ESC 1965: Die Hitze der Jungs

Logo des Eurovision Song Contest 1965
Die Pop-Revolution

Im zehnten Jahr seines Bestehens schien der Eurovision Song Contest endgültig bei sich angekommen zu sein, die gröbsten Kinderkrankheiten einigermaßen ausgemerzt: unverzeihliche archivarische Lücken durch eine fehlende Aufzeichnung der Live-Sendung wie noch 1956 und 1964 sollten künftig nicht mehr vorkommen; die Frage, wer auf der Bühne die Siegestrophäe überreicht bekommt – Interpret/in oder → Komponist/in – sorgte nicht mehr für Verwirrung und peinliche Situationen wie noch 1957; die Wertung unterlag zwar noch ständigen Verfahrensänderungen, hatte sich aber als unverzichtbarer Teil der Sendung etabliert; die Zahl der teilnehmenden europäischen Staaten zeigte einen erfreulich stabilen Aufwärtstrend von sieben im Anfangsjahr zu aktuell 18 Nationen und die BBC hatte 1963 erste Meilensteine in Sachen Inszenierung gesetzt, welche die im Jubiläumsjahr erstmalige gastgebende italienische TV-Anstalt RAI allerdings nicht aufgriff. Vielmehr wirkte die Show aus Neapel extrem statisch: alle Teilnehmer/innen mussten hinter einem klobigen Stereo-Mikrofon Aufstellung nehmen und durften sich so gut wie nicht bewegen, während die Kameras sie überwiegend vom Hals aufwärts einfingen. Dazu kam eine Beleuchtung, die so grell wirkte, als habe sich die RAI für die Veranstaltung bei der NATO ein Dutzend Raketensuchscheinwerfer ausgeliehen, mit denen man nicht nur das knapp 1.000 geladene Gäste fassende TV-Studio, sondern zur Not auch den Nachthimmel von ganz Norditalien taghell hätte illuminieren können.

Wegen irgendwelcher bescheuerten Copyright-Schergen gibt’s den ESC 1965 leider nicht komplett am Stück zu sehen, sondern nur (in Teilen) als Playlist. Wie oft muss ich es noch betonen: wir haben TV-Gebühren bezahlt, die Show gehört uns! 

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DE 1965: Dann der Schlag ins Gesicht

Ulla Wiesner, DE 1965
Die Verzagte

Nur zu gerne ziehen Eurovisionsfans heutzutage über die mangelnde Unterhaltungskompetenz der ARD her – und der Hausherr dieses Blogs wäscht da seine Hände keinesfalls in Unschuld. Auch die eher einer freundlichen Übernahme durch Stefan Raab (→ DE 2000) gleichkommende „Kooperation“ des Ersten mit ProSieben bei den deutschen Eurovisionsvorentscheidungen von 2010 bis 2012 (im Wirtschafts-Neusprech hieße so etwas „Joint-Venture unter Abgabe der unternehmerischen Führung“) könnte man als (allerdings im Endergebnis sehr erfolgreichen) konzeptionellen Offenbarungseid interpretieren, wenn man möchte. Doch so neu ist das alles nicht: bereits in den Sechzigern tat sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen, namentlich der damals federführende Hessische Rundfunk unter seinem Unterhaltungschef Hans-Otto Grünefeld, ausgesprochen schwer mit dem Wettbewerb der leichten Muse.

Chart-Watch 1965: Nur der breite amerikanische Akzent der jugendlich-frischen Interpretin rettete den musikalisch wie textlich bräsig-biederen Siegertitel der Deutschen Schlagerfestspiele 1965 vor der absoluten Unerträglichkeit. Einen Nummer-2-Hit konnte Peggy March dennoch erzielen. Unbezahlbar: das Gesicht der unterlegenen Konkurrentin Gitte Hænning.

