ESC 1964: Noch nicht reif für den Contest

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Das Katastrophenjahr

Tumult und Chaos bestimmten diesen Jahrgang, trotz des eigentlich fröhlichen Austragungsortes im direkt am Hauptbahnhof gelegenen Tivoli, dem innerstädtischen Vergnügungspark der putzigen dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Dafür trug einerseits das ausgeprägte politische Bewusstsein der heimischen Bevölkerung die Verantwortung: gegen die Teilnahme der damaligen Diktaturen Spanien und Portugal am europäischen Wettsingen hagelte es im Vorfeld Proteste und Drohungen. Das letztgenannte, direkt bei der Premiere die ersten → Nil Points einsammelnde und bis heute insgesamt eher erfolglose Eurovisionsland, das erst 53 Jahre später seinen ersten Sieg einzufahren vermochte, debütierte in Dänemark. Dass sich die Gesamtstarterzahl gegenüber 1963 dennoch nicht erhöhte, lag daran, dass Schweden heuer aussetzte: zeigte man sich im skandinavischen Nachbarland noch verstimmt über den Nullzähler für den deprimierenden musikalischen Stadtspaziergang ‚En gång i Stockholm‘? Aber nein: ein Künstler/innenstreik verursachte das unfreiwillige Fehlen.

Unglückliche Premiere: auch die hingebungsvolle Gottesanflehung durch den Interpreten konnte die Null-Punkte-Klatsche nicht verhindern (PT).

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NL 1964: Ein Leben in Gefahr

Wie bereits im Vorjahr entschied sich das niederländische Fernsehen auch 1964 für die interne Nominierung einer Repräsentantin, nämlich der 1942 im damals noch unter holländischer Besatzung stehenden Indonesien als Tochter eines niederländischen Soldaten und einer einheimischen Mutter geborenen Johanna Louise oder Anneke Grönloh. Die hatte mit ihren 22 Jahren schon eine bewegte Zeit hinter sich: im Zuge der feindlichen Übernahme der Inselkette durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg war Annekes Vater in Kriegsgefangenschaft geraten, auch die Familie lebte in einem Lager. Nach ihrer Freilassung flohen die Grönlohs vor den indonesischen Unabhängigkeitskämpfen zurück in die Niederlande, wo die junge Johanna Louise die Musik für sich entdeckte. 1959 gewann sie einen Talentwettbewerb und schon 1960 erzielte sie mit ihrer allerersten Single ‚Asmara‘ ihre erste goldene Schallplatte und einen Nummer-Eins-Hit – allerdings nicht zu Hause, sondern auf Malaysia. Die heimischen Charts toppte sie dann 1962 mit ‚Brandend Zand‘, der (akkuraten) niederländischen Übersetzung des vom deutschen Komponistenteam Feltz & Scharfenberger geschriebenen Bestsellers ‚Heißer Sand‘ von Mina (→ Vorentscheid IT 1961), eines wunderbar vage gehaltenen und vielfältig interpretierbaren, hochdramatischen Schlagers, der mir noch heute beim Hören angenehme Schauer über den Rücken jagt und den ich für einen der besten seines Genres halte. Unnützes Wissen 500: eine von Anneke selbst eingespielte englischsprachige Fassung unter dem Titel Oh Malaysia diente in den Gründungsjahren des jungen, an Indonesien grenzenden Inselstaates im südchinesischen Meer dort als eine Art inoffizieller Nationalhymne. Zu Hause folgte Hit auf Hit und auch im deutschen Fernsehen war Frau Grönloh mit Schlagern wie ‚Wenn wir beide Hochzeit machen‘ ein gerne gesehener Gast. Zum Zeitpunkt ihrer Direktnominierung für den Eurovision Song Contest 1964 konnte sie also mit Fug und Recht als international erfolgreicher Star gelten.

