YU 1966: Caset­ta in Cana­dà

Im groß­zü­gi­gen, 1.600 Zuschauer/innen fas­sen­den Dom Sin­di­ka­ta zu Bel­grad, einem klas­si­schen sozia­lis­ti­schen Prunk­bau mit­ten im Stadt­zen­trum, fand der Vor­ent­scheid zum Euro­vi­si­on Song Con­test 1966, die Jugo­vi­zi­ja, statt. Fol­ge­rich­tig durf­te der ser­bi­sche Sän­ger Dra­gan Sto­j­nić gleich drei der ins­ge­samt 14 Lie­der bei­steu­ern. Der 2003 ver­stor­be­ne Sto­j­nić hat­te es sich zur Lebens­auf­ga­be gemacht, sei­nen sla­wi­schen Lands­leu­ten das gal­li­sche Chan­son näher zu brin­gen, sei­ne Kar­rie­re begann dem­entspre­chend mit einem Cover des fran­zö­si­schen Euro­vi­si­ons­songs von 1963, ‘Elle était si jolié’ von Alain Bar­riè­re, in sei­ner Fas­sung ‘Bila je tako lijepa’. Auch sein Jugo­vi­zi­ja-Bei­trag ‘Duga je Noc’ (‘Die Nacht ist lang’) fiel in die Kate­go­rie der gei­gen­ge­schwän­ger­ten Bal­la­de. Gabi Novak blieb dem The­ma “Ers­ter…” treu: nach dem ‘Ers­ten Schnee’ vom ver­gan­ge­nen Jahr besang sie nun den ‘Ers­ten Brief’. Die Ers­te in der Jury­ab­stim­mung zu wer­den, woll­te ihr den­noch nicht gelin­gen. Für den maze­do­ni­schen Lan­des­teil ging erst­mals Nina Spi­ra­do­va an den Start, die vier Jah­re zuvor das Fes­ti­val von Opa­ti­ja mit dem Schmacht­fet­zen ‘Eden bak­než’ gewon­nen haben soll, einem der größ­ten Ever­greens der spä­te­ren Frü­he­ren Jugo­sla­wi­schen Repu­blik. Etwas flot­te­re Töne steu­er­te die eben­falls schon aus frü­he­ren Jugo­vi­zi­jas bekann­te und belieb­te Kroa­tin Zden­ka Vuč­ko­vić mit dem leicht­ge­wich­ti­gen Beat­schla­ger ‘Rezer­vi­ra­no za Lju­bav’ (‘Reser­viert für die Lie­be’) bei, wobei des­sen Plat­zie­rung – so wie bei allen Bei­trä­gen unter­halb des Sil­ber­me­dail­len­ran­ges – in den im jugo­sla­wi­schen Bür­ger­krieg zer­bomb­ten Archi­ven ver­schol­len bleibt. Bekannt ist natür­lich der Sie­ger­ti­tel, näm­lich ‘Brez besed’ (‘Ohne Wor­te’) der im slo­we­nisch-öster­rei­chi­schen Grenz­städt­chen Tržič (Neu­markt) gebo­re­nen Ber­ta Ambrož. Die beim Wett­be­werb in Luxem­burg im Mit­tel­feld lan­den­de, sehr getra­ge­ne (lies: ster­bens­öde) Bal­la­de soll­te das bekann­tes­te Lied der 2003 ver­stor­be­nen Sän­ge­rin blei­ben, um wel­ches sich beim eben­falls aus Luxem­burg-Stadt kom­men­den ESC von 1973 eine klei­ne Kon­tro­ver­se ent­spann­te, da eine kur­ze Melo­die­fol­ge sei­nes (spar­sa­men) Refrains eine leich­te Ähn­lich­keit mit dem des sei­ner­zei­ti­gen spa­ni­schen Bei­trags ‘Eres tú’ auf­wies. Jed­we­de Pla­gi­ats­an­schul­di­gun­gen ver­lie­fen jedoch San­de, und dies völ­lig zu Recht. Zumal die strit­ti­gen drei (!) Noten in exakt die­ser Rei­hen­fol­ge auch schon im Elvis-Pres­ley-Hit ‘Can’t help fal­ling in Love’ von 1961 vor­ka­men – und in der kana­di­schen Natio­nal­hym­ne aus dem Jah­re 1880!

