ESC 1969: Er machte Fröhliche melancholisch

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Das Jahr der vier Sieger

Das hatten sich die den 1969er Grand Prix eröffnenden Jugoslawen sehr clever gedacht. In acht europäischen Sprachen, einschließlich eines „Guten Tag“, begrüßten sie die Zuschauer/innen zum Auftakt des mit weitem Abstand absurdesten (und somit großartigsten) Contestjahrgangs aller Zeiten in der spanischen Hauptstadt Madrid, wo bereits die merkwürdige Bühnendekoration, eine krude Mischung aus althergebrachten Blumenbeeten, sakral anmutenden Orgelpfeifen und einer futuristischen Metallskulptur aus der Künstlerhand Salvador Dalís, auf das noch folgen sollende Chaos einstimmte.

Vorbildlich: nach nur fünf Minuten singt schon der erste Teilnehmer beim ESC 1969 (kompletter Contest)

‚Pozdrav Svijetu‘ (‚Grüße an die Welt‘), die hemmungslose – wenn auch wunderbar harmonisch gesungene – kroatische Punkteabgreifnummer, zündete bei den Jurys jedoch nicht wie erhofft. Was wohl vor allem an dem vollbärtigen Ivan lag (bürgerlich: Ivica Krajač, eigentlich ein gleichberechtigtes Viertel des „Vokalni Kvartet“ 4M, verdankte er seine Heraushebung als Leadsänger der damals noch gültigen Eurovisionsregel, die offiziell lediglich Solisten und maximal dreiköpfige Begleitchöre zuließ), der seinen Vortrag dermaßen affektiert und theatralisch gestaltete, dass es einem beim Zuschauen die Schuhe auszog: eine Acht auf der → Haldor-Lægreid-Skala. Nicht weiter verwunderlich, dass er seinen Song „allen Jungen aller Flaggen“ widmete, wie er sang: gemeint war wohl der bei Schwulen beliebte Hanky-Code, denn Mädchen fanden in seinem Lied keine Erwähnung. Besser schnitt da schon die Schweizerin Paola del Medico (→ CH 1980, Vorentscheid DE 1979 + 1982) ab, die auf eine ähnliche Thematik setzte.

Stand zu seiner inneren Lorielle: der Ivan (YU)

Ihr schwungvolles ‚Bonjour, bonjour‘, das wie für Caterina Valente geschrieben klang, erquickte den Hörer mit unbekümmertem, hormonumtostem, Alleinstehende allerdings achtlos ausgrenzendem Optimismus („Die Welt ist wunderbar, sie kann nicht schöner sein / Und sie gehört nur den Verliebten allein“), welchem die wie immer arg steif auftretende spätere Ehefrau von Kurt Felix und Mitmoderatorin der quälend unlustigen TV-Show Verstehen Sie Spaß? mit dem ihr so eigenen Gefrierlächeln nicht ganz gerecht werden konnte. Monaco schickte ein erst zwölfjähriges Milchbübchen namens Jean-Jacques Bortolaï, das seine ‚Maman‘ anflehte, bittebitte noch langelange an ihrem Rockzipfel kleben zu dürfen: da manifestierte sich wohl Heintjes unglückseliger (und in dessen Wahlheimat Belgien stets virulenter) Einfluss. Dieses Grauen machte die in einem augenschmerzgrünen Kleid vom Format eines Zirkuszeltes auftretende Irin Muriel Day vergessen, die sich mit einem ekstatischen Veitstanz die ‚Wages of Love‘ verdiente (#1 in den heimischen Charts).

Erzielt sicher einen guten Liebeslohn: die Muriel (IE)

Für Belgien beschmachtete Louis Neefs (→ BE 1967), der Mann mit dem vielleicht hässlichsten Toupet der Contestgeschichte, ein Londoner Mädchen namens ‚Jennifer Jennings‘. Er tat das mit stoischer Miene und völlig bewegungslos – bis zum ersten Refrain, als er ohne jede Vorwarnung plötzlich die Arme nach oben riss und in einer artistischen Verrenkung über dem Kopf zusammenschlug. Wie viele ältere Zuschauer dieser völlig unvorhersehbare Gefühlsausbruch in den Herztod schickte, ist nicht überliefert. Finnland entzückte mit einem putzigen Duo (und echtem Ehepaar) namens Jarkko & Laura und einer Ragtime-Ode an die gute alte Zeit. Jarkko hatte sich stilecht mit einem Kreissägenhut und einem Regenschirm kostümiert; beide lieferten dazu eine lustige Tanzeinlage, irgendwo zwischen Kung-Fu, Stummfilm und Stepptanz. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vorentscheid SE 1961, Vorentscheid DE 1962) schaute hingegen verzweifelt und trug ihr ältliches deutsches Schlagerlein namens ‚Primaballerina‘ vor, in dem sie die traurige Einsamkeit eines Porzellanpüppchens besang: ein wirklich sozialkritisch aufrüttelndes Lied. Dazu drehte sie sich selbst etwa so anmutig wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanpüppchenladen.

Gingen offensichtlich zum selben Friseur: Jarkko & Laura (FI)

Diese Reise durchs wilde Absurdistan bildete aber nur das Vorspiel für das unübertroffene Drama um die Punkteauswertung. Nach dem umstrittenen Sieg eines ‚La La La‘-Liedchens im Vorjahr setzten nun etliche Länder auf ähnliche Lautmalereien in ihren Beiträgen, wie die im Zwei-Jahres-Rhythmus antretende norwegische Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 1967, Vorentscheid DE 1970) mit dem peppigen ‚Oj oj oj‘ (nein: keine Skinhead-Ode); die sich als verhinderte Opernsängerin gebärdende Portugiesin Simone de Oliveira (→ PT 1965), die im Refrain ihres Songs ‚Desfolhada‘ ebenfalls das ein oder andere „La La La“ und „Lay Lay Lay“ unterbrachte; oder die völlig überdrehte, kulleräugige Schottin Marie McDonald McLaughlin Lawrie, besser bekannt als Lulu (ihr → Choreografie-Vorbild bildeten offensichtlich diese „lustigen“ Katzenuhren, bei denen sich die Augen im Sekundentakt übertrieben hin- und herdrehen), deren Kardiologe ihr vor dem Wettstreit die beunruhigende Nachricht überbracht hatte, ihr Herz schlage ‚Boom Bang A Bang‘. Womit sie trotz ihres grauenhaften Krächzens einen der ersten Plätze belegte.

Vier gewinnt

Ääähh – wie bitte? Einen der ersten Plätze? Jawohl, denn es gab ganze vier Siegertitel an diesem Abend!

Freut sich, dass sie Europa so veräppeln konnte: Lulu! (UK)

Bei insgesamt 16 Teilnehmerländern – Österreich, drei Jahre zuvor noch der Sieger, befand sich in der ersten seiner zahlreichen eurovisionären Sinnkrisen und setzte aus – teilten sich vier Beiträge, also jedes vierte Lied, die Höchstwertung. Bei den weiteren Glücklichen handelte es sich um zum einen um den Vielfachgewinner Frankreich (Frida Boccara mit dem klassischen, mit absoluter Präzision und Hingabe gesungenen frankophilen Gefühlssturm ‚Un Jour, un Enfant‘) und um das Gastgeberland Spanien selbst, welches eine mit einem grotesken, mehrere Kilo schweren Röhrchenfummel bekleidete Naturtranse (also eine als Maria Rosa Marco Poquet geborene, biologisch echte Frau, die aber aussah wie ein überschminkter Transvestit mit pompöser Perücke) mit dem Künstlerinnennamen Salomé auf die Bühne schickte. Auch sie unterstützte ihren sonnigen, deutlich auf die Erfolgsformel von ‚La la la‘ (→ ES 1968) setzenden Eurovisionsschlager ‚Vivo cantando‘ mit etlichen „Hey!“s im Refrain. Wobei der Song in der Livefassung aus lediglich einer einleitenden Strophe und fünf sich stetig steigernden Wiederholungen des Kehrreims sowie gleich drei → Rückungen bestand. Sie toppte das Ganze mit einer schunkelnden Tanzperformance, bei der die metallicblauen Röhrchen an ihrem Hosenanzug nur so flogen – Sestre (→ SI 2002), hergeschaut: das ist echter Drag-Queen-Glamour!

