Chan­ce auf den Final­ein­zug besaß das vor­dring­lich zur Super­markt­be­schal­lung geeig­ne­te ‘22’ ohne­hin nie.

Bezog sich die Grö­ßen­an­ga­be ‘22’ nun auf ihren Ex oder gar auf Sarah selbst?

In die Kate­go­rie “Star­bucks-Sound­track” fiel eben­falls der let­ti­sche Bei­trag ‘That Night’, mit dem das Duo Carou­sel ver­such­te, auf den Spu­ren der Com­mon Lin­nets zu wan­deln. Aller­dings erwies sich ihr net­tes Folk­pop­lied­chen dann doch als eine Spur zu ent­spannt und vor allem deut­lich zu repe­ti­tiv, um zu zün­den. Und es fehl­te die von flam­men­der Haß­lie­be gesät­tig­te Che­mie zwi­schen den bei­den Prot­ago­nis­ten, die den Auf­tritt von Ilse DeLan­ge und Way­lon damals so inten­siv wir­ken ließ. Was auch dar­an lag, dass hier ledig­lich die (im Ver­gleich zur Super­no­va heu­er deut­lich weni­ger abge­härmt aus­se­hen­de) Sän­ge­rin Sabi­ne Žuga auf­recht stand und die Kame­ra sich die gan­ze Zeit auf sie fokus­sier­te, wäh­rend ihr gitar­re­spie­len­der Kom­pa­gnon Maris Vasi­lievs­ky, der Mann mit der schöns­ten Haar­pracht des aktu­el­len Jahr­gan­ges, auf einem Hocker saß und prak­tisch nicht prä­sent war. Doch wie schon bei der Irin gilt: selbst, wenn die Bei­den sich wäh­rend ihrer drei Minu­ten der Klei­der ent­le­digt oder abwech­selnd ein Hams­ter­rad ange­trie­ben hät­ten, die Aus­sich­ten für einen Final­ein­zug wären dadurch um kein Jota gestie­gen. Wer sanft ein­lul­len­des Gepl­on­ker zum Wett­be­werb ein­reicht, der möch­te die­sen nicht gewin­nen, und das Publi­kum spürt das.

Da half auch die Wahl Sunil-wei­ßer Kla­mot­ten, in die­sem Jahr die Far­be der Wahl, nicht: die Let­ten sind nicht zu ret­ten.

Das Publi­kum merkt es auch, wenn man ihm stein­al­te Kon­zep­te unter­schie­ben will, so wie im Fal­le Mol­da­wi­ens. Des­sen Sen­der TRM hat­te im Ange­sicht der her­aus­ra­gend guten Ergeb­nis­se mit pep­pi­gen Spaß-Num­mern in den letz­ten Jah­ren aus Angst vor einem mög­li­chen Euro­vi­si­ons­sieg extra im hei­mi­schen Vor­ent­scheid mit Hil­fe der Jury einen immens zähen Song zum Sieg mani­pu­lie­ren las­sen, der klingt, als sei er durch ein AI-Pro­gramm aus sämt­li­chen Grand-Prix-Bal­la­den seit 1956 destil­liert und dann nach homöo­pa­thi­schen Metho­den bis zur Unkennt­lich­keit ver­dünnt, Ver­zei­hung: poten­ziert wor­den. Als Inter­pre­tin nahm man mit Anna Odo­bes­cu eine stimm­lich leicht über­for­der­te, aber ehr­gei­zi­ge Sän­ge­rin, die bei den vor­schrifts­mä­ßi­gen hohen Tönen den Mund so weit auf­riss, dass man glau­ben konn­te, sie wol­le nicht nur gleich das Mikro­fon ver­schlin­gen, son­dern auch die ihr zur Ablen­kung an die Sei­te gestell­te Sand­ma­le­rin Kse­ni­ya Simo­no­va. Ja, rich­tig, eben jene ukrai­ni­sche Kunst­hand­wer­ke­rin, die bereits 2011 das kaum min­der zähe ‘Angel’ von Mika New­ton vor dem ver­dien­ten Unter­gang ret­te­te. Vor acht Jah­ren aller­dings funk­tio­nier­te das allei­ne schon über den Neu­ig­keits­wert die­ser Unter­hal­tungs­kunst. 2019 indes ist es ein alter Hut, und damit genau so unin­ter­es­sant wie Annas Lied.

Im Osten nix Neu­es: Anna bell­te umsonst den san­de­nen Mond an.

