Das Semi-Split­vo­ting 2019: die Dop­pel­null im Sah­ne­man­tel

Ein wei­te­rer Euro­vi­si­ons­jahr­gang liegt hin­ter uns. Einer, bei dem, so der klu­ge Kom­men­tar der ORF-Beob­ach­ter Sophia Fel­ber­mair und Chris­ti­an Kör­ber, die “nach­denk­li­chen Män­ner, die doch Gefüh­le zei­gen” die Medail­len­plät­ze beleg­ten und so den gesell­schaft­li­chen Gegen­ent­wurf bil­de­ten zum Modell der toxi­schen Männ­lich­keit, wie es sich der­zeit lei­der vor allem in der Poli­tik mani­fes­tiert. Zeit, die Gescheh­nis­se abzu­schlie­ßen mit der tra­di­tio­nel­len Betrach­tung des Split-Voting-Ergeb­nis­ses in den bei­den Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­den. Und die führt uns zunächst ein­mal zurück nach Wien anno 2015, fand doch heu­er eine unfrei­wil­li­ge Neu­auf­la­ge der deutsch-öster­rei­chi­schen Dop­pel­null im Jah­re 1 n.C. (nach Con­chi­ta) statt. Denn nicht nur die ger­ma­ni­schen Cas­ting-Sis­ters kas­sier­ten im Publi­kums­vo­ting die gefürch­te­ten (und ange­sichts der gebo­te­nen drei Minu­ten töd­li­cher Lan­ge­wei­le völ­lig berech­tig­ten) Nul Points, son­dern auch der lila Pæn­da-Bär aus der Stei­er­mark im zwei­ten Semi­fi­na­le. “Der Mut, mit einer völ­lig unkom­pa­ti­blen Num­mer nach Tel Aviv zu fah­ren, wur­de nicht belohnt. ‘Limits’ erwies sich als zu sper­ri­ger Song, der erst nach mehr­ma­li­gen Hören sei­ne Wir­kung ent­fal­ten kann. So viel Zeit hat man beim Song Con­test nicht,” schluss­fol­ger­ten die bei­den Mit­ar­bei­ter des Wie­ner Sen­ders.

Gib mir noch Zeit / ein klei­nes biss­chen nur / etwas mehr Zeit”: die Zuschauer/innen woll­ten Blüm­chens Rat nicht fol­gen.

Auch, wenn man ihnen ent­ge­gen hal­ten möch­te, dass der ORF mit der Ent­sen­dung der extra öden Elek­tro­bal­la­de eben gera­de kei­nen Mut bewies, son­dern nach den Läu­fen der letz­ten drei Jah­re viel­mehr um jeden Preis ver­mei­den woll­te, von den Jurys an die Spit­ze mani­pu­liert zu wer­den und die teu­re Show 2020 erneut aus­tra­gen zu müs­sen, ist das eine deut­lich reflek­tier­te­re und selbst­kri­ti­sche­re Betrach­tung als das wurs­ti­ge, sei­ne kom­plet­te Rat­lo­sig­keit offen­ba­ren­de “Lei­der haben wir inter­na­tio­nal nur Weni­ge über­zeu­gen kön­nen” aus dem Mun­de des deut­schen ESC-Ver­ant­wort­li­chen Tho­mas Schrei­ber vom NDR. Aber Ein­sicht in eige­ne Feh­ler gehör­te halt noch nie zu den ger­ma­ni­sche Tugen­den. Ansons­ten för­dert die Betrach­tung der detail­lier­ten Voting-Ergeb­nis­se der bei­den Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­den nur wenig Über­ra­schen­des zuta­ge: in bei­den Semis luden die Juror/innen jeweils einen Act auf ihr Gewis­sen: zum einen das fan­tas­ti­sche pol­ni­sche Schrei­ge­sangs-Quar­tett Tulia, zum ande­ren den lecke­ren litaui­schen Löwen­bän­di­ger Jurij Veklen­ko, die es bei­de bei rei­nem Tele­vo­ting ins Fina­le geschafft hät­ten. Und zwar anstel­le des däni­schen Nico­le-Auf­gus­ses mit dem gru­se­li­gen Robo­ter­g­rin­sen und des hyper­ak­ti­ven weiß­rus­si­schen Brit­ney-Ver­schnit­tes.

Juri­jus lie­fer­te nicht den erwünsch­ten Jury-Juice.

ESC 2019, 1. Semi

1. Semi­fi­na­le des Euro­vi­si­on Song Con­test 2019. Diens­tag, der 14. Mai 2019, 21 Uhr, aus dem Expo Con­ven­ti­on Cen­ter in Tel Aviv, Isra­el. 17 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Bar Refae­li, Erez Tal, Assi Azar und Lucy Ayoub.
#LandInterpret/inTitelPkt. TVPkt. JuryPkt. ges.Pl. ges.
01CYTam­ta Goduad­zeReplay05409414909
02MED MolHea­ven01503104616
03FIDaru­de + Sebas­ti­an Rej­manLook away01400902317
04PLTuliaPali się (Fire of Love)06006012011
05SIZala Kralj + Gašper ŠantlSebi09307416706
06CZLake Mala­wiFri­end of a Fri­end08515724202
07HUJoci PápaiAz én Apám03206509712
08BYZenaLike it04407812210
09RSNeve­na Božo­vićKru­na06509115607
10BEEli­ot Vas­sa­mil­letWake up02005007013
11GEOto Nemsad­zeSul tsin iare (Keep on going)03302906214
12AUKate Mil­ler-Heid­keZero Gra­vi­ty14012126101
13ISHata­riHat­rið mun sig­ra15107022103
14EEVic­tor Cro­neStorm13306519804
15PTCon­an Osí­risTele­mó­veis04300805115
16GRKate­ri­ne Dus­kaBet­ter Love05413118505
17SMSer­hat HacıpaşalıoğluSay na na na12402615008