Da lach ich doch! Ich bin die Siegerin! (ES)

Die Niederländerin Lenny Kuhr mit ihrer folkigen, selbst getexteten Bänkelsängerballade ‚De Troubadour’, auch sie dem ein oder anderen “Lay lay lay” nicht abgeneigt, vervollständigte das Quartett der Erstplatzierten. Nach meinem Verständnis zählt sie als die echte Siegerin dieses Jahrganges. Leider erst im Nachgang zu diesem peinlichen Debakel erließ die European Broadcasting Union (EBU) die Bestimmung, dass bei einem künftigen Punktegleichstand derjenige gewonnen habe, der die höheren Einzelwertungen vorweisen kann. Eine mittlerweile ins Gegenteil (heute zählt die höhere Anzahl der Wertungen) gedrehte Regel, die erstmals 1991 zum Einsatz kam, als Amina Annabi (FR) und Carola Häggkvist (SE) mit jeweils 146 Zählern vorne lagen. Beide hatten je vier mal 12 Punkte kassiert; Carola konnte aber fünfmal 10 Punkte auf sich vereinen, Amina nur vier mal. So gewann Carola. Wendet man diese Zählweise retroaktiv auf den 1969er Contest an, wie ich es in allen meinen Tabellen (und nicht nur bei den Siegertiteln, sondern auch bei Punktegleichständen auf den unteren Plätzen) tue, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Lenny Kuhr gewinnt mit der höchsten Einzelwertung (6 Punkte) vor Lulu (5 Punkte), Frida Boccara (4 Punkte) und Salomé (3 Punkte).

Ein bisschen Siegen: Lenny Kuhr (NL)

Anders verhielt es sich in den Charts: dort räumte lediglich Lulu (#8 in Deutschland, #2 in Großbritannien, #1 in Norwegen) richtig ab. An diesem Abend aber blieb es, zur erheblichen Belustigung des anwesenden Saalpublikums und zur endgültigen Überforderung der Moderatorin Laurita Valenzuela nach der Entscheidung des EBU-Schiedsrichters Clifford Brown ganz offiziell bei vier Siegerinnen, die auch alle vier eine Medaille erhielten (verfügte der ausrichtende Sender TVE etwa über seherische Kräfte?). Und zwar aus der Hand von Vorjahresgewinnerin Massiel, die sich extra für diesen Anlass in einen unglaublich protzigen, mit Goldapplikationen bestickten Pelz warf und sich überhaupt als eigentlicher Star des Abends gebärdete. Das Chaos auf der rasch überfüllten Bühne meisterte sie jedoch souverän, reihte die Mädels und ihre → Komponisten nach Körpergröße sortiert auf wie die Orgelpfeifen, verteilte Orden und Küsschen und hielt beruhigend Händchen, wo es nötig war.

Laurita Valenzuela glaubt es kaum: vier Sieger!

Berührend: die bereits 1996 im Alter von nur 55 Jahren an einer Lungenentzündung verstorbene Französin Frida Boccara, schon beim ersten Gesangsvortrag, aber auch bei der Siegerinnenreprise mehr als beeindruckend in ihrer feinen Balance aus stimmlichem Können und wohl dosierter Mimik, leuchtete bei der Überreichung ihrer Medaille für drei Sekunden von innen heraus so, als sei genau dieser Moment der beste, wichtigste und schönste ihres gesamten Lebens. Was er ja vielleicht auch war. Den Trubel um sie herum vollständig ignorierend, erschaffte sie nur durch ihren Gesichtsausdruck einen kurzen, stillen Augenblick des Glücks; so fragil, dass ich selbst beim wiederholten Anschauen an dieser Stelle jedes Mal unwillkürlich den Atem anhalte, um ihn nicht versehentlich zu zerstören. Mit dieser winzigen, feinen Geste gab sie dem ganzen Abend seine Würde zurück und setzte einen berauschenden Schlusspunkt unter einen nie wieder zu toppenden Jahrgang meines Lieblingsevents.

Dennoch bekommen alle vier Siegerinnen ihre Medaille!

Eurovision Song Contest 1969

Gran Premio de la Canción de Eurovision. Samstag, 29. März 1969, aus dem Teatro Real in Madrid, Spanien. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Laurita Venezuela.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01YUIvan + 3MPozdrav Svijetu0513
02LURomuald FiguierCathérine0711
03ESSaloméVivo cantanto1804
04MCJean-Jacques BertolaiMaman1106
05IEMuriel DayThe Wages of Love1007
06ITIva ZanicchiDue grosse Lacrime bianche0514
07UKLuluBoom Bang a Bang1802
08NLLenny KuhrDe Troubadour1801
09SETommy KörbergJudy, min Vän0809
10BELouis NeefsJennifer Jennings1008
11CHPaola del MedicoBonjour, bonjour1305
12NOKirsti SparboeOj oj oj, så glad jeg skal bli0116
13DESiw MalmkvistPrimaballerina0810
14FRFrida BoccaraUn Jour, un Enfant1803
15PTSimone de OliveiraDesfolhada 0415
16FIJarkko + LauraKuin Sillon ennen0612

DE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

Siw Malmkvist, DE 1969
Die Unbeschwerte

Als Lehrstunde des germanischen öffentlich-rechtlichen Unterhaltungselends kann ohne jede Frage die Vorentscheidung des Jahres 1969 dienen. Die Show lief vermutlich exakt so ab, wie sich das Deutschlands oberster Grand-Prix-Beamte, Hans-Otto Grünefeldt vom Hessischen Rundfunk, immer vorgestellt hatte. So verwendete er quälend lange Sendeminuten darauf, den Zuschauer/innen haarklein auseinanderzusetzen, dass dies hier ein → Komponistenwettbewerb sei, in welcher Form die Vorauswahl der neun an diesem Abend zu Gehör zu bringenden Schlichtschlager erfolgte, und dass die Auftrittsreihenfolge der drei Sänger/innen, die sich „freundlicherweise zur Verfügung gestellt“ hatten, den Mist wegzusingen, unter notarieller Aufsicht ausgelost wurde.

Der letzte TV-Auftritt Alexandras vor ihrem tragischen Tod fand nicht, wie zunächst geplant, beim deutschen Vorentscheid statt. Für die Aktuelle Schaubude stand sie stattdessen ziemlich zugedröhnt in der massiv vermüllten Ostsee.

Nach Angaben des Fanclubs Eurovision Club Germany sollte ursprünglich auch Alexandra (‚Mein Freund, der Baum‘) in Frankfurt dabei sein. Die Ausnahmesängerin mit der einzigartigen Stimme, die im Sommer desselben Jahres bei einem Autounfall den Tod fand, sagte jedoch aufgrund wichtigerer Termine ab. Oder wegen des grauenhaften Songmaterials? Selbst der so charmanten wie bedauernswerten Moderatorin Marie-Louise Steinbauer war es seitens des Senders strengstens untersagt, ihren Job auszuüben und tatsächlich zu moderieren. Irgendwelche gar noch spontanen Äußerungen hätten ja als Beeinflussung gelten können. So musste sie die Rolle eines Sprechroboters spielen und durfte lediglich ansagen: “Das war Lied Nummer 1 und jetzt kommt Lied Nummer 2”. Und auch das vermutlich erst, nachdem dieser Satz durch das hr-Justiziariat achtfach gegengeprüft und genehmigt wurde. Selbst bei der Bühnendekoration legte man ängstlich Wert darauf, bloß keinen der drei Protagonisten, die jeweils im Wechsel drei Liedlein vorzutragen hatten, in irgendeiner Form zu bevorzugen.

Hey, DAS ist Musik für mich: die polyglotte Peggy March

Doch wozu der ganze Aufwand? Denn selbstverständlich blieb der unmündige Zuschauer von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen. Stattdessen tagte ein Gremium von elf alten Männern in grauen Treviraanzügen und mit billigen Toupets, die nicht verdrießlicher das Grauen des alleslähmenden deutschen Verbandsunwesens hätten illustrieren können: je zwei Vertreter der Texter- und Komponistenlobbys sowie der „Arbeitsgemeinschaft Schallplatte“ (also der Industrie), die Unterhaltungschefs der ARD-Sendeanstalten und, aus welchem Grund auch immer, der Kapellmeister der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main, Rudi Franz. Letzterer verrichtete seine Jurorentätigkeit (wegen des Spesenschecks?) wenigstens mit einem sonnigen Lächeln, während die übrigen Herren mit staatstragend sauertöpfischer Miene und zusammengekniffenen Lippen (und vermutlich auch Pobacken) ihre albernen Papp-Wertungstäfelchen zogen und vor sich deponierten. In ihrer unfassbar spießigen Verklemmtheit wirkte die ganze Szenerie wie ein Sketch von Loriot. (Unfreiwillig) lustig wurde es jedoch nur einmal ganz kurz, als der Große Vorsitzende Grünefeldt die von einem der Lobbyisten abgegebene Vote für Peggy March (→ Vorentscheid 1975) wiederholte: “Herr Hée: Hey!”.