Frau Simo­no­va tat sich übri­gens in der Pro­ben­wo­che noch mit zicki­gen Beschwer­den gegen­über dem Pro­duk­ti­ons­team unan­ge­nehm her­vor: all ihre tau­send­fach vor­ge­tra­ge­nen Ände­rungs­vor­schlä­ge zur Kame­ra­füh­rung sei­en unbe­rück­sich­tigt geblie­ben, barm­te sie auf Face­book, die­se komi­sche Frau im Hoch­zeits­kleid sei noch immer gele­gent­lich im Bild zu sehen… Ein deut­lich zeit­ge­mä­ße­res Kon­zept prä­sen­tier­te Ester Peo­ny, die für das Bru­der­land Rumä­ni­en antrat (und beim dor­ti­gen Vor­ent­scheid eben­falls durch die Jury an die Spit­ze mani­pu­liert wur­de). Ihr mit auf­ge­setz­tem Idi­om vor­ge­tra­ge­ner Song ‘On a Sunday’ ent­sprach tech­nisch allen moder­nen Anfor­de­run­gen, ver­zich­te­te er doch voll­stän­dig auf eine erkenn­ba­re Melo­die, einen Refrain oder einen sons­ti­gen roten Faden und reih­te dafür elek­tro­ni­sche Drops und Breaks sowie tau­send kurz ange­ris­se­ne, aber nicht zu Ende geführ­te Ide­en anein­an­der. Wie man das halt heu­te in Zei­ten des Musik­strea­mings und des all­ge­mei­nen Auf­merk­sam­keits­de­fi­zits so macht. Ihre Büh­nen­show als Schwar­ze Wit­we auf dem roten Bro­katses­sel beein­druck­te durch Prä­zi­si­on, Feu­ers­brunst und zwei fins­ter drein­schau­en­de, mas­kier­te und mus­ku­lö­se Tän­zer. Obschon ich das Lied nach wie vor has­se, hät­te ich mit ihrem Wei­ter­kom­men fest gerech­net. Doch zwei klei­ne, aber bedeut­sa­me Details mach­ten ihr einen Strich durch die Rech­nung.

Da steht ein Pferd auf dem Flur: Ester, das Peo­ny.

Eines davon ver­ant­wor­te­te das rumä­ni­sche Team sogar selbst: an einer Stel­le näm­lich zup­pel­ten die bei­den Tanz­hüh­nen an der Schul­ter und der Wir­bel­säu­le der Sän­ge­rin her­um, als woll­ten sie irgend­wel­che Haken und Ösen lösen. Doch die so geweck­ten Erwar­tun­gen auf ein Trick­kleid blie­ben uner­füllt: bit­te­re Ent­täu­schung! Den end­gül­ti­gen Todes­stoß ver­setz­te Ester jedoch die Bild­re­gie des israe­li­schen Sen­ders KAN, das just in dem Moment zu einer Tota­len in den hin­ters­ten Win­kel des Expo-Cen­ters blen­de­te, als dort ein Zuschau­er von den Sitz­rän­gen auf­stand, so als wol­le er im Pro­test den Saal ver­las­sen. Wer soll­te nach die­ser Ein­blen­dung noch für Rumä­ni­en anru­fen? Bleibt noch, als viel­leicht über­ra­schends­ter Nicht-Qua­li­fi­kant, der kroa­ti­sche Ephe­be Roko Blaže­vić, der mit dem von Jac­ques Hou­dek kom­po­nier­ten, schrei­end cam­pen Kit­schrie­men ‘The Dream’ einen von ledig­lich zwei Lie­dern die­ses Semis prä­sen­tier­te, die das Güte­sie­gel “nur beim Grand Prix!” ver­dien­ten. Rund um die DORA soll es ja gerüch­te­hal­ber zu einen Macht­kampf zwi­schen Hou­dek und sei­nem Schütz­ling um das Tra­gen der lächer­li­chen gigan­ti­schen Engels­flü­gel gekom­men sein, und für die ers­te Minu­te von Rokos Auf­tritt sah es so aus, als habe er den Streit für sich ent­schie­den.

Fly, Roko, fly: vor der Abge­schmackt­heit älte­rer Schrank­schwes­tern ist kein Ent­kom­men.

