Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Boys do cry

Spü­ren Sie ihn auch, lie­be Leser:innen, den stei­gen­den Adre­na­lin­spie­gel? Kein Wun­der: pünkt­lich zum 1. Febru­ar erhöh­te die lau­fen­de Vor­ent­schei­dungs­sai­son 2020 am gest­ri­gen Super­sams­tag euro­pa­weit die Dreh­zahl und bom­bar­dier­te uns mit gleich vier Semi­fi­na­len, dar­un­ter der ers­ten Run­de des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len. Über­all, so scheint es, kommt man mitt­ler­wei­le in die Gän­ge. Außer in Deutsch­land. In Ham­burg schreck­te man ges­tern nur kurz aus dem euro­vi­sio­nä­ren Dorn­rös­chen­schlaf auf und pos­te­te fol­gen­de Nicht-Info zum hei­mi­schen Vorentscheid:

Und ehr­lich gesagt: ega­ler könn­te es mir mitt­ler­wei­le nicht mehr sein, erwar­te ich vom NDR schon längst nichts mehr außer gele­gent­li­chen ver­se­hent­li­chen Zufalls­tref­fern. Daher flugs wie­der zurück zum gest­ri­gen Super­sams­tag, des­sen wich­tigs­te Show bereits am hell­lich­ten Nach­mit­tag über die Anten­ne ging: im TV-Stu­dio des mol­da­wi­schen Sen­ders TRM näm­lich scheuch­te ein hoch effek­ti­ver Mode­ra­ti­ons­ro­bo­ter in unter zwei Stun­den Sen­de­zeit gan­ze 32 Bei­trä­ge über die ste­ril aus­ge­leuch­te­te Büh­ne, von denen eine fünf­köp­fi­ge Jury nach reif­li­cher Über­le­gung 20 Titel für das zunächst auf der Kip­pe ste­hen­de, nun aber doch statt­fin­den­de Fina­le der O Melo­di pen­tru Euro­pa am 29.02.2020 aus­wähl­te. Ent­täu­schend wenig Trash bot die musi­ka­lisch erstaun­lich gut bestück­te Vor­run­de, wirk­li­che Fehl­grif­fe muss­te man mit der Lupe suchen. Das ist nicht mehr mein Moldawien!

Ein­zig die OMPE-Legen­de Tudor Bum­bac ent­täusch­te nicht und lie­fer­te ver­läss­lich wie immer das High­light der mol­da­wi­schen Auditions.

So blieb es dem legen­dä­ren Tudor Bum­bac vor­be­hal­ten, unter Beweis zu stel­len, dass auch hohes Alter nicht vor schlim­mem Lam­pen­fie­ber schützt. Wie eine hyp­no­ti­sier­te Schild­krö­te im Licht­ke­gel des her­an­na­hen­den Autos stand der mehr­fa­che OMPE-Teil­neh­mer da und brach­te vor Auf­re­gung kaum den Text sei­nes apart-nost­al­gi­schen Schun­kel­schla­gers ‘Te-am vazut în vis pe tine’ her­aus, des­sen Melo­die zu den weni­gen des Nach­mit­tags gehör­te, die man nicht vier Sekun­den spä­ter schon wie­der ver­ges­sen hat­te. Der schöns­te Moment kam aber nach dem vor­letz­ten Refrain: da ver­beug­te sich der rüs­ti­ge Seni­or bereits erleich­tert und bedank­te sich artig – wäh­rend das Play­back im Hin­ter­grund fröh­lich wei­ter lief, denn an die­ser Stel­le war eigent­lich noch eine Rückung vor­ge­se­hen. König­lich! Ähn­lich ging es Iuri Rîbac, dem Astro­nau­ten-Tän­zer von Lidia Isac vom ESC 2016, der heu­er unter dem Künst­ler­na­men Ray Bark und mit einem gera­de­zu hin­rei­ßen­den Spitz­bart antrat. Lei­der drück­te sich sein Song­ti­tel ‘I’m shy’ auch im akus­tisch kaum wahr­nehm­ba­ren Gesang aus. Scha­de drum! Scha­de auch um Mol­da­wi­ens inter­na­tio­nal berüch­tigs­ten Pop­star, Sasha Bogni­bov, den die ein­hei­mi­sche Jury – wie jedes Jahr – erneut stumpf aus­sor­tier­te. Wobei: im Hin­blick auf sei­ne unge­len­ken Ver­ren­kun­gen, die dün­ne, brü­chi­ge Stim­me und vor allem Sashas ver­stö­ren­dem Seri­en­mör­der-Blick soll­te die­se Ent­schei­dung als Beru­hi­gung für alle die­nen, die vor­ha­ben, im Mai nach Rot­ter­dam zu reisen.

