ESC 1957: Hallo, Kopenhagen?

Logo des Eurovision Song Contest 1957
Das Jahr der Zunge

Kein Jahrgang ohne grundlegende Neuerungen in der Anfangsphase des Contests: stimmten die Juroren bei der Grand-Prix-Premiere 1956 noch geheim ab und erfuhren wir außer dem Siegertitel keine Platzierungen, so feierte das heutige Herzstück der TV-Show, die stets das komplette letzte Drittel der Sendung einnehmende und die höchsten Einschaltquoten des Abends erzielende öffentliche Stimmenauszählung, beim zweiten Eurovision Song Contest in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main seinen Einstand. Die Durchgabe der Ländervoten erfolgte natürlich telefonisch. Geschickt nahmen die Gastgeber hierauf Bezug: „Telefon, Telefon / Lang war ich allein / Sag, wann werde ich zum Lohn / Endlich glücklich sein“ frug die deutsche Vertreterin Margot Hielscher sich und das Publikum.

Das Fräulein vom Amt (DE).

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BE 1957: Die Sommernacht im schwulen Paris

Belgien, das ist das Bosnien-Herzegowina Westeuropas: ein sprachlich wie kulturell unheilbar geteiltes Land, bestehend aus zwei sich gegenseitig mit tief sitzendem Misstrauen beäugenden Seiten (hier: die niederländisch sprechenden Flamen und die französisch parlierenden Wallonen), mehr schlecht als recht zusammengehalten von einer von niemandem so wirklich respektierten Zentralregierung und stets am Rande der politischen Handlungsunfähigkeit dahinmanövrierend. Dass noch keine Blauhelmsoldaten der UN einmarschieren mussten, verdankt der Beneluxstaat vor allem seiner finanziellen (und der daraus folgenden gesellschaftlichen) Stabilität sowie dem fein austarierten Proporz der Institutionen. So existieren zwei getrennte Rundfunkanstalten, der flämische Sender VRT und sein wallonisches Pendant RTBF, die – bis heute – immer schön abwechselnd für die Entsendung des belgischen Beitrags zum Eurovision Song Contest verantwortlich zeichnen.

TV makes it, TV even breaks it: wie dieser Mitschnitt ab Minute 1:31 beweist, hatten die Belgier schon 40 Jahre vor den Iren den Riverdance drauf.

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DK 1957: Das gewöhnliche Lied

Melodi Grand Prix (MGP), so hieß der dänische Vorentscheid bei seiner Premiere im Jahre 1957, und so heißt er noch immer. Damals wie heute bevölkerte fast ausschließlich Superseichtes den skandinavischen Wettbewerb, denn wie ihre südlichen Nachbarn, die Deutschen, mögen es auch die Dänen, jedenfalls in ihrer breiten Masse, musikalisch eher kantenlos und weichgespült. Während sich die Einfallslosigkeit heutzutage meist auf zehn mehr oder minder uniforme Beiträge und zehn Interpret/innen verteilt, wählte der veranstaltende Sender Dansk Radio (DR) seinerzeit lediglich zwei Künstler/innen aus, die sowohl gegen- als auch miteinander antraten. Die junge Kopenhagenerin Birthe Wilke (→ DK 1959) stellte solo zwei Titel vor, konnte mit dem beliebten Schlagerthema „Frühling“ aber ebenso wenig die Jury becircen wie mit dem ‚Gewöhnlichen Lied‘, dem ‚Chanson ordinaire‘. Auch ihr rund zehn Jahre älterer und 1979 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Konkurrent Gustav Winckler, der für lange Jahre – wie Birthe – zur Grundausstattung des MGP gehören sollte, blieb mit seinen Solonummern über eine ‚Fata Morgana‘ und die ‚Straße der Sehnsucht‘ erfolglos.

Für die deutsche Einspielung des dänischen ESC-Beitrags ersetzte die Schwedin Bibi Johns die Originalinterpretin.

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DE 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

Margot Hielscher, DE 1957
Das Fräulein vom Amt

1957, im zweiten Jahr seines Bestehens (und zehn Jahre vor meiner Geburt), sollte der Grand Prix in meiner herrlichen Heimatstadt gastieren, in Frankfurt am Main! Im prachtvollen großen Sendesaal des hässlichen Hessischen Rundfunks, nach Kriegsende ursprünglich mal als Domizil für den Deutschen Bundestag geplant, bevor ein rheinländisches Kaff namens Bonn auf heimtückisches Hintertreiben von Erstkanzler Konrad Adenauer den Hauptstadt-Zuschlag bekam, traf die europäische Chanson-Elite (*räusper*) zusammen. Und auch der deutsche Vorentscheid fand an selbiger geheiligter Stätte statt, integriert allerdings in eine ARD-Unterhaltungsshow mit dem beliebten Showmaster Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff. Aus lediglich vier handverlesenen Finalteilnehmer/innen erwählte die Senderjury Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1958) mit ihrer melancholischen Ballade über eine technische Errungenschaft, über die damals nur wenige europäische Haushalte verfügten, und die in diesem Jahr erstmals bei der Ermittlung des Ergebnisses eine wichtige Rolle spielen sollte: ‚Telefon, Telefon‘!