Doch Hou­dek wäre nicht Hou­dek, wenn er auf den Pomp der Insze­nie­rung beim hei­mi­schen Vor­ent­scheid nicht noch hät­te einen drauf set­zen kön­nen. Zum sicht­ba­ren Ver­druss sei­nes Sän­gers ließ er näm­lich zwei mit Gold­flü­geln ver­zier­te Tän­zer von der Decke her­un­ter­schwe­ben, die nicht nur der­ar­tig tun­tig über die Bret­ter tän­zel­ten, dass die Bild­schir­me von innen beschlu­gen, son­dern flugs ein wei­te­res, im Büh­nen­ne­bel ver­steck­tes Schwin­gen­paar auf­ho­ben und dem wehr­lo­sen Roko über­stülp­ten. In sei­ner Gesamt­heit wirk­te der (von mir dafür natür­lich hart abge­fei­er­te) Auf­tritt wie aus dem feuch­ten Fie­ber­traum eines Rudolph Mos­ham­mer ent­sprun­gen: eine der­ar­tig mas­si­ve Ansamm­lung schlech­ten klemm­schwu­len Geschmacks dürf­te man heut­zu­ta­ge sonst allen­falls noch bei der Haus­halts­auf­lö­sung von ver­stor­be­nen Homo­let­ten aus der Ade­nau­er­zeit bewun­dern kön­nen. Den zwei­ten auf fast schon nost­al­gi­sche Wei­se typi­schen Grand-Prix-Bei­trag steu­er­te natür­lich das nor­we­gi­sche Trio Kei­i­no rund um den schwu­len Front­mann Tom Hugo mit sei­nem gar nicht hoch genug zu loben­den ‘Voi Voi’-trifft-‘Mons­ters’-Schla­ger ‘Spi­rit in the Sky’ bei, der es dan­kens­wer­ter­wei­se ins Fina­le schaff­te und daher am Sonn­tag bespro­chen wer­den soll.

Get­tin’ row­dy row­dy: Luca Hän­ni mit dem sau­bers­ten Dir­ty Dan­cing aller Zei­ten.

Abbit­te leis­ten muss ich an die­ser Stel­le bei mei­nen weni­gen ver­blie­be­nen schwei­ze­ri­schen Leser/innen, hat­te ich doch zwi­schen­zeit­lich jeg­li­chen Glau­ben dar­an ver­lo­ren, dass es die Eid­ge­nos­sen­schaft jemals wie­der aus eige­ner Kraft ins Fina­le schaf­fen könn­te. Doch wie man sieht: es geht, wenn man es wirk­lich will! Der ehe­ma­li­ge DSDS-Sie­ger Luca Hän­ni demons­trier­te am Don­ners­tag mit sei­nem aus­ge­spro­chen über­zeu­gend vor­ge­tanz­ten ‘Des­pa­schwiizo’-Abklatsch, dass allen­falls mit­tel­mä­ßi­ge musi­ka­li­sche Ori­gi­na­li­tät und der ein oder ande­re etwas ange­strengt klin­gen­de Ton nicht die gerings­te Rol­le spie­len, wenn man es schafft, glaub­haft so tun, als habe man gera­de die Zeit sei­nes Lebens auf der Büh­ne. Das mach­te rich­tig Spaß beim Zuschau­en, und auch, wenn ich nach wie vor heim­lich auf Reyk­ja­vik 2020 hof­fe, so wür­de ich den­noch nicht grol­len, gin­ge es nächs­tes Jahr nach Bern. Gro­ße Freu­de herrscht eben­so über die Qua­li­fi­ka­ti­on von Tama­ra Todevs­ka mit ihrer kraft­vol­len, so dra­ma­tisch wie auf den Punkt prä­sen­tier­ten Fema­le-Empower­ment-Hym­ne ‘Proud’ (schaut her, Sis­ters, so geht das!). Da hat sich die seit Deka­den über­fäl­li­ge und erst Anfang die­sen Jah­res nach lan­gem Ban­gen und vie­len poli­ti­schen Hür­den glück­lich erfolg­te Umbe­nen­nung von FYROM in Nord­ma­ze­do­ni­en wohl gelohnt!

Beim FiK noch als anmu­ti­ge Nofre­te auf­ge­macht, sah Joni­da beim ESC-Semi eher wie eine Roma-Matri­ar­chin aus. Das Lied drück­te den­noch alle mei­ne Knöp­fe.

