ESC 1969: Er mach­te Fröh­li­che melan­cho­lisch

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Das Jahr der vier Sie­ger

Das hat­ten sich die den 1969er Grand Prix eröff­nen­den Jugo­sla­wen sehr cle­ver gedacht. In acht euro­päi­schen Spra­chen, ein­schließ­lich eines “Guten Tag”, begrüß­ten sie die Zuschauer/innen zum Auf­takt des mit wei­tem Abstand absur­des­ten (und somit groß­ar­tigs­ten) Con­test­jahr­gangs aller Zei­ten in der spa­ni­schen Haupt­stadt Madrid, wo bereits die merk­wür­di­ge Büh­nen­de­ko­ra­ti­on, eine kru­de Mischung aus alt­her­ge­brach­ten Blu­men­bee­ten, sakral anmu­ten­den Orgel­pfei­fen und einer futu­ris­ti­schen Metall­skulp­tur aus der Künst­ler­hand Sal­va­dor Dalís, auf das noch fol­gen sol­len­de Cha­os ein­stimm­te.

Vor­bild­lich: nach nur fünf Minu­ten singt schon der ers­te Teil­neh­mer beim ESC 1969 (kom­plet­ter Con­test)

Poz­drav Svi­jetu’ (‘Grü­ße an die Welt’), die hem­mungs­lo­se – wenn auch wun­der­bar har­mo­nisch gesun­ge­ne – kroa­ti­sche Punk­te­ab­greif­num­mer, zün­de­te bei den Jurys jedoch nicht wie erhofft. Was wohl vor allem an dem voll­bär­ti­gen Ivan lag (bür­ger­lich: Ivi­ca Kra­jač, eigent­lich ein gleich­be­rech­tig­tes Vier­tel des “Vokal­ni Kvar­tet” 4M, ver­dank­te er sei­ne Her­aus­he­bung als Lead­sän­ger der damals noch gül­ti­gen Euro­vi­si­ons­re­gel, die offi­zi­ell ledig­lich Solis­ten und maxi­mal drei­köp­fi­ge Begleit­chö­re zuließ), der sei­nen Vor­trag der­ma­ßen affek­tiert und thea­tra­lisch gestal­te­te, dass es einem beim Zuschau­en die Schu­he aus­zog: eine Acht auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la. Nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass er sei­nen Song “allen Jun­gen aller Flag­gen” wid­me­te, wie er sang: gemeint war wohl der bei Schwu­len belieb­te Han­ky-Code, denn Mäd­chen fan­den in sei­nem Lied kei­ne Erwäh­nung. Bes­ser schnitt da schon die Schwei­ze­rin Pao­la del Med­ico (→ CH 1980, Vor­ent­scheid DE 1979 + 1982) ab, die auf eine ähn­li­che The­ma­tik setz­te.

Stand zu sei­ner inne­ren Lori­el­le: der Ivan (YU)

Ihr schwung­vol­les ‘Bon­jour, bon­jour’, das wie für Cate­ri­na Valen­te geschrie­ben klang, erquick­te den Hörer mit unbe­küm­mer­tem, hor­mo­num­tos­tem, Allein­ste­hen­de aller­dings acht­los aus­gren­zen­dem Opti­mis­mus (“Die Welt ist wun­der­bar, sie kann nicht schö­ner sein / Und sie gehört nur den Ver­lieb­ten allein”), wel­chem die wie immer arg steif auf­tre­ten­de spä­te­re Ehe­frau von Kurt Felix und Mit­mo­de­ra­to­rin der quä­lend unlus­ti­gen TV-Show Ver­ste­hen Sie Spaß? mit dem ihr so eige­nen Gefrier­lä­cheln nicht ganz gerecht wer­den konn­te. Mona­co schick­te ein erst zwölf­jäh­ri­ges Milch­büb­chen namens Jean-Jac­ques Bor­to­laï, das sei­ne ‘Maman’ anfleh­te, bitte­bit­te noch lan­ge­lan­ge an ihrem Rock­zip­fel kle­ben zu dür­fen: da mani­fes­tier­te sich wohl Heint­jes unglück­se­li­ger (und in des­sen Wahl­hei­mat Bel­gi­en stets viru­len­ter) Ein­fluss. Die­ses Grau­en mach­te die in einem augen­schmerz­grü­nen Kleid vom For­mat eines Zir­kus­zel­tes auf­tre­ten­de Irin Muri­el Day ver­ges­sen, die sich mit einem eksta­ti­schen Veits­tanz die ‘Wages of Love’ ver­dien­te (#1 in den hei­mi­schen Charts).

Erzielt sicher einen guten Lie­bes­lohn: die Muri­el (IE)

Für Bel­gi­en beschmach­te­te Lou­is Neefs (→ BE 1967), der Mann mit dem viel­leicht häss­lichs­ten Tou­pet der Con­test­ge­schich­te, ein Lon­do­ner Mäd­chen namens ‘Jen­ni­fer Jen­nings’. Er tat das mit stoi­scher Mie­ne und völ­lig bewe­gungs­los – bis zum ers­ten Refrain, als er ohne jede Vor­war­nung plötz­lich die Arme nach oben riss und in einer artis­ti­schen Ver­ren­kung über dem Kopf zusam­men­schlug. Wie vie­le älte­re Zuschau­er die­ser völ­lig unvor­her­seh­ba­re Gefühls­aus­bruch in den Herz­tod schick­te, ist nicht über­lie­fert. Finn­land ent­zück­te mit einem put­zi­gen Duo (und ech­tem Ehe­paar) namens Jark­ko & Lau­ra und einer Rag­time-Ode an die gute alte Zeit. Jark­ko hat­te sich stil­echt mit einem Kreis­sä­gen­hut und einem Regen­schirm kos­tü­miert; bei­de lie­fer­ten dazu eine lus­ti­ge Tanz­ein­la­ge, irgend­wo zwi­schen Kung-Fu, Stumm­film und Stepp­tanz. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) schau­te hin­ge­gen ver­zwei­felt und trug ihr ält­li­ches deut­sches Schla­ger­lein namens ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ vor, in dem sie die trau­ri­ge Ein­sam­keit eines Por­zel­l­an­püpp­chens besang: ein wirk­lich sozi­al­kri­tisch auf­rüt­teln­des Lied. Dazu dreh­te sie sich selbst etwa so anmu­tig wie der sprich­wört­li­che Ele­fant im Por­zel­l­an­püpp­chen­la­den.

Gin­gen offen­sicht­lich zum sel­ben Fri­seur: Jark­ko & Lau­ra (FI)

Die­se Rei­se durchs wil­de Absur­di­stan bil­de­te aber nur das Vor­spiel für das unüber­trof­fe­ne Dra­ma um die Punk­teaus­wer­tung. Nach dem umstrit­te­nen Sieg eines ‘La La La’-Lied­chens im Vor­jahr setz­ten nun etli­che Län­der auf ähn­li­che Laut­ma­le­rei­en in ihren Bei­trä­gen, wie die im Zwei-Jah­res-Rhyth­mus antre­ten­de nor­we­gi­sche Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, Vor­ent­scheid DE 1970) mit dem pep­pi­gen ‘Oj oj oj’ (nein: kei­ne Skin­head-Ode); die sich als ver­hin­der­te Opern­sän­ge­rin gebär­den­de Por­tu­gie­sin Simo­ne de Oli­vei­ra (→ PT 1965), die im Refrain ihres Songs ‘Des­fol­ha­da’ eben­falls das ein oder ande­re “La La La” und “Lay Lay Lay” unter­brach­te; oder die völ­lig über­dreh­te, kul­ler­äu­gi­ge Schot­tin Marie McDo­nald McLaugh­lin Lawrie, bes­ser bekannt als Lulu (ihr → Cho­reo­gra­fie-Vor­bild bil­de­ten offen­sicht­lich die­se “lus­ti­gen” Kat­zen­uh­ren, bei denen sich die Augen im Sekun­den­takt über­trie­ben hin- und her­dre­hen), deren Kar­dio­lo­ge ihr vor dem Wett­streit die beun­ru­hi­gen­de Nach­richt über­bracht hat­te, ihr Herz schla­ge ‘Boom Bang A Bang’. Womit sie trotz ihres grau­en­haf­ten Kräch­zens einen der ers­ten Plät­ze beleg­te.

Vier gewinnt

Ääähh – wie bit­te? Einen der ers­ten Plät­ze? Jawohl, denn es gab gan­ze vier Sie­ger­ti­tel an die­sem Abend!

Freut sich, dass sie Euro­pa so ver­äp­peln konn­te: Lulu! (UK)

Bei ins­ge­samt 16 Teil­neh­mer­län­dern – Öster­reich, drei Jah­re zuvor noch der Sie­ger, befand sich in der ers­ten sei­ner zahl­rei­chen euro­vi­sio­nä­ren Sinn­kri­sen und setz­te aus – teil­ten sich vier Bei­trä­ge, also jedes vier­te Lied, die Höchst­wer­tung. Bei den wei­te­ren Glück­li­chen han­del­te es sich um zum einen um den Viel­fach­ge­win­ner Frank­reich (Fri­da Boc­ca­ra mit dem klas­si­schen, mit abso­lu­ter Prä­zi­si­on und Hin­ga­be gesun­ge­nen fran­ko­phi­len Gefühls­sturm ‘Un Jour, un Enfant’) und um das Gast­ge­ber­land Spa­ni­en selbst, wel­ches eine mit einem gro­tes­ken, meh­re­re Kilo schwe­ren Röhr­chen­fum­mel beklei­de­te Natur­tran­se (also eine als Maria Rosa Mar­co Poquet gebo­re­ne, bio­lo­gisch ech­te Frau, die aber aus­sah wie ein über­schmink­ter Trans­ves­tit mit pom­pö­ser Perü­cke) mit dem Künst­le­rin­nen­na­men Salo­mé auf die Büh­ne schick­te. Auch sie unter­stütz­te ihren son­ni­gen, deut­lich auf die Erfolgs­for­mel von ‘La la la’ (→ ES 1968) set­zen­den Euro­vi­si­ons­schla­ger ‘Vivo can­tan­do’ mit etli­chen “Hey!“s im Refrain. Wobei der Song in der Live­fas­sung aus ledig­lich einer ein­lei­ten­den Stro­phe und fünf sich ste­tig stei­gern­den Wie­der­ho­lun­gen des Kehr­reims sowie gleich drei → Rückun­gen bestand. Sie topp­te das Gan­ze mit einer schun­keln­den Tanz­per­for­mance, bei der die metal­li­c­blau­en Röhr­chen an ihrem Hosen­an­zug nur so flo­gen – Sest­re (→ SI 2002), her­ge­schaut: das ist ech­ter Drag-Queen-Gla­mour!