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DK 1965: Weil er ein Chauvi ist, ein Mannesmann

Ach, was hatten die Unterhaltungschefs der europäischen Rundfunkanstalten zu leiden am Grand Prix Eurovision! Nicht nur an den hohen Kosten und am murrenden Volk, wenn die Lieder mal wieder zu schlecht und / oder die Ergebnisse zu enttäuschend waren, sondern vor allem an dem klaffenden Krater zwischen dem eigenen akademischen Anspruch an exquisite Musik und der profanen Notwendigkeit von wettbewerbsfähigen Eurovisionsbeiträgen. Vom deutschen Delegationsleiter dieser Ära, Hans-Otto Grünefeld, weiß man, dass er all zu Gefälliges und Hitverdächtiges, Schlagerhaftes gar, wie es der Plebs bevorzugte, aus vollem Herzen hasste, und er wähnte sich da voll und ganz einig mit seinem dänischen Kollegen Svend Pedersen. Dem ging das seichte Tralala, das gerade sein Sender DR seit 1957 regelmäßig zu den europäischen Festspielen schickte, gewaltig gegen den Strich, und so wollte er eigentlich erst gar nicht teilnehmen in diesem Jahr. Nach einigem guten Zureden ließ er sich dann doch noch breitschlagen, allerdings nur unter der Bedingung, dass endlich einmal „Qualität“ an die Reihe käme. Und so kontaktierte er eine Reihe von klassischen Komponisten, die ihm insgesamt acht Titel für eine strikt hausinterne Jurywahl schrieben. Eine vierköpfige gestrenge Jury, bestehend aus dem Obersten Justizbeamten Eivind Helsted, dem Jazzmusiker Ib Glindemann, dem Programmredakteur Mogens Kilde und dem Komponisten Peder Holm entschied nach dem Anhören dieser Lieder, die lyrisch besonders anspruchsvolle und gesellschaftspolitisch hochbrisante Ballade ‚For din Skyld‘ nach Neapel zu entsenden, in welcher die seinerzeit 38jährige Interpretin Birgit Brüel sich einen Mann wünschte, der vom überkommenen Rollenbild des Eroberers ablässt und in ihr nicht das scheue, zu erjagende Wild sähe, sondern eine gleichberechtigte Partnerin. Unbedingt lobenswert – hätte die Gute diesen fortschrittlich feministischen Text in Form einer Proklamation verlesen und nicht gesungen. Denn als Lied war ‚Aufgrund deiner Schuld‘ einfach nur ein entsetzlich zäher, zu Tode langweilender Brocken, von Frau Brüel zudem mit angemessen griesgrämigen Gesicht vorgetragen. Erstaunlicherweise erhielt sie von den internationalen Jurys zehn Punkte – sehr viel für das damalige Wertungssystem, denn es reichte für den siebten Rang. Augenscheinlich saßen dort etliche des Dänischen mächtigen Feminist/innen. Birgit Thora Marie-Louise Brüel, wie die 1996 verstorbene Jazz-Sängerin und Schauspielerin mit vollem Namen hieß, trug übrigens noch zwei weitere Titel vor bei dieser senderinternen Auswahl, und die Nummer ‚Drømmefloden‘, eine völlig ziellos vor sich hin mäandernde, experimentell klingende Jazzballade fand ihren Weg auf die B-Seite der Single mit dem dänischen Beitrag 1965. Es ist das einzige neben dem Siegersong noch im Netz zu findende Lied dieses Vorentscheids, und die aus dem Anhören des Titels resultierenden Ohrenschmerzen illustrieren auf das Vortrefflichste, warum der Sender DR gut daran tat, die Beiträge dem Fernsehpublikum vorzuenthalten. 

Das Gespenst des Feminismus geht um in Europa: Birgit Brüel in Neapel.

Vorentscheid DK 1965

Dansk Melodi Grand Prix. Donnerstag, 18. Februar 1965, aus dem Studio 2 des Radiohuset in Kopenhagen. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: - (hausinterner Jury-Entscheid).
#Interpret/inTitelPlatz
01Birgit BrüelFor din Skyld1
02Birgit BrüelDrømmefloden--
03Birgit BrüelFørst nu--
04Bjørn TidmandForårsvise--
05Poul BundgaardErindring--
06Otto BrandenburgAt give dig gaver--
07DaimiHele verdens Jenka--
08Birthe WilkeSom du er--

