ESC 1967: Sicher vor der sengenden Sonne

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Das Jahr der Vielsprachigkeit

Schon seit vielen Jahren war den Holländern kein Sieg beim Grand Prix mehr gelungen. Und das, obwohl sie doch in den Anfangsjahren des Wettbewerbs regelmäßig im Wechsel mit Frankreich den ersten Platz belegten! Auch die diesjährige Vertreterin Thérèse Steinmetz, die in Wien als erste Kombattantin auf die mit modernen Drehspiegeln ausstaffierte Bühne im ansonsten extrem barocken Festsaal der kaiserlichen Hofburg – bis heute ungeschlagen die nobelste Location, in welcher der Eurovisionszirkus jemals gastierte! – musste, landete weit abgeschlagen auf dem vierzehnten Rang. Skurril – denn vom lautmalerischen ‚Ring Dinge Ding‘ ist es, zumindest phonetisch, nicht sehr weit zu ‚Ding A Dong‘, mit dem die Niederländer erst 1975 wieder die Krone erringen konnten (mal abgesehen natürlich von 1969, wo sich Lenny Kuhr den Sieg jedoch mit drei Mitbewerberinnen teilen musste). Eine kommende Grand-Prix-Gewinnerin ging indes heuer erstmals für Luxemburg an den Start.

Ein bissel gruslig: man wartet drei Minuten drauf, ob Thérèses Halsschlagader gleich platzt? (NL)

Die in Deutschland lebende Griechin Vicky Leandros (→ LU 1972, Vorentscheid DE 2006) hatte jedoch trotz eines grandiosen, klassisch frankophilen Gefühlssturmes in diesem Jahr keine Chance. Denn das vom französischen Komponisten André Popp (→ ‚Tom Pillibi‘, FR 1960) verfasste ‚L’Amour est bleu‘ musste von Startposition 2 aus ins Rennen: bekanntermaßen der Todesstoß für jeden Beitrag. Erschwerend kam hinzu, dass sie hier sang wie eine Hupe und auf der Bühne stand wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Der Legende zufolge schwor sich Vicky nach der Veranstaltung, eine triumphale Rückkehr hinzulegen: fünf Jahre später machte sie es wahr. Die Gastgeber schickten den Liedermacher Peter Horten (→ Vorentscheid DE 1972, 1975), der sich später auf Druck der gleichnamigen, mittlerweile längst im Metro-Konzern aufgegangenen Kaufhauskette in Horton umbenennen musste. Hoffen wir für Millionen Deutsche, dass der Molkereipate Theo Müller nie auf dumme Gedanken kommt! ‚Warum es hunderttausend Sterne gibt‘, wollte aber außerhalb Österreichs niemand wissen: Platz 14.

Eine Körperhaltung wie ein Fragezeichen: Vicky Leandros (LU)

Für Finnland sang der etwas füllige Fredi (→ FI 1976) leidenschaftlich krähend sein eindringliches ‚Varjoon-suojaan‘, eine erste Warnung vor den Folgen des Ozonlochs („Schutz vor dem gleißenden Himmel“). Sein Titel kam jedoch zu früh für die verschnarcht-konservativen → Jurys, die erwartungsgemäß keinerlei Gespür für ökologische Themen bewiesen. Ganz → ohne Punkte schickten sie diesmal immerhin nur eine Künstlerin heim: die schweizerische Repräsentantin Géraldine Gaulier. Das allerdings auch zu Recht, denn sie vergewaltigte die Töne eher, als sie zu singen. Insbesondere die große hohe Schlussnote ging einem so sehr durch Mark und Bein wie das Geräusch kratzender Fingernägel auf einer Schiefertafel. ‚Anouschka‘, der deutsche Beitrag, hätte in der von Alexandra interpretierten Fassung durchaus Chancen besessen, womit Inge Brücks Fähigkeiten nicht abgewertet werden sollen. Aber der wunderbar melancholische Tröstungsschlager war, sehr hörbar, auf die schmerzhaft schöne, tieftraurige Stimme Alexandras (eine der Stammabnehmerinnen des Komponisten Hans Blum) hin geschrieben und gewinnt erst in der subtilen Brechung der Durchhaltebotschaft (”Musst nicht weinen, kleine Anouschka / Er kommt wieder, kleine Anouschka”) durch das einzigartig bittersüße Timbre der Ausnahmesängerin den nötigen inhaltlichen Tiefgang. Inge Brück gab ihr Bestes, verfügte aber nicht nur über eine Frisur wie Angela Merkel, sondern auch über deren Bühnenausstrahlung. Und sank in Wien folglich wie ein Stein.

