Euro­fest 2020: Oops, he did it again

Der Eklat ließ sich vor­aus­ah­nen. Als bei der Vor­stel­lung der inter­na­tio­na­len Juror:innen für das gest­ri­ge Fina­le des weiß­rus­si­schen Vor­ent­scheids Euro­fest der quiet­schi­ge Wiwi­blog­ger Wil­liam Lee Adams über die Büh­ne spur­te­te, wuss­te man bereits tief drin­nen: der Zuschauer:innenfavorit wird bei die­ser Natsio­nal­niy Otbor nicht obsie­gen. Denn nur, wer als Sen­der den Durch­marsch eines Publi­kums­lieb­lings um jeden Preis ver­hin­dern möch­te, bucht den ame­ri­ka­ni­schen Stra­te­gen. Genau so kam es: am Ende einer unge­wohnt hoch­klas­si­gen, kurz­wei­li­gen Show mit 12 Acts, die von der Ver­le­gung des Events in die Bela­rus­Film-Stu­di­os pro­fi­tier­te, wo es wesent­lich gla­mou­rö­ser zuging als sonst, stand der erwart­ba­re Clash der Kul­tu­ren. Die Jury, zu der eben­falls die frü­he­ren Teilnehmer:innen Dmi­try Kol­dun und Zena gehör­ten, stimm­te in einem ansons­ten aus­schließ­lich von Frau­en und haupt­säch­lich von Uptem­po­wa­re bevöl­ker­ten Feld geschlos­sen für den ein­zi­gen bal­la­die­ren­den Mann, Jan Yarosh, der an der Bon­tem­pi-Orgel sit­zend den Sad­boi gab. Alles, was ihm zur Eins-zu-eins-Kopie des Vor­jah­res­sie­gers fehl­te, war eine gigan­ti­sche Lam­pe über dem Schä­del. Die stets klu­gen und geschmacks­si­che­ren Televoter:innen hin­ge­gen bevor­zug­ten das Eth­no-Quar­tett Cha­kras, das mit einer unge­wöhn­li­chen, sphä­ri­schen Num­mer auf­war­te­te, deren “Text” aus­schließ­lich aus den Sil­ben ‘La-ley-la’ bestand. Sowie aus aller­lei Wolfs­ge­heul, Vogel­stim­men, Wie­hern, Maul­trom­meln und Flö­ten­tö­nen, erzeugt von einer am Boden sit­zen­den Scha­ma­nin.

Öff­nen Dei­ne Wahr­neh­mungs­pfor­ten und neh­men dich mit auf eine scha­ma­ni­sche Geis­ter­rei­se: die Cha­kras.

Dazu wedeln­den die drei rest­li­chen Damen zu psy­che­de­li­schen Hin­ter­grund­pro­jek­tio­nen apart mit den Armen und la-ten und lay-ten höchst har­mo­nisch in den unter­schied­lichs­ten Ton­la­gen. Es war nichts weni­ger als ein drei­mi­nü­ti­ger Pilz­trip, zu dem sie uns ein­lu­den, und damit die­ser bedro­hungs­frei und sanft ablau­fe, häng­te sich die Lead­sän­ge­rin eigens zwei hand­ge­klöp­pel­te Traum­fän­ger an die Ohren. Gran-di-os! Natür­lich stuf­te die bor­nier­te Jury die­sen fan­tas­ti­schen Act vor­sätz­lich auf ihren fünf­ten Rang her­un­ter, wäh­rend die Zuschauer:innen das Glei­che mit dem Dis­count-Dun­can taten, den die orga­ni­sier­ten Mani­pu­la­to­ren um den Wiwi­blog­ger bevor­zug­ten. Wenn zwei sich strei­ten, freu­en sich die Drit­ten; in die­sem Fall das in bei­den Wer­tun­gen jeweils zweit­plat­zier­te Duo Val, bestehend aus den ehe­ma­li­gen Kunststudent:innen Lera Gri­bu­so­va (Gesang) und Vlad Pash­ke­vich (Instru­men­te). Die ent­bo­ten mit der in der Lan­des­spra­che gesun­ge­nen Mid­tem­po­num­mer ‘Da Vid­na’ (‘Bis zum Mor­gen­grau­en’) einen okay­en Pop­stamp­fer, der auf­grund sei­nes gebrems­ten Tem­pos beim Mit­wip­pen kei­nes­falls die Gelen­ke über­las­te­te. Was die in einem schi­cken Hosen­an­zug und mit einem hüb­schen, per­len­fun­keln­den Haar­netz ange­ta­ne Front­frau sowie ein ihr zur Sei­te gestell­ter, blon­der Ephe­be mit per­fekt syn­chro­nen Hüft­schwün­gen illus­trier­ten.

