ESC 1966: Zwingen kann man kein Glück

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Das Jahr der Showtreppe

Das zehnjährige Jubliäum des Eurovision Song Contests nahm die EBU zum Anlass, im Frühjahr 1966 bei den teilnehmenden TV-Anstalten Ideen für die künftige Gestaltung des Wettbewerbs zu sammeln. Dabei zeigten sich regional sehr unterschiedliche Schwerpunkte, wie Gordon Roxburgh in der Fibel Songs for Europe auflistet: so bestanden die skandinavischen Sender darauf, dass der „musikalischen Qualität“ der Beiträge die absolute Priorität einzuräumen sei. Die westeuropäischen Anstalten wie die ARD, das belgische BRT, der ORF und das französische Fernsehen wollten vor allem die Teilnehmerzahl von zuletzt 18 Nationen reduzieren und schlugen verschiedene Formate für Semifinale vor, wie sie sich aber erst 2004 durchsetzen sollten. Die linguistisch zwiegespaltenen Belgier votierten dabei für die Zuteilung der Länder anhand von Sprachgruppen, was ihnen selbst gleich zwei Startplätze beschert hätte: einen für Flandern in der niederländischen Vorrunde, einen für Wallonien in der ungleich größeren französischen Gruppe. Noch mehr Beiträge hätte dies für die Schweiz bedeutet: einen für das deutsche Semi, einen fürs französische und einen weiteren fürs italienische. Die RAI wollte den Wettbewerb hingegen gerne über zwei oder gar drei Abende strecken, nicht unähnlich dem eigenen San-Remo-Festival. Die BBC nahm Anstoß an der überproportionalen Präsenz Frankreichs, das via Monaco und Luxemburg stets dreifach vertreten war und sich im Juryvoting gegenseitig die Punkte zuschaufeln konnte. Das skandinavische Verlangen nach „Qualität“ konnten die Briten nicht nachvollziehen: der Siegersong würde schließlich stets anhand seines „Pop-Appeals“ bewertet.

Kleine Bühne, große Show: 1966, ein Meilenstein-Contest.

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UK 1966: Jeder Schotte hat in Schottland ein Schottenröckchen an

„Ich erinnere an ein Gespräch mit einem französischen Verleger,“ so erzählt der Texter des britischen Eurovisionsbeitrags von 1966, Peter Callander, in Gordon Roxburghs Buch Songs for Europe, „damals war die Eurovision sehr bedeutend und man konnte viel Geld damit machen. Der aber sagte mir: ‚Ich glaube, die BBC erlaubt sich einen Scherz mit uns‘, weil sie es einfach nicht glauben konnten, dass so ein Lied beim ESC dabei sein sollte. Es war einfach falsch“. Der zu rede stehende Song, ‚A Man without Love‘, ein lieblich-pompöser Operettenschlager wie direkt aus einem Musicalfilm der vierziger Jahre, passte allerdings perfekt zu seinem Interpreten Kenneth McKellar, der die britische Songauswahl 1959 als fix gesetzter Repräsentant des Vereinigten Königreichs alleine bespielen durfte. Knapp 150.000 Postkarten gingen im Anschluss an die aus fünf Liedvorschlägen bestehende Sendung bei der BBC für den Titel ein, etwa 40% der Einsendungen. Dass so jemand wie der klassisch ausgebildete Operntenor McKellar das Mutterland der Popmusik vertrat, entschied der BBC-Verantwortliche Tom Sloan im Alleingang: „Er wollte zur Abwechslung mal einen ordentlichen Sänger,“ so Callander. Auch Kenneths Grand-Prix-Outfit entsprang Sloans Wunsch: „Tom war sehr pro-schottisch eingestellt,“ erinnert sich die BBC-Produzentin Yvonne Littlewood im selben Buch, „er war entschlossen, Kenneth im Kilt auftreten zu lassen“. Die Erwartungen waren hoch, zumal der gebürtige Schotte den stärksten Saalapplaus des Abends erhielt. Doch das kann täuschen: „Die waren wohl nur froh, dass sie es überstanden hatten,“ vermutete Callander, nachdem ‚A Man without Love‘ in der Endabrechnung mit mageren acht Punkten – davon fünf aus Irland – im Mittelfeld versackte. Für einen kleinen Hit (#30) zuhause reichte es dennoch. McKellar nahm noch zahlreiche klassische Alben auf. Er verstarb 2010 im Alter von 82 Jahren an Krebs.

