ESC 1956: Da hilft auch kein Flattiern

Logo des Eurovision Song Contest 1956
Das Jahr des Anfangs

„Wer hat’s erfunden?“: der bekannte Werbeclaim eines schweizerischen Hustenpastillenherstellers bildet die perfekte Überschrift zur Illustration des Disputes um die Urheberschaft des beliebtesten und erfolgreichsten Unterhaltungsevents der Welt, des Eurovision Song Contest. Gilt nach offizieller Geschichtsschreibung der damalige eidgenössische TV-Generaldirektor und Programmbeauftragte der Europäischen Rundfunkunion (EBU), Marcel Bezençon, als geistiger Vater des paneuropäischen Events, so reklamiert der britische Buchautor Gordon Roxburgh in seiner 2012 erschienenen Fibel Songs for Europe, Volume 1, zumindest eine Mittäterschaft des heimischen Schauspielers Michael Brennan und des BBC-Generaldirektors Sir Ian Jacob an der Einführung des Gesangswettbewerbs.

Nur als Audiomitschnitt erhältlich: der Premierencontest von 1956

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DVE 1956: Ach die armen, armen Leute

Walter Andreas Schwarz, DE 1956
Die Winselstute

Zugegeben: 1956 weilte ich noch nicht einmal auf diesem Planeten – da war ich noch nicht mal in der Planung. Der erste Grand Prix, den ich mit Sicherheit live sah, war der von 1979. Für die Zeit davor kann ich mich nur auf Videoaufzeichnungen stützen, wobei für 1956 allerdings keine solche existiert. Oder wiedergeben, was andere Quellen, insbesondere Jan Feddersens kompetente (und sehr empfehlenswerte) Eurovisionsbibel ‚Ein Lied kann eine Brücke sein‘, offenbaren. Doch für das Gründungsjahr des Grand Prix Eurovision de la Chanson stochern auch diese ziemlich im Nebel. So gilt es nicht als zweifelsfrei gesichert, ob tatsächlich eine deutsche Vorentscheidung stattfand. Die Programmzeitschrift HörZu verzeichnet nach den fleißigen Recherchen Feddersens für den 1. Mai 1956 eine solche Sendung, mit Stars dieser Zeit wie Margot Hielscher (die Deutschland 1957 und 1958 vertreten sollte), Margot Eskens (→ Vorentscheid 1962, DE 1966), Friedel Hensch & den Cyprys (→ Vorentscheid 1961, großartige Wirtschaftswunder-Hits: ‚Egon‘, ‘Die Fischerin vom Bodensee’, ‚Mein Ideal‘, ‚Wenn ich will, stiehlt der Bill‘) und anderen, die sich jedoch, soweit von Feddersen befragt, an einen deutschen Vorentscheid allesamt nicht erinnern können oder wollen.

Nur eine Coverversion und damit nicht der Vorentscheidungsbeitrag, dafür aber eine fabelhafte Nummer: ‚Der Novak‘ in der Bearbeitung von Friedel Hensch (Repertoirebeispiel, im Original von Cissy Kraner)

Pragmatisch sieht das der in Wien geborene deutsche Seemann vom Dienst, Freddy Quinn, den das deutsche Fernsehen letztlich als einen von zwei Vertretern nach Lugano entsandte (aufgrund der geringen Zahl von nur sieben Ländern, die sich zur  Grand-Prix-Premiere zusammenfanden, musste ein jedes gleich zwei Songs zum Abend beisteuern). Quinn erinnert sich im Feddersen-Interview zwar auch nicht mehr genau, an einer Vorentscheidung teilgenommen zu haben, meint aber: „Es muss eine stattgefunden haben. Wie hätte es Walter Andreas Schwarz sonst schaffen sollen? Er war vorher nicht bekannt und hinterher hatte er auch keinen Hit“. Das mag ein bisschen herablassend klingen, trifft in der Sache aber zu. Während Plattenmillionär Freddy, der mit dem legendären ‚Heimweh‘ den meistverkauften Song des Jahres 1956 landete, es auch mit ‚So geht das jede Nacht‘ bis auf Rang 10 der Verkaufscharts schaffte, wandte sich der 1992 verstorbene Schwarz nach dem Song Contest dem Hörspiel und dem Kabarett zu: sicherlich eine weise Entscheidung.

Freddy Quinns ‚So geht das jede Nacht‘, hier hingebungsvoll interpretiert vom Team Merci Grand Prix

Bizarrerweise soll laut HörZu auch die schweizerische Grand-Prix-Vertreterin (und – hier muss ich leider spoilern: – Siegerin!) Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958, Vorentscheid 2012, 2013) an der deutschen Vorentscheidung 1956 teilgenommen haben. Man stelle sich vor, sie hätte auch diese gewonnen: wäre sie daraufhin im malerischen Tessin, wo der erste Wettbewerb stattfand, gleich für zwei Nationen angetreten? Durchaus denkbar, denn tatsächlich erließ die EBU – der Ausrichter der mittlerweile heißgeliebten jährlichen Liederfestspiele – erst im Jahre 2003, als es die polnische Band Ich Troje (→ PL 2003, 2006) sowohl in der Heimat als auch bei der deutschen Vorentscheidung versuchte, eine verbindliche Regelung, wonach ein/e Künstler/in beim Hauptwettbewerb immer nur ein Land pro Jahrgang repräsentieren darf.

Chart-Watch 1956: Freddy Quinn mit ‚Heimweh‘, dem deutschen Top-Hit des Jahres 1956

Deutsche Vorentscheidung 1956
Grand Prix Eurovision – Schlager & Chansons
. Dienstag, 1. Mai 1956, aus dem Großen Sendesaal des NWDR in Köln. Zwölf Teilnehmer, Moderation: Heinz Piper.

Teilnehmerliste
(über die Titel der übrigen Teilnehmer, die Auftrittsreihenfolge und die Platzierungen ist nichts bekannt):

  • Lys Assia
  • Rolf Baro
  • Eva Busch
  • Angèle Durand
  • Margot Eskens
  • Friedel Hensch & Die Cyprys
  • Margot Hielscher
  • Bibi Johns
  • Freddy Quinn (‚So geht das jede Nacht‘)
  • Walter Andreas Schwarz (‚Im Wartesaal zum großen Glück‘)
  • Hans Arno Simon
  • Gerhard Wendland