ESC 1959: Mancher jodelt noch im Schlaf

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1959: Das Jahr der Revuen

Nein, eine Vorentscheidung hätten sie nicht mitgemacht, die zu diesem Zeitpunkt schon international erfolgreichen Synchrontänzerinnen und -ausseherinnen Alice und Ellen Kessler, also gab es 1959 keine: der Hessische Rundfunk bestimmte sie direkt zu unseren Vertreterinnen in Cannes. Deutschlands bekannteste eineiige Zwillinge, die in einem NDR-Interview später behaupteten, zu diesem Auftritt vertraglich gezwungen worden zu sein, stellten aber noch weitere Bedingungen: ‚Heute möcht‘ ich bummeln‘, wie das Lied zunächst heißen sollte, erschien ihnen als Titel zu brav, die naheliegende Abwandlung ‚Heute möcht’ ich fummeln‘ hingegen vielleicht doch etwas zu direkt, also frisierte ihre Textdichterin Astrid Voltmann den Song in ‚Heut‘ Abend möcht‘ ich tanzen gehn‘ um. Trotz all der Änderungen empfanden die Beiden die Nummer aber als „nicht gut“. Da muss ich doch entschieden widersprechen!

Da wackeln die Wände: die Kesslers rocken das Haus! (DE)

Denn auch wenn es musikalisch sehr nach Revue klang, wie übrigens alle Beiträge dieses Eurovisionsjahrganges: textlich kam ihr Song einer kleinen Revolution gleich. Dass die Dame den Herrn zum Tanz aufforderte, das stellte in den sittenstrengen Fünfzigern die moralischen Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf. Zumal noch eingeleitet von einem flapsigen „Hallo, Boy“ (was ihnen, wie Jan Feddersen recherchierte, ob des Anglizismus flammende Protestbriefe erzürnter Sprachpuristen eintrug) und einem anzüglichen „Komm mit, sag nicht nein“: da ging es zwischen den Zeilen doch um noch ganz andere rhythmische Körperbewegungen! Auch Gastgeberin Jaqueline Joubert fand das äußerst „curieux“. Zur Strafe mussten sich die zwei Schwestern ein in Nabelhöhe eingestelltes Mikrofon teilen und ihre Tanzeinlage, die allererste ernsthafte → Grand-Prix-Choreografie in der Geschichte, auf derartig engem Raum absolvieren, dass man es nur als Meisterleistung bezeichnen kann, dass dies unfallfrei und ohne blaue Flecken vonstatten ging. Dennoch reichte es lediglich für den achten Rang: all zu starke Fortschrittlichkeit zahlte sich beim Grand Prix nicht immer aus.

Een beetje Vreede (NL)

Keine Empörung gab es über die Gewinnerin von Cannes, Teddy (Auch, wenn sich die 2010 verstorbene Dorothea Margaretha Scholten denselben, an ein kuschliges Kinderspielzeug erinnernden Spitznamen ausgesucht hatte wie der männliche Teil des britischen Duos: sie war eindeutig eine Frau!) Scholten aus den Niederlanden, und ihr peppiges ‘Een beetje’. Die Eurovisionsjurys bestanden in den Anfangsjahren scheinbar ausschließlich aus Belgiern: immer brav abwechselnd gewannen Frankreich und Holland, nur 1961 vertat man sich mit Luxemburg. Wahrscheinlich, weil sich die Flaggen so ähnlich sehen. Als wahrer Kultschatz erwies sich der zweitplatzierte Beitrag ‚Sing, little Birdie‘ aus dem Vereinigten Königreich: das augenscheinlich unter dem Einfluss aufputschender Substanzen stehende singende Ehepaar Teddy (Auch, wenn sich Edward Victor Johnson denselben, an ein kuschliges Kinderspielzeug erinnernden Spitznamen ausgesucht hatte wie die niederländische Siegerin: er war eindeutig ein Mann!) Johnson und Pearl Carr brachte ein Plüschvöglein mit auf die Bühne und überzeugte mit einer beängstigend faszinierenden, zu gleichen Teilen absurd übertriebenen wie authentisch wirkenden Mimik, die dem Begriff Fröhlichkeit (oder gayness, wie es wohl treffender im Englischen heißt) eine neue Bedeutung verlieh, sowie einer echten → Killer-Rückung. Ihr Auftritt muss als Comedy-Höhepunkt wenigstens dieses Eurovisionjahrzehnts gelten.

Der ist nicht aus Ecuador: Ferry Graf (AT)

Als weitere Meister im Fach der (unfreiwilligen?) Komik erwiesen sich, wie so oft, die → Österreicher, die mit dem in nostalgischen Erinnerungen an vergangene imperiale Zeiten schwelgenden ‘K. u. k. Kalypso aus Wien’ ihre Kompetenz in Sachen lateinamerikanischer Rhythmen zu beweisen suchten. Verquickt mit Verweisen auf die „Polka aus Brünn“ und gewürzt mit landestypischen Jodelrufen (!) wirkte die gesellschaftstanz-kulturelle Wiener Melange sehr, sehr drollig. Und ging natürlich sehr, sehr in die Hose. Ferry Graf, der Interpret dieses Kleinods, wanderte in den Siebzigern nach Finnland aus, wo man Schräges bekanntlich schätzt, und wo er eine erfolgreiche Hillbilly-Band gründete. Erneut versuchte sich Domenico Modugno (→ IT 1958, 1966) für Italien. Sein ‘Piove‘ schnitt abermals schlecht ab – nur, um im Anschluss unter dem Titel ‚Ciao, Ciao, Bambina‘, gecovert unter anderem von der großen Caterina Valente, europaweite Hitparadenerfolge zu feiern. Lag es am Sänger selbst, der von der Ausstrahlung her mehr an einen gemütlichen Pizzabäcker erinnerte anstatt an einen feurigen Latin Lover? Für Dänemark trat Birthe Wilke (→ DK 1957) nochmals an, die zwei Jahre zuvor die Weltöffentlichkeit mit scheuer Zungenakrobatik geschockt hatte. Ohne Busserlpartner brachte sie es jedoch nur auf den fünften Rang. 2005 ließ sie sich übrigens erneut auf der Bühne küssen: diesmal von Reinars Kaupers (→ Brainstorm, LV 2000), bei der 50-Jahr-Feier Congratulations im heimischen Kopenhagen.

