ESC 1969: Er mach­te Fröh­li­che melan­cho­lisch

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Das Jahr der vier Sie­ger

Das hat­ten sich die den 1969er Grand Prix eröff­nen­den Jugo­sla­wen sehr cle­ver gedacht. In acht euro­päi­schen Spra­chen, ein­schließ­lich eines “Guten Tag”, begrüß­ten sie die Zuschauer/innen zum Auf­takt des mit wei­tem Abstand absur­des­ten (und somit groß­ar­tigs­ten) Con­test­jahr­gangs aller Zei­ten in der spa­ni­schen Haupt­stadt Madrid, wo bereits die merk­wür­di­ge Büh­nen­de­ko­ra­ti­on, eine kru­de Mischung aus alt­her­ge­brach­ten Blu­men­bee­ten, sakral anmu­ten­den Orgel­pfei­fen und einer futu­ris­ti­schen Metall­skulp­tur aus der Künst­ler­hand Sal­va­dor Dalís, auf das noch fol­gen sol­len­de Cha­os ein­stimm­te.

Vor­bild­lich: nach nur fünf Minu­ten singt schon der ers­te Teil­neh­mer beim ESC 1969 (kom­plet­ter Con­test)

Poz­drav Svi­jetu’ (‘Grü­ße an die Welt’), die hem­mungs­lo­se – wenn auch wun­der­bar har­mo­nisch gesun­ge­ne – kroa­ti­sche Punk­te­ab­greif­num­mer, zün­de­te bei den Jurys jedoch nicht wie erhofft. Was wohl vor allem an dem voll­bär­ti­gen Ivan lag (bür­ger­lich: Ivi­ca Kra­jač, eigent­lich ein gleich­be­rech­tig­tes Vier­tel des “Vokal­ni Kvar­tet” 4M, ver­dank­te er sei­ne Her­aus­he­bung als Lead­sän­ger der damals noch gül­ti­gen Euro­vi­si­ons­re­gel, die offi­zi­ell ledig­lich Solis­ten und maxi­mal drei­köp­fi­ge Begleit­chö­re zuließ), der sei­nen Vor­trag der­ma­ßen affek­tiert und thea­tra­lisch gestal­te­te, dass es einem beim Zuschau­en die Schu­he aus­zog: eine Acht auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la. Nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass er sei­nen Song “allen Jun­gen aller Flag­gen” wid­me­te, wie er sang: gemeint war wohl der bei Schwu­len belieb­te Hanky-Code, denn Mäd­chen fan­den in sei­nem Lied kei­ne Erwäh­nung. Bes­ser schnitt da schon die Schwei­ze­rin Pao­la del Med­ico (→ CH 1980, Vor­ent­scheid DE 1979 + 1982) ab, die auf eine ähn­li­che The­ma­tik setz­te.

Stand zu sei­ner inne­ren Lori­el­le: der Ivan (YU)

Ihr schwung­vol­les ‘Bon­jour, bon­jour’, das wie für Cate­ri­na Valen­te geschrie­ben klang, erquick­te den Hörer mit unbe­küm­mer­tem, hor­mo­num­tos­tem, Allein­ste­hen­de aller­dings acht­los aus­gren­zen­dem Opti­mis­mus (“Die Welt ist wun­der­bar, sie kann nicht schö­ner sein / Und sie gehört nur den Ver­lieb­ten allein”), wel­chem die wie immer arg steif auf­tre­ten­de spä­te­re Ehe­frau von Kurt Felix und Mit­mo­de­ra­to­rin der quä­lend unlus­ti­gen TV-Show Ver­ste­hen Sie Spaß? mit dem ihr so eige­nen Gefrier­lä­cheln nicht ganz gerecht wer­den konn­te. Mona­co schick­te ein erst zwölf­jäh­ri­ges Milch­büb­chen namens Jean-Jac­ques Bor­to­laï, das sei­ne ‘Maman’ anfleh­te, bitte­bit­te noch lan­ge­lan­ge an ihrem Rock­zip­fel kle­ben zu dür­fen: da mani­fes­tier­te sich wohl Heint­jes unglück­se­li­ger (und in des­sen Wahl­hei­mat Bel­gi­en stets viru­len­ter) Ein­fluss. Die­ses Grau­en mach­te die in einem augen­schmerz­grü­nen Kleid vom For­mat eines Zir­kus­zel­tes auf­tre­ten­de Irin Muri­el Day ver­ges­sen, die sich mit einem eksta­ti­schen Veits­tanz die ‘Wages of Love’ ver­dien­te (#1 in den hei­mi­schen Charts).