Mit Joni­da Mali­qi zog eine wei­te­re mei­ner Wunschkandidat/innen ins Fina­le ein. Der Alba­ne­rin dürf­te das The­ma ihres stimm­lich her­aus­ra­gend und kreisch­frei dar­ge­bo­te­nen klas­si­schen Bal­kan-Trä­nen­zie­hers ‘Kthe­ju Tokës’, näm­lich der fle­hent­li­che Appell zur Rück­kehr ins Hei­mat­land, gehol­fen haben, die Anru­fe der zahl­rei­chen, über ganz Euro­pa ver­teil­ten ski­pe­ta­ri­schen Exilant/innen ein­zu­sam­meln. Da fiel selbst ihre ziem­lich ziga­ne Auf­ma­chung mit Blu­me im Haar und wal­len­dem Rock nicht wei­ter ins Gewicht. Eher über­ra­schend hin­ge­gen die Qua­li­fi­ka­ti­on Mal­tas, deren paus­bä­cki­ge und heil­los über­for­dert wir­ken­de Reprä­sen­tan­tin Michae­la Pace prak­tisch den Gegen­ent­wurf zur rumä­ni­schen Kon­kur­ren­tin Ester Peo­ny lie­fer­te: bei­de aus­ge­stat­tet mit einem zeit­ge­mä­ßen, für älte­re Semes­ter wie den Rezen­sen­ten nur schwer ver­dau­li­chen, wüst zusam­men­ge­stop­pel­ten Pop-Amal­gam, ent­schied sich das medi­ter­ra­ne Team für eine krib­bel­b­un­te Prä­sen­ta­ti­on mit einem die Sin­ne über­flu­ten­den Gra­fik- und Far­ben-Over­kill. Inter­es­sant zu wis­sen wäre schließ­lich noch, wer oder was in den däni­schen Bot Leo­no­ra Jep­sen fuhr, dass sie es schaff­te, ihren hart ver­krampf­ten Gesichts­aus­druck vom DMGP abzu­le­gen und ein bei­na­he über­zeu­gen­des mensch­li­ches Lächeln zu simu­lie­ren. Mach­te das dia­be­tes­er­zeu­gend zucker­sü­ße Kin­der­lied ‘Love is fore­ver’ zwar nicht um ein ein­zi­ges Mü erträg­li­cher, senk­te aber zumin­dest den Gru­sel­fak­tor ein wenig. Und man ist ja heu­te schon für Klei­nig­kei­ten dank­bar.

Die kom­plet­te Show vom Don­ners­tag am Stück. Enjoy!

ESC 2019, 2. Semi

2. Semi­fi­na­le des Euro­vi­si­on Song Con­test 2019. Don­ners­tag, der 16. Mai 2019, 21 Uhr, aus dem Expo Con­ven­ti­on Cen­ter in Tel Aviv, Isra­el. 18 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Bar Refae­li, Erez Tal, Assi Azar und Lucy Ayoub.
#LandInterpret/inTitelPkt. TVPl. JuryPkt. ges.Pl. ges.
01AMSrbukWal­king out02302604916
02IESarah McTer­n­an2200301301618
03MDAnna Odu­bes­cuStay02705808512
04CHLuca Hän­niShe got me13709523204
05LVCarou­selThat Night01303705015
06ROEster Peo­nyOn a Sunday02404707113
07DKLeo­no­ra Jep­senLove is fore­ver04105309410
08SEJohn LundvikToo late for Love08815023803
09ATPæn­daLimits00002102117
10HRRoko Blaže­vićThe Dream03802606414
11MTMichae­la PaceCha­me­le­on05010715708
12LTJurij Veklen­koRun with the Lions07701609311
13RUSer­gey Laza­revScream12409321706
14ALJoni­da Mali­qiKthe­ju Tokës05803809609
15NOKei­i­noSpi­rit in the Sky17004021007
16NLDun­can Lau­renceArca­de14014028001
17MKTama­ra Todes­v­kaProud08415523902
18AZChen­giz Mus­ta­fay­evTruth12110322405

8 Gedanken zu “2. Semi 2019: Dei­ne Spu­ren im Sand”

  1. Alba­ni­ens Bei­trag war also dem Haus­herrn zufol­ge “stimm­lich her­aus­ra­gend und kreisch­frei dar­ge­bo­ten”. Da muss Olli wohl einen ande­ren Auf­tritt gese­hen haben als ich. Joni­da hat viel gekri­schen und dabei lei­der kaum einen Ton rich­tig getrof­fen und sogar in ihrem Schnell­durch­lauf­schnip­sel recht schief gesun­gen, so dass ich mich schon damit abzu­fin­den begann, dass statt­des­sen woll die kroa­ti­sche Engels­show ins Fina­le kommt. Was uns ja zum Glück erspart geblie­ben ist.
    Gene­rell bin ich mit den Qua­li­fi­kan­ten des zwei­ten Semis voll­auf zufrie­den. Die Län­der, die dies­mal abstim­men durf­ten, haben ein­deu­tig einen bes­se­ren Musik­ge­schmack als die Leu­te vom ers­ten Halb­fi­na­le.