So steif wie die Juroren: auch sexy Rexy hat einen Stock im Arsch

Bei selbigem Titel, der es zusammen mit dem späteren Siegerlied ‘Primaballerina’ von Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vorentscheid SE 1961, Vorentscheid DE 1962) und Rex Gildo‘Die beste Idee meines Lebens’ (was man über seine Teilnahme an dieser Vorrunde nicht unbedingt sagen kann) in die Endauswahl schaffte, handelt es sich denn auch um den einzigen nennenswerten Beitrag des Abends. “Hey, das ist Musik für mich / Hey, das ist Musik für Dich / Denn Musik, die ist nun mal / International”: grandprixesker konnte die Botschaft des musikalisch locker-flockig swingenden Easy-Listening-Knüllers kaum sein. Zu modern und frisch vermutlich für die grauen Herrschaften der → Jury, die sich stattdessen mehrheitlich für das verstaubte Spieldosen-Schlagerlein ‘Primaballerina’ aus der Feder von Hans Blum erwärmten. Fairneßhalber soll gesagt sein: es war neben ‘Hey!’ der einzige Song des Abends, der den Zuschauer nicht sofort in dornröschengleichen Tiefschlaf versetzte, da er zumindest eine gefällige, ins Ohr gehende Melodie bot. Die man bei den restlichen sieben Seichtsongs schmerzlich vermisste.

Sag, weint Dein Herz? Siw Malmkvist gibt uns die ‚Primaballerina‘

Skurril: Durodont-Rex (→ Vorentscheid 1960), dessen Hochzeits-Kitschlied in der ersten Runde noch am eindeutigsten führte, erhielt in der Finalabstimmung von denselben Juroren keinen einzigen Punkt. Anfang der Sechziger noch gemeinsam mit Gitte Hænning (→ Vorentscheid DK 1962, DE 1973) als „Traumpaar des deutschen Schlagers“ vermarktet, war Gildo lange Jahre Stammgast in der 1969 zum ersten Mal ausgestrahlten ZDF-Hitparade und landete im selben Jahr mit ‚Dondolo‘ einen seiner zahlreichen Top-Ten-Hits. Dreißig Jahre und etliche desillusionierte Möbelhaus-Auftritte später wählte der schrankschwule Schlagersänger dann den Freitod. Doch zurück nach 1969: die wenigen Vorentscheidungs-Zuschauer/innen, die bis hierhin noch nicht abgeschaltet hatten und auch die beiden als Pausenüberbrückung gebuchten “Tanzdarbietungen” des Ehepaares Trautz ohne Spontanaugenkrebs überstanden, entließ man mit dem sicheren Gefühl, dass die ganze Veranstaltung für alle senderseits Beteiligten, seien es die Juroren, die Moderatorin oder die Sänger/innen, mindestens genau so quälend gewesen sein muss wie für die Menschen vor den TV-Geräten. Juristisch unangreifbar und jeglicher Schiebung unverdächtig gewiss, aber dafür eben auch nicht eine Sekunde lang unterhaltsam. Also alle Klischees über die redlichen, aber langweiligen Deutschen bestätigend.

Chart-Watch: Südländischer Frohsinn wohnte dem ‚Lied für Madrid‘ nicht inne. Roberto Blanco (→ Vorentscheid 1970, 19731979) nahm dann auch lieber an der ZDF-Konkurrenzveranstaltung ‚Deutscher Schlager-Wettbewerb 1969‘ teil, wo er sich schnell von den Fesseln festlich-deutscher Spießigkeit befreite, dem etwas tranigen ‚Heute so, morgen so‘ tänzerisch erstaunlichen Pepp einhauchte, damit siegte und einen Top-Ten-Hit generierte. Was hätte aus dem Mann für ein großartiger Entertainer werden können, hätte man ihm nur mal adäquates Songmaterial gegeben!

Vorentscheid DE 1969

Ein Lied für Madrid. Samstag, 22. Februar 1969, aus dem Sendestudio 2 des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Drei Teilnehmer, Moderation: Marie-Louise Steinbauer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Siw MalmkvistDein Comeback zu mir02 | ----
02Rex GildoLady Julia04 | ----
03Peggy MarchKarussell meiner Liebe01 | ----
04Siw MalmkvistMelodie04 | ----
05Rex GildoDie beste Idee meines Lebens07 | 0003-
06Peggy MarchAber die Liebe bleibt bestehen04 | ----
07Siw MalmkvistPrimaballerina05 | 070113
08Rex GildoFestival der jungen Liebe00 | ----
09Peggy MarchHey!06 | 040229

ESC 1968: Happiness hadn’t been invented

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Das Jahr der Schiebung

Jurys sind Wichser™! Den im Vergleich zu den → Nul-Point-Ergebnissen der Vorjahre zwar deutlich besseren, im Lichte der Konkurrenz dennoch etwas enttäuschenden (und ungerechten!) sechsten Platz im ersten Jahr der eurovisionären Farbausstrahlung verdankt der fabelhafte deutsche Beitrag von 1968 unter anderem den norwegischen Wertungsrichtern: die reagierten pikiert, weil die in Oslo gebürtige, in Deutschland jedoch keinen unerheblichen Anteil ihres Einkommens als Schlagersängerin generierende Wencke Myhre nicht fürs Heimatland sang, und straften sie fürs Fremdgehen mit null Punkten ab. Doch auch Deutschland sorgte beim Contest in London nicht nur mit dem progressiven ‚Ein Hoch der Liebe‘ für Furore, sondern eben auch mit den sehr offensichtlich – eine andere Erklärung scheidet aus – von Korruption geprägten Wertungen unserer → Juroren.

Alles so schön bunt hier: der ESC 1968

Die punkteten nämlich, getreu des Mottos, dass ein anspruchsvolles Lied gewinnen solle, mit sechs ihrer insgesamt zehn Stimmen die Spanierin Massiel und ihren tiefschürfenden Titel ‚La La La‘ überraschend nach vorne und verhalfen ihr so zum Sieg. Bei Massiel (eigentlich: María de los Ángeles Santamaría Espinosa) handelte es sich um die Zweitbesetzung für das kraftvolle und eingängige, Lebensfreude transportierende Chanson über die Lust am Singen: der ursprünglich vorgesehene Interpret Joan Manuel Serrat, einer der bekanntesten iberischen Liedermacher und Sänger, wollte es nur in der Regionalsprache Kataloniens, von wo er stammte, vortragen. Da hatte Spaniens Diktator Franco, dem die Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen als Bedrohung seiner Macht galten, aber was gegen: er tauschte Serrat gegen die willige Kollaborateurin Massiel aus. Fairerweise muss man zugeben: das Lied verfügt tatsächlich über vier Strophen Text, neben den gezählten 138 „La“s des Refrains (der Song transportiert eben extrem viel Lebensfreude!). Die Zuschauer standen nach dem Überraschungssieg der Spanierin Kopf, denn eigentlich galt jemand ganz anderes als klarer Favorit.