Erzielt sicher einen guten Lie­bes­lohn: die Muri­el (IE)

Für Bel­gi­en beschmach­te­te Lou­is Neefs (→ BE 1967), der Mann mit dem viel­leicht häss­lichs­ten Tou­pet der Con­test­ge­schich­te, ein Lon­do­ner Mäd­chen namens ‘Jen­ni­fer Jen­nings’. Er tat das mit stoi­scher Mie­ne und völ­lig bewe­gungs­los – bis zum ers­ten Refrain, als er ohne jede Vor­war­nung plötz­lich die Arme nach oben riss und in einer artis­ti­schen Ver­ren­kung über dem Kopf zusam­men­schlug. Wie vie­le älte­re Zuschau­er die­ser völ­lig unvor­her­seh­ba­re Gefühls­aus­bruch in den Herz­tod schick­te, ist nicht über­lie­fert. Finn­land ent­zück­te mit einem put­zi­gen Duo (und ech­tem Ehe­paar) namens Jark­ko & Lau­ra und einer Rag­time-Ode an die gute alte Zeit. Jark­ko hat­te sich stil­echt mit einem Kreis­sä­gen­hut und einem Regen­schirm kos­tü­miert; bei­de lie­fer­ten dazu eine lus­ti­ge Tanz­ein­la­ge, irgend­wo zwi­schen Kung-Fu, Stumm­film und Stepp­tanz. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) schau­te hin­ge­gen ver­zwei­felt und trug ihr ält­li­ches deut­sches Schla­ger­lein namens ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ vor, in dem sie die trau­ri­ge Ein­sam­keit eines Por­zel­l­an­püpp­chens besang: ein wirk­lich sozi­al­kri­tisch auf­rüt­teln­des Lied. Dazu dreh­te sie sich selbst etwa so anmu­tig wie der sprich­wört­li­che Ele­fant im Por­zel­l­an­püpp­chen­la­den.

Gin­gen offen­sicht­lich zum sel­ben Fri­seur: Jark­ko & Lau­ra (FI)

Die­se Rei­se durchs wil­de Absur­di­stan bil­de­te aber nur das Vor­spiel für das unüber­trof­fe­ne Dra­ma um die Punk­teaus­wer­tung. Nach dem umstrit­te­nen Sieg eines ‘La La La’-Lied­chens im Vor­jahr setz­ten nun etli­che Län­der auf ähn­li­che Laut­ma­le­rei­en in ihren Bei­trä­gen, wie die im Zwei-Jah­res-Rhyth­mus antre­ten­de nor­we­gi­sche Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 1967, Vor­ent­scheid DE 1970) mit dem pep­pi­gen ‘Oj oj oj’ (nein: kei­ne Skin­head-Ode); die sich als ver­hin­der­te Opern­sän­ge­rin gebär­den­de Por­tu­gie­sin Simo­ne de Oli­vei­ra (→ PT 1965), die im Refrain ihres Songs ‘Des­fol­ha­da’ eben­falls das ein oder ande­re “La La La” und “Lay Lay Lay” unter­brach­te; oder die völ­lig über­dreh­te, kul­ler­äu­gi­ge Schot­tin Marie McDo­nald McLaugh­lin Lawrie, bes­ser bekannt als Lulu (ihr → Cho­reo­gra­fie-Vor­bild bil­de­ten offen­sicht­lich die­se “lus­ti­gen” Kat­zen­uh­ren, bei denen sich die Augen im Sekun­den­takt über­trie­ben hin- und her­dre­hen), deren Kar­dio­lo­ge ihr vor dem Wett­streit die beun­ru­hi­gen­de Nach­richt über­bracht hat­te, ihr Herz schla­ge ‘Boom Bang A Bang’. Womit sie trotz ihres grau­en­haf­ten Kräch­zens einen der ers­ten Plät­ze beleg­te.