Gegenüber der Song-for-Europe-Fassung um 20 Sekunden gekürzt, dennoch gefühlt drei Stunden lang: der Mann im Rock und sein furchtbarer Operettenschlager.

Vorentscheid UK 1966

A Song for Europe. Donnerstag, 27. Januar 1966, aus dem TV-Studio der BBC in London. Ein Teilnehmer. Moderation: David Jacobs.
#Interpret/inTitelStimmenPlatz
01Kenneth McKellarAs long as the Sun shines117.5182
02Kenneth McKellarCountry Girl3
03Kenneth McKellarA Touch of the Tartan5
04Kenneth McKellarA Man without Love149.4281
05Kenneth McKellarComes the Time4

DE 1966: Vorwärts und nie zurück

Margot Eskens, DE 1966
Die Preußische

Karrierezerstörende → Null-Punkte-Resultate zu ersingen, darauf ließen sich Mitte der Sechziger die wenigsten deutschen Schlagerstars noch ein, und so hatte der Eurovisionsverantwortliche des Hessischen Rundfunks, Hans-Otto Grünefeld, langsam ernsthafte Probleme, noch Sänger/innen für den Grand Prix zu finden. Aber eine wollte – eine, die man vor drei Jahren zugunsten von Heidi Brühl (→ DE 1963) fallen gelassen hatte. Und auch diesmal, so kolportiert es Jan Feddersen in seiner Grand-Prix-Bibel ‚Ein Lied kann eine Brücke sein‘, wollten die ARD-Oberen viel lieber die Niederländerin Corry Brokken (→ NL 1956, 1957, 1958) importieren, in Deutschland zuletzt mit dem todtraurigen Tränenzieher ‚La Mamma‘ sehr erfolgreich. Doch die erinnerte sich vermutlich noch mit Grauen an die rüden Umgangsformen der Frankfurter (nach ihrem Sieg beim ESC 1957 hatte ihr der damalige hr-Direktor zunächst eine Trophäe überreicht, nur um sie ihr kurz darauf wieder zu entreißen und an ihren → Komponisten auszuhändigen, welcher der wirkliche Gewinner sei, wie man ihr auf Deutsch beschied) und sagte dankend ab.

Chartwatch 1966: Wencke Myhre (→ DE 1968), die Siegerin der Deutschen Schlagerfestspiele 1966, mit ihrem Nummer-Eins-Monsterhit ‚Beiß nicht gleich in jeden Apfel‘. Die Copyrightklage von Apple ist schon in der Post!

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DK 1966: Kann ich die Wurst mal sehen?

Dass auf Geheiß des dänischen Eurovisionsverantwortlichen Svend Pedersen im Vorjahr eine interne Auswahl stattfand mit Songs, die „Qualität“ beinhalten sollten, und dass als deren Ergebnis in Neapel der wohl feministischste Grand-Prix-Beitrag dieser Ära zu hören war, zeigt Nachwirkungen: der Wiener Dichter und Büchner-Preisträger Hans Carl Artmann, bekannt für seine Mundartgedichte und seine surrealistischen Erzählungen, nahm als Sänger am 1966 wieder als öffentlicher Vorentscheid stattfindenden Melodi Grand Prix teil, dort allerdings unter dem Künstlernamen Ib Hansen. Ob sein Lied ‚Lille Veninde‘ (‚Kleine Freundin‘) allerdings hohen poetischen Ansprüchen genügte, lässt sich nur schwer beurteilen: leider ist es in den Tiefen des Netzes nicht aufzufinden. Dafür stolpert man dort über eine absolute Vorentscheidungsperle aus der Kehle des alten Bekannten Gustav Winckler (→ DK 1957). Der MGP-Dauergast widmet sich in seinem Beitrag einem bis dato beim Eurovision Song Contest noch niemals behandelten Thema (auch wenn sich sicherlich das eine oder andere Lied schon mal in irgendeiner Form der Fleischeslust widmete): der ‚Salami‘ nämlich! Oder handelt es sich hier gar um einen Euphemismus? Schließlich sieht die Eselswurst schon ziemlich phallisch aus, wenn man sie nicht gerade in Scheiben schneidet. Die dänischen Juroren vermochte die wurstig-entspannt swingende Jazz-Ballade jedoch nicht zu überzeugen: mit lediglich einem Gnadenpünktchen verhungerte Gustav auf dem letzten Platz. Da saßen wohl hauptsächlich Vegetarier in der Jury!