Da lach ich doch! Ich bin die Sie­ge­rin! (ES)

Die Nie­der­län­de­rin Len­ny Kuhr mit ihrer folk­i­gen, selbst getex­te­ten Bän­kel­sän­ger­bal­la­de ‘De Trou­ba­dour’, auch sie dem ein oder ande­ren “Lay lay lay” nicht abge­neigt, ver­voll­stän­dig­te das Quar­tett der Erst­plat­zier­ten. Nach mei­nem Ver­ständ­nis zählt sie als die ech­te Sie­ge­rin die­ses Jahr­gan­ges. Lei­der erst im Nach­gang zu die­sem pein­li­chen Deba­kel erließ die Euro­pean Broad­cas­ting Uni­on (EBU) die Bestim­mung, dass bei einem künf­ti­gen Punk­te­gleich­stand der­je­ni­ge gewon­nen habe, der die höhe­ren Ein­zel­wer­tun­gen vor­wei­sen kann. Eine mitt­ler­wei­le ins Gegen­teil (heu­te zählt die höhe­re Anzahl der Wer­tun­gen) gedreh­te Regel, die erst­mals 1991 zum Ein­satz kam, als Ami­na Anna­bi (FR) und Caro­la Hägg­kvist (SE) mit jeweils 146 Zäh­lern vor­ne lagen. Bei­de hat­ten je vier mal 12 Punk­te kas­siert; Caro­la konn­te aber fünf­mal 10 Punk­te auf sich ver­ei­nen, Ami­na nur vier mal. So gewann Caro­la. Wen­det man die­se Zähl­wei­se retro­ak­tiv auf den 1969er Con­test an, wie ich es in allen mei­nen Tabel­len (und nicht nur bei den Sie­ger­ti­teln, son­dern auch bei Punk­te­gleich­stän­den auf den unte­ren Plät­zen) tue, ergibt sich ein ein­deu­ti­ges Bild: Len­ny Kuhr gewinnt mit der höchs­ten Ein­zel­wer­tung (6 Punk­te) vor Lulu (5 Punk­te), Fri­da Boc­ca­ra (4 Punk­te) und Salo­mé (3 Punk­te).

Ein biss­chen Sie­gen: Len­ny Kuhr (NL)

Anders ver­hielt es sich in den Charts: dort räum­te ledig­lich Lulu (#8 in Deutsch­land, #2 in Groß­bri­tan­ni­en, #1 in Nor­we­gen) rich­tig ab. An die­sem Abend aber blieb es, zur erheb­li­chen Belus­ti­gung des anwe­sen­den Saal­pu­bli­kums und zur end­gül­ti­gen Über­for­de­rung der Mode­ra­to­rin Lau­ri­ta Valen­zue­la nach der Ent­schei­dung des EBU-Schieds­rich­ters Clif­ford Brown ganz offi­zi­ell bei vier Sie­ge­rin­nen, die auch alle vier eine Medail­le erhiel­ten (ver­füg­te der aus­rich­ten­de Sen­der TVE etwa über sehe­ri­sche Kräf­te?). Und zwar aus der Hand von Vor­jah­res­ge­win­ne­rin Mas­siel, die sich extra für die­sen Anlass in einen unglaub­lich prot­zi­gen, mit Gold­ap­pli­ka­tio­nen bestick­ten Pelz warf und sich über­haupt als eigent­li­cher Star des Abends gebär­de­te. Das Cha­os auf der rasch über­füll­ten Büh­ne meis­ter­te sie jedoch sou­ve­rän, reih­te die Mädels und ihre → Kom­po­nis­ten nach Kör­per­grö­ße sor­tiert auf wie die Orgel­pfei­fen, ver­teil­te Orden und Küss­chen und hielt beru­hi­gend Händ­chen, wo es nötig war.

Lau­ri­ta Valen­zue­la glaubt es kaum: vier Sie­ger!

Berüh­rend: die bereits 1996 im Alter von nur 55 Jah­ren an einer Lun­gen­ent­zün­dung ver­stor­be­ne Fran­zö­sin Fri­da Boc­ca­ra, schon beim ers­ten Gesangs­vor­trag, aber auch bei der Sie­ge­rin­nen­re­pri­se mehr als beein­dru­ckend in ihrer fei­nen Balan­ce aus stimm­li­chem Kön­nen und wohl dosier­ter Mimik, leuch­te­te bei der Über­rei­chung ihrer Medail­le für drei Sekun­den von innen her­aus so, als sei genau die­ser Moment der bes­te, wich­tigs­te und schöns­te ihres gesam­ten Lebens. Was er ja viel­leicht auch war. Den Tru­bel um sie her­um voll­stän­dig igno­rie­rend, erschaff­te sie nur durch ihren Gesichts­aus­druck einen kur­zen, stil­len Augen­blick des Glücks; so fra­gil, dass ich selbst beim wie­der­hol­ten Anschau­en an die­ser Stel­le jedes Mal unwill­kür­lich den Atem anhal­te, um ihn nicht ver­se­hent­lich zu zer­stö­ren. Mit die­ser win­zi­gen, fei­nen Ges­te gab sie dem gan­zen Abend sei­ne Wür­de zurück und setz­te einen berau­schen­den Schluss­punkt unter einen nie wie­der zu top­pen­den Jahr­gang mei­nes Lieb­lingsevents.

Den­noch bekom­men alle vier Sie­ge­rin­nen ihre Medail­le!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1969

Gran Pre­mio de la Can­ción de Euro­vi­si­on. Sams­tag, 29. März 1969, aus dem Tea­tro Real in Madrid, Spa­ni­en. 16 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Lau­ri­ta Vene­zue­la.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01YUIvan + 3MPoz­drav Svi­jetu0513
02LURomu­ald Figu­ierCathé­ri­ne0711
03ESSalo­méVivo can­tan­to1804
04MCJean-Jac­ques Ber­to­laiMaman1106
05IEMuri­el DayThe Wages of Love1007
06ITIva Zanic­chiDue gros­se Lacrime bian­che0514
07UKLuluBoom Bang a Bang1802
08NLLen­ny KuhrDe Trou­ba­dour1801
09SETom­my Kör­bergJudy, min Vän0809
10BELou­is NeefsJen­ni­fer Jen­nings1008
11CHPao­la del Med­icoBon­jour, bon­jour1305
12NOKirsti Spar­boeOj oj oj, så glad jeg skal bli0116
13DESiw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na0810
14FRFri­da Boc­ca­raUn Jour, un Enfant1803
15PTSimo­ne de Oli­vei­raDes­fol­ha­da 0415
16FIJark­ko + Lau­raKuin Sil­lon ennen0612

DE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

Siw Malmkvist, DE 1969
Die Unbe­schwer­te

Als Lehr­stun­de des ger­ma­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Unter­hal­tungs­elends kann ohne jede Fra­ge die Vor­ent­schei­dung des Jah­res 1969 die­nen. Die Show lief ver­mut­lich exakt so ab, wie sich das Deutsch­lands obers­ter Grand-Prix-Beam­te, Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk, immer vor­ge­stellt hat­te. So ver­wen­de­te er quä­lend lan­ge Sen­de­mi­nu­ten dar­auf, den Zuschauer/innen haar­klein aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass dies hier ein → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb sei, in wel­cher Form die Vor­auswahl der neun an die­sem Abend zu Gehör zu brin­gen­den Schlicht­schla­ger erfolg­te, und dass die Auf­tritts­rei­hen­fol­ge der drei Sänger/innen, die sich “freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt” hat­ten, den Mist weg­zu­sin­gen, unter nota­ri­el­ler Auf­sicht aus­ge­lost wur­de.

Der letz­te TV-Auf­tritt Alex­an­dras vor ihrem tra­gi­schen Tod fand nicht, wie zunächst geplant, beim deut­schen Vor­ent­scheid statt. Für die Aktu­el­le Schau­bu­de stand sie statt­des­sen ziem­lich zuge­dröhnt in der mas­siv ver­müll­ten Ost­see.

Nach Anga­ben des Fan­clubs Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny soll­te ursprüng­lich auch Alex­an­dra (‘Mein Freund, der Baum’) in Frank­furt dabei sein. Die Aus­nah­mesän­ge­rin mit der ein­zig­ar­ti­gen Stim­me, die im Som­mer des­sel­ben Jah­res bei einem Auto­un­fall den Tod fand, sag­te jedoch auf­grund wich­ti­ge­rer Ter­mi­ne ab. Oder wegen des grau­en­haf­ten Song­ma­te­ri­als? Selbst der so char­man­ten wie bedau­erns­wer­ten Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er war es sei­tens des Sen­ders strengs­tens unter­sagt, ihren Job aus­zu­üben und tat­säch­lich zu mode­rie­ren. Irgend­wel­che gar noch spon­ta­nen Äuße­run­gen hät­ten ja als Beein­flus­sung gel­ten kön­nen. So muss­te sie die Rol­le eines Sprech­ro­bo­ters spie­len und durf­te ledig­lich ansa­gen: “Das war Lied Num­mer 1 und jetzt kommt Lied Num­mer 2”. Und auch das ver­mut­lich erst, nach­dem die­ser Satz durch das hr-Jus­ti­zia­ri­at acht­fach gegen­ge­prüft und geneh­migt wur­de. Selbst bei der Büh­nen­de­ko­ra­ti­on leg­te man ängst­lich Wert dar­auf, bloß kei­nen der drei Prot­ago­nis­ten, die jeweils im Wech­sel drei Lied­lein vor­zu­tra­gen hat­ten, in irgend­ei­ner Form zu bevor­zu­gen.

Hey, DAS ist Musik für mich: die poly­glot­te Peg­gy March

Doch wozu der gan­ze Auf­wand? Denn selbst­ver­ständ­lich blieb der unmün­di­ge Zuschau­er von der Ent­schei­dungs­fin­dung aus­ge­schlos­sen. Statt­des­sen tag­te ein Gre­mi­um von elf alten Män­nern in grau­en Tre­vi­ra­an­zü­gen und mit bil­li­gen Tou­pets, die nicht ver­drieß­li­cher das Grau­en des alles­läh­men­den deut­schen Ver­bands­un­we­sens hät­ten illus­trie­ren kön­nen: je zwei Ver­tre­ter der Tex­ter- und Kom­po­nis­ten­lob­bys sowie der “Arbeits­ge­mein­schaft Schall­plat­te” (also der Indus­trie), die Unter­hal­tungs­chefs der ARD-Sen­de­an­stal­ten und, aus wel­chem Grund auch immer, der Kapell­meis­ter der Städ­ti­schen Büh­nen Frank­furt am Main, Rudi Franz. Letz­te­rer ver­rich­te­te sei­ne Juro­ren­tä­tig­keit (wegen des Spe­sen­schecks?) wenigs­tens mit einem son­ni­gen Lächeln, wäh­rend die übri­gen Her­ren mit staats­tra­gend sauer­töp­fi­scher Mie­ne und zusam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen (und ver­mut­lich auch Poba­cken) ihre alber­nen Papp-Wer­tungs­tä­fel­chen zogen und vor sich depo­nier­ten. In ihrer unfass­bar spie­ßi­gen Ver­klemmt­heit wirk­te die gan­ze Sze­ne­rie wie ein Sketch von Lori­ot. (Unfrei­wil­lig) lus­tig wur­de es jedoch nur ein­mal ganz kurz, als der Gro­ße Vor­sit­zen­de Grü­ne­feldt die von einem der Lob­by­is­ten abge­ge­be­ne Vote für Peg­gy March (→ Vor­ent­scheid 1975) wie­der­hol­te: “Herr Hée: Hey!”.