Doch, vor allem der Refrain gewinnt eine ganz neue Bedeutung: ‚La la la‘ in der von Serrat bevorzugten katalanischen Fassung

Nämlich der britische, weltweit bekannte und mit insgesamt mehr als 250 Millionen verkauften Alben kommerziell extrem erfolgreiche Superstar Cliff Richard (→ UK 1973). Sein Wunschsendungs-Evergreen ‚Congratulations‘, eine flotte Popnummer mit prominentem Trommelmotiv, stand zum Zeitpunkt des Song Contests bereits seit Wochen hoch in allen europäischen Charts (so auf #3 in Deutschland, #2 in Österreich und der Schweiz und an der Spitze in den Niederlanden, Belgien, Norwegen und natürlich im Vereinigten Königreich). Frenetisch kreischend begrüßte ihn das heimische Publikum in der Royal Albert Hall, es schien reine Formsache zu sein, dass er nach Sandie Shaw (→ UK 1967) mit dem vom gleichen Autorenteam geschriebenen Hit den Doppelsieg holen würde, für den kein Wettbüro etwas gezahlt hätte. Doch nun durchkreuzten die diabolischen deutschen Juroren seine Pläne. Es lag vermutlich nicht an der sehr exaltierten Darbietung Richards, sondern an dem idiotischen Mantra vieler Juroren, Hits hätten beim Grand Prix nichts zu suchen.

Im linguistischen Nirwana: die äußerst selbstbewusste Massiel (ES)

Eine Anleitung zum Nachtanzen der legendären ‚Congratulations‘-Performance findet sich auf der britischen, genial zynischen Eurovisionsfanseite Whoops, Dragovic! Hier die Übersetzung: „Die → Tanzschritte zu Cliffs Euroklassiker können Sie überall problemlos nachstellen; ob Zuhause, in Ihrem Garten, der Kirche oder im Loft.

  1. Laufen Sie den Gartenpfad (bzw. den Kirchgang) hinunter, direkt auf die freudig jubelnden Massen zu.
  2. Am Ende des Pfades angekommen, tun Sie so, als würden Sie mit Ihren Füßen ein Feuer austreten.
  3. Beim Singen ducken Sie sich leicht verkrampft zusammen, so als ob Sie unter Durchfall litten. Lassen Sie gleichzeitig Ihre Arme wie Propeller kreisen.
  4. Während des Instrumentalparts Ihres Liedes weisen Sie die Zuschauer auf die (nicht vorhandenen) Notausgänge zu Ihrer Linken und Rechten hin.
  5. Beim großen Songfinale treten Sie nochmals die Flammen aus. Recken Sie dann die Arme dem willkommenen Applaus entgegen.
  6. Verstecken Sie sich auf der Toilette, bis Sie jemand holt.“

Der Seilspringpantomime: Cliff Richard (UK)

Oder spielte doch Geld eine Rolle? Einer spekulativen Dokumentation eines spanischen Privatsenders zufolge sollen das Franco-Regime und der Staatssender TVE mehrere europäische Jurys, darunter die deutsche, mit dem Ankauf von Fernsehserien (Punkte im Tausch für den Tatort?) bestochen haben, die dann ungesendet in den TVE-Archiven verrotteten. Das Ziel der anrüchigen Finanztransaktion: durch einen Sieg Spaniens und die Austragung des Grand Prix im Folgejahr wollte sich die an touristischen Einnahmen interessierte Diktatur als kulturell anschlussfähige europäische Nation präsentieren. Was auch gelang! Bewiesen sind diese Behauptungen indes nicht, auch wenn der offenbar arg gekränkte Cliff Richard, der schon 1968 Massiel mit einem „warmen Kehlendruck“ gratulieren wollte, bereits meinte, er sei „der glücklichste Mensch der Welt“, sollten sie sich bewahrheiten. So lange dient dem schlechten Verlierer der trotz des zweiten Platzes sehr viel größere kommerzielle Erfolg seines Beitrags mit knapp zwei Millionen verkaufter Einheiten sicher als kleines Trostpflaster.

Ganz der alte Arsch: Cliffie (Ordensritter Ihrer Majestät) congratuliert der Queen zum 60. Thronjubiläum

Aber nicht nur Sir Richard lieferte eine spektakuläre Performance. Mit der Einführung des Farbfernsehens in jenem Jahr schien auch jeder Rest von Chansonseligkeit, vornehmer Zurückhaltung, durch steife Abendroben bedingter Bewegungsunfähigkeit und Dezenz von der Veranstaltung abzufallen. Schon der mit einem vom Contest-Gewinner Udo Jürgens (→ AT 1964, 1965, 1966) verfassten, allerdings arg langweiligen alpenländischen Anspruchsschlager über die ach so schlimme Einsamkeit der Großstadt für Österreich startende tschechischstämmige Karel SchlagerGott (‚Babička‘) gebärdete sich auf der Bühne so tuntig wie ein Musicalsänger: eine Vier auf der → Haldor-Lægreid-Skala für die „Goldene Stimme aus Prag“. Noch schwuler wirkten die jugoslawischen Dubrovački Trubaduri, die sich als mittelalterliche Minnesänger kostümierten und zu ihrer possierlichen Weise anmutig über die Bühne hüpften wie hormongesteuerte Waldelfe im Frühlingssturm der Gefühle. Aufgrund des noch immer geltenden Gruppenverbotes mussten sich die eigentlich fünfköpfigen Troubadoure aus Dubrovnik offiziell als Duo (Luci & Hamo) mit Begleitchor tarnen.

Auch schön: Männer in Strumpfhosen. Die aufgeplatzten Gedärme am Ellenbogen irritierten aber ein wenig. (YU)

Eher gruselig gaben sich hingegen die Vertreter aus dem hohen Norden: der Schwede Claes-Göran Hederström wirkte im Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen wie der böse Onkel vom Kinderspielplatz, was den Genuss seines wunderbar jazzigen Loungesongs ‚Banne mej‘, in dem er das schwere Schicksal beklagt, frisch verliebt zu sein, erheblich minderte. Etwas optische Linderung verschaffte uns Finnland, das eine junge Sängerin namens Kristina Hautala in einem lindgrünen Kleidchen mit gerüschten Blümchen auf dem Ärmel schickte: eine singende Frühlingswiese! Der Norweger Odd Børre Sørensen schaute seinen Tanzstil bei dem direkt vor ihm aufgetretenen Cliff ab – nur, dass er mit dicker Hornbrille und Bill-Gates-Frisur aussah wie der verrückte Professor aus einem Horrorfilm der legendären Londoner Hammer-Studios. Was perfekt zu seinem wirren Lied mit dem treffenden Titel ‘Stress’ passte. Dieser ursprünglich zweitplatzierte Song der norwegischen Vorentscheidung war nachgerückt, nachdem der EBU eine all zu große Ähnlichkeit des ebenfalls von Odd Børre interpretierten Siegertitels ‚Jeg har aldri vært så glad i no’en som deg‘ mit dem Cliff-Richard-Hit ‚Summer Holiday‘ auffiel.

Verdammt, es ist Liebe: die Schweden sind schon echte Romantiker! (SE)

Für das nicht abgekupferte ‚Stress‘ kassierte Norwegen lediglich zwei Mitleidspünktchen – der gerechte kosmische Ausgleich für ihre Rachewertung gegenüber „unserer“ Wencke Myhre. Die schunkelte und propellerte zum vom BBC-Orchester leider etwas schaumgebremst begleiteten ‚Hoch der Liebe‘ über die Bühne wie ein zu stark aufgezogener Brummkreisel, und das in einem topmodischen, quietschgelben Minikleid, das ihre nicht gerade rehschlanken Beine erst so richtig zur Geltung brachte. Und dann noch die Daisy-Duck-Schuhe: grausam! Nicht sehr vorteilhaft machte sich auch die französische Siegerin von 1962, Isabelle Aubret, zurecht. Ihr labbriges, blassblaues Satin-Nachthemd kontrastierte so schmerzvoll zu ihrer platinblonden Lockenpracht, dass man sich gar nicht auf ihr faszinierendes Chanson ‚La Source‘ konzentrieren konnte, einer dunklen Schauergeschichte über ein von ihren drei Vergewaltigern im Wald erschlagenes Mädchen. Wobei sich die Frage stellt, ob ihr diese optische Ablenkungsstrategie angesichts des nicht nur für Grand-Prix-Verhältnisse ungewöhnlich düsteren Songthemas nicht sogar zum Vorteil gereichte: immerhin erreichte Madame Aubret Rang 3.

