ESC 1960: I shall die, die, die

Logo des Eurovision Song Contest 1960
Das Jahr der Showmaster

Es ist ein offenes Eurovisionsgeheimnis: nicht jeder Delegationsleiter freut sich, wenn der Vertreter seines Landes den Grand Prix gewinnt! Schließlich verbindet sich beim Song Contest damit die Erwartung, den Event im nächsten Jahr zu organisieren, womit erhebliche Kosten auf die betroffene TV-Station zukommen. Mittlerweile wird ein kleinerer Anteil davon durch die Startgebühren der einzelnen Länder aufgefangen, doch in den Anfangsjahren mussten die Sender die Show noch komplett alleine stemmen. Den Niederländern, die 1959 zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren gewonnen hatten, ging Sparsamkeit über Nationalstolz: sie sagten schlicht „nee“. Selbstlos sprang (übrigens nicht zum letzten Mal) die BBC ein, was nicht nur am üppigeren finanziellen Polster des britischen Senders lag, sondern auch an dessen frisch gewähltem Unterhaltungschef, einem glühenden Eurovisionsfan.

Die britische Moderationslegende Katie Boyle kam 1960 zu ihrem ersten von insgesamt vier Eurovisionseinsätzen, strahlte allerdings vor allem snobistische Arroganz aus (komplette Show).

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CH 1960: Le Java sans Tralala

Welch‘ ein Durcheinander in der sonst doch als so ordentlich geltenden Schweiz! Fehlte beim helvetischen Vorentscheid von 1959 das Tessin als eines von drei aus Gründen des Sprachregionenproporzes stets zu repräsentierenden Landesteilen, so lässt sich aus dem 1960er Line-up noch nicht einmal mehr herauslesen, wer für welchen Teil der Eidgenossenschaft startete. So stammte der einzige (!) deutschsprachige Titel im Aufgebot mit dem immergrünen Thema ‚Frühling‘ von einem heute völlig vergessenen Sänger mit italienischem Namen, nämlich Bianco Cavallini. Was ein wenig so klingt wie ein Tetrapack-Tafelweißwein aus dem Discounter. Als einzige verlässliche Größe sorgte der eidgenössische Dauerteilnehmer Jo Roland für Kontinuität, der wie stets die Romandie repräsentierte und mit ‚Chérie, Chérie‘ (Lady?) folgerichtig ein französisches Chanson anbot.

Im Rheinland ein Gericht, in der Schweiz ein Eurovisionsbeitrag: Anita Traversi mit ‚Himmel und Erde‘.

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NO 1960: Nur Samstag Nacht

Was für ein grandioser Start! Das 1960 erstmalig am Eurovision Song Contest teilnehmende Norwegen, bis heute Rekordhalter im Sammeln von Roten Laternen, bediente sich bereits von Anfang an des über die Jahre immer mal wieder inhaltlich angepassten, aber stets unter dem gleichen Namen laufenden Vorentscheidungsformates Melodi Grand Prix (MGP). Dem ging ein im Radio ausgetragenes Semi voraus, bei dem lediglich zwei Sänger/innen, nämlich der Schnulzier und Kabarettist Jens Book-Jenssen und Inger Jacobsen (→ NO 1962) sämtliche elf Titel interpretierten. Geplant war, dass fünf Beiträge ins Finale einziehen sollten, aufgrund von Punktegleichheit der drei Viertplatzierten wurden daraus jedoch sechs. Darunter fanden sich so lustige Titel wie ‚Ny smart Hatt‘ (‚Neuer schicker Hut‘), ‚Frøken Alfabet‘ (‚Fräulein Alphabet‘) oder die so schwungvolle wie hübsche Alliteration ‚Lille Lilli-Ann fra Lillesand‘.

Inger Jacobsen besingt die ‚Kleine Lilli-Ann aus Lillesand‘ und den Siegertitel des MGP 1960 (nur Audio).

