ESC 1970: Schmetterlinge und Bienen

Logo des Eurovision Song Contest 1970
Das psychedelische Jahr

Ein neues Jahrzehnt, ein neuer Aufbruch. Das bekam das Publikum schon bei der deutschen Vorentscheidung zu spüren, die sowohl inhaltlich und optisch als auch musikalisch einer kleinen Revolution gleichkam. Revolutionär auch unsere Vertreterin in Amsterdam, Katja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981). Aus der Liedermacherszene kommend und mit sozialkritisch-aufklärerischer Attitüde ausgestattet, sang die spätere SPD-Wahlkämpferin und Heinrich-Heine-Rezitatorin einen von Christian Bruhn geschriebenen Tröstungsschlager namens ‘Wunder gibt es immer wieder’. Ein unvergesslicher Evergreen, weil er sich musikalisch wie textlich sehr deutlich von der bisher üblichen, biederen Schlager-Standardware unterschied.

Katja in Eisvogel-Blau (DE)

Ein gewaltiges, spannungsgeladenes Intro mit einer Blue Note als Hinhörer; der gedehnte und damit dramatisch wirkende Gesang der Ebstein; ein Liedtext, der zu einem bewussten Leben und zum aktiven Selbstgestalten des eigenen Schicksals auffordert; sowie ein furioses Finale machten das Lied zu einem Meilenstein der Contestgeschichte und einem der besten Popsongs überhaupt. Und, wie um den Songtitel zu bestätigen, erzielte die Ebstein in Amsterdam mit Rang 3 das bis dahin beste deutsche Eurovisions-Ergebnis. In ihrem sensationellen, spacigen Outfit mit schickem Mini, silbernen Astronautenstiefeln und lichtblauem Maximantel – niemand in der über sechzigjährigen Contestgeschichte konnte unsere Katja jemals modisch toppen – erreichte sie erstmals für Deutschland eine Medaillenposition beim europäischen Gesangswettstreit. Dafür hatten sie ihre Landsleute so lieb, dass die ARD sie für das kommende Jahr gleich fest buchte – eine Vorgehensweise, die sich exakt dreißig Jahre später mit einer gewissen Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) wiederholen sollte.

Die irische Andrea Jürgens: Dana National

Die 1970er Siegestrophäe indes ging an die gerade achtzehnjährige Irin Dana (geborene Rosemary Brown) und ihr ‘All Kinds of Everything’, einen weiteren Eurovisionsevergreen, wenn auch keiner der von mir goutierten Sorte. Sie gab sich ganz als die naive, natürliche Unschuld vom Lande, wie Jahre später Nicole Hohloch (→ DE 1982) auf einem Hocker sitzend (allerdings ohne Lagerfeuergitarre) und mit enervierend hoher Kinderstimme wolkig-harmlose Allgemeinplätze über die Liebe intonierend. Das war alles sehr geschickt auf heile Welt und Kindchenschema produziert. Was vor Ort auch darin Ausdruck fand, dass Danas mitangereiste Eltern ihren Augapfel im verderbten holländischen Sündenpfuhl Amsterdam nicht eine Sekunde von der Leine ließen. Kein Wunder, dass die kleine Dana im Gegensatz zu Katja später einen politisch stramm konservativen Kurs einschlug: nach einer Karriere als Fernsehpredigerin in den USA kandidierte sie Ende der Neunziger (und erneut in 2011) für den Posten der irischen Präsidentin, allerdings ohne Erfolg. Von 1999 bis 2004 saß sie im Europaparlament, wo sie sich vor allem als fundamentalistisch strenge Abtreibungsgegnerin hervortat – eine Position, die sie mit Katja Ebsteins enger Freundin und Grand-Prix-Kollegin Inge Brück (→ DE 1967) teilt.

Herein, wenn’s kein Wogan ist: Mary Hopkin (UK)

