ESC 1967: Sicher vor der sen­gen­den Son­ne

Logo Eurovision Song Contest 1967
Das Jahr der Viel­spra­chig­keit

Schon seit vie­len Jah­ren war den Hol­län­dern kein Sieg beim Grand Prix mehr gelun­gen. Und das, obwohl sie doch in den Anfangs­jah­ren des Wett­be­werbs regel­mä­ßig im Wech­sel mit Frank­reich den ers­ten Platz beleg­ten! Auch die dies­jäh­ri­ge Ver­tre­te­rin Thé­rè­se Stein­metz, die in Wien als ers­te Kom­bat­tan­tin auf die mit moder­nen Dreh­spie­geln aus­staf­fier­te Büh­ne im ansons­ten extrem baro­cken Fest­saal der kai­ser­li­chen Hof­burg – bis heu­te unge­schla­gen die nobels­te Loca­ti­on, in wel­cher der Euro­vi­si­ons­zir­kus jemals gas­tier­te! – muss­te, lan­de­te weit abge­schla­gen auf dem vier­zehn­ten Rang. Skur­ril – denn vom laut­ma­le­ri­schen ‘Ring Din­ge Ding’ ist es, zumin­dest pho­ne­tisch, nicht sehr weit zu ‘Ding A Dong’, mit dem die Nie­der­län­der erst 1975 wie­der die Kro­ne errin­gen konn­ten (mal abge­se­hen natür­lich von 1969, wo sich Len­ny Kuhr den Sieg jedoch mit drei Mit­be­wer­be­rin­nen tei­len muss­te). Eine kom­men­de Grand-Prix-Gewin­ne­rin ging indes heu­er erst­mals für Luxem­burg an den Start.

Ein bis­sel grus­lig: man war­tet drei Minu­ten drauf, ob Thé­rè­ses Hals­schlag­ader gleich platzt? (NL)

Die in Deutsch­land leben­de Grie­chin Vicky Lean­dros (→ LU 1972, Vor­ent­scheid DE 2006) hat­te jedoch trotz eines gran­dio­sen, klas­sisch fran­ko­phi­len Gefühls­stur­mes in die­sem Jahr kei­ne Chan­ce. Denn das vom fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten André Popp (→ ‘Tom Pil­li­bi’, FR 1960) ver­fass­te ‘L’Amour est bleu’ muss­te von Start­po­si­ti­on 2 aus ins Ren­nen: bekann­ter­ma­ßen der Todes­stoß für jeden Bei­trag. Erschwe­rend kam hin­zu, dass sie hier sang wie eine Hupe und auf der Büh­ne stand wie ein Schluck Was­ser in der Kur­ve. Der Legen­de zufol­ge schwor sich Vicky nach der Ver­an­stal­tung, eine tri­um­pha­le Rück­kehr hin­zu­le­gen: fünf Jah­re spä­ter mach­te sie es wahr. Die Gast­ge­ber schick­ten den Lie­der­ma­cher Peter Hor­ten (→ Vor­ent­scheid DE 1972, 1975), der sich spä­ter auf Druck der gleich­na­mi­gen, mitt­ler­wei­le längst im Metro-Kon­zern auf­ge­gan­ge­nen Kauf­haus­ket­te in Hor­ton umbe­nen­nen muss­te. Hof­fen wir für Mil­lio­nen Deut­sche, dass der Mol­ke­rei­pa­te Theo Mül­ler nie auf dum­me Gedan­ken kommt! ‘War­um es hun­dert­tau­send Ster­ne gibt’, woll­te aber außer­halb Öster­reichs nie­mand wis­sen: Platz 14.

