ESC 1962: Kleine kokette Katinka

Logo des Eurovision Song Contest 1962
Das Jahr des Schlagzeugs

Luxemburg gilt im Allgemeinen als finanziell wohlsituierte europäische Steuerfluchtoase. Merkwürdig nur: die andauernden Stromschwankungen und mehrfachen Lichtausfälle im RTL-Auditorium während der Grand-Prix-Übertragung 1962 vermittelten den Zuschauer/innen eher den Eindruck eines Dritte-Welt-Landes. Wohl auch, um Kosten zu sparen, gestaltete der Sender den Ablauf der Show sehr zügig, die Lieder folgten fast nahtlos aufeinander. Das Anziehen des Tempos übertrug sich in wohltuender Weise ebenfalls auf das Orchester. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, Rhythmusinstrumente wie das Schlagzeug seien in diesem Jahr erst erfunden worden. Jedenfalls kamen sie erstmals bei einer Vielzahl der Wettbewerbsbeiträge deutlich hörbar zum Einsatz – und das tat dem Musikmenü sehr, sehr gut.

Aufgetriedelt: Marion Rung (FI)

Zu den neuen Schrittmachern zählte unter anderem Finnland, deren Marion Rung mit dem schmissigen ‚Tipi-tii‘ schon mal einen ersten Vorgeschmack auf noch kommende Höhepunkte des skandinavischen Happysounds gab. 1973 kehrte sie mit einer noch fröhlicheren Mitklatschnummer, ‚Tom Tom Tom‘, zum Contest zurück. Die Wettbewerbskrone indes errang Rung 1980 bei der letzten Ausgabe des im polnischen Sopot organisierten Intervision Song Contest, der nur vier Jahre laufenden sozialistischen Gegenveranstaltung zum verderbten kapitalistischen Grand Prix Eurovision, an dem das blockfreie Finnland ebenfalls teilnahm. Listig! Auch der 2015 verstorbene  Nordire Ronnie Carroll (→ UK 1963) übte sich in Lautmalereien. Sein flottes, wenngleich von ihm selbst später als „banal“ betrachtetes ‚Ring-a-Ding Girl‘ schnitt zumindest noch im zweistelligen Punktebereich ab, was man von Conny Froboess‚ großartigem Migrationsschlager ‚Zwei kleine Italiener‘ leider nicht sagen kann. Sie kam – übrigens ohne einen einzigen Punkt aus Napoli – auf einen enttäuschenden sechsten Platz. Was zur Folge hatte, dass sich etablierte deutsche Künstler/innen vom Wettbewerb abwandten, da sie eine Beschädigung ihrer Karriere fürchteten. Auch der Umstand, dass Conny unter allen diesjährigen Grand-Prix-Teilnehmer/innen mit über einer Million verkaufter Singles den größten kommerziellen Hit landete, bot nur ein wenig Trost.

Klempner, Popstar, Glücksspieler, Clubschiff-Sänger, Nachtclubbesitzer, Spaßpartei-Politiker: Ronnie Carroll führte ein wahrlich bewegtes Leben (UK)

Untröstlich muss sich auch Gitte Hænning (→ DE 1973) gefühlt haben, ob der hanebüchen buchstabengetreuen Auslegung des damals noch extrem strengen Vorveröffentlichungsverbotes, nach welchem ein Eurovisionsbeitrag erstmals beim Vorentscheid öffentlich aufgeführt werden durfte, durch das dänische Fernsehen DR. Sie sollte eigentlich mit dem fabelhaft lustigen Swing-Knaller ‚Jeg snakker med mig selv‘ (‚Ich rede mit mir selbst‘) am Melodi Grand Prix teilnehmen. Dann aber beging der Textschreiber des Titels, Sejr Volmer-Sørensen, den unverzeihlichen Fehler, ihn noch vor der Sendung in der DR-Kantine (!) zu summen. Was die sofortige Disqualifikation des Songs nach sich zog, denn es hätte ja ein Juror anwesend sein und sich beeinflussen lassen können. Angesichts des tranigen, passend betitelten ‚Wiegenliedchens‘, das die Dänen in diesem Jahr zum Contest schickten, erscheint es aber ohnehin unwahrscheinlich, dass die quirlige Gitte (die im Folgejahr mit dem Siegersong der Deutschen Schlagerfestspiele 1963, ‚Ich will ’nen Cowboy als Mann‘, bei uns den Durchbruch schaffte und einen Nummer-Eins-Hit landete) bei den heimischen Juroren einen Stich gemacht hätte.

