ESC 1957: Hallo, Kopenhagen?

Logo des Eurovision Song Contest 1957
Das Jahr der Zunge

„Telefon, Telefon / Lang war ich allein / Sag, wann werde ich zum Lohn / Endlich glücklich sein“? Dies frug die deutsche Vertreterin beim Grand Prix 1957, Margot Hielscher, sich und das Publikum. Wie jede nagelneue Kommunikationstechnik wurde also auch schon der Fernsprechapparat bereits kurz nach seiner Markteinführung zur Date-Anbahnung missbraucht genutzt! Für den nicht deutsch sprechenden Teil Europas visualisierte Frau Hielscher die Thematik äußerst anschaulich, indem sie während ihres Gesangsvortrags innig mit einem Bakelit-Telefonhörer schmuste. Eurovision leicht gemacht! Doch weder das theatralische Vorzeigen von Requisiten (das sie 1958 bei ihrem zweiten Einsatz fürs Heimatland wiederholen sollte) noch das geschickte, polyglotte Einweben englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprachfetzen („Hallo, grazie, si, si / hallo, nada por mi“) in ihren Liedtext reichten zum Sieg. Wir mussten uns mit dem vierten Rang begnügen: aus heutiger Sicht ein Traumergebnis, bei nur zehn Teilnehmerländern jedoch ein lediglich mittelprächtiges Ergebnis.

Kein Brocken, diese Frau: Corry Brokken (NL).

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BE 1957: Die Sommernacht im schwulen Paris

Belgien, das ist das Bosnien-Herzegowina Westeuropas: ein sprachlich wie kulturell unheilbar geteiltes Land, bestehend aus zwei sich gegenseitig mit tief sitzendem Misstrauen beäugenden Seiten (hier: die niederländisch sprechenden Flamen und die französisch parlierenden Wallonen), mehr schlecht als recht zusammengehalten von einer von niemandem so wirklich respektierten Zentralregierung und stets am Rande der politischen Handlungsunfähigkeit dahinmanövrierend. Dass noch keine Blauhelmsoldaten der UN einmarschieren mussten, verdankt der Beneluxstaat vor allem seiner finanziellen (und der daraus folgenden gesellschaftlichen) Stabilität. Sowie dem fein austarierten Proporz der Institutionen. So existieren denn auch zwei getrennte Rundfunkanstalten, der flämische Sender VRT und sein wallonisches Pendant RTBF, die – bis heute – immer schön abwechselnd für die Entsendung des belgischen Beitrags zum Eurovision Song Contest verantwortlich zeichnen. Die Wallonen (über deren Vorentscheide meist gar nichts in Erfahrung zu bringen ist) begannen 1956, und so waren 1957 beim zweiten Contest die Flamen an der Reihe. Sie bestimmten intern den seit den Vierzigerjahren weit über das Land hinaus erfolgreichen Countrysänger und Schauspieler Bobbejaan Schoepen, der im Laufe seiner Karriere insgesamt fünf Millionen Platten verkaufen konnte, zu ihrem Repräsentanten. Der Sender produzierte für Bobbejaan eine Personalityshow mit dem schönen Titel De TV maakt Muziek, in welcher er in wechselnden Kulissen drei Wettbewerbsbeiträge vorstellen durfte. Als roter Faden der Sendung fungierte eine Telefonistin, welche die Beiträge per Handvermittlung miteinander verknüpfte.

Victor / Victoria auf belgisch: Bobbejaan in der französischen Homo-Hauptstadt.

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DK 1957: Das gewöhnliche Lied

