DE 2018: Oh mein Papa

Es war eine Art von Kulturkampf, die sich gestern Abend beim deutschen Eurovisionsvorentscheid vor den Augen der Nation entfaltete: während die Discounter Aldi Nord und Aldi Süd gerade eine künftig stärkere Zusammenarbeit ankündigten und damit die langlebigste innerdeutsche Grenze in Frage stellen, den Aldi-Äquator nämlich, lebte dieser bei Unser Lied für Lissabon gewissermaßen fort. Norddeutsches Understatement gegen hemmungslose alpine Skihütten-Party lautete der Zweikampf. Und während der bollerige Schuhplattl-Spaß von voXXclub in Sachen Auffälligkeit und Unverwechselbarkeit die risikoreichere und damit international womöglich bessere Wahl gewesen wäre, entschied sich das Publikum im Verbund mit gleich zwei Jurys für die edsheeraneske Ballade ‚You let me walk alone‘ des Buxtehuders Michael Schulte.

Berührte durch echte Emotionen: Michael Schulte.

weiterlesenDE 2018: Oh mein Papa

Was wird Unser Lied für Lissabon?

So, heute Abend gilt’s. In gut vier Stunden beginnt er, der deutsche Vorentscheid 2018 unter dem schönen Titel Unser Lied für Lissabon. Fleißig schraubte der NDR nach den wenig ruhmreichen Ergebnisse der Vorjahre an der Vorauswahl der sechs Teilnehmer/innen der heute Abend aus Berlin-Adlershof gesendeten und sowohl im Ersten wie auf dem Digitalsender One übertragenen Show. Eine aus jungen Fans plus eine aus internationalen ESC-Juroren und -Teilnehmer/innen wie z.B. Margaret Berger (NO 2013) zusammengesetzte Jury waren an der Auswahl beteiligt und dürften auch beide in der heutigen Sendung zu jeweils einem Drittel mitstimmen. Ausdrücklich suchte der NDR-Verantwortliche Thomas Schreiber diesmal „kantige“ Acts, um den in den letzten Jahren unweigerlichen letzten Plätzen mit miserabler Mainstream-Mucke endlich zu entkommen. Daneben veranstaltete der NDR ein Songwriting-Camp, bei dem international erfolgreiche Komponisten (unter ihnen der finnische ESC-Teilnehmer von 2011Paradise Oskar) und Produzenten den ausgewählten Super Sechs zur Seite standen. Bei der Hälfte der Titel schrieben sie letztlich mit. Ob es was gebracht hat? Urteilen Sie selbst: Das sind unsere Lieder für Lissabon in Startreihenfolge.

weiterlesenWas wird Unser Lied für Lissabon?

RS 2018: Der Flötenschlumpf fängt an

Wenn die Serben etwas machen, dann machen sie es richtig! Nach zwei eher enttäuschenden internen Interpretenauswahlen ließ es der Sender RTS beim diesjährigen nationalen Vorentscheid unter dem historischen Titel ‚Beovizija‘ richtig krachen. Gleich 17 Beiträge bot man auf, die fast allesamt auf das Prächtigste unterhielten und den Fan des gepflegten Ethno-Popschlagers in einen dermaßenen Glücksrausch versetzten, als sei er versehentlich über Nacht in der Süßwarenabteilung des Kaufhauses eingeschlossen. Mindestens sechs absolute Lieblingslieder, die allesamt hätten gewinnen dürfen, zählte ich am Ende, und mit dem folkloristisch instrumentierten, klageweiberhaft dahingejammerten, druckvollen Balkanklopper ‚Nova Deca‘ (‚Neue Kinder‘) des 66jährigen zauselbärtigen Komponisten Sanja Ilić und seiner Formation Balkanika siegte dann, ungewöhnlich genug, sogar eines davon. Der optisch ein wenig an Vader Abraham erinnernde Ilić, der Flötenschlumpf der Kapelle, verfügt als Songschreiber bereits über Eurovisionserfahrung: aus seiner Feder stammt das ungleich fadere ‚Halo, Halo‘ (→ YU 1982).

