ESC 1961: Stand up for your Love Rights

Logo des Eurovision Song Contest 1961
Das Jahr der schwu­len Eman­zi­pa­ti­on

Schon zum zwei­ten Mal in der noch jun­gen Grand-Prix-Geschich­te gas­tier­te der Wett­be­werb 1961 in Can­nes. Und erneut prä­sen­tier­te das fran­zö­si­sche Fern­se­hen die sel­be Eröff­nungs­se­quenz wie schon 1959. Sowie die sel­be Mode­ra­to­rin, Jac­que­line Jou­bert, die so viel Mas­ca­ra auf­ge­legt hat­te, dass sie stän­dig ange­strengt gen Him­mel schau­en muss­te, damit ihr die Augen­li­der nicht zusam­men­papp­ten. Ledig­lich auf die cha­rak­te­ris­ti­schen Dreh­ge­stel­le ver­zich­te­te man dies­mal. Statt­des­sen ver­sam­mel­ten sich die 16 Teilnehmer/innen zum Auf­takt der erst­mals an einem Sams­tag aus­ge­strahl­ten Sen­dung auf einer opu­len­ten Show­trep­pe und stell­ten sich artig nach­ein­an­der per­sön­lich vor. Was für die Zuschauer/innen den unschätz­ba­ren Vor­teil bot, die Inter­pre­ten­na­men zur Abwechs­lung ein­mal in feh­ler­frei­er Aus­spra­che hören zu kön­nen. Im Anschluss san­gen sie dann ihre Lied­chen, die alle ziem­lich gleich und alle gleich lang­wei­lig klan­gen.

Schlaf­los in Stutt­gart? Hier naht Hil­fe: der ESC 1961.

wei­ter­le­senESC 1961: Stand up for your Love Rights

DE 1961: Der Bem­bel des Todes

Lale Andersen, DE 1961
Die Ele­gan­te

Ins noble Kur­haus der im Frank­fur­ter Speck­gür­tel lie­gen­den Bon­zen­ge­mein­de Bad Hom­burg vor der Höhe (Stadt­slo­gan: “Tra­di­ti­on und Cham­pa­gner­luft”) lud der Hes­si­sche Rund­funk zur Vor­ent­schei­dung 1961. In die­sem Jahr über­nahm der hr-Unter­hal­tungs­chef Hans-Otto Grü­ne­feldt das deut­sche Grand-Prix-Zep­ter. Und der Mann woll­te “anspruchs­vol­le Chan­sons”, bloß nichts Moder­nes und um Got­tes Wil­len kei­ne Hits! So klan­gen die drei­zehn Bei­trä­ge der dies­jäh­ri­gen Aus­wahl dann auch durch die Bank weg: drö­ge und ein­schlä­fernd bis zum Geht­nicht­mehr.

Heinz will uns ein Gedicht auf­sa­gen (Reper­toire­bei­spiel)!

wei­ter­le­senDE 1961: Der Bem­bel des Todes

DK 1961: Jet Air­li­ner

Die fünf­te Aus­ga­be der däni­schen Vor­ent­schei­dung Melo­di Grand Prix (MGP) erwies sich als Vete­ra­nen­tref­fen: sämt­li­che (!) bis­he­ri­gen Grand-Prix-Reprä­sen­tan­t/in­nen des Lan­des ver­such­ten es erneut. Dabei gin­gen Gus­tav Winck­ler (→ DK 1957), Raquel Ras­ten­ni (→ DK 1958) und Katy Bødt­ger (→ DK 1960) leer aus: sie erhiel­ten von der zehn­köp­fi­gen Jury, von der jedes Mit­glied aller­dings nur jeweils drei Punk­te zu ver­tei­len hat­te, alle­samt nichts. Bes­ser schlug sich da schon der MGP-Wie­der­keh­rer Otto Bran­den­burg, der zumin­dest drei Zäh­ler kas­sie­ren konn­te. Sowie der in Por­tu­gal gebo­re­ne, schon früh mit sei­nen Eltern nach Däne­mark gezo­ge­ne Jazz-Musi­ker Pedro Biker, der anschlie­ßend eine Kar­rie­re als Radio- und TV-Mode­ra­tor sowie 1970 einen Hit und hei­mat­li­chen Ever­green mit der däni­schen Cover­ver­si­on von Burt Bacha­rachs ‘Rain­drops keep fal­ling on my Head’ hin­leg­te, aller­dings nur drei Jah­re spä­ter das Zeit­li­che seg­ne­te. Hier, bei sei­nem ers­ten TV-Auf­tritt, konn­te Pedro, der kein biss­chen aus­sah wie ein Biker, mit ‘Min Gui­tar og jeg’ (vgl. ‘Me and my Gui­tar’, BE 2010) einen drit­ten Rang lan­den.

