ESC 1963: Melodie einer Nacht

Logo des Eurovision Song Contest 1963
Das Jahr des Playbacks

Die von etlichen europäischen Sendeanstalten aus finanziellen Gründen sehr gefürchtete Eurovisionsregel, wonach der Sieger im Folgejahr nach Möglichkeit den Contest austragen soll, besteht bereits seit 1957. Doch nicht immer möchte derjenige auch: diesmal weigerte sich, dem Beispiel der Niederlande folgend, das in nur sechs Jahren bereits zum dritten Male (1958, 1960, 1962) viktoriöse Frankreich, die Show zu organisieren. Cannes, wo der Wettbewerb bereits 1959 und 1961 stattgefunden hatte, entwickelte sich auch so zum Urlaubsparadies und Hot Spot der Superreichen – da brauchte man den Contest nicht mehr zu weiterer Tourismuswerbung. Bereits zum zweiten Mal sprang somit die BBC als Ausrichterin ein. Und produzierte einen der umstrittensten, gleichwohl interessantesten Jahrgänge der Grand-Prix-Geschichte.

Zwei Studios und weder Mikrofon noch Orchester im Bild: war der ESC 1963 Avantgarde oder doch nur ein großer Schmu?

Die Weltstadt London lockte die großen Namen an: nicht nur Deutschland schickte mit Heidi Brühl einen seiner größten Stars. Wobei es sich beim Wettsingen erwies, dass Popularität im Heimatland auf internationalem Parkett nichts zählt: mit mageren fünf Punkten erreichte die Brühl mit dem musikalisch zwar einigermaßen flotten, textlich jedoch ziemlich zickigen Schlager ‚Marcel‘ lediglich den neunten Platz. Auch die Österreich vertretende Israelin Carmela Corren, die im Vorjahr mit dem germanischen Vorentscheidungsbeitrag ‚Eine Rose aus Santa Monica‘ den kommerziellen Durchbruch im deutschsprachigen Raum geschafft hatte, hoffte mit ihrem zur Hälfte auf englisch gesungenen Titel ‚Vielleicht geschieht ein Wunder‘ vergebens auf ein solches: siebter Rang. Kein Wunder, drückte ihre stark verwässerte Hommage an Zarah Leanders Weltkriegsdurchhalteappell ‚Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn‘ eben nicht deren unerschütterliche Zuversicht aus. Ambivalenz aber belohnen die Jurys nicht.

Umnebelter Blick: die Beat-Ikone Françoise Hardy (MC)

Doch selbst europaweit bekannte Superstars ihrer Zeit, wie die für Monaco startende und auch bei der deutschen Jugend sehr beliebte Ikone der französischen Generation Yé Yé, Françoise Hardy, mit dem selbst verfassten, passend zum trostlosen Inhalt auch musikalisch mehr als deprimierenden ‚L’Amour s’en va‘ oder die luxemburgische Aushilfssängerin, die seit ‘Weiße Rosen aus Athen’ auf dem ganzen Kontinent populäre Nana Mouskouri (jawohl, die Frau mit dem Kassengestell und der fantastischen Stimme!), konnten in London keinen Stich machen. Nana half auch die ‚Kraft des Gebetes‘ nur wenig: mit acht Punkten versackte ihr sterbenslangweiliges Chanson völlig zu Recht im Mittelfeld. Das waren keine Lieder, die die Liebe schreibt‘. Ironie der Geschichte: acht Jahre später sollte dann eine Französin für Monaco den Sieg holen – und beim darauf folgenden Contest eine Griechin für Luxemburg. Diesmal jedoch hatten die Eurovisionsgötter (bzw. die korrupten → Jurys) andere Pläne.