Ohne den Niederländern zu nahe treten zu wollen, aber in der von Mina mit geheimnisvoll-elektrisierendem Akzent vorgetragenen deutschen Fassung kommt das gefahrvoll-düstere Narrativ des Textes deutlich besser zur Geltung!

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ES 1964: Im tiefen Tal, im Muschelgrund

Für ein besonders bizarres und ungeeignetes Vorentscheidungsverfahren entschied sich das spanische Fernsehen im Jahre 1964. Hatte der Sender TVE im Vorjahr den iberischen Repräsentanten und sein Lied noch intern bestimmt, so fand diesmal ein öffentliches Auswahlverfahren für den Song statt, integriert in die wöchentlich ausgestrahlte TV-Show Grand Parada. Insgesamt zehn Beiträge stellte man dort nach und nach dem Publikum vor, dargeboten jeweils in zwei verschiedenen Fassungen, wie es in dieser Dekade Brauch war. Die Zuschauer/innen forderte man auf, Postkarten für ihren Lieblingstitel zu schicken, und insgesamt gingen etwas über 5.000 Stück beim Sender ein. Unter den Interpret/innen fanden sich logischerweise überwiegend solche aus der zweiten Reihe, wie beispielsweise die Schlagersängerinnen Lita Torelló und Gelu, die im Lande hauptsächlich mit Coverversionen internationaler Hits Erfolge feierten, oder ihre Kollegin Maria Teresa de las Heras, die unter ihrem Künstlernamen Teresa María mit spanischen Übersetzungen bekannter Musical-Songs auftrat. María sang das in der Publikumsabstimmung mit weitem Abstand erfolgreichste Lied ‚Caracola‘ (‚Muschel‘), das mehr Postkarten auf sich vereinen konnte als alle konkurrierenden Kompositionen zusammen, von denen heute nicht eine mehr im Netz zu finden ist, und von denen sich, so als wollte man das nationale Klischee mit aller Gewalt bedienen, gleich zwei mit dem Stierkampf befassten. Nach Kopenhagen schickte TVE an ihrer Stelle allerdings das vom Sender bereits vorab intern ausgewählte Geschwistertrio Los TNT, das selbst nicht am Vorentscheid teilgenommen hatte. Die aus dem damals noch bitterarmen Norditalien stammende und Ende der Vierziger nach Uruguay ausgewanderte Familie Croatto hatte bei der Namensfindung für ihre drei Sprösslinge Kreativität bewiesen: die Jungs hießen Edelweiß (kein Scherz!) und Hermes, das Mädel Argentina. Kein Wunder, dass die Drei sich flugs Spitznamen zulegten, nämlich Tim, Tony und Nelly. Durch ihre Erfolge in Lateinamerika wurde Anfang der Sechzigerjahre die spanische Plattenfirma Belter auf sie aufmerksam und holte sie nach Spanien, wo es allerdings kommerziell nur mäßig gut lief. 1965 kehrten sie nach Südamerika zurück, Tony Croatto verstarb dort 2005.

Heutzutage modepolizeilich strengstens verboten: das Tragen von Holzfällerhemden ohne Hipsterbart. Und das ist auch gut so!

Vorentscheid ES 1964

Dienstag, 18. Februar 1964, im RNE-Fernsehstudio in Barcelona. Zwölf Teilnehmer/innen. Moderation: Carmina Alonso + Ana María Solsona.
#Interpret/inInterpret/inTitelPostkartenPlatz
01GeluLorenzo ValverdeSoy20106
02Luis GardeyL SevillaTorero41003
03ClaudiaTito MoraOlé10308
04L SevillaAlfredo GarridoLa Niña del Espejo63902
05GeluTito MoraLlegaré24305
06Lita TorellóMichelEstrellas en el Agua9709
07Lita TorellóLorenzo ValverdeTodo me da igual32104
08Lita TorellóMichelLuz de Bengala5410
09MichelTeresa MaríaCaracola310001
10Tito MoraClaudiaEl Niño y el Toro13607