So steif wie die Juro­ren: auch sexy Rexy hat einen Stock im Arsch

Bei sel­bi­gem Titel, der es zusam­men mit dem spä­te­ren Sie­ger­lied ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ von Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) und Rex Gil­do‘Die bes­te Idee mei­nes Lebens’ (was man über sei­ne Teil­nah­me an die­ser Vor­run­de nicht unbe­dingt sagen kann) in die End­aus­wahl schaff­te, han­delt es sich denn auch um den ein­zi­gen nen­nens­wer­ten Bei­trag des Abends. “Hey, das ist Musik für mich / Hey, das ist Musik für Dich / Denn Musik, die ist nun mal / Inter­na­tio­nal”: grand­pri­x­es­ker konn­te die Bot­schaft des musi­ka­lisch locker-flo­ckig swin­gen­den Easy-Lis­ten­ing-Knül­lers kaum sein. Zu modern und frisch ver­mut­lich für die grau­en Herr­schaf­ten der → Jury, die sich statt­des­sen mehr­heit­lich für das ver­staub­te Spiel­do­sen-Schla­ger­lein ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ aus der Feder von Hans Blum erwärm­ten. Fair­neß­hal­ber soll gesagt sein: es war neben ‘Hey!’ der ein­zi­ge Song des Abends, der den Zuschau­er nicht sofort in dorn­rös­chen­glei­chen Tief­schlaf ver­setz­te, da er zumin­dest eine gefäl­li­ge, ins Ohr gehen­de Melo­die bot. Die man bei den rest­li­chen sie­ben Seicht­songs schmerz­lich ver­miss­te.

Sag, weint Dein Herz? Siw Malmkvist gibt uns die ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’

Skur­ril: Durodont-Rex (→ Vor­ent­scheid 1960), des­sen Hoch­zeits-Kit­schlied in der ers­ten Run­de noch am ein­deu­tigs­ten führ­te, erhielt in der Final­ab­stim­mung von den­sel­ben Juro­ren kei­nen ein­zi­gen Punkt. Anfang der Sech­zi­ger noch gemein­sam mit Git­te Hæn­ning (→ Vor­ent­scheid DK 1962, DE 1973) als “Traum­paar des deut­schen Schla­gers” ver­mark­tet, war Gil­do lan­ge Jah­re Stamm­gast in der 1969 zum ers­ten Mal aus­ge­strahl­ten ZDF-Hit­pa­ra­de und lan­de­te im sel­ben Jahr mit ‘Don­do­lo’ einen sei­ner zahl­rei­chen Top-Ten-Hits. Drei­ßig Jah­re und etli­che des­il­lu­sio­nier­te Möbel­haus-Auf­trit­te spä­ter wähl­te der schrank­schwu­le Schla­ger­sän­ger dann den Frei­tod. Doch zurück nach 1969: die weni­gen Vor­ent­schei­dungs-Zuschau­er/in­nen, die bis hier­hin noch nicht abge­schal­tet hat­ten und auch die bei­den als Pau­sen­über­brü­ckung gebuch­ten “Tanz­dar­bie­tun­gen” des Ehe­paa­res Trautz ohne Spon­tan­au­gen­krebs über­stan­den, ent­ließ man mit dem siche­ren Gefühl, dass die gan­ze Ver­an­stal­tung für alle sen­der­seits Betei­lig­ten, sei­en es die Juro­ren, die Mode­ra­to­rin oder die Sänger/innen, min­des­tens genau so quä­lend gewe­sen sein muss wie für die Men­schen vor den TV-Gerä­ten. Juris­tisch unan­greif­bar und jeg­li­cher Schie­bung unver­däch­tig gewiss, aber dafür eben auch nicht eine Sekun­de lang unter­halt­sam. Also alle Kli­schees über die red­li­chen, aber lang­wei­li­gen Deut­schen bestä­ti­gend.

Chart-Watch: Süd­län­di­scher Froh­sinn wohn­te dem ‘Lied für Madrid’ nicht inne. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1970, 19731979) nahm dann auch lie­ber an der ZDF-Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung ‘Deut­scher Schla­ger-Wett­be­werb 1969’ teil, wo er sich schnell von den Fes­seln fest­lich-deut­scher Spie­ßig­keit befrei­te, dem etwas tra­ni­gen ‘Heu­te so, mor­gen so’ tän­ze­risch erstaun­li­chen Pepp ein­hauch­te, damit sieg­te und einen Top-Ten-Hit gene­rier­te. Was hät­te aus dem Mann für ein groß­ar­ti­ger Enter­tai­ner wer­den kön­nen, hät­te man ihm nur mal adäqua­tes Song­ma­te­ri­al gege­ben!

Vor­ent­scheid DE 1969

Ein Lied für Madrid. Sams­tag, 22. Febru­ar 1969, aus dem Sen­de­stu­dio 2 des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Drei Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Loui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Siw MalmkvistDein Come­back zu mir02 | –--
02Rex Gil­doLady Julia04 | –--
03Peg­gy MarchKarus­sell mei­ner Lie­be01 | –--
04Siw MalmkvistMelo­die04 | –--
05Rex Gil­doDie bes­te Idee mei­nes Lebens07 | 0003-
06Peg­gy MarchAber die Lie­be bleibt bestehen04 | –--
07Siw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na05 | 070113
08Rex Gil­doFes­ti­val der jun­gen Lie­be00 | –--
09Peg­gy MarchHey!06 | 040229

ESC 1968: Hap­pi­ness hadn’t been inven­ted

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Das Jahr der Schie­bung

Jurys sind Wich­ser™! Den im Ver­gleich zu den → Nul-Point-Ergeb­nis­sen der Vor­jah­re zwar deut­lich bes­se­ren, im Lich­te der Kon­kur­renz den­noch etwas ent­täu­schen­den (und unge­rech­ten!) sechs­ten Platz im ers­ten Jahr der euro­vi­sio­nä­ren Farb­aus­strah­lung ver­dankt der fabel­haf­te deut­sche Bei­trag von 1968 unter ande­rem den nor­we­gi­schen Wer­tungs­rich­tern: die reagier­ten pikiert, weil die in Oslo gebür­ti­ge, in Deutsch­land jedoch kei­nen uner­heb­li­chen Anteil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin gene­rie­ren­de Wencke Myh­re nicht fürs Hei­mat­land sang, und straf­ten sie fürs Fremd­ge­hen mit null Punk­ten ab. Doch auch Deutsch­land sorg­te beim Con­test in Lon­don nicht nur mit dem pro­gres­si­ven ‘Ein Hoch der Lie­be’ für Furo­re, son­dern eben auch mit den sehr offen­sicht­lich – eine ande­re Erklä­rung schei­det aus – von Kor­rup­ti­on gepräg­ten Wer­tun­gen unse­rer → Juro­ren.

Alles so schön bunt hier: der ESC 1968

Die punk­te­ten näm­lich, getreu des Mot­tos, dass ein anspruchs­vol­les Lied gewin­nen sol­le, mit sechs ihrer ins­ge­samt zehn Stim­men die Spa­nie­rin Mas­siel und ihren tief­schür­fen­den Titel ‘La La La’ über­ra­schend nach vor­ne und ver­hal­fen ihr so zum Sieg. Bei Mas­siel (eigent­lich: María de los Ánge­les Santa­ma­ría Espi­no­sa) han­del­te es sich um die Zweit­be­set­zung für das kraft­vol­le und ein­gän­gi­ge, Lebens­freu­de trans­por­tie­ren­de Chan­son über die Lust am Sin­gen: der ursprüng­lich vor­ge­se­he­ne Inter­pret Joan Manu­el Ser­rat, einer der bekann­tes­ten ibe­ri­schen Lie­der­ma­cher und Sän­ger, woll­te es nur in der Regio­nal­spra­che Kata­lo­ni­ens, von wo er stamm­te, vor­tra­gen. Da hat­te Spa­ni­ens Dik­ta­tor Fran­co, dem die Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der Kata­la­nen als Bedro­hung sei­ner Macht gal­ten, aber was gegen: er tausch­te Ser­rat gegen die wil­li­ge Kol­la­bo­ra­teu­rin Mas­siel aus. Fai­rer­wei­se muss man zuge­ben: das Lied ver­fügt tat­säch­lich über vier Stro­phen Text, neben den gezähl­ten 138 “La“s des Refrains (der Song trans­por­tiert eben extrem viel Lebens­freu­de!). Die Zuschau­er stan­den nach dem Über­ra­schungs­sieg der Spa­nie­rin Kopf, denn eigent­lich galt jemand ganz ande­res als kla­rer Favo­rit.

Doch, vor allem der Refrain gewinnt eine ganz neue Bedeu­tung: ‘La la la’ in der von Ser­rat bevor­zug­ten kata­la­ni­schen Fas­sung

Näm­lich der bri­ti­sche, welt­weit bekann­te und mit ins­ge­samt mehr als 250 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Alben kom­mer­zi­ell extrem erfolg­rei­che Super­star Cliff Richard (→ UK 1973). Sein Wunsch­sen­dungs-Ever­green ‘Congra­tu­la­ti­ons’, eine flot­te Pop­num­mer mit pro­mi­nen­tem Trom­mel­mo­tiv, stand zum Zeit­punkt des Song Con­tests bereits seit Wochen hoch in allen euro­päi­schen Charts (so auf #3 in Deutsch­land, #2 in Öster­reich und der Schweiz und an der Spit­ze in den Nie­der­lan­den, Bel­gi­en, Nor­we­gen und natür­lich im Ver­ei­nig­ten König­reich). Fre­ne­tisch krei­schend begrüß­te ihn das hei­mi­sche Publi­kum in der Roy­al Albert Hall, es schien rei­ne Form­sa­che zu sein, dass er nach San­die Shaw (→ UK 1967) mit dem vom glei­chen Auto­ren­team geschrie­be­nen Hit den Dop­pel­sieg holen wür­de, für den kein Wett­bü­ro etwas gezahlt hät­te. Doch nun durch­kreuz­ten die dia­bo­li­schen deut­schen Juro­ren sei­ne Plä­ne. Es lag ver­mut­lich nicht an der sehr exal­tier­ten Dar­bie­tung Richards, son­dern an dem idio­ti­schen Man­tra vie­ler Juro­ren, Hits hät­ten beim Grand Prix nichts zu suchen.