Ja, die drei (!) Noten des Song­ti­tels haben die glei­che Ton­fol­ge wie ‘Eres tù’. Was für eine scharf­sin­ni­ge Beob­ach­tung! In den rest­li­chen 2:50 Minu­ten kackt ‘Brez besed’ jedoch ab, wäh­rend ‘Eres tù’ den Hörer gefan­gen nimmt. Also beru­higt Euch bit­te wie­der.

Vor­ent­scheid YU 1966

Jugo­vi­zi­ja. Sonn­tag, 23. Janu­ar 1966, aus dem Sin­di­ka­ta Dom in Bel­grad (heu­ti­ges Ser­bi­en). 11 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Mica Orlo­vic.

#Interpret/inTitelPunk­teErgeb­nis
01Zden­ka Vuč­ko­vićRezer­vi­ra­no za Lju­bav
02Gabi NovakPrvo Pis­mo
03Ber­ta AmbrožSan­ja­la sam
04Dra­gan Sto­j­nićDuga je noc
05Dra­gan Sto­j­nićDva Nov­ci­ca
06Dra­gan Sto­j­nićPri­ca
07Vice VukovOd ova nebo ti Zede del
08Nina Spi­ro­vaDevo­j­ka i Pes­na
09Elda VilerKo si z menoj1102
10Ber­ta AmbrožBrez besed2401
11Đorđe Mar­ja­no­vićNajlep­si Dan
12Lado Lesko­varTvoj osmeh
13Slo­bo­dan Ris­te­lišIzgu­blje­ni kora­ci1102
14unbe­kanntunbe­kannt

IE 1966: From Hero to Zero

Ein Jahr nach sei­ner kom­pe­ten­ten Pre­mie­ren­per­for­mance als ers­ter iri­scher Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter nahm Butch Moo­re 1966 erneut an der Vor­ent­schei­dung der Grü­nen Insel teil. Und lan­de­te mit ‘I see your Face’ mit null Punk­ten auf dem letz­ten Platz. Das nen­ne ich mal einen schnel­len Abstieg! Noch här­ter traf es den im Lan­de popu­lä­ren Son­ny Know­les, der mit gleich zwei Bei­trä­gen leer aus­ging, dar­un­ter dem auf Gälisch gesun­ge­nen ‘Chuaigh mé suas don chluiche mór’. Für einen zwei­ten Platz und eine klei­ne­re Hit­pa­ra­den­no­tie­rung reich­te es hin­ge­gen für das Folk­trio The Lud­lows. Nein, kei­ne Ver­wand­ten der kul­ti­gen rhein­land-pfäl­zi­schen Schrott­händ­ler­fa­mi­lie – der Name bezieht sich auf die US-ame­ri­ka­ni­sche Koh­len­grä­ber­ge­mein­de Lud­low und ein dor­ti­ges Gru­ben­un­glück, wel­ches ihr Vor­bild Woo­dy Guthrie zu einem Song ver­ar­bei­te­te. Das melan­cho­li­sche, supersanft plin­kern­de und wun­der­schön har­mo­nisch gesun­ge­ne ‘The Wind trough the Raf­ters’ lie­ße sich sinn­ge­mäß wohl mit ‘Es stürmt durchs Gebälk’ über­set­zen: eher ein Titel für den Herbst als für den im Früh­ling statt­fin­den­den Wett­be­werb. Den gewann – per Post­kar­ten­ent­scheid – mit Dickie Rock (exzel­len­ter Por­no­na­me!) der damals belieb­tes­te iri­sche Band­lea­der, dem sei­ne här­tes­ten Fans bei sei­nen Auf­trit­ten ger­ne mal ein “Spit on me, Dickie!” ent­ge­gen schrien, wie David Bla­ke Knox in sei­nem Buch Ire­land and the Euro­vi­si­on kol­por­tiert. Oha, Fetisch­freu­de also – ich glaub, ich mag die Iren! Auch Herr Rock, der hier solo antrat, ent­bot für Euro­pa kei­nen sei­ner übli­chen Rock’n’Roll-Songs, son­dern eine extrem kon­ven­tio­nel­le Bal­la­de, mit der er einen sechs­ten Platz im Luxem­burg und eine Num­mer 1 in den iri­schen Charts erziel­te. Mit sei­ner Tanz­ka­pel­le, der Mia­mi Show­band, war er dort bis 1972 Dau­er­gast und erklomm sie­ben Mal die Spit­zen­po­si­ti­on. Danach trenn­ten sich die Wege, zwei Mia­mi-Mit­glie­der fie­len 1975 einem ter­ro­ris­ti­schen Angriff der unio­nis­ti­schen Uls­ter Vol­un­teer Force zum Opfer.