  2. Ja, auch ich emp­fin­de das alba­ni­sche Lied­chen als zäh, gäh­nend lang­wei­lig und, ohne Wie­der­erkenn­bar­keit. Die Inter­pre­tin deto­nier­te, rhyth­misch war das unsau­ber und die Töne um Halb­tö­ne ver­fehlt.
    Däne­mark? Sca­ry die Züge der Inter­pre­tin. Infan­til Insze­nie­rung und Arran­ge­ment. Pfui.
    Die bei­den deut­schen “Zwer­gen­kö­ni­gin­nen” beim Inter­view am Tre­sen umringt von lau­ter Gul­li­ver – o jemi­ne! Ger­ma­ny – Letz­te mit Ansa­ge. Schlech­ter Song, unge­eig­ne­te und unglaub­wür­di­ge Inter­pre­ten. Null Puk­te wären gerecht.

  3. Ins­ge­samt hat mir das zwei­te Semi deut­lich bes­ser gefal­len als das ers­te, allein vom gesang­li­chen Niveau her. Bin total zufrie­den mit den Fina­lis­ten, mei­ne Favo­ri­ten Luca und Dun­can haben toll abge­lie­fert.

    Nun aber zu den Aus­schei­dern.

    - Arme­ni­en: Der Song gibt mir immer noch gar nichts, und die­ser komi­sche Bild­ef­fekt hat dar­an auch nichts geän­dert. Die frü­he Start­po­si­ti­on war auch nicht gera­de för­der­lich.

    - Irland: Das vor­her­seh­bars­te Aus in die­sem Semi. Der Song plät­schert nach 20 Sekun­den ein­fach nur noch vor sich hin, gesang­lich war es auch ziem­lich mau, dazu kam dass Sarah wirk­te wie die typi­sche Teil­neh­me­rin eines Trash­for­mats auf RTL 2, also nicht wirk­lich sym­pa­thisch. Der unge­lieb­te Start­platz gab ihr dann den Rest.

    - Mol­dau: Was habe ich mich gefreut dass die­se bil­li­ge Effekt­ha­sche­rei geschei­tert ist!! Der Song ist ein­fach min­des­tens 10 Jah­re zu spät und von Annas Stim­me bekam ich Gän­se­haut, aber im nega­ti­ven Sin­ne. Ach ja, weiß zufäl­lig jemand in wel­cher Spra­che die Frau sang?? Ofi­zi­ell soll es ja Eng­lisch gewe­sen sein, nur habe ich wirk­lich kein ein­zi­ges Wort ver­stan­den.

    - Lett­land: Die Stim­me gefällt mir immer noch wahn­sin­nig gut, nur hat­ten die bei­den das Pech direkt nach Luca star­ten zu müs­sen, nach dem Feu­er­werk wirk­te der Bei­trag lei­der wie eine eis­kal­te Dusche. War wohl ein­fach zu unauf­fäl­lig.

    - Rumä­ni­en: Belang­los, mich hat da gar nichts erreicht. Mehr kann ich dazu nicht mehr sagen, da der Song mir stän­dig aus dem Gedächt­nis ent­weicht.

    - Öster­reich: Aua!! Das tat wirk­lich in den Ohren weh!! Die gan­ze Insze­nie­rung hat das Lied fin­de ich noch drö­ger gemacht und die drei Minu­ten einen wie drei Stun­den vor­kom­men las­sen. Strei­tet sich glau­be ich mit Irland um den letz­ten Platz.

    - Kroa­ti­en: Es war schon irgend­wie unter­halt­sam, aber der Song ist natür­lich Kitsch pur und nur in sehr homöo­pa­thi­schen Dosen zu ertra­gen. Ich hof­fe bloß das Hou­dek nicht noch­mal sel­ber auf­taucht.

    - Litau­en: War­um gab es im Hin­ter­grund kein Löwen­bild wenn der Song schon so heißt?? Da wäre wenigs­tens etwas in Erin­ne­rung geblie­ben, so war es ein­fach nur öde.

  4. Kurz ein geo­gra­phi­scher Hin­weis: Der hei­mat­lie­ben­de Aze­ri badet im Kas­pi­schen Meer, Schwarz­meer-Machos sind dann eher in Geor­gi­en, Russ­land, … zu fin­den.