SE 1965: Verlangen und Lust

Einzig und alleine das Lied soll im Vordergrund stehen beim Eurovision Song Contest, nicht der Interpret – von diesem möglicherweise gut gemeinten, aber völlig fehlgeleiteten Mantra (denn nur im gelungenen Zusammenwirken von Mensch und Material ergibt beides eine ergreifende Einheit) waren die TV-Unterhaltungschefs der westeuropäischen Sender nicht abzubringen in den Gründungsjahren des Wettbewerbs. Und so griff auch das schwedische Fernsehen 1965 zum gleichen Mittel wie die Kollegen aus Großbritannien und Belgien und nominierte, um das vergnügungssüchtige und leicht von großen Namen zu beeindruckende Publikum auszutricksen, einen einzigen Sänger, sämtliche Titel des nationalen Vorentscheids vorzutragen. Da der Contest in diesem Jahr in Italien, dem Mutterland der Oper, stattfand, lag es wohl irgendwie nahe, einen an den internationalen Spielstätten der Hochkultur gefeierten Bariton zu engagieren: man erhoffte sich bei SVT von dem bereits in jungen Jahren follikal Herausgeforderten Ingvar Wixell (zotigen Namenswitz bitte selbst einfügen) eine würdige Vertretung. Der 2011 verstorbene Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, der von 1967 an dreißig Jahre lang zum Ensemble der Deutschen Oper Berlin gehörte, lehnte zunächst einmal zwei der acht von vom Sender angefragten Komponisten speziell für ihn geschriebenen Titel ab. Unter den restlichen sechs Liedern verteilten die erstmals beim Melodifestivalen zum Einsatz kommenden elf regionalen Jurys ihre Punkte ziemlich eindeutig: nur Mitleidszähler gab es für das seinen Titel offensichtlich Lügen strafende ‚Väldigt vacker‘ (‚Sehr schön‘) und das zweideutige ‚Varm i dej‘ (‚Warm in Dir‘). Um so eindeutiger gewann der mit beeindruckender Stimmkraft intonierte ‚Annorstädes Vals‘ (‚Anderswo-Walzer‘), eine zarte, melancholische Sehnsuchtsballade, mit welcher das skandinavische Land nicht weiter entfernt von seiner heutigen Rolle als eurovisionäres Powerhouse des Pop hätte sein können, und in welcher der triebgeplagte Ingvar seiner abwesenden Fernbeziehung etwas vom frühlingshaften Knospen seiner Lüste vorsülzte, für die er sich Erlösung hinter den Schlüsselblumen erhoffte. Diesen blumigen Sex-Talk entschärfte er jedoch in Neapel, wo er den Beitrag in einer etwas unverfänglicheren englischen Fassung als ‚Absent Friend‘ vortrug. Das Nichtbeachten der seinerzeit noch ungeschriebenen → Sprachenregel sorgte indes dafür, dass die EBU eben jene ab 1966 schriftlich verbindlich fixierte. Es sollte noch ein knappes Jahrzehnt vergehen, ehe Schweden zu seiner Form und – mit einer weiteren Regelübertretung – zum ersten Sieg fand.

Wegen mir hätte Ingvar auch auf Suaheli singen können. Mehr verstanden hätte ich dennoch nicht.

Vorentscheid SE 1965

Melodifestivalen. Samstag, 13. Februar 1965, aus dem Djurgården in Stockholm. Ein Teilnehmer. Moderation: Birgitta Sandstedt.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Ingvar WixellStilla och Tyst282
02Ingvar WixellKommer Vår054
03Ingvar WixellVarm i dej025
04Ingvar WixellFörtrollad Stad143
05Ingvar WixellVältigt vacker016
06Ingvar WixellAnnorstädes Vals501