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NL 1960: Ding A Dingeding Dong

Als eine hoch vergnügliche Stunde puren Comedy-Goldes geht das niederländische Nationaal Songfestival von 1960 in die Annalen der Grand-Prix-Geschichte ein. Acht „Liedjes“ gelangten zur Aufführung, interpretiert jeweils in zwei verschieden instrumentierten Varianten von unterschiedlichen Künstler/innen, dargeboten vor teils passend zum Songtext mit Kreide auf eine Schiefertafel gemalten Bildhintergründen. Vielfach war zu erkennen, dass die Autoren sich Gedanken gemacht hatten, was bei den Eurovisionsjurys ankommen könnte. So wie gleich beim ersten Beitrag des Abends, welcher sich des schon beim ersten Contest in Lugano von Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958) bemühten Jahrmarkt-Themas ‚Carroussel‘ bediente. Was den beiden NSF-Rückkehrern Marcel Thielemans (der den Zuschauer/innen gar ungehörig die Zunge herausstreckte!) und John de Mol nicht nur Raum für zum Schreien komische, den Text illustrierende Handbewegungen und Mimik gab, sondern dem Autoren auch eine vortreffliche Gelegenheit zum Einfügen eines lautmalerischen „Ding Dingeding Ding Ding“ – jetzt wissen wir auch, wo Teach In 1975 die Inspiration für ihren Siegertitel ‚Ding A Dong‘ hernahmen!

John de Mol fuchtelte noch exaltierter herum, behielt dafür jedoch die Zunge drin: Marcel Thielemans (→ Vorentscheid 1957) ist schon ganz karussellig im Kopf. 

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UK 1960: When the Tide turns

Um Haaresbreite hätte er es nicht ins Vorentscheidungsfinale geschafft, der britische Eurovisionsvertreter von 1960, Bryan Johnson. Wie bereits im Vorjahr fanden auch heuer zwei Semis mit jeweils sechs Titeln statt, von denen jeweils die ersten drei weiterkamen. Johnsons Beitrag ‚Looking high, high, high‘ (der im Song auf die Titelzeile folgenden Ankündigung „I shall die, die, die“ leistete der Sänger erst 35 Jahre später Folge) teilte sich in der zweiten Qualifikationsrunde nach dem regionalen Juryvoting punktgleich den dritten Rang mit dem seherisch benannten Titel ‚When the Tide turns‘ der britischen Vorjahres-Repräsentanten Pearl Carr und Teddy Johnson. Da die BBC nicht auf einen Münzwurf zurückgreifen wollte, durften beide Acts ins Finale weiterziehen, wo der drei Jahre ältere Teddy gegen seinen jüngeren Bruder Bryan den Kürzeren zog.

So sehr auf Droge (high, high, high) sah er jetzt nicht aus: Bryan Johnson.

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DK 1960: Oh mein Papa

‚Op og see Land‘ (‚Schau, dass du Land siehst‘), so hieß der schmissige, wenngleich stimmlich etwas harsch geknödelte Marsch, mit dem ein gewisser Otto Hænning im Jahre 1960 den aus sieben Liedern bestehenden dänischen Eurovisionsvorentscheid Melodi Grand Prix eröffnete. Moment einmal: Hænning? Doch nicht etwa…? Doch, doch: der im Jahre 2004 verstorbene Vater der internationalen Schlagerlegende Gitte Hænning (→ DE 1973), die selbt erst 1962 und 1963 beim MGP erscheinen sollte, ersang sich hier völlig berechtigte Nil Points von der Jury. Die verteilte ihre Gaben ohnehin äußerst spärlich, so dass auch der unvermeidliche Gustav Winckler (→ DK 1957, sämtliche MGPs seither) leer ausging, ebenso wie der Schauspieler und Schlagersänger Otto Brandenburg, der mit seinem Titel ‚To Lys på et Bord‘ (eine Hommage an die erste Eurovisionssiegerin Lys Assia?) dennoch einen Top-5-Hit in der Heimat erzielen konnte. Brandenburg (†2007) veröffentlichte, allerdings erfolglos, auch in Deutschland (und sogar in Brandenburg *arf arf*), dort unter dem Künstlernamen Ole. Klingt gleich viel skandinavischer, gelle?

