Melo­di Grand Prix 2020: der App-Sturz

Was für eine Bla­ma­ge! Groß und gla­mou­rös soll­te es wer­den; in einem tech­ni­schen Fias­ko ende­te es für den nor­we­gi­schen Sen­der NRK, der aus Anlass des sech­zig­jäh­ri­gen Jubi­lä­ums sei­ner stets unter der sel­ben Mar­ke orga­ni­sier­ten Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung Melo­di Grand Prix (liest du mit, NDR?) tief in die Tasche griff und das For­mat auf sechs Shows erwei­ter­te. In fünf regio­na­len Vor­run­den (Nord, Süd, Mit­te, Ost und West, was merk­wür­dig wirkt in einem Land, des­sen Geo­gra­fie eher wurm­för­mig anmu­tet als qua­dra­tisch) sieb­te man aus 20 Kandidat:innen im Duell­ver­fah­ren jeweils eine:n Teilnehmer:in für das gest­ri­ge Fina­le her­aus, wo sie auf wei­te­re fünf fix gesetz­te Konkurrent:innen tra­fen. Bereits in die­sen Vor­run­den zeig­te sich, war­um das MGP aus gutem Grund sonst nur aus einer ein­zi­gen Sen­dung besteht: so viel Talent ver­mag das skan­di­na­vi­sche Land nicht auf­zu­bie­ten, dass sich damit belie­big vie­le Run­den fül­len lie­ßen, das musi­ka­li­sche Ange­bot erwies sich als größ­ten­teils arg dürf­tig. Kein Wun­der, dass der NRK die Zahl der Semifinalist:innen bereits im Vor­feld von 40 auf 20 gekürzt hat­te und die Sen­dun­gen mit lus­ti­gen Archiv­clips über Plei­ten, Pech und Pan­nen aus 60 Jah­ren MGP-Geschich­te streck­te. Das soll­te sich jedoch als schlech­tes Omen erwei­sen…

Wenn Du schon seit 25 Jah­ren unter stän­di­ger Migrä­ne lei­dest: die MGP-Sie­ge­rin Ulrik­ke Brand­s­torp sehnt sich nach ärzt­li­cher Auf­merk­sam­keit.

Die Abstim­mung leg­te der Sen­der in allen sechs Run­den löb­li­cher­wei­se allei­ne in die Hän­de der Zuschauer:innen, die aus­schließ­lich im Netz oder per App votie­ren soll­ten: Tele­fo­ne muten schließ­lich mehr und mehr wie eine obsku­re Stein­zeit­tech­nik an. Dabei kam es jedoch bereits in der ers­ten Vor­run­de zu Pro­ble­men; ein­zel­ne Nutzer:innen berich­te­ten, dass sie im ent­schei­den­den letz­ten Duell nicht für die (dort letzt­lich unter­le­ge­ne) Lisa Børud stim­men konn­ten. Der Sen­der jus­tier­te nach, die rest­li­chen Semis ver­lie­fen pro­blem­los. Bis zum gest­ri­gen Fina­le. Dort bra­chen in der ers­ten Abstim­mungs­run­de unter dem Ansturm der Zuschauer:innen die Ser­ver zusam­men. Als Aus­lö­ser erwies sich dabei iro­ni­scher­wei­se nicht die Voting­funk­ti­on, son­dern die Mög­lich­keit, per App wäh­rend der Live­sen­dung Emo­jis über den Bild­schirm zu schi­cken. Die Norweger:innen nutz­ten die­se Spie­le­rei der­ar­tig inten­siv, dass sie die Rech­ner über­las­te­ten. Eine für Not­fäl­le bereit­ge­hal­te­ne, drei­ßig­köp­fi­ge Zuschauer:innenjury muss­te ein­sprin­gen und bestimm­te ersatz­wei­se, wel­che vier Kan­di­da­tin­nen ins Gold­fi­na­le wei­ter­zie­hen durf­ten. Was natür­lich für einen Auf­schrei sorg­te, zumal besag­te Jury unter einer offen­sicht­li­chen Penis­pho­bie litt und sämt­li­che männ­li­chen Semi­fi­na­lis­ten geschlos­sen aus­sor­tier­te, dar­un­ter meh­re­re poten­ti­el­le Sie­gesaspi­ran­ten.