BE 1965: Il pleut de l’Or

1963, als der flämische Sender zuletzt für den belgischen Beitrag verantwortlich zeichnete, unterlag die als Liliane Couck geborene Sängerin Lize Marke im Vorentscheid noch knapp (mit nur drei Punkten Differenz) gegen ihren Mitbewerber Jacques Raymond. Diesmal baute VRT vor und buchte Lize, welche im gleichen Jahr noch ihre eigene TV-Personality-Show bekam, exklusiv für die Repräsentanz des Landes beim Eurovision Song Contest. Einen Vorentscheid gab es dennoch: sechs Liedlein durfte die Chanteuse vorstellen, und eine paritätisch mit „Experten“ und Zuschauer/innen besetzte Jury erwählte daraus die musikalisch äußerst dezent daherkommende Ballade ‚Als het weer Lente is‘ (‚Wenn es wieder Frühling ist‘), in welchem die Protagonistin ihrem in den kälteren Jahreszeiten offensichtlich fern der Heimat weilenden Gespons verspricht, für ihn die „Tautropfen“ zu „sparen“ und ihm bei seiner Rückkehr aus sonnigeren Gefilden von den zwischenzeitlich angesammelten Reichtümern alles zu kaufen, was er sich nur wünscht. Nun entzieht sich meiner Kenntnis, in welchem unbekannten Feenland man mit einer derart nassen Währung bezahlen kann – oder handelte es sich gar um eine besonders blumige Metapher für gewisse Körperflüssigkeiten, mit denen Frau Couck ihren Teilzeit-Lover zu entlohnen gedachte? Um den merkwürdigen Song entspann sich eine kleine Kontroverse, als aufmerksame Grand-Prix-Fans den Sender nach dem Vorentscheid darauf hinwiesen, dass der Titel bereits im Fernsehen gesungen worden war, und zwar von Tonia (→ BE 1966). Trotz des frappanten Regelverstoßes schickte VRT Lize, die selbst wohl eher den zweitplatzierten Beitrag ‚Een Wereld zonder jou‘ bevorzugte, mit dem anrüchigen Frühlingslied gen Neapel, wo sie allerdings eine kalte →  Null-Punkte-Dusche über sich ergehen lassen musste. Eine besonders blühende Karriere sollte ihr im Anschluss nicht mehr gelingen.

Venedig im Regen: Lizes Tautröpfchen verdampften im warmen Klima Italiens.

Vorentscheid BE 1965

Finale van de belgische Bijdrage tot het Songfestival. Samstag, 13. Januar 1965. Eine Teilnehmerin.

#InterpretTitelPunktePlatz
01Lize MarkeAls het weer Lente is3171
02Lize MarkeRegenlied2773
03Lize MarkeEen Wereld zonder jou2852
04Lize MarkeJij alleen2496
05Lize MarkeJij bent onmisbaar2665
06Lize MarkeZoals2704

NL 1965: Marmor, Stein und Schlager bricht

Nach zwei internen Auswahlen kehrte das niederländische Fernsehen 1965 wieder zum öffentlichen Vorentscheid zurück. Und das mit Grandezza: über eine ganze Woche lang erstreckte sich das Nationaal Songfestival (NSF) in diesem Jahr. Insgesamt fünf aktuelle Schlagerstars beteiligten sich daran und stellten in getrennten Vorrunden jeweils drei Songs vor, aus denen das Publikum jeweils einen für das gemeinsame Finale auswählte. Den Auftakt machte die als Fünfzehnjährige in einer Talentshow entdeckte Trea van der Schoot. Die hatte auf Anraten ihrer Mentorin Caterina Valente (!) zeitgleich zu ihrer beginnenden Schlagerkarriere in den Niederlanden versucht, auch den lukrativen deutschen Markt zu entern und dazu ihren Namen in das für germanische Zungen leichter auszusprechende Trea Dobbs geändert, zu dem sich die Valente durch einen Zirkusclown inspirieren ließ. Es half Trea nicht viel: Platten wie ‚Rita, Pepita, Conchita‘ (eine Ode an die spanische Eurovisionsvertreterin 1965?) oder ‚Du hast mir einen Hund geschenkt‘ blieben in den Regalen liegen. Dafür landete sie zu Hause in diesem Jahr mit der niederländischen Fassung des Drafi-Deutscher-Evergreens ‚Marmor, Stein und Eisen bricht‘ (bei Trea: ‚Marmer, Staal en Steen vergaan‘) einen Top-Ten-Hit. Genau so übrigens wie mit ihrem auf einem aktuellen Modetanz basierenden NSF-Finalbeitrag ‚Ploem ploem Jenka‘, mit welchem die Holländer einmal mehr ihr Händchen für karnevaleske Schunkelschlager unter Beweis stellten.