Eine Kör­per­hal­tung wie ein Fra­ge­zei­chen: Vicky Lean­dros (LU)

Für Finn­land sang der etwas fül­li­ge Fre­di (→ FI 1976) lei­den­schaft­lich krä­hend sein ein­dring­li­ches ‘Var­joon-suo­ja­an’, eine ers­te War­nung vor den Fol­gen des Ozon­lochs (“Schutz vor dem glei­ßen­den Him­mel”). Sein Titel kam jedoch zu früh für die ver­schnarcht-kon­ser­va­ti­ven → Jurys, die erwar­tungs­ge­mäß kei­ner­lei Gespür für öko­lo­gi­sche The­men bewie­sen. Ganz → ohne Punk­te schick­ten sie dies­mal immer­hin nur eine Künst­le­rin heim: die schwei­ze­ri­sche Reprä­sen­tan­tin Géral­di­ne Gau­lier. Das aller­dings auch zu Recht, denn sie ver­ge­wal­tig­te die Töne eher, als sie zu sin­gen. Ins­be­son­de­re die gro­ße hohe Schluss­no­te ging einem so sehr durch Mark und Bein wie das Geräusch krat­zen­der Fin­ger­nä­gel auf einer Schie­fer­ta­fel. ‘Anousch­ka’, der deut­sche Bei­trag, hät­te in der von Alex­an­dra inter­pre­tier­ten Fas­sung durch­aus Chan­cen beses­sen, womit Inge Brücks Fähig­kei­ten nicht abge­wer­tet wer­den sol­len. Aber der wun­der­bar melan­cho­li­sche Trös­tungs­schla­ger war, sehr hör­bar, auf die schmerz­haft schö­ne, tief­trau­ri­ge Stim­me Alex­an­dras (eine der Stamm­ab­neh­me­rin­nen des Kom­po­nis­ten Hans Blum) hin geschrie­ben und gewinnt erst in der sub­ti­len Bre­chung der Durch­hal­te­bot­schaft (”Musst nicht wei­nen, klei­ne Anousch­ka / Er kommt wie­der, klei­ne Anousch­ka”) durch das ein­zig­ar­tig bit­ter­sü­ße Tim­bre der Aus­nah­mesän­ge­rin den nöti­gen inhalt­li­chen Tief­gang. Inge Brück gab ihr Bes­tes, ver­füg­te aber nicht nur über eine Fri­sur wie Ange­la Mer­kel, son­dern auch über deren Büh­nen­aus­strah­lung. Und sank in Wien folg­lich wie ein Stein.

Maso­chis­ten hal­ten bit­te bis zum bit­te­ren Ende durch: es lohnt sich! (CH)

Denn Groß­bri­tan­ni­en, bekannt­lich das Mut­ter­land des Pop, schick­te eine jun­ge, gut aus­se­hen­de Frau mit ech­tem Pop­star-Appeal und einem ech­ten Pop­song. San­die Shaw, die den brit­schen Vor­ent­scheid A Song for Euro­pe zuvor allei­ne bestrei­ten durf­te, brach­te – nach der Vor­ar­beit von Fran­ce Gall 1965 – mit nur fünf Jah­ren Ver­spä­tung nun end­gül­tig den Beat zum Con­test. Auch wenn ‘Pup­pet on a String’ eine gewis­se musi­ka­li­sche Ver­wandt­schaft zum Humptata-Schla­ger des Musi­kan­ten­stadls auf­weist: sei­ner­zeit ging man mit den Gen­re­gren­zen noch nicht so streng um wie heu­te. Zudem erscheint es als nahe­lie­gend, dass gera­de die Kom­bi­na­ti­on der für dama­li­ge Ver­hält­nis­se unkon­ven­tio­nell auf­tre­ten­den und damit frisch wir­ken­den Shaw und des eher gewöhn­li­chen, ver­söhn­lich wir­ken­den Lieds (das für die nächs­ten zehn Jah­re so etwas wie die Blau­pau­se aller bri­ti­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge lie­fern soll­te) zum Sieg führ­ten. Mit Madame Gall ver­band Miss Shaw indes nicht nur die Mario­net­ten-The­ma­tik des Song­tex­tes, den die Sän­ge­rin selbst als “sexis­ti­schen Schwach­sinn” brand­mark­te, son­dern auch der damit ver­bun­de­ne Erfolg und des­sen spä­te­re ent­schie­de­ne Ableh­nung.