Melodi Grand Prix (MGP), so hieß der dänische Vorentscheid bei seiner Premiere im Jahre 1957, und so heißt er immer noch. Damals wie heute bevölkerte fast ausschließlich Seichtes den skandinavischen Wettbewerb, denn wie ihre südlichen Nachbarn, die Deutschen, mögen es auch die Dänen, jedenfalls in ihrer breiten Masse, musikalisch eher kantenlos und weichgespült. Während sich die Einfallslosigkeit heutzutage meist auf zehn mehr oder minder uniforme Beiträge und zehn Interpret/innen verteilt, wählte der veranstaltende Sender Dansk Radio (DR) seinerzeit allerdings nur zwei Künstler/innen aus, die sowohl gegeneinander als auch miteinander antraten. Die junge Kopenhagenerin Birthe Wilke (→ DK 1959) stellte solo zwei Titel vor, konnte mit dem beliebten Schlagerthema „Frühling“ aber ebenso wenig die Jury becircen wie mit dem ‚Gewöhnlichen Lied‘, dem ‚Chanson ordinaire‘. Auch ihr rund zehn Jahre älterer und 1979 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Konkurrent Gustav Winckler, der für einige Zeit – wie Birthe – zur Grundausstattung des MGP gehörte, blieb mit seinen Solonummern über eine ‚Fata Morgana‘ und die ‚Straße der Sehnsucht‘ erfolglos. Denn es bewahrheitete sich eine eherne Eurovisionsregel, deren Gültigkeit man lange Zeit ebenfalls in der ZDF-Hitparade mitverfolgen konnte: das heterosexuelle Pärchen schlägt stets alles andere! Und zwar unabhängig von der Qualität, wie beim Heck Cindy & Bert (→ DE 1974) regelmäßig unter Beweis stellten, oder Ell & Nikki (→ AZ 2011) beim ESC. Der Sender ließ die beiden Konkurrenten nämlich auch gemeinsam als Duo antreten, und in dieser Zusammensetzung belegten sie die beiden ersten Plätze des Vorentscheids. Den Kürzeren zog dabei das etwas flotter instrumentierte ‚Kærlighedens Cocktail‘, der ‚Liebescocktail‘, der klang wie die Filmmusik zu einem heiteren Doris-Day-Streifen, während die bräsiger daherkommende, beim Contest in Frankfurt mit einem innigen Kuss visuell aufgepeppte Seefahrerromanze ‚Das Schiff sticht in See heute Nacht‘ bekanntlich den Sieg davontrug.

Für die deutsche Einspielung des dänischen ESC-Beitrags ersetzte die Schwedin Bibi Johns die Originalinterpretin.

Vorentscheid DK 1957

Dansk Melodi Grand Prix. Sonntag, 17. Februar 1957, aus dem Radio-Haus in Kopenhagen. Zwei Teilnehmer/innen. Moderation: Sejr Volmer-Sørensen.
#Interpret/inTitelPlatz
01Birthe WilkeChanson ordinaire--
02Gustav WincklerFata Morgana--
03Birthe WilkeHele Werden venter på en Vår--
04Birthe Wilke + Gustav WincklerKærlighedens Cocktail2
05Gustav WincklerLængslernes Vej--
06Birthe Wilke + Gustav WincklerSkibet skal sejle i Nat1

> DK 1958: Vergammelte Speisen

DE 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

Margot Hielscher, DE 1957
Das Fräulein vom Amt

1957, im zweiten Jahr seines Bestehens (und zehn Jahre vor meiner Geburt), sollte der Grand Prix in meiner herrlichen Heimatstadt gastieren, in Frankfurt am Main! Im prachtvollen großen Sendesaal des hässlichen Hessischen Rundfunks, nach Kriegsende ursprünglich mal als Domizil für den Deutschen Bundestag geplant, bevor ein rheinländisches Kaff namens Bonn auf heimtückisches Hintertreiben von Erstkanzler Konrad Adenauer den Hauptstadt-Zuschlag bekam, traf die europäische Chanson-Elite (*räusper*) zusammen. Und auch der deutsche Vorentscheid fand an selbiger geheiligter Stätte statt, integriert allerdings in eine ARD-Unterhaltungsshow mit dem beliebten Showmaster Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff. Aus lediglich vier handverlesenen Finalteilnehmer/innen erwählte die Senderjury Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1958) mit ihrer melancholischen Ballade über eine technische Errungenschaft, über die damals nur wenige europäische Haushalte verfügten, und die in diesem Jahr erstmals bei der Ermittlung des Ergebnisses eine wichtige Rolle spielen sollte: ‚Telefon, Telefon‘! Das melancholische Chanson über eine Strippenzieherin, die tagsüber am Arbeitsplatz beim Fernsprechamt die große weite Welt am Hörer hat, um abends zu Hause vergeblich auf einen Anruf zu warten, der sie aus der Einsamkeit erlöst, vermochte die Juroren zu becircen. Frau Hielscher, die bereits in den Vierzigerjahren an der Seite von Zarah Leander und Curd Jürgens in UFA-Filmen mitwirkte, konnte ihre Schauspiel- und Gesangskarriere nach Ende des Dritten Reichs nahtlos fortsetzen und empfing in den Sechzigern als Gastgeberin einer Talkshow im Bayerischen Fernsehen Stars aus aller Welt. Einem breiteren TV-Publikum ist sie daneben als stets tadellos gestylte Gräfin in der Achtzigerjahre-Serie Rivalen der Rennbahn bekannt. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes verstarb 2017 im biblischen Alter von 97 Jahren in München.