Masochisten halten bitte bis zum bitteren Ende durch: es lohnt sich! (CH)

Denn Großbritannien, bekanntlich das Mutterland des Pop, schickte eine junge, gut aussehende Frau mit echtem Popstar-Appeal und einem echten Popsong. Sandie Shaw, die den britschen Vorentscheid A Song for Europe zuvor alleine bestreiten durfte, brachte – nach der Vorarbeit von France Gall 1965 – mit nur fünf Jahren Verspätung nun endgültig den Beat zum Contest. Auch wenn ‚Puppet on a String‘ eine gewisse musikalische Verwandtschaft zum Humptata-Schlager des Musikantenstadls aufweist: seinerzeit ging man mit den Genregrenzen noch nicht so streng um wie heute. Zudem erscheint es als naheliegend, dass gerade die Kombination der für damalige Verhältnisse unkonventionell auftretenden und damit frisch wirkenden Shaw und des eher gewöhnlichen, versöhnlich wirkenden Lieds (das für die nächsten zehn Jahre so etwas wie die Blaupause aller britischen Eurovisionsbeiträge liefern sollte) zum Sieg führten. Mit Madame Gall verband Miss Shaw indes nicht nur die Marionetten-Thematik des Songtextes, den die Sängerin selbst als „sexistischen Schwachsinn“ brandmarkte, sondern auch der damit verbundene Erfolg und dessen spätere entschiedene Ablehnung.

Wahrlich nicht schlechter: ‚Tell the Boys‘, Platz 2 beim Song for Europe 1967

Shaw wäre wohl deutlich lieber mit dem zweitplatzierten Beitrag des britischen Vorentscheids nach Wien gefahren. Verständlicherweise, wie man sagen muss: ‚Tell the Boys‘ klang deutlich weniger nach Bierzelt und ein bisschen mehr nach Motown, war dabei sehr eingängig und mitreißend, und erzählte inhaltlich, wenngleich es vordergründig ums Thema Treue ging, eine deutlich emanzipiertere Geschichte (die sich jetzt in festen Händen befindende Sandie verabschiedet sich von ihren zahlreichen früheren Liebhabern, mit denen sie bislang „sehr viel Spaß“ hatte) als der Titel, den ihr das Publikum letztlich heraussuchte. Das aber natürlich, wie stets, die richtige Wahl traf: ihr in der Hofburg barfuß vorgetragenes ‚Puppet on a String‘ gewann nicht nur mit riesigem Vorsprung den Song Contest, es warf auch einen europaweiten Nummer-Eins-Hit ab und avancierte zum unvergessenen Evergreen. Sogar die eilig eingedeutschte, von der bedauernswerten Interpretin eigens phonetisch eingesungene Fassung ‚Wiedehopf im Mai‘ fand trotz absurdester Übersetzungslyrik noch ihre Abnehmer (#36). Sandies Sieg markierte damit den unumkehrbaren Übergang in eine neue Eurovisionsära: weg vom getragenen frankophilen Chanson, hin zum beatbetonten, hitparadentauglichen Popsong. Eine gutzuheißende Entwicklung.

Da stand anfangs wohl irgendjemand auf der Leitung! (UK)

Einen weiteren Modernitätsschub lieferte Monaco, das die Französin Minouche Barelli und ihr von Serge Gainsbourg (→ ‚Poupée de Cire, Poupée de Son‘, LU 1965) komponiertes Antikriegslied ‚Boum Badaboum‘ eingekauft hatte. Nicht nur ein musikalischer Donnerschlag: die Aussage, angesichts des durch die Atombombe bald bevorstehenden Weltuntergangs noch schnell das Leben in vollen Zügen genießen zu wollen (natürlich, es ist ja von Gainsbourg, auch sexuell), kann für Grand-Prix-Verhältnisse als geradezu revolutionär politisch gelten. Heutzutage fiele so eine Nummer sicherlich der EBU-Zensur zum Opfer. Barelli verstarb 2004 im Alter von nur 57 Jahren in Monaco, zwei Jahre, nachdem sie die Staatsangehörigkeit des Stadtstaates angenommen hatte. Mit gar nur 43 Jahren riss ein Autounfall 1980 den belgischen Vertreter Luis Neefs (→ BE 1969) aus dem Leben. Sein deutlich traditionellerer Schlager ‚Ik heb Zorgen‘ hätte auch von Peter Alexander stammen können, unterhielt aber immerhin durch eine perfide Klatschfalle: einem angetäuschten, abrupten Liedende, das aber in Wahrheit nur aus einer zirka einsekündigen Kunstpause bestand, nach welcher der Interpret so überraschender- wie überflüssigerweise den Refrain noch einmal wiederholte. Solche kleinen Schockmomente liebte Neefs sehr, was ihn zum gruseligsten Mann des Grand Prix machte.