Sieh und lerne, N’Evergreen: so geht Schlagerekstase! (UK)

Neu dabei diesmal das Steuer- und Glücksspielparadies Monaco: wie schon Österreich 1957 erntete es bei seinem Debüt die Rote Laterne. Kein Wunder bei einem Sänger, der behauptet, sein bester Freund sei ein Papagei, der also offensichtlich einen Vogel hat! Allerdings konnte der Stadtstaat seine Erfolgsbilanz in der Folgezeit rasch verbessern. Das gastgebende Frankreich bereicherte die Show mit einigen hübschen Neuerungen. Erstmals begann die Übertragung nicht im Sendesaal, sondern mit (allerdings aufgrund der Dunkelheit kaum erkennbaren) Außenaufnahmen der französischen Riviera und der Croisette von Cannes. Man witterte wohl die Werbemöglichkeiten, die der Grand Prix in Sachen Tourismus für das austragende Land bot. Zum Start des Liederabends präsentierte man alle Interpret/innen schon mal auf einem Drehgestell, beklebt mit Fototapeten mit landestypischen Motiven, vor denen sie danach auch sangen. Damit verabschiedete man sich endgültig von der albernen Mär, der Eurovision Song Contest sei ein → Komponistenwettbewerb und konzentrierte sich auf den Kampf der Nationalstaaten.

Schackeline Schubert führte 1959 durch einen vergleichsweise flotten Abend (ganze Show)

Und da Frankreich in diesem Wettstreit nicht erneut siegte, sondern „nur“ Dritter wurde, durften im Anschluss an die Wertung eben alle drei Erstplatzierten noch mal singen. In Sachen Nationalchauvinismus macht den Galliern halt so schnell keiner was vor!

Eurovision Song Contest 1959

Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Mittwoch, 11. März 1959, aus dem Palais des Festivals in Cannes, Frankreich. Elf Teilnehmerländer. Moderation: Jacqueline Joubert.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01FRJean PhillipeOui, oui, oui, oui1503
02DKBirthe WilkeUh, jeg ville ønske jeg var dig1205
03ITDomenico ModugnoPiove0906
04MCJacques PillsMon Ami Pierrot0111
05NLTeddy ScholtenEen beetje2101
06DEAlice + Ellen KesslerHeute Abend wollen wir tanzen gehn0508
07SEBrita BorgAugustin0409
08CHChrista WilliamsIrgendwoher1404
09ATFerry GrafDer k. u. k. Kalypso aus Wien0410
10UKTeddy Johnson + Pearl CarrSing little Birdie1602
11BEBob BennyHou toch van mij0907

ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

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1958: Das Jahr des Déjà vu

Nein, liebe Kinder, bei Pop-Prinzessin Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) handelte es sich keineswegs um die erste Eurovisionssiegerin, die sich tollkühn an der Titelverteidigung versuchte. Bereits die legendäre Premierensiegerin Lys Assia (→ CH 1956, 1957, Vorentscheid CH 2012, 2013, Vorentscheid DE 1956) trat im Folgejahr erneut an, allerdings – wie Frau Meyer-Landrut auch – mit deutlich weniger Erfolg. Die 1957 siegreiche Niederländerin Corry Brokken folgte dennoch ihrem Beispiel und wurde 1958 sogar nochmals Erste – leider jedoch vom anderen Tabellenende aus gesehen. Da schlug sich das deutsche Fräuleinwunder beim Zweitversuch deutlich besser, auch wenn sie rein nominal auf dem selben Tabellenplatz (#10) landete wie Frau Brokken.

Die Showtreppe fungierte als zentrales Element des ESC 1958 (komplette Show)

1958 jedenfalls wimmelte das Starter/innenfeld nur so von alten Bekannten. Die Musikszene der Schweiz bestand in den fünfziger Jahren offenbar ausschließlich aus besagter Lys Assia: die Eidgenossen entsandten sie bereits zum dritten Mal in Folge. Ihr so flottes wie skurriles Lied ‚Giorgio‘ nahm, was das Tempo des Songs und des dargebotenen Sprechgesangs angeht, den deutschen Hip-Hop und Flummitechno der Neunziger bereits vorweg. Und belegte damit erstaunlicherweise den zweiten Rang. Textprobe: „Ein Weekend mit Dir und Risotto, Risotto, Risotto, Risotto“ – die Assia schien mit ihrem Papagallo am (in Schlagerkreisen äußerst beliebten) Lago Maggiore entweder eine frühe Version von ‚9 ½ Wochen‘ auszuprobieren, oder sie surfte einfach sehr geschickt auf der gerade durch das Nachkriegsdeutschland wogenden Fresswelle. Zumal noch „Polenta“, „Vino“, „Espresso“ und natürlich „Chianti“ eine Rolle spielten.

Darauf einen Ramazzotti! (CH)

Die deutsche Wiederkehrerin Margot Hielscher (→ DE 1957, Vorentscheid 1956) hingegen stürzte ab. Wie schon im Vorjahr versuchte sie, die Sprachgrenze mit optischen Illustrationen zu überwinden. Ihr hinreißend vertontes ‚Für zwei Groschen Musik‘ handelte von der seinerzeit in keiner Gaststätte fehlenden Jukebox. Also hantierte sie mit ein paar Single-Schallplatten (unverkaufte Restexemplare ihrer eigenen Aufnahmen?) und kostümierte sich sicherheitshalber mit rotem Schleifchen und glitzerndem Krönchen als „Miss Jukebox“. Vermutlich führte genau das zur fatalen Fehlinterpretation durch die Juroren, die möglicherweise glaubten, Hielscher wollte sich bereits vor ihrem Urteil selbst zur Königin des Abends krönen. So reagierten sie verschnupft und verbannten die Deutsche auf einen (damals noch) unglücklichen siebten Platz. Für Belgien nahm erneut Fud Leclerc (→ BE 1956, 1960, †2010) teil, der noch die nächsten fünf Jahre im stetigen Wechsel mit Bob Benny (→ BE 1959, 1961) magere Resultate ersingen durfte: er für Wallonien, den französischsprachigen Part des Bierpanscherlandes; Benny (der sich 2001, zehn Jahre vor seinem Ableben, im Alter von 75 Jahren outete) für Flandern, den holländisch sprechenden Teil.

Schwedens erfolgreiche Eurovisionsreise startet 1958 mit der Zeile „La la la la la la lala la“ (SE)

In der ihnen so eigenen, liebenswert grotesken Selbstüberschätzung blieben die Briten aus Protest gegen die in ihren Augen zu schlechte Vorjahresplatzierung ihres außergewöhnlich zähen Premierenbeitrags ‚All‘ der Hilversumer Veranstaltung fern. Dafür nahm erstmalig das Land teil, das ihnen im Laufe der folgenden Eurovisionsjahrzehnte bald den Ruf als europäisches Powerhouse des Pop streitig machen sollte. Alice Babs (†2014), zum Zeitpunkt ihres Grand-Prix-Debüts eine auch in Deutschland bereits erfolgreiche Schlagersängerin (‚Ein Mann muss nicht immer schön sein‘, ‚Jodel Cha Cha‘) und Filmschauspielerin (‚Schwedenmädel‘), trat in einer im Vergleich zu den sonst üblichen, aufwändigen Abendkleidern recht rural wirkenden Landestracht an und begann ihr lieblich-langweiliges ‚Lilla Stjärna‘ mit vollen vier Zeilen „La la la“. Vermutlich im Bestreben, die Juroren einzulullen, bevor sie aufgrund der damals noch ungeschriebenen, aber strikt befolgten → Sprachenregel für den Rest des Liedes auf das für die meisten europäischen Ohren doch etwas zickig klingende Schwedisch umsteigen musste. Der beim Grand Prix stets gern genutzte Trick der universell verständlichen Lautmalerei funktionierte auch hier: mit dem vierten Rang zum Auftakt erfuhren die Skandinavier eine deutlich gnädigere Aufnahme in die Eurovisionsfamilie als die vergrätzten Briten.