Im lin­gu­is­ti­schen Nir­wa­na: die äußerst selbst­be­wuss­te Mas­siel (ES)

Eine Anlei­tung zum Nach­t­an­zen der legen­dä­ren ‘Congra­tu­la­ti­ons’-Per­for­mance fin­det sich auf der bri­ti­schen, geni­al zyni­schen Euro­vi­si­ons­fan­sei­te Who­ops, Dra­go­vic! Hier die Über­set­zung: “Die → Tanz­schrit­te zu Cliffs Euro­klas­si­ker kön­nen Sie über­all pro­blem­los nach­stel­len; ob Zuhau­se, in Ihrem Gar­ten, der Kir­che oder im Loft.

  1. Lau­fen Sie den Gar­ten­pfad (bzw. den Kirch­gang) hin­un­ter, direkt auf die freu­dig jubeln­den Mas­sen zu.
  2. Am Ende des Pfa­des ange­kom­men, tun Sie so, als wür­den Sie mit Ihren Füßen ein Feu­er aus­tre­ten.
  3. Beim Sin­gen ducken Sie sich leicht ver­krampft zusam­men, so als ob Sie unter Durch­fall lit­ten. Las­sen Sie gleich­zei­tig Ihre Arme wie Pro­pel­ler krei­sen.
  4. Wäh­rend des Instru­men­tal­parts Ihres Lie­des wei­sen Sie die Zuschau­er auf die (nicht vor­han­de­nen) Not­aus­gän­ge zu Ihrer Lin­ken und Rech­ten hin.
  5. Beim gro­ßen Song­fi­na­le tre­ten Sie noch­mals die Flam­men aus. Recken Sie dann die Arme dem will­kom­me­nen Applaus ent­ge­gen.
  6. Ver­ste­cken Sie sich auf der Toi­let­te, bis Sie jemand holt.”

Der Seil­spring­pan­to­mi­me: Cliff Richard (UK)

Oder spiel­te doch Geld eine Rol­le? Einer spe­ku­la­ti­ven Doku­men­ta­ti­on eines spa­ni­schen Pri­vat­sen­ders zufol­ge sol­len das Fran­co-Régime und der Staats­sen­der TVE meh­re­re euro­päi­sche Jurys, dar­un­ter die deut­sche, mit dem Ankauf von Fern­seh­se­ri­en (Punk­te im Tausch für den Tat­ort?) besto­chen haben, die dann unge­sen­det in den TVE-Archi­ven ver­rot­te­ten. Das Ziel der anrü­chi­gen Finanz­trans­ak­ti­on: durch einen Sieg Spa­ni­ens und die Aus­tra­gung des Grand Prix im Fol­ge­jahr woll­te sich die an tou­ris­ti­schen Ein­nah­men inter­es­sier­te Dik­ta­tur als kul­tu­rell anschluss­fä­hi­ge euro­päi­sche Nati­on prä­sen­tie­ren. Was auch gelang! Bewie­sen sind die­se Behaup­tun­gen indes nicht, auch wenn der offen­bar arg gekränk­te Cliff Richard, der schon 1968 Mas­siel mit einem “war­men Keh­len­druck” gra­tu­lie­ren woll­te, bereits mein­te, er sei “der glück­lichs­te Mensch der Welt”, soll­ten sie sich bewahr­hei­ten. So lan­ge dient dem schlech­ten Ver­lie­rer der trotz des zwei­ten Plat­zes sehr viel grö­ße­re kom­mer­zi­el­le Erfolg sei­nes Bei­trags mit knapp zwei Mil­lio­nen ver­kauf­ter Ein­hei­ten sicher als klei­nes Trost­pflas­ter.

Ganz der alte Arsch: Clif­fie (Ordens­rit­ter Ihrer Majes­tät) congra­tu­liert der Queen zum 60. Thron­ju­bi­lä­um

Aber nicht nur Sir Richard lie­fer­te eine spek­ta­ku­lä­re Per­for­mance. Mit der Ein­füh­rung des Farb­fern­se­hens in jenem Jahr schien auch jeder Rest von Chan­son­se­lig­keit, vor­neh­mer Zurück­hal­tung, durch stei­fe Abend­ro­ben beding­ter Bewe­gungs­un­fä­hig­keit und Dezenz von der Ver­an­stal­tung abzu­fal­len. Schon der mit einem vom Con­test-Gewin­ner Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) ver­fass­ten, aller­dings arg lang­wei­li­gen alpen­län­di­schen Anspruchs­schla­ger über die ach so schlim­me Ein­sam­keit der Groß­stadt für Öster­reich star­ten­de tsche­chisch­stäm­mi­ge Karel Schla­gerGott (‘Babič­ka’) gebär­de­te sich auf der Büh­ne so tun­tig wie ein Musi­cal­sän­ger: eine Vier auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la für die “Gol­de­ne Stim­me aus Prag”. Noch schwu­ler wirk­ten die jugo­sla­wi­schen Dubro­vački Tru­badu­ri, die sich als mit­tel­al­ter­li­che Min­ne­sän­ger kos­tü­mier­ten und zu ihrer pos­sier­li­chen Wei­se anmu­tig über die Büh­ne hüpf­ten wie hor­mon­ge­steu­er­te Wald­el­fe im Früh­lings­sturm der Gefüh­le. Auf­grund des noch immer gel­ten­den Grup­pen­ver­bo­tes muss­ten sich die eigent­lich fünf­köp­fi­gen Trou­ba­dou­re aus Dubrov­nik offi­zi­ell als Duo (Luci & Hamo) mit Begleit­chor tar­nen.

Auch schön: Män­ner in Strumpf­ho­sen. Die auf­ge­platz­ten Gedär­me am Ellen­bo­gen irri­tier­ten aber ein wenig. (YU)

Eher gru­se­lig gaben sich hin­ge­gen die Ver­tre­ter aus dem hohen Nor­den: der Schwe­de Cla­es-Gör­an Heder­ström wirk­te im Trench­coat mit hoch­ge­schla­ge­nem Kra­gen wie der böse Onkel vom Kin­der­spiel­platz, was den Genuss sei­nes wun­der­bar jaz­zi­gen Loun­ge­songs ‘Ban­ne mej’, in dem er das schwe­re Schick­sal beklagt, frisch ver­liebt zu sein, erheb­lich min­der­te. Etwas opti­sche Lin­de­rung ver­schaff­te uns Finn­land, das eine jun­ge Sän­ge­rin namens Kris­ti­na Hauta­la in einem lind­grü­nen Kleid­chen mit gerüsch­ten Blüm­chen auf dem Ärmel schick­te: eine sin­gen­de Früh­lings­wie­se! Der Nor­we­ger Odd Bør­re Søren­sen schau­te sei­nen Tanz­stil bei dem direkt vor ihm auf­ge­tre­te­nen Cliff ab – nur, dass er mit dicker Horn­bril­le und Bill-Gates-Fri­sur aus­sah wie der ver­rück­te Pro­fes­sor aus einem Hor­ror­film der legen­dä­ren Lon­do­ner Ham­mer-Stu­di­os. Was per­fekt zu sei­nem wir­ren Lied mit dem tref­fen­den Titel ‘Stress’ pass­te. Die­ser ursprüng­lich zweit­plat­zier­te Song der nor­we­gi­schen Vor­ent­schei­dung war nach­ge­rückt, nach­dem der EBU eine all zu gro­ße Ähn­lich­keit des eben­falls von Odd Bør­re inter­pre­tier­ten Sie­ger­ti­tels ‘Jeg har aldri vært så glad i no’en som deg’ mit dem Cliff-Richard-Hit ‘Sum­mer Holi­day’ auf­fiel.

Ver­dammt, es ist Lie­be: die Schwe­den sind schon ech­te Roman­ti­ker! (SE)

Für das nicht abge­kup­fer­te ‘Stress’ kas­sier­te Nor­we­gen ledig­lich zwei Mit­leids­pünkt­chen – der gerech­te kos­mi­sche Aus­gleich für ihre Rache­wer­tung gegen­über “unse­rer” Wencke Myh­re. Die schun­kel­te und pro­pel­ler­te zum vom BBC-Orches­ter lei­der etwas schaum­ge­bremst beglei­te­ten ‘Hoch der Lie­be’ über die Büh­ne wie ein zu stark auf­ge­zo­ge­ner Brumm­krei­sel, und das in einem top­mo­di­schen, quietsch­gel­ben Mini­kleid, das ihre nicht gera­de reh­schlan­ken Bei­ne erst so rich­tig zur Gel­tung brach­te. Und dann noch die Dai­sy-Duck-Schu­he: grau­sam! Nicht sehr vor­teil­haft mach­te sich auch die fran­zö­si­sche Sie­ge­rin von 1962, Isa­bel­le Aubret, zurecht. Ihr labb­ri­ges, blass­blau­es Satin-Nacht­hemd kon­tras­tier­te so schmerz­voll zu ihrer pla­tin­blon­den Locken­pracht, dass man sich gar nicht auf ihr fas­zi­nie­ren­des Chan­son ‘La Source’ kon­zen­trie­ren konn­te, einer dunk­len Schau­er­ge­schich­te über ein von ihren drei Ver­ge­wal­ti­gern im Wald erschla­ge­nes Mäd­chen. Wobei sich die Fra­ge stellt, ob ihr die­se opti­sche Ablen­kungs­stra­te­gie ange­sichts des nicht nur für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich düs­te­ren Song­the­mas nicht sogar zum Vor­teil gereich­te: immer­hin erreich­te Madame Aubret Rang 3.