Live gesungen. Klar. Und Italien ist eine Demokratie (IT)

Bemerkenswert erscheint, gerade im direkten Vergleich zu den Jahrgängen davor, die hochwertige Videoclip-Ästhetik dieses Contests. Für die meisten Auftritte gab es eigene, zum Teil recht aufwändig inszenierte Bühnenbilder und für damalige Verhältnisse sehr fortschrittliche Kamerafahrten und Schnitte. So beispielsweise beim noch aus dem Vorjahr übrig gebliebenen Briten Ronnie Carroll (‚Say wonderful Things‘, in Deutschland als ‚Zwei blaue Vergißmeinnicht ein Top-Ten-Hit für Rex Gildo [→ Vorentscheid 1960, 1969]), der im direkten Dialog mit seinem auf verschieden hohen Bühnenaufbauten drapierten weiblichen Begleitchor sang, oder beim San-Remo-Gewinner Emilio Pericolo (†2013), der sich vor riesigen, mit Fotos italienischer Models bespannten Drehelementen als ‚Uno per Tutte‘ profilierte. Zu keinem Zeitpunkt war irgendwo im Bild ein Mikrofon zu erspähen. Was die verantwortliche BBC-Produzentin Yvonne Littlewood in einem Interview mit dem OGAE-Fanzine Eurosong News damit begründete, dass die Techniker die (in auffälliger Weise exakt wie auf Platte klingenden) Töne mit einem „Boom-Mikrofon oberhalb der Köpfe der Sänger geangelt“ hätten. Ja sicher! Und auch Gegenschnitte ins Live-Publikum fehlten – das habe „aus Platzgründen in einem anderen Studio“ gesessen, so jedenfalls Frau Kleinholz. Was zwar den etwas unspontanen Applaus, aber immer noch nicht die erstaunlich schnellen Umbauten zwischen den Beiträgen erklärt. Nein, es ist offensichtlich: hier hatten wir es mit (nach den Eurovisionsstatuten der EBU eigentlich strengstens untersagten) Vollplayback-Aufzeichnungen zu tun.

Invasion der Körperfresser: Ronnie & die Carrolls (UK)

Zumindest bei einem Teil der Beiträge: Françoise Hardy behauptete in einem Interview später steif und fest, live gesungen zu haben, was man schon daran erkennen könne, dass sie so schlecht gewesen sei. Stimmt, muss die These aber nicht widerlegen: auch wenn Madame offiziell für Monaco antrat, ist sie Französin – und die Froschfresser mochten die Briten historisch bedingt ohnehin nie besonders. Gut vorstellbar also, dass Hardys Delegation das Memo einfach nicht erhielt. Auch der französische Vertreter Alain Barrière performte sein ‚Elle était si jolie‘ offensichtlich live, was dem BBC-Orchester die Gelegenheit gab, seine in der Studiofassung berührend sanfte, ja geradezu zärtliche Ode an die Verflossene unter einer zentnerschweren Klangschicht zu begraben, den Komponisten und Sänger zum angestrengten Anplärren gegen die Mauern aus Geigen zu zwingen, fast unbemerkt noch das Tempo anzuziehen und so dem Lied seine ursprüngliche, zerbrechliche Intimität zu rauben. Mit Erfolg: das im Vorjahr noch siegreiche Land der Gallier musste sich mit Rang 5 begnügen.

Sie war so schön: die Ursprungsfassung von Alains Lied (FR)

Erneut gingen vier von sechzehn Nationen, also jeder vierte Teilnehmer, komplett leer aus. So mussten sich die Niederlande bereits zum zweiten Mal in Folge die gefürchteten → Nul Points abholen: für den extrem betulichen ‚Speeldoos‘-Schlager von Annie Palmen (†2000) allerdings auch ein gerechtes Ergebnis. Fieser erscheint die kalte Dusche gegenüber der Finnin Laila Halme, deren mit einer hübschen Xylophon-Verzierung aufwartendes, locker-flockiges ‚Lied meiner Erinnerung‘ vorne und hinten fast nur aus „La la la“s bestand (litt die Gute also unter Demenz?) und lediglich in der Mitte einige auf finnisch gesungene Zeilen versteckte, um dem vermaledeiten → Muttersprachenzwang Genüge zu tun. Und die alleine schon für das hübschen Cape, das sie trug, einen modischen Sonderpunkt verdient hätte. Gespalten verläuft das internationale Fan-Urteil über die dritte Nulpointerin, die schwedische Jazz- und Schauspiellegende Monica Zetterlund. Die im Jahre 2005 bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommene Sängerin nahm uns mit auf ‚En gång i Stockholm‘, einen musikalischen Segeltörn durch die winterlich verschneiten Buchten der skandinavischen Metropole. Sie wusste mit einer beim Contest selten vorkommenden filigranen Textarbeit und einer eleganten, geradezu schwebenden Melancholie zu überzeugen. Das hatte echte Klasse! Notorischen Pop-Mädchen wie mir jedoch, die es gern ein wenig schmissiger mögen, schliefen hierbei, ich muss es leider zugeben, nicht nur die Füße ein.