Zu der Fraktion “Eurovisionslieder, die man sofort erkennt” gehört auch das (natürlich!) zweitplatzierte Stück ‘Knock knock, who’s there’ der von den Beatles entdeckten und von ihrem Apple-Label (nein, keine Division des heutigen Herstellers von schick designten, massiv überteuerten Mobiltelefonen) gesignten Britin Mary Hopkin, die 1968 mit ‚Those were the Days‘ einen ersten großen Hit landen konnte. Ihr Beitrag arbeitete, dem Titel gerecht werdend, mit den seinerzeit im englischen Pop sehr beliebten Klopfmotiven und erwies sich als eher einfach strukturiert, war an diesem Grand-Prix-Abend nach sechs vorausgegangenen Langeweileliedern jedoch hochwillkommen, was sich auch am frenetischen Saalapplaus bemerkbar machte. Die Interpretin selbst mochte den Titel, den ihr das britische TV-Publikum unter sechs möglichen Alternativen in einem Song-Vorentscheid ausgesucht hatte, weil es am deutlichsten der Humptata-Siegesformel von ‚Puppet on a String‘ (→ UK 1967) entsprach, hingegen gar nicht. Der Buchautor Gordon Roxburgh zitiert sie im zweiten Band seiner Serie Songs for Europe mit den Worten: „Es war mir so peinlich. Es ist furchtbar, auf der Bühne zu stehen und ein Lied zu singen, das Du hasst“. Die Arme!

Sweet, sweet Gwendolyne: Julio in der Strafhose (ES)

Für Spanien trat ein ehemaliger Fußballspieler des FC Real Madrid an, der hier den Grundstein für seine noch folgende Karriere als erfolgreichster Schnulzensänger Europas legte. Abertausende von Hausfrauen sollten im Laufe der Zeit bei seinen Konzerttourneen vor Verzückung in Ohnmacht fallen und ihm jahrzehntelang ausverkaufte Säle sowie goldene Schallplatten in rauen Mengen sichern: laut Wikipedia setzte er insgesamt mehr als 300 Millionen Tonträger ab. Hier landete der noch etwas fahrig wirkende und in einer babyblauen Achselhose ziemlich unschön anzuschauende Julio Langnesias Iglesias, der Mann mit dem zarten Schmalz, mit seiner schmachtend vorgejaulten ‘Gwendolyne’ auf dem vierten Rang. Grund seiner Nervosität war übrigens, dass seine Delegation ihm vor dem Auftritt die Sakkotaschen hatte entfernen lassen, auf dass er nicht die Hände darin vergrabe. Nun wusste er nicht, wohin damit – ein Schicksal, dass er mit zahlreichen anderen männlichen Eurovisionsinterpreten teilt. So wie beispielsweise mit dem mediterranen Konkurrenten Gianni Morandi, der während seiner Darbietung des mitreißenden Italoschlagers ‚Occhi di Raggazi‘ mehrfach – wenngleich vergeblich – versuchte, flügelschlagend von der Bühne abzuheben.

Dominique Dussel Dussault und ihr deutsches Idol (MC)

Deutschland sah sich nicht nur von Katja repräsentiert: die für Monaco antretende junge Französin Dominique Dussault himmelte in ihrem Lied die unsterbliche deutsche Schauspielerin ‘Marlene’ Dietrich an, in ihrer verführerisch-geheimnisvollen Androgynie seit jeher ein Lesbenidol. Dominique imitierte im Laufe ihrer Femmage die beliebtesten Posen des Filmstars. Das war von hoher unfreiwilliger Komik, denn der eher kompakten, schneckenlockigen Interpretin selbst ging jeglicher Glamour ab – es wirkte, als wenn Helga Beimer versuchte, Madonna nachzuahmen. Das Gastgeberland schickte ein am Vorbild längst verblichener amerikanischer Motown-Girlgroups orientiertes Trio namens Hearts of Soul: drei Schwestern, die 1977 erneut unter dem Namen Dream Express für Belgien antraten. Stella Maessen, die ganz rechts außen, schenkte uns 1982 außerdem noch das unglaublich schöne ‚Si tu aimes ma Musique‘. Ihre in Amsterdam vorgetragene Reverenz an das vom weltweit erfolgreichen Musical ‚Hair‘ ins popkulturelle Kollektivbewusstsein transportierte Wassermannzeitalter vermochte jedoch aufgrund des vom heimischen Orchester stark gebremsten Tempos bedauerlicherweise nicht zu überzeugen. Schade, denn mit anderthalbfacher Geschwindigkeit abgespielt, entwickelt der Song doch noch so etwas wie Groove. Probieren Sie es aus: in den Youtube-Einstellungen (das Zahnrädchen rechts unten) leicht zu finden, verbessert ein höheres Tempo bei vielen Eurovisionsbeiträgen den Genuss!