Vier gewinnt

Ääähh – wie bit­te? Einen der ers­ten Plät­ze? Jawohl, denn es gab gan­ze vier Sie­ger­ti­tel an die­sem Abend!

Freut sich, dass sie Euro­pa so ver­äp­peln konn­te: Lulu! (UK)

Bei ins­ge­samt 16 Teil­neh­mer­län­dern – Öster­reich, drei Jah­re zuvor noch der Sie­ger, befand sich in der ers­ten sei­ner zahl­rei­chen euro­vi­sio­nä­ren Sinn­kri­sen und setz­te aus – teil­ten sich vier Bei­trä­ge, also jedes vier­te Lied, die Höchst­wer­tung. Bei den wei­te­ren Glück­li­chen han­del­te es sich um zum einen um den Viel­fach­ge­win­ner Frank­reich (Fri­da Boc­ca­ra mit dem klas­si­schen, mit abso­lu­ter Prä­zi­si­on und Hin­ga­be gesun­ge­nen fran­ko­phi­len Gefühls­sturm ‘Un Jour, un Enfant’) und um das Gast­ge­ber­land Spa­ni­en selbst, wel­ches eine mit einem gro­tes­ken, meh­re­re Kilo schwe­ren Röhr­chen­fum­mel beklei­de­te Natur­tran­se (also eine als Maria Rosa Mar­co Poquet gebo­re­ne, bio­lo­gisch ech­te Frau, die aber aus­sah wie ein über­schmink­ter Trans­ves­tit mit pom­pö­ser Perü­cke) mit dem Künst­le­rin­nen­na­men Salo­mé auf die Büh­ne schick­te. Auch sie unter­stütz­te ihren son­ni­gen, deut­lich auf die Erfolgs­for­mel von ‘La la la’ (→ ES 1968) set­zen­den Euro­vi­si­ons­schla­ger ‘Vivo can­tan­do’ mit etli­chen “Hey!“s im Refrain. Wobei der Song in der Live­fas­sung aus ledig­lich einer ein­lei­ten­den Stro­phe und fünf sich ste­tig stei­gern­den Wie­der­ho­lun­gen des Kehr­reims sowie gleich drei → Rückun­gen bestand. Sie topp­te das Gan­ze mit einer schun­keln­den Tanz­per­for­mance, bei der die metal­li­c­blau­en Röhr­chen an ihrem Hosen­an­zug nur so flo­gen – Sest­re (→ SI 2002), her­ge­schaut: das ist ech­ter Drag-Queen-Gla­mour!

Da lach ich doch! Ich bin die Sie­ge­rin! (ES)

Die Nie­der­län­de­rin Len­ny Kuhr mit ihrer fol­ki­gen, selbst getex­te­ten Bän­kel­sän­ger­bal­la­de ‘De Trou­ba­dour’, auch sie dem ein oder ande­ren “Lay lay lay” nicht abge­neigt, ver­voll­stän­dig­te das Quar­tett der Erst­plat­zier­ten. Nach mei­nem Ver­ständ­nis zählt sie als die ech­te Sie­ge­rin die­ses Jahr­gan­ges. Lei­der erst im Nach­gang zu die­sem pein­li­chen Deba­kel erließ die European Broad­cas­ting Uni­on (EBU) die Bestim­mung, dass bei einem künf­ti­gen Punk­te­gleich­stand der­je­ni­ge gewon­nen habe, der die höhe­ren Ein­zel­wer­tun­gen vor­wei­sen kann. Eine mitt­ler­wei­le ins Gegen­teil (heu­te zählt die höhe­re Anzahl der Wer­tun­gen) gedreh­te Regel, die erst­mals 1991 zum Ein­satz kam, als Ami­na Anna­bi (FR) und Caro­la Hägg­kvist (SE) mit jeweils 146 Zäh­lern vor­ne lagen. Bei­de hat­ten je vier mal 12 Punk­te kas­siert; Caro­la konn­te aber fünf­mal 10 Punk­te auf sich ver­ei­nen, Ami­na nur vier mal. So gewann Caro­la. Wen­det man die­se Zähl­wei­se retro­ak­tiv auf den 1969er Con­test an, wie ich es in allen mei­nen Tabel­len (und nicht nur bei den Sie­ger­ti­teln, son­dern auch bei Punk­te­gleich­stän­den auf den unte­ren Plät­zen) tue, ergibt sich ein ein­deu­ti­ges Bild: Len­ny Kuhr gewinnt mit der höchs­ten Ein­zel­wer­tung (6 Punk­te) vor Lulu (5 Punk­te), Fri­da Boc­ca­ra (4 Punk­te) und Salo­mé (3 Punk­te).