Klingt genau so plem plem, wie der Titel es verspricht: Trea Dobbs Jenka.

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IE 1965: The Rain! The Rain! Crying!

Erst im zehnten Jahr seines Bestehens debütierte die mit insgesamt sieben Siegen bis heute erfolgreichste Nation beim Eurovision Song Contest. 1956 bei der Grand-Prix-Premiere in Lugano konnte Irland indes noch gar nicht dabei sein: da verfügte die streng katholische und seinerzeit noch ein wenig rückständige Inselnation nämlich noch nicht über eine eigene Rundfunkstation. Erst 1961 gründete sich das Staatsfernsehen RTÉ, und vier Jahre später fühlte man sich dann fit genug, sich am kulturellen Kräftemessen der europäischen Nationen zu beteiligen. „Zu diesem Zeitpunkt schien die Eurovision in den Augen der Iren eine sehr anspruchsvolle Angelegenheit zu sein,“ schreibt der Autor David Blake Knox in seinem 2015 erschienenen Buch ‚Ireland and the Eurovision‘, und die Auswahl des keltischen Vertreters vor allem von dem Wunsch beseelt, er oder sie möge die Nation vor der Weltöffentlichkeit „nicht blamieren“. So mussten sich die zwölf Teilnehmer/innen des ersten irischen Vorentscheids – größtenteils die Leadsänger der damals hochgradig populären Tanzkapellen – dem Anlass entsprechend in Smoking oder Abendkleid werfen und durften nicht ihr übliches Repertoire zu Gehör bringen, das neben Coverversionen aktueller Hits vor allem aus Country & Western und heimischem Folk bestand.

Dickie Rock (→ IE 1967) war einer der populärsten Teilnehmer beim irischen Vorentscheid 1965. Sein übliches Repertoire (hier sein Hit ‚One by one‘ aus dem gleichen Jahr) durfte er jedoch ebenfalls nicht bringen.

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ES 1965: Fessle mich!

Mit einem geradezu gigantischen Knock-out-Verfahren bestimmte der spanische Sender TVE im Jahre 1965 seinen Eurovisionsbeitrag. Beginnend im Oktober 1964, stellte man der Öffentlichkeit im Rahmen der wöchentlichen TV-Show Gran Parada insgesamt 54 (!) Lieder vor. Gegen Ende jedes Monats traten die zurückliegend präsentierten Titel in einem Semifinale gegeneinander an, die beiden Bestplatzierten gelangten ins Anfang Februar 1965 angesetzte Finale des Eurofestival. Zu den so gefundenen acht Beiträgen (oder, genauer gesagt: sieben, denn einen Titel musste der Sender disqualifizieren) addierte TVE nochmal sechs Direktstarter hinzu, die sich nicht dem Vorauswahlverfahren stellen mussten, darunter der spätere Siegersong. Im Finale vergaben sechzehn Juroren, darunter auch ausgewählte Zuschauer/innen, pro Wertungsdurchgang jeweils einen Punkt für jedes Lied bis auf eines. Der Beitrag mit den wenigsten Punkten flog dann raus, alle anderen stellten sich erneut zur Wahl. Bereits relativ früh, als Vierten von 13 Teilnehmer/innen, traf das Schicksal den iberischen Vertreter von 1972, Jaime Morey, mit seinem Lied über einen Flamencotänzer – einer von zahlreichen Beiträgen, die sich mit geradezu klischeehaft spanischen Themen befasste. Leider sind – bis auf die Medaillenränge – sämtliche Titel des Eurofestivals nicht mehr auf Youtube auffindbar. Der Bronzeplatz ging an Raphael (→ ES 1966, 1967), der mit den ‚Feriantes‘ (‚Rummelplatzbesuchern‘) eine der für ihn so typischen hochdramatischen Nummern ablieferte, für welche ich die Halbinsel im Süden Europas so sehr liebe.

Irgendwie möchte man die ganze Zeit „THE RAIN! THE RAIN! DANCING!“ dazu skandieren: das zweitplatzierte Dynamische Duo.