Bra bra bra statt la la la: Odd Børre (NO)

Den absoluten Vogel schoss aber der so drollige wie tragische Schweizer Gianni Mascolo ab. In einem kürbisfarbenen, schraubstockengen Anzug und mit Heino-Brille lieferte er den abschließenden Beweis, dass das sämtliche modischen Fehlgriffe schonungslos aufdeckende Farbfernsehen nicht immer ein Segen sein muss. Zudem hatte er mit ‘Guardano il Sole’ eine sehr grandprixeske Ballade dabei. Und grandprixesk meint hier vor allem: mit einem großen, emotionsgeladenen, aufwallenden Finale. Ein Song also, wie er eigentlich für französische Chansonetten typisch ist. Und wie eine solche gebärdete sich Gianni auch: er strahlte, schmetterte und warf die Arme in die Luft, exaltierter als jeder Jürgen Marcus (→ Vorentscheid DE 19741975, LU 1976) und mindestens genau so enthusiastisch wie drei Jahre nach ihm Sévérine. Die gewann 1971 mit genau so einer Darbietung. Dem armen Gianni bleib das verwehrt: mit nur mageren zwei Pünktchen, ebenso vielen wie Odd Børre erhielt, landete er ganz hinten. Ein glasklarer Fall von geschlechtsspezifischer Diskriminierung: blöde für den im falschen Körper geborenen Italoschweizer, dass es seinerzeit noch keine Gleichstellungsbeauftragten gab.

Eine fünf auf der → Haldor-Lægreid-Skala: Gianni (CH)

Trotz der allgemeinen Aufregung über den (vermutlich nicht zu Unrecht) als Schiebung empfundenen Sieg Massiels verkaufte sich ‚La, la, la‘ übrigens europaweit ziemlich gut (#18 in den Niederlanden, #12 in Deutschland, #8 in Österreich und der Schweiz sowie #5 in Norwegen). Und konnte, sozusagen als Kirsche auf dem Sahnehäubchen, selbst die sonst gegen fremdsprachige Titel so hermetisch abriegelten britischen Top 40 knacken (#35). Manchmal lohnt sich ein Königsmord also doch!

Eurovision Song Contest 1968

Eurovision Song Contest. Samstag, 6. April 1968, aus der Royal Albert Hall in London, Großbritannien. 17 Teilnehmerländer, Moderation: Katie Boyle.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01PTCarlos MendesVerão0511
02NLRonnie ToberMorgen0116
03BEClaude LombardQuand tu reviendras0808
04ATKarel GottTausend Fenster0213
05MCChris Baldo + Sophie GarelNous vivrons d'Amour0512
06CHGianni MascoloGuardano il Sole0213
07MCLine + WillyÀ chacun sa Chanson0807
08SEClaes-Göran HederströmDet börjar verka Kärlek, banne mej1505
09FIKristina HautalaKun Kello käy0116
10FRIsabelle AubretLa Source2003
11ITSergio EndrigoMarianne0710
12UKCliff RichardCongratulations2802
13NOOdd Børre SørensenStress0215
14IEPat McGeeganChance of a Lifetime1804
15ESMassielLa la la2901
16DEWencke MyhreEin Hoch der Liebe1106
17YUDubrovački TrubaduriJedan Dan0808

DE 1968: Das ist das erste Mal für mich

Wencke Myhre, DE 1968
Die Aufgetriedelte

Auch 1968 blieb es hinsichtlich der Ermittlung des deutschen Grand-Prix-Beitrages beim strikt internen Auswahlverfahren. Allerdings bequemte sich der zuständige Hessische Rundfunk nach den Pleiten der letzten Jahre mit angestaubten Durchhalteschlagern endlich zum längst überfälligen Modernitätssprung. Als Komponisten des aktuellen Beitrags verpflichtete man den Easy-Listening-Genius Horst Jankowski, Schöpfer des fabelhaften, schwungvoll-poppigen Instrumentaltitels ‚Schwarzwaldfahrt‘ (ein US-Hit im Jahre 1965!). Er schrieb das nicht minder schwungvolle und poppige ‚Ein Hoch der Liebe‘; verpasste dem Stück einen Text, in dem es, wie fast immer im Schlager, unterschwellig ums Poppen ging; verzierte den Refrain mit polyglotten Einsprengseln in englisch, französisch und spanisch und bestand – Gipfel der Internationalität – gegen alle arischen Widerstände innerhalb der ARD darauf, dass die sehr populäre Norwegerin Wencke Myhre (‚Beiß nicht gleich in jeden Apfel‘) den mal wieder in Hans-Joachim Kulenkampffs Samstagsabendshow EWG dem Publikum vorgestellten Titel singen sollte.

Dreh Dich im Kreisel der Zeit: Wencke Myhre

Eine sehr weise Entscheidung, denn nicht nur gab es beim Grand Prix endlich mal wieder mehr als → null Punkte, auch die Plattenkäufer goutierten den fröhlichen Song: Rang 18 in den deutschen und #17 in den österreichischen Charts. Nach den letzten vier Vollflops mit eher grüblerischer Ware eine sehr willkommene Abwechslung! Wencke, die es 1983 nochmals beim deutschen Vorentscheid versuchen sollte und denselben 1986 gar moderierte, eröffnete mit ihrer Teilnahme in London die deutsch-skandinavischen Jahre beim Grand Prix: ihre beiden Kolleginnen Siw Malmkvist (Schweden, → SE 1960, Vorentscheid SE 1961, Vorentscheid DE 1962), die noch im gleichen Jahr mit dem nicht minder fröhlichen ‚Harlekin‘ den Deutschen Schlager-Wettbewerb gewann, und Gitte Hænning (Dänemark, → Vorentscheid DK 1962), mit denen sie zwischen 2004 und 2007 praktisch pausenlos vor ausverkauften Häusern und frenetisch feiernden Fans im Dreierpack auftrat, folgten 1969 und 1973 und bescherten uns ebenfalls respektable Ergebnisse beim europäischen Wettsingen. „Die Skandinavierinnen waren irgendwie immer freier, nicht so verzopft“, nannte einmal Christian Bruhn (der Schöpfer ihres größten Hits ‚Liebeskummer lohnt sich nicht‘) den Grund für den Erfolg der nordischen Sängerinnen bei und für uns.

Siw im drogenbunten Babystrampler beim Deutschen Schlager-Wettbewerb 1968

Was übrigens nicht weiter verwundert. Denn nicht nur, dass die skandinavischen Länder seit jeher gesellschaftlich deutlich liberaler aufgestellt sind, sie investieren auch staatlicherseits deutlich mehr in die Nachwuchsförderung als Deutschland. Wird der Musikunterricht an unseren Schulen eher als Blümchenfach wahrgenommen und den Kindern mit der obligatorischen Blockflöte der Spaß an der vermeintlich brotlosen Kunst systematisch ausgetrieben, so genießt er beispielsweise in Schweden einen ganz anderen Stellenwert (und eine deutlich höhere finanzielle Förderung). Am Wichtigsten aber: der Blick über den Tellerrand, der in verhältnismäßig bevölkerungsschwächeren Ländern beinahe automatisch notwendig ist. Und der dafür sorgt, dass internationale musikalische Trends dort sehr viel schneller wahrgenommen und adaptiert werden, während die Deutschen tendenziell eher im eigenen Saft schwitzen. Gerade in den Sechzigern (und noch bis hinein in die Siebziger) konnte man das auch in den Charts sehen, wo es englischsprachige Titel noch deutlich schwerer hatten, in Deutschland Käufer zu finden, und oftmals die deutschen Coverversionen erfolgreicher waren als die Originale. Könnten Sie beispielsweise aus dem Stand den Text von ‚Let your Love flow‘ von den Bellamy Brothers rezitieren? Aber die Eindeutschung dieses Titels, ‚Ein Bett im Kornfeld‘ von Jürgen Drews (→ DE 1976, Vorentscheid 1990), die kennen Sie – ob Sie wollen oder nicht – von vorne bis hinten auswendig, nicht wahr?