Zur Punktevergabe brauchen wir den Apparat aber wieder, gelle, Frau Hielscher!

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UK 1957: Das kleine Ding, das göttlich singt

1956, im ersten Jahr des von der BBC mitinitiierten Eurovision Song Contests, hatten die Briten bizarrerweise nicht an den europäischen Festspielen teilgenommen. Zwar organisierten auch sie einen am Vorbild des italienischen San Remo Festivals orientierten Liederwettbewerb. Doch das mit zahlreichen Vorrunden versehene Festival of British popular Songs ging erst am 22. Oktober 1956 – mithin Monate zu spät für den ESC – zu Ende. Und obschon mit Petula Clark (die kennen Sie noch von ‚Downtown‘) ein bekannter Kinderstar daran teilnahm, brachte es nicht einen einzigen Chart-Hit hervor. Nur drei Monate später, am 22. Januar 1957, startete die BBC dennoch die zweite Ausgabe des Formates, welches diesmal auch zur Ermittlung des britischen Grand-Prix-Beitrags diente, denn die selbst empfundene Pop-Nation wollte das eurovisionäre Feld den Brüdern und Schwestern vom Festland keinesfalls alleine überlassen. Getreu des Mottos „warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?“ gab es drei Vorrunden mit jeweils sechs Liedern, diese wiederum in jeweils zwei unterschiedlichen Fassungen, eine davon in der Regel als Instrumentalversion. ‚All‘, das operettenhafte Siegerlied dieser Ausscheidung, tauchte erstmals im dritten Semifinale auf – und die Sängerin dafür fand die BBC erst in ziemlich letzter Minute, wie Gordon Roxburgh in seinem Buch Songs for Europe – Volume 1: the 1950s and 1960s offenbart.

Ein „weltfremdes, junges Geschöpf“ – so die Eigenbeschreibung der Sängerin Patricia Bredin.

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CH 1957: Für zwei Groschen Musik

Wie in den Niederlanden setzte man in den späten Fünfzigern auch in der Eidgenossenschaft auf Kontinuität beim Vorentscheid. Wie bereits 1956 traten drei Künstler/innen (je eine/r pro Landesteil) mit insgesamt elf Titeln zum Vorsingen an. Dabei schickte die Romandie, wie noch so oft, erneut Jo Roland, der ‚Avec vingt Sous‘, mit 20 Pfennigen also, im Hochpreisland Schweiz allerdings nicht sehr weit kam. In Deutschland hätte das zumindest für einen Wunschtitel in der Jukebox (‚Für zwei Groschen Musik‘, DE 1958) gereicht! Der Sender des deutschsprachigen Teils delegierte wiederum die Vorjahressiegerin Lys Assia, die mit ganzen fünf Beiträgen den Abend komplett dominierte. Darunter fanden sich nicht nur aus heutiger Sicht schon vom Liedtitel her extrem verstaubt wirkende Volksmusikkamellen wie ‚Ein trautes Lied vom Turm herab‘ (wobei das strenggenommen auch den Ruf des Muezzins von der Moschee herunter beschreiben könnte), aber auch das kecke ‚Derrière la Cathedrale‘ (‚Hinter der Kathedrale‘, doch nicht etwa über ein heißes Dornenvögel-Stelldichein mit dem Pfarrer?). Lediglich das Tessin schickte einen anderen Künstler als im Vorjahr, namentlich den heute vollständig dem Vergessen anheim gefallenen Sänger Gianni Ferraresi. Seiner eindringlichen Bitte ‚Lasciami tranquillo‘ (‚Lass mich in Ruhe‘) leisteten die Juroren nur zu gerne Folge. Ein Déjà vu auch beim Ergebnis: erneut erhielt Madame Assia das helvetische Ticket, landete beim Wettbewerb in Frankfurt am Main mit der besonders süßlichen Jugenderinnerung ‚L’Enfant que j’étais‘ (‚Das Kind, das ich war‘) allerdings zu Recht ganz weit hinten. Dennoch stellte man sie auch 1958 (für dieses Jahr fehlen leider sämtliche Informationen über den schweizerischen Vorentscheid) wieder auf: die Berner Schatzkammern schienen mit adäquaten Sängerinnen schon seinerzeit nicht so prall gefüllt gewesen zu sein…

