ESC 1990: Für uns, Liebe ohne Grenzen

Logo des Eurovision Song Contest 1990
Das Jahr der Europaeuphorie

Deutschland schrieb in diesem Jahr Geschichte: mit der von mutigen DDR-Bürgern friedlich herbeidemonstrierten Revolution und der sich anschließenden, von den meisten Westlern wie mir gedanklich längst abgeschriebenen Wiedervereinigung. Allerdings auch mit den beiden ersten deutschen Eurovisionsteilnehmern, die beim Versuch des Singens kaum einen Ton sauber zu treffen vermochten. Hätte man einen Schock Hundewelpen ‚Frei zu leben‘ jaulen lassen, das Ergebnis wäre gewiss musikalisch überzeugender ausgefallen. Doch nicht genug, dass sich einem beim Anhören die Fußnägel kräuselten, auch der Anblick des peinlichen Duos sorgte für Fremdschämattacken: Daniel Kovac erschien im C&A-Anzug, Chris Kempers mit tuffiger Dauerwelle und noch tuffigerer Kostümjacke, die deutlich aussagte: „Hallo, ich komme aus der Provinz und lasse mir jeden Mist andrehen“. Es war erbärmlich. So billig die Garderobe, so billig der Song: es schien, als sei der Grand Prix für alle Beteiligten, einschließlich der ARD, nur noch eine quälende Pflichtveranstaltung, die man mit so wenig Aufwand und Budget wie möglich zu absolvieren suchte.

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DE 1990: Frei zu jaulen

Daniel Kovac, Chris Kempers, DE 1990
Die Welpenhaften

Frühjahr 1990: die Mauer war gefallen, Helmut Kohl arbeitete zielstrebig auf die rasche Wiedervereinigung (oder die zügige Einverleibung der DDR als ALG-II-finanzierter zusätzlicher Absatzmarkt für West-Produkte) hin. Zeit für einen Aufbruch also, von dem man aber bei der deutschen Eurovisionsvorentscheidung nichts spürte. Zwar gab sich der vom Bayerischen Rundfunk erneut als Moderator verpflichtete Hape Kerkeling alle erdenkliche Mühe, mit „witzischen“ Gags und einer brillanten Parodie auf das enttäuschende Vorjahresergebnis („Und dieses hier, dieser weiße Fleck, ist Österreich“) frischen Wind in die Show zu bringen. Doch erneut scheiterte der löbliche Versuch der ARD kläglich, durch das Anschreiben der zehn kommerziell erfolgreichsten deutschen Musikproduzent/innen des Vorjahres marktrelevante, aktuelle Popsongs in den Vorentscheid zu hieven.

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