Schon über die Frage, ob sich der Songtitel als ‚Es war einmal in Stockholm‘ oder ‚Ein Gang durch Stockholm‘ übersetzt, scheiden sich die Geister (SE)

Und dann der Wertungsskandal! Norwegen, deren eigener Beitrag ‚Solherv‘, ein weiterer Nilpointer, sich als dermaßen öde erwies, dass er nie auf Platte erschien, gab – schwere Sünde! – bei der Stimmabgabe die Punkte in der falschen Reihenfolge durch. Die BBC-Moderatorin Katie Boyle nahm das Ergebnis nicht an, sondern verfügte eine erneute Abstimmung am Ende des Wertungsreigens. Beim zweiten Durchgang verteilten die Norweger ihre Punkte dann anders als beim ersten. So wurde die für die Schweiz singende Israelin Esther Ofarim (‘T’en va pas’, in Deutschland als ‘Melodie einer Nacht’ ein Erfolg [#39] und der Grundstein für ihre lang anhaltende Hitparadenkarriere gemeinsam mit Ehemann Abi), die nach der Erstwertung gewonnen hätte, lediglich knappe Zweite. An ihrer Stelle siegte das singende dänische Ehepaar Grethe (†1990) und Jørgen (†2015) Ingmann mit seinem spannungsgeladenen, anschließend unter anderem von Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958) als ‚Der Sommer ging vorüber‘ gecoverten Easy-Listening-Klassiker ‚Dansevise‘ (#49 DE), den die hilfreiche BBC bereits in der Sendung mit während des Auftritts eingeblendeten, surreal-psychedelisch wirkenden grafischen Elementen – tricktechnisch ein absolutes Novum – optisch als etwas Außergewöhnliches hervorgehoben hatte.

„Call me again“ flüsterte Grethe verschwörerisch im Refrain – die Norweger taten es! (DK)

Handelte es sich bei dem offensichtlich geschobenen Sieg also um eine von den historisch ebenfalls zum Wikinger-Imperium zählenden Briten geschickt eingefädelte skandinavische Nachbarschaftshilfe; um einen bösen Fall von Antisemitismus; um eine Finanztransaktion oder um schlichte Schusseligkeit? Man stelle sich ein ähnliches Vorkommnis heutzutage vor, mit, sagen wir einmal: Aserbaidschan anstelle von Dänemark als begünstigtem Land! Nicht auszudenken, was dann los wäre! Recherchen des Fanclubs OGAE zufolge, welche die alten Stimmzettel ausgruben, sei das zweite norwegische Abstimmungsergebnis korrekt, entspräche also den tatsächlichen Juryvoten. Dennoch bleibt ein fauler Nachgeschmack, leider.

Eurovision Song Contest 1963

Eurovision Song Contest. Samstag, 23. März 1963, aus dem Television Centre der BBC in London, Großbritannien. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Katie Boyle.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01UKRonnie CarrollSay wonderful Things2804
02NLAnnie PalmenSpeeldoos0013
03DEHeidi BrühlMarcel0509
04ATCarmela CorrenVielleicht geschieht ein Wunder1607
05NOAnita ThallaugSolherv0013
06ITEmilio PericoloUno per Tutte3703
07FILaila HalmeMuistojeni Laulu0013
08DKGrethe + Jørgen IngmannDansevise4201
09YUVice VukovBrodovi0311
10CHEsther OfarimT'en va pas4002
11FRAlain BarrièreElle était si jolie2505
12ESJosé GuardiolaAlgo Prodigiosa0212
13SEMonica ZetterlundEn Gång i Stockholm0013
14BEJacques RaymondWaroom?0410
15MCFrancoise HardyL'Amour s'en va2505
16LUNana MouskouriA Force de Prier1308