Und als Getränk dazu gibt’s leckeres Wurstwasser: der Wincklergustav mit seiner Ode an den Fleischesriemen (Audio).

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CH 1966: Seit wann nimmst Du denn zweite Wahl?

Wie schon des Öfteren klaffen auch für das Jahr 1966 archivarische Lücken, größer als die Löcher in einem Schweizer Emmentaler, in den verfügbaren Unterlagen über den eidgenössischen Vorentscheid. Die Titel von sechs Beiträgen sind gerade mal bekannt und die Namen von zwei, wie es sich für die Schweiz gehört, aus dem Ausland importierten Teilnehmerinnen, darunter die Siegerin. Dass uns an den restlichen Liedern vermutlich nicht viel verloren ging, illustrieren diese Beiden ziemlich überzeugend. Da ist zum einen die italienische Gameshow-Assistentin und Sängerin Anna Identici, die im gleichen Jahr erstmals in ihrer Heimat beim San-Remo-Festival antrat und in der Schweiz der Einfachheit halber die B-Seite ihres dortigen Wettbewerbsbeitrags ‚Una Rosa da Vienna‘ präsentierte. Und wie eine B-Seite hörte sich ihr Titel auch an. Aus Paris stammte hingegen die damals erst 17jährige Madeleine Pascal, in dessen siegreichem Liedchen ‚Ne vois-tu pas?‘ Menschen mit einem offensichtlich feineren Gehör als ich eine gewisse Verwandtschaft zu dem furchtbaren französischen Vorjahresbeitrag ‚N’avoue jamais‘ von Guy Mardel festgestellt haben wollen. Was ich allerdings nicht teilen kann. Spielt aber auch keine Rolle: die mit keiner großen Stimme ausgestattete Madeleine hauchte ihr grundegales Chansönchen in Luxemburg recht notdürftig dahin und rettete sich durch scheues Lächeln über die Runden. Als gebürtige Gallierin erhielt sie selbstredend dennoch reichlich Punkte von den frankophilen Jurys. Kaufen wollte den Schrott aber anschließend natürlich niemand, und nach zwei bis drei ebenso erfolglosen Nachfolgesingles verschwand Madame Pascal rasch wieder in der Versenkung.

N’ecoute-tu pas? Madame Pascal chante en Luxembourg.

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NO 1966: We’re not gonna take it

Sie hatte ein klein wenig was von einem feministischen Folk-Festival, die norwegische Eurovisions-Vorentscheidung Melodi Grand Prix 1966. Was nicht nur daran lag, dass ausschließlich Frauen sangen. Nein, auch der eine oder andere der insgesamt fünf dort vorgestellten Titel verströmte einen leisen, leichten Hauch von Auflehnung und Rebellion, sei es durch seine Instrumentierung, seinen Text oder seine Interpretation. Interessanterweise stammten diese Lieder allesamt aus der schöpferischen Hand eines einzelnen Mannes, nämlich des norwegischen Komponisten und ESC-Vertreters von 1964, Arne Bendiksen. Was auch vor dem weiteren Hintergrund bemerkenswert erscheint, dass eine sendereigene Jury diese fünf – in jeweils zwei unterschiedlich instrumentierten Fassungen von zwei unterschiedlichen Sängerinnen dargebotenen – MGP-Titel aus insgesamt 325 Einsendungen ausgewählt hatte und dabei gleich alle drei Vorschläge Bendiksens beachtete. Lediglich der Eröffnungssong und mit 96 Sekunden Lieddauer noch nicht einmal kürzeste Beitrag des Abends, der von Wencke Myhre in einem bezaubernden Geschenkschleifenkleid unternommene, musikalisch flotte ‚Lørdagstripp‘ (‚Samstagsausflug‘), sowie die hoffnungslos altmodisch-verstaubte Ballade ‚Ung og forelsket‘ (‚Jung und verliebt‘), die der Sender folgerichtig Anita Thallaug (→ NO 1963) zudachte, zählten nicht dazu. Thallaug interpretierte in der ersten Lied-Runde, die mit dem kleinen Orchester, auch den in der anschließenden Jurywertung letztplatzierten Song, das beatbetont-fröhliche ‚Vims‘, mit dem sich die Sängerin allerdings stimmlich geringfügig überfordert zeigte.