Bra bra bra statt la la la: Odd Bør­re (NO)

Den abso­lu­ten Vogel schoss aber der so drol­li­ge wie tra­gi­sche Schwei­zer Gian­ni Mas­co­lo ab. In einem kür­bis­far­be­nen, schraub­sto­cken­gen Anzug und mit Hei­no-Bril­le lie­fer­te er den abschlie­ßen­den Beweis, dass das sämt­li­che modi­schen Fehl­grif­fe scho­nungs­los auf­de­cken­de Farb­fern­se­hen nicht immer ein Segen sein muss. Zudem hat­te er mit ‘Guar­da­no il Sole’ eine sehr grand­pri­x­es­ke Bal­la­de dabei. Und grand­pri­x­esk meint hier vor allem: mit einem gro­ßen, emo­ti­ons­ge­la­de­nen, auf­wal­len­den Fina­le. Ein Song also, wie er eigent­lich für fran­zö­si­sche Chan­so­net­ten typisch ist. Und wie eine sol­che gebär­de­te sich Gian­ni auch: er strahl­te, schmet­ter­te und warf die Arme in die Luft, exal­tier­ter als jeder Jür­gen Mar­cus (→ Vor­ent­scheid DE 19741975, LU 1976) und min­des­tens genau so enthu­si­as­tisch wie drei Jah­re nach ihm Sévé­ri­ne. Die gewann 1971 mit genau so einer Dar­bie­tung. Dem armen Gian­ni bleib das ver­wehrt: mit nur mage­ren zwei Pünkt­chen, eben­so vie­len wie Odd Bør­re erhielt, lan­de­te er ganz hin­ten. Ein glas­kla­rer Fall von geschlechts­spe­zi­fi­scher Dis­kri­mi­nie­rung: blö­de für den im fal­schen Kör­per gebo­re­nen Ita­lo­schwei­zer, dass es sei­ner­zeit noch kei­ne Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten gab.

Eine fünf auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la: Gian­ni (CH)

Trotz der all­ge­mei­nen Auf­re­gung über den (ver­mut­lich nicht zu Unrecht) als Schie­bung emp­fun­de­nen Sieg Mas­siels ver­kauf­te sich ‘La, la, la’ übri­gens euro­pa­weit ziem­lich gut (#18 in den Nie­der­lan­den, #12 in Deutsch­land, #8 in Öster­reich und der Schweiz sowie #5 in Nor­we­gen). Und konn­te, sozu­sa­gen als Kir­sche auf dem Sah­ne­häub­chen, selbst die sonst gegen fremd­spra­chi­ge Titel so her­me­tisch abrie­gel­ten bri­ti­schen Top 40 kna­cken (#35). Manch­mal lohnt sich ein Königs­mord also doch!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1968

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 6. April 1968, aus der Roy­al Albert Hall in Lon­don, Groß­bri­tan­ni­en. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Katie Boyle.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01PTCar­los Men­desVer­ão0511
02NLRon­nie ToberMor­gen0116
03BEClau­de Lom­bardQuand tu revi­en­dras0808
04ATKarel GottTau­send Fens­ter0213
05MCChris Bal­do + Sophie GarelNous vivrons d’Amour0512
06CHGian­ni Mas­co­loGuar­da­no il Sole0213
07MCLine + Wil­lyÀ cha­cun sa Chan­son0807
08SECla­es-Gör­an Heder­strömDet bör­jar ver­ka Kärlek, ban­ne mej1505
09FIKris­ti­na Hauta­laKun Kel­lo käy0116
10FRIsa­bel­le AubretLa Source2003
11ITSer­gio End­ri­goMari­an­ne0710
12UKCliff RichardCongra­tu­la­ti­ons2802
13NOOdd Bør­re Søren­senStress0215
14IEPat McGe­eganChan­ce of a Life­time1804
15ESMas­sielLa la la2901
16DEWencke Myh­reEin Hoch der Lie­be1106
17YUDubro­vački Tru­badu­riJedan Dan0808

DE 1968: Das ist das ers­te Mal für mich

Wencke Myhre, DE 1968
Die Auf­ge­trie­del­te

Auch 1968 blieb es hin­sicht­lich der Ermitt­lung des deut­schen Grand-Prix-Bei­tra­ges beim strikt inter­nen Aus­wahl­ver­fah­ren. Aller­dings bequem­te sich der zustän­di­ge Hes­si­sche Rund­funk nach den Plei­ten der letz­ten Jah­re mit ange­staub­ten Durch­hal­te­schla­gern end­lich zum längst über­fäl­li­gen Moder­ni­täts­sprung. Als Kom­po­nis­ten des aktu­el­len Bei­trags ver­pflich­te­te man den Easy-Lis­ten­ing-Geni­us Horst Jan­kow­ski, Schöp­fer des fabel­haf­ten, schwung­voll-pop­pi­gen Instru­men­tal­ti­tels ‘Schwarz­wald­fahrt’ (ein US-Hit im Jah­re 1965!). Er schrieb das nicht min­der schwung­vol­le und pop­pi­ge ‘Ein Hoch der Lie­be’; ver­pass­te dem Stück einen Text, in dem es, wie fast immer im Schla­ger, unter­schwel­lig ums Pop­pen ging; ver­zier­te den Refrain mit poly­glot­ten Ein­spreng­seln in eng­lisch, fran­zö­sisch und spa­nisch und bestand – Gip­fel der Inter­na­tio­na­li­tät – gegen alle ari­schen Wider­stän­de inner­halb der ARD dar­auf, dass die sehr popu­lä­re Nor­we­ge­rin Wencke Myh­re (‘Beiß nicht gleich in jeden Apfel’) den mal wie­der in Hans-Joa­chim Kulen­kampffs Sams­tags­abend­show EWG dem Publi­kum vor­ge­stell­ten Titel sin­gen soll­te.

Dreh Dich im Krei­sel der Zeit: Wencke Myh­re

Eine sehr wei­se Ent­schei­dung, denn nicht nur gab es beim Grand Prix end­lich mal wie­der mehr als → null Punk­te, auch die Plat­ten­käu­fer gou­tier­ten den fröh­li­chen Song: Rang 18 in den deut­schen und #17 in den öster­rei­chi­schen Charts. Nach den letz­ten vier Voll­flops mit eher grüb­le­ri­scher Ware eine sehr will­kom­me­ne Abwechs­lung! Wencke, die es 1983 noch­mals beim deut­schen Vor­ent­scheid ver­su­chen soll­te und den­sel­ben 1986 gar mode­rier­te, eröff­ne­te mit ihrer Teil­nah­me in Lon­don die deutsch-skan­di­na­vi­schen Jah­re beim Grand Prix: ihre bei­den Kol­le­gin­nen Siw Malmkvist (Schwe­den, → SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962), die noch im glei­chen Jahr mit dem nicht min­der fröh­li­chen ‘Har­le­kin’ den Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb gewann, und Git­te Hæn­ning (Däne­mark, → Vor­ent­scheid DK 1962), mit denen sie zwi­schen 2004 und 2007 prak­tisch pau­sen­los vor aus­ver­kauf­ten Häu­sern und fre­ne­tisch fei­ern­den Fans im Drei­er­pack auf­trat, folg­ten 1969 und 1973 und bescher­ten uns eben­falls respek­ta­ble Ergeb­nis­se beim euro­päi­schen Wett­sin­gen. “Die Skan­di­na­vie­rin­nen waren irgend­wie immer frei­er, nicht so ver­zopft”, nann­te ein­mal Chris­ti­an Bruhn (der Schöp­fer ihres größ­ten Hits ‘Lie­bes­kum­mer lohnt sich nicht’) den Grund für den Erfolg der nor­di­schen Sän­ge­rin­nen bei und für uns.

Siw im dro­gen­bun­ten Baby­stramp­ler beim Deut­schen Schla­ger-Wett­be­werb 1968

Was übri­gens nicht wei­ter ver­wun­dert. Denn nicht nur, dass die skan­di­na­vi­schen Län­der seit jeher gesell­schaft­lich deut­lich libe­ra­ler auf­ge­stellt sind, sie inves­tie­ren auch staat­li­cher­seits deut­lich mehr in die Nach­wuchs­för­de­rung als Deutsch­land. Wird der Musik­un­ter­richt an unse­ren Schu­len eher als Blüm­chen­fach wahr­ge­nom­men und den Kin­dern mit der obli­ga­to­ri­schen Block­flö­te der Spaß an der ver­meint­lich brot­lo­sen Kunst sys­te­ma­tisch aus­ge­trie­ben, so genießt er bei­spiels­wei­se in Schwe­den einen ganz ande­ren Stel­len­wert (und eine deut­lich höhe­re finan­zi­el­le För­de­rung). Am Wich­tigs­ten aber: der Blick über den Tel­ler­rand, der in ver­hält­nis­mä­ßig bevöl­ke­rungs­schwä­che­ren Län­dern bei­na­he auto­ma­tisch not­wen­dig ist. Und der dafür sorgt, dass inter­na­tio­na­le musi­ka­li­sche Trends dort sehr viel schnel­ler wahr­ge­nom­men und adap­tiert wer­den, wäh­rend die Deut­schen ten­den­zi­ell eher im eige­nen Saft schwit­zen. Gera­de in den Sech­zi­gern (und noch bis hin­ein in die Sieb­zi­ger) konn­te man das auch in den Charts sehen, wo es eng­lisch­spra­chi­ge Titel noch deut­lich schwe­rer hat­ten, in Deutsch­land Käu­fer zu fin­den, und oft­mals die deut­schen Cover­ver­sio­nen erfolg­rei­cher waren als die Ori­gi­na­le. Könn­ten Sie bei­spiels­wei­se aus dem Stand den Text von ‘Let your Love flow’ von den Bel­l­a­my Bro­thers rezi­tie­ren? Aber die Ein­deut­schung die­ses Titels, ‘Ein Bett im Korn­feld’ von Jür­gen Drews (→ DE 1976, Vor­ent­scheid 1990), die ken­nen Sie – ob Sie wol­len oder nicht – von vor­ne bis hin­ten aus­wen­dig, nicht wahr?

Noch drei Minu­ten bis zu den Nach­rich­ten: Zeit für eine Schwarz­wald­fahrt mit Horst Jan­kow­ski

Auch die Grö­ße des Mark­tes spielt eine wich­ti­ge – und in Sachen Grand Prix für uns eher nach­tei­li­ge – Rol­le. Wäh­rend die drei erwähn­ten Skan­di­na­vie­rin­nen den Löwen­an­teil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin­nen eben in Deutsch­land erziel­ten, und auch Bands wie Abba (→ SE 1974), a-ha (Nor­we­gen) oder Aqua (Däne­mark) stets über den Hei­mat­markt hin­aus den­ken und auf die inter­na­tio­na­le Ver­markt­bar­keit ihrer Songs ach­ten muss­ten, reich­ten die Plat­ten­um­sät­ze im dritt­größ­ten Musik­markt der Welt für deut­sche Inter­pre­ten locker aus, um gut davon leben zu kön­nen. Auch wenn das in Zei­ten von Spo­ti­fy mitt­ler­wei­le deut­lich schwie­ri­ger gewor­den ist: eine Hele­ne Fischer braucht die Märk­te jen­seits der deut­schen Gren­zen nicht und muss sich daher auch nicht nach den musi­ka­li­schen Befind­lich­kei­ten ande­rer Natio­nen rich­ten. Im Gegen­teil: sie bedient sich ja ger­ne kul­tu­rel­ler Ein­flüs­se von über­all her auf, dampf­strahlt sie dann und presst sie mit dem unver­zicht­ba­ren Dis­co­fox­beat ins enge deut­sche Schla­ger­kor­sett. Hei­mi­sche Acts aber, die inter­na­tio­na­le Trends set­zen (wie das immer­hin in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern noch im Bereich Tech­no und Euro­dance der Fall war), sucht man in der Regel ver­ge­bens. Horst Jan­kow­ski, um abschlie­ßend end­lich wie­der zum Vor­ent­scheid 1968 zurück­zu­kom­men, gehör­te zu den sel­te­nen Aus­nah­men.