DE 1963: Das geht mir viel zu schnell

Heidi Brühl, DE 1963
Die Zickige

Die Idee, die vom Südwestfunk aus der Taufe gehobenen und von gleich vier ARD-Landessendern gemeinschaftlich veranstalteten Deutschen Schlagerfestspiele als Grand-Prix-Vorentscheid zu nutzen, hatte 1962 Modernität und Glanz in die Veranstaltung gebracht – und mit ‚Zwei kleine Italiener‘ für einen frischen, kommerziell überaus erfolgreichen deutschen Beitrag gesorgt, den erfolgreichsten dieses Dezenniums gar. Würde man dieses rundum gelungene Experiment also fortsetzen, wie es jede menschliche Logik gebietet? Weit gefehlt! Denn Hans-Otto Grünefeldt, der Unterhaltungschef des Hessischen Rundfunks und damalige Eurovisionsverantwortliche der ARD, wollte ja gerade keine Hits, sondern ein „anspruchsvolles“ Lied. Noch dazu belegte die auf diesem Wege ausgewählte Conny Froboess im Wettbewerb in Luxemburg nur einen (aus damaliger Sicht) enttäuschenden sechsten Platz, und man wünschte sich doch so dringend den Sieg!

Ein Millionenseller: der Siegertitel der Deutschen Schlagerfestspiele 1963.

weiterlesen

DK 1963: Je ne sais pas pourquoi

Acht Beiträge stritten um die Gunst einer zehnköpfigen Jury bei der dänischen Vorentscheidung von 1963, dem Melodi Grand Prix (MGP), von denen der letztplatzierte des Schauspielers Preben Mahrt komplett punktefrei ausging. Vielleicht war er den Jurymitgliedern einfach zu ‚Abstrakt‘? Ansonsten bestand das Personal überwiegend aus altgedienten Namen: sowohl die heimische Vertreterin von 1957 und 1962, Birthe Wilke, als auch der dänische ESC-Repräsentant von 1961, Dario Campeotto, starteten einen weiteren Versuch, wobei sich erstere im Hinblick auf die von ihrem Beitrag ausgehende, gepflegte Langeweile nicht ohne Grund selbst fragte: ‚Pourquoi‘ (‚Warum‘)? Das Tanzorchester Melody Mixers widmete sich in seinem extrem fluiden Stück ‚Harlekin & Columbine‘ inhaltlich dem Veranstaltungsort des MGP, dem Kopenhagener Innenstadt-Vergnügungspark Tivoli. Gitte Hænning (→ DE 1973), die im gleichen Jahr ein Land weiter südlich mit ‚Ich will ’nen Cowboy als Mann‘ die Deutschen Schlagerfestspiele gewinnen und einen Nummer-Eins-Hit landen sollte, kassierte zu Hause für ihre ‚Lille sarte Kvinde‘ (‚Kleine zarte Frau‘) nur halb so viele Punkte wie das schlussendlich siegreiche Ehepaar Grethe und Jørgen Ingmann mit ihrer jazzigen ‚Dansevise‘. Der männliche Part des Duos hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen echten Welterfolg vorzuweisen: seine Coverversion des Instrumentalstücks ‚Apache‘, im Original von der britischen Band Shadows (→ UK 1975) und auf der Insel ein Nummer-Eins-Hit, wurde von seiner Plattenfirma jenseits des Atlantik zuerst veröffentlicht und konnte sich dort somit gegen die zeitweilige Begleitband von Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) durchsetzen (#2 in den Billboard-Charts). Auch in Deutschland knackte er mit seiner Bearbeitung die Top Ten. Die B-Seite der Single (fragt Eure Eltern), der ‚Echo Boogie‘, diente dem NDR lange Jahre als Erkennungsmelodie für Die aktuelle Sportschau. Insgesamt konnte Jørgen Ingmann bis 1966 zehn Singles in den deutschen Charts platzieren, darunter auch die germanisierte Fassung seines Eurovisionsbeitrags, hier als ‚Der Sommer ging vorüber‘. Seine Gemahlin nahm in den Sechzigern mehrfach an den Deutschen Schlagerfestspielen teil und konnte bei uns immerhin zwei kleinere Hits erzielen. 1975 ließen sich Grethe und Jørgen scheiden (passender gemeinsamer Schlagertitel: ‚Davon hat der Standesbeamte geschwiegen‘). Als seine Exfrau Ende der Achtziger an Krebs erkrankte, heiratete er sie jedoch erneut und pflegte sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1990. Jørgen Ingmann starb ein Vierteljahrhundert später im Alter von 89 Jahren.