Shake dat Ass: Frau Thallaug überzeugte eher tänzerisch als gesanglich. Oh, und natürlich durch die schmiedeeisernen Locken.

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NL 1966: Oranje is the new black

Über ein ganze Woche zog sich, wie bereits im Vorjahr, die niederländische Vorentscheidung von 1966: in fünf aufeinanderfolgenden Vorrunden trat zunächst jeder der fünf Finalist/innen mit jeweils drei Titeln an, aus denen eine jeweils 15köpfige Jury den jeweiligen Beitrag für das Finale des Nationaal Songfestival heraussuchte. Dort trafen dann unter der Moderation von Eurovisionssiegerin Teddy Scholten (→ NL 1959) so unterschiedliche Künstler/innen zusammen wie Piet Sybrandi, der sich schon 1960 vergeblich am NSF beteiligt hatte und auch heuer den letzten Platz belegte, und das noch relativ neue Schlagerduo The Luckberrys, deren für deutsche Ohren lustig zu lesender Titel ‚Mijn Hart klopt alleen maar voor jou‘ die Vorauswahl nicht überlebte und stattdessen dem superpeppigen Rock’n’Roll-Schlager ‚Dromen zijn Bedrog‘ den Vortritt lassen musste. ‚Träume sind Betrug‘: ich höre vor meinem inneren Ohr förmlich, wie Bernd Meinunger ob dieses Schlagertext-Sakrilegs in schockbedingte Schnappatmung verfällt! Die fünf Vorrundenjurys stimmten im Finale gemeinschaftlich über das Siegerlied ab, und sie trafen mit sehr klarer Mehrheit eine in zweierlei Hinsicht fortschrittliche und mutige Wahl. Denn sie entschieden sich den Song ‚Fernando en Filippo‘, vom niederländischen Kommentatoren beim Eurovision Song Contest als „Parodie“ auf die allseits beliebten und stets klischeetriefenden Mexiko-Schlager angekündigt, mit denen sich der Westeuropäer gerne mal ein wenig Exotik und südamerikanische Lebensfreude in die Wohnstube holte. Die Nummer eröffnete mit den legendären lautmalerischen Textzeilen „Tong-ki tong ti-ki kong-kong-kong“ und lieferte in den Strophen auch nicht viel Tiefgreifenderes über den Chilenen Fernando und seinen Nebenbuhler Filippo ab. Noch wegweisender als dieser erste offizielle Comedy-Song der Grand-Prix-Geschichte aber war die Wahl seiner Interpretin.

Dahinten liegt San Antonio, gleich links von der Bühne und dann nur ein paar tausend Kilometer über den Atlantik.

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IT 1966: Rebel Yell

Dass beim typischen Italiener gerne mal die Emotionen hochkochen, ist ein nur all zu bekanntes Klischee, welches sich bei dem auch 1966 erneut als Grand-Prix-Vorentscheidungsverfahren genutzten San-Remo-Festival (SRF) mal wieder auf das Schönste bestätigte. Anders als in den beiden Vorjahren, wo die RAI als Zweitbesetzung für jeden Wettbewerbsbeitrag einen internationalen Star zwingend vorschrieb und damit für eine extrem glanzvolle Veranstaltung mit hochkarätigen Namen sorgte, beließ man es diesmal bei einer entsprechenden Empfehlung. Was zur Folge hatte, dass die Zahl der internationalen Gaststars zwar nicht auf Null zurückging, aber deutlich sank. Und sich kein einziger deutscher Künstler mehr im Aufgebot befand. Dafür kehrten die beiden italienischen Topstars Domenico Modugno (→ IT 1958, 1959) und Adriano Celentano zurück. Letzterer scheiterte mit seinem stark autobiografischen Titel ‚Il Ragazzo della Via Gluck‘ (‚Der Junge aus der Gluck-Straße‘) zwar bereits im Semifinale des SRF an den Juroren. Doch der von zahlreichen internationalen Künstler/innen in den verschiedensten Sprachen der Welt gecoverte, melancholische Song entwickelte sich im Anschluss zu einem seiner größten Hits (#2 IT) und wurde, zumindest in Italien selbst, zu Adrianos musikalischem Aushängeschild. Celentano hatte aber noch ein zweites Pferd im Rennen, nämlich seine ehemalige Begleitband I Ribeli („Die Rebellen“), die – ganz ähnlich wie The Shadows (→ UK 1975), ihres Zeichens die Backup-Band von Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) – auch ohne den Meister erfolgreich auftraten und dabei vor allem Coverversionen von den Beatles oder den Tremeloes zum Besten gaben. Und diese Rebellen sorgten beim altehrwürdigen San-Remo-Festival für massive Aufruhr.