1968 ein Hit: die Ein­deut­schung des bra­si­lia­ni­schen Titels ‘A ban­da’, gesun­gen von Fran­ce Gall (→ LU 1965). Und ohne den char­man­ten fran­zö­si­schen Akzent wäre der kar­ne­val­es­ke deut­sche Text wirk­lich uner­träg­lich.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1968
Einer wird gewin­nen. Sams­tag, 16. März 1968, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Eine Teil­neh­me­rin, Mode­ra­ti­on: Hans-Joa­chim Kulen­kampff (Song­prä­sen­ta­ti­on im Rah­men der TV-Show).

ESC 1967: Sicher vor der sen­gen­den Son­ne

Logo Eurovision Song Contest 1967
Das Jahr der Viel­spra­chig­keit

Schon seit vie­len Jah­ren war den Hol­län­dern kein Sieg beim Grand Prix mehr gelun­gen. Und das, obwohl sie doch in den Anfangs­jah­ren des Wett­be­werbs regel­mä­ßig im Wech­sel mit Frank­reich den ers­ten Platz beleg­ten! Auch die dies­jäh­ri­ge Ver­tre­te­rin Thé­rè­se Stein­metz, die in Wien als ers­te Kom­bat­tan­tin auf die mit moder­nen Dreh­spie­geln aus­staf­fier­te Büh­ne im ansons­ten extrem baro­cken Fest­saal der kai­ser­li­chen Hof­burg – bis heu­te unge­schla­gen die nobels­te Loca­ti­on, in wel­cher der Euro­vi­si­ons­zir­kus jemals gas­tier­te! – muss­te, lan­de­te weit abge­schla­gen auf dem vier­zehn­ten Rang. Skur­ril – denn vom laut­ma­le­ri­schen ‘Ring Din­ge Ding’ ist es, zumin­dest pho­ne­tisch, nicht sehr weit zu ‘Ding A Dong’, mit dem die Nie­der­län­der erst 1975 wie­der die Kro­ne errin­gen konn­ten (mal abge­se­hen natür­lich von 1969, wo sich Len­ny Kuhr den Sieg jedoch mit drei Mit­be­wer­be­rin­nen tei­len muss­te). Eine kom­men­de Grand-Prix-Gewin­ne­rin ging indes heu­er erst­mals für Luxem­burg an den Start.

Ein bis­sel grus­lig: man war­tet drei Minu­ten drauf, ob Thé­rè­ses Hals­schlag­ader gleich platzt? (NL)

Die in Deutsch­land leben­de Grie­chin Vicky Lean­dros (→ LU 1972, Vor­ent­scheid DE 2006) hat­te jedoch trotz eines gran­dio­sen, klas­sisch fran­ko­phi­len Gefühls­stur­mes in die­sem Jahr kei­ne Chan­ce. Denn das vom fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten André Popp (→ ‘Tom Pil­li­bi’, FR 1960) ver­fass­te ‘L’Amour est bleu’ muss­te von Start­po­si­ti­on 2 aus ins Ren­nen: bekann­ter­ma­ßen der Todes­stoß für jeden Bei­trag. Erschwe­rend kam hin­zu, dass sie hier sang wie eine Hupe und auf der Büh­ne stand wie ein Schluck Was­ser in der Kur­ve. Der Legen­de zufol­ge schwor sich Vicky nach der Ver­an­stal­tung, eine tri­um­pha­le Rück­kehr hin­zu­le­gen: fünf Jah­re spä­ter mach­te sie es wahr. Die Gast­ge­ber schick­ten den Lie­der­ma­cher Peter Hor­ten (→ Vor­ent­scheid DE 1972, 1975), der sich spä­ter auf Druck der gleich­na­mi­gen, mitt­ler­wei­le längst im Metro-Kon­zern auf­ge­gan­ge­nen Kauf­haus­ket­te in Hor­ton umbe­nen­nen muss­te. Hof­fen wir für Mil­lio­nen Deut­sche, dass der Mol­ke­rei­pa­te Theo Mül­ler nie auf dum­me Gedan­ken kommt! ‘War­um es hun­dert­tau­send Ster­ne gibt’, woll­te aber außer­halb Öster­reichs nie­mand wis­sen: Platz 14.

Eine Kör­per­hal­tung wie ein Fra­ge­zei­chen: Vicky Lean­dros (LU)

Für Finn­land sang der etwas fül­li­ge Fre­di (→ FI 1976) lei­den­schaft­lich krä­hend sein ein­dring­li­ches ‘Var­joon-suo­ja­an’, eine ers­te War­nung vor den Fol­gen des Ozon­lochs (“Schutz vor dem glei­ßen­den Him­mel”). Sein Titel kam jedoch zu früh für die ver­schnarcht-kon­ser­va­ti­ven → Jurys, die erwar­tungs­ge­mäß kei­ner­lei Gespür für öko­lo­gi­sche The­men bewie­sen. Ganz → ohne Punk­te schick­ten sie dies­mal immer­hin nur eine Künst­le­rin heim: die schwei­ze­ri­sche Reprä­sen­tan­tin Géral­di­ne Gau­lier. Das aller­dings auch zu Recht, denn sie ver­ge­wal­tig­te die Töne eher, als sie zu sin­gen. Ins­be­son­de­re die gro­ße hohe Schluss­no­te ging einem so sehr durch Mark und Bein wie das Geräusch krat­zen­der Fin­ger­nä­gel auf einer Schie­fer­ta­fel. ‘Anousch­ka’, der deut­sche Bei­trag, hät­te in der von Alex­an­dra inter­pre­tier­ten Fas­sung durch­aus Chan­cen beses­sen, womit Inge Brücks Fähig­kei­ten nicht abge­wer­tet wer­den sol­len. Aber der wun­der­bar melan­cho­li­sche Trös­tungs­schla­ger war, sehr hör­bar, auf die schmerz­haft schö­ne, tief­trau­ri­ge Stim­me Alex­an­dras (eine der Stamm­ab­neh­me­rin­nen des Kom­po­nis­ten Hans Blum) hin geschrie­ben und gewinnt erst in der sub­ti­len Bre­chung der Durch­hal­te­bot­schaft (”Musst nicht wei­nen, klei­ne Anousch­ka / Er kommt wie­der, klei­ne Anousch­ka”) durch das ein­zig­ar­tig bit­ter­sü­ße Tim­bre der Aus­nah­mesän­ge­rin den nöti­gen inhalt­li­chen Tief­gang. Inge Brück gab ihr Bes­tes, ver­füg­te aber nicht nur über eine Fri­sur wie Ange­la Mer­kel, son­dern auch über deren Büh­nen­aus­strah­lung. Und sank in Wien folg­lich wie ein Stein.

Maso­chis­ten hal­ten bit­te bis zum bit­te­ren Ende durch: es lohnt sich! (CH)

Denn Groß­bri­tan­ni­en, bekannt­lich das Mut­ter­land des Pop, schick­te eine jun­ge, gut aus­se­hen­de Frau mit ech­tem Pop­star-Appeal und einem ech­ten Pop­song. San­die Shaw, die den brit­schen Vor­ent­scheid A Song for Euro­pe zuvor allei­ne bestrei­ten durf­te, brach­te – nach der Vor­ar­beit von Fran­ce Gall 1965 – mit nur fünf Jah­ren Ver­spä­tung nun end­gül­tig den Beat zum Con­test. Auch wenn ‘Pup­pet on a String’ eine gewis­se musi­ka­li­sche Ver­wandt­schaft zum Hump­tata-Schla­ger des Musi­kan­ten­stadls auf­weist: sei­ner­zeit ging man mit den Gen­re­gren­zen noch nicht so streng um wie heu­te. Zudem erscheint es als nahe­lie­gend, dass gera­de die Kom­bi­na­ti­on der für dama­li­ge Ver­hält­nis­se unkon­ven­tio­nell auf­tre­ten­den und damit frisch wir­ken­den Shaw und des eher gewöhn­li­chen, ver­söhn­lich wir­ken­den Lieds (das für die nächs­ten zehn Jah­re so etwas wie die Blau­pau­se aller bri­ti­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge lie­fern soll­te) zum Sieg führ­ten. Mit Madame Gall ver­band Miss Shaw indes nicht nur die Mario­net­ten-The­ma­tik des Song­tex­tes, den die Sän­ge­rin selbst als “sexis­ti­schen Schwach­sinn” brand­mark­te, son­dern auch der damit ver­bun­de­ne Erfolg und des­sen spä­te­re ent­schie­de­ne Ableh­nung.

Wahr­lich nicht schlech­ter: ‘Tell the Boys’, Platz 2 beim Song for Euro­pe 1967

Shaw wäre wohl deut­lich lie­ber mit dem zweit­plat­zier­ten Bei­trag des bri­ti­schen Vor­ent­scheids nach Wien gefah­ren. Ver­ständ­li­cher­wei­se, wie man sagen muss: ‘Tell the Boys’ klang deut­lich weni­ger nach Bier­zelt und ein biss­chen mehr nach Motown, war dabei sehr ein­gän­gig und mit­rei­ßend, und erzähl­te inhalt­lich, wenn­gleich es vor­der­grün­dig ums The­ma Treue ging, eine deut­lich eman­zi­pier­te­re Geschich­te (die sich jetzt in fes­ten Hän­den befin­den­de San­die ver­ab­schie­det sich von ihren zahl­rei­chen frü­he­ren Lieb­ha­bern, mit denen sie bis­lang “sehr viel Spaß” hat­te) als der Titel, den ihr das Publi­kum letzt­lich her­aus­such­te. Das aber natür­lich, wie stets, die rich­ti­ge Wahl traf: ihr in der Hof­burg bar­fuß vor­ge­tra­ge­nes ‘Pup­pet on a String’ gewann nicht nur mit rie­si­gem Vor­sprung den Song Con­test, es warf auch einen euro­pa­wei­ten Num­mer-Eins-Hit ab und avan­cier­te zum unver­ges­se­nen Ever­green. Sogar die eilig ein­ge­deutsch­te, von der bedau­erns­wer­ten Inter­pre­tin eigens pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne Fas­sung ‘Wie­de­hopf im Mai’ fand trotz absur­des­ter Über­set­zungs­ly­rik noch ihre Abneh­mer (#36). San­dies Sieg mar­kier­te damit den unum­kehr­ba­ren Über­gang in eine neue Euro­vi­si­ons­ära: weg vom getra­ge­nen fran­ko­phi­len Chan­son, hin zum beat­be­ton­ten, hit­pa­ra­den­taug­li­chen Pop­song. Eine gut­zu­hei­ßen­de Ent­wick­lung.