Ein biss­chen Sie­gen: Len­ny Kuhr (NL)

Anders ver­hielt es sich in den Charts: dort räum­te ledig­lich Lulu (#8 in Deutsch­land, #2 in Groß­bri­tan­ni­en, #1 in Nor­we­gen) rich­tig ab. An die­sem Abend aber blieb es, zur erheb­li­chen Belus­ti­gung des anwe­sen­den Saal­pu­bli­kums und zur end­gül­ti­gen Über­for­de­rung der Mode­ra­to­rin Lau­ri­ta Valen­zue­la nach der Ent­schei­dung des EBU-Schieds­rich­ters Clif­ford Brown ganz offi­zi­ell bei vier Sie­ge­rin­nen, die auch alle vier eine Medail­le erhiel­ten (ver­füg­te der aus­rich­ten­de Sen­der TVE etwa über sehe­ri­sche Kräf­te?). Und zwar aus der Hand von Vor­jah­res­ge­win­ne­rin Mas­siel, die sich extra für die­sen Anlass in einen unglaub­lich prot­zi­gen, mit Gold­ap­pli­ka­tio­nen bestick­ten Pelz warf und sich über­haupt als eigent­li­cher Star des Abends gebär­de­te. Das Cha­os auf der rasch über­füll­ten Büh­ne meis­ter­te sie jedoch sou­ve­rän, reih­te die Mädels und ihre → Kom­po­nis­ten nach Kör­per­grö­ße sor­tiert auf wie die Orgel­pfei­fen, ver­teil­te Orden und Küss­chen und hielt beru­hi­gend Händ­chen, wo es nötig war.

Lau­ri­ta Valen­zue­la glaubt es kaum: vier Sie­ger!

Berüh­rend: die bereits 1996 im Alter von nur 55 Jah­ren an einer Lun­gen­ent­zün­dung ver­stor­be­ne Fran­zö­sin Fri­da Boc­ca­ra, schon beim ers­ten Gesangs­vor­trag, aber auch bei der Sie­ge­rin­nen­re­pri­se mehr als beein­dru­ckend in ihrer fei­nen Balan­ce aus stimm­li­chem Kön­nen und wohl dosier­ter Mimik, leuch­te­te bei der Über­rei­chung ihrer Medail­le für drei Sekun­den von innen her­aus so, als sei genau die­ser Moment der bes­te, wich­tigs­te und schöns­te ihres gesam­ten Lebens. Was er ja viel­leicht auch war. Den Tru­bel um sie her­um voll­stän­dig igno­rie­rend, erschaff­te sie nur durch ihren Gesichts­aus­druck einen kur­zen, stil­len Augen­blick des Glücks; so fra­gil, dass ich selbst beim wie­der­hol­ten Anschau­en an die­ser Stel­le jedes Mal unwill­kür­lich den Atem anhal­te, um ihn nicht ver­se­hent­lich zu zer­stö­ren. Mit die­ser win­zi­gen, fei­nen Ges­te gab sie dem gan­zen Abend sei­ne Wür­de zurück und setz­te einen berau­schen­den Schluss­punkt unter einen nie wie­der zu top­pen­den Jahr­gang mei­nes Lieb­lingsevents.