Selbstgespräche sind meist die intelligentesten Diskussionen, wusste die kluge Gitte schon 1962.

‚Wir kommen, um uns zu beschweren‘ ist nicht nur der Titel eines Tocotronic-Albums, sondern kennzeichnet auch die Grundhaltung des ewig nörgelnden Germanen, wie sie sich auch im damaligen deutschen Grand-Prix-Beauftragten Hans-Otto Grünefeldt manifestierte. Dem missfiel, dass beim Contest fast immer nur Frankreich und die Niederlande gewannen, während wir uns im Vorjahr mit der Roten Laterne begnügen mussten. Grünefeldt drängte daher auf die Einführung eines neuen Wertungssystems, mit dem er diese Symptome umzukehren suchte. Das geriet zum Fiasko: tatsächlich reisten die Holländer, angetreten mit einer musikalisch und stimmlich harmonischen, wenngleich aus heutiger Sicht textlich eher problematischen Boygroupnummer über die verführerisch-unschuldigen Reize eines „koketten“, pubertierenden Mädchens namens ‚Katinka‘, dessen täglicher Schulweg das arme Ding an den beiden im Gebüsch lechzenden Herrschaften vorbeiführte, mit null Punkten ab. Für de Spelbrekers (die Spielverderber), so der Name der beiden zu allem Überfluss auch noch wild mit den Augen rollenden und zuckenden Lüstlinge, waren deutsche Heckenschützen indes nichts Neues, hatten sie sich der alleswissenden Müllhalde zufolge doch während des zweiten Weltkriegs bei der Zwangsarbeit in einer Bremer Munitionsfabrik kennengelernt.

Unschuld in Gefahr: Stefanie zu Guttenberg, schreiten sie ein! (NL)

Besonders pikant, wenn man ihn mit englischem Zungenschlag ausspricht: einer der beiden 2011 und 2012 verstorbenen holländischen Spielverderber hieß mit bürgerlichem Namen Huug Kok! Jahre nach der musikalischen Kinderschändung, mit der ihnen im Heimatland ein Top-Ten-Hit gelang, verlegten sich die Spelbrekers dann auf das Musikmanagement: zu ihren Kunden gehörten unter anderem die Eurovisionskollegen Ben Cramer (→ NL 1973) und Saskia & Serge (→ NL 1971). Nicht so ganz ging Grünefeldts Strategie hingegen im Falle Frankreichs auf. Die Gallier nämlich gewannen völlig überragend, mit der doppelten Punktzahl des Zweitplatzierten. Und zwar höchst verdient! Isabelle Aubret (→ FR 1968) erschien hinreißend und anmutig, ihr dramatisches ‘Un premier Amour’ als berührend schöne, Gänsehaut erzeugende Ballade, die ebenso zerbrechlich und kostbar wirkte wie die Sängerin bei ihrem Vortrag. Ob sich Deutschland also mit dem kleinkindhaften Beharren auf Gerechtigkeit im Wertungsverfahren einen Gefallen tat, ausgerechnet in dem Jahr, in dem der französische Sieg erstmals komplett in Ordnung ging, erscheint im Hinblick auf die magere Ausbeute für Frau Froboess zumindest fraglich.

Beim ersten Mal tat’s noch weh: Isabelle Aubret (FR)