Der schmucke vollbärtige Glatzkopf in der Mitte heißt übrigens Nemanja Kojić. Als „Hornsman Coyote“ macht er sonst in Reggae, Dub und Trash-Metal. Das nenne ich mal versatil!

weiterlesenRS 2018: Der Flötenschlumpf fängt an

San Marino: Give me Chance to refinance

Eine kostspielige Angelegenheit ist die Teilnahme am Eurovision Song Contest, und gerade die TV-Stationen kleinerer und finanzschwächerer Länder müssen hier oft kreative Wege gehen. So wie die gerade mal 30.000 Einwohner starke Winz-Republik San Marino. Jahrelang ließ man sich dort den Beitrag von Ralph Siegel bereitstellen und bezahlen, was einer gewissen Valentina Monetta (→ SM 2012, 2013, 2014, 2017) zu fragwürdiger Berühmtheit verhalf. In diesem Jahr legte das sanmarinesische Fernsehen die Verantwortung in die Hände des österreichischen Musikproduzenten Christoph Straub, des Vaters von Zoë (→ AT 2016), die ihrerseits als Co-Komponistin an fast allen Titeln des Vorentscheidungsformats 1in360 beteiligt ist. Und gleichzeitig der Jury vorsitzt, die über nämliche Lieder urteilt. Vater Straub, der unter anderem die Crowdsharing-Plattform Global Rockstar betreibt, versucht nun, sich einen Teil seiner Ausgaben bei den Fans wiederzuholen: wer beim 1in360Finale am 3. März 2018 als Zuschauer/in mitvoten möchte, muss dazu Anteile an dem Song kaufen, den er unterstützen möchte. Mindestinvestment laut Website: 40 Euro.

Singt die sanfte Ballade ‚Stay‘: der Deutsche Sebastian Schmidt will für San Marino zum Eurovision Song Contest 2018.

weiterlesenSan Marino: Give me Chance to refinance

Perlen der Vorentscheidungen: Ein Fisch namens Dracula

Am vergangenen Sonntag ging im Gastgeberland des diesjährigen Eurovision Song Contest, in Portugal, die erste von zwei Halbfinalen des Festival da Canção über die Bühne. Auf der Halbinsel glaubt man noch fest an das Konzept des → Komponistenwettbewerbs, und so lud der Sender 26 Songschreiber ein, ein Lied für Lissabon zu komponieren und entweder selbst zu singen oder einen passenden Interpreten mitzubringen. Die Hälfte von ihnen, also 13, durften gestern ihre Ergebnisse vorstellen. Und wie zu erwarten, wurde es ein langer, lahmer Abend voll von sanften Balladen und introvertierten Auftritten. Wie ein Fanal stach da die völlig bizarre Darbietung des Singer-Songwriters JP Simões hervor, der – Halbplayback oder technischer Trick? – zweistimmig gewissermaßen gegen sich selbst sang und dabei vollkommen stoisch wirkte, auch als sein ohnehin ziemlich schräger, irgendwie latent bedrohlicher Beitrag ‚Alvoroço‘ (‚Hooligan‘) an der Zwei-Minuten-Marke plötzlich in eine wilde Kakophonie aus schrillen Trompeten und sich überschlagenden Trommeln abdriftete, begleitet von einem epilepsieauslösenden Blitzlichtstakkato. Ungerührt starrt JP weiter mit seinem „Verpiss Dich“-Blick in die Kameras und brachte die Nummer zurück in ruhigere Fahrwasser. Ganz großes Grand-Prix-Kino!