Wahr­lich nicht schlech­ter: ‘Tell the Boys’, Platz 2 beim Song for Euro­pe 1967

Shaw wäre wohl deut­lich lie­ber mit dem zweit­plat­zier­ten Bei­trag des bri­ti­schen Vor­ent­scheids nach Wien gefah­ren. Ver­ständ­li­cher­wei­se, wie man sagen muss: ‘Tell the Boys’ klang deut­lich weni­ger nach Bier­zelt und ein biss­chen mehr nach Motown, war dabei sehr ein­gän­gig und mit­rei­ßend, und erzähl­te inhalt­lich, wenn­gleich es vor­der­grün­dig ums The­ma Treue ging, eine deut­lich eman­zi­pier­te­re Geschich­te (die sich jetzt in fes­ten Hän­den befin­den­de San­die ver­ab­schie­det sich von ihren zahl­rei­chen frü­he­ren Lieb­ha­bern, mit denen sie bis­lang “sehr viel Spaß” hat­te) als der Titel, den ihr das Publi­kum letzt­lich her­aus­such­te. Das aber natür­lich, wie stets, die rich­ti­ge Wahl traf: ihr in der Hof­burg bar­fuß vor­ge­tra­ge­nes ‘Pup­pet on a String’ gewann nicht nur mit rie­si­gem Vor­sprung den Song Con­test, es warf auch einen euro­pa­wei­ten Num­mer-Eins-Hit ab und avan­cier­te zum unver­ges­se­nen Ever­green. Sogar die eilig ein­ge­deutsch­te, von der bedau­erns­wer­ten Inter­pre­tin eigens pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne Fas­sung ‘Wie­de­hopf im Mai’ fand trotz absur­des­ter Über­set­zungs­ly­rik noch ihre Abneh­mer (#36). San­dies Sieg mar­kier­te damit den unum­kehr­ba­ren Über­gang in eine neue Euro­vi­si­ons­ära: weg vom getra­ge­nen fran­ko­phi­len Chan­son, hin zum beat­be­ton­ten, hit­pa­ra­den­taug­li­chen Pop­song. Eine gut­zu­hei­ßen­de Ent­wick­lung.

Da stand anfangs wohl irgend­je­mand auf der Lei­tung! (UK)

Einen wei­te­ren Moder­ni­täts­schub lie­fer­te Mona­co, das die Fran­zö­sin Min­ou­che Barel­li und ihr von Ser­ge Gains­bourg (→ ‘Pou­pée de Cire, Pou­pée de Son’, LU 1965) kom­po­nier­tes Anti­kriegs­lied ‘Boum Bad­abo­um’ ein­ge­kauft hat­te. Nicht nur ein musi­ka­li­scher Don­ner­schlag: die Aus­sa­ge, ange­sichts des durch die Atom­bom­be bald bevor­ste­hen­den Welt­un­ter­gangs noch schnell das Leben in vol­len Zügen genie­ßen zu wol­len (natür­lich, es ist ja von Gains­bourg, auch sexu­ell), kann für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se als gera­de­zu revo­lu­tio­när poli­tisch gel­ten. Heut­zu­ta­ge fie­le so eine Num­mer sicher­lich der EBU-Zen­sur zum Opfer. Barel­li ver­starb 2004 im Alter von nur 57 Jah­ren in Mona­co, zwei Jah­re, nach­dem sie die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Stadt­staa­tes ange­nom­men hat­te. Mit gar nur 43 Jah­ren riss ein Auto­un­fall 1980 den bel­gi­schen Ver­tre­ter Luis Neefs (→ BE 1969) aus dem Leben. Sein deut­lich tra­di­tio­nel­le­rer Schla­ger ‘Ik heb Zor­gen’ hät­te auch von Peter Alex­an­der stam­men kön­nen, unter­hielt aber immer­hin durch eine per­fi­de Klatsch­fal­le: einem ange­täusch­ten, abrup­ten Lied­en­de, das aber in Wahr­heit nur aus einer zir­ka ein­se­kün­di­gen Kunst­pau­se bestand, nach wel­cher der Inter­pret so über­ra­schen­der- wie über­flüs­si­ger­wei­se den Refrain noch ein­mal wie­der­hol­te. Sol­che klei­nen Schock­mo­men­te lieb­te Neefs sehr, was ihn zum gru­se­ligs­ten Mann des Grand Prix mach­te.