Mach’ kein Auge: Val.

Nun gehört ‘Da Vid­na’ sicher­lich nicht zu den schlech­tes­ten bela­rus­si­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­gen und man muss­te froh sein, dass uns dank des Ein­sat­zes der Zuschauer:innen zumin­dest ein wei­te­rer grei­nen­der Jam­mer­lap­pen erspart blieb. Den­noch herrscht beim Haus­her­ren die mas­si­ve Wut vor, dass man uns die fan­tas­ti­schen Cha­kras vor­ent­hielt. Und bei so etwas bin ich nun mal nach­tra­gend bis in die Stein­zeit. Wiwi­bloggs ist für mich ab sofort für alle Zei­ten gestor­ben! Neben die­sem Drei­kampf-Dra­ma unter­hielt die Natsio­nal­niy Otbor mit zahl­rei­chen wei­te­ren Per­len, die gegen­über der letz­ten Monat erfolg­ten Vor­auswahl ins­be­son­de­re durch die gran­dio­sen Insze­nie­run­gen erheb­lich an Glanz gewan­nen. So wie zum Bei­spiel bei der seit 2014 jedes Jahr aufs Neue am Euro­fest teil­neh­men­den Olga Shi­m­ans­ka­ya ali­as Napo­li, deren ver­zwei­fel­ter Appell ‘Don’t let me down’ bei den Jurys und dem Publi­kum erneut auf tau­be Ohren stieß. Kein Wun­der, hat­te sie sich zur Unter­stüt­zung zwar jeweils ein tan­zen­des Auge und einen Mund mit­ge­bracht, das Hör­or­gan jedoch ver­ges­sen. Genau so wie den drin­gend über­fäl­li­gen Sprach­kurs: dass sie ihren eng­li­schen Text allen­falls pho­ne­tisch inter­pre­tier­te, davon leg­te nicht nur die von ihr als “Don­lem­me­da” into­nier­te Hook­li­ne so schmerz­haft wie beredt Zeug­nis ab.

Der Dro­gen­trip geht wei­ter: Napo­li.

Sprach­ver­ge­wal­ti­gung begin­gen auch etli­che ihrer Kol­le­gin­nen. Die pro­pe­re Ana­sta­sia Malash­ke­vich, die sich mit einem rie­si­gen Wagen­rad von Hut, mit dem sie einer gan­zen Schul­klas­se Schat­ten spen­den könn­te, alles ande­re als ‘Invi­si­ble’ mach­te, sprach ihren Lied­ti­tel bei­spiels­wei­se hart­nä­ckig als “Imie­si­bal” aus. Sie fand sich umringt von zwei deut­lich jün­ge­ren und schlan­ke­ren Tän­ze­rin­nen, die ihre Gesich­ter unter­halb der Augen mit schwar­zen Sei­den­tü­chern ver­hüll­ten: auch in Minsk schei­nen im Zei­chen des Coro­na­vi­rus wohl die Atem­schutz­mas­ken über­all aus­ver­kauft zu sein, so dass frau halt zum Not­be­helf grei­fen muss­te. Dabei han­delt es sich gera­de bei Weiß­russ­land doch um eines der abge­schot­tets­ten Län­der Euro­pas – muss man auch dort den Schwach­sinn der ver­mut­lich mal wie­der von der Phar­ma­in­dus­trie gesteu­er­te Mas­sen­pa­nik mit­ma­chen? Ob Feu­er gegen Viren hilft, ist frag­lich; jeden­falls erwies es sich als Leit­the­ma die­ses Vor­ent­scheids. Jury­sie­ger Jan jaul­te vom erlo­sche­nen ‘Fire’, die durch­weg mit den rich­ti­gen Tönen rin­gen­de Dis­co-Daria Khmelnit­s­ka­ya zeig­te sich ob ihrer zwei mus­ku­lö­sen Tän­zer ‘On Fire’ und die zar­te Nast­ya Gla­moz­da beklag­te mit ‘Bur­ning again’ wohl die mit bun­ten Stoff­gir­lan­den getarn­ten, stark jucken­den Ekze­me auf ihren Schul­tern.