Zumal deswegen neben den Niederlanden noch drei weitere Länder gänzlich punktefrei heimkehren mussten. Für den Belgier Ferdinand Urbain Dominic oder kurz Fud Leclerc (†2010) markierte die letzte seiner insgesamt vier (1956, 1958, 1960, 1962) Grand-Prix-Teilnahmen den Tiefpunkt: er ging als erster → Nilpointer in die Eurovisionsgeschichte ein. ‚Nur in der Wiener Luft‘ gedeihen anscheinend so dünnstimmige Operettensängerinnen wie Eleonore Schwarz, die mit der vor abgestandenen Klischees nur so triefenden Fremdenverkehrswerbung für Österreich mal wieder die Rote Laterne holte. Spanien, das eine stimmgewaltige männliche Diva namens Victor Balaguer mit einem druckvoll-dramatischen Chanson namens ‚Llàmame‘ (‚Ruf nach mir‘) schickte, vervollständigte das Quartett der Nullen. Ihm geriet sein Geschlecht zum Verhängnis: als Mann seinen Gefühlen (und beim Vortrag seinen Händen) freien Lauf zu lassen, kam bei den mehrheitlich eher konservativ-verklemmten → Juroren nicht so gut an. Weniger streng zeigten diese sich dafür mit der Schwedin Inger Berggren, die zu den Instrumentalparts ihres Songs ‚Sol och Vår‘ so aufgedreht mitkrähte, als habe sie vor dem Auftritt eine Ecstasy eingeworfen. Da die Glückspillen damals noch nicht existierten, rührte ihre Aufgekratztheit vielleicht auch nur von den lustig blinkenden Glassternen her, mit denen RTL das Studio dekoriert hatte.

Victor Balaguer: Viva la Diva! (ES)

Wie immer galt es noch, ein paar Rückkehrer zu begrüßen: der luxemburgische Radio-DJ Camillo Felgen (→ LU 1960) sang nach seiner Pleite zwei Jahre zuvor mit einem Lied in luxemburgischer Sprache jetzt lieber gleich auf Französisch. Funktionierte: sein kreuzbraver ‚Petit Bonhomme‘ erreichte den dritten Platz. Weswegen, ist mir nicht klar, aber so war’s. Jean Phillipe, der 1959 noch für seine Heimat Frankreich antrat und nun unter schweizerischer Flagge segelte, thematisierte seine Wiederkehr gar: ‚Le Retour‘ hieß sein klassisch langweiliges Chanson. ‚Dis rien‘ (‚Sag nichts‘) hielt der ebenfalls frankreichstämmige „Monegasse“ François Deguelt (†2014) da entgegen. Mit diesem bravourös gesungenen, dramatischen Schmachtfetzen verbesserte er sich nach seinem dritten Rang 1960 diesmal um eine Position auf den zweiten. Isabelle Aubret, die diesjährige Siegerin, sollte übrigens den umgekehrten Weg gehen: 1968 schnitt sie mit dem Vergewaltigungsdrama ‚La Source‘ nur als Dritte ab. Da war dann bereits das Farbfernsehen erfunden und Madame Aubret kam nicht mehr als zerbrechliches Rehkitz rüber, sondern als grelle Blondine im furchtbarfarbigen Fummel.

Schöne Bühnen können sie bauen, die Luxemburger. An der Lichttechnik üben sie noch (ESC 1962)

Das auf Drängen der ARD eingeführte Punktesystem blieb übrigens noch ein paar Jahre in Kraft und sollte weiterhin → Nulpointer en masse produzieren, zu denen bald auch Deutschland zählte. Nennt sich wohl ausgleichende Gerechtigkeit…

Eurovision Song Contest 1962

Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Sonntag, 18. März 1962, aus der Villa Louvigny (RTL-Studio) in Luxemburg-Stadt, Luxemburg. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Mireille Delannoy.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01FIMarion RungTipi-tii0407
02BEFud LeclercTon Nom0013
03ESVictor BalaguerLlámame0013
04ATEleonore SchwarzNur in der Wiener Luft0013
05DKEllen WintherVuggevise0212
06SEInger BerggrenSol och Vår0407
07DEConny FroboessZwei kleine Italiener0906
08NLSpelbrekersKatinka0013
09FRIsabelle AubretUn premier Amour2601
10NOInger JacobsenKom Sol, kom Regn0210
11CHJean PhillipeLe Retour0210
12YULola NovakovicNe pali Svetla u Sumrak1004
13UKRonnie CarrollRing-a-Ding Girl1005
14LUCamillo FelgenPetit Bonhomme1103
15ITClaudio VillaAddio, addio0309
16MCFrançois DegueltDis rien1302