JP: der verheimlichte, noch bösere Zwillingsbruder des Film-Schurken Otto (Kevin Kline) aus ‚Ein Fisch namens Wanda‘ (PT).

weiterlesenPerlen der Vorentscheidungen: Ein Fisch namens Dracula

Hörprobe: unsere Lieder für Lissabon

Der Datumsgrenze, den Wundern des World Wide Web und den findigen Prinzen sei Dank können wir seit heute Abend bereits in fünf der sechs deutschen Vorentscheidungsbeiträge 2018 hineinhören. Denn bei iTunes stehen die Lieder zum Stichtag weltweit zum Probehören (und kaufen) parat, und da es in Neuseeland bereits seit 18 Uhr deutscher Zeit Dienstag ist, kommen wir bereits jetzt in den Genuss von neunzigsekündigen Ausschnitten aus den Songs. Grund genug für ein erstes, überraschend erfreuliches Probehören und natürlich ein spontanes Ranking, von dem lediglich Ryks ‚You and I‘ ausgenommen bleiben muss. Denn der Titel fehlt aus unbekanntem Grunde noch. Daher nachfolgend die aufrechtgehn.de-Top 5 der Unser-Lied-für-Lissabon-Beiträge!

weiterlesenHörprobe: unsere Lieder für Lissabon

Fünfter Supersamstag 2018, Teil 2: morgens bin ich immer müde

Bin ich mittlerweile einfach zu verwöhnt, zu überkritisch? Ist es vermessen von mir, zu verlangen, dass das Rad mit jeder Performance neu erfunden wird? Kann ich mich mit meiner ständigen Originalitätserwartung einfach nicht mehr erfreuen an solide gemachten Liedern und Auftritten? Oder woran liegt es, dass mir das Melodifestivalen, der heilige Gral der Eurovisionsvorentscheidungen, in diesem Jahr so über die Maßen lahm vorkommt, die Songs so schwach, die Darbietungen so uninspiriert? So, als läge eine einzige, abgrundtiefe Müdigkeit über dem schwedischen Vorauswahlverfahren, ein Mehltau, über den keine Choreografie, kein Glanz und Glitter mehr hinwegtäuschen kann? Am augenfälligsten wehte dieser Eindruck am gestrigen Samstagabend beim Auftritt der im dritten MF-Semi Letztplatzierten Barbi Escobar herüber, die ein wenig aussah wie Sabrina Setlur (→ Vorentscheid DE 2004) nach exzessivem Schlafentzug: so fahl und ausgezehrt, dass man sich nicht wunderte, warum sie für ihren Titel ‚Stark‘ das wichtigste Requisit vergaß, nämlich einen Refrain. Da half es auch nichts mehr, dass ihre Tänzer/innen versuchten, auf der Mello-Bühne neue Langstreckenrekorde aufzustellen.

Lass mich raten, Barbi: Dein Kind ist jetzt vier Monate alt und Du hast seit der Geburt kein Auge mehr zugemacht (SE)?

weiterlesenFünfter Supersamstag 2018, Teil 2: morgens bin ich immer müde

Fünfter Supersamstag 2018, Teil 1: schönes Haar ist Dir gegeben

Es war ein Abend der endlosen eurovisionären Überforderung, der gestrige Supersamstag, an dem gleich acht Vorrunden und ein nationales Finale gleichzeitig um die Aufmerksamkeit des Grand-Prix-Fans rangen. Darunter mit den Semis der slowenischen EMA und der Eesti Laul diejenigen aus gleich zwei meiner liebsten Perlen-vor-die-Säue-Ländern, in denen jedes Jahr die allerschönsten Lieder unter die Räder kommen und stattdessen (fast) immer der größte Mist zum Song Contest geschickt wird. Die Esten trugen ihre Finalchancen ja bereits vergangenen Samstag zu Grabe (und vergaben gestern eine weitere Gelegenheit), in Ljubljana hingegen rettete man zu meinem großen Erstaunen gleich mehrere vielversprechende Titel ins EMA-Finale. Dennoch musste die Hälfte der 16 im EMA-Semi vorgestellten Songs draußen bleiben, und auch unter ihnen fanden sich Musterbeispiele dafür, was den Vorentscheid des ehemals jugoslawischen Bundeslands so wertvoll macht: der unerschütterliche Glaube nämlich an essentielle eurovisionäre Grundgerüste wie die Synchrontanz-Choreografie, die Windmaschine und das Bühnenrequisit, vor allem aber an musikalische Tugenden wie zügiges Tempo und eine Melodie.