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PT 1965: Weniger ist mehr

Sie muss nahezu unbegrenzt sein, die lusitanische Leidensbereitschaft. Oder aber das Land versetzt das Trinkwasser seiner Bewohner/innen mit Crystal Meth. Anders ist es nicht zu erklären, dass die südeuropäische Halbinsel zumindest in der ersten Hälfte dieses zweiten Festival da Canção (FdC) nicht in kollektiven, hundertjährigen Tiefschlaf verfiel. Aus der demütigenden Premiere der seinerzeitigen Diktatur beim Eurovision Song Contest 1964, von welchem man mit ganzen → null Punkten wieder abreiste, hatte der Sender RTP nicht das Geringste gelernt: drei bereits im Vorjahr beim FdC präsente Sänger/innen, darunter der in Kopenhagen so glücklose António Calvário, interpretierten vor einer geschmackvoll zurückhaltenden Studiodekoration wie festgenagelt am Mikro stehend vier musikalisch nur in winzigen Nuancen unterscheidbare, so pompös instrumentierte wie uneingängige Schnarchballaden. Ein schwelgerisch geigendurchfluteter, dennoch unglaublich zäher Einheitsbrei, der jede/n nicht unter Aufputschmittelmitteln stehende/n Zuschauer/in umgehend in Morpheus Arme schicken muss. Erst mit dem Erscheinen der legendären Madalena Iglésias auf Startposition 5 kam etwas Schwung in den Abend. Zwar nicht unbedingt musikalisch, dafür bot auch das dezent dramatische ‚Silêncio entre nós‘ (‚Schweigen zwischen uns‘) dem pop-geneigten Ohr zu wenig Anknüpfungspunkte. Dafür aber lieferte die Ritter-Sport-gesichtigte Interpretin, die sich schon bei der FdC-Premiere 1964 mit besonders eindringlicher Mimik aus der Masse der Konkurrent/innen hervorhob, auch diesmal wieder ausdrucksstark ab. Für portugiesische Verhältnisse kokettierte sie fast schon mit der Kamera – ein kleiner Tabubruch, der immerhin für eine Bronzemedaille reichte.

Quadratisch, praktisch, gut: in Madalenas Antlitz zu lesen, ist ein Genuss.

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YU 1965: Immer mehr vom Meer sehn

Es waren in den Sechzigerjahren mehr oder minder stets dieselben Namen, die auf der Teilnehmerliste der jugoslawischen Vorentscheidung auftauchten. Früher oder später gewann dann auch fast Jede/r von ihnen mal und durfte den Vielvölkerstaat beim Eurovision Song Contest vertreten. Eine, die das trotz beinahe durchgehender Präsenz bei der Jugovizija nie ganz schaffte, und das, obwohl sie laut Wikipedia die erfolgreichste Schlagersängerin des Balkanstaates ist, war Gabi Novak. Klingt ziemlich germanisch, dieser Vorname, werden Sie sich jetzt vielleicht denken, und liegen damit völlig richtig: die gute Gabi kam nämlich 1936 als Kind eines kroatischen Vaters und einer deutschen Mutter in Berlin zur Welt, von wo die Familie jedoch bei Kriegsausbruch auf die dalmatinische Insel Hvar floh. 1965 kam Frau Novak, die im Laufe ihrer Jahrzehnte umspannenden Karriere auch in einigen Schlagerfilmen mitwirkte, neben ihrer Brot-Musik aber auch Jazz-Alben veröffentlichte, und die 1973 den Sängerkollegen und Poeten Arsen Dedić ehelichte, der für viele ihrer Titel kompositorisch verantwortlich zeichnete, einem Eurovisionsauftritt so nahe wie nie: mit dem hübschen Schlager ‚Prvi Snijeg‘ (‚Erster Schnee‘) gelang ihr der zweite Platz bei der Jugovizija und ein Hit im Heimatland.

Leider nur als Audio verfügbar: Gabis Erster Schnee.