Ver­kehr­te Welt: wäh­rend das Publi­kum Lan­des­spra­che und die Rück­be­sin­nung auf die eige­nen kul­tu­rel­len Wur­zeln gou­tiert, bevor­zu­gen die “Exper­ten” der Jury leicht­ge­schürz­ten Pop-Trash.

Mit der Bevor­zu­gung von Zena gegen­über den Polin­nen stell­te die Jury ein­mal mehr unter Beweis, dass sie nicht die Beloh­nung von kul­tu­rell anspruchs­vol­len Titeln als ihre Auf­ga­be sieht, son­dern ein­zig und allei­ne instal­liert wur­de, um dia­spo­rastar­ke Natio­nen wie Alba­ni­en, Russ­land oder Polen nach Kräf­ten nach unten zu voten, um die west­li­che Vor­herr­schaft beim Kampf der Natio­nen zu sichern. Und zwar völ­lig unab­hän­gig von der Qua­li­tät der Bei­trä­ge. So sehr ich es ja leid bin, immer und immer wie­der die sel­be ermü­den­de Plat­te auf­le­gen zu müs­sen und das 2009 völ­lig unnö­ti­ger­wei­se wie­der aus der Ver­sen­kung gehol­te Bevor­mun­dungs­in­stru­ment zu kri­ti­sie­ren: die Jury lässt mir mit ihren per­ma­nen­ten Fehl­ent­schei­dun­gen lei­der kei­ne ande­re Wahl. Die Zuschauer/innen erwie­sen sich hin­ge­gen ein­mal mehr als abso­lut geschmacks­si­cher und krön­ten im ers­ten Semi­fi­na­le am Diens­tag die gran­dio­sen Hata­ri mit ihrem sen­sa­tio­nel­len, intel­li­gen­ten Indus­tri­al-Pop-Kra­cher ‘Hat­rið mun sig­ra’ zu ihren Köni­gen. Am Don­ners­tag gaben sie, wie auch spä­ter im Fina­le, mehr­heit­lich dem nor­we­gi­schen Trio Kei­i­no und sei­ner herr­lich tra­shi­gen Euro­dance-trifft-sami­sche-Jod­ler-Num­mer ‘Spi­rit in the Sky’ das Pla­zet. Wel­chen Beweis braucht es noch mehr, dass die Ent­schei­dung wie­der allei­nig in die Hän­de des Publi­kums gehört?

Die Zuschauer/innen wis­sen, was gut ist: Hata­ri rock­ten das ers­te Semi­fi­na­le.

ESC 2019, 2. Semi

2. Semi­fi­na­le des Euro­vi­si­on Song Con­test 2019. Don­ners­tag, der 16. Mai 2019, 21 Uhr, aus dem Expo Con­ven­ti­on Cen­ter in Tel Aviv, Isra­el. 18 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Bar Refae­li, Erez Tal, Assi Azar und Lucy Ayoub.
#LandInterpret/inTitelPkt. TVPl. JuryPkt. ges.Pl. ges.
01AMSrbukWal­king out02302604916
02IESarah McTer­n­an2200301301618
03MDAnna Odu­bes­cuStay02705808512
04CHLuca Hän­niShe got me13709523204
05LVCarou­selThat Night01303705015
06ROEster Peo­nyOn a Sunday02404707113
07DKLeo­no­ra Jep­senLove is fore­ver04105309410
08SEJohn LundvikToo late for Love08815023803
09ATPæn­daLimits00002102117
10HRRoko Blaže­vićThe Dream03802606414
11MTMichae­la PaceCha­me­le­on05010715708
12LTJurij Veklen­koRun with the Lions07701609311
13RUSer­gey Laza­revScream12409321706
14ALJoni­da Mali­qiKthe­ju Tokës05803809609
15NOKei­i­noSpi­rit in the Sky17004021007
16NLDun­can Lau­renceArca­de14014028001
17MKTama­ra Todes­v­kaProud08415523902
18AZChen­giz Mus­ta­fay­evTruth12110322405

Die mora­li­schen Sie­ger des ESC 2019: Kei­i­no aus Nor­we­gen mit ihrem Grand-Prix-Dis­co-Klas­si­ker.

2 Gedanken zu “Das Semi-Split­vo­ting 2019: die Dop­pel­null im Sah­ne­man­tel”

  1. Dann aber auch bit­te ein­mal die Tele­vo­ter bas­hen, die Joci Papai auf dem Gewis­sen haben! Haben halt alle kei­ne Ahnung 🙂

  2. Die kul­tu­rell anspruchs­vol­len Titel sind sowohl von den Jurys als auch den TV-Zuschau­ern nicht gewür­digt wor­den. Bes­tes Bei­spiel: Tulia nicht mal halb so vie­le Punk­te von Letzt­ge­nann­ten wie Ser­hat! Hal­lo?

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