Und alle so: Vooooooolare, oh-ho! (IT)

Das erste von drei Malen (erkennt jemand ein Muster?) ging der italienische Komponist, Sänger und San-Remo-Gewinner Domenico Modugno (→ IT 1959, 1966) an den Start. Zwischen 1956 und 1966 entsandte die RAI nämlich stets den Sieger des von den Popularitätswerten her nur mit dem schwedischen Melodifestivalen vergleichbaren italienischen Gesangswettbewerbs und Contest-Vorbildes. In Folge der in der Heimat ungebrochenen Beliebtheit des glamourösen Festival della Canzone italiana bei gleichzeitig nachlassendem Interesse am Grand Prix nutzten die Italiener das Festival danach jedoch nur noch sporadisch als Vorentscheid, so in den Jahren 1972, 1989, 1993 und 1997. Modugnos ‚Nel blu dipinto di blu‘ avancierte zum unzählige Male gecoverten, weltweiten Evergreen und, zählt man sämtliche Fassungen zusammen, zum bis heute kommerziell erfolgreichsten Eurovisionssong. Als ‚Volare‘ erreichte es gar Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts und kann eine Grammy-Nominierung vorweisen. 2005 wählten es die europäischen TV-Zuschauer/innen zum zweitbeliebtesten Grand-Prix-Lied aller Zeiten, nach ‚Waterloo‘ (→ SE 1974). In unseren Gefilden konnte der 1994 verstorbene Modugno damit allerdings keinen Hit landen – dafür schaffte es die zahnlose, von Peter Alexander dargebotene Eindeutschung ‚Bambina‘ bis auf Platz 2 der Charts. Manchmal möchte man sich vor Fremdscham über den schlechten Geschmack seiner Landsleute echt erschießen.

Schlaf, Kindchen, schlaf, Dein Vater hüt‘ die Schaf‘ (FR)

Doch auch bei den Grand-Prix-Juroren blitzte Domenicos unsterblicher Beitrag zum Weltkulturerbe ab: sie zogen Lys‘ Ode an die Völlerei vor, sowie ein gestenreich vorgetragenes französisches Wiegenliedchen (‚Dors, mon Amour‘) des 2003 sanft entschlafenen André Claveau, das unverständlicherweise gewann. Der erste wirklich grobe → Jury-Missgriff in der Eurovisionsgeschichte, dem bis zur leider nur zeitweiligen Abschaffung dieser absurden Instanz vierzig Jahre später noch etliche folgen sollten. Immerhin durfte auch Modugno seinen, zugegebenermaßen in späteren Bearbeitungen (wie beispielsweise in der englischsprachigen Version von Dean Martin oder in der flamencogitarrenlastigen Partyhit-Variante der Gipsy Kings, die damit 1989 einen Eurohit landen konnten) deutlich druckvolleren Beitrag ein zweites Mal vortragen. Denn der Italiener hatte die Startnummer 1, jedoch waren zu Beginn der TV-Übertragung die Leitungen noch nicht überall hin geschaltet. So musste / durfte er im Anschluss an Lys Assia noch mal ran.

Das Tempo anzuziehen, hilft immer: die Gypsy Kings machten Domenicos ESC-Klassiker 1989 Feuer unter dem Arsch

Erstmalig kam die neue (und bis heute beibehaltene) Regel zur Anwendung, dass der Vorjahressieger das Spektakel austragen soll: der Veranstaltungsort Hilversum machte sich nicht nur durch die Tulpendekoration bemerkbar, sondern auch durch die äußerst sparsame Moderation, einem holländischen Eurovisionsmarkenzeichen. Erst zu Beginn der Wertungen tauchte die Gastgeberin des Abends, Hannie Lips, auf. Skurril aus heutiger Sicht erscheint auch die von Hand betriebene Wertungstafel. Öfters schien es bei der Koordination von gerade durchgegebenen Wertungspunkten und Anzeige etwas zu hapern: so bekam beispielsweise Schweden („La Suede“) in der Sendung vier Punkte gutgeschrieben, die für die Schweiz („La Suisse“) bestimmt waren, was man erst im Anschluss feststellte und korrigierte. Denn, wie sagte Frau Lips noch in der Sendung: „There was no Mistake“. Aber genau für diese Pannen lieben wir ja den Contest!

Eurovision Song Contest 1958

3sieme Grand Prix Eurovision de la Chanson Européene. Mittwoch, 12. März 1958, aus den AVRO-Studios in Hilversum, Niederlande. Zehn Teilnehmerländer. Moderation: Hannie Lips.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ITDomenico ModugnoNel blu, dipinto di blu (Volare)1303
02NLCorry BrokkenHeel de Wereld0109
03FRAndré ClaveauDors, mon Amour2701
04LUSolange BerryUn grand Amour0109
05SEAlice BabsLille Stjärna1004
06DKRaquel RastenniJeg rev et Blad ud af min Dagbog0308
07BEFud LeclercMa petite Chatte0805
08DEMargot HielscherFür zwei Groschen Musik0507
09ATLiane AugustinDie ganze Welt braucht Liebe0806
10CHLys AssiaGiorgio2402

DVE 1958: Wollt Ihr heiße Musik?

Margot Hielscher, DE 1958
Die DJane

Um mit den Teletubbies zu sprechen: „Noch mal, noch mal“! Erneut gewann Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1957) die deutsche Vorauswahl zum Grand Prix, die heuer in Dortmund stattfand. Sie blieb dem Thema Unterhaltungselektronik treu. Nach dem ‚Telefon, Telefon‘ besang sie in diesem Jahr die Jukebox, den schrankgroßen, meist in Gaststätten stationierten Vorläufer des MP3-Players (bzw. von Spotify), an welchem es damals ‚Für zwei Groschen Musik‘ gab. Für die Nachgeborenen: beim Groschen handelte es sich um eine Zehn-Pfennig-Münze. Zwei Groschen musste man in den Apparat einwerfen und dann mechanisch seine Wahl eintippen, damit er einmalig eine Single abspielte. Bitte? Was eine Single ist? Eine kleine Schallplatte mit nur einem Musiktitel drauf. Bitte? Was eine Schallplatte ist? Ein Tonträger aus Vinyl, der Vorläufer der CD. Bitte? Was eine CD ist? Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe!