Auf sei­nem Bio-Bau­ern­hof gilt noch die tra­di­tio­nel­le Rol­len­ver­tei­lung: Magnus Bokn.

So zum Bei­spiel der frü­he­re nor­we­gi­sche Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter Did­rik Sol­li-Tan­gen, der in Beglei­tung sei­nes jün­ge­ren, deut­lich hei­ße­ren Bru­ders Emil mit ‘Out of Air’ eine herr­lich har­mo­nisch gesun­ge­ne, wenn auch arg pom­pös-kleb­ri­ge Neun­zi­ger­jah­re-Boy­band­bal­la­de ablie­fer­te. Dafür aber stimm­te die Che­mie zwi­schen den Geschwis­tern der­ar­tig, dass bei dem­entspre­chend prä­dis­po­nier­ten Zuschauer:innen ver­mut­lich die inzes­tuö­sen Phan­ta­si­en Amok lie­fen. Der bäri­ge, mit unpro­fes­sio­nel­len (Knast?) Unter­arm­tä­to­wie­run­gen über­sä­te Magnus Bokn wie­der­um nähr­te mit sei­ner medi­ä­va­len Insze­nie­rung mit tan­zen­den Mäg­de­lein, Stall­bur­schen und Kin­dern zur kel­tisch anmu­ten­den Kel­ly-Fami­ly-Melo­die von ‘Over the Sea’ mei­nen nagen­den Ver­dacht, dass sich bei den­je­ni­gen, die am ent­schlos­sens­ten auf Hei­le Welt machen, die meis­ten Lei­chen im Kel­ler fin­den. Der mas­si­ge, wie ein Koloss sta­tisch her­um­ste­hen­de Rein Alex­an­der schließ­lich gab uns mit dem musi­cal­haf­ten, wun­der­bar bil­li­gen Schla­ger-Trash-Titel ‘One last Time’ den kriegs­lüs­ter­nen Wikin­ger, wirk­te mit sei­nen ins Haupt- und Bart­haar gefloch­te­nen Zöpf­chen und Exten­si­ons sowie in Beglei­tung von gleich sechs jugend­li­chen, ihn wie Reh­böck­lein in der Früh­lings­brunft umsprin­gen­den Tän­zern doch nur wie das skan­di­na­vi­sche Äqui­va­lent zum grie­chi­schen Sugard­ad­dy von 2010, Gior­gos Alke­os (‘Opa’).

Ras­mus­sens Groß­va­ter Rein Alex­an­der woll­te – anders als sein fried­lie­ben­der Enkel – noch erobern und unter­wer­fen. Behaup­tet er zumin­dest.

Doch sie alle muss­ten drau­ßen blei­ben. Statt ihrer lie­ßen die Juror:innen vier Frau­en ins Gold­fi­na­le wei­ter­zie­hen, drei davon die Sieger:innen der regio­na­len Vor­run­den. Gewin­nen soll­te am Ende jedoch die ein­zi­ge fixe Fina­lis­tin. Nach einem aus­ge­spro­chen hüb­schen Pau­se­nact, in dem nor­we­gi­sche Men­schen aller Alters­klas­sen, zusam­men­ge­stellt zu klei­nen Chö­ren, ein Med­ley hei­mi­scher Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge anstimm­ten, funk­tio­nier­te die Voting-App wie­der, so dass die übri­gen Acts mit Hil­fe der Zuschauer:innen zunächst auf zwei redu­ziert wer­den konn­ten. In der fina­len Abstim­mung stan­den sich die spä­te­re Sie­ge­rin Ulrik­ke Brand­s­torp mit der von ihr selbst sowie von Kje­til Mør­land effek­tiv kom­po­nier­ten und von der sehr ver­knif­fen drein­bli­cken­den Inter­pre­tin her­aus­ra­gend gesun­ge­nen Bal­la­de ‘Atten­ti­on’ und ihre Kon­kur­ren­tin Kris­tin Husøy gegen­über, für deren Mid­tem­po­ti­tel ‘Pray for me’ deren Song­schrei­ber­team zwei Tei­le Gos­pel und einen Teil Coun­try zusam­men­ge­rührt und über dem Lager­feu­er getrock­net hat­te. Das wie­der­um nach Regio­nen auf­ge­schlüs­sel­te Schluss­vo­ting lie­fer­te ein hoch­span­nen­des Kopf-an-Kopf-Ren­nen, illus­trier­te aber auch das Stadt-Land-Gefäl­le: in den sehr dünn besie­del­ten, länd­lich gepräg­ten nörd­li­chen Regio­nen führ­te Frau Husøy. Die ent­schei­den­den Stim­men, mit denen sich die ehe­ma­li­ge Voice-Teil­neh­me­rin Ulrik­ke einen mit weni­ger als einem Pro­zent Vor­sprung wirk­lich hauch­dün­nen Sieg erkämpf­te, kamen aus den süd­li­chen Bal­lungs­räu­men.