Noch drei Minuten bis zu den Nachrichten: Zeit für eine Schwarzwaldfahrt mit Horst Jankowski

Auch die Größe des Marktes spielt eine wichtige – und in Sachen Grand Prix für uns eher nachteilige – Rolle. Während die drei erwähnten Skandinavierinnen den Löwenanteil ihres Einkommens als Schlagersängerinnen eben in Deutschland erzielten, und auch Bands wie Abba (→ SE 1974), a-ha (Norwegen) oder Aqua (Dänemark) stets über den Heimatmarkt hinaus denken und auf die internationale Vermarktbarkeit ihrer Songs achten mussten, reichten die Plattenumsätze im drittgrößten Musikmarkt der Welt für deutsche Interpreten locker aus, um gut davon leben zu können. Auch wenn das in Zeiten von Spotify mittlerweile deutlich schwieriger geworden ist: eine Helene Fischer braucht die Märkte jenseits der deutschen Grenzen nicht und muss sich daher auch nicht nach den musikalischen Befindlichkeiten anderer Nationen richten. Im Gegenteil: sie bedient sich ja gerne kultureller Einflüsse von überall her auf, dampfstrahlt sie dann und presst sie mit dem unverzichtbaren Discofoxbeat ins enge deutsche Schlagerkorsett. Heimische Acts aber, die internationale Trends setzen (wie das immerhin in den Achtzigern und Neunzigern noch im Bereich Techno und Eurodance der Fall war), sucht man in der Regel vergebens. Horst Jankowski, um abschließend endlich wieder zum Vorentscheid 1968 zurückzukommen, gehörte zu den seltenen Ausnahmen.

1968 ein Hit: die Eindeutschung des brasilianischen Titels ‚A banda‘, gesungen von France Gall (→ LU 1965). Und ohne den charmanten französischen Akzent wäre der karnevaleske deutsche Text wirklich unerträglich.

Deutsche Vorentscheidung 1968
Einer wird gewinnen. Samstag, 16. März 1968, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Eine Teilnehmerin, Moderation: Hans-Joachim Kulenkampff (Songpräsentation im Rahmen der TV-Show).

ESC 1967: Sicher vor der sengenden Sonne

Logo Eurovision Song Contest 1967
Das Jahr der Vielsprachigkeit

Schon seit vielen Jahren war den Holländern kein Sieg beim Grand Prix mehr gelungen. Und das, obwohl sie doch in den Anfangsjahren des Wettbewerbs regelmäßig im Wechsel mit Frankreich den ersten Platz belegten! Auch die diesjährige Vertreterin Thérèse Steinmetz, die in Wien als erste Kombattantin auf die mit modernen Drehspiegeln ausstaffierte Bühne im ansonsten extrem barocken Festsaal der kaiserlichen Hofburg – bis heute ungeschlagen die nobelste Location, in welcher der Eurovisionszirkus jemals gastierte! – musste, landete weit abgeschlagen auf dem vierzehnten Rang. Skurril – denn vom lautmalerischen ‚Ring Dinge Ding‘ ist es, zumindest phonetisch, nicht sehr weit zu ‚Ding A Dong‘, mit dem die Niederländer erst 1975 wieder die Krone erringen konnten (mal abgesehen natürlich von 1969, wo sich Lenny Kuhr den Sieg jedoch mit drei Mitbewerberinnen teilen musste). Eine kommende Grand-Prix-Gewinnerin ging indes heuer erstmals für Luxemburg an den Start.

Ein bissel gruslig: man wartet drei Minuten drauf, ob Thérèses Halsschlagader gleich platzt? (NL)

Die in Deutschland lebende Griechin Vicky Leandros (→ LU 1972, Vorentscheid DE 2006) hatte jedoch trotz eines grandiosen, klassisch frankophilen Gefühlssturmes in diesem Jahr keine Chance. Denn das vom französischen Komponisten André Popp (→ ‚Tom Pillibi‘, FR 1960) verfasste ‚L’Amour est bleu‘ musste von Startposition 2 aus ins Rennen: bekanntermaßen der Todesstoß für jeden Beitrag. Erschwerend kam hinzu, dass sie hier sang wie eine Hupe und auf der Bühne stand wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Der Legende zufolge schwor sich Vicky nach der Veranstaltung, eine triumphale Rückkehr hinzulegen: fünf Jahre später machte sie es wahr. Die Gastgeber schickten den Liedermacher Peter Horten (→ Vorentscheid DE 1972, 1975), der sich später auf Druck der gleichnamigen, mittlerweile längst im Metro-Konzern aufgegangenen Kaufhauskette in Horton umbenennen musste. Hoffen wir für Millionen Deutsche, dass der Molkereipate Theo Müller nie auf dumme Gedanken kommt! ‚Warum es hunderttausend Sterne gibt‘, wollte aber außerhalb Österreichs niemand wissen: Platz 14.

Eine Körperhaltung wie ein Fragezeichen: Vicky Leandros (LU)

Für Finnland sang der etwas füllige Fredi (→ FI 1976) leidenschaftlich krähend sein eindringliches ‚Varjoon-suojaan‘, eine erste Warnung vor den Folgen des Ozonlochs („Schutz vor dem gleißenden Himmel“). Sein Titel kam jedoch zu früh für die verschnarcht-konservativen → Jurys, die erwartungsgemäß keinerlei Gespür für ökologische Themen bewiesen. Ganz → ohne Punkte schickten sie diesmal immerhin nur eine Künstlerin heim: die schweizerische Repräsentantin Géraldine Gaulier. Das allerdings auch zu Recht, denn sie vergewaltigte die Töne eher, als sie zu singen. Insbesondere die große hohe Schlussnote ging einem so sehr durch Mark und Bein wie das Geräusch kratzender Fingernägel auf einer Schiefertafel. ‚Anouschka‘, der deutsche Beitrag, hätte in der von Alexandra interpretierten Fassung durchaus Chancen besessen, womit Inge Brücks Fähigkeiten nicht abgewertet werden sollen. Aber der wunderbar melancholische Tröstungsschlager war, sehr hörbar, auf die schmerzhaft schöne, tieftraurige Stimme Alexandras (eine der Stammabnehmerinnen des Komponisten Hans Blum) hin geschrieben und gewinnt erst in der subtilen Brechung der Durchhaltebotschaft (”Musst nicht weinen, kleine Anouschka / Er kommt wieder, kleine Anouschka”) durch das einzigartig bittersüße Timbre der Ausnahmesängerin den nötigen inhaltlichen Tiefgang. Inge Brück gab ihr Bestes, verfügte aber nicht nur über eine Frisur wie Angela Merkel, sondern auch über deren Bühnenausstrahlung. Und sank in Wien folglich wie ein Stein.

Masochisten halten bitte bis zum bitteren Ende durch: es lohnt sich! (CH)

Denn Großbritannien, bekanntlich das Mutterland des Pop, schickte eine junge, gut aussehende Frau mit echtem Popstar-Appeal und einem echten Popsong. Sandie Shaw, die den britschen Vorentscheid A Song for Europe zuvor alleine bestreiten durfte, brachte – nach der Vorarbeit von France Gall 1965 – mit nur fünf Jahren Verspätung nun endgültig den Beat zum Contest. Auch wenn ‚Puppet on a String‘ eine gewisse musikalische Verwandtschaft zum Humptata-Schlager des Musikantenstadls aufweist: seinerzeit ging man mit den Genregrenzen noch nicht so streng um wie heute. Zudem erscheint es als naheliegend, dass gerade die Kombination der für damalige Verhältnisse unkonventionell auftretenden und damit frisch wirkenden Shaw und des eher gewöhnlichen, versöhnlich wirkenden Lieds (das für die nächsten zehn Jahre so etwas wie die Blaupause aller britischen Eurovisionsbeiträge liefern sollte) zum Sieg führten. Mit Madame Gall verband Miss Shaw indes nicht nur die Marionetten-Thematik des Songtextes, den die Sängerin selbst als „sexistischen Schwachsinn“ brandmarkte, sondern auch der damit verbundene Erfolg und dessen spätere entschiedene Ablehnung.

Wahrlich nicht schlechter: ‚Tell the Boys‘, Platz 2 beim Song for Europe 1967

Shaw wäre wohl deutlich lieber mit dem zweitplatzierten Beitrag des britischen Vorentscheids nach Wien gefahren. Verständlicherweise, wie man sagen muss: ‚Tell the Boys‘ klang deutlich weniger nach Bierzelt und ein bisschen mehr nach Motown, war dabei sehr eingängig und mitreißend, und erzählte inhaltlich, wenngleich es vordergründig ums Thema Treue ging, eine deutlich emanzipiertere Geschichte (die sich jetzt in festen Händen befindende Sandie verabschiedet sich von ihren zahlreichen früheren Liebhabern, mit denen sie bislang „sehr viel Spaß“ hatte) als der Titel, den ihr das Publikum letztlich heraussuchte. Das aber natürlich, wie stets, die richtige Wahl traf: ihr in der Hofburg barfuß vorgetragenes ‚Puppet on a String‘ gewann nicht nur mit riesigem Vorsprung den Song Contest, es warf auch einen europaweiten Nummer-Eins-Hit ab und avancierte zum unvergessenen Evergreen. Sogar die eilig eingedeutschte, von der bedauernswerten Interpretin eigens phonetisch eingesungene Fassung ‚Wiedehopf im Mai‘ fand trotz absurdester Übersetzungslyrik noch ihre Abnehmer (#36). Sandies Sieg markierte damit den unumkehrbaren Übergang in eine neue Eurovisionsära: weg vom getragenen frankophilen Chanson, hin zum beatbetonten, hitparadentauglichen Popsong. Eine gutzuheißende Entwicklung.