Wer raucht und flie­gen­de Tötungs­ma­schi­nen steu­ert, also weder das eige­ne Leben ach­tet noch das von ande­ren, dem wer­fen sich die Damen an den Hals, so die sub­ti­le Pro­pa­gan­da­aus­sa­ge von Bir­t­he Wil­kes Film­auf­tritt.

wei­ter­le­senDK 1961: Jet Air­li­ner

FR 1961: Oh, wär der Win­ter erst vor­bei

Wie schon beim schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len, so beherrsch­te auch in Frank­reich das immer­grü­ne The­ma “Früh­ling” den Vor­ent­scheid von 1961. Was läge näher im Febru­ar, wo die Sélec­tion Françai­se pour le Grand Prix de l’Eurovision de la Chan­son statt­fand, und wo jeder Mensch längst den schein­bar end­lo­sen, depri­mie­ren­den, schreck­li­chen Win­ter über hat und mit jeder Faser sei­nes Seins die ers­ten Boten des bal­di­gen Len­zes her­bei­sehnt? So fand der ‘Prin­temps’ gleich zwei­fach nament­li­che Erwäh­nung unter den sechs für das Fina­le aus­ge­wähl­ten Bei­trä­gen, die aller­dings alle­samt kei­nen beson­de­ren Ein­druck hin­ter­lie­ßen, son­dern eher durch Melo­di­en­ar­mut gekenn­zeich­net schie­nen.

Wes­we­gen sich Isa­bel­le in eine gold­far­be­ne Ret­tungs­de­cke hüll­te, bleibt ihr Geheim­nis.

wei­ter­le­senFR 1961: Oh, wär der Win­ter erst vor­bei

NO 1961: Cha-Cha-Cha!

Anstatt die bes­te Melo­die her­aus­zu­fin­den, bestand die Auf­ga­be der Jury dar­in, zu bestim­men, wel­che die am wenigs­ten schlech­te war,” so beschrieb eine nor­we­gi­sche Tages­zei­tung das Elend beim zwei­ten Nor­ske Melo­di Grand Prix im Jah­re 1961. Knapp 350 Lie­der waren nach ent­spre­chen­der Auf­for­de­rung an die Kom­po­nis­ten­ver­bän­de beim Sen­der NRK für den Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid ein­ge­tru­delt, und der Vor­sit­zen­de der Aus­wahl­ju­ry, Rag­nar Kie­rulf, bestä­tig­te, es sei leicht gefal­len, dar­aus fünf aus­zu­wäh­len. Doch nicht das schwa­che musi­ka­li­sche Niveau der Vor­schlä­ge sei der Grund gewe­sen, den MGP von den aus­ge­schrie­be­nen acht auf fünf Plät­ze zu redu­zie­ren. Son­dern die ange­streb­te Anpas­sung an das For­mat der schwe­di­schen Kol­le­gen, von denen man auch die Idee über­nahm, alle Songs je zwei Mal in unter­schied­li­cher Orches­trie­rung und mit ande­ren Inter­pre­ten vor­tra­gen zu las­sen.

Ein spä­ter Hit: der Vor­ent­schei­dungs­bei­trag ‘S’il vous plaît’ in der Neu­be­ar­bei­tung des Kom­po­nis­ten­sohns. Da hat­te das Ori­gi­nal aber deut­lich mehr Pepp!

wei­ter­le­senNO 1961: Cha-Cha-Cha!