Bongiorno, Tristessa: Adriano mit seiner liedgewordenen Autobiografie.

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SE 1966: Something old, something new, something hip and something cool

Als das Musterbeispiel schlechthin für einen kontroversen, die Menschheit in glühende Anhänger/innen und völlig verständnislos mit dem Kopf schüttelnde Gegner/innen teilenden Grand-Prix-Beitrag kann der Siegertitel des schwedischen Melodifestivalen 1966 gelten. Sowie als bester Beleg dafür, warum ein derartig umstrittenes Lied in einem Wettbewerb wie dem Eurovision Song Contest einem gefälligen, um keinen Preis anecken wollenden Mainstreamsong zwangsläufig überlegen sein muss (und ja, lieber NDR, der Zaunpfahl, mit dem ich gerade im Schweiße meines Angesichts winke, richtet sich an Dich!). Alles an ‚Nygammal Vals‘ (‚Neu-alter Walzer‘) war ungewöhnlich und schräg. Das fing schon bei den beiden Interpreten an, bzw. mit dem Fakt, dass ein Duo das Lied sang, was beim eher auf Einzelkünstler/innen ausgerichteten Grand Prix damals wie heute eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Und schon das Duo irritierte: Svante Thuresson, der männliche Part, seines Zeichens ehemaliger Drummer und aktiver Jazz-Musiker, zählte zum Zeitpunkt seiner Mello-Teilnahme zwar erst 29 Lenze, wirkte durch seinen Vollbart, die ausgeprägten Geheimratsecken und seine seriöse Erscheinung aber deutlich älter. Mit dem peppigen ‚Hej Sistrer, hej Bröder‘, einem Song irgendwo zwischen Schlager und Agit Pop, hatte er noch einen Solotitel im Rennen, der die in der Luft liegende Stimmung nach Veränderung aufgriff, mit mageren sechs Pünktchen aber im hinteren Mittelfeld verendete. Die in Helsinki geborene Schlagersängerin Maj Lillemor „LillLindfors, seine Duettpartnerin, war nur drei Jahre jünger als er, strahlte aber so viel jugendliche Frische und ironische Unbekümmertheit aus, dass die beiden im Zusammenspiel eher wirkten wie Vater und Tochter, was ihrer Nummer einen zusätzlichen Irritationslevel hinzufügte.

Och guck mal, da trug der Roger Whittaker ja noch gar keine Brille!

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BE 1966: Lieder! Luxemburg! Lecker!

Das wallonische Fernsehen, das wie immer in den geraden Jahren an der Reihe war, den belgischen Grand-Prix-Beitrag zu bestimmen, bestritt den Vorentscheid des Jahres 1966 mit nur einer einzigen Sängerin. Und zwar mit einer… Schockschwerenot: Flämin! Zwar stammte die betreffende Künstlerin aus dem unter anderem mit Berlin-Neukölln verschwisterten und heute als Kriminalitätsschwerpunkt bekannten Brüsseler Vorort Anderlecht, der in der politisch neutralen, zweisprachigen Zone des linguistisch und kulturell zwiegespaltenen Landes liegt, und sie trug als gebürtige Arlette Antoine Dominicus einen eher französisch klingenden Namen. Doch für ihre Schlagerkarriere benutzte sie das Pseudonym Tonia, und wiewohl sie auch Titel en français aufnahm, erzielte sie ihre größten Hits mit flämischen Coverversionen deutscher Schlager wie ‚Mit 17 hat man noch Träume‘, bei der etwas frühreiferen Belgierin ‚Met 16 kan je nog dromen‘. Im belgischen Finale wiederum sang sie vier Lieder in französischer Sprache, und per Postkartenentscheid wählten die Fernsehzuschauer/innen daraus das fabelhafte ‚Un peu du Poivre, un peu de Sel‘ (‚Ein bisschen Pfeffer, ein bisschen Salz‘). Nein, keine simple Würzanleitung für Kochanfänger/innen, wie man vermuten könnte, sondern eine Art kulinarisches Beziehungsrezept, denn auch „Un peu d’Amour, un peu du Miel“ („Ein bisschen Liebe, ein bisschen Honig“) gehörten laut Tonia hinzu. Im benachbarten Luxemburg, wo der Wettbewerb stattfand, trug die mit einem subtilen komödiantischen Talent ausgestattete Sängerin ihr angenehm kurzes und erfrischend flottes Chanson mit der ihr so eigenen, unnachahmlichen Mimik und Gestik vor und wurde von den Juroren, bei denen die Liebe eben auch durch den Magen ging, mit dem vierten Platz angemessen belohnt.