Ein Y weni­ger und der Nach­na­me käme einer gen­der­ver­wirr­ten Belei­di­gung gleich: Kris­tin, Söh­nin einer Sex­ar­bei­te­rin.

Viel Auf­wand also für eine kon­ven­tio­nel­le, wenn auch gut gemach­te Euro­vi­si­ons­bal­la­de, die Nor­we­gen in Rot­ter­dam wohl eine mitt­le­re Top-Ten-Plat­zie­rung sichern dürf­te. Und viel Ärger mit den zu Recht erbos­ten, aus­ge­boo­te­ten Fans, zumal sich im Nach­gang her­aus­stell­te, dass die Not-Jury auf Basis der Stu­dio­fas­sun­gen und nicht der Live-Auf­trit­te wer­te­te. Ins­be­son­de­re Fans des Schla­ger-Wikin­gers Rein Alex­an­der schäum­ten, wäre die­ser nach einem vom Bou­le­vard­blatt VG nach­träg­lich durch­ge­führ­ten (und natür­lich nicht reprä­sen­ta­ti­ven) Online-Poll ins Gold­fi­na­le gezo­gen. Hät­te dort aber, auch das gehört zur Wahr­heit, wie­der­um gegen Ulrik­ke Brand­s­torp den Kür­ze­ren gezo­gen, die – und das muss selbst ich als Bal­la­den­has­ser ein­räu­men – frag­los zu Recht sieg­te. Ver­söhn­lich stimm­te immer­hin die anste­cken­de, kind­lich-glaub­haf­te Freu­de der Gewin­ne­rin, die in der Sie­ger­re­pri­se mehr­fach zwi­schen jauch­zen­den Kiek­sern und vol­ler Gesangs­stim­me hin- und her­wech­sel­te und damit mei­nen Groll gegen sie zer­stäub­te.

Vor­ent­scheid NO 2020

Melo­di Grand Prix. Sams­tag, 15. Febru­ar 2019, aus dem Spek­trum in Trond­heim, Nor­we­gen. 10 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Kåre Magnus Bergh, Ingrid Gjes­sing Lin­have, Ron­ny Bre­de Aase.
#Inter­pretTitelJurySil­berGold
01Ray­leeWildQx
02Did­rik + Emil Sol­li-Tan­genOut of Airx
03Magnus BokenOver the Seax
04Aku­vi Kumord­zieSom du erxx
05Kris­tin HusøyPray for meQQ194.667
06Rein Alex­an­derOne last Timex
07Tone Dam­lieHurts some­ti­mesx
08Sond­reyTake my Timex
09Ulrik­ke Brand­s­torpAtten­ti­onQQ200.345
10Liza Vas­si­le­vaI am gayQx

2 Gedanken zu „Melo­di Grand Prix 2020: der App-Sturz“

  1. Mit inzes­tuö­sen Fan­ta­si­en prä­dis­po­nier­te Zuschau­er” bei den Sol­li-Tan­gen Bros – kei­ne Ahnung, wovon Du redest… das Lied war einfach…äh, ja, klar, ganz OK. Und der Text auch. Ehr­lich!

  2. Zum Sie­ger­ti­tel:
    Eine Frau mit hohen Schul­tern und kur­zem Hals presst sich einen ab bei ihrer sehr klas­si­schen, mit Dra­ma über­la­de­nen ESC-Bal­la­de.
    Mehr ist da nicht (gut, sin­gen kann sie natür­lich).

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.