Ein wenig fröhlicher als Nicole: das Antikriegslied von Minouche (MC)

Spanien schickte erneut den Vorjahressänger Raphael (→ ES 1966), mit einem weiteren dramatischen Beitrag namens ‚Hablamos del Amor‘, der aber nicht ganz an die Eindringlichkeit von ‚Yo soy aquél‘ anknüpfen konnte. Fast allen diesen Ländern sollte der erste Triumph noch bevorstehen. Österreich hingegen musste ein knappes halbes Jahrhundert auf einen weiteren Sieg warten, und nach dieser Veranstaltung ist das auch kein Wunder. Die ORF-Moderatorin Erica Vaal verhedderte sich bei der Punktevergabe völlig und rief Sandie Shaw (die zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits uneinholbar führte) bereits vor der letzten Wertung zur Siegerin aus, was der düpierte irische Jurysprecher mit einem mokanten „I thought we were going to be left out“ kommentierte, während die Gastgeberin vor lauter Zerknirschtheit an ihrem „Oh, I am so sorry“ fast erstickte. So weit, so amüsant. Doch galt das weniger für den zähen Show-Auftakt, bei dem Frau Vaal ihre gefühlt dreistündige (und real zehnminütige) Begrüßungsrede auf deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch und – für die Zuschauer/innen der Intervision – russisch hielt. Anschließend entschuldigte sie sich, nicht auch noch die Sprachen der restlichen Teilnehmerländer gelernt zu haben, versprach aber, das nachzuholen, sollte der Contest „in naher Zukunft“ nochmals in Wien stattfinden. Die Europäer begriffen das wohl als ernstzunehmende Drohung: erst der Tod von Frau Vaal im Oktober 2013 ebnete tragischerweise den Weg für Conchita Wurst (→ AT 2014)!

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer singt am schönsten im ganzen Land? Der ESC 1967

Eurovision Song Contest 1967

Grand Prix de la Chanson. Samstag, 8. April 1967, aus dem Großen Festsaal der Hofburg in Wien, Österreich. 17 Teilnehmerländer, Moderation: Erica Vaal.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01NLThérèse SteinmetzRing Dinge Ding0214
02LUVicky LeandrosL'Amour est bleu1704
03ATPeter HortonWarum es 100.000 Sterne gibt0214
04FRNoëlle CordierIl doit faire beau là-bas2003
05PTEduardo NascimentoO Vento mudou0312
06CHGéraldine GaulierQuel Coeur vas-tu briser?0017
07SEÖsten WarnerbringSom en Dröm0708
08FIFrediVarjoon-Suojann0312
09DEInge BrückAnouschka0710
10BELouis NeefsIk heb Zorgen0807
11UKSandie ShawPuppet on a String4701
12ESRaphael Martos SánchezHablemos del Amor0906
13NOKirsti SparboeDukkeman0214
14MCMinouche BarelliBoum Badaboum1005
15YULado LeskovarVse Rože Sveta0709
16ITClaudio VillaNon andare più lontano0411
17IESean DunphyIf I could choose2202

DE 1967: Musst nicht weinen

Inge Brück, DE 1967
Die Christliche

Auch in meinem Geburtsjahr wollte sich kein kommerziell erfolgreicher deutscher Schlagerstar mit einer Grand-Prix-Teilnahme die Karriere zugrunde richten, und so trug Hans-Otto Grünefeldt, der damalige Unterhaltungschef des Hessischen Rundfunks und Eurovisionsverantwortliche der ARD, der Sängerin Inge Brück auf, den deutschen Beitrag zu Gehör zu bringen. Deren einziger Hit, der kesse Schlager ‚Peter, komm heut Abend zum Hafen‘, lag zwar bereits zehn Jahre zurück. Doch sie konnte 1966 mit dem dezent dramatischen ‚Frag den Wind‘ das renommierte Internationale Songfestival in Rio de Janeiro gewinnen. Vielleicht, so die Hoffnung im Frankfurter Funkhaus am Dornbusch, gelänge ihr dasselbe ja auch in Wien, wo der europäische Wettbewerb 1967 stattfand.