Wir wis­sen nicht, wel­che Dro­gen der Bogni­bov so ein­wirft. Aber es sind zu vie­le und die falschen.

Von den ins Fina­le dele­gier­ten Künst­lern ver­dient vor allem Dima Jele­zoglo eine loben­de Erwäh­nung, der mit ‘Do it slow’ nicht nur einen gran­dio­sen, apart vor­ge­jo­del­ten osma­no­phi­len Eth­no-Dis­co-Stamp­fer prä­sen­tier­te, son­dern dazu auch beson­ders betö­rend sei­ne schma­len Hüf­ten wieg­te. Eine drin­gen­de War­nung daher an mei­ne hete­ro­se­xu­el­len männ­li­chen Leser: wer bei die­sem Auf­tritt län­ger als 30 Sekun­den zuschaut, wird unver­meid­lich schwul! Der einst­mals so sexy aus­schau­en­de Pasha Par­fe­ny ließ in Sachen Fri­sur und Out­fit den deut­schen Schla­ger­sän­ger Wolf­gang Petry wie­der auf­er­ste­hen – ein scho­ckie­ren­der modi­scher Miss­griff! Über sei­nen arg unstruk­tu­rier­ten Song loh­nen sich die Wor­te nicht. Ohne­hin kann es nur eine Wahl für Rot­ter­dam geben: den herr­lich tra­shi­gen Eth­no­stam­pfer ‘Dale Dale’ von Dia­na Rotaru! Aller­dings steht zu befürch­ten, dass statt ihrer Nata­lia Gor­di­en­ko das Ticket in die Nie­der­lan­de bereits in den Hän­den hält: ihr uner­träg­lich zähes Mid­tem­po-Gekrei­sche ‘Pri­son’ näm­lich stammt aus der Feder des rus­si­schen Schla­ge­ro­lig­ar­chen Phil­ip Kir­ko­rov, und der kauft sich sei­ne Euro­vi­si­ons­teil­nah­me ger­ne zum Vor­zugs­preis im finan­zi­ell schlecht betuch­ten Mol­da­wi­en, wo die Juro­ren güns­tig zu bestechen und das Tele­vo­ting bereits mit gerin­gem peku­niä­rem Ein­satz aus­zu­he­beln ist. Aber die Hoff­nung stirbt bekannt­lich zuletzt.

Wun­der­hübsch: Dima Jele­zog­lu als ver­zau­ber­ter Dschinn.

Und damit nach Schwe­den. Die Auf­takt­run­de des dies­jäh­ri­gen Melo­di­fes­ti­va­len lie­fer­te nur weni­ge star­ke Pop­me­lo­dien und unge­wohnt viel erschre­ckend schwa­che Gesangs­leis­tun­gen. So zum Bei­spiel beim Schön­ling Robin Beng­ts­son, der mitt­ler­wei­le vor lau­ter Botox kaum noch aus den Augen zu schau­en ver­mag, und der sich ins­be­son­de­re in den höhe­ren Stimm­la­gen sei­nes mit­tel­mä­ßi­gen Pop­stamp­fers ‘Take a Chan­ce’ (das im Text fol­ge­rich­tig fol­gen­de “…on me” ließ man aus berech­tig­ter Angst vor Ver­glei­chen mit Abbas gleich­na­mi­gem legen­dä­rem Klas­si­ker im Titel weg) hoff­nungs­los über­for­dert zeig­te, wovon weder die apar­te Gesichts­be­haa­rung abzu­len­ken ver­moch­te noch der Augen­krebs erzeu­gen­de French Tuck sei­nes Sei­den­hem­des (hin­ten strack rein­ge­stopft, vor­ne wüls­tig über­hän­gend). Den­noch kam er ins Fina­le wei­ter, anders als sein stärks­ter Kon­kur­rent um die Östro­gen­stim­me, Felix Sand­man. Der blieb immer­hin inner­halb sei­ner eben­so limi­tier­ten Ran­ge und mur­mel­te den klu­gen Text sei­ner musi­ka­lisch lei­der eher ega­len Hym­ne gegen toxi­sche Mas­ku­lini­tät mehr, als ihn zu sin­gen. Ein Text übri­gens, und das mei­ne ich völ­lig uniro­nisch, der unbe­dingt Ein­zug in sämt­li­che euro­päi­schen Schul­bü­cher hal­ten soll­te. Denn dass sich gan­ze 40 Jah­re nach mei­ner Jugend an den Zustän­den schein­bar noch immer nichts geän­dert hat, ist erschre­ckend, beschä­mend und desillusionierend.