Miss Muziekapparat: Madame Hielscher

„2 Groschen“ stellten also den Gegenwert von 20 Pfennigen dar. Das sind in derzeitiger Währung nominal 0,10 € und nach Kaufkraftentwicklung ungefähr 50 Cent. Jawohl, für den einmaligen Genuss eines einzelnen Musiktitels, ohne Download- oder Kopiermöglichkeit. Aber welch eine Auswahl bekam man dafür geboten! Ob Swing, Heimatmelodie, Oper, Marsch oder Dixieland: alles, was seinerzeit das musikalische Angebot bereicherte (bis auf den diabolischen Rock ’n‘ Roll natürlich), wurde vorgestellt und hinreißend instrumentiert. „Und der Alltag versinkt / wenn froh Musik erklingt“, so thematisierte die Hielscher die Eskapismusfunktion des Schlagers: ein durch und durch großartiges Eurovisionslied! Den zweiten Platz belegte die große Lale Andersen (→ DE 1961) mit einem für sie typischen Seefahrershanty namens ‚Die Braut der sieben Meere‘. Keiner dieser Songs konnte in den Charts reüssieren, und so scheint es schwer vorstellbar, dass das Lied zu Ehren der Jukebox anschließend seinen Weg in die üblicherweise ausschließlich mit aktuellen Hits und Evergreens bestückten Geräte fand.

Über die Lieder und Platzierungen der restlichen Teilnehmer/innen ist leider nichts bekannt. Unter ihnen fand sich eine Dame mit dem international sicherlich etwas problematischen Nachnamen hrer, aber auch Fred Bertelmann (→ Vorentscheid 1961, 1964, †2014) der mit dem ‚Lachenden Vagabund‘ den größten deutschsprachigen Hit des Jahres und einen Evergreen landete, sowie Evelyn Künneke, eine in der Nazi-Zeit und bis Mitte der Fünfziger recht erfolgreiche Schlagersängerin und Schauspielerin, die Mitte der Siebziger in Filmen von Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim ihr Comeback feierte und praktisch bis zu ihrem Tod im Jahre 2001 durch Berliner Szene-Clubs tingelte. Allesamt wurden sie von den seinerzeit sechs Landesrundfunkanstalten der ARD nach Dortmund entsandt.

Chart-Watch 1958: mediterranes Dolce far niente mit Fred Bertelmann. Im echten Leben hatten Vagabunden in Deutschland aber nicht so viel zu lachen…

Deutsche Vorentscheidung 1958
20. Januar 1958, aus der Kleinen Westfalenhalle in Dortmund. 12 Teilnehmer. Moderation: Anaïd Iplicjian und Kurt A. Jung.

Teilnehmerliste:

  • Lale Andersen (‚Die Braut der sieben Meere‘)
  • Fred Bertelmann
  • Ernie Bieler
  • Margret Fürer
  • Margot Hielscher (‚Für zwei Groschen Musik‘)
  • Evelyn Künneke
  • Gitta Lind (‚Etwas leise Musik‘)
  • Peter Lorenz
  • John Paris
  • Georg Thomalla
  • Vico Torriani
  • Fred Weyrich

ESC 1957: Hallo, Kopenhagen?

Logo des Eurovision Song Contest 1957
Das Jahr der Zunge

Telefon, Telefon / Lang war ich allein / Sag, wann werde ich zum Lohn / Endlich glücklich sein?‘ Dies frug die deutsche Vertreterin beim Grand Prix 1957, Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1958), sich und das Publikum. Wie jede nagelneue Kommunikationstechnik wurde also auch schon der Fernsprechapparat bereits kurz nach seiner Markteinführung zur Date-Anbahnung missbraucht genutzt! Für den nicht deutsch sprechenden Teil Europas visualisierte Frau Hielscher die Thematik äußerst anschaulich, indem sie während ihres Gesangsvortrags innig mit einem Bakelit-Telefonhörer schmuste. Eurovision leicht gemacht! Doch weder diese theatralische Showeinlage noch das geschickte, polyglotte Einweben englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprachfetzen („Hallo, grazie, si, si / hallo, nada por mi“) reichten zum Sieg. Wir mussten uns mit dem vierten Rang begnügen: aus heutiger Sicht ein Traumergebnis, bei nur zehn Teilnehmerländern lediglich mittelprächtig.

Kein Brocken, diese Frau: Corry Brokken (NL)

Solche Mätzchen wie Margot hatte die Gewinnerin Corry Brokken (→ NL 19561958, Moderation 1976) aus den Niederlanden nicht nötig. Sie überzeugte mit einer geschmackvollen Kurzhaarfrisur und einer verschwenderisch instrumentierten Ballade, die während der Brücke (dem Instrumentalteil in der Mitte) gar einen dezenten Schwung entwickelte. Sowie mit neckischen Tipps zum Frischhalten der Ehe (“Auch wenn Du fett und grauhaarig wirst, kannst Du noch immer flirten”) und einem zurückhaltenden, aber stets präsenten Siegerinnenstrahlen. So fiel es den Juroren leicht zu erkennen, dass hier wohl innere und äußere Größe übereinstimmten: die gazellenhafte Frau Brokken überragte ihren Begleitgeiger um mehr als einen Kopf. Die 2016 verstorbene Corry, die in den Sechzigern mit der Superschnulze ‘La Mamma’ auch in Deutschland einen großen Hit landete, übernahm die Siegerinnenstaffette von der Schweizerin Lys Assia, die sich, wie die Holländerin selbst, ebenfalls erneut im Wettbewerb befand und, ebenso wie Corry, auch im Folgejahr noch ein drittes Mal antreten sollte. Wie man sieht, betrieb Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) also beileibe nicht das erste „Projekt Titelverteidigung“ der Grand-Prix-Geschichte; schon in den Gründerjahren infizierten sich nicht nur die Fans mit dem Eurovisionsvirus, sondern auch die Künstler/innen.

Der Handetasche musse lebendig sein: Frau Wilke und Herr Winkler (DK)

Nach dem verhaltenen Vorjahresauftakt mit nur sieben Nationen erweiterte sich der Kreis um gleich drei Neue. Als erstes skandinavisches Land nahm das für seine Liberalität und Freizügigkeit bekannte Dänemark teil. Und sorgte sogleich für einen Skandal: am Ende ihres Seefahrerliedchens versank das Schlagerpärchen Birthe Wilke (→ DK 1959) und Gustav Winkler (†1979) in einem elf Sekunden dauernden, innigen Kuss. Und das vor laufenden Kameras! Europa bebte: dürfen die das? Im Fernsehen, wo Kinder zuschauen könnten? Der aus heutiger Sicht natürlich völlig harmlose Tabubruch zahlte sich, wie fast immer beim Song Contest, aus: Platz drei für das subtil doppeldeutige ‘Mein Schiff sticht in See heute Nacht’! Auch unser geliebtes Nachbarland Österreich war erstmals mit dabei. Renée Winter identifiziert den Premierentitel der Alpenrepublik in dem sehr lesenswerten Sammelband ‚Eurovision Song Contest – Eine kleine Geschichte zwischen Körper, Geschlecht und Nation‘ (2015) als „infantilisiertes (Selbst-)Bild“ der Walzernation, die ebenso wie Deutschland noch unter der nicht bewältigten Vergangenheit der Nazi-Zeit litt und diese ebenso vergessen zu machen suchte: „Das kleine Pony Österreich soll unbeschwert und unbelastet durch die weiten Felder reiten“, so die Autorin.

