Schweiz 2020: The Rain! The Rain! Cry­ing!

Und noch eine Bal­la­de! Nach­dem das Schwei­zer Fern­se­hen 2019 mit einem her­vor­ra­gend insze­nier­ten Uptem­po-Ban­ger erst­mals seit einem guten Jahr­zehnt das tie­fe Tal der Trä­nen ver­ließ, ent­schied man sich beim SRG heu­er für ein ent­ge­gen­ge­setz­tes Kon­zept. Erneut bestimm­te man den Inter­pre­ten intern: der heißt Gjon Muhar­re­maj, stammt gebür­tig aus dem fran­zö­sisch­spra­chi­gen Kan­ton Fri­bourg und nahm natür­lich schon an The Voice teil, in Frank­reich. Sein Künst­ler­na­me lau­tet Gjon’s Tears und macht bereits deut­lich klar, wohin die Rei­se geht. Fol­ge­rich­tig besteht ‘Répon­dez-moi’ (‘Ant­wor­tet mir’), sein Bei­trag für Rot­ter­dam, aus drei Minu­ten hoch­ele­gan­tem Sad­boi-Gejam­mer, das sich zu einem recht zurück­ge­nom­me­nen, moll­las­ti­gen Musik­bett stimm­lich in gera­de­zu alpi­ne Höhen schraubt. Es passt zur trü­ben Stim­mung des Lie­des, dass es im heu­te prä­sen­tier­ten Musik­vi­deo prak­tisch unun­ter­bro­chen auf den Sän­ger herr­un­ter­reg­net und ‑schneit. Denn der jun­ge Hel­ve­te mit den koso­vo-alba­ni­schen Wur­zeln schreit sich in sei­nem Text Exis­ten­zi­el­les von der See­le: mit “Ici Étran­ger / Là-bas Étran­ger” (“Hier ein Frem­der, dort ein Frem­der”) besingt er das Lebens­ge­fühl vie­ler Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die weder in ihrem Geburts­land noch in der Hei­mat ihrer Eltern so rich­tig dazu­ge­hö­ren. War­um eigent­lich? Dar­auf ver­langt Gjon von uns allen eine Ant­wort, und zwar zu Recht.

Trotz schlim­mer Scham­haar­fri­sur und Bal­la­den­flut: der berüh­ren­de Text und die fan­tas­ti­sche Stim­me von Gjon Muhar­re­maj machen den Schwei­zer Bei­trag zu etwas Beson­de­rem.

9 Gedanken zu „Schweiz 2020: The Rain! The Rain! Cry­ing!“

  1. Wenn du dich in einer ruhi­gen minu­te mal hin­setzt, merkst du auch, das die “bal­la­den­flut” gar kei­ne ist. Die up-und mid­tem­po songs sind in der über­zahl. Gjon wird die zuschau­er in rot­ter­dam ver­zau­bern und ähn­lich wie sal­va­dor sobral ein­schla­gen.

  2. Bal­la­de ist auch zum Glück nicht gleich Bal­la­de. Die­se gehört für mich zud en hoch­wer­tigs­ten die­ses Jahr­gangs.

  3. Gra­tu­la­ti­on an Gjon und die Schweiz, einer der bes­ten Songs des Jahr­gangs.
    Wird hof­fent­lich auch in Rot­ter­dam ange­mes­sen gewür­digt, Fina­le soll­te sicher sein.

  4. Wie bit­te? Der Haus­herr bemän­gelt nicht den irgend­wie feh­len­den Refrain? Hät­te ich nicht gedacht.

    Ehr­lich gesagt habe ich was die Erfolgs­aus­sich­ten beim ESC angeht, so gar kei­ne rich­ti­ge Visi­on. Kann funk­tio­nie­ren und in die Top 10 gehen oder auch abschmie­ren. Mir per­sön­lich zum Ende hin etwas zu sehr drü­ber, was auch von ande­ren so emp­fun­den wer­den könn­te.
    Einen kom­mer­zi­el­len Erfolg sehe ich hier defi­ni­tiv genau­so wenig wie vie­le Ein­sät­ze im Radio.
    Aber: Viel Glück, Schweiz.

  5. @Rainer1 zum The­ma “Bal­la­den­flut”:
    Die Ein­ord­nung in ein Gen­re ist ja nicht immer so ganz ein­deu­tig. Inso­fern kann man mit­un­ter strei­ten, wo eine Bal­la­de auf­hört und eine Mid­tem­po-Num­mer anfängt.
    Auf­fäl­lig an die­sem Jahr­gang ist aber schon, dass, wür­de man ein durch­schnitt­li­ches Tem­po aller bis­he­ri­gen Bei­trä­ge her­aus­fil­tern, die­ses heu­er unge­wöhn­lich lang­sam wäre.

  6. Ich den­ke die Schweiz wird es mit dem Song sehr, sehr schwer haben, den Erfolg von 2019 zu wie­der­ho­len. Fran­zö­sisch als Gesangs­spra­che ist schon seit Jahr­zehn­ten total out. Das kann man gut fin­den oder nicht, ist aber so. Selbst die Fran­zo­sen sin­gen nicht mehr kom­plett in Fran­zö­sisch. Da bin ich mal froh, das Deutsch­land und Öster­reich nen ande­ren Weg als mit ner Bal­la­den. Und ich fin­de nicht das der Jahr­gang zu bal­la­desk ist. Sind Aus­tra­li­en oder Lett­land etwa Bal­la­den? Was ist mit Weiß­russ­land? Ich fin­de ihn dafür, das letz­tes Jahr eine Bal­la­de gewon­nen hat, doch sehr abwechs­lungs­reich und es sind mehr schrä­ge Num­mern dabei als letz­tes Jahr.

  7. Viel­leicht noch mal zum The­ma der von mir beklag­ten Bal­la­den­flut: da gilt für mich nach wie vor die Defi­ni­ti­on “If I can’t dance to it, it’s a Bal­lad”. Mid­tem­po-Num­mern zäh­len für mich zur sel­ben unge­lieb­ten Kate­go­rie; streng­ge­nom­men sind sie die Höchst­stra­fe.

    Es ist ja nicht so, dass ich Bal­la­den grund­sätz­lich has­se, es gibt etli­che wirk­lich ster­bens­schö­ne lang­sa­me Lie­der. Bal­kan­bal­la­den gehö­ren dazu, aber auch den Schwei­zer Bei­trag oder den aus Hol­land mag ich ja. Wobei den­noch mei­ne per­sön­li­che Tole­ranz­ober­gren­ze bei zwei Bal­la­den pro Jahr­gang liegt, alles dar­über hin­aus ist mir Zumu­tung, ergo “Flut”.

    Mit was ich aber so gar nichts anfan­gen kann, ist der in die­sem Jahr omni­prä­sen­te Mid­tem­po­seich. Das ist nicht Fleisch noch Fisch. Ich kann dazu weder ergrif­fen mit­schluch­zen noch die Hän­de ent­fes­selt in die Luft wer­fen und tan­zen. Da liegt mei­ne Tole­ranz­gren­ze bei Null, jeder ein­zel­ne Mid­tem­po­bei­trag ist also einer zu viel.

  8. der schwei­zer bei­trag ist das berüh­rends­te, was ich in den letz­ten jah­ren beim esc so gehört habe. eine groß­ar­ti­ge num­mer – und natür­lich über­haupt nichts für kom­merz und/oder radio. aber mich bringt´s an den rand der fas­sung – was will ich mehr von musik (wenn es mir nicht um´s tan­zen geht)? ob euro­pa das mag, ist mir wurscht.

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