Bit­te, bit­te, bit­te lasst Män­ner end­lich Men­schen sein und ihre Gefüh­le zeigen!

Ein Land wei­ter, in Nor­we­gen, ent­führ­te uns die MGP-Vor­run­den­teil­neh­me­rin Hege Bje­rkreim in die bun­te Welt der Acht­zi­ger­jah­re-Video­spie­le und turn­te als drei­di­men­sio­na­les Comic-Stern­chen ‘Pang’ durch die Gegend, beglei­tet von einem spa­ci­gen Elek­tro­tra­ck, der lei­der eine gute hal­be Minu­te zu lan­ge daher kam, um zu reüs­sie­ren. Sie ver­lor ihr Duell gegen die Nor­dic Tenors, die in ihrem alle Alarm­si­gna­le aus­lö­sen­den Pope­ra-Schleim­prop­fen ‘In this spe­cial Place’ von der Suche nach der einen Per­son fürs Leben sülz­ten, die sie sie schließ­lich wo fan­den? “At this spe­cial Place cal­led Home”, wie sie in der letz­ten Song­zei­le auf­lös­ten. Ein Hohe­lied also auf den Inzest? Schaut man sich die Drei so an, glaubt man es sofort. Wobei nur die Fra­ge bliebt, ob sie unter­ein­an­der oder doch mit der Mut­ter… las­sen wir das. Die­sen erschüt­tern­den Ein­bli­cken in die Abgrün­de der nor­we­gi­schen Land­be­völ­ke­rung setz­te der sieg­rei­che, an allen offen sicht­ba­ren Kör­per­stel­len mit Tat­toos min­de­rer Güte bemal­te, sehr dezent und sehr nied­lich lis­peln­de Kuschel­wi­kin­ger Magnus Bokn mit ‘Over the Sea’ eine wohl­tu­end put­zi­ge Coun­try­me­lo­dei ent­ge­gen, die dank der kom­po­si­to­ri­schen Mit­tä­ter­schaft von JoWSt und Alex­an­der Rybak mit genü­gend rhyth­mi­schem Bumms und Vio­lin­ge­fie­del auf­war­ten konn­te, um zu Recht ins Fina­le der Melo­di Grand Prix wei­ter­zu­zie­hen. Wobei auch der von Bokns Back­grounds insze­nier­ten, keim­frei­en Kel­ly-Fami­ly-Idyl­le etwas zutiefst Beun­ru­hi­gen­des inne­wohnt. Aber manch­mal tut es bereits das etwas weni­ger Gruselige.

Bart, Bäuch­lein, Brust­be­haa­rung: als beken­nen­der Bär­chen­fe­ti­schist bin ich leicht zu haben für Magnus Bokn.