Es wird Regen geben: MGP-Siegerin Kathy beim Contest in London.

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DE 1960: Dickie will uns ein Gedicht aufsagen

Wyn Hoop, DE 1960
Der Langweiler

Nachdem die Direktnominierung der international bekannten Kessler-Zwillinge als deutsche Vertreterinnen durch die ARD beim Eurovision Song Contest 1959 nicht das erhoffte Ergebnis gebrachte hatte, fand in diesem Jahr wieder eine öffentliche Vorentscheidung statt. Für das Format orientierte sich der veranstaltende Hessische Rundfunk vage an dem im Vorjahr von der ersten kommerziellen Hörfunkstation Europas, Radio Luxemburg, ins Leben gerufenen Deutschen Schlager-Festival und wählte sogar denselben Veranstaltungsort, die Rhein-Main-Hallen in der hessischen Landes- und Gerontenhauptstadt Wiesbaden.

„Kannst Du Beefsteak machen / Streuselkuchen backen?“: Sexy Rexy pflegte arg konventionelle Vorstellungen von der Rollenverteilung in der Ehe. Mit dieser komödiantischen Nummer hatten er und Conny Froboess Anfang 1960 einen Top-20-Hit (Repertoirebeispiel).

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SE 1960: Zweimal Unrecht macht kein Recht

Experimentierunfreudigkeit kann man den Schweden in Sachen Eurovision nun wahrlich nicht vorwerfen. Wie bereits 1959 fanden vor dem eigentlichen Melodifestivalen wiederum acht Radio-Vorrunden statt, aus denen sich mit Hilfe des Publikums eigentlich je ein Titel fürs Finale qualifizieren sollte. Mitten im laufenden Verfahren entschied der Sender STV jedoch, dem Beispiel Italiens folgend, alle Finalbeiträge in zwei unterschiedlich orchestrierten Versionen von jeweils zwei Interpret/innen singen zu lassen. Da man aber die Sendezeit nicht verdoppeln wollte, reduzierte eine flugs einberufene Jury die Anzahl der Lieder auf vier, wodurch beispielsweise ‚En kyss‘ von Lill-Babs (→ SE 1961) auf der Strecke blieb.

Erstaunlich elegant: die Jagd nach den Eurovisionsschlagern von 1960 (das vollständige Melodifestivalen).

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IT 1960: Love is the Drug

Ich weiß nicht genau, welche Drogen beim San-Remo-Festival von 1960 backstage so im Umlauf waren. Beziehungsweise beim Dreh des Schlagerfilms San Remo – die große Herausforderung, aus dem die im Netz verfügbaren Youtubeclips mit den Auftritten der Teilnehmer/innen stammen und von dem mir nicht hundertprozentig klar ist, ob er digital (dann allerdings sehr gut) aufgearbeitetes Originalmaterial verwendet oder mit den echten Interpreten nachgestellte Szenen. So oder so: die Drogen müssen gut gewesen sein! Zwar neigt, wenn wir mal kurz die Stereotype bemühen wollen, der Italiener an sich generell zur großen Geste. Aber das, was insbesondere die männlichen Kombattanten des zehnten Jahrgangs des ligurischen Liederwettstreits vollführten, das schlägt selbst der abgebrühtesten Drag Queen die Tiara vom Kopf!

Wo ist der Abend nur hin? Tja, wie die Zeit verfliegt, wenn man Spaß hat! Rick Astley Joe Sentieri beim San-Remo-Festival.