BE 1962: Vier mal eins macht null

Immer das gleiche Spiel in den geraden Jahren beim belgischen Eurovisions-Vorentscheid: sobald die Wallonen dran sind mit dem Beitrag des sprachlich und kulturell gespaltenen Landes, lassen sich – außer der schlichten Tatsache, dass es eine Auswahl mit insgesamt fünf Künstler/innen gab, darunter eine Dame namens Any Godet mit einer Hommage an die deutsche Hafenstadt ‚Hambourg‘ – nur sehr spärliche Informationen recherchieren. Und wie immer, wenn die Wallonen dran waren in den Anfangsjahren, gewann Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960) diese Auswahl, nun schon zum vierten Male. Das macht ihn zum einzigen Grand-Prix-Vertreter, der sein Land so oft in der selben Sprache repräsentierte, nämlich auf Französisch. Es sollte im benachbarten Luxemburg allerdings seine letzte Teilnahme werden: mit dem leidlich midtemporären Slow Fox ‚Ton Nom‘ lieferte er zwar das beste seiner vier Lieder ab (oder, präziser gesagt, das am wenigsten einschläfernde), was ihm die verabscheuungswürdigen Juroren jedoch mit → null Punkten heimzahlten. Auch wenn in Folge eines besonders ungeeigneten neuen Wertungssystems noch drei weitere Kolleg/innen an diesem Abend das Schicksal der völligen Punktefreiheit mit Fud teilen sollten, so bleibt er aufgrund der Auftrittsreihenfolge doch derjenige, der als allererster Eurovisionskünstler die gefürchteten Nil Points erhielt.

Dein Name ist Cäptn Zero: Fud Leclerc.

Vorentscheid BE 1962

Finale belge du Grand Prix Eurovision. Montag, 19. Februrar 1962. Fünf Teilnehmer/innen.
#InterpretTitelPlatz
01Fud LeclercTon Nom1
02Robert Charles LansonToi, mon Copain--
03Any GodetHambourg--
04Ferry DevosN'oubliez jamais--
05Eric ChanneToi, la Femme--

DE 1962: Der Weg des Wassers wird es uns weisen

Conny Froboess, DE 1962
Die Multikulturelle

Nicht nur für den Eurovision Song Contest bildete das im ligurischen Kurort San Remo stattfindende Festival della Canzone Italiana einst das Vorbild. Wie in vielen anderen europäischen Nationen, die sich ebenfalls von den Italienern für eigene Schlagerfestivals inspirieren ließen, fanden in den Sechzigerjahren auch in deutschen Kurstädten gediegene Wettbewerbe der leichten Muse statt. So hatte das von Radio Luxemburg gegründete Deutsche Schlagerfestival im hessischen Wiesbaden bereits 1960 als Vorentscheid gedient, allerdings nur einmalig. 1961 hob der Südwestfunk in Konkurrenz hierzu die Deutschen Schlagerfestspiele aus der Taufe, an deren Erstausgabe unter anderem Lys Assia (→ Vorentscheid DE 1956, CH 1956, 1957, 1958, Vorentscheid CH 2012, 2013), Nora Nova (→ DE 1964) und Inge Brück (→ DE 1967) teilnahmen. Die zweite Ausgabe dieser Veranstaltung sollte nun 1962 wiederum als Grand-Prix-Vorentscheid fungieren. Entsprechend groß zog die ARD die Show auf: in vier TV-Vorrunden mit insgesamt 24 Beiträgen qualifizierten sich jeweils drei Sänger/innen für die Endrunde im mondänen Baden-Baden.

Herrlichster Schlagerkitsch, leider nur in der Audiofassung: der wunderbar wehleidig intonierende Jimmy Makulis.