Ein wenig fröh­li­cher als Nico­le: das Anti­kriegs­lied von Min­ou­che (MC)

Spa­ni­en schick­te erneut den Vor­jah­res­sän­ger Rapha­el (→ ES 1966), mit einem wei­te­ren dra­ma­ti­schen Bei­trag namens ‘Hab­la­mos del Amor’, der aber nicht ganz an die Ein­dring­lich­keit von ‘Yo soy aquél’ anknüp­fen konn­te. Fast allen die­sen Län­dern soll­te der ers­te Tri­umph noch bevor­ste­hen. Öster­reich hin­ge­gen muss­te ein knap­pes hal­bes Jahr­hun­dert auf einen wei­te­ren Sieg war­ten, und nach die­ser Ver­an­stal­tung ist das auch kein Wun­der. Die ORF-Mode­ra­to­rin Eri­ca Vaal ver­hed­der­te sich bei der Punk­te­ver­ga­be völ­lig und rief San­die Shaw (die zu die­sem Zeit­punkt aller­dings bereits unein­hol­bar führ­te) bereits vor der letz­ten Wer­tung zur Sie­ge­rin aus, was der düpier­te iri­sche Jury­spre­cher mit einem mokan­ten “I thought we were going to be left out” kom­men­tier­te, wäh­rend die Gast­ge­be­rin vor lau­ter Zer­knirscht­heit an ihrem “Oh, I am so sor­ry” fast erstick­te. So weit, so amü­sant. Doch galt das weni­ger für den zähen Show-Auf­takt, bei dem Frau Vaal ihre gefühlt drei­stün­di­ge (und real zehn­mi­nü­ti­ge) Begrü­ßungs­re­de auf deutsch, fran­zö­sisch, eng­lisch, ita­lie­nisch, spa­nisch und – für die Zuschauer/innen der Inter­vi­si­on – rus­sisch hielt. Anschlie­ßend ent­schul­dig­te sie sich, nicht auch noch die Spra­chen der rest­li­chen Teil­neh­mer­län­der gelernt zu haben, ver­sprach aber, das nach­zu­ho­len, soll­te der Con­test “in naher Zukunft” noch­mals in Wien statt­fin­den. Die Euro­pä­er begrif­fen das wohl als ernst­zu­neh­men­de Dro­hung: erst der Tod von Frau Vaal im Okto­ber 2013 ebne­te tra­gi­scher­wei­se den Weg für Con­chi­ta Wurst (→ AT 2014)!

Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer singt am schöns­ten im gan­zen Land? Der ESC 1967

Euro­vi­si­on Song Con­test 1967

Grand Prix de la Chan­son. Sams­tag, 8. April 1967, aus dem Gro­ßen Fest­saal der Hof­burg in Wien, Öster­reich. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Eri­ca Vaal.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01NLThé­rè­se Stein­metzRing Din­ge Ding0214
02LUVicky Lean­drosL’Amour est bleu1704
03ATPeter Hor­tonWar­um es 100.000 Ster­ne gibt0214
04FRNoël­le Cor­dierIl doit fai­re beau là-bas2003
05PTEdu­ar­do Nasci­men­toO Ven­to mudou0312
06CHGéral­di­ne Gau­lierQuel Coeur vas-tu bri­ser?0017
07SEÖsten War­ner­bringSom en Dröm0708
08FIFre­diVar­joon-Suo­jann0312
09DEInge BrückAnousch­ka0710
10BELou­is NeefsIk heb Zor­gen0807
11UKSan­die ShawPup­pet on a String4701
12ESRapha­el Mar­tos Sán­chezHable­m­os del Amor0906
13NOKirsti Spar­boeDuk­ke­man0214
14MCMin­ou­che Barel­liBoum Bad­abo­um1005
15YULado Lesko­varVse Rože Sve­ta0709
16ITClau­dio Vil­laNon anda­re più lon­ta­no0411
17IESean Dun­phyIf I could choo­se2202