Den­noch bekom­men alle vier Sie­ge­rin­nen ihre Medail­le!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1969

Gran Pre­mio de la Can­ción de Euro­vi­si­on. Sams­tag, 29. März 1969, aus dem Tea­tro Real in Madrid, Spa­ni­en. 16 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Lau­ri­ta Vene­zue­la.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01YUIvan + 3MPoz­drav Svi­jetu0513
02LURomu­ald Figu­ierCathé­ri­ne0711
03ESSalo­méVivo can­t­an­to1804
04MCJean-Jac­ques Ber­to­laiMaman1106
05IEMuri­el DayThe Wages of Love1007
06ITIva ZanicchiDue gros­se Lacrime bian­che0514
07UKLuluBoom Bang a Bang1802
08NLLen­ny KuhrDe Trou­ba­dour1801
09SETom­my Kör­bergJudy, min Vän0809
10BELou­is NeefsJen­ni­fer Jen­nings1008
11CHPao­la del Med­icoBon­jour, bon­jour1305
12NOKirsti Spar­boeOj oj oj, så glad jeg skal bli0116
13DESiw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na0810
14FRFri­da Boc­ca­raUn Jour, un Enfant1803
15PTSimo­ne de Oli­vei­raDes­fol­ha­da 0415
16FIJark­ko + Lau­raKuin Sil­lon ennen0612

DE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

Siw Malmkvist, DE 1969
Die Unbe­schwer­te

Als Lehr­stun­de des ger­ma­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Unter­hal­tungs­elends kann ohne jede Fra­ge die Vor­ent­schei­dung des Jah­res 1969 die­nen. Die Show lief ver­mut­lich exakt so ab, wie sich das Deutsch­lands obers­ter Grand-Prix-Beam­te, Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk, immer vor­ge­stellt hat­te. So ver­wen­de­te er quä­lend lan­ge Sen­de­mi­nu­ten dar­auf, den Zuschauer/innen haar­klein aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass dies hier ein → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb sei, in wel­cher Form die Vor­auswahl der neun an die­sem Abend zu Gehör zu brin­gen­den Schlicht­schla­ger erfolg­te, und dass die Auf­tritts­rei­hen­fol­ge der drei Sänger/innen, die sich “freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt” hat­ten, den Mist weg­zu­sin­gen, unter nota­ri­el­ler Auf­sicht aus­ge­lost wur­de.

Der letz­te TV-Auf­tritt Alex­an­dras vor ihrem tra­gi­schen Tod fand nicht, wie zunächst geplant, beim deut­schen Vor­ent­scheid statt. Für die Aktu­el­le Schau­bu­de stand sie statt­des­sen ziem­lich zuge­dröhnt in der mas­siv ver­müll­ten Ost­see.

Nach Anga­ben des Fan­clubs Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny soll­te ursprüng­lich auch Alex­an­dra (‘Mein Freund, der Baum’) in Frank­furt dabei sein. Die Aus­nah­mesän­ge­rin mit der ein­zig­ar­ti­gen Stim­me, die im Som­mer des­sel­ben Jah­res bei einem Auto­un­fall den Tod fand, sag­te jedoch auf­grund wich­ti­ge­rer Ter­mi­ne ab. Oder wegen des grau­en­haf­ten Song­ma­te­ri­als? Selbst der so char­man­ten wie bedau­erns­wer­ten Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er war es sei­tens des Sen­ders strengs­tens unter­sagt, ihren Job aus­zu­üben und tat­säch­lich zu mode­rie­ren. Irgend­wel­che gar noch spon­ta­nen Äuße­run­gen hät­ten ja als Beein­flus­sung gel­ten kön­nen. So muss­te sie die Rol­le eines Sprech­ro­bo­ters spie­len und durf­te ledig­lich ansa­gen: “Das war Lied Num­mer 1 und jetzt kommt Lied Num­mer 2”. Und auch das ver­mut­lich erst, nach­dem die­ser Satz durch das hr-Jus­ti­zia­ri­at acht­fach gegen­ge­prüft und geneh­migt wur­de. Selbst bei der Büh­nen­de­ko­ra­ti­on leg­te man ängst­lich Wert dar­auf, bloß kei­nen der drei Prot­ago­nis­ten, die jeweils im Wech­sel drei Lied­lein vor­zu­tra­gen hat­ten, in irgend­ei­ner Form zu bevor­zu­gen.