Lässt nichts anbrennen: Tonia mit ihrer possierlichen Kochshow.

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YU 1966: Casetta in Canadà

Im großzügigen, 1.600 Zuschauer/innen fassenden Dom Sindikata zu Belgrad, einem klassischen sozialistischen Prunkbau mitten im Stadtzentrum, fand der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 1966, die Jugovizija, statt. Folgerichtig durfte der serbische Sänger Dragan Stojnić gleich drei der insgesamt 14 Lieder beisteuern. Der 2003 verstorbene Stojnić hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seinen slawischen Landsleuten das gallische Chanson näher zu bringen, seine Karriere begann dementsprechend mit einem Cover des französischen Eurovisionssongs von 1963, ‚Elle était si jolié‘ von Alain Barrière, in seiner Fassung ‚Bila je tako lijepa‘. Auch sein JugovizijaBeitrag ‚Duga je Noc‘ (‚Die Nacht ist lang‘) fiel in die Kategorie der geigengeschwängerten Ballade. Gabi Novak blieb dem Thema „Erster…“ treu: nach dem ‚Ersten Schnee‘ vom vergangenen Jahr besang sie nun den ‚Ersten Brief‘. Die Erste in der Juryabstimmung zu werden, wollte ihr dennoch nicht gelingen. Für den mazedonischen Landesteil ging erstmals Nina Spiradova an den Start, die vier Jahre zuvor das Festival von Opatija mit dem Schmachtfetzen ‚Eden baknež‘ gewonnen haben soll, einem der größten Evergreens der späteren Früheren Jugoslawischen Republik. Etwas flottere Töne steuerte die ebenfalls schon aus früheren Jugovizijas bekannte und beliebte Kroatin Zdenka Vučković mit dem leichtgewichtigen Beatschlager ‚Rezervirano za Ljubav‘ (‚Reserviert für die Liebe‘) bei, wobei dessen Platzierung – so wie bei allen Beiträgen unterhalb des Silbermedaillenranges – in den im jugoslawischen Bürgerkrieg zerbombten Archiven verschollen bleibt. Bekannt ist natürlich der Siegertitel, nämlich ‚Brez besed‘ (‚Ohne Worte‘) der im slowenisch-österreichischen Grenzstädtchen Tržič (Neumarkt) geborenen Berta Ambrož. Die beim Wettbewerb in Luxemburg im Mittelfeld landende, sehr getragene (lies: sterbensöde) Ballade sollte das bekannteste Lied der 2003 verstorbenen Sängerin bleiben, um welches sich beim ebenfalls aus Luxemburg-Stadt kommenden ESC von 1973 eine kleine Kontroverse entspannte, da eine kurze Melodiefolge seines (sparsamen) Refrains eine leichte Ähnlichkeit mit dem des seinerzeitigen spanischen Beitrags ‚Eres tú‘ aufwies. Jedwede Plagiatsanschuldigungen verliefen jedoch Sande, und dies völlig zu Recht. Zumal die strittigen drei (!) Noten in exakt dieser Reihenfolge auch schon im Elvis-Presley-Hit ‚Can’t help falling in Love‘ von 1961 vorkamen – und in der kanadischen Nationalhymne aus dem Jahre 1880!

Ja, die drei (!) Noten des Songtitels haben die gleiche Tonfolge wie ‚Eres tù‘. Was für eine scharfsinnige Beobachtung! In den restlichen 2:50 Minuten kackt ‚Brez besed‘ jedoch ab, während ‚Eres tù‘ den Hörer gefangen nimmt. Also beruhigt Euch bitte wieder.

