DE 1994: Um so län­ger, um so lie­ber

MeKaDo, DE 1994
Das Guil­ty Plea­su­re

Die Mün­che­ner Frei­heit (DE 1993), einer der kom­mer­zi­ell erfah­rens­ten Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter der letz­ten zehn Jah­re, hat­te es ver­ris­sen. Also kehr­te man bei der ARD, der Expe­ri­men­te und ohne­hin des gan­zen kost­spie­li­gen Wett­be­werbs über­drüs­sig, lie­ber zum Bewähr­ten zurück. Eine Vor­ent­schei­dung zu orga­ni­sie­ren, wür­de ohne­hin nur Geld kos­ten, die Ein­schalt­quo­ten nach unten und das Genör­gel der Öffent­lich­keit nach sich zie­hen. Und Ralph Sie­gel wür­de ohne­hin gewin­nen. Also bestell­te man bei ihm ein­fach direkt einen Bei­trag und spar­te sich das gan­ze Drum­her­um.

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ESC 1993: Nur wer lei­det, ist am Leben

Logo des Eurovision Song Contest 1993
Das Jahr der Bal­kan­in­va­si­on

Bereits zum vier­ten Mal seit sei­ner Erst­teil­nah­me 1965 hat­te der Sie­ges­fluch das ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne, ver­hält­nis­mä­ßi­ge arme Irland getrof­fen. Dort war man natür­lich stolz, woll­te aber nicht schon wie­der das kom­plet­te Jah­res­bud­get des Sen­ders RTÉ  für die Aus­rich­tung des Song Con­tests auf den Kopf hau­en. So recy­cel­te man das Büh­nen­bild von 1988 und nahm dank­bar das Ange­bot eines iri­schen Stahl­in­dus­tri­el­len an, der RTÉ bei den Pro­duk­ti­ons­kos­ten unter die Arme griff – auch wenn das hieß, dass der Wett­be­werb in einer alten Pfer­de­reit­hal­le in einem am Arsch der Welt lie­gen­den Kuh­kaff weit­ab jeg­li­cher Zivi­li­sa­ti­on statt­fand.

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DE 1993: Und was kam dann?

Münchener Freiheit, DE 1993
Die Jam­mer­lap­pen

Schicht im Schacht: nach den bla­ma­blen Ergeb­nis­sen der Vor­jah­re, durch­gän­gig schlech­ter Pres­se und kaum noch meß­ba­ren Ein­schalt­quo­ten ver­lor die ARD erkenn­bar die Lust am Grand Prix. Eine öffent­li­che Vor­ent­schei­dung spar­te man sich daher völ­lig, statt­des­sen gab die ver­ant­wort­li­che Zonen­an­stalt MDR (ver­mut­lich unter tat­kräf­ti­ger Mit­hil­fe des Schwes­ter­sen­ders Baye­ri­scher Rund­funk) den in den Acht­zi­ger­jah­ren sehr erfolg­rei­chen Deutsch­pop­pern von der Mün­che­ner Frei­heit (‘Zeig mir die Nacht, Marie’) die Gele­gen­heit, sich mit einer Euro­vi­si­ons­teil­nah­me ihr eige­nes Grab zu schau­feln.

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ESC 1992: Why her?

Logo des Eurovision Song Contest 1992
Das Jahr des feh­len­den “I”.

Nor­disch unter­kühlt das schwe­di­sche Mode­ra­ti­ons­paar, belang­los das Gros der vor­ge­tra­ge­nen Lie­der: wenig blieb hän­gen vom musi­ka­li­schen Auf­ge­bot die­ses Abends. Auch in den Charts: völ­li­ge Fehl­an­zei­ge. So waren es mal wie­der die opti­schen Ein­drü­cke, die den Bericht loh­nen. Wie bei­spiels­wei­se der kreg­le Zei­chen­trick­vo­gel Song Trush, der die Post­kar­ten ein­läu­te­te (und heu­te sei­ne vir­tu­el­le Hei­mat auf der exzel­len­ten Song­tex­te-Sei­te Dig­gi­loo gefun­den hat). Oder das rie­si­ge Wikin­ger­schiff auf der Büh­ne, das die Zuschau­er dar­an erin­nern soll­te, wer hier Mil­lio­nen für fla­che Unter­hal­tung aus­gab. Und das die Sän­ger mit Tro­cken­eis­rauch aus sei­nem Dra­chen­kopf am Bug von der Büh­ne scheuch­te, wenn die­se ihre drei Minu­ten zu über­zie­hen droh­ten.