YU 1961: Mor­gen fängt das Leben erst an

Viel Geld und tech­ni­sches Know-How hat­ten die Ame­ri­ka­ner nach dem Zwei­ten Welt­krieg den staat­li­chen west­eu­ro­päi­schen Sen­de­an­stal­ten zukom­men las­sen, um sie für die Pro­pa­gan­da­schlacht im nach­fol­gen­den Kal­ten Krieg gegen den kom­mu­nis­ti­schen Osten zu rüs­ten. Auch der Euro­vi­si­on Song Con­test soll­te dem kul­tu­rel­len Anein­an­der­rü­cken der “frei­heit­li­chen” (sprich: kapi­ta­lis­ti­schen) Staa­ten die­nen und mit sei­nem gla­mou­rö­sen Pro­gramm, das man, soweit es die Anten­nen zulie­ßen, ger­ne auch ins sozia­lis­ti­sche Aus­land aus­strahl­te, die Über­le­gen­heit des Wes­tens in Sachen Pop demons­trie­ren, um dort Neid und Unzu­frie­den­heit in der Bevöl­ke­rung zu schü­ren. Dies jeden­falls ist der etwas pater­na­lis­ti­sche Unter­ton einer bri­ti­schen ESC-Doku­men­ta­ti­on aus dem Jah­re 2010 mit dem Titel ‘The Secret Histo­ry of Euro­vi­si­on’.

Das sind Bau­ern”: west­li­che Vor­ur­tei­le gegen Ost­eu­ro­pa fei­ern in die­ser Doku fröh­li­che Urständ.

wei­ter­le­senYU 1961: Mor­gen fängt das Leben erst an

UK 1961: Mäd­chen, Mäd­chen

Kon­kur­renz belebt das Geschäft: die 1955 ins Leben geru­fe­ne kom­mer­zi­el­le bri­ti­sche Regio­nal­sen­der­ket­te Inde­pen­dent Tele­vi­si­on ver­an­stal­te­te 1961 ihren eige­nen ITV Song Con­test, der sich klar am For­mat der bri­ti­schen Vor­ent­schei­dung ori­en­tier­te und mit dem sie ver­such­te, der BBC das Was­ser abzu­gra­ben. Anstel­le des Euro­vi­si­onsti­ckets wink­ten Geld­prei­se. Eini­ge bekann­te Künst­ler lie­ßen sich abwer­ben, so bei­spiels­wei­se der in Anspie­lung auf sei­nen frü­he­ren Beruf als “sin­gen­der Bus­fah­rer” bekann­te Matt Mon­ro (→ UK 1964), der im Vor­jahr sei­nen ers­ten Top-Drei-Hit in den bri­ti­schen Charts hat­te. Sein Bei­trag zum ITV-Wett­be­werb hieß ‘My Kind of Girl’, er lan­de­te damit einen Num­mer-Fünf-Hit auf der Insel und erreich­te sogar Platz 18 in den US-ame­ri­ka­ni­schen Bill­board Charts. Noch mehr Bekannt­heit erlang­te der Song in der Ver­si­on der Rat-Pack-Legen­de Dean Mar­tin.

Der ist doch betrun­ken, oder? Dean Mar­tin mit dem Matt-Mon­ro-Song ‘My Kind of Girl’.

wei­ter­le­senUK 1961: Mäd­chen, Mäd­chen

ES 1961: Babe­bi­bu­bá Bau­tis­ta!

Auf eine sehr wech­sel­vol­le Grand-Prix-Geschich­te blickt das erst­ma­lig im Jah­re 1961 am Euro­vi­si­on Song Con­test teil­neh­men­de Spa­ni­en zurück, gekenn­zeich­net von zwei direkt auf­ein­an­der­fol­gen­den, stark umstrit­te­nen Sie­gen (1968 und 1969), drei → Nul-Points-Ergeb­nis­sen und einer fast immer skan­da­lö­sen Miss­ach­tung der meist fabel­haf­ten ibe­ri­schen Bei­trä­ge. Bei sei­ner Erst­teil­nah­me noch in den Klau­en des rechts­ge­rich­te­ten Dik­ta­tors Fran­co (was beim ESC von 1964 in Kopen­ha­gen dazu führ­te, dass ein Demons­trant die Büh­ne stürm­te), seit 1978 jedoch demo­kra­tisch regiert, ist Spa­ni­en heu­te auf­grund sei­ner Ein­woh­ner- und Finanz­stär­ke wie Deutsch­land Teil der → Big Five. Und wür­de es, wie Deutsch­land, ohne die­ses Pri­vi­leg kaum noch ins Fina­le schaf­fen. Vor allem die jün­ge­ren spa­ni­schen Euro­vi­si­ons­fans sind auf­grund ihrer oft ans Mili­tan­te gren­zen­den Ver­eh­rung ihrer Repräsentant/innen und ihres Han­ges zu laut­star­kem Geschnat­ter manch­mal gefürch­tet – was aber wäre der Grand Prix ohne die Bereit­schaft zu Lei­den­schaft und Dra­ma? Die­se bei­den essen­ti­el­len Qua­li­tä­ten zeich­nen auch etli­che ibe­ri­sche Bei­trä­ge aus. Und wirk­lich nie­mand könn­te dies bes­ser illus­trie­ren als Spa­ni­ens aller­ers­te Euro­vi­si­ons­ver­tre­te­rin María Con­cep­ción Bau­tis­ta Fernán­dez ali­as Con­chi­ta Bau­tis­ta!