    Es ist immer erfri­schend, dei­ne Beschrei­bun­gen und Ansich­ten zu lesen. Herz­li­chen Dank dafür!

  5. Ich bin schwei­zer und lese und kom­men­tie­re dei­ne arti­kel immer noch sehr ger­ne. Auch wenn du mit uns nie zim­per­lich umge­gan­gen bist. Von daher, dan­ke für dei­ne loben­den wor­te über luca. Das geht run­ter wie honig.
    Und heu­te abend:HOPP LUCA, GOB­FOR GOLD

  6. Oli­ver, war­um so bras­tig? War doch nett. Klar, das Rah­men­pro­gramm am Sams­tag wird gro­ße Klas­se wer­den, und war­um auch nicht?

    Das Ergeb­nis geht im gro­ßen und gan­zen in Ord­nung, nur das Wei­ter­kom­men der Alba­ne­rin kann ich nicht ver­ste­hen. Das war drei Minu­ten uner­träg­li­ches Gekrei­sche direkt neben der Melo­die, kein Wun­der, dass sie Start­platz 2 bekom­men hat. Mit Mal­ta bin ich inso­fern ein­ver­stan­den, als sie am Don­ners­tag ganz gut abge­lie­fert hat. Wird aber im Fina­le dage­gen kei­ne Rol­le spie­len.

    Die Favo­ri­ten haben sich bis auf zwei Aus­nah­men wohl aus dem Ren­nen ver­ab­schie­det. Dun­can – wer soll ihn stop­pen? Da sehe ich nur zwei, die das kön­nen. Die eine ist Kate Mil­ler-Heid­ke, der ande­re ist Luca Hän­ni, der am Don­ners­tag ein­deu­tig den bes­ten Auf­tritt abge­lie­fert hat. Jetzt hat er bei den Boo­kies auch end­lich John Lundvik über­holt, der sehr soli­de war, aber eben nicht so gut wie Luca. Ser­gey hat sich wohl lei­der aus dem Ren­nen geschos­sen, und Chin­giz – nää­ää.

    Egal was kommt, ich wün­sche uns allen heu­te abend eine högg­schd­plä­sier­li­che Ver­an­stal­tung (und bit­te, bit­te, bit­te NICHT Reyk­ja­vik 2020! Sonst muss ICH mich aus dem Geschäft zurück­zie­hen!).

  7. Irgend­wie woll­te in die­sem Semi kei­ne rech­te Span­nung auf­kom­men, die 5 Favo­ri­ten waren eh klar und wer es sonst noch wird war auch nicht so wich­tig.
    Und beim Fina­le droht das glei­che Spiel, oder gabs schon mal so einen kla­ren Wett­fa­vo­ri­ten, der es dann doch nicht gepackt hat?
    Drü­cke heu­te Abend trotz­dem Mah­mood und Hata­ri die Dau­men!
    Und Luca hat sei­ne Sache doch fein gemacht, muss man ger­ne zuge­ben, darf sich mit Zena den dies­jäh­ri­gen Ele­ni Fou­rei­ra – Award für die bes­te Dance-Per­for­mance tei­len!

  8. Ers­te Sah­ne wie­der @Oliver, dei­ne Ein­schät­zung ist ganz die Mei­ne. Mitt­ler­wei­le
    kann ich mir den Luca sogar bis zum Schluss anschau­en . Er ist wirk­lich gut , trotz sei­nes etwas auf­ge­setz­ten Lächelns, War­um soll nicht aus Hei­dis Zie­gen­pe­ter ein Latin Lover gewor­den sein ?Alles ist heut­zu­ta­ge mög­lich.
    Die stimm­li­che Qua­li­tät der Alba­ne­rin kann ich auch nur unter­strei­chen. Ich weiß nicht wie es im Fern­se­hen rüber­kommt. Die Frau sang ges­tern ca. 5 Meter vor uns (und auch am Mitt­woch sowie im Club ) traf dort immer jeden Ton .Für die Leu­te die um uns her­um stan­den (5 Natio­nen ) war ihr Final­ein­zug klar. Das kann doch am Don­ners­tag nicht anders gewe­sen sein? Mir gefällt zwar immer noch nicht ihre « Alba­ni­sche Par­füm Ver­käu­fe­rin­nen Optik « aber dafür kann ja ihre Stim­me und das Lied nix. Wenn ihr wüss­tet, wie Euch San Mari­no « nach­her « quä­len «  wird .😂 . Ich glau­be nicht das er bis dato sei­ne Stim­me gefun­den hat !

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