„Call me again,“ sang Grethe mitten in ihrem dänischen Text flehend. Das taten die norwegischen Punkterichter beim ESC dann auch.

Vorentscheid DK 1963

Dansk Melodi Grand Prix. Sonntag, 24. Februar 1963, aus dem Tivoli in Kopenhagen. Acht Teilnehmer/innen. Moderation: Marianne Birkelund.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Preben MarthAbstrakt8
02Bjørn TidmandAmiga mia2
03Grethe & Jørgen IngmannDansevise1
04Melody MixersHarlekin og Columbine6
05Dario CampeottoKære du5
06Gitte HænningLille sarte Kvinde4
07Birthe WilkePourquoi3
08Grethe SønckVerden er en gammal Bekendt7

UK 1963: Der Tag am Meer

Der seinerzeitige Eurovisionsverantwortliche der BBC, der TV-Unterhaltungschef Tom Sloan, nahm sich, wie Gordon Roxburgh in seinem Buch Songs for Europe berichtet, die Zuschauerkritik über das schlechte Niveau der direkt durch die Industrie kommissionierten Beiträge im britischen Vorentscheid von 1962 sehr zu Herzen. In einem Interview mit der Programmzeitschrift Radio Times legte er gleich zwei drängende Probleme offen: „Ich denke, das Wettbewerbselement hält viele Musikverleger davon ab, ihr bestes Material einzureichen, weil die Gefahr besteht, dass es in der nationalen Abstimmung verliert. Außerdem konzentrieren sich die Plattenfirmen natürlich vor allem auf Songs, die auf das kaufkräftige jugendliche Publikum zielen, und weniger auf solche, die den nationalen Jurys in den teilnehmenden Ländern gefallen könnten“. Damit umschrieb er den auch vom BBC-Publikum bemängelten Zustand, dass das Feld im Vorjahr hauptsächlich aus schnelleren, tanzbaren Titeln bestand und die von den konservativen, meist aus älteren Würdenträgern bestehenden → Jurys klar bevorzugten Balladen Mangelware waren. Er erwägte kurz, gar keinen Vorentscheid abzuhalten, sondern intern auszuwählen, entschied sich dann aber doch für einen offenen Wettbewerb. Allerdings bat er diesmal nicht die Labels um Beiträge, sondern bestellte die Lieder direkt bei führenden, handverlesenen Komponisten. Die jedoch erwiesen sich als noch zart besaiteter, wenn es darum ging, sich der Konkurrenz zu stellen: nicht nur, dass Sloan kaum etablierte Interpreten bekam, auch vom Material her kam A Song for Europe (ASFE) 1963 noch schwachbrüstiger daher als bereits im Vorjahr.

Mana mana – dap di de dippi… Ronnie und die Snouts beim Eurovision Song Contest 1963.

weiterlesen

FI 1963: I am what I am

Viel Mühe hatte sich das finnische Fernsehen YLE gegeben mit seiner dritten Eurovisionsvorentscheidung, der Suomen Euroviisukarsinta 1963. Acht Titel hatte man kommissioniert, darunter Stücke mit so vielversprechenden Titeln wie ‚Pimpula vei‘ (‚Verflucht‘): keine Sprache klingt so gangstermäßig und eignet sich so gut zum Fluchen wie das Finnische! Wie seinerzeit üblich, wurden alle Beiträge jeweils von zwei verschiedenen Künstler/innen eingesungen, in unterschiedlicher Instrumentierung, um den Fokus der zweihundertköpfigen (!) Laienjury weg vom Interpreten und hin zum Song zu lenken. Dies gelang jedoch nur sehr eingeschränkt (wie auch, schließlich bildet beides eine untrennbare Einheit), und nicht immer unbedingt zum Vorteil der Künstler/innen. So gab beispielsweise eine der Abstimmungsberechtigten, eine Bäuerin aus Mittelfinnland, später der Presse zu Protokoll, ihr Lieblingsbeitrag sei eigentlich das jazzig-verruchte ‚Olen mikä olen‘ (‚Ich bin, was ich bin‘) in der Interpretation von Tamara Lund gewesen, ein durchaus anregendes Stück wie aus einem James-Bond-Streifen. Wegen der dezent aufreizenden, an die Grenzen des damals Schicklichen gehenden Präsentation durch die Sängerin und Schauspielerin habe sie aber nicht öffentlich für das Lied stimmen können, aus Angst, sonst im Heimatdorf als „verdorben“ angesehen zu werden. So musste sich Lund, die mit diesem Auftritt ihren Durchbruch schaffte, mit dem dritten Rang begnügen. Die 2005 verstorbene Künstlerin blickte auf ein bewegtes Leben zurück: ihre erste große Liebe, der Schauspielkollege Rami Sarmasto, mit dem sie gemeinsam das in der Heimat bekannte Liebeslied ‚Sinun omasi‘ aufnahm, starb 1965 wenige Tage vor der geplanten Hochzeit bei einem Autounfall. Es folgten zwei Ehen mit zwei Sängern und daraus entspringend zwei Kindern, darunter die Musical-Interpretin Maria Lund (→ Vorentscheid FI 2010). In den Siebzigern wanderte sie nach Deutschland aus, wo sie in München und Düsseldorf arbeitete. 2000 kehrte sie nach Finnland zurück und war als Gemeinderätin in Turku aktiv, wo sie in einen Schwarzgeldskandal verwickelt wurde und dabei die Hälfte ihres Vermögens verlor. 2005 erlag sie einem Krebsleiden.