Dra­ma, Baby! Con­chi­ta bei ihrem Euro­vi­si­ons­auf­tritt in Can­nes.

wei­ter­le­senES 1961: Babe­bi­bu­bá Bau­tis­ta!

FI 1961: Tau­send Fens­ter

Gleich drei beim Euro­vi­si­on Song Con­test meist sehr stark unter­be­wer­te­te Län­der mel­de­ten sich 1961 zur ers­ten Teil­nah­me an: Spa­ni­en, das damals noch unter der Knu­te Titos zwangs­ge­ein­te Jugo­sla­wi­en und Finn­land. Des­sen Sen­der YLE hat­te im Jahr zuvor den inter­na­tio­na­len Wett­be­werb zum ers­ten Mal im Fern­se­hen über­tra­gen und dem hei­mi­schen Publi­kum gefiel, was es sah. Die damals im Lan­de sehr popu­lä­re Schla­ger­sän­ge­rin Lai­la Kinn­unen cover­te gar die bei­den Grand-Prix-Titel ‘Tom Pil­li­bi’ und ‘Roman­ti­ca’ und hat­te damit Erfolg. Sie gehör­te selbst­re­dend zu den vier hand­ver­le­se­nen Interpret/innen, die beim hei­mi­schen Vor­ent­scheid Suo­men Eurovi­isukar­sin­ta zunächst im Radio jeweils zwei Titel vor­stel­len durf­ten, von denen jeweils einer ins TV-Fina­le wei­ter­kam, das in der Työ­vä­en­opis­to, der Hal­le der Arbei­ter, statt­fand. Wie sozia­lis­tisch!

Frau Kinn­unen mit der fin­ni­schen Ein­spie­lung des ita­lie­ni­schen Euro­vi­si­ons­schmacht­fet­zens von 1961, die durch die völ­lig unro­man­ti­sche Spra­che einen herr­lich iro­ni­schen Biss erhält.

wei­ter­le­senFI 1961: Tau­send Fens­ter

IT 1961: Vier­und­zwan­zig­tau­send Küs­se

Einen inter­es­san­ten Weg zur Ein­bin­dung des Publi­kums ging der ver­ant­wort­li­che Sen­der RAI beim San-Remo-Fes­ti­val von 1961. In den bei­den Vor­run­den, die man auf­grund der sehr hohen Popu­la­ri­tät des Wett­be­werbs bei den ita­lie­ni­schen Künstler/innen und Zuschauer/innen auf ins­ge­samt 24 Titel auf­ge­stockt hat­te, sieb­ten zwar wei­ter­hin Juro­ren zwölf Can­zo­ne für das Fina­le her­aus. Dort aber leg­te man die Ent­schei­dung in die Hän­de des Publi­kums. Und da Post­kar­ten, wie sie bei­spiels­wei­se beim Vor­ent­scheid in den Nie­der­lan­den zum Ein­satz kamen, auf­grund der chro­ni­schen Unzu­ver­läs­sig­keit der ita­lie­ni­schen Post aus­schie­den; vor allem aber, um Zusatz­ein­nah­men zu gene­rie­ren, konn­ten inter­es­sier­te Zuschauer/innen eine Woche lang per Lot­to-Tipp­schein bis zu sechs Stim­men an ihre Lieb­lings­lie­der ver­tei­len – gegen eine Gebühr von 100 Lire. In einer wei­te­ren Show gab die RAI dann die Ergeb­nis­se bekannt: mit etwas über 700.000 (!) abge­ge­be­nen Voten führ­te die ziem­lich alter­tüm­li­che, melo­disch-wei­che Lie­bes­schnul­ze ‘Al di là’ die Wer­tung an.

Gibt alles: bei Lucia­no quillt der Schmalz einem Lava­strom gleich aus den Laut­spre­chern.

wei­ter­le­senIT 1961: Vier­und­zwan­zig­tau­send Küs­se