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DE 1992: Der Mann, der sei­nen Job ver­lor

Wind, DE 1992
Die Hartz-Vier-Boten

In den Wie­der­ver­ei­ni­gungs­wir­ren nutz­te der Baye­ri­sche Rund­funk die Gunst der Stun­de und schob die Ver­ant­wor­tung für die mitt­ler­wei­le arg unge­lieb­te, nur noch als Geld­ver­schlin­gungs­ma­schi­ne emp­fun­de­ne Ver­an­stal­tung eilends an den neu gegrün­de­ten “Mit­tel­deut­schen” Rund­funk, noch heu­te der füh­ren­de Schla­ger­sen­der Deutsch­lands, ab. Dabei kam den Baju­wa­ren zupass, dass die äußerst CDU-nahe Zonen­an­stalt unter maß­geb­li­cher Füh­rung der Mün­che­ner auf­ge­baut wur­de, die dort ele­gant ihre per­so­nel­len und pro­gramm­li­chen Alt­las­ten ent­sorg­ten. Zu denen zähl­te eben auch die Vor­ent­schei­dung zum Grand Prix Euro­vi­si­on.

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ESC 1991: Hier decke ich den Tisch

Logo des Eurovision Song Contest 1991
Das gla­mou­rö­se Jahr

Mit einer Hym­ne auf das neu ver­ein­te Euro­pa (‘Insie­me: 1992’) hat­ten die Ita­lie­ner im Vor­jahr die­ses merk­wür­di­ge Wett­sin­gen gewon­nen, das bekannt­lich auf dem Vor­bild ihres heiß­ge­lieb­ten San-Remo-Fes­ti­vals basiert. Da lag es auf der Hand, sel­bi­gem Vor­bild zu hul­di­gen und den Con­test in näm­li­chem ligu­ri­schen Kur­ort aus­zu­tra­gen. Doch je näher das Ereig­nis her­an­rück­te, des­to stär­ker nag­ten die Zwei­fel: wür­de man mit die­sem obsku­ren Euro­trash­spek­ta­kel in der gehei­lig­ten Stät­te des Aris­ton-Thea­ters zu San Remo nicht das Anse­hen des im Lan­de wesent­lich belieb­te­ren Ori­gi­nals beschmut­zen? Woll­te man sich als selbst emp­fun­de­ner kul­tu­rel­ler Nabel Euro­pas wirk­lich die­se Laus in den Pelz set­zen? Also ver­leg­te die RAI die Show in letz­ter Sekun­de nach Rom.

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DE 1991: Und wir lern­ten zu ver­lie­ren

Atlantis 2000, DE 1991
Die Spar­kas­sen­an­ge­stell­ten

Das Jahr Eins nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung: die ursprüng­li­chen Plä­ne der Bür­ger­be­we­gung für eine eigen­stän­di­ge Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik, die die­sen Namen auch ver­dient, waren zuguns­ten der schnel­len D‑Mark und der berühm­ten “blü­hen­den Land­schaf­ten” (Hel­mut Kohl – wer ahn­te schon, dass er damit von Unkraut über­wu­cher­te, ein­ge­stürz­te VEB-Fabri­ka­ti­ons­hal­len mein­te?) zu Gra­be getra­gen. Das ehe­ma­li­ge Fern­se­hen der DDR war unter dem Über­gangs­na­men Deut­scher Fern­seh­funk (DFF) gera­de der ARD bei­getre­ten. Die­se nutz­te die ver­meint­lich güns­ti­ge Gele­gen­heit und stell­te die Euro­vi­si­ons­vor­auswahl 1991 auf eine beson­ders brei­te Basis: sowohl der seit 1979 feder­füh­ren­de Baye­ri­sche Rund­funk als auch der im West­teil der Stadt behei­ma­te­te Sen­der Frei­es Ber­lin und eben der DFF ver­ant­wor­te­ten gemein­schaft­lich die im Ost­ber­li­ner Fried­rich­stadt­pa­last durch­ge­führ­te Ver­an­stal­tung. Doch vie­le Köche ver­der­ben bekannt­lich den Brei: die Vor­ent­schei­dung geriet zum Total­fi­as­ko.