Den Schalk im Nacken: bei 1:56 Min. macht sich Herr Martin (AT) über uns lustig!

Sehr zu meiner Schadenfreude jedenfalls ersang Bob Martin (†1998) mit dem selten dämlichen Kinderlied ‘Wohin, kleines Pony?’ (zum Schlachter vielleicht?) gleich zum Start die Rote Laterne. Kein Wunder: sein Ergebnis wohl im Voraus ahnend, streckte er direkt vor dem Instrumentalpart in der Mitte seines Songs, als die Kamera schon von ihm wegschwenkte, den Jurys rasch die Zunge raus. Tollkühne Männer, diese Österreicher! Er eröffnete hier mit Grandezza einen dankenswerterweise nicht enden wollenden Strom unglaublich skurriler → K&K-Kultknaller (‚Boom Boom Boomerang‘, 1977‚Du bist Musik‘, 1980‚Hurricane‘, 1983um nur drei zu nennen), mit denen sich die Alpenrepublik im Laufe ihrer leider nicht immer ganz unterbrechungsfreien Teilnahme als verlässlicher Lieferant des ungewollt Schrägen und Abseitigen etablieren konnte. Auffällig in diesem Jahr übrigens die Differenzierbarkeit der einzelnen Beiträge: alles Balladen zwar, jedoch ganz unterschiedlich in der musikalischen Machart. Wie auch in der Länge: auf den Positionen 3 und 4 starteten direkt hintereinander der lange Zeit kürzeste und der bis heute (und wohl auf ewig) längste Eurovisionsbeitrag aller Zeiten.

Nervt wie Zahnschmerzen, ist aber schnell vorüber: Miss Bredin, die erste ESC-Punkerin (UK)

Das operettenhafte ‘All’ der Britin Patricia Bredin (diesmal hatte die BBC, anders als noch im Vorjahr, ihren Vorentscheid Song for Europe rechtzeitig zu Ende gebracht und konnte endlich teilnehmen) brachte es auf lediglich 112 Sekunden, während der 2008 verstorbene Italiener Nunzio Gallo und sein Gitarrist sich für die ‘Corde della mia Chitarra’ über fünf Minuten Zeit ließen. Und damit das Klischee der nie zum Ende kommenden Südländer aufs Trefflichste bedienten, das sich 1991 beim Contest in Rom (sowie bei jedem einzelnen San-Remo-Festival) wunderschön bestätigte. Nunzios Längenrekord dürfte nicht mehr zu schlagen sein: während die finnische Punkband PKN im Jahre 2015 Patricia in Sachen würzige Kürze mit einem knapp neunzigsekündigen Beitrag erfolgreich zu unterbieten vermochte, sollte die EBU ab 1958 (und bis heute) in Sachen maximale Lieddauer strikt auf die Einhaltung der → Drei-Minuten-Regel achten. Eine angesichts der wechselvollen Qualität der beim Grand Prix dargebotenen Songs mitunter geradezu menschenfreundliche Bestimmung, auch wenn manche Komponisten diese Zeitvorgabe leider als Mindestverpflichtung misszuverstehen scheinen. Ist sie nicht: ein Grand-Prix-Lied darf durchaus kürzer sein als 180 Sekunden, nur nicht länger! Mir fielen aus dem Stand Dutzende Songs ein, denen eine zeitliche Orientierung am erwähnten ‘All’ zu wünschen gewesen wäre.

Große Eurovisionsdamen: Frau Hielscher und Frau Iplicjian

Einen Sonderapplaus verdient die Moderatorin des Abends, Anaïd Iplicjian. Erst im Direktvergleich mit solchen Ausnahmefiguren fällt schmerzlich auf, von welch’ untalentierten Sabbelbacken wir uns heutzutage meist zulabern lassen müssen. Frau Iplicjian führte – übrigens auf deutsch! – mit der perfekten Mischung aus damenhafter Strenge, liebreizendem Charme und feindosiertem Humor (“Der französische Beitrag heißt – wie sollte er auch sonst heißen? – ‚La belle Amour‘.“) völlig souverän durch das televisionäre Neuland des Grand Prix Eurovision. Und ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als es bei der Durchgabe der (erstmals öffentlich verkündeten) Juryvoten aus den Teilnehmerländern – unter Zuhilfenahme des bereits von Margot Hielscher so innig beschmusten Telefonhörers – zu zahlreichen Störungen und Verständigungsschwierigkeiten kam. Oder als der Direktor des Hessischen Rundfunks bei der Siegerehrung die Eurovisionsplakette zuerst Corry Brokken überreichte, sie ihr dann aber rüde wieder wegnahm, um sie dem Komponisten des Beitrags auszuhändigen. Schließlich sei der Grand Prix ein → Komponistenwettbewerb! Man übte halt noch…

Das hr-Sinfonieorchester spielt auf: der ESC 1957 in voller Länge

Eurovision Song Contest 1957

Zweiter Großer Preis der Eurovision. Sonntag, 3. März 1957, aus dem Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main, Deutschland. 10 Teilnehmerländer. Moderation: Anaïd Iplicjian.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01BEBobbejaan SchoepenStraatdeuntje0508
02LUDanièle DupréTant du Peine0805
03UKPatricia BredinAll0607
04ITNunzio GalloCorde della mia Chitarra0706
05ATBob MartinWohin, kleines Pony?0310
06NLCorry BrokkenNet als toen3101
07DEMargot HielscherTelefon, Telefon0804
08FRPaule DesjardinsLa belle Amour1702
09DKBirthe Wilke + Gustav WinklerSkibet skal Sejle i Nat1003
10CHLys AssiaL'Enfant que j'étais0509

DVE 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

Margot Hielscher, DE 1957
Das Fräulein vom Amt

Bleibt es für die Eurovisionspremiere von 1956 ein Rätsel, ob ein deutscher Grand-Prix-Vorentscheid stattfand oder nicht, so organisierte der hässliche Hessische Rundfunk 1957 verbürgtermaßen einen solchen, integriert in eine Unterhaltungsshow mit dem beliebten Showmaster Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff. Und zwar in der Stadt, aus der auch der europäische Wettbewerb selbst übertragen werden sollte (Trommelwirbel, Fanfare, Tusch): in Frankfurt am Main, meiner herrlichen Heimatstadt! Aus lediglich vier Finalteilnehmer/innen erwählte die Senderjury Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1958) mit ihrer topaktuellen Ballade über eine technische Errungenschaft, über die damals nur sehr wenige europäische Haushalte verfügten, und die in diesem Jahr erstmals bei der Ermittlung des Ergebnisses eine wichtige Rolle spielen sollte: ‚Telefon, Telefon‘! Das melancholische Chanson über eine Telefonistin, die tagsüber am Arbeitsplatz die große weite Welt am Hörer hat, um abends zu Hause vergeblich auf einen Anruf zu warten, der sie aus der Einsamkeit erlöst, vermochte die Juroren zu becircen.