War als Kind bestimmt nicht so langweilig wie ihr Lied: die Assia

Vorentscheid CH 1957

Montag, 11. Februar 1957, aus St. Moritz. Drei Teilnehmer/innen

#Interpret/inTitelErgebnis
01Jo RolandLa Vie--
02Lys AssiaL'Enfant que j'étais01
03Gianni FerraresiLasciami tranquillo--
04Lys AssiaDerrière la Cathedrale--
05Gianni FerraresiNel mio Carnet--
06Gianni FerraresiBellissima--
07Jo RolandAvec vingt Sous--
08Lys AssiaMusst Du schon gehn--
09Jo RolandQuand je rêve--
10Lys AssiaEin trautes Lied vom Turm herab--
11Lys AssiaÇa n'empechera pas--

< CH 1956: Die zwei Schurken

> CH 1959: Die Lys ist weg!

NL 1957: Iwan, der Messerwerfer

Business as usual bereits im zweiten Jahr des niederländischen Eurovisionsvorentscheides, dem Nationaal Songfestival: erneut traten vier Künstler/innen gegeneinander an, die jeweils zwei Lieder vortragen durften, erneut stimmte in vorbildlich demokratischer Weise das Publikum per Postkartenzuschrift ab, erneut kam die Sendung aus den AVRO-Studios in Hilversum und erneut führte Karin Kraaykamp durch den Abend. Mit Corry Brokken (→ NL 1956, 1958) fand sich sogar eine der Teilnehmer/innen des Vorjahres erneut im Line-up, und erneut machte diese das Rennen. Und zwar mit der so geschmack- wie dezent schwungvollen Ballade ‚Net als toen‘, die in Frankfurt am Main, wo der Grand Prix 1957 stattfand, sogar die Krone holen sollte. Knapp 7.000 Postkarten schickten die Holländer dafür ein, fast zweieinhalbtausend mehr als für den zweitplatzierten Song, der ebenfalls von Corry gesungen wurde und der die (jedenfalls der Musik nach zu urteilen) dramatische Geschichte von ‚Iwan, de Messenwerper‘ erzählte, eines russischen Zirkusreisenden, in den sich die Erzählerin verguckt hatte. Da leider keine Aufzeichnung des Nationaal Songfestivals mehr existiert, ist nicht überliefert, ob sich die baumlange Sängerin während ihres Vortrags von einem Varietékünstler mit dem Schneidwerkzeug bewerfen ließ – in meinem Kopfkino sehe ich es allerdings förmlich vor mir. Welch eine verpasste Gelegenheit!

Leider nur als Audio: Iwan, der Messerwerfer.

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IT 1957: Kein Entkommen

Rin in die Kartoffeln – raus aus die Kartoffeln: hatte man 1956 beim San Remo Festival, dem als italienischem Vorentscheid genutzten ligurischen Musikfestival, die großen Namen rausgeworfen, um dem Nachwuchs eine Chance zu geben, so erklärte der Sender RAI dieses Experiment aufgrund des geringen öffentlichen Zuspruchs schnell als gescheitert und holte bereits 1957 die Stars wieder zurück. Es gab zwei Semifinale mit jeweils zehn Titeln, die Hälfte davon kam ins samstägliche Finale (kommt uns heute sehr bekannt vor, nicht wahr?). Allerdings wurde jedes Lied gleich zwei Mal von verschiedenen Künstler/innen unterschiedlich interpretiert. Dennoch bewerteten die Jurys in der Endabstimmung nur den Song und nicht den Sänger. Jedenfalls nach offizieller Lesart: tatsächlich okkupierten zwei von Claudio Villa (→ IT 1962, 1967), dem San-Remo-Sieger von 1955 und populärsten Teilnehmer des Wettbewerbs, dargebotenen Beiträge punktgleich die beiden ersten Ränge. Das mit seiner von einer früheren Tuberkulose-Erkrankung herrührenden, ziemlich hohen Falsettstimme sehnsuchtsvoll geschnulzte, mit knapp sechs Minuten Lieddauer kaum zu Ende kommen wollende ‚Corde della mia Chitarra‘ erklärte die RAI anschließend zum Siegertitel und entsandt es dann auch nach Frankfurt am Main, zum Grand Prix 1957. Allerdings in der zweiten, nur unwesentlich kürzeren Fassung mit Nunzio Gallo.

Da läuft der Schmalz literweise aus dem Lautsprecher: Claudio Villa mit dem San-Remo-Siegerlied.

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