Hey, DAS ist Musik für mich: die poly­glot­te Peg­gy March

Doch wozu der gan­ze Auf­wand? Denn selbst­ver­ständ­lich blieb der unmün­di­ge Zuschau­er von der Ent­schei­dungs­fin­dung aus­ge­schlos­sen. Statt­des­sen tag­te ein Gre­mi­um von elf alten Män­nern in grau­en Tre­vi­ra­an­zü­gen und mit bil­li­gen Tou­pets, die nicht ver­drieß­li­cher das Grau­en des alles­läh­men­den deut­schen Ver­bands­un­we­sens hät­ten illus­trie­ren kön­nen: je zwei Ver­tre­ter der Tex­ter- und Kom­po­nis­ten­lob­bys sowie der “Arbeits­ge­mein­schaft Schall­plat­te” (also der Indus­trie), die Unter­hal­tungs­chefs der ARD-Sen­de­an­stal­ten und, aus wel­chem Grund auch immer, der Kapell­meis­ter der Städ­ti­schen Büh­nen Frank­furt am Main, Rudi Franz. Letz­te­rer ver­rich­te­te sei­ne Juro­ren­tä­tig­keit (wegen des Spe­sen­schecks?) wenigs­tens mit einem son­ni­gen Lächeln, wäh­rend die übri­gen Her­ren mit staats­tra­gend sauer­töp­fi­scher Mie­ne und zusam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen (und ver­mut­lich auch Poba­cken) ihre alber­nen Papp-Wer­tungs­tä­fel­chen zogen und vor sich depo­nier­ten. In ihrer unfass­bar spie­ßi­gen Ver­klemmt­heit wirk­te die gan­ze Sze­ne­rie wie ein Sketch von Lori­ot. (Unfrei­wil­lig) lus­tig wur­de es jedoch nur ein­mal ganz kurz, als der Gro­ße Vor­sit­zen­de Grü­ne­feldt die von einem der Lob­by­is­ten abge­ge­be­ne Vote für Peg­gy March (→ Vor­ent­scheid 1975) wie­der­hol­te: “Herr Hée: Hey!”.

So steif wie die Juro­ren: auch sexy Rexy hat einen Stock im Arsch

Bei sel­bi­gem Titel, der es zusam­men mit dem spä­te­ren Sie­ger­lied ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ von Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) und Rex Gil­do‘Die bes­te Idee mei­nes Lebens’ (was man über sei­ne Teil­nah­me an die­ser Vor­run­de nicht unbe­dingt sagen kann) in die End­aus­wahl schaff­te, han­delt es sich denn auch um den ein­zi­gen nen­nens­wer­ten Bei­trag des Abends. “Hey, das ist Musik für mich / Hey, das ist Musik für Dich / Denn Musik, die ist nun mal / Inter­na­tio­nal”: grand­pri­x­es­ker konn­te die Bot­schaft des musi­ka­lisch locker-flo­ckig swin­gen­den Easy-Lis­ten­ing-Knül­lers kaum sein. Zu modern und frisch ver­mut­lich für die grau­en Herr­schaf­ten der → Jury, die sich statt­des­sen mehr­heit­lich für das ver­staub­te Spiel­do­sen-Schla­ger­lein ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ aus der Feder von Hans Blum erwärm­ten. Fair­neß­hal­ber soll gesagt sein: es war neben ‘Hey!’ der ein­zi­ge Song des Abends, der den Zuschau­er nicht sofort in dorn­rös­chen­glei­chen Tief­schlaf ver­setz­te, da er zumin­dest eine gefäl­li­ge, ins Ohr gehen­de Melo­die bot. Die man bei den rest­li­chen sie­ben Seicht­songs schmerz­lich ver­miss­te.