DE 1967: Musst nicht wei­nen

Inge Brück, DE 1967
Die Christ­li­che

Auch in mei­nem Geburts­jahr woll­te sich kein kom­mer­zi­ell erfolg­rei­cher deut­scher Schla­ger­star mit einer Grand-Prix-Teil­nah­me die Kar­rie­re zugrun­de rich­ten, und so trug Hans-Otto Grü­ne­feldt, der dama­li­ge Unter­hal­tungs­chef des Hes­si­schen Rund­funks und Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che der ARD, der Sän­ge­rin Inge Brück auf, den deut­schen Bei­trag zu Gehör zu brin­gen. Deren ein­zi­ger Hit, der kes­se Schla­ger ‘Peter, komm heut Abend zum Hafen’, lag zwar bereits zehn Jah­re zurück. Doch sie konn­te 1966 mit dem dezent dra­ma­ti­schen ‘Frag den Wind’ das renom­mier­te Inter­na­tio­na­le Song­fes­ti­val in Rio de Janei­ro gewin­nen. Viel­leicht, so die Hoff­nung im Frank­fur­ter Funk­haus am Dorn­busch, gelän­ge ihr das­sel­be ja auch in Wien, wo der euro­päi­sche Wett­be­werb 1967 statt­fand.

Die Fri­sur: zu wis­sen, es ist Beton!

wei­ter­le­senDE 1967: Musst nicht wei­nen

PT 1967: Trom­meln dröh­nen hei­ser

Ein Jahr, nach­dem die dama­li­ge Kolo­ni­al­macht Nie­der­lan­de mit der von einem Surin­a­mer (Süd­ame­ri­ka) abstam­men­den Mil­ly Scott die ers­te schwar­ze Sän­ge­rin zum Euro­vi­si­on Song Con­test dele­gier­te, domi­nier­ten Künst­ler aus der por­tu­gie­si­schen Kolo­nie Ango­la (Süd­afri­ka), die erst 1975 die Unab­hän­gig­keit erlang­te, das Fes­ti­val da Canção. Der por­tu­gie­si­schen Wiki­pe­dia zufol­ge soll dies gerüch­te­hal­ber einem Wunsch des dik­ta­to­risch agie­ren­den Macht­ha­bers Sala­zar ent­spro­chen haben, der damit bele­gen woll­te, kein Ras­sist zu sein. Der Sen­der RTP, der das Stu­dio dies­mal mit einem schlich­ten, seit­lich beleuch­te­ten und in einer klei­nen, stopp­schild­för­mi­gen Büh­ne mün­den­den Lauf­steg schmück­te, schal­te­te bei die­sem FdC erst­ma­lig zwei Semis mit jeweils sechs Bei­trä­gen vor, von denen jeweils die Hälf­te ins Fina­le kam. Dem ango­la­ni­schen Duo Ouro Negro (“Schwar­zes Gold”), bestehend aus den Jugend­freun­den Raul Indipwo und Milo MacMa­hon, die an bei­den Vor­run­den teil­nah­men, gelang es dabei, gleich bei­de Titel ins Fina­le durch­zu­brin­gen. Dort beleg­te der deut­lich schmis­si­ge­re ihrer bei­den Wett­be­werbs­songs, das mit einer syn­chro­nen klei­nen Hand­cho­reo­gra­fie dar­ge­bo­te­ne, erfri­schend kur­ze ‘Quan­do aman­he­cer’ den vier­ten Rang, wäh­rend die ent­setz­lich alt­mo­di­sche und unglaub­lich lang­wei­li­ge Bal­la­de ‘Liv­ro sem Fim’ (‘End­lo­ses Buch’) sogar die Sil­ber­me­dail­le zu errin­gen ver­moch­te. Bei­de Bei­trä­ge hat­ten musi­ka­lisch nicht das Gerings­te mit ihrem hei­mat­li­chen Reper­toire zu tun, das auf dem von der Quer­flö­te gepräg­ten, jaz­zi­gen Kwe­la-Sound basier­te. Wobei das Duo Ouro Negro eben auch por­tu­gie­si­schen Pop im Pro­gramm hat­te und damit durch ganz Euro­pa tour­te. Mit dem Tod von Milo MacMa­hon Ende der Acht­zi­ger lös­te das Duo sich auf.