Da stand anfangs wohl irgendjemand auf der Leitung! (UK)

Einen weiteren Modernitätsschub lieferte Monaco, das die Französin Minouche Barelli und ihr von Serge Gainsbourg (→ ‚Poupée de Cire, Poupée de Son‘, LU 1965) komponiertes Antikriegslied ‚Boum Badaboum‘ eingekauft hatte. Nicht nur ein musikalischer Donnerschlag: die Aussage, angesichts des durch die Atombombe bald bevorstehenden Weltuntergangs noch schnell das Leben in vollen Zügen genießen zu wollen (natürlich, es ist ja von Gainsbourg, auch sexuell), kann für Grand-Prix-Verhältnisse als geradezu revolutionär politisch gelten. Heutzutage fiele so eine Nummer sicherlich der EBU-Zensur zum Opfer. Barelli verstarb 2004 im Alter von nur 57 Jahren in Monaco, zwei Jahre, nachdem sie die Staatsangehörigkeit des Stadtstaates angenommen hatte. Mit gar nur 43 Jahren riss ein Autounfall 1980 den belgischen Vertreter Luis Neefs (→ BE 1969) aus dem Leben. Sein deutlich traditionellerer Schlager ‚Ik heb Zorgen‘ hätte auch von Peter Alexander stammen können, unterhielt aber immerhin durch eine perfide Klatschfalle: einem angetäuschten, abrupten Liedende, das aber in Wahrheit nur aus einer zirka einsekündigen Kunstpause bestand, nach welcher der Interpret so überraschender- wie überflüssigerweise den Refrain noch einmal wiederholte. Solche kleinen Schockmomente liebte Neefs sehr, was ihn zum gruseligsten Mann des Grand Prix machte.

Ein wenig fröhlicher als Nicole: das Antikriegslied von Minouche (MC)

Spanien schickte erneut den Vorjahressänger Raphael (→ ES 1966), mit einem weiteren dramatischen Beitrag namens ‚Hablamos del Amor‘, der aber nicht ganz an die Eindringlichkeit von ‚Yo soy aquél‘ anknüpfen konnte. Fast allen diesen Ländern sollte der erste Triumph noch bevorstehen. Österreich hingegen musste ein knappes halbes Jahrhundert auf einen weiteren Sieg warten, und nach dieser Veranstaltung ist das auch kein Wunder. Die ORF-Moderatorin Erica Vaal verhedderte sich bei der Punktevergabe völlig und rief Sandie Shaw (die zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits uneinholbar führte) bereits vor der letzten Wertung zur Siegerin aus, was der düpierte irische Jurysprecher mit einem mokanten „I thought we were going to be left out“ kommentierte, während die Gastgeberin vor lauter Zerknirschtheit an ihrem „Oh, I am so sorry“ fast erstickte. So weit, so amüsant. Doch galt das weniger für den zähen Show-Auftakt, bei dem Frau Vaal ihre gefühlt dreistündige (und real zehnminütige) Begrüßungsrede auf deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch und – für die Zuschauer/innen der Intervision – russisch hielt. Anschließend entschuldigte sie sich, nicht auch noch die Sprachen der restlichen Teilnehmerländer gelernt zu haben, versprach aber, das nachzuholen, sollte der Contest „in naher Zukunft“ nochmals in Wien stattfinden. Die Europäer begriffen das wohl als ernstzunehmende Drohung: erst der Tod von Frau Vaal im Oktober 2013 ebnete tragischerweise den Weg für Conchita Wurst (→ AT 2014)!

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer singt am schönsten im ganzen Land? Der ESC 1967

Eurovision Song Contest 1967

Grand Prix de la Chanson. Samstag, 8. April 1967, aus dem Großen Festsaal der Hofburg in Wien, Österreich. 17 Teilnehmerländer, Moderation: Erica Vaal.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01NLThérèse SteinmetzRing Dinge Ding0214
02LUVicky LeandrosL'Amour est bleu1704
03ATPeter HortonWarum es 100.000 Sterne gibt0214
04FRNoëlle CordierIl doit faire beau là-bas2003
05PTEduardo NascimentoO Vento mudou0312
06CHGéraldine GaulierQuel Coeur vas-tu briser?0017
07SEÖsten WarnerbringSom en Dröm0708
08FIFrediVarjoon-Suojann0312
09DEInge BrückAnouschka0710
10BELouis NeefsIk heb Zorgen0807
11UKSandie ShawPuppet on a String4701
12ESRaphael Martos SánchezHablemos del Amor0906
13NOKirsti SparboeDukkeman0214
14MCMinouche BarelliBoum Badaboum1005
15YULado LeskovarVse Rože Sveta0709
16ITClaudio VillaNon andare più lontano0411
17IESean DunphyIf I could choose2202

DE 1967: Musst nicht weinen

Inge Brück, DE 1967
Die Christliche

Auch in meinem Geburtsjahr wollte sich kein kommerziell erfolgreicher deutscher Schlagerstar mit einer Grand-Prix-Teilnahme die Karriere zugrunde richten, und so trug Hans-Otto Grünefeldt, der damalige Unterhaltungschef des Hessischen Rundfunks und Eurovisionsverantwortliche der ARD, der Sängerin Inge Brück auf, den deutschen Beitrag zu Gehör zu bringen. Deren einziger Hit, der kesse Schlager ‚Peter, komm heut Abend zum Hafen‘, lag zwar bereits zehn Jahre zurück. Doch sie konnte 1966 mit dem dezent dramatischen ‚Frag den Wind‘ das renommierte Internationale Songfestival in Rio de Janeiro gewinnen. Vielleicht, so die Hoffnung im Frankfurter Funkhaus am Dornbusch, gelänge ihr dasselbe ja auch in Wien, wo der europäische Wettbewerb 1967 stattfand.

Die Frisur: zu wissen, es ist Beton!

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PT 1967: Trommeln dröhnen heiser

Ein Jahr, nachdem die damalige Kolonialmacht Niederlande mit der von einem Surinamer (Südamerika) abstammenden Milly Scott die erste schwarze Sängerin zum Eurovision Song Contest delegierte, dominierten Künstler aus der portugiesischen Kolonie Angola (Südafrika), die erst 1975 die Unabhängigkeit erlangte, das Festival da Canção. Der portugiesischen Wikipedia zufolge soll dies gerüchtehalber einem Wunsch des diktatorisch agierenden Machthabers Salazar entsprochen haben, der damit belegen wollte, kein Rassist zu sein. Der Sender RTP, der das Studio diesmal mit einem schlichten, seitlich beleuchteten und in einer kleinen, stoppschildförmigen Bühne mündenden Laufsteg schmückte, schaltete bei diesem FdC erstmalig zwei Semis mit jeweils sechs Beiträgen vor, von denen jeweils die Hälfte ins Finale kam. Dem angolanischen Duo Ouro Negro („Schwarzes Gold“), bestehend aus den Jugendfreunden Raul Indipwo und Milo MacMahon, die an beiden Vorrunden teilnahmen, gelang es dabei, gleich beide Titel ins Finale durchzubringen. Dort belegte der deutlich schmissigere ihrer beiden Wettbewerbssongs, das mit einer synchronen kleinen Handchoreografie dargebotene, erfrischend kurze ‚Quando amanhecer‘ den vierten Rang, während die entsetzlich altmodische und unglaublich langweilige Ballade ‚Livro sem Fim‘ (‚Endloses Buch‘) sogar die Silbermedaille zu erringen vermochte. Beide Beiträge hatten musikalisch nicht das Geringste mit ihrem heimatlichen Repertoire zu tun, das auf dem von der Querflöte geprägten, jazzigen Kwela-Sound basierte. Wobei das Duo Ouro Negro eben auch portugiesischen Pop im Programm hatte und damit durch ganz Europa tourte. Mit dem Tod von Milo MacMahon Ende der Achtziger löste das Duo sich auf.