Die Frisur: zu wissen, es ist Beton!

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PT 1967: Trommeln dröhnen heiser

Ein Jahr, nachdem die damalige Kolonialmacht Niederlande mit der von einem Surinamer (Südamerika) abstammenden Milly Scott die erste schwarze Sängerin zum Eurovision Song Contest delegierte, dominierten Künstler aus der portugiesischen Kolonie Angola (Südafrika), die erst 1975 die Unabhängigkeit erlangte, das Festival da Canção. Der portugiesischen Wikipedia zufolge soll dies gerüchtehalber einem Wunsch des diktatorisch agierenden Machthabers Salazar entsprochen haben, der damit belegen wollte, kein Rassist zu sein. Der Sender RTP, der das Studio diesmal mit einem schlichten, seitlich beleuchteten und in einer kleinen, stoppschildförmigen Bühne mündenden Laufsteg schmückte, schaltete bei diesem FdC erstmalig zwei Semis mit jeweils sechs Beiträgen vor, von denen jeweils die Hälfte ins Finale kam. Dem angolanischen Duo Ouro Negro („Schwarzes Gold“), bestehend aus den Jugendfreunden Raul Indipwo und Milo MacMahon, die an beiden Vorrunden teilnahmen, gelang es dabei, gleich beide Titel ins Finale durchzubringen. Dort belegte der deutlich schmissigere ihrer beiden Wettbewerbssongs, das mit einer synchronen kleinen Handchoreografie dargebotene, erfrischend kurze ‚Quando amanhecer‘ den vierten Rang, während die entsetzlich altmodische und unglaublich langweilige Ballade ‚Livro sem Fim‘ (‚Endloses Buch‘) sogar die Silbermedaille zu erringen vermochte. Beide Beiträge hatten musikalisch nicht das Geringste mit ihrem heimatlichen Repertoire zu tun, das auf dem von der Querflöte geprägten, jazzigen Kwela-Sound basierte. Wobei das Duo Ouro Negro eben auch portugiesischen Pop im Programm hatte und damit durch ganz Europa tourte. Mit dem Tod von Milo MacMahon Ende der Achtziger löste das Duo sich auf.

Hier erkenne ich doch schon erste Vorläufer einer klassischen Grand-Prix-Choreografie: das Schwarze Gold aus Angola beim FdC.

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SE 1967: Im Östen nichts Neues

Das Melodifestivalen ist ein rundheraus sterbenslangweiliger Wettbewerb mit nicht einem einzigen auch nur ansatzweise interessanten Titel und null Glamour: würde man für eine solche Aussage heutzutage von vor Empörung schnappatmenden Fans als Ketzer bezichtigt und von einem wütenden Mob aufgeknüpft (und das zu Recht), so trifft obige Aussage für den Jahrgang 1967 indes voll und ganz zu, wie selbst der schwedophilste Grand-Prix-Fan ehrlicherweise zugeben muss. Zehn Lieder hatte eine Jury herausgesucht, und darunter befand sich nicht einer, der in irgendeiner Form als eingängig bezeichnet werden könnte. Am konventionellsten vielleicht noch der Titel ‚Christina dansar‘ der schwedischen Schlagerette und MF-Teilnahmerekordhalterin Ann-Louise Hanson, die hier den dritten und vierten ihrer insgesamt 13 (allesamt erfolglos bleibenden) MF-Beiträge präsentierte. Doch auch die tanzende Christine verweigerte sich, so wie alle Songs des Abends, vehement jedwedem dem Ohr anhaftenden Refrain. Ebenfalls gleich zwei Eisen im Feuer hatte die als Birgit Rose-Marie Carlsson geborene Towa („Strubbellieschen“) Carson, neben Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969) und der bereits erwähnten Ann-Louise Hanson später ein Teil des Alte-Schlagerschachteln-Trios beim Melodifestivalen 2004. Vom musikalischen Standpunkt her erwähnenswert vielleicht noch der ‚Svart-Olas Polska‘, der ‚Tanz des schwarzen Ola‘ von Sten Nilsson, der mit psychedelischen Klängen in äußerst homöopathischer Dosierung hantierte und außerdem die Existenz von Menschen mit dunkler Hautfarbe thematisierte, wie sie beim Eurovision Song Contest erstmalig mit Milly Scott (→ NL 1966) und Eduardo Nasciemento (→ PT 1967) vorkamen.