NO 1964: Für immer jung

Es war eine Art von Lehrstunde zum Thema Generationenkonflikt, was sich beim norwegischen Eurovisionsvorentscheid von 1964 abspielte. Und was auf seine eher spielerische Weise das reflektierte, was in der echten Popwelt draußen gerade in Form des massiven Durchmarsches von Bands wie den Beatles passierte, begleitet von hysterischem Verhalten der jugendlichen Fans, die in ihrem Übermut ganze Konzertsäle zerlegten, sowie vom völligen Unverständnis und der schroffen Ablehnung der „langhaarigen Gammler“ durch die Erwachsenengeneration, die in ihnen – nicht ganz zu Unrecht – eine Bedrohung für die bestehende gesellschaftliche Ruhe und Ordnung sah. Lustigerweise repräsentierte beim Norske Melodi Grand Prix ein Mann gleich beide Seiten der Medaille: der norwegische Sänger, Musiker, Bandleader, Komponist und Musikproduzent Arne Bendiksen nämlich, der im Lande bereits in den Fünfzigern Erfolge als Teil der Band The Monn Keys gefeiert hatte und der hier mit einer stellenweise etwas brüchigen Stimme den siegreichen Beitrag ‚Spiral‘ interpretierte, eine klassische Big-Band-Melodie, die eigentlich nicht weiter der Rede wert ist – ein ohne größere Schmerzen anhörbares, wenngleich ziemlich altmodisch wirkendes Lied, das als dezent swingende Begleitmusik für das Supermarktradio bestens geeignet scheint, das man aber sofort wieder vergisst, sobald es verklungen ist. ‚Spiral‘ setzte sich in der Jury-Abstimmung mit nur einem einzigen Pünktchen Vorsprung gegen den unter anderem von der sich bereits im gesetzten Alter befindlichen „singenden Hausfrau aus Lørenskog“, Elisabeth Granneman (→ MGP 1960, 1969) interpretierten ‚God gammel firkantet Vals‘, den ‚Guten alten spießigen Walzer durch, der also – auf eine seltsam eigenironische Art – seine gerade in der älteren Generation virulente nostalgische Sehnsucht nach konservativen Werten bereits im Namen trug. Lustiges Detail: der Schöpfer dieses Spießbürger-Walzers hieß… Arne Bendiksen!

Ein Werbesong für ein Empfängnisverhütungsmittel? Das kam beim Grand Prix nur so mittel an: Platz 8 für Arne Bendiksen.

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FI 1964: Hey, Macarena!

„Finnisch ist eine dermaßen gangstermäßige Sprache,“ stellte der großartige isländische Comedian Ari Eldjárn in einem sich mit den skandinavischen Sprachen befassenden, hochgradig lustigen Standup-Set mal bewundernd fest. Er machte dies – neben den fantastischen Möglichkeiten, auf finnisch zu fluchen – vor allem an der Übersetzung der drei schönsten Wörter in fast jeder Sprache fest: „Ich liebe Dich“ heißt dort nämlich „Rakastan sinua“. Das klinge für Außenstehende eher wie „Bring das Geld bis Freitag bei“, meinte Ari nicht ganz zu Unrecht. Ein schönes Beispiel hierfür lieferte auch die finnische Grand-Prix-Vorentscheidung von 1964, wo der 1979 verstorbene Schnulzensänger Taisto Tammi zu kitschigen Geigen etwas vom ‚Reichtum der Liebe‘ schmalzte – als ‚Rakkauden Rikkaus‘ für mitteleuropäische Ohren tatsächlich eher nach einem gut getarnten Plot zur Auslöschung eines ganzen Kontinents vom Erdball klingend. Kein Wunder, dass er im kombinierten Voting der zehn Publikums- und der professionellen Jury gerade mal 21 Punkte erhielt, und damit nur ein Zwanzigstel des Siegers dieses Vorentscheids.