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FI 1962: Tipi Tii Bimbo Tom

Es wird ja gerne mal darüber geklagt, dass die Skandinavier beim Eurovision Song Contest bei der Punktevergabe zusammenhalten. Was aber angesichts der gemeinsamen kulturellen Wurzeln gar nicht weiter verwundert, zu deren Vertiefung gerade diese TV-Show mit beiträgt. In den Sechzigern jedenfalls wurden die nationalen Vorentscheidungen der nordischen Länder per Nordvision auch in den anderen skandinavischen Ländern ausgestrahlt. Und so schaute und lernte man vom Nachbarn. Was beispielsweise zur Folge hatte, dass das finnische Fernsehen YLE beim zweiten Suomen Euroviisukarsinta auf das auch in Schweden und Norwegen zur Anwendung kommende Ein-Song-zwei-Versionen-Format umschwenkte und jeden der vier Finalbeiträge von zwei verschiedenen Künstler/innen interpretieren ließ. Was den Juroren die Gelegenheit geben sollte, vor allem das Lied auf sich wirken zu lassen und weniger auf den Sänger zu achten. Ganz konsequent zog man das jedoch nicht durch: im rund einen Monat vorher ausgetragenen Semifinale mit seinen acht Beiträgen war es jeweils nur ein/e Interpret/in pro Lied. Hier blieb beispielsweise die finnische Premierenvertreterin Laila Kinnunen mit ihrem Song über die Schneeprinzessin ‚Lumineito‘ auf der Strecke, genau so wie ein (leider verschollener) Titel mit dem viel versprechenden Namen ‚Tiketi tikke tak‘ (lasst mich raten: es hat etwas mit einer Uhr zu tun?) von Maynie Sirén. Weiter kam hingegen ein Sänger namens Kai Lind (→ Vorentscheid 1961) mit einer wirklich drolligen Weise über die ‚Pikku Rahastaja‘, die von allen Jungs umschwärmte ‚Kleine Schaffnerin‘, die Samstagsabends mit strenger Miene im Bus die Fahrscheine kontrolliert, in dem die Jugend zum Tanzvergnügen fährt. Ein, wenn man ihn mal auf sich wirken lässt, herrlicher Text, der auf so lakonische wie unterhaltsame Weise philosophische Fragen erörtert.

Eine echte Vorentscheidungperle: die ‚Kleine Schaffnerin‘, hier gesungen von Marion Rung (leider nur Audio).

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SE 1962: Liebe und Meerrettich

Erstmalig schafften es die Schweden in diesem Jahr, die Siegerin des Vorentscheids, des Melodifestivalen, auch tatsächlich zum Eurovision Song Contest zu schicken und nicht durch eine/n andere/n Künstler/in zu ersetzen. Beziehungsweise eine der Siegerinnen: wie zu dieser Zeit üblich, ließ man sämtliche der sechs Finalbeiträge zweifach interpretieren, von verschiedenen Sänger/innen sowie einmal mit großem und einmal mit kleinem Orchester. Eigentlich sollten es sieben Titel sein, doch noch am Finalabend musste man den der Jazz-Interpretin Monica Zetterlund (→ SE 1963) zugedachten Beitrag ‚Kärlek och Pepparrot‘ (‚Liebe und Meerrettich‘ – klingt nach einem äußerst pikanten, ähm, Rezept?!) disqualifizieren, weil die Comedy-Nummer vorschriftswidrig bereits im Radio gelaufen war. Weniger streng interpretierte SVT das zu diesem Zeitpunkt noch bestehende Verbot von Hintergrundchören beim Eurovision Song Contest: beim Vorentscheid, wo jeder Sender bekanntlich machen kann, was er will, stellte man erstmals einen vierköpfigen Begleitchor zur Verfügung. Zetterlund konnte übrigens trotz der Song-Disqualifikation zum Melodifestivalen antreten: als eine von zwei Interpretinnen sang sie das elegant-elegische, zweitplatzierte Freundschaftslied ‚När min Vän‘.

Der disqualifizierte Beitrag, hier in einer späteren Interpretation von Lil Lindfors (SE 1966).

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IT 1962: Sag mir quando, sag mir wann