Alfred E. Neu­mann hat ange­ru­fen und will sein Gesicht zurück: Dickie Rock.

Vor­ent­scheid IE 1966

Sams­tag, 22. Janu­ar 1966, im RTÉ-Fern­seh­stu­dio in Dub­lin. Fünf Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Bren­dan O’Reil­ly.
#Interpret/inTitelPunk­tePlatz
01Deird­re Wyn­neThere’s no Sen­se in being a Fool0405
02Dickie RockCome back to stay2001
03The Lud­lowsA Sailor will sail0308
04Butch Moo­reI see your Face0010
05Son­ny Know­lesThe Menace from Ennis0010
06Deird­re Wyn­neWhy don’t you say it’s so0803
07Dickie RockCan’t make up my Mind0405
08Butch Moo­reWhy don’t I belie­ve in her0704
09Son­ny Know­lesChuaigh mé suas don chluiche mór0010
10The Lud­lowsThe Wind thro’ the Raf­ters0902
11Dickie RockOh why0109
12Deird­re Wyn­neHaven’t you0405

FI 1966: Auf der Stra­ße nach Süden

Eine noch heu­te vom NDR beim deut­schen Vor­ent­scheid ger­ne ange­wand­te Abstim­mungs­tech­nik führ­te der fin­ni­sche Sen­der YLE erst­ma­lig 1966 als Neue­rung ein: das Super­fi­na­le. Wie nicht anders zu erwar­ten, stell­te sie ihre Unge­eig­net­heit gleich bei der Pre­miè­re unter Beweis. Zum einen stand die Sie­ge­rin des Abends, die damals 22jährige Eurovi­isukar­sin­ta-Novi­zin Ann-Chris­ti­ne Nyström mit ihrem fröh­lich-belang­lo­sen Schla­ger­lein ‘Play­boy’, eigent­lich bereits nach der ers­ten Jury­ab­stim­mung fest, in wel­cher sie mit zwei Zäh­lern Vor­sprung vor den bei­den punkt­gleich zweit­plat­zier­ten Bal­la­den ‘Muis­to­jen Bule­var­di’ von Lai­la Kinn­unen (→ FI 1961) und ‘Vie­ras rakastettu­ni’ (‘Frem­de, die ich lie­be’) von Vik­tor Kli­men­ko (→ FI 1965) führ­te. Den­noch muss­te die sel­be Jury anschlie­ßend die­se drei Titel noch ein­mal neu bewer­ten, wobei sich der ‘Play­boy’ wenig über­ra­schend erneut durch­setz­te, dies­mal mit deut­lich grö­ße­rem Abstand. Denn natür­lich ver­teil­ten sich bei die­ser Drei­er­kon­stel­la­ti­on die Stim­men der Bal­la­den­freun­de rela­tiv gleich­mä­ßig auf die bei­den lang­sa­men Lie­der, wäh­rend die Anhän­ger flot­te­ren Lied­gu­tes uni­so­no für Ann-Chris­ti­ne stimm­ten. Hät­te anstel­le von Kli­men­kos halb­ga­rem Gei­gen­ge­schnul­ze ein zwei­ter Uptem­po-Titel zur Aus­wahl gestan­den (der sich aller­dings unter den neun Bei­trä­gen die­ses Jahr­gangs, aus denen sich allen­falls noch Tama­ra Lunds jaz­zig-ele­gan­te Betrach­tung über ‘Nas­sen Asphalt’ ein wenig her­aus­hob, nicht fin­den ließ), wäre Finn­land in die­sem Jahr frag­los auf Lai­las von zahl­lo­sen Akkor­de­on­spie­lern gesäum­ten, nost­al­gie­ver­ne­belt-tief­me­lan­cho­li­schen ‘Bou­le­vard der Erin­ne­run­gen’ gen Luxem­burg gewan­delt. So aber folg­te Frau Nyström dem Bei­spiel Mari­on Rungs (→ FI 1962, 1973) und ver­such­te ver­ge­bens, die für die Fin­nen so nach­tei­li­ge, in die­sem Jahr erst schrift­lich fixier­te → Spra­chen­re­gel mit einer inter­na­tio­nal ver­ständ­li­chen Titel­zei­le zu umschif­fen.