Zur Punktevergabe brauchen wir den Apparat aber wieder, gelle, Frau Hielscher!

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UK 1957: Das kleine Ding, das göttlich singt

1956, im ersten Jahr des von der BBC mitinitiierten Eurovision Song Contests, hatten die Briten bizarrerweise nicht an den europäischen Festspielen teilgenommen. Zwar organisierten auch sie einen am Vorbild des italienischen San-Remo-Festivals orientierten Liederwettbewerb. Doch das mit zahlreichen Vorrunden versehene Festival of British popular Songs ging erst am 22. Oktober 1956 – mithin Monate zu spät für den ESC – zu Ende. Und obschon mit Petula Clark (→ Vorentscheid IT 1965) ein bekannter Kinderstar daran teilnahm, brachte es nicht einen einzigen Chart-Hit hervor. Nur drei Monate später, am 22. Januar 1957, startete die BBC dennoch die zweite Ausgabe des Formates, welches diesmal auch zur Ermittlung des britischen Grand-Prix-Beitrags diente, denn die selbst empfundene Pop-Nation wollte das eurovisionäre Feld den Brüdern und Schwestern vom Festland keinesfalls alleine überlassen.

Ein „weltfremdes, junges Geschöpf“ – so die Eigenbeschreibung der Sängerin Patricia Bredin.

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CH 1957: Für zwei Groschen Musik

Wie in den Niederlanden setzte man in den späten Fünfzigern auch in der Eidgenossenschaft auf Kontinuität beim Vorentscheid. Wie bereits 1956 traten erneut drei Künstler/innen (je eine/r pro Landesteil) mit insgesamt elf Titeln zum Vorsingen an. Dabei schickte die Romandie, wie noch so oft, erneut Jo Roland, der ‚Avec vingt Sous‘, mit 20 Pfennigen also, im Hochpreisland Schweiz nicht sehr weit kam. In Deutschland hätte das zumindest für einen Wunschtitel in der Jukebox (‚Für zwei Groschen Musik‘, DE 1958) gereicht! Der Sender des deutschsprachigen Teils delegierte wiederum die Vorjahressiegerin Lys Assia, die mit ganzen fünf Beiträgen den Abend komplett dominierte. Darunter fanden sich nicht nur aus heutiger Sicht schon vom Liedtitel her extrem verstaubt wirkende Volksmusikkamellen wie ‚Ein trautes Lied vom Turm herab‘ (was strenggenommen auch den Ruf des Muezzins aus dem Moschee-Lautsprecher beschreiben könnte), aber auch das kecke ‚Derrière la Cathedrale‘ (‚Hinter der Kathedrale‘: doch nicht etwa ein heißes Stelldichein mit dem Pfarrer nach Art der Dornenvögel?).

War als Kind bestimmt nicht so langweilig wie ihr Lied: die Assia.

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NL 1957: Iwan, der Messerwerfer

Business as usual bereits im zweiten Jahr des niederländischen Eurovisionsvorentscheides, dem Nationaal Songfestival: erneut traten vier Künstler/innen gegeneinander an, die jeweils zwei Lieder vortragen durften, erneut stimmte in vorbildlich demokratischer Weise das Publikum per Postkartenzuschrift ab, erneut kam die Sendung aus den AVRO-Studios in Hilversum und erneut führte Karin Kraaykamp durch den Abend. Mit Corry Brokken (→ NL 1956, 1958) fand sich sogar eine der Teilnehmer/innen des Vorjahres erneut im Line-up, und erneut machte diese das Rennen. Und zwar mit der so geschmack- wie dezent schwungvollen Ballade ‚Net als toen‘, die in Frankfurt am Main, wo der Grand Prix 1957 stattfand, sogar die Krone holen sollte.

Zwei Minuten tun es auch: Corry mit ihrem Siegerlied.

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IT 1957: Kein Entkommen

Rin in die Kartoffeln – raus aus die Kartoffeln: hatte man 1956 beim San-Remo-Festival, dem als italienischem Vorentscheid genutzten ligurischen Musikfestival, die großen Namen rausgeworfen, um dem Nachwuchs eine Chance zu geben, so erklärte der Sender RAI dieses Experiment aufgrund des geringen öffentlichen Zuspruchs schnell als gescheitert und holte bereits 1957 die Stars wieder zurück. Es gab zwei Semifinale mit jeweils zehn Titeln, die Hälfte davon kam ins samstägliche Finale (das Konzept kommt uns heute sehr bekannt vor, nicht wahr?). Allerdings wurde jedes Lied gleich zwei Mal von verschiedenen Künstler/innen unterschiedlich interpretiert, eine in den Anfangsjahren des Wettbewerbs weit verbreitete Herangehensweise. Dennoch bewerteten die Jurys in der Endabstimmung nur den Song und nicht den Sänger.

Da läuft der Schmalz literweise aus dem Lautsprecher: Claudio Villa mit dem San-Remo-Siegerlied.

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