Eine hoch interessante These übrigens zur Entstehung des Sommerhits ‚Macarena‘, die Ari Eldjárn hier abliefert!

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DK 1964: My own private Grand Prix

Die Warnung gleich vorweg: am besten sparen Sie sich die Lektüre dieses Artikels, denn es gibt über den dänischen Vorentscheid von 1964 beim besten Willen nichts Interessantes zu erzählen. Von keinem einzigen der insgesamt neun fast ausschließlich von den sattsam Bekannten gesungenen Beiträge des Melodi Grand Prix existiert ein bewegter Videomitschnitt. Selbst nicht vom Siegertitel ‚Sangen om dig‘ (‚Lied über Dich‘) von Bjørn Tidmand. Denn augenscheinlich verschlampte der verantwortliche Sender Dansk Radio (DR), dem dank des mit norwegischer Hilfe geschobenen Vorjahressieges die Aufgabe zufiel, den Eurovision Song Contest 1964 zu veranstalten, nicht nur die Aufzeichnung der internationalen Show, sondern auch diejenige des einige Wochen zuvor an gleicher Stelle, nämlich im Festsaal des innerstädtischen Vergnügungsparks Tivoli, abgehaltenen MGP. Selbst das Ergebnis des per Postkarte durchgeführten Zuschauervotings (!) ist größtenteils verschollen – man weiß lediglich, dass Tidmand knapp die Hälfte aller rund 230.000 Einsendungen auf sich vereinigen konnte. Und das für einen derartig tiefschlafinduzierenden, selbst für die frühen Sechziger rettungslos altmodischen Song! Das lässt für restlichen Lieder das Schlimmste erahnen, darunter welche mit so grauenvollen Titeln wie ‚Mein privater Grand Prix‘ oder gar – Gott behüte! – ‚Polka beim Grand Prix‘. Die wenigen auffindbaren Audioaufzeichnungen offenbaren denn auch Langeweile pur. Am wenigsten unerträglich klingt dabei noch das zweitplatzierte ‚Der er en Forskel‘ (‚Das ist ein Unterschied‘) der Schwestern Vivian & Berit Larsen, das dem musikalischen Zeitgeist zwar ebenfalls um gefühlte vierzig Jahre hinterherhinkte, aber zumindest noch einigermaßen uptemporär daherkam. Vivian, die Dunkelhaarige der Beiden, nahm in den Achtziger drei weitere Male erfolglos am MGP teil, dort als mittlerweile verheiratete Vivian Johansen. 1983 konkurrierte sie dabei gegen ihre eigene Tochter, Gry Johansen, die dann statt ihrer mit ‚Kloden Dreyer‘ zum ESC nach München fuhr. Um auf den 1964er MGP zurückzukommen: dieser lässt sich am treffendsten mit dem Songtitel des geradezu unvermeidlichen Gustav Winckler (→ DK 1957) zusammenfassen: ‚Ugler i mosen‘ (‚Da ist was faul‘)!

Walzte seinen Walzer auf unnötige drei Minuten aus: der Björn.

Vorentscheid DK 1964

Dansk Melodi Grand Prix. Samstag, 15. Februar 1964, aus dem Tivoli in Kopenhagen. Neun Teilnehmer/innen. Moderation: Bent Fabricius-Bjerre.
#Interpret/inTitelPostkartenPlatz
01Else + Preben OxbølMit private Grand Prix----
02Bjørn TidmandSangen om dig102.1711
03Vivian + BeritDer er en Forskel--2
04Raquel RastenniVi taler samme Sprog----
05Otto BrandenburgStress----
06Grethe MogensenNattens Melodi----
07Gustav Winkler + Grethe SønckUgler i mosen----
08Dario CampeottoShangri-la--3
09Grethe Thordal + FrederikPolka i Grand Prix----