Hier erken­ne ich doch schon ers­te Vor­läu­fer einer klas­si­schen Grand-Prix-Cho­reo­gra­fie: das Schwar­ze Gold aus Ango­la beim FdC.

wei­ter­le­senPT 1967: Trom­meln dröh­nen hei­ser

SE 1967: Im Östen nichts Neu­es

Das Melo­di­fes­ti­va­len ist ein rund­her­aus ster­bens­lang­wei­li­ger Wett­be­werb mit nicht einem ein­zi­gen auch nur ansatz­wei­se inter­es­san­ten Titel und null Gla­mour: wür­de man für eine sol­che Aus­sa­ge heut­zu­ta­ge von vor Empö­rung schnapp­at­men­den Fans als Ket­zer bezich­tigt und von einem wüten­den Mob auf­ge­knüpft (und das zu Recht), so trifft obi­ge Aus­sa­ge für den Jahr­gang 1967 indes voll und ganz zu, wie selbst der schwe­do­phils­te Grand-Prix-Fan ehr­li­cher­wei­se zuge­ben muss. Zehn Lie­der hat­te eine Jury her­aus­ge­sucht, und dar­un­ter befand sich nicht einer, der in irgend­ei­ner Form als ein­gän­gig bezeich­net wer­den könn­te. Am kon­ven­tio­nells­ten viel­leicht noch der Titel ‘Chris­ti­na dan­sar’ der schwe­di­schen Schla­ge­ret­te und MF-Teil­nah­mere­kord­hal­te­rin Ann-Loui­se Han­son, die hier den drit­ten und vier­ten ihrer ins­ge­samt 13 (alle­samt erfolg­los blei­ben­den) MF-Bei­trä­ge prä­sen­tier­te. Doch auch die tan­zen­de Chris­ti­ne ver­wei­ger­te sich, so wie alle Songs des Abends, vehe­ment jed­we­dem dem Ohr anhaf­ten­den Refrain. Eben­falls gleich zwei Eisen im Feu­er hat­te die als Bir­git Rose-Marie Carls­son gebo­re­ne Towa (“Strub­bel­lies­chen”) Car­son, neben Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969) und der bereits erwähn­ten Ann-Loui­se Han­son spä­ter ein Teil des Alte-Schla­ger­schach­teln-Tri­os beim Melo­di­fes­ti­va­len 2004. Vom musi­ka­li­schen Stand­punkt her erwäh­nens­wert viel­leicht noch der ‘Svart-Olas Pol­s­ka’, der ‘Tanz des schwar­zen Ola’ von Sten Nils­son, der mit psy­che­de­li­schen Klän­gen in äußerst homöo­pa­thi­scher Dosie­rung han­tier­te und außer­dem die Exis­tenz von Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be the­ma­ti­sier­te, wie sie beim Euro­vi­si­on Song Con­test erst­ma­lig mit Mil­ly Scott (→ NL 1966) und Edu­ar­do Nascie­men­to (→ PT 1967) vor­ka­men.

Eher ein Hasch­keks­krü­mel­chen als ein LSD-Trip: der Tanz des schwar­zen Ola (gemeint ist doch nicht etwa Ola Salo?).