Nuša Derenda hat angerufen und will ihr Bühnenoutfit zurück: die komplementärfarbene Anabel (SI).

weiterlesenFünfter Supersamstag 2018, Teil 1: schönes Haar ist Dir gegeben

ME 2018: Vanja spielt auf dem Bajan

Dass sich Kultur nicht demokratisch organisieren lässt, belegte heute Abend der erstmals seit zehn Jahren wieder ausgetragene offene Vorentscheid des rund 600.000 Einwohner starken Balkanstaates Montenegro. Bis dato bestimmte der Sender RTCG seine Eurovisionsvertreter/innen nämlich direkt und traf dabei oft sehr mutige Entscheidungen, die das kleine Land zu einem Innovationsmotoren des Grand Prix machten, auch wenn sich das leider nur selten in adäquaten Platzierungen auszahlte. Nun sollte es 2018 die Montevizija sein, bei der fünf durch die Bank schwache Songs um die Gunst der alleine entscheidungsberechtigten Zuschauer/innen buhlten. Es gewann der einzige Mann, der trotz seiner über 30 Jahre sehr bübchenhaft wirkende Vanja Radovanović mit seiner eigenkomponierten, klassischen Balkanballade ‚Inje‘ (‚Raureif‘): ein düster gestimmtes Klavier leitet eine verhaltene erste Strophe ein, die sanft mäandernd in einen violingeschwängerten Refrain mündet. In welchem der vom Band kommende Chor den eine Art von Hotelpagenuniform tragenden Vanja beinahe erschlägt. Und auch eine → Rückung darf nicht fehlen, die mit der Zwei-Minuten-Marke sogar recht früh in Lied daherkommt.

Das wäre wohl selbst Željko Joksimović (RS 2004, 2012) zu altbacken und kitschig: Vanja sülzt sich die Seele aus dem Leib.

weiterlesenME 2018: Vanja spielt auf dem Bajan

BY 2018: Chasing Russians

Sie haben schon einen besonderen Sinn für Humor, die Belarussen. Einen großen nationalen Vorentscheid aufzuziehen mit zehn Teilnehmer/innen und noch einmal zehn Interval Acts, und das alles, obwohl der Beitrag für Lissabon bereits lange vorher feststand: sicherheitshalber mit zwei Mal 12 Punkten im Tele- und Juryvoting siegte heute Abend erwartungsgemäß der in Moskau lebende Ukrainer Nikita Alekseev mit dem umstrittenen Titel ‚Forever‘. Mit dem bewarb er sich zunächst erfolglos beim Vorsingen in seinem Herkunftsland und wechselte, als er dort abblitzte, nach Minsk. Das sorgte für erheblichen Unmut bei den weißrussischen Konkurrent/innen; sechs von ihnen drohten mit Boykott (und eine zog es tatsächlich durch), falls er nicht ausgeschlossen würde, da er den Song in einer russischen Sprachfassung bereits vor dem 1. September 2017 live auf Konzerten gesungen habe. Alekseevs Produzenten schraubten daraufhin so lange an dem Beitrag herum, bis er sich genügend von der beanstandeten Live-Version unterschied. Und trieben ihm dabei auch noch das letzte bisschen an melodischer Harmonie aus.

Wenn es in Lissabon schon keine LED-Wand gibt, dann bringt Alekseev halt eine LED-Jacke mit.

weiterlesenBY 2018: Chasing Russians