UK 1964: Liebesgrüße aus London

Einen etablierten Star, einen großen Namen als Repräsentanten des Vereinigten Königreichs beim Eurovision Song Contest zu finden, das war Anfang der Sechzigerjahre das Ziel des seinerzeitigen BBC-Unterhaltungschefs Tom Sloan, wie der britische Buchautor Gordon Roxburgh in seiner Fibel ‚Songs for Europe, Volume One‘ rapportiert. Und so ließ er sich vom deutschen Vorentscheid 1963 inspirieren und änderte das Format des im Jahre 1964 erstmals unter A Song for Europe firmierenden Auswahlverfahrens: anstelle mehrerer Künstler/innen sollte nur noch ein/e vorab ausgewählte/r Interpret/in alle Titel vorstellen. Nebenbei wollte er so den Fokus stärker auf den Song lenken: anstatt für den charmantesten oder bekanntesten Sänger, so die Hoffnung, sollten die regionalen Jurys für das beste Lied stimmen. Während man über Letzteres streiten mag, klappte das mit dem großen Namen sehr gut: Sloan zog den als Terrence Parsons geborenen Schnulzenkönig Matt Monro an Land, in Großbritannien in Anlehnung an seinen früheren Beruf auch bekannt als „Der singende Busfahrer“, der seit 1960 bereits acht Hits vorweisen konnte, zuletzt die Titelmelodie des aktuellen James-Bond-Streifens ‚From Russia with Love‘ (deutscher Filmtitel: ‚Liebesgrüße aus Moskau‘), und sich damit auf dem Höhepunkt seiner Popularität befand. Monro durfte sich aus einer Vorschlagsliste der britischen Komponistenlobby sechs Songschreiber aussuchen, die ihm jeweils ein Lied für A Song for Europe auf den Leib schneiderten. Wenig überraschend fiel seine Wahl überwiegend auf bisherige Weggefährten, darunter der Filmmusikkomponist Lionel Bart, aus dessen Feder ebendieser Bond-Titel stammte. Der augenscheinlich abergläubische Bart blieb als einziger beteiligter Liedautor der TV-Show aus Verärgerung ostentativ fern, weil sein Beitrag ‚Choose‘ bei der Auslosung der Startplätze die Startnummer 1 zugelost bekam – eine Position, so die unverrückbare Überzeugung des Komponisten, von der aus niemand gewinnen konnte und die für sein Lied das Aus bedeute. Womit er Recht behalten sollte: ‚Choose‘ landete in der Juryabstimmung auf Rang vier.

Abermillionen von Kinogänger/innen und TV-Zuschauer/innen weltweit vertraut: Monros Bond-Titellied (Repertoirebeispiel).

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PT 1964: auch morgen noch kraftvoll zubeißen

Gute drei Jahre vor meiner Geburt begann sie: die lange, tiefe Leidensgeschichte des westlichsten Landes Kontinentaleuropas beim Eurovision Song Contest, die erst 48 Teilnahmen und 53 Jahre später mit dem Sieg von Salvador Sobral ihr temporäres Ende finden sollte. Bis dahin erwies sich der von zahlreichen Roten Laternen und kümmerlichen Punktegaben gesäumte Weg als qualvoll und steinig. Schaut man sich das 1964 eigens zu diesem Zwecke, als nationale Vorentscheidung, aus der Taufe gehobene und bis zum heutigen Tag zu diesem Behufe verwendete Festival da Canção in voller Länge an, ahnt man, warum. Sechs Sänger/innen traten gegeneinander an bei der Premiere dieser im hohen Maße festlichen Veranstaltung, und ein/e jede/r von ihnen interpretierte jeweils zwei Canção (wohlgemerkt: ausschließlich Balladen, Uptemporäres war in diesem Land und zu dieser Zeit offenbar bei Zuchthaus verboten), die in ihrer staatstragenden Langweiligkeit und Fadheit rückblickend den bis dato in diesen Kategorien ungeschlagen führenden Grand Prix von 1961 als hemmungslos wilden Rock’n’Roll-Event erscheinen ließen. Die gesamte Szenerie scheint wie aus den feuchten Träumen des damaligen deutschen Eurovisionsverantwortlichen, Hans-Otto Grünefeldt, oder ihm geistig nahe stehender Freunde der „gehobenen“ Unterhaltung entsprungen: tadellos gekleidete Menschen stellen sich artig vor ein opulentes Orchester, ohne zu tanzen oder sich sonstwie zu verrenken, und singen mit durch die Bank herausragender Stimmkraft geschmackvolle, unanstößige, dezente Balladen, die garantiert keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken und von denen keine einzige jemals in die Gefahr geraten könnte, zu so etwas verwerflichem wie einem (man erschaudert schon bei dem Gedanken!) Gassenhauer zu degenerieren. Kaum ist der letzte Ton verklungen, drehen sie sich stande pede um und gehen zügig ab. Da kann man sogar über den Umstand hinwegsehen, dass etliche der insgesamt zwölf Beiträge nicht nur gefühlt die → Drei-Minuten-Grenze deutlich überschritten.