Vorentscheid YU 1966

Jugovizija. Sonntag, 23. Januar 1966, aus dem Sindikata Dom in Belgrad (heutiges Serbien). 11 Teilnehmer/innen. Moderation: Mica Orlovic.

#Interpret/inTitelPunkteErgebnis
01Zdenka VučkovićRezervirano za Ljubav----
02Gabi NovakPrvo Pismo----
03Berta AmbrožSanjala sam----
04Dragan StojnićDuga je noc----
05Dragan StojnićDva Novcica----
06Dragan StojnićPrica----
07Vice VukovOd ova nebo ti Zede del----
08Nina SpirovaDevojka i Pesna----
09Elda VilerKo si z menoj1102
10Berta AmbrožBrez besed2401
11Đorđe MarjanovićNajlepsi Dan----
12Lado LeskovarTvoj osmeh----
13Slobodan RistelišIzgubljeni koraci1102
14unbekanntunbekannt----

IE 1966: From Hero to Zero

Ein Jahr nach seiner kompetenten Premierenperformance als erster irischer Eurovisionsvertreter nahm Butch Moore 1966 erneut an der Vorentscheidung der Grünen Insel teil. Und landete mit ‚I see your Face‘ mit null Punkten auf dem letzten Platz. Das nenne ich mal einen schnellen Abstieg! Noch härter traf es den im Lande populären Sonny Knowles, der mit gleich zwei Beiträgen leer ausging, darunter dem auf Gälisch gesungenen ‚Chuaigh mé suas don chluiche mór‘. Für einen zweiten Platz und eine kleinere Hitparadennotierung reichte es hingegen für das Folktrio The Ludlows. Nein, keine Verwandten der kultigen rheinland-pfälzischen Schrotthändlerfamilie – der Name bezieht sich auf die US-amerikanische Kohlengräbergemeinde Ludlow und ein dortiges Grubenunglück, welches ihr Vorbild Woody Guthrie zu einem Song verarbeitete. Das melancholische, supersanft plinkernde und wunderschön harmonisch gesungene ‚The Wind trough the Rafters‘ ließe sich sinngemäß wohl mit ‚Es stürmt durchs Gebälk‘ übersetzen: eher ein Titel für den Herbst als für den im Frühling stattfindenden Wettbewerb. Den gewann – per Postkartenentscheid – mit Dickie Rock (exzellenter Pornoname!) der damals beliebteste irische Bandleader, dem seine härtesten Fans bei seinen Auftritten gerne mal ein „Spit on me, Dickie!“ entgegen schrien, wie David Blake Knox in seinem Buch Ireland and the Eurovision kolportiert. Oha, Fetischfreude also – ich glaub, ich mag die Iren! Auch Herr Rock, der hier solo antrat, entbot für Europa keinen seiner üblichen Rock’n’Roll-Songs, sondern eine extrem konventionelle Ballade, mit der er einen sechsten Platz im Luxemburg und eine Nummer 1 in den irischen Charts erzielte. Mit seiner Tanzkapelle, der Miami Showband, war er dort bis 1972 Dauergast und erklomm sieben Mal die Spitzenposition. Danach trennten sich die Wege, zwei Miami-Mitglieder fielen 1975 einem terroristischen Angriff der unionistischen Ulster Volunteer Force zum Opfer.

Alfred E. Neumann hat angerufen und will sein Gesicht zurück: Dickie Rock.

Vorentscheid IE 1966

Samstag, 22. Januar 1966, im RTÉ-Fernsehstudio in Dublin. Fünf Teilnehmer/innen. Moderation: Brendan O'Reilly.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Deirdre WynneThere's no Sense in being a Fool0405
02Dickie RockCome back to stay2001
03The LudlowsA Sailor will sail0308
04Butch MooreI see your Face0010
05Sonny KnowlesThe Menace from Ennis0010
06Deirdre WynneWhy don't you say it's so0803
07Dickie RockCan't make up my Mind0405
08Butch MooreWhy don't I believe in her0704
09Sonny KnowlesChuaigh mé suas don chluiche mór0010
10The LudlowsThe Wind thro' the Rafters0902
11Dickie RockOh why0109
12Deirdre WynneHaven't you0405