Zur Punktevergabe brauchen wir den Apparat aber wieder, gelle, Frau Hielscher!

Den Text des putzigen Schlagers über die zwiespältigen Segnungen der modernen Kommunikationstechnik, die ebenso wie das Fernsehen gerade erst am Beginn ihres Siegeszuges durch deutsche Wohnstuben stand, verfasste übrigens Ralph Maria Siegel – Sie ahnen es bereits: der Vater des späteren Mister Grand Prix. Eigentlich hätte die Nummer thematisch viel besser zu der ebenfalls bei dieser Vorentscheidung antretenden Renée Franke gepasst, die in den Nachkriegsjahren tatsächlich einige Zeit als Telefonistin in der Fernsprechvermittlung der britischen Militärregierung in Hamburg gearbeitet hatte, während sie parallel ihre Gesangskarriere verfolgte: eine Geschichte, die sowohl die Vorlage für den Schlagerfilm ‚Das Fräulein vom Amt‘ von 1954 lieferte als möglicherweise auch für Hielschers Eurovisionslied. Die 2011 verstorbene Frau Franke indes musste sich mit dem Schlager ‚Ich brauche Dein Herz‘ begnügen, sowie mit nur halb so vielen Punkten wie ihre Konkurrentin und dem zweiten Platz.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben: der nachbarsgeplagte Paul Kuhn

Knapp dahinter landete Paulchen“ Kuhn, einem breiten TV-Publikum später bekannt als Sketchpartner von Harald Juhnke, der 1972 nochmals bei der deutschen Vorentscheidung in Erscheinung trat: da als Dirigent und Arrangeur der zwölf Beiträge, die dank seines Geschickes live größtenteils lebendiger und prägender klangen als in der Studiofassung. Sein so amüsantes wie flottes ‚Klavier über mir‘ stammte jedoch, sehr hörbar, aus der Feder des Komponisten Lothar Olias, der schon ‚So geht das jede Nacht‘ für Freddy Quinn verfasst hatte, mit dem sich das deutsche Fernsehen bei der Grand-Prix-Premiere 1956 bei den europäischen Juroren in die Nesseln gesetzt hatte, wo diese doch frankophile Chansons bevorzugten, aber um Himmels keine amerikanische Hottentottenmusik! Und obschon die umsatzstärkste Single des Jahres 1957 in Deutschland, der ‚Banana Boat Song‘ von Harry Belafonte, genau in diese Rubrik fiel, wollte man sich seitens der ARD einen solchen Schnitzer nicht noch einmal erlauben. So hatte Der Mann am Klavier das Nachsehen.

Chart-Watch 1957: Die erfolgreichste Hit-Single 1957 in Deutschland war’Heimatlos‘ von Freddy Quinn (DE 1956). Schön auch die subtile Schleichwerbung für die Plattenfirma!

Deutsche Vorentscheidung 1957

Zwei auf einem Pferd. Sonntag, 17. Februar 1957, aus dem Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Vier Teilnehmer, Moderation: Hans-Joachim Kulenkampff.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Renée FrankeIch brauche Dein Herz1802-
02Illo SchiederWas machen die Mädchen in Rio0904-
03Paul KuhnDas Klavier über mir1703-
04Margot HielscherTelefon, Telefon3601-

ESC 1956: Da hilft auch kein Flattiern

Logo des Eurovision Song Contest 1956
Das Jahr des Anfangs

„Wer hat’s erfunden?“: der bekannte Werbeclaim eines schweizerischen Hustenpastillenherstellers bildet die perfekte Überschrift zur Illustration des Disputes um die Urheberschaft des beliebtesten und erfolgreichsten Unterhaltungsevents der Welt, des Eurovision Song Contest. Gilt nämlich nach der offiziellen Geschichtsschreibung der eidgenössische TV-Generaldirektor und damalige Programmbeauftragte der Europäischen Rundfunkunion (EBU), Marcel Bezençon, als geistiger Vater des paneuropäischen Events, so reklamiert der britische Buchautor Gordon Roxburgh in seiner 2012 erschienenen Fibel Songs for Europe, Volume 1, zumindest eine Mittäterschaft des heimischen Schauspielers Michael Brennan und des BBC-Generaldirektors Sir Ian Jacob an der Einführung des Gesangswettbewerbs.

Nur als Audiomitschnitt erhältlich: der Premierencontest von 1956

So habe Brennan bereits im Jahre 1954 der BBC die Idee eines Fernsehformats für einen nationalen Popmusikwettbewerb mit regionalen Jurys (kommt uns das bekannt vor, Herr Raab?) angeboten, die – wie der Grand Prix Eurovision selbst – auf dem Vorbild des italienischen San-Remo-Festivals basierte. Jacob, der das Konzept für die BBC kaufte, saß auch der Generalversammlung der EBU am 19. Oktober 1955 in Rom vor, auf der das zuvor von einer dreiköpfigen Arbeitsgruppe unter Leitung von Bezençon erstellte Projekt „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ beschlossen wurde. Im „Geiste freundschaftlicher Rivalität“ sollten Musikschaffende aus ganz Europa (quasi wie Sportler/innen bei den Olympischen Spielen) fortan miteinander wetteifern, zum Wohlgefallen des Publikums und zum Zwecke der kulturellen Befriedung des vormals eher kriegerischen Kontinentes. Sowie zur engeren Bindung Westeuropas an die USA, die sich, wie die BBC 2010 in einem Eurovisionsspecial offenlegte, beim Aufbau sowie bei der technischen und finanziellen Unterstützung der öffentlich-rechtlichen Sender im Nachkriegseuropa stark engagierte, wissend um die Macht des neuen Mediums Fernsehen bei der Verbreitung der kapitalistischen Heilsbotschaft im noch Jahrzehnte andauernden Kräftemessen mit dem systemkonkurrierenden Kommunismus.

Europas größtes Friedensprojekt: der Eurovision Song Contest. Oh, und gute Einschaltquoten bringt er auch.