Die Verschmutzung des Atlantik mit erbgutverändernden Chemikalien und die schädlichen Auswirkungen auf die dortige Fischfauna war das Thema von Simone de Oliveiras viereinhalbminütigem (!) Beitrag ‚Augen in Augen‘.

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IT 1964: Gib mir noch Zeit

Welche Bedeutung das San-Remo-Festival zu seiner Blütezeit weit über die Grenzen Italiens hinaus hatte, vermag man sich heutzutage kaum noch vorzustellen. Eine leichte Ahnung davon vermittelt der Blick auf die Interpretenliste des als Grand-Prix-Vorentscheid genutzten Wettbewerbs im Jahre 1964. Da kam die ausführende Sendeanstalt RAI nämlich auf die grandiose Idee, die Zweitversionen der im Semifinale vorgestellten 24 Lieder von internationalen Stars singen zu lassen, um den Duft der großen weiten Welt in die ohnehin schon glamouröse Veranstaltung zu holen. Und das Verrückte: die eingeladenen Gäste kamen auch! So nahm beispielsweise neben der Italienerin Milva auch die Französin Frida Boccara (→ FR 1969) die ‚Letzte Straßenbahn nach Mitternacht‘, zusätzlich zum heimischen Swing-Sänger Nicola Arigliano machte sich auch der deutsche Rock’n’Roller Peter Kraus (‚Sugar Baby‘) auf den Marsch der ’20 Kilometer nach Morgen‘, und von dem herrlich pittoresken Tourismus-Werbeschlager ‚Sonne, Pizza und Liebe‘ gab es ebenfalls gleich zwei Versionen.

‚Sole, Pizza, Amore‘ – was mehr will man von einem Italien-Urlaub? Nur warum bei 1:20 Minuten die Frankfurter Kaiserstraße Erwähnung findet, will mir nicht in den Kopf!

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DE 1964: Ist die Enttäuschung groß

Nora Nova, DE 1964
Die GSD-Beamtin

Kein Jahr verlief wie das andere beim deutschen Vorentscheid, jedenfalls in den frühen Sechzigern: nach den glamourösen Schlagerfestspielen (1962), deren diesjährige Siegerin Siw Malmkvist (→ SE 1961, DE 1969) mit ihrem Wettbewerbsbeitrag ‚Liebeskummer lohnt sich nicht‘ die deutschsprachige Hitsingle des Jahres lieferte, und der One-Women-Show mit Heidi Brühl (→ DE 1963) fand diesmal in Frankfurt am Main wieder eine klassische Vorentscheidung mit mehreren Interpret/innen statt, erstmals unter dem dann fast ein Vierteljahrhundert lang gültigen Rubrum „Ein Lied für…“, gefolgt vom Namen des Austragungsortes (in diesem Fall also: Ein Lied für Kopenhagen). Das unbefriedigende Abschneiden der beiden deutschen Superstars Conny Froboess (→ DE 1962) und Heidi Brühl hatte das Image des Contests in der deutschen Pop-Szene allerdings nachhaltig beschädigt. Etablierte, zeitgemäße Namen bleiben fern, lediglich fünf altgediente Schlagersänger/innen, die ihren Zenit schon lange überschritten hatten, ließen sich für die Sendung zusammentreiben. Und eine Newcomerin.