Sag, weint Dein Herz? Siw Malmkvist gibt uns die ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’

Skur­ril: Durodont-Rex (→ Vor­ent­scheid 1960), des­sen Hoch­zeits-Kit­schlied in der ers­ten Run­de noch am ein­deu­tigs­ten führ­te, erhielt in der Final­ab­stim­mung von den­sel­ben Juro­ren kei­nen ein­zi­gen Punkt. Anfang der Sech­zi­ger noch gemein­sam mit Git­te Hæn­ning (→ Vor­ent­scheid DK 1962, DE 1973) als “Traum­paar des deut­schen Schla­gers” ver­mark­tet, war Gil­do lan­ge Jah­re Stamm­gast in der 1969 zum ers­ten Mal aus­ge­strahl­ten ZDF-Hit­pa­ra­de und lan­de­te im sel­ben Jahr mit ‘Don­do­lo’ einen sei­ner zahl­rei­chen Top-Ten-Hits. Drei­ßig Jah­re und etli­che des­il­lu­sio­nier­te Möbel­haus-Auf­trit­te spä­ter wähl­te der schrank­schwu­le Schla­ger­sän­ger dann den Frei­tod. Doch zurück nach 1969: die weni­gen Vor­ent­schei­dungs-Zuschau­er/in­nen, die bis hier­hin noch nicht abge­schal­tet hat­ten und auch die bei­den als Pau­sen­über­brü­ckung gebuch­ten “Tanz­dar­bie­tun­gen” des Ehe­paa­res Trautz ohne Spon­tan­au­gen­krebs über­stan­den, ent­ließ man mit dem siche­ren Gefühl, dass die gan­ze Ver­an­stal­tung für alle sen­der­seits Betei­lig­ten, sei­en es die Juro­ren, die Mode­ra­to­rin oder die Sänger/innen, min­des­tens genau so quä­lend gewe­sen sein muss wie für die Men­schen vor den TV-Gerä­ten. Juris­tisch unan­greif­bar und jeg­li­cher Schie­bung unver­däch­tig gewiss, aber dafür eben auch nicht eine Sekun­de lang unter­halt­sam. Also alle Kli­schees über die red­li­chen, aber lang­wei­li­gen Deut­schen bestä­ti­gend.

Chart-Watch: Süd­län­di­scher Froh­sinn wohn­te dem ‘Lied für Madrid’ nicht inne. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1970, 19731979) nahm dann auch lie­ber an der ZDF-Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung ‘Deut­scher Schla­ger-Wett­be­werb 1969’ teil, wo er sich schnell von den Fes­seln fest­lich-deut­scher Spie­ßig­keit befrei­te, dem etwas tra­ni­gen ‘Heu­te so, mor­gen so’ tän­ze­risch erstaun­li­chen Pepp ein­hauch­te, damit sieg­te und einen Top-Ten-Hit gene­rier­te. Was hät­te aus dem Mann für ein groß­ar­ti­ger Enter­tai­ner wer­den kön­nen, hät­te man ihm nur mal adäqua­tes Song­ma­te­ri­al gege­ben!

Vor­ent­scheid DE 1969

Ein Lied für Madrid. Sams­tag, 22. Febru­ar 1969, aus dem Sen­de­stu­dio 2 des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Drei Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Loui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Siw MalmkvistDein Come­back zu mir02 | –--
02Rex Gil­doLady Julia04 | –--
03Peg­gy MarchKarus­sell mei­ner Lie­be01 | –--
04Siw MalmkvistMelo­die04 | –--
05Rex Gil­doDie bes­te Idee mei­nes Lebens07 | 0003-
06Peg­gy MarchAber die Lie­be bleibt bestehen04 | –--
07Siw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na05 | 070113
08Rex Gil­doFes­ti­val der jun­gen Lie­be00 | –--
09Peg­gy MarchHey!06 | 040229