Da stand anfangs wohl irgend­je­mand auf der Lei­tung! (UK)

Einen wei­te­ren Moder­ni­täts­schub lie­fer­te Mona­co, das die Fran­zö­sin Minou­che Barel­li und ihr von Ser­ge Gains­bourg (→ ‘Pou­pée de Cire, Pou­pée de Son’, LU 1965) kom­po­nier­tes Anti­kriegs­lied ‘Boum Bad­abo­um’ ein­ge­kauft hat­te. Nicht nur ein musi­ka­li­scher Don­ner­schlag: die Aus­sa­ge, ange­sichts des durch die Atom­bom­be bald bevor­ste­hen­den Welt­un­ter­gangs noch schnell das Leben in vol­len Zügen genie­ßen zu wol­len (natür­lich, es ist ja von Gains­bourg, auch sexu­ell), kann für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se als gera­de­zu revo­lu­tio­när poli­tisch gel­ten. Heut­zu­ta­ge fie­le so eine Num­mer sicher­lich der EBU-Zen­sur zum Opfer. Barel­li ver­starb 2004 im Alter von nur 57 Jah­ren in Mona­co, zwei Jah­re, nach­dem sie die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Stadt­staa­tes ange­nom­men hat­te. Mit gar nur 43 Jah­ren riss ein Auto­un­fall 1980 den bel­gi­schen Ver­tre­ter Luis Neefs (→ BE 1969) aus dem Leben. Sein deut­lich tra­di­tio­nel­le­rer Schla­ger ‘Ik heb Zor­gen’ hät­te auch von Peter Alex­an­der stam­men kön­nen, unter­hielt aber immer­hin durch eine per­fi­de Klatsch­fal­le: einem ange­täusch­ten, abrup­ten Lied­en­de, das aber in Wahr­heit nur aus einer zir­ka ein­se­kün­di­gen Kunst­pau­se bestand, nach wel­cher der Inter­pret so über­ra­schen­der- wie über­flüs­si­ger­wei­se den Refrain noch ein­mal wie­der­hol­te. Sol­che klei­nen Schock­mo­men­te lieb­te Neefs sehr, was ihn zum gru­se­ligs­ten Mann des Grand Prix mach­te.

Ein wenig fröh­li­cher als Nico­le: das Anti­kriegs­lied von Minou­che (MC)

Spa­ni­en schick­te erneut den Vor­jah­res­sän­ger Rapha­el (→ ES 1966), mit einem wei­te­ren dra­ma­ti­schen Bei­trag namens ‘Hab­la­mos del Amor’, der aber nicht ganz an die Ein­dring­lich­keit von ‘Yo soy aquél’ anknüp­fen konn­te. Fast allen die­sen Län­dern soll­te der ers­te Tri­umph noch bevor­ste­hen. Öster­reich hin­ge­gen muss­te ein knap­pes hal­bes Jahr­hun­dert auf einen wei­te­ren Sieg war­ten, und nach die­ser Ver­an­stal­tung ist das auch kein Wun­der. Die ORF-Mode­ra­to­rin Eri­ca Vaal ver­hed­der­te sich bei der Punk­te­ver­ga­be völ­lig und rief San­die Shaw (die zu die­sem Zeit­punkt aller­dings bereits unein­hol­bar führ­te) bereits vor der letz­ten Wer­tung zur Sie­ge­rin aus, was der düpier­te iri­sche Jury­spre­cher mit einem mokan­ten “I thought we were going to be left out” kom­men­tier­te, wäh­rend die Gast­ge­be­rin vor lau­ter Zer­knirscht­heit an ihrem “Oh, I am so sor­ry” fast erstick­te. So weit, so amü­sant. Doch galt das weni­ger für den zähen Show-Auf­takt, bei dem Frau Vaal ihre gefühlt drei­stün­di­ge (und real zehn­mi­nü­ti­ge) Begrü­ßungs­re­de auf deutsch, fran­zö­sisch, eng­lisch, ita­lie­nisch, spa­nisch und – für die Zuschauer/innen der Inter­vi­si­on – rus­sisch hielt. Anschlie­ßend ent­schul­dig­te sie sich, nicht auch noch die Spra­chen der rest­li­chen Teil­neh­mer­län­der gelernt zu haben, ver­sprach aber, das nach­zu­ho­len, soll­te der Con­test “in naher Zukunft” noch­mals in Wien statt­fin­den. Die Euro­pä­er begrif­fen das wohl als ernst­zu­neh­men­de Dro­hung: erst der Tod von Frau Vaal im Okto­ber 2013 ebne­te tra­gi­scher­wei­se den Weg für Con­chi­ta Wurst (→ AT 2014)!

Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer singt am schöns­ten im gan­zen Land? Der ESC 1967

Euro­vi­si­on Song Con­test 1967

Grand Prix de la Chan­son. Sams­tag, 8. April 1967, aus dem Gro­ßen Fest­saal der Hof­burg in Wien, Öster­reich. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Eri­ca Vaal.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01NLThé­rè­se Stein­metzRing Din­ge Ding0214
02LUVicky Lean­drosL’Amour est bleu1704
03ATPeter Hor­tonWar­um es 100.000 Ster­ne gibt0214
04FRNoël­le Cor­dierIl doit fai­re beau là-bas2003
05PTEdu­ar­do Nasci­men­toO Ven­to mudou0312
06CHGéral­di­ne Gau­lierQuel Coeur vas-tu bri­ser?0017
07SEÖsten War­ner­bringSom en Dröm0708
08FIFre­diVar­joon-Suo­jann0312
09DEInge BrückAnousch­ka0710
10BELou­is NeefsIk heb Zor­gen0807
11UKSan­die ShawPup­pet on a String4701
12ESRapha­el Mar­tos Sán­chezHable­m­os del Amor0906
13NOKirsti Spar­boeDuk­ke­man0214
14MCMinou­che Barel­liBoum Bad­abo­um1005
15YULado Lesko­varVse Rože Sve­ta0709
16ITClau­dio Vil­laNon anda­re più lon­ta­no0411
17IESean Dun­phyIf I could choo­se2202

DE 1967: Musst nicht wei­nen

Inge Brück, DE 1967
Die Christ­li­che

Auch in mei­nem Geburts­jahr woll­te sich kein kom­mer­zi­ell erfolg­rei­cher deut­scher Schla­ger­star mit einer Grand-Prix-Teil­nah­me die Kar­rie­re zugrun­de rich­ten, und so trug Hans-Otto Grü­ne­feldt, der dama­li­ge Unter­hal­tungs­chef des Hes­si­schen Rund­funks und Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che der ARD, der Sän­ge­rin Inge Brück auf, den deut­schen Bei­trag zu Gehör zu brin­gen. Deren ein­zi­ger Hit, der kes­se Schla­ger ‘Peter, komm heut Abend zum Hafen’, lag zwar bereits zehn Jah­re zurück. Doch sie konn­te 1966 mit dem dezent dra­ma­ti­schen ‘Frag den Wind’ das renom­mier­te Inter­na­tio­na­le Song­fes­ti­val in Rio de Janei­ro gewin­nen. Viel­leicht, so die Hoff­nung im Frank­fur­ter Funk­haus am Dorn­busch, gelän­ge ihr das­sel­be ja auch in Wien, wo der euro­päi­sche Wett­be­werb 1967 statt­fand.

Die Fri­sur: zu wis­sen, es ist Beton!

wei­ter­le­senDE 1967: Musst nicht wei­nen

PT 1967: Trom­meln dröh­nen hei­ser

Ein Jahr, nach­dem die dama­li­ge Kolo­ni­al­macht Nie­der­lan­de mit der von einem Surin­a­mer (Süd­ame­ri­ka) abstam­men­den Mil­ly Scott die ers­te schwar­ze Sän­ge­rin zum Euro­vi­si­on Song Con­test dele­gier­te, domi­nier­ten Künst­ler aus der por­tu­gie­si­schen Kolo­nie Ango­la (Süd­afri­ka), die erst 1975 die Unab­hän­gig­keit erlang­te, das Fes­ti­val da Canção. Der por­tu­gie­si­schen Wiki­pe­dia zufol­ge soll dies gerüch­te­hal­ber einem Wunsch des dik­ta­to­risch agie­ren­den Macht­ha­bers Sala­zar ent­spro­chen haben, der damit bele­gen woll­te, kein Ras­sist zu sein. Der Sen­der RTP, der das Stu­dio dies­mal mit einem schlich­ten, seit­lich beleuch­te­ten und in einer klei­nen, stopp­schild­för­mi­gen Büh­ne mün­den­den Lauf­steg schmück­te, schal­te­te bei die­sem FdC erst­ma­lig zwei Semis mit jeweils sechs Bei­trä­gen vor, von denen jeweils die Hälf­te ins Fina­le kam. Dem ango­la­ni­schen Duo Ouro Negro (“Schwar­zes Gold”), bestehend aus den Jugend­freun­den Raul Indipwo und Milo MacMahon, die an bei­den Vor­run­den teil­nah­men, gelang es dabei, gleich bei­de Titel ins Fina­le durch­zu­brin­gen. Dort beleg­te der deut­lich schmis­si­ge­re ihrer bei­den Wett­be­werbs­songs, das mit einer syn­chro­nen klei­nen Hand­cho­reo­gra­fie dar­ge­bo­te­ne, erfri­schend kur­ze ‘Quan­do aman­he­cer’ den vier­ten Rang, wäh­rend die ent­setz­lich alt­mo­di­sche und unglaub­lich lang­wei­li­ge Bal­la­de ‘Liv­ro sem Fim’ (‘End­lo­ses Buch’) sogar die Sil­ber­me­dail­le zu errin­gen ver­moch­te. Bei­de Bei­trä­ge hat­ten musi­ka­lisch nicht das Gerings­te mit ihrem hei­mat­li­chen Reper­toire zu tun, das auf dem von der Quer­flö­te gepräg­ten, jaz­zi­gen Kwe­la-Sound basier­te. Wobei das Duo Ouro Negro eben auch por­tu­gie­si­schen Pop im Pro­gramm hat­te und damit durch ganz Euro­pa tour­te. Mit dem Tod von Milo MacMahon Ende der Acht­zi­ger lös­te das Duo sich auf.