Hier erkenne ich doch schon erste Vorläufer einer klassischen Grand-Prix-Choreografie: das Schwarze Gold aus Angola beim FdC.

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SE 1967: Im Östen nichts Neues

Das Melodifestivalen ist ein rundheraus sterbenslangweiliger Wettbewerb mit nicht einem einzigen auch nur ansatzweise interessanten Titel und null Glamour: würde man für eine solche Aussage heutzutage von vor Empörung schnappatmenden Fans als Ketzer bezichtigt und von einem wütenden Mob aufgeknüpft (und das zu Recht), so trifft obige Aussage für den Jahrgang 1967 indes voll und ganz zu, wie selbst der schwedophilste Grand-Prix-Fan ehrlicherweise zugeben muss. Zehn Lieder hatte eine Jury herausgesucht, und darunter befand sich nicht einer, der in irgendeiner Form als eingängig bezeichnet werden könnte. Am konventionellsten vielleicht noch der Titel ‚Christina dansar‘ der schwedischen Schlagerette und MF-Teilnahmerekordhalterin Ann-Louise Hanson, die hier den dritten und vierten ihrer insgesamt 13 (allesamt erfolglos bleibenden) MF-Beiträge präsentierte. Doch auch die tanzende Christine verweigerte sich, so wie alle Songs des Abends, vehement jedwedem dem Ohr anhaftenden Refrain. Ebenfalls gleich zwei Eisen im Feuer hatte die als Birgit Rose-Marie Carlsson geborene Towa („Strubbellieschen“) Carson, neben Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969) und der bereits erwähnten Ann-Louise Hanson später ein Teil des Alte-Schlagerschachteln-Trios beim Melodifestivalen 2004. Vom musikalischen Standpunkt her erwähnenswert vielleicht noch der ‚Svart-Olas Polska‘, der ‚Tanz des schwarzen Ola‘ von Sten Nilsson, der mit psychedelischen Klängen in äußerst homöopathischer Dosierung hantierte und außerdem die Existenz von Menschen mit dunkler Hautfarbe thematisierte, wie sie beim Eurovision Song Contest erstmalig mit Milly Scott (→ NL 1966) und Eduardo Nasciemento (→ PT 1967) vorkamen.

Eher ein Haschkekskrümelchen als ein LSD-Trip: der Tanz des schwarzen Ola (gemeint ist doch nicht etwa Ola Salo?).

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NL 1967: Der Witz des Tages

Thérèse Steinmetz, eine in Amsterdam geborene und ausgebildete Schauspielerin und Sängerin, hatte im Jahr 1966 durch eine eigene TV-Show im niederländischen Fernsehen Bekanntheit erlangt. Folgerichtig (und vermutlich auch, weil sonst niemand wollte?) nominierte sie der Sender als Vertreterin des Landes beim Eurovision Song Contest 1967 zu Wien. Sechs Titel gab man ihr zur Vorstellung im unter der Woche terminierten Nationaal Songfestival, darunter so knackige Imperative wie ‚Hör!‘ und ‚Sing!‘. Per Postkarte durften die Holländer/innen über die Songs abstimmen, die sie in der Verkündigungssendung eine Woche darauf alle noch mal sang, bevor man das Ergebnis bekannt gab. Mit deutlicher Mehrheit entschieden sich die Zuschauer/innen für den uptemporären, lautmalerischen und völlig belanglosen Schlager ‚Ring dinge ding‘, im welchem die Protagonistin zum Beweis ihrer überbordenden Fröhlichkeit davon erzählt, so sinnfreie Dinge tun zu wollen wie einen Minister anzurufen, um ihm den „Witz des Tages“ zu erzählen. Warum? Was hat der arme Mann ihr denn getan? Nun ist im Schlager, gerade beim Grand Prix, natürlich immer Platz für ein herzhaftes ‚La la la‘ (→ ES 1968), ‚Ding A Dong‘ (→ NL 1975), ‚Tipi tii‘ (→ FI 1962) oder gar ‚Diggy loo, diggy ley‘ (→ SE 1984). Und niemand fordert von so einem Drei-Minuten-Liedchen unbedingte kafkaeske Gedankenschwere (→ FR 1976). Doch ‚Ring dinge ding‘ schien selbst der Interpretin zuviel der Narretei: sie wirkte beim Vortrag in Wien nicht so recht Zuhause in dem Lied und landete folgerichtig mit nur zwei Punkten ziemlich weit hinten. Mehr Erfolg sollte Thérèse beim internationalen Songfestival 1970 in Rumänien beschieden sein, wo sie unter anderem gegen Lize Marke (→ BE 1965) siegte, was ihr dort den Weg zu einer Reihe von lukrativen Auftritten mit einem Folk-Repertoire ebnete. 1974 landete sie noch mal einen Top-40-Hit in den Niederlanden, später zog es sie nach Cannes, wo sie sich als Malerin mit eigener Kunstgalerie und Shop niederließ. Darauf ein fröhliches „Ringe dinge“!

„Dunkelbraun an Aug‘ und Haar“: Frau Steinmetz.

Vorentscheid NL 1967

Nationaal Songfestival. Mittwoch, 22. Februar 1967 aus dem Tivoli in Utrecht. Eine Teilnehmerin. Moderation: Elles Berger.
#Interpret/inTitelPostkartenPlatz
01Thérèse SteinmetzWaar be je15094
02Thérèse SteinmetzTornado04226
03Thérèse SteinmetzSta stil bij mij13045
04Thérèse SteinmetzZing32312
05Thérèse SteinmetzHoor27043
06Thérèse SteinmetzRing dinge ding55501

FI 1967: Der Tunten-Marathon

Wie schon in den Jahren zuvor veranstaltete das finnische Fernsehen YLE auch 1967 einen offenen Komponistenwettbewerb. 240 Einsendungen gingen ein, und wie schon im Vorjahr fanden sich unter den von einer Jury ausgewählten (diesmal acht) Finaltiteln gleich drei aus der Feder von Lasse Mårtenson (→ FI 1964). Ebenso wie schon im Vorjahr siegte wiederum eine davon. Mårtenson nun den Ralph Siegel Finnlands zu nennen, täte ihm aber dennoch unrecht, dafür waren seine Lieder einfach zu… un-siegelig. So wie das von ihm komponierte ‚Varjoon – suajoon‘ (sinngemäß: ‚Im Schatten – geschützt‘), einer sehnsuchtsvollen und in ihrer Art extrem finnischen Betrachtung über die Vorzüge des Lebens abseits des grellen Scheinwerferlichtes, dargeboten von einem eher untypischen Grand-Prix-Kandidaten, dem jungen Matti Kalevi Siitonen oder, wie er sich selbst nannte, Fredi (übrigens nach der cholerisch-liebenswürdigen Figur aus der Zeichentrickserie Familie Feuerstein). Fredi kannten seine Landsleute hauptsächlich als TV-Comedian, genauer gesagt als Teil des von ihm mitbegründeten Ensembles Kivikasvot. Als „Folk-Fredi“ hatte er 1965 seine erste Platte aufgenommen, und drei Mal dürfen Sie raten, welcher musikalischen Richtung diese zuzuordnen war. Nur sehr entfernt bis gar nicht folkig klangen indes seine beiden Vorentscheidungsbeiträge, das jazzig-schräge ‚O tuntematon‘ (nein, es ging nicht um das samstagabendliche Pendeln zwischen Gay-Bar und Homo-Disco, den Tunten-Marathon, sondern um das große ‚Unbekannte‘) wie auch das leidenschaftlich gekrähte, siegreiche ‚Varjoon – suajoon‘. Mit dem sorgte Fredi in Wien für ratlos zurückbleibende europäische Zuschauer/innen und perplexe Jurys, welche das introvertierte Lied-Kleinod mit einem Mittelfeldplatz abstraften. Fredi, der zu Hause im Laufe seiner Karriere mehr als 20 Hits landete, kehrte 1976 mit der ungleich eingängigeren Contest-Perle ‚Pump-pump‘ zurück.

Fredi mit dem vielleicht finnischsten Lied aller Zeiten.

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