Eher ein Haschkekskrümelchen als ein LSD-Trip: der Tanz des schwarzen Ola (gemeint ist doch nicht etwa Ola Salo?).

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NL 1967: Der Witz des Tages

Thérèse Steinmetz, eine in Amsterdam geborene und ausgebildete Schauspielerin und Sängerin, hatte im Jahr 1966 durch eine eigene TV-Show im niederländischen Fernsehen Bekanntheit erlangt. Folgerichtig (und vermutlich auch, weil sonst niemand wollte?) nominierte sie der Sender als Vertreterin des Landes beim Eurovision Song Contest 1967 zu Wien. Sechs Titel gab man ihr zur Vorstellung im unter der Woche terminierten Nationaal Songfestival, darunter so knackige Imperative wie ‚Hör!‘ und ‚Sing!‘. Per Postkarte durften die Holländer/innen über die Songs abstimmen, die sie in der Verkündigungssendung eine Woche darauf alle noch mal sang, bevor man das Ergebnis bekannt gab. Mit deutlicher Mehrheit entschieden sich die Zuschauer/innen für den uptemporären, lautmalerischen und völlig belanglosen Schlager ‚Ring dinge ding‘, im welchem die Protagonistin zum Beweis ihrer überbordenden Fröhlichkeit davon erzählt, so sinnfreie Dinge tun zu wollen wie einen Minister anzurufen, um ihm den „Witz des Tages“ zu erzählen. Warum? Was hat der arme Mann ihr denn getan? Nun ist im Schlager, gerade beim Grand Prix, natürlich immer Platz für ein herzhaftes ‚La la la‘ (→ ES 1968), ‚Ding A Dong‘ (→ NL 1975), ‚Tipi tii‘ (→ FI 1962) oder gar ‚Diggy loo, diggy ley‘ (→ SE 1984). Und niemand fordert von so einem Drei-Minuten-Liedchen unbedingte kafkaeske Gedankenschwere (→ FR 1976). Doch ‚Ring dinge ding‘ schien selbst der Interpretin zuviel der Narretei: sie wirkte beim Vortrag in Wien nicht so recht Zuhause in dem Lied und landete folgerichtig mit nur zwei Punkten ziemlich weit hinten. Mehr Erfolg sollte Thérèse beim internationalen Songfestival 1970 in Rumänien beschieden sein, wo sie unter anderem gegen Lize Marke (→ BE 1965) siegte, was ihr dort den Weg zu einer Reihe von lukrativen Auftritten mit einem Folk-Repertoire ebnete. 1974 landete sie noch mal einen Top-40-Hit in den Niederlanden, später zog es sie nach Cannes, wo sie sich als Malerin mit eigener Kunstgalerie und Shop niederließ. Darauf ein fröhliches „Ringe dinge“!

„Dunkelbraun an Aug‘ und Haar“: Frau Steinmetz.

Vorentscheid NL 1967

Nationaal Songfestival. Mittwoch, 22. Februar 1967 aus dem Tivoli in Utrecht. Eine Teilnehmerin. Moderation: Elles Berger.
#Interpret/inTitelPostkartenPlatz
01Thérèse SteinmetzWaar be je15094
02Thérèse SteinmetzTornado04226
03Thérèse SteinmetzSta stil bij mij13045
04Thérèse SteinmetzZing32312
05Thérèse SteinmetzHoor27043
06Thérèse SteinmetzRing dinge ding55501