Deutschland schickte zwei Sänger zum allerersten Grand Prix ins schweizerische Lugano, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten: den seinerzeit äußerst erfolgreichen und noch heute populären Wiener (!) “Seemann” und ‘Heimweh’-Romantiker Freddy Quinn sowie den vor und nach dem Wettbewerb gleichermaßen unbekannten Kabarettisten und Lyriker Walter Andreas Schwarz. Doppelte Chance – kein Sieg. Schwarz hatte seine lyrisch kryptische und enervierend weinerlich vorgetragene Moritat ‚Im Wartesaal zum großen Glück‘ über den „Kai der Vergangenheit“ und die „Wünsche von übermorgen“ selbst verfasst. Kernaussage seines Beitrags war der zwar hörbar von den bitteren Nachkriegsjahren geprägte, aber zeitlos goldene Rat, sich nicht ans Gestern zu klammern oder auf eine diffuse, bessere Zukunft zu hoffen, sondern doch lieber ganz und gar im Hier und Jetzt zu leben und die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Soll noch mal jemand sagen, Schlager seien banal! Als verwirrend erwies sich jedoch die Diskrepanz zwischen Geschlecht und Stimme des Sängers. Hört man die Audioaufnahme, tippt man nämlich eher auf eine depressiv gestimmte Lale Andersen (→ DE 1961) als auf einen Mann. Obwohl Lale deutlich tiefer singt als W.A. Schwarz, für den die Loriotsche Invektive „Winselstute“ wie erfunden zu sein scheint.

Machte auch später noch erfolgreiche Hörspiele: W.A. Schwarz (DE)

Am Xylofon: Buddy Casino! (DE)

Auch Quinns ‚So geht das jede Nacht‘ vermochte die Krone nicht zu erringen. Der Beitrag des Wieners fiel völlig aus dem Rahmen der extrem steifen und von Konventionen geprägten Gala-Veranstaltung: sein Text beschreibt relativ unverstellt eine offene Beziehung, in der seine Frau sich schamlos durch alle Betten vögelt, während Freddy zunächst brav die Schwiegermutter in den Zoo führt. Allerdings rächt er sich dann in der letzten Strophe durch eigenes serielles Fremdgehen. Schockierend! Auch musikalisch verletzte er sämtliche ungeschriebenen Eurovisionsregeln. Wurde der Grand Prix von seinen Gründervätern doch vor allem als europäisches Bollwerk gegen amerikanische Musikeinflüsse, insbesondere den von vielen damaligen Rundfunkverantwortlichen als „schreckliche Negermusik“ verfemten Rock ’n‘ Roll, ins Leben gerufen. ‚So geht das jede Nacht‘, der flotteste Eurovisionsbeitrag der gesamten fünfziger Jahre, entpuppte sich aber als genau das: ein quirliger Rock-’n‘-Roll-Song! Revolution gleich zu Beginn, und dann noch aus Deutschland: man mag es kaum glauben!

Ausgefeilte Kameratechnik: Lys‘ Siegerreprise (CH)

Den Wettbewerb eröffnete die 2013 verstorbene Niederländerin Jetty Paerl, die während des zweiten Weltkrieges als Kabarettistin Jetje van Radio Oranje im kulturellen Widerstand gegen die Nazis mitgearbeitet hatte, mit einer freundlich-harmlosen Lobpreisung der ‚Vogels van Holland‘. Über ihr Abschneiden ist ebenso wenig bekannt wie über das der Deutschen: auch wenn Gerüchte besagen, dass W.A. Schwarz den zweiten Platz belegt haben soll, so bleibt die Wahrheit für immer im Dunkeln. Nach einer geheimen (!) Abstimmung gaben die damaligen Jurys nur die Siegerin bekannt – die Schweizerin Lys Assia (→ CH 1957, 1958, Vorentscheid DE 1956, CH 2012, 2013) mit ihrem schönen Lied ‚Refrain‘ – und vernichteten anschließend alle Stimmzettel! Erst- und letztmalig durfte man auch für das eigene Land votieren. Und Luxemburg sandte keine eigene Jury, sondern ließ die Gastgeber für sie mitstimmen. Ob es daran lag, dass Lys Assia gewann? Ich denke nicht: ihr ‚Refrain‘ arbeitete in einem breiten Feld sehr getragener (lies: langweiliger) Chansons als einziger Beitrag mit einem Begleitchor und ging melodisch sofort ins Ohr. Also, für damalige Grand-Prix-Verhältnisse, beinahe schon ein Popsong. Von Freddys ‚Rock around the Clock‘-Kopie mal abgesehen, aber die war für die Jurys natürlich viel zu wild.

Das Fenster auf, die Türe weit: da hat die Franca ihre Freud! (IT)

Lediglich sieben europäische Nationen nahmen am ersten Concours teil; damit der Abend nicht frühzeitig endete, durfte jede zwei Beiträge liefern. Und da die Schweiz schon damals unterhaltungsgewerblich nicht all zu viel aufzubieten hatte, kam die heutzutage bei keinem Eurovisionsevent als Ehrengast fehlende Frau Assia gleich doppelt zum Einsatz. ‚Das alte Karussell‘, eine betuliche Rührschnulze über eine spürbar in die Jahre gekommene Rummelplatzattraktion (etwaige Parallelen zu den gescheiterten erneuten Bewerbungen der Premierensiegerin in den Jahren 2012 und 2013 möge bitte jeder selbst ziehen), vermochte jedoch nicht zu überzeugen. Selbst so hübsche Textstellen wie „Da hilft auch kein flattier’n“ (=schmeicheln) halfen nicht. Womöglich auch, weil sie diesen Titel auf deutsch vortrug: eine für die meisten europäischen Ohren wenig musikalisch klingende Sprache. Lys im Feddersen-Interview: „Ich habe schon [damals] gesagt, dass es unfair ist, wenn die Länder nicht die Chance haben, auf englisch oder französisch zu singen“. Ein Heimvorteil der linguistisch dreigeteilten Schweiz, die auch nach dem Festzurren der → Sprachregel stets auf das weichere, melodischere Italienisch oder Französisch ausweichen konnte. Und in letztgenannter Sprache dann auch ihre beiden einzigen Siege einsackte.

„Man muss es einmal schmiern“: Lys wird damit doch nicht etwa die Jurys gemeint haben? (CH)

Großbritannien übrigens glänzte bei der Premiere mit Abwesenheit: dort verwendete man das von Brennan gekaufte Format als nationale Vorentscheidung (A Song for Europe), dessen Finale aber aufgrund später Terminierung und zahlreicher Vorrunden erst am 22. Oktober 1956 über die Bühne ging – mithin fünf Monate zu spät für eine Teilnahme am Eurovision Song Contest. Immerhin übertrug die BBC dennoch den Wettbewerb aus Lugano live, wenn auch erst ab der 46. Minute, also dem zweiten Liederdurchgang. So, als wollte man dem heimischen Publikum im Mutterland der Popmusik, wo die Show bis heute ausschließlich als befremdliches Kuriosum wahrgenommen wird, nicht gleich zu viel zumuten. Die Reaktionen der von der BBC im Anschluss befragten Zuschauer fielen dennoch desaströs aus: diese Lieder seien es ja wohl nicht wert, dass man sie sich anhöre – zumal noch in einer anderen Sprache! Ein Lamento, das auch die ARD-Verantwortlichen zur Genüge zu hören bekamen. Dennoch bewarb sich der Hessische Rundfunk um die nächste Ausrichtung in Frankfurt am Main. Und bekam trotz des unverzeihlichen Freddy-Quinn-Faux-Pas erstaunlicherweise den Zuschlag.