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ESC 1990: Für uns, Lie­be ohne Gren­zen

Logo des Eurovision Song Contest 1990
Das Jahr der Euro­pa­eu­pho­rie

Deutsch­land schrieb in die­sem Jahr Geschich­te: mit der von muti­gen DDR-Bür­gern fried­lich her­bei­de­mons­trier­ten Revo­lu­ti­on und der sich anschlie­ßen­den, von den meis­ten West­lern wie mir gedank­lich längst abge­schrie­be­nen Wie­der­ver­ei­ni­gung. Aller­dings auch mit den bei­den ers­ten deut­schen Euro­vi­si­ons­teil­neh­mern, die beim Ver­such des Sin­gens kaum einen Ton sau­ber zu tref­fen ver­moch­ten. Hät­te man einen Schock Hun­de­wel­pen ‘Frei zu leben’ jau­len las­sen, das Ergeb­nis wäre gewiss musi­ka­lisch über­zeu­gen­der aus­ge­fal­len. Doch nicht genug, dass sich einem beim Anhö­ren die Fuß­nä­gel kräu­sel­ten, auch der Anblick des pein­li­chen Duos sorg­te für Fremd­schäm­at­tack­en: Dani­el Kovac erschien im C&A‑Anzug, Chris Kem­pers mit tuf­fi­ger Dau­er­wel­le und noch tuf­fi­ge­rer Kos­tüm­ja­cke, die deut­lich aus­sag­te: “Hal­lo, ich kom­me aus der Pro­vinz und las­se mir jeden Mist andre­hen”. Es war erbärm­lich. So bil­lig die Gar­de­ro­be, so bil­lig der Song: es schien, als sei der Grand Prix für alle Betei­lig­ten, ein­schließ­lich der ARD, nur noch eine quä­len­de Pflicht­ver­an­stal­tung, die man mit so wenig Auf­wand und Bud­get wie mög­lich zu absol­vie­ren such­te.

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DE 1990: Frei zu jau­len

Daniel Kovac, Chris Kempers, DE 1990
Die Wel­pen­haf­ten

Früh­jahr 1990: die Mau­er war gefal­len, Hel­mut Kohl arbei­te­te ziel­stre­big auf die rasche Wie­der­ver­ei­ni­gung (oder die zügi­ge Ein­ver­lei­bung der DDR als ALG-II-finan­zier­ter zusätz­li­cher Absatz­markt für West-Pro­duk­te) hin. Zeit für einen Auf­bruch also, von dem man aber bei der deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung nichts spür­te. Zwar gab sich der vom Baye­ri­schen Rund­funk erneut als Mode­ra­tor ver­pflich­te­te Hape Ker­ke­ling alle erdenk­li­che Mühe, mit “wit­zi­schen” Gags und einer bril­lan­ten Par­odie auf das ent­täu­schen­de Vor­jah­res­er­geb­nis (“Und die­ses hier, die­ser wei­ße Fleck, ist Öster­reich”) fri­schen Wind in die Show zu brin­gen. Doch erneut schei­ter­te der löb­li­che Ver­such der ARD kläg­lich, durch das Anschrei­ben der zehn kom­mer­zi­ell erfolg­reichs­ten deut­schen Musikproduzent/innen des Vor­jah­res markt­re­le­van­te, aktu­el­le Pop­songs in den Vor­ent­scheid zu hie­ven.

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