wei­ter­le­senSE 1967: Im Östen nichts Neu­es

NL 1967: Der Witz des Tages

Thé­rè­se Stein­metz, eine in Ams­ter­dam gebo­re­ne und aus­ge­bil­de­te Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin, hat­te im Jahr 1966 durch eine eige­ne TV-Show im nie­der­län­di­schen Fern­se­hen Bekannt­heit erlangt. Fol­ge­rich­tig (und ver­mut­lich auch, weil sonst nie­mand woll­te?) nomi­nier­te sie der Sen­der als Ver­tre­te­rin des Lan­des beim Euro­vi­si­on Song Con­test 1967 zu Wien. Sechs Titel gab man ihr zur Vor­stel­lung im unter der Woche ter­mi­nier­ten Natio­naal Song­fes­ti­val, dar­un­ter so kna­cki­ge Impe­ra­ti­ve wie ‘Hör!’ und ‘Sing!’. Per Post­kar­te durf­ten die Holländer/innen über die Songs abstim­men, die sie in der Ver­kün­di­gungs­sen­dung eine Woche dar­auf alle noch mal sang, bevor man das Ergeb­nis bekannt gab. Mit deut­li­cher Mehr­heit ent­schie­den sich die Zuschauer/innen für den uptem­po­rä­ren, laut­ma­le­ri­schen und völ­lig belang­lo­sen Schla­ger ‘Ring din­ge ding’, im wel­chem die Prot­ago­nis­tin zum Beweis ihrer über­bor­den­den Fröh­lich­keit davon erzählt, so sinn­freie Din­ge tun zu wol­len wie einen Minis­ter anzu­ru­fen, um ihm den “Witz des Tages” zu erzäh­len. War­um? Was hat der arme Mann ihr denn getan? Nun ist im Schla­ger, gera­de beim Grand Prix, natür­lich immer Platz für ein herz­haf­tes ‘La la la’ (→ ES 1968), ‘Ding A Dong’ (→ NL 1975), ‘Tipi tii’ (→ FI 1962) oder gar ‘Dig­gy loo, dig­gy ley’ (→ SE 1984). Und nie­mand for­dert von so einem Drei-Minu­ten-Lied­chen unbe­ding­te kaf­ka­es­ke Gedan­ken­schwe­re (→ FR 1976). Doch ‘Ring din­ge ding’ schien selbst der Inter­pre­tin zuviel der Nar­re­tei: sie wirk­te beim Vor­trag in Wien nicht so recht Zuhau­se in dem Lied und lan­de­te fol­ge­rich­tig mit nur zwei Punk­ten ziem­lich weit hin­ten. Mehr Erfolg soll­te Thé­rè­se beim inter­na­tio­na­len Song­fes­ti­val 1970 in Rumä­ni­en beschie­den sein, wo sie unter ande­rem gegen Lize Mar­ke (→ BE 1965) sieg­te, was ihr dort den Weg zu einer Rei­he von lukra­ti­ven Auf­trit­ten mit einem Folk-Reper­toire ebne­te. 1974 lan­de­te sie noch mal einen Top-40-Hit in den Nie­der­lan­den, spä­ter zog es sie nach Can­nes, wo sie sich als Male­rin mit eige­ner Kunst­ga­le­rie und Shop nie­der­ließ. Dar­auf ein fröh­li­ches “Rin­ge din­ge”!

Dun­kel­braun an Aug’ und Haar”: Frau Stein­metz.

Vor­ent­scheid NL 1967

Natio­naal Song­fes­ti­val. Mitt­woch, 22. Febru­ar 1967 aus dem Tivo­li in Utrecht. Eine Teil­neh­me­rin. Mode­ra­ti­on: Elles Ber­ger.
#Interpret/inTitelPost­kar­tenPlatz
01Thé­rè­se Stein­metzWaar be je15094
02Thé­rè­se Stein­metzTor­na­do04226
03Thé­rè­se Stein­metzSta stil bij mij13045
04Thé­rè­se Stein­metzZing32312
05Thé­rè­se Stein­metzHoor27043
06Thé­rè­se Stein­metzRing din­ge ding55501

FI 1967: Der Tun­ten-Mara­thon

Wie schon in den Jah­ren zuvor ver­an­stal­te­te das fin­ni­sche Fern­se­hen YLE auch 1967 einen offe­nen Kom­po­nis­ten­wett­be­werb. 240 Ein­sen­dun­gen gin­gen ein, und wie schon im Vor­jahr fan­den sich unter den von einer Jury aus­ge­wähl­ten (dies­mal acht) Final­ti­teln gleich drei aus der Feder von Las­se Mår­ten­son (→ FI 1964). Eben­so wie schon im Vor­jahr sieg­te wie­der­um eine davon. Mår­ten­son nun den Ralph Sie­gel Finn­lands zu nen­nen, täte ihm aber den­noch unrecht, dafür waren sei­ne Lie­der ein­fach zu… un-sie­ge­lig. So wie das von ihm kom­po­nier­te ‘Var­joon – sua­joon’ (sinn­ge­mäß: ‘Im Schat­ten – geschützt’), einer sehn­suchts­vol­len und in ihrer Art extrem fin­ni­schen Betrach­tung über die Vor­zü­ge des Lebens abseits des grel­len Schein­wer­fer­lich­tes, dar­ge­bo­ten von einem eher unty­pi­schen Grand-Prix-Kan­di­da­ten, dem jun­gen Mat­ti Kale­vi Sii­to­nen oder, wie er sich selbst nann­te, Fre­di (übri­gens nach der cho­le­risch-lie­bens­wür­di­gen Figur aus der Zei­chen­trick­se­rie Fami­lie Feu­er­stein). Fre­di kann­ten sei­ne Lands­leu­te haupt­säch­lich als TV-Come­di­an, genau­er gesagt als Teil des von ihm mit­be­grün­de­ten Ensem­bles Kivi­kas­vot. Als “Folk-Fre­di” hat­te er 1965 sei­ne ers­te Plat­te auf­ge­nom­men, und drei Mal dür­fen Sie raten, wel­cher musi­ka­li­schen Rich­tung die­se zuzu­ord­nen war. Nur sehr ent­fernt bis gar nicht fol­kig klan­gen indes sei­ne bei­den Vor­ent­schei­dungs­bei­trä­ge, das jaz­zig-schrä­ge ‘O tun­te­maton’ (nein, es ging nicht um das sams­tag­abend­li­che Pen­deln zwi­schen Gay-Bar und Homo-Dis­co, den Tun­ten-Mara­thon, son­dern um das gro­ße ‘Unbe­kann­te’) wie auch das lei­den­schaft­lich gekräh­te, sieg­rei­che ‘Var­joon – sua­joon’. Mit dem sorg­te Fre­di in Wien für rat­los zurück­blei­ben­de euro­päi­sche Zuschauer/innen und per­ple­xe Jurys, wel­che das intro­ver­tier­te Lied-Klein­od mit einem Mit­tel­feld­platz abstraf­ten. Fre­di, der zu Hau­se im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re mehr als 20 Hits lan­de­te, kehr­te 1976 mit der ungleich ein­gän­gi­ge­ren Con­test-Per­le ‘Pump-pump’ zurück.