Die enorme Popularität des italienischen Liederfestivals sorgte im zwölften Jahr seines Bestehens für außergewöhnlich starken Zulauf, und so stockten die Veranstalter in San Remo die Vorrunden auf insgesamt 32 Titel auf. Der RAI wurde das zuviel: sie beschränkte die TV-Übertragung auf eine Stunde vom Finalabend und eine kurze Zusammenfassung der Siegerehrung. Das kann man sich heutzutage, wo der öffentlich-rechtliche Sender mehrere Tage Sendezeit mit dem San Remo Festival befüllt, kaum noch vorstellen. Aber 1962 gab es noch keine private Konkurrenz aus dem Hause Berlusconi und noch kein 24-Stunden-Programm. Das Finale bestand jedoch weiterhin aus zwölf Titeln, dargeboten wiederum von jeweils zwei Künstler/innen in unterschiedlichen Arrangements. Wie schon im Vorjahr durfte das Publikum im Anschluss eine Woche lang mittels kostenpflichtiger Tippscheine seine Stimme für die beliebtesten Songs abgeben, und mit sensationellen 1,5 Millionen (!) Kreuzen siegte erneut eine Komposition des ‚Volare‘-Sängers Domenico Modugno (→ IT 1958, 1959, 1966), der mit dem seltsam ziellos vor sich hin mäandernden ‚Addio… addio…‘ auch die Hitlisten des Heimatlandes aufrollte (#2 IT). Die RAI entschied sich jedoch, an seiner Stelle den zweiten Interpreten des Titels zum Song Contest zu schicken, wohl in der vagen Hoffnung, die besonders schmalzige, hochdramatische Darbietung des Ältere-Hausfrauen-Schwarmes Claudio Villa (→ IT 1967) könne geschickt über die fehlende Melodie des Canzone hinwegtäuschen. Da täuschte man sich jedoch: in Luxemburg reichte es nur für einen Rang im unteren Mittelfeld.

Und tschüß, Paco!

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DK 1962: Ich rede mit mir selbst

Ein Skandal ungeahnten Ausmaßes erschütterte den Melodi Grand Prix (MGP) 1963, den dänischen Vorentscheid, in dessen Mittelpunkt die fabelhafte und noch heute länderübergreifend heißgeliebte Gitte Hænning (→ DE 1973) stand. Die zu Hause bereits als Kinderstar populäre Sängerin sollte eigentlich mit dem sensationell selbstironischen Swing-Knaller ‚Jeg snakker med mig selv‘ (‚Ich rede mit mir selbst‘) teilnehmen, einem Thema, das die nicht minder fabelhafte Nina Hagen gute zwanzig Jahre später in dem fantastischen Song ‚Universelles Radio‘ nochmals aufgreifen sollte. Doch dann beging der fünffache MGP-Moderator und Lyrikautor des Titels, Sejr Volmer-Sørensen, den unverzeihlichen Fehler, selbigen noch vor der Sendung während der Pause in der Senderkantine vor sich hin zu summen. Was die sofortige Disqualifikation des (dennoch in der Show präsentierten) Songs für den Wettbewerb nach sich zog, denn es hätte ja ein Juror anwesend sein und sich beeinflussen lassen können. Die gute Gitte durfte zwar einen weiteren von Sejr betexteten Beitrag vorstellen, den im Hinblick auf seine einschlaffördernden musikalischen Eigenschaften mehr als treffend ‚Vuggevise‘ (‚Wiegenlied‘) benannten Siegersong des MGP 1962. Doch dies nur als dessen Zweitbesetzung, denn ebenso wie bei den anderen skandinavischen Vorentscheidungen dieses Jahrgangs brachte man in Dänemark alle fünf Finallieder gleich doppelt zu Gehör, dargeboten jeweils in unterschiedlicher Orchestrierung und mit unterschiedlichen Künstler/innen.

Selbstgespräche sind meist die intelligentesten Diskussionen, wusste die kluge Gitte schon 1962 (nur Audio).

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ES 1962: Und das Telefon sagt Du

16 Lieder hatte der spanische Sender TVE insgesamt für seine zweite nationale Preselección im Jahre 1962 zugelassen. Sechs davon schieden in einem Radio-Halbfinale einen Tag vor dem TV-Finale aus. Erstaunlicherweise gehörte der Canto de un Fracaso, also der ‚Song für einen Misserfolg‘ des Komponisten, Schauspielers und Sängers Tonio Areta (†2012) nicht dazu, obwohl er doch das Scheitern bereits im Titel trug. Mit seinem zweiten Wettbewerbsbeitrag ‚Un viejo Paraguas‘ (‚Ein alter Regenschirm‘) belegte Areta sogar den zweiten Platz. Fast alle Finalisten hatten jeweils zwei Songs im Rennen, so auch der eher an der Vergangenheit orientierte José Guardiola (→ ES 1963), der freilich sowohl mit der simplen, sachlichen ‚Recuerdo‘ (‚Erinnerung‘) als auch der gefühlig verklärten ‚Nostalgia‘ an den zehn regionalen Jurys scheiterte, die offensichtlich eher Gegenwartsbezogenes goutierten.

Der rachsüchtige Raphael spielt den Jago.

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