Gut behü­tet: die Ana­sta­sia.

Auch die feu­ri­ge Key­si heiz­te mäch­tig ein: sie sei so heiß und wür­zig wie ‘Chil­li Pep­per’, röhr­te die bela­rus­si­sche Ele­na Fou­rei­ra zu ihrem bil­lig-bra­chia­len Dance-Ban­ger etwas atem­los ins Mikro­fon. Sie zähl­te eben­so zur Rie­ge der Rück­keh­re­rin­nen wie die apar­te Eth­no­folk­pop­pe­rin Aura, die sich für ihre in Lan­des­spra­che into­nier­te Wei­se ‘Bara­ni sva­jo’ (‘Ver­bie­te ihnen’) Unter­stüt­zung sowohl von einem Dudel­sack­spie­ler (!) als auch einem vier­köp­fi­gen Frau­en­chor hol­te. Wie um das Grand-Prix-Kli­schee voll zu machen, durf­te dane­ben zudem weder die Wind­ma­schi­ne feh­len noch eine Rückung. Oder die eben­falls schon längst nicht mehr prak­ti­ziert geglaub­te, hohe, lan­ge Note mit­ten im Lied, deren feh­ler­frei­es Meis­tern die Inter­pre­tin mit einem so über­ra­schen­den wie ver­ständ­li­chen Freu­den­schrei quit­tier­te. Das kam bei den hei­mi­schen Zuschauer:innen, die Aura auf ihren vier­ten Rang wähl­ten, deut­lich bes­ser an als bei den Juror:innen, die schein­bar aus einem merk­wür­di­gen Ver­ständ­nis ihrer Auf­ga­be her­aus sol­che als alter­tüm­lich gebrand­mark­ten Ele­men­te wie Ton­art­wech­sel und tra­di­tio­nel­le Instru­men­te gera­de­zu zwang­haft abzu­wer­ten müs­sen glaub­ten. Wie ich nie­mals müde wer­de, zu beto­nen: Jurys sind Wich­ser!

Wehr­los im Sturm der Gefüh­le: Aura.