‚I am what I am / I am my own special Creation‘: Tamara Lund kombiniert geschickt geschmackvoll und scharf.

weiterlesen

NO 1963: Blondine in Fesseln

„Es ist offensichtlich das Ergebnis einer Qualitätsbewertung,“ so selbstkritisch-maliziös kommentierte der Pressechef des veranstaltenden norwegischen Rundfunks NRK gegenüber der Tageszeitung Dagbladet den Umstand, dass der Sender den Melodi Grand Prix (MGP) 1963 nicht (auch) im Radio übertrug, wie in den Vorjahren üblich, sondern ausschließlich im Fernsehen, das zu diesem Zeitpunkt alleine schon aus technischen Gründen nur ein knappes Viertel der norwegischen Haushalte erreichte. Auch die Zeitung hämte, dass den Radio-Zuhörer/innen da wohl einiges erspart geblieben sei, und das Konkurrenzblatt Aftenposten ergänzte Salz-in-die-Wunden-streuend, „alle fünf Kompositionen,“ die ein lediglich dreiköpfiges Senderkomitee aus 221 Einsendungen auswählte, „könnten leichthin bereits vor dreißig Jahren geschrieben worden sein“. Selbst die beteiligten Interpret/innen müssen dies ähnlich empfunden haben. Neben etablierten Vorkriegsgrößen wie dem 1999 verstorbenen Schauspieler, Theaterdirektor und Liedermacher Jens Book-Jensen sowie der Miss Norwegen 1962, Beate Brevik, befand sich unter anderen die zweimalige Eurovisionsrepräsentantin Nora Brockstedt (→ NO 1960, 1961) im Line-up und stellte neben dem viertplatzierten Titel ‚Drømmekjolen‘ (‚Traumkleid‘, ein für eingefleischte Grand-Prix-Fans durchaus abendfüllendes Thema) auch das mit deutlichem Punkteabstand siegreiche Chanson ‚Solvherv‘ (‚Sommersonnenwende‘) vor. Dennoch wollte sie das Lied nicht in London präsentieren – offiziell, weil sie aufgrund einer bereits fest gebuchten, gemeinsamen Tournee mit Jens Book-Jensen keine Zeit für den Eurovisionsabstecher habe (warum machten die Beiden dann beim MGP mit?), tatsächlich aber wohl eher, weil sie genau das vorhersah, was dann tatsächlich eintraf: ihre Mitbewerberin Anita Thallaug (→ MGP 1962, 1966), die der NRK an ihrer Stelle entsandte, kehrte als erste norwegische Künstlerin mit → Nul Points vom großen Wettbewerb nach Hause zurück. Weder Brockstedt noch Thallaug nahmen den Titel jemals auf Platte auf, lediglich die Zweitbesetzung des Liedes im MGP, Jan Høiland (†2017), veröffentlichte es – und natürlich floppte die überaus lahme Nummer auch auf dem Heimatmarkt komplett. Thallaug, ein ehemaliger Kinderstar, welche 1957 die für damalige Verhältnisse skandalös-freizügige Hauptrolle einer drogensüchtigen Nackttänzerin in dem schwedischen B-Movie Blondin i Fara (Mona, die Schwedin) gespielt hatte, und der nach ihrem Eurovisionsauftritt keine Hits mehr gelingen wollten, zog sich Mitte der Sechziger aus der Öffentlichkeit zurück und veröffentlichte erst wieder 1998, zu ihrem sechzigsten Geburtstag, ein Jazzalbum.