Bleibt abschlie­ßend noch Litau­en, wo es ges­tern Abend im ers­ten von zwei Semi­fi­nals von Paban­dom iš nau­jo! den offen schwu­len Gen­der-Ben­der-Künst­ler Alen Chic­co schräg­te. Und das, obwohl er sein düs­ter-dra­ma­ti­sches, stimm­lich anspruchs­voll kon­stru­ier­tes Mach­werk ‘Some­whe­re out the­re’ sehr viel kla­rer auf den Punkt gesun­gen prä­sen­tier­te als noch in der ers­ten Vor­run­de und sich anstel­le des dort ver­wen­den­den, eher ver­stö­ren­den Ali­en-Make-ups für eine dezen­te­re, aber noch immer deut­lich als queer zu erken­nen­de Kriegs­be­ma­lung ent­schie­den hat­te. Den­noch soll­te es nur für den sechs­ten von neun Rän­gen rei­chen, übri­gens bei Jury wie Publi­kum glei­cher­ma­ßen. Zu kom­pli­ziert und zu wenig ein­gän­gig war die Num­mer womög­lich, und west­li­che Ohren wie mei­ne konn­ten sich auch nicht am Text fest­klam­mern, da – wie so oft jen­seits der Oder-Nei­ße-Linie – es schon schwie­rig schien, über­haupt nur die Gesangs­spra­che fest­zu­ma­chen. Ich weiß, dass die EBU sich ungern in die natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen ein­mischt, aber könn­te sie nicht den­noch dort dem­nächst eng­li­sche Unter­ti­tel ver­bind­lich vor­schrei­ben? Bit­te? Net­flix kann das doch auch!

Man möch­te Alen Chic­co Fleiß­punk­te für anspruchs­vol­le Musik und Gesang ver­lei­hen. In mei­ne Play­list kommt ‘Some­whe­re out the­re’ den­noch nicht.

Eine ungu­te Vor­ah­nung für das Euro­vi­zi­jos-Fina­le in 14 Tagen warf das Abstim­mungs­er­geb­nis der Wei­ter­rü­cker auf: zwar ent­schie­den sich die Zuschauer:innen mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit für das gran­dio­se ‘On Fire’ von The Roop, das mit einer der­ar­tig fan­tas­ti­schen, hal­bi­ro­nisch-über­wäl­ti­gen­den Cho­reo­gra­fie auf­war­te­te, dass man selbst über die unver­meid­li­chen, eigent­lich seit 1990 nicht mehr tole­ra­blen Fire-Desi­re-Rei­me hin­weg­se­hen konn­te. Doch die Jury bevor­zug­te die ewi­ge Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­me­rin Ais­tė Pil­vely­tė und ihre von Tho­mas G:sson ver­bro­che­ne, auch erst zum unge­fähr zwei Mil­li­ons­ten Mal gehör­te Fließ­band­num­mer ‘Unbreaka­ble’, die nun wirk­lich klingt, als habe jemand sämt­li­che schwe­di­schen Grand-Prix-Schla­ger von 1961 bis heu­te in einen Mixer geschüt­tet und ein­mal kräf­tig durch­ge­rührt. Natür­lich durf­te auch die Wind­ma­schi­ne nicht feh­len! Lei­der genießt bei Punk­te­gleich­heit in Litau­en das Pla­zet der Jury Vor­rang, so dass zu befürch­ten steht, dass der geis­tes­schwa­che Sen­der LRT den gene­ri­schen Mum­pitz auch im Fina­le mit Gewalt durch­drü­cken könn­te. Und wenn nur aus dem Grund, um Frau Pil­vely­tė end­lich von wei­te­ren Bewer­bun­gen abzu­hal­ten, ähn­lich wie es HRT bereits (ver­geb­lich) mit Jac­ques Hou­dek ver­such­te. Bit­te Herr, wirf Hirn vom Himmel!

Bil­al Hassa­ni hat ange­ru­fen und will sei­ne hand­ge­spiel­te Kro­ne zurück: The Roop.

2 Comments

  • Her­lich wie immer. Danke!
    Du soll­test echt mal ein buch schrei­ben, würd ich sofort kaufen.
    Ich glau­be, mit “the roop“hätten wir den ers­ten kan­di­ta­ten, der in rot­ter­dam ganz vor­ne mit­mi­schen könn­te. Aber ich lie­be halt auch schwe­den­schla­ger, ger­ne auch in über­do­sis. Ais­té hät­te zwar in rot­ter­dam weni­ger chan­cen, mir gefällts trotz­dem tiptop.

  • Vie­len Dank! Das Buch gab’s übri­gens bereits (gemein­sam mit Mario Lack­ner), hieß “Frie­de, Freu­de, Quo­ten­brin­ger” und ist 2015 in klei­ner Auf­la­ge erschie­nen. Ist aber kom­plett vergriffen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.