FI 1967: Der Tunten-Marathon

Wie schon in den Jahren zuvor veranstaltete das finnische Fernsehen YLE auch 1967 einen offenen Komponistenwettbewerb. 240 Einsendungen gingen ein, und wie schon im Vorjahr fanden sich unter den von einer Jury ausgewählten (diesmal acht) Finaltiteln gleich drei aus der Feder von Lasse Mårtenson (→ FI 1964). Ebenso wie schon im Vorjahr siegte wiederum eine davon. Mårtenson nun den Ralph Siegel Finnlands zu nennen, täte ihm aber dennoch unrecht, dafür waren seine Lieder einfach zu… un-siegelig. So wie das von ihm komponierte ‚Varjoon – suajoon‘ (sinngemäß: ‚Im Schatten – geschützt‘), einer sehnsuchtsvollen und in ihrer Art extrem finnischen Betrachtung über die Vorzüge des Lebens abseits des grellen Scheinwerferlichtes, dargeboten von einem eher untypischen Grand-Prix-Kandidaten, dem jungen Matti Kalevi Siitonen oder, wie er sich selbst nannte, Fredi (übrigens nach der cholerisch-liebenswürdigen Figur aus der Zeichentrickserie Familie Feuerstein). Fredi kannten seine Landsleute hauptsächlich als TV-Comedian, genauer gesagt als Teil des von ihm mitbegründeten Ensembles Kivikasvot. Als „Folk-Fredi“ hatte er 1965 seine erste Platte aufgenommen, und drei Mal dürfen Sie raten, welcher musikalischen Richtung diese zuzuordnen war. Nur sehr entfernt bis gar nicht folkig klangen indes seine beiden Vorentscheidungsbeiträge, das jazzig-schräge ‚O tuntematon‘ (nein, es ging nicht um das samstagabendliche Pendeln zwischen Gay-Bar und Homo-Disco, den Tunten-Marathon, sondern um das große ‚Unbekannte‘) wie auch das leidenschaftlich gekrähte, siegreiche ‚Varjoon – suajoon‘. Mit dem sorgte Fredi in Wien für ratlos zurückbleibende europäische Zuschauer/innen und perplexe Jurys, welche das introvertierte Lied-Kleinod mit einem Mittelfeldplatz abstraften. Fredi, der zu Hause im Laufe seiner Karriere mehr als 20 Hits landete, kehrte 1976 mit der ungleich eingängigeren Contest-Perle ‚Pump-pump‘ zurück.

Fredi mit dem vielleicht finnischsten Lied aller Zeiten.

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CH 1967: My Life on the D-List

Wie schon des Öfteren präsentierte sich auch dieser schweizerische Vorentscheid als eine Art von Vertriebenentreffen für Stars von der C-Liste. Lauter Schlagersängerinnen gaben sich hier die Klinke in die Hand, deren Namen Glanz in die Augen von dezidierten Jägern und Sammlern rarer Vinyl-Schätzchen zaubern, gerade weil sich selbst ihre wenigen Erfolgstitel auf keinem Sampler wiederfinden und erst recht nicht auf irgendwelchen Schlagerpartys gespielt werden. Brigitte Petry ist so ein Beispiel: geboren in Berlin, Hauptstadt der DDR, veröffentlichte sie ihrem Wikipedia-Eintrag zufolge 1961 eine einzige Single auf dem Amiga-Label, bevor sie ihr Wirken ins befreundete sozialistische Ausland verlegte, wo sie vor allem Neuaufnahmen amerikanischer Soul- und Blues-Hits einspielte. 1965 reihte sie sich in den Strom der Rübermacherinnen in den Westen ein, wo ihr trotz einer Teilnahme an den Deutschen Schlagerfestspielen von 1966 mit dem jazzig-melancholischen ‚So alt wie die Welt‘ sowie einigen weiteren TV- und Schlagerfilm-Auftritten nie so recht der große Durchbruch gelingen sollte. Durch einen simplen, nie mehr korrigierten Schreibfehler machte ihr West-Plattenlabel Polydor aus ihr Brigitt Petry. Tragischerweise starb Brigitt bereits 1971 im Alter von nur 28 Jahren bei einem Verkehrsunfall – wie schon bei ihrer Kollegin Alexandra ranken sich auch um ihren Tod seither Gerüchte. Sollte etwa der lange Arm der Stasi das Fahrzeug manipuliert haben? Ach, ich sehe die spekulative Doku schon vor meinem geistigen Auge!

Noch nicht ganz so alt wie die Welt: die Petry (Repertoirebeispiel).

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