Hier erken­ne ich doch schon ers­te Vor­läu­fer einer klas­si­schen Grand-Prix-Cho­reo­gra­fie: das Schwar­ze Gold aus Ango­la beim FdC.

wei­ter­le­senPT 1967: Trom­meln dröh­nen hei­ser

SE 1967: Im Östen nichts Neu­es

Das Melo­di­fes­ti­va­len ist ein rund­her­aus ster­bens­lang­wei­li­ger Wett­be­werb mit nicht einem ein­zi­gen auch nur ansatz­wei­se inter­es­san­ten Titel und null Gla­mour: wür­de man für eine sol­che Aus­sa­ge heut­zu­ta­ge von vor Empö­rung schnapp­at­men­den Fans als Ket­zer bezich­tigt und von einem wüten­den Mob auf­ge­knüpft (und das zu Recht), so trifft obi­ge Aus­sa­ge für den Jahr­gang 1967 indes voll und ganz zu, wie selbst der schwe­do­phils­te Grand-Prix-Fan ehr­li­cher­wei­se zuge­ben muss. Zehn Lie­der hat­te eine Jury her­aus­ge­sucht, und dar­un­ter befand sich nicht einer, der in irgend­ei­ner Form als ein­gän­gig bezeich­net wer­den könn­te. Am kon­ven­tio­nells­ten viel­leicht noch der Titel ‘Chris­ti­na dan­sar’ der schwe­di­schen Schla­ge­ret­te und MF-Teil­nah­me­re­kord­hal­te­rin Ann-Loui­se Han­son, die hier den drit­ten und vier­ten ihrer ins­ge­samt 13 (alle­samt erfolg­los blei­ben­den) MF-Bei­trä­ge prä­sen­tier­te. Doch auch die tan­zen­de Chris­ti­ne ver­wei­ger­te sich, so wie alle Songs des Abends, vehe­ment jed­we­dem dem Ohr anhaf­ten­den Refrain. Eben­falls gleich zwei Eisen im Feu­er hat­te die als Bir­git Rose-Marie Carls­son gebo­re­ne Towa (“Strub­bel­lies­chen”) Car­son, neben Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969) und der bereits erwähn­ten Ann-Loui­se Han­son spä­ter ein Teil des Alte-Schla­ger­schach­teln-Tri­os beim Melo­di­fes­ti­va­len 2004. Vom musi­ka­li­schen Stand­punkt her erwäh­nens­wert viel­leicht noch der ‘Svart-Olas Pol­ska’, der ‘Tanz des schwar­zen Ola’ von Sten Nils­son, der mit psy­che­de­li­schen Klän­gen in äußerst homöo­pa­thi­scher Dosie­rung han­tier­te und außer­dem die Exis­tenz von Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be the­ma­ti­sier­te, wie sie beim Euro­vi­si­on Song Con­test erst­ma­lig mit Mil­ly Scott (→ NL 1966) und Edu­ar­do Nascie­men­to (→ PT 1967) vor­ka­men.

Eher ein Hasch­keks­krü­mel­chen als ein LSD-Trip: der Tanz des schwar­zen Ola (gemeint ist doch nicht etwa Ola Salo?).

wei­ter­le­senSE 1967: Im Östen nichts Neu­es

NL 1967: Der Witz des Tages

Thé­rè­se Stein­metz, eine in Ams­ter­dam gebo­re­ne und aus­ge­bil­de­te Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin, hat­te im Jahr 1966 durch eine eige­ne TV-Show im nie­der­län­di­schen Fern­se­hen Bekannt­heit erlangt. Fol­ge­rich­tig (und ver­mut­lich auch, weil sonst nie­mand woll­te?) nomi­nier­te sie der Sen­der als Ver­tre­te­rin des Lan­des beim Euro­vi­si­on Song Con­test 1967 zu Wien. Sechs Titel gab man ihr zur Vor­stel­lung im unter der Woche ter­mi­nier­ten Natio­naal Song­fes­ti­val, dar­un­ter so kna­cki­ge Impe­ra­ti­ve wie ‘Hör!’ und ‘Sing!’. Per Post­kar­te durf­ten die Holländer/innen über die Songs abstim­men, die sie in der Ver­kün­di­gungs­sen­dung eine Woche dar­auf alle noch mal sang, bevor man das Ergeb­nis bekannt gab. Mit deut­li­cher Mehr­heit ent­schie­den sich die Zuschauer/innen für den uptem­po­rä­ren, laut­ma­le­ri­schen und völ­lig belang­lo­sen Schla­ger ‘Ring din­ge ding’, im wel­chem die Prot­ago­nis­tin zum Beweis ihrer über­bor­den­den Fröh­lich­keit davon erzählt, so sinn­freie Din­ge tun zu wol­len wie einen Minis­ter anzu­ru­fen, um ihm den “Witz des Tages” zu erzäh­len. War­um? Was hat der arme Mann ihr denn getan? Nun ist im Schla­ger, gera­de beim Grand Prix, natür­lich immer Platz für ein herz­haf­tes ‘La la la’ (→ ES 1968), ‘Ding A Dong’ (→ NL 1975), ‘Tipi tii’ (→ FI 1962) oder gar ‘Dig­gy loo, dig­gy ley’ (→ SE 1984). Und nie­mand for­dert von so einem Drei-Minu­ten-Lied­chen unbe­ding­te kaf­ka­es­ke Gedan­ken­schwe­re (→ FR 1976). Doch ‘Ring din­ge ding’ schien selbst der Inter­pre­tin zuviel der Nar­re­tei: sie wirk­te beim Vor­trag in Wien nicht so recht Zuhau­se in dem Lied und lan­de­te fol­ge­rich­tig mit nur zwei Punk­ten ziem­lich weit hin­ten. Mehr Erfolg soll­te Thé­rè­se beim inter­na­tio­na­len Song­fes­ti­val 1970 in Rumä­ni­en beschie­den sein, wo sie unter ande­rem gegen Lize Mar­ke (→ BE 1965) sieg­te, was ihr dort den Weg zu einer Rei­he von lukra­ti­ven Auf­trit­ten mit einem Folk-Reper­toire ebne­te. 1974 lan­de­te sie noch mal einen Top-40-Hit in den Nie­der­lan­den, spä­ter zog es sie nach Can­nes, wo sie sich als Male­rin mit eige­ner Kunst­ga­le­rie und Shop nie­der­ließ. Dar­auf ein fröh­li­ches “Rin­ge din­ge”!

Dun­kel­braun an Aug’ und Haar”: Frau Stein­metz.

Vor­ent­scheid NL 1967

Natio­naal Song­fes­ti­val. Mitt­woch, 22. Febru­ar 1967 aus dem Tivo­li in Utrecht. Eine Teil­neh­me­rin. Mode­ra­ti­on: Elles Ber­ger.
#Interpret/inTitelPost­kar­tenPlatz
01Thé­rè­se Stein­metzWaar be je15094
02Thé­rè­se Stein­metzTor­na­do04226
03Thé­rè­se Stein­metzSta stil bij mij13045
04Thé­rè­se Stein­metzZing32312
05Thé­rè­se Stein­metzHoor27043
06Thé­rè­se Stein­metzRing din­ge ding55501

FI 1967: Der Tun­ten-Mara­thon

Wie schon in den Jah­ren zuvor ver­an­stal­te­te das fin­ni­sche Fern­se­hen YLE auch 1967 einen offe­nen Kom­po­nis­ten­wett­be­werb. 240 Ein­sen­dun­gen gin­gen ein, und wie schon im Vor­jahr fan­den sich unter den von einer Jury aus­ge­wähl­ten (dies­mal acht) Final­ti­teln gleich drei aus der Feder von Las­se Mår­ten­son (→ FI 1964). Eben­so wie schon im Vor­jahr sieg­te wie­der­um eine davon. Mår­ten­son nun den Ralph Sie­gel Finn­lands zu nen­nen, täte ihm aber den­noch unrecht, dafür waren sei­ne Lie­der ein­fach zu… un-sie­ge­lig. So wie das von ihm kom­po­nier­te ‘Var­joon – sua­joon’ (sinn­ge­mäß: ‘Im Schat­ten – geschützt’), einer sehn­suchts­vol­len und in ihrer Art extrem fin­ni­schen Betrach­tung über die Vor­zü­ge des Lebens abseits des grel­len Schein­wer­fer­lich­tes, dar­ge­bo­ten von einem eher unty­pi­schen Grand-Prix-Kan­di­da­ten, dem jun­gen Mat­ti Kale­vi Sii­to­nen oder, wie er sich selbst nann­te, Fre­di (übri­gens nach der cho­le­risch-lie­bens­wür­di­gen Figur aus der Zei­chen­trick­se­rie Fami­lie Feu­er­stein). Fre­di kann­ten sei­ne Lands­leu­te haupt­säch­lich als TV-Come­di­an, genau­er gesagt als Teil des von ihm mit­be­grün­de­ten Ensem­bles Kivi­kas­vot. Als “Folk-Fre­di” hat­te er 1965 sei­ne ers­te Plat­te auf­ge­nom­men, und drei Mal dür­fen Sie raten, wel­cher musi­ka­li­schen Rich­tung die­se zuzu­ord­nen war. Nur sehr ent­fernt bis gar nicht folk­ig klan­gen indes sei­ne bei­den Vor­ent­schei­dungs­bei­trä­ge, das jaz­zig-schrä­ge ‘O tun­te­ma­ton’ (nein, es ging nicht um das sams­tag­abend­li­che Pen­deln zwi­schen Gay-Bar und Homo-Dis­co, den Tun­ten-Mara­thon, son­dern um das gro­ße ‘Unbe­kann­te’) wie auch das lei­den­schaft­lich gekräh­te, sieg­rei­che ‘Var­joon – sua­joon’. Mit dem sorg­te Fre­di in Wien für rat­los zurück­blei­ben­de euro­päi­sche Zuschauer/innen und per­ple­xe Jurys, wel­che das intro­ver­tier­te Lied-Klein­od mit einem Mit­tel­feld­platz abstraf­ten. Fre­di, der zu Hau­se im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re mehr als 20 Hits lan­de­te, kehr­te 1976 mit der ungleich ein­gän­gi­ge­ren Con­test-Per­le ‘Pump-pump’ zurück.

Fre­di mit dem viel­leicht fin­nischs­ten Lied aller Zei­ten.

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