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CH 1965: Rien de rien

Sechs Lieder rangen um das Ticket nach Neapel beim schweizerischen Vorentscheid von 1965, dargeboten von fünf Sängerinnen – jawohl, ausschließlich Damen traten an in Locarno, und keine einzige von ihnen besaß helvetische Wurzeln. In Sachen Frauenquote und Integrationsbereitschaft macht den gesellschaftlich fortschrittlichen Schweizer/innen eben keiner was vor! Die gebürtige Israelin Carmela Corren, die gleich alle beiden deutschsprachigen Beiträge vortrug, beendete hier ihre eurovisionäre Tournee durch die sogenannten DACH-Nationen: nach der Teilnahme am deutschen Vorentscheid von 1962 und als Repräsentantin Österreichs beim Eurovision Song Contest von 1963 fehlte ihr nur noch die Eidgenossenschaft zur Vervollständigung ihrer Kollektion. Carmela traf in Locarno auf zwei relativ unbekannte italienische Konkurrentinnen, die beim gleichen Plattenverlag eines in Mailand tätigen Schweizer Unternehmers unter Vertrag standen, nämlich Bruna Lelli (→ San-Remo-Festival 1962) und Wilma Goich (→ SRF 1965), die in dem flotten ‚Un Bacio sulla Dita‘ (‚Ein Kuss auf den Finger‘) vermutlich von einer brenzligen Begegnung mit dem örtlichen Mafia-Boss berichtete. Für die Romandie ging zum einen die in Mannheim als Adrianna Medini geborene Audrey Arno an den Start, die 1960 gemeinsam mit dem eidgenössischen Hazy-Osterwald-Sextett den infektiös rhythmischen ‚Paschanga‘ in die Charts gebracht hatte – allerdings bizarrerweise nicht in die heimischen, sondern in die US-amerikanischen Billboard-Hot 100. Oh, und am San-Remo-Festival 1965 nahm sie ebenfalls teil! In Frankreich gelangen ihr kleinere Erfolge vor allem mit Coverversionen internationaler Hits, wozu ihr schweizerischer Vorentscheidungsbeitrag ‚Douce‘ natürlich nicht zählte. In den Siebzigerjahren verschlug es Audrey nach Las Vegas, wo sie in der Moulin-Rouge-Revue auftrat. Dort verstarb sie 2012 an den Folgen einer längeren Alzheimer-Erkrankung.

Zwei Versuche, kein Glück: sowohl beim italienischen als auch beim schweizerischen Vorentscheid von 1965 konnte sich Wilma Goich nicht durchsetzen (Audio).

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IT 1965: Walk like a Man

Welch‘ ein Höhenflug: die 1964 erstmals exekutierte Idee der San-Remo-Macher, sich internationale Top-Stars zum europaweit berühmten Festival einzuladen, welche dort die Zweitvariante der von heimischen Künstlern vorgestellten Lieder sangen, hatte nicht nur den ohnehin schon herausragenden Glamour-Faktor der Gala noch einmal in ungeahnte Höhen getrieben, sondern auch das musikalische Niveau der Lieder gestärkt – und sogleich bei der Premiere des neuen Konzepts für Italiens ersten Eurovisionssieg gesorgt! Kein Wunder, dass die RAI das Format auch 1965 beibehielt. Was allerdings unter dem landeseigenen Sangespersonal nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß: einige etablierte San-Remo-Stars, wie z.B. Adriano Celentano, blieben dem Wettbewerb aus Protest fern. Auch der in der vergangenen Dekade beim Festival und darüber hinaus äußerst erfolgreiche Cantautore Domenico Modugno (→ IT 1958, 1959, 1966) fehlte: sein Beitrag hatte die Vorauswahl nicht überlebt. Das gleiche Schicksal ereilte den Rentnerinnenschwarm Claudio Villa (→ IT 1962, 1967). Dafür ging die Vorjahressiegerin und Grand-Prix-Gewinnerin Gigliola Cinquetti (→ IT 1964, 1974) wieder an den Start: ihre aktuelle Ballade ‚Ho bisogno di vederti‘ (deren Zweitfassung niemand Geringeres als Connie Francis sang!) zählt allerdings leider nicht zu ihren stärksten Titeln, auch wenn es zu einer Finalteilnahme und einer Top-Ten-Platzierung in den heimischen Charts reichte.

Der Brillenschlumpf fängt an: Nicola di Bari gibt alles.

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