Zu den Mehr­fach­star­te­rin­nen gehör­te eben­falls die beim Euro­fest nun­mehr im drit­ten Jahr in Fol­ge auf­lau­fen­de Dis­co­schla­ger-Köni­gin Ange­li­ka Push­no­va, die ich schon allei­ne für die­sen fan­tas­ti­schen Namen abfeie­re (ernst­haft: wenn Hape Ker­ke­ling die ost­eu­ro­päi­sche Ant­wort auf Andrea Berg per­si­flie­ren woll­te, wür­de er sich exakt die­sen Namen für sei­ne Figur aus­den­ken, oder nicht?). Sie offe­rier­te uns mit dem feder­leich­ten, fröh­li­chen ‘True Love’ ein mus­ter­gül­ti­ges Vor­ent­schei­dungs­bon­bon: einen Song also, der es nicht zwin­gend zum Euro­vi­si­on Song Con­test schaf­fen muss. Der aber einen der Grün­de dar­stellt, war­um ich mir mit nie­mals ver­sie­gen­der Begeis­te­rung gan­ze Wochen­en­den vor dem PC um die Ohren schla­ge und es mit buf­fern­den Streams und bizar­ren Aus­zäh­lungs­ri­tua­len in unver­ständ­li­chen Spra­chen auf­neh­me: um von sol­chen hof­fent­lich nie­mals aus­ster­ben­den, klas­si­schen Euro­vi­si­ons­schla­gern ent­schä­digt zu wer­den, die zuneh­mend nur noch im Rah­men der natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen exis­tie­ren. Da sich die von der Push­no­va (erwähn­te ich bereits, wie ger­ne ich die­sen Namen sage?) besun­ge­ne wah­re Lie­be bekannt­lich nicht an Ober­fläch­lich­kei­ten fest­macht, beglei­te­ten sie beim Auf­tritt zwei hin­rei­ßend anzu­schau­en­de, bar­fü­ßi­ge Tän­zer, die mit einer enga­gier­ten Hoch­leis­tungs­cho­reo­gra­fie um das Herz der Inter­pre­tin buhl­ten, wel­che der­weil lie­ber mit dem Kame­ra­mann Händ­chen hielt. Dass die in der Ver­gan­gen­heit nicht unbe­dingt durch beson­de­re Vokal­kraft auf­ge­fal­le­ne Sän­ge­rin trotz eben­falls enga­gier­ten Mit­tan­zens stimm­lich nicht aus der Rei­he fiel, lag vor allem an ihren Backings, die ihr viel Arbeit abnah­men. Und die Arbeit abneh­men, um den Kreis zum Anfang wie­der zu schlie­ßen, soll­te man bit­te auch Wil­liam Lee Adams. Sofort!

Bit­te unbe­dingt jedes Jahr wie­der antre­ten, bit­te stets erneut mit einem hüb­schen Dis­co­schla­ger: Ange­li­ka Push­no­va.

Vor­ent­scheid BY 2020

Frei­tag, 28. Febru­ar 2020, aus den Bela­rus­Film-Stu­di­os in Minsk, Weiss­russ­land. 12 Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Hele­na Mer­aai und Evge­ny Per­lin.
#Interpret:inTitelTVJuryPlatz
01Napo­liDon’t let me down032909
02Sasha Zak­ha­rikRocky Road024308
03Ana­sta­sia Malash­ke­vichInvi­si­ble046405
04Cha­krasLa-ley-la125902
05Nast­ya Gla­moz­daBur­ning again001910
06Nasta­seaHel­lo010911
07Jan YaroshFire068003
08Ange­li­ka Push­no­vaTrue Love054707
09Daria Khmelnit­s­ka­yaOn Fire001312
10AuraBara­ni sva­jo073006
11Key­siChil­li Pep­per086104
12ValDa Vid­na106901

4 Comments

  • usain1

    Das größ­te Rät­sel bei der Bepunk­tung von Wiwi ist für mich eher, war­um er Chi­li Pep­per nicht sei­ne vol­len 12 Punk­te gege­ben hat. It doesn’t get any­mo­re camp than this song.

  • forever

    Der Sie­ger­ti­tel raubt mir kei­ne Ener­gie, gibt mir aber auch kei­ne. Kein Rein­fall, aber auch kein High­light. Füll­ma­te­ri­al.

  • Thomas

    Ich muss ja zu mei­ner Schan­de geste­hen, dass ich die­sen Retro Look und Sound der Sie­ger mag^^
    Trotz­dem wäre mir die Cha­kra-Num­mer auch lie­ber gewe­sen.
    p.s. heult da nicht der Ivan schon wie­der am Anfang?

  • HoferHof

    Ich freue mich wenn beim ESC Lie­der antre­ten die irgend­wie im Hier und Jetzt exis­tie­ren zu schei­nen und die man sich auch ohne dazu­ge­hö­ri­ge Büh­nen­show anhö­ren kann. Von daher bin ich froh dass Val statt Cha­kra gewon­nen haben. Der Song ist cool und läs­sig und ernst­haft eines mei­ner Favo­ri­ten bis­her.

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