‚Mona, die Schwedin‘ alias Anita Thallaug beim ESC-Auftritt in London.

Vorentscheid NO 1963

Melodi Grand Prix. Sonntag, 10. Februar 1963, aus den NRK-Fernsehstudios in Oslo. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: Odd Grythe.
#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Jens Book-JensenRay AdamsVi slentret langs en vårlig Sti543
02Nora BrockstedtAnita ThallaugDrømmekjolen504
03Jan HøilandNora BrockstedtSolhverv811
04Anita ThallaugBeate BrevikAdjø405
05Ray AdamsJens Book-JensenJakteskipperen592

 

NL 1963: Die Spieldose steht still, wenn Dein starker Arm es will

Null Punkte beim Eurovision Song Contest von 1962 für die per Vorentscheid ausgewählten Speelbrekers: das niederländische Fernsehen reagierte prompt und verlegte sich für 1963 auf eine intern ausgesuchte Interpretin und eine jurygestützte Songauswahl. Annie Palmen begann ihre Karriere einst als Sängerin verschiedener Tanzorchester, die vom Südseeschlager bis zum Country alle möglichen Stile abdeckten. 1948 gewann sie einen Talentwettbewerb eines holländischen Radiosenders, kam dort öfters zum Einsatz und konnte in der Folge erste Hits erzielen. 1960 trat sie beim niederländischen Vorentscheid an und sang dort das Siegerlied ‚Wat een Geluk‘, welches die Jury aber lieber in die Hände des zweiten Interpreten Rudi Carrell (ja, genau der!) legte. Diesmal buchte der Sender NTS sie zur Entschädigung fix als Repräsentantin und suchte ihr drei Lieder aus, die sie eigentlich in einem bereits für den 23. Januar 1963 im Tivoli zu Utrecht terminierten TV-Vorentscheid zu Gehör bringen sollte. Doch dann traten justament zum Nationaal Songfestival die Mitglieder des NTS-Rundfunkorchesters in den Streik, um höhere Gehaltsforderungen durchzusetzen (oder waren es doch geschmackliche Gründe?). Und so fand notgedrungen auch die Auswahl des Beitrags unter Ausschluss der Öffentlichkeit durch eine senderinterne Jury statt. ‚Geen ander‘ hieß die dort bestimmte, extrem bedächtige Ballade ursprünglich, deren Titel man dann aber noch in ‚Een Speeldoos‘ änderte, was die Chose auch nicht besser machte. Am 8. Februar 1963 stellte Annie Palmen das Lied schließlich den mit atemloser Spannung wartenden TV-Zuschauer/innen vor, und zwar – man kann es sich nicht schöner ausdenken! – in der Rudi-Carrell-Show. Da das Orchester sich noch immer im Ausstand befand, musste sie hier allerdings zum Vollplayback mimen. Auch nach London zum Eurovision Song Contest reiste sie dank der Macht der Gewerkschaften (lebensälteren SPD-Wählern unter meinen Leser/innen steigen jetzt vermutlich nostalgische Tränen in die Augen!) ohne den damals üblichen eigenen Dirigenten an. Liegt hier eine der Ursachen für die sich hartnäckig haltenden Gerüchte, es wäre nicht alles live gewesen beim ESC 1963? Wie auch immer sich die Dinge zutrugen, eines ist sicher: das neue Verfahren zahlte sich für die Niederlande nicht aus. Auch Annie Palmen (†2000) kehrte mit → Nul Points vom Grand Prix nach Hause zurück, und das mit Recht!

Annie Palmen beim Besuch in der Echokammer.

Vorentscheid NL 1963

Rudi-Carrell-Show. Freitag, 8. Februar 1963. Eine Teilnehmerin (Liedvorstellung im Rahmen der Show nach vorheriger Juryauswahl).
#Interpret/inTitelPlatz
01Annie PalmenKijk, daar is de Zon-
02Annie PalmenGeen ander1
03Annie PalmenHoor je mij-