Wo sie Recht hat, hat sie Recht!

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CH 1964: Sag mir quando, sag mir wann?

Sie sind schon ein Haufen chaotischer Leichtfüßer und Hallodris, diese Schweizer/innen, das muss man einmal klar und deutlich so sagen. Ordnung scheint ihnen völlig fremd zu sein, die eigene Geschichte unbedeutend, archivarische Verpflichtungen nichts als eine unnütze Belästigung! Und so ist, was den helvetischen Eurovisionsvorentscheid des Jahres 1964 angeht, noch nicht einmal bekannt, wann dieser stattfand, geschweige denn wo. Nur dass er stattfand, das wissen wir, und dass darinnen sechs Lieder gegeneinander antraten, dargeboten von fünf Künstler/innen. Neben dem in dieser Ära unvermeidlichen Jo Roland spielte somit auch eine gewisse Ulla Rafael eine Rolle, die, wie das Memoryradio recherchierte, Anfang der Sechzigerjahre mal eine Zeitlang bei dem Grand-Prix-Freunden nicht völlig unbekannten Münchener Plattenlabel Jupiter Records unter Vertrag stand, bei welchem damals noch Ralph Maria Siegel, der Senior, das Sagen hatte. Trotz eines TV-Auftrittes und einer Teilnahme am Knokke-Festival wollte Frau Rafael jedoch kein rechter Hit gelingen. Ullas seinerzeitigen eidgenössischen Vorentscheidungsbeitrag, ein (leider verschollenes) Lied mit dem schönen Titel ‚Allround Cha-cha-cha‘, nahm sie allerdings nicht auf Platte auf. Das tat an ihrer Stelle die trotz zahlreicher Label- und Produzentenwechsel ebenfalls Zeit ihrer Schlagerkarriere kommerziell erfolglos bleibende Schweizer Kollegin Liane Covi (Anspieltipp: ‚Zu jung‘), die damit aber auch einen Flop landete. Liane, geboren als Eliane Jacqueline Maria Haus, sollte es dann 1972 mit ‚C’est la Vie‘ beim helvetischen Vorentscheid versuchen, bei dem sie es ebenfalls nicht schaffte. Ihr damaliger Produzent Jack White packte das Lied auf die B-Seite ihrer zweitletzten Single ‚Wo die Sonne scheint‘. White gab dieses Lied jedoch auch an Tina York (→ Vorentscheid DE 1976), welche daraus einen kleinen Hit machte – im Gegensatz zu Liane, die 1974 einen Arzt heiratete und sich aus dem Schlagergeschäft zurückzog. Gleich zwei Lieder bei diesem Vorentscheid durfte die Tessinerin Anita Traversi (→ CH 1960) vortragen – und eines davon, nämlich das verträumt-verschnarchte ‚I miei Pensieri‘ trug den Sieg davon, so dass Traversi ein zweites Mal das Schweizerkreuz vertreten durfte.

Anitas Eurovisionsbeitrag, hier in der deutschen Coverversion – mit ausgesprochen internationaler Titelzeile. Macht es aber auch nicht besser.

Vorentscheid CH 1964

Fünf Teilnehmer/innen.

#Interpret/inTitelErgebnis
01Anita TraversiMandolino--
02Georges PilloudAmore in Ticino--
03Jean-Pierre + NathalieLe Temps d'aimer--
04Ulla RafaelAllround Cha-Cha-Cha--
05Jo RolandRêverie--
06Anita TraversiI miei Pensieri1