Mer­ke: volu­mi­nö­se Haar­hel­me, auch wenn modisch gera­de ange­sagt, las­sen schmal geschnit­te­ne Gesich­ter optisch noch län­ger erschei­nen.

Vor­ent­scheid FI 1966

Suo­men Eurovi­isukar­sin­ta. Sams­tag, 22. Janu­ar 1966, aus den YLE-Fern­seh­stu­di­os in Hel­sin­ki. Neun Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Tuula Igna­ti­us + Ris­to Vana­ri.
#Interpret/inTitelPunk­tePlatz
01Tama­ra LundMär­k­ää Asfalt­tia08 | –5
02Ilk­ka Rin­neSyys­ro­mans­si04 | –9
03Caro­la Stan­dertsk­jöldMeren Lau­lu07 | –7
04Vik­tor Kli­men­koVie­ras rakastettu­ni20 | 253
05Lai­la Kinn­unenMuis­to­jen Bule­var­di20 | 292
06Dan­nyPie­ni sana05 | –8
07Mar­jat­ta Lep­pä­nenAamu­yön tans­si08 | –5
08Las­se Mår­ten­sonKen hän on13 | –4
09Ann-Chris­ti­ne NyströmPlay­boy22 | 541

PT 1966: Rebel wit­hout a Cau­se

Es war im Grun­de genom­men ein ein­zi­ges Mada­le­na-Iglé­si­as-Fest­spiel, das Lis­sa­bon­ner Fes­ti­val da Canção von 1966. Die mit vol­lem Namen Mada­le­na Lucí­lia Iglé­si­as do Vale de Oli­vei­ra Por­tu­gal (por­tu­gie­si­sche Per­so­nal­aus­wei­se müs­sen wohl im DIN-A-3-For­mat aus­ge­stellt wer­den!) hei­ßen­de Sän­ge­rin inter­pre­tier­te gleich drei der ins­ge­samt acht Wett­be­werbs­ti­tel. Davon ver­irr­ten sich die lieb­lich plin­kern­den ‘Camin­hos per­di­dos’, die ‘Ver­lo­re­nen Wege’, dem Titel gerecht wer­den auf den sechs­ten Rang. Mit ihrem dritt­plat­zier­ten Bei­trag fass­te sie gar ein hei­ßes Eisen an: in der dama­li­gen herr­schen­den rechts­ge­rich­te­ten Dik­ta­tur unter Sala­zar von ‘Rebel­dia’ (‘Rebel­li­on’) zu sin­gen, kann man fast schon als mutig bezeich­nen. Auf euro­päi­scher Ebe­ne lag sie damit aller­dings voll im Trend: auch in ande­ren natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen, wie zum Bei­spiel beim nor­we­gi­schen Melo­di Grand Prix, tauch­ten Lie­der auf, wel­che die begin­nen­de Jugend­re­vol­te gegen die ver­krus­te­ten Struk­tu­ren im Nach­kriegs­eu­ro­pa zumin­dest atmo­sphä­risch auf­grif­fen. Das sei­nem Titel ent­spre­chend auch musi­ka­lisch hoch­dra­ma­ti­sche Chan­son unter­stütz­te die Frau mit dem recht­ecki­gen Gesicht mit einer abso­lut kon­trol­lier­ten, eben­so dra­ma­ti­schen Mimik und Ges­tik. Einen unfrei­wil­li­gen klei­nen komö­di­an­ti­schen Kon­tra­punkt setz­te sie dann in der Song­mit­te, als sich beim kur­zen Schüt­teln der Fri­sur ein Här­chen in den zum Sin­gen offen­ste­hen­den Mund ver­irr­te, wel­ches sie anschlie­ßend ver­such­te, so unauf­fäl­lig wie mög­lich her­aus­zu­pu­len.

Gro­ßes Kino: Frau Iglé­si­as ruft vor üppi­gen flo­ra­len Arran­ge­ments die Revo­lu­ti­on aus.

Wei­ter­le­senPT 1966: Rebel wit­hout a Cau­se