Fre­di mit dem viel­leicht fin­nischs­ten Lied aller Zei­ten.

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CH 1967: My Life on the D-List

Wie schon des Öfte­ren prä­sen­tier­te sich auch die­ser schwei­ze­ri­sche Vor­ent­scheid als eine Art von Ver­trie­be­nen­tref­fen für Stars von der C-Lis­te. Lau­ter Schla­ger­sän­ge­rin­nen gaben sich hier die Klin­ke in die Hand, deren Namen Glanz in die Augen von dezi­dier­ten Jägern und Samm­lern rarer Vinyl-Schätz­chen zau­bern, gera­de weil sich selbst ihre weni­gen Erfolgs­ti­tel auf kei­nem Sam­pler wie­der­fin­den und erst recht nicht auf irgend­wel­chen Schla­ger­par­tys gespielt wer­den. Bri­git­te Petry ist so ein Bei­spiel: gebo­ren in Ber­lin, Haupt­stadt der DDR, ver­öf­fent­lich­te sie ihrem Wiki­pe­dia-Ein­trag zufol­ge 1961 eine ein­zi­ge Sin­gle auf dem Ami­ga-Label, bevor sie ihr Wir­ken ins befreun­de­te sozia­lis­ti­sche Aus­land ver­leg­te, wo sie vor allem Neu­auf­nah­men ame­ri­ka­ni­scher Soul- und Blues-Hits ein­spiel­te. 1965 reih­te sie sich in den Strom der Rüber­ma­che­rin­nen in den Wes­ten ein, wo ihr trotz einer Teil­nah­me an den Deut­schen Schla­ger­fest­spie­len von 1966 mit dem jaz­zig-melan­cho­li­schen ‘So alt wie die Welt’ sowie eini­gen wei­te­ren TV- und Schla­ger­film-Auf­trit­ten nie so recht der gro­ße Durch­bruch gelin­gen soll­te. Durch einen simp­len, nie mehr kor­ri­gier­ten Schreib­feh­ler mach­te ihr West-Plat­ten­la­bel Poly­dor aus ihr Bri­gitt Petry. Tra­gi­scher­wei­se starb Bri­gitt bereits 1971 im Alter von nur 28 Jah­ren bei einem Ver­kehrs­un­fall – wie schon bei ihrer Kol­le­gin Alex­an­dra ran­ken sich auch um ihren Tod seit­her Gerüch­te. Soll­te etwa der lan­ge Arm der Sta­si das Fahr­zeug mani­pu­liert haben? Ach, ich sehe die spe­ku­la­ti­ve Doku schon vor mei­nem geis­ti­gen Auge!

Noch nicht ganz so alt wie die Welt: die Petry (Reper­toire­bei­spiel).

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