Eurovision Song Contest 1956

Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea. Donnerstag, 24. Mai 1956, aus dem Theatro Kursaal in Lugano, Schweiz. Sieben Teilnehmerländer (mit jeweils zwei Liedern). Moderation: Lohengrin Filipello.
#LandInterpret/inSongPlatz
01NLJetty PaerlDe Vogels van Holland-
02CHLys AssiaDas alte Karussell-
03BEFud LeclercMessieurs les noyés de la Seine-
04DEWalter Andreas SchwarzIm Wartesaal zum großen Glück-
05FRMathé AltéryLes Temps perdu-
06LUMichéle ArnaudNe crois pas-
07ITFranca RaimondiAprite le Finestre-
08NLCorry BrokkenVoorgoed voorbij-
09CHLys AssiaRefrain01
10BEMony MarcLe plus beau Jour de ma Vie-
11DEFreddy QuinnSo geht das jede Nacht-
12FRDany DaubersonIl est la-
13LUMichéle ArnaudLes Amant de Minuit-
14ITTonia TorelliAmani se vuoi-

DVE 1956: Ach die armen, armen Leute

Walter Andreas Schwarz, DE 1956
Die Winselstute

Zugegeben: 1956 weilte ich noch nicht einmal auf diesem Planeten – da war ich noch nicht mal in der Planung. Der erste Grand Prix, den ich mit Sicherheit live sah, war der von 1979. Für die Zeit davor kann ich mich nur auf Videoaufzeichnungen stützen, wobei für 1956 allerdings keine solche existiert. Oder wiedergeben, was andere Quellen, insbesondere Jan Feddersens kompetente (und sehr empfehlenswerte) Eurovisionsbibel ‚Ein Lied kann eine Brücke sein‘, offenbaren. Doch für das Gründungsjahr des Grand Prix Eurovision de la Chanson stochern auch diese ziemlich im Nebel. So gilt es nicht als zweifelsfrei gesichert, ob tatsächlich eine deutsche Vorentscheidung stattfand. Die Programmzeitschrift HörZu verzeichnet nach den fleißigen Recherchen Feddersens für den 1. Mai 1956 eine solche Sendung, mit Stars dieser Zeit wie Margot Hielscher (die Deutschland 1957 und 1958 vertreten sollte), Margot Eskens (→ Vorentscheid 1962, DE 1966), Friedel Hensch & den Cyprys (→ Vorentscheid 1961, großartige Wirtschaftswunder-Hits: ‚Egon‘, ‘Die Fischerin vom Bodensee’, ‚Mein Ideal‘, ‚Wenn ich will, stiehlt der Bill‘) und anderen, die sich jedoch, soweit von Feddersen befragt, an einen deutschen Vorentscheid allesamt nicht erinnern können oder wollen.

Nur eine Coverversion und damit nicht der Vorentscheidungsbeitrag, dafür aber eine fabelhafte Nummer: ‚Der Novak‘ in der Bearbeitung von Friedel Hensch (Repertoirebeispiel, im Original von Cissy Kraner)

Pragmatisch sieht das der in Wien geborene deutsche Seemann vom Dienst, Freddy Quinn, den das deutsche Fernsehen letztlich als einen von zwei Vertretern nach Lugano entsandte (aufgrund der geringen Zahl von nur sieben Ländern, die sich zur  Grand-Prix-Premiere zusammenfanden, musste ein jedes gleich zwei Songs zum Abend beisteuern). Quinn erinnert sich im Feddersen-Interview zwar auch nicht mehr genau, an einer Vorentscheidung teilgenommen zu haben, meint aber: „Es muss eine stattgefunden haben. Wie hätte es Walter Andreas Schwarz sonst schaffen sollen? Er war vorher nicht bekannt und hinterher hatte er auch keinen Hit“. Das mag ein bisschen herablassend klingen, trifft in der Sache aber zu. Während Plattenmillionär Freddy, der mit dem legendären ‚Heimweh‘ den meistverkauften Song des Jahres 1956 landete, es auch mit ‚So geht das jede Nacht‘ bis auf Rang 10 der Verkaufscharts schaffte, wandte sich der 1992 verstorbene Schwarz nach dem Song Contest dem Hörspiel und dem Kabarett zu: sicherlich eine weise Entscheidung.

Freddy Quinns ‚So geht das jede Nacht‘, hier hingebungsvoll interpretiert vom Team Merci Grand Prix

Bizarrerweise soll laut HörZu auch die schweizerische Grand-Prix-Vertreterin (und – hier muss ich leider spoilern: – Siegerin!) Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958, Vorentscheid 2012, 2013) an der deutschen Vorentscheidung 1956 teilgenommen haben. Man stelle sich vor, sie hätte auch diese gewonnen: wäre sie daraufhin im malerischen Tessin, wo der erste Wettbewerb stattfand, gleich für zwei Nationen angetreten? Durchaus denkbar, denn tatsächlich erließ die EBU – der Ausrichter der mittlerweile heißgeliebten jährlichen Liederfestspiele – erst im Jahre 2003, als es die polnische Band Ich Troje (→ PL 2003, 2006) sowohl in der Heimat als auch bei der deutschen Vorentscheidung versuchte, eine verbindliche Regelung, wonach ein/e Künstler/in beim Hauptwettbewerb immer nur ein Land pro Jahrgang repräsentieren darf.

Chart-Watch 1956: Freddy Quinn mit ‚Heimweh‘, dem deutschen Top-Hit des Jahres 1956

Deutsche Vorentscheidung 1956
Grand Prix Eurovision – Schlager & Chansons
. Dienstag, 1. Mai 1956, aus dem Großen Sendesaal des NWDR in Köln. Zwölf Teilnehmer, Moderation: Heinz Piper.

Teilnehmerliste
(über die Titel der übrigen Teilnehmer, die Auftrittsreihenfolge und die Platzierungen ist nichts bekannt):

  • Lys Assia
  • Rolf Baro
  • Eva Busch
  • Angèle Durand
  • Margot Eskens
  • Friedel Hensch & Die Cyprys
  • Margot Hielscher
  • Bibi Johns
  • Freddy Quinn (‚So geht das jede Nacht‘)
  • Walter Andreas Schwarz (‚Im Wartesaal zum großen Glück‘)
  • Hans Arno Simon
  • Gerhard Wendland