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BE 1960: Und immer lockt der Fud

In den geraden Jahren, wenn die Wallonen an der Reihe sind, den belgischen Eurovisionsbeitrag zu bestimmen, fallen die im Netz auffindbaren Informationen stets eher spärlich aus. So auch 1960. Fünf Interpret/innen nahmen am Vorentscheid teil, darunter die Sängerin Solange Berry (→ LU 1958), deren bekanntester (um nicht zu sagen: einzig bekannter) Titel das Lied ‚Dis-moi quelque chose de gentil‘ ist, das sie zum Soundtrack des 1956er Skandalstreifens Und immer lockt das Weib mit der jungen Brigitte Bardot beisteuerte. Ihre Bewerbung fürs Heimatland blieb indes erfolglos, denn wie immer in den geraden Jahren bis 1962 siegte der in Frankreich geborene Belgier Ferdinand Urbain Dominic (oder kurz Fud) Leclerc, welcher sich den Rekord der meisten Eurovisionsteilnahmen mit dem schweizerischen Trio Peter, Sue & Marc (→ CH 1971, 1976, 1979, 1981) und der Siegelschen Facebook-Maid Valentina Monetta (→ SM 2012, 2013, 2014, 2017) teilt. Und der wie immer mit einer langweiligen Liebesschnulze antrat. Wie Wikipedia weiß, machte er nach dem Ende seiner Grand-Prix-Karriere und einer Zeit als Weltreisender noch etwas gesellschaftlich Nutzbringendes, er wurde nämlich Bauunternehmer. Fud starb 2010.

Will ich nicht geschenkt: Fuds Liebe.

Vorentscheid BE 1960

Finale belge pour le Grand Prix Eurovision. Sonntag, 24. Januar 1960. Fünf Teilnehmer/innen.

#InterpretTitelPlatz
01Mary TheA plein Coeur--
02Lily VincentIl y a bien longtemps--
03Fud LeclercMon Amour por toi01
04Solange BerryOn m'attend--
05Ferry DevosVieux Carnet--

< BE 1959: Piep, piep, piep, bitte hab mich lieb

> BE 1961: Du sollst doch nicht um Deinen Jungen weinen

FR 1960: Ich bau Dir ein Schloss

38 Einträge umfasste die Liste der beim französischen Sender für die hausinterne Auswahl zum Eurovision Song Contest 1960 eingereichten Liedvorschläge (für 1959, wo man ebenfalls intern entschied, fehlen leider sämtliche Informationen). Darunter befanden sich so hübsche Titel wie ‚Mademoiselle Tour Eiffel‘ oder das so beschwingte wie lautmalerische ‚Tique taque‘. Die Namen der übrigen Bewerber/innen lesen sich wie das Who is Who der frankophilen Grand-Prix-Welt während der ersten Eurovisionsdekade: Jean Philippe (→ FR 1959, CH 1962), Colette Deréal (→ MC 1961), Mathé Altéry (→ FR 1956), Michèle Arnaud (→ LU 1956) und Paule Desjardins (→ FR 1957) bemühten sich heuer vergebens. Trat die Letztgenannte beim Grand Prix 1957 als die vom Sender gegen die eigentliche Siegerin der Vorauswahl eingetauschte Repräsentantin der Grande Nation an, so vollzog sich 1960 Ähnliches: Marcel Jean-Pierre Balthazar Miramon hieß nämlich der ursprüngliche Interpret des von der Jury ausgewählten Schlagers ‚Tom Pillibi‘, oder vielmehr Marcel Amont, wie er sich selbst als Künstler nannte. Doch Amont überlegte es sich im Vorfeld des Entscheids anders und sagte seine Teilnahme ab.

Aus heutiger Sicht tritt einem beim Anschauen rasch der antirassistische Schweiß auf die Stirn, aber in den Sechzigern galten noch andere Maßstäbe: Marcel mit dem französischen ‚Hossa‘ (Repertoirebeispiel).

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