Die Supremes auf Valium: Hearts of Soul (NL)

Der psychedelische Look der deutschen Vorentscheidung setzte sich in Amsterdam fort: mit freischwebenden Kugeln erschufen die Holländer eine ziemlich futuristische Bühnen-Atmosphäre, in der die antretenden Künstler/innen jedoch, insbesondere bei eher klassischen Stücken, gelegentlich etwas fremd wirkten. Bestes Beispiel: der am Veranstaltungsort geborene niederländische Schlagersänger David Alexandre Winter, der im Vorjahr einen Nummer-Eins-Hit in Frankreich hatte und nun Luxemburg vertrat. Er sei direkt „vom Himmel gefallen“, wie er in seinem hoffnungslos altmodischen Schlager behauptete – und zwar offenbar ohne Fallschirm: der wild mit den Armen rudernde Winter zerschellte mit (absolut gerechten) → null Punkten auf dem Boden der Jurywertungen. Später siedelte er, wie die Alleswissende Müllhalde berichtet, in die USA über, wo er Gebrauchtwagen verkaufte. Ein allgemein als eher halbseiden angesehener Beruf, wie ihn auch Dieter Thomas Heck (→ DVE 1961) vor seiner Karriere als Radio-DJ und Pate der ZDF-Hitparade ausübte. Und der nahe liegt: in beiden Jobs muss man mit voller Überzeugung notdürftig aufpolierten Schrott an übertölpelte Kunden verhökern können.

Naschte der Schauspieler und Sänger in Amsterdam von närrischen Pilzen oder wie erklärt sich sein wildes Herumgehampel? (IT)

Dass der Contest überhaupt in der Kifferwelthauptstadt stattfand, verdanken wir nach Roxburghs Recherche einem Zufall: nachdem im Vorjahr vier Länder punktgleich siegten, von denen zwei – nämlich das Vereinigte Königreich und Spanien – bereits 1968 respektive 1969 den Wettbewerb organisiert hatten, entschied ein Münzwurf zwischen den verbliebenen Kandidaten Holland und Frankreich, wer 1970 als Veranstalter dran war. „Die Niederlande verloren,“ kommentierte ein BBC-Mitarbeiter maliziös den Ausgang der Entscheidung. Die Gastgeberschaft machte sich erneut bei der höchst effizienten, fast schon frostigen Moderation bemerkbar: der bei der Punktevergabe bis weit über die Grenze zur Unhöflichkeit hinaus straffe Ablauf führte – bei nur zwölf Teilnehmern, denn alle skandinavischen Länder und Portugal hatten aus Protest gegen die Wertungsfarce des Vorjahres abgesagt – nicht nur zu einer außergewöhnlich kurzen Sendezeit, sondern verstärkte auch den unpersönlichen, kalten Eindruck dieses Jahrgangs. Die Show dauerte nur knapp 75 Minuten, obwohl das niederländische Fernsehen die Sendung erstmals mit eigens angefertigten Einspielfilmchen zwischen den Songs streckte, welche die antretenden Interpret/innen in ihrer jeweiligen Heimat(haupt-)stadt zeigten. Diese aus der Not geborene Idee sollte sich dauerhaft halten: noch heute werden die Umbaupausen zwischen den Live-Auftritten mit den sogenannten → Postkarten überbrückt.

Der Sieger des portugiesischen Vorentscheids 1970, Sérgio Borges, durfte dann doch nicht fahren. Da haben wir noch mal Glück gehabt!

Kommerziell hingegen lief alles rund: die drei erstplatzierten Sängerinnen landeten maßstabsgerecht auf Rang #4 (Dana), #12 (Mary Hopkin) und #16 (Katja Ebstein) in den deutschen Verkaufscharts. Die beiden englischsprachigen Songs erreichten zudem europaweit die Top Ten, wobei sich Frau Hopkin (#2) in den britischen Charts ebenso wie beim Contest der Irin Dana (#1) geschlagen geben musste. Die konnte weltweit mehr als zwei Millionen Exemplare ihrer Single verkaufen und bescherte ihrem Volk, das es laut dem Buchautor (‚Ireland and the Eurovision‘) und zeitweiligen RTÉ-Unterhaltungschef David Blake Knox bis dato „nicht gewohnt war, irgendetwas zu gewinnen“, enorme nationale Glücksgefühle. Danas Sieg war zudem mit einer hohen innenpolitischen Bedeutung aufgeladen, stammte sie doch aus der nordirischen Stadt (London-)Derry, einem der zentralen Schauplätze der seinerzeitigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen protestantischen Unionisten und katholischen Separatisten. Die nationale irische Fluggesellschaft Aer Lingus transportierte die junge, nach eigener Aussage friedliebende Katholikin („Das, was dort passierte, das hatte mit uns nichts zu tun) am Sonntag nach ihrem Sieg direkt von Amsterdam nach Derry, wo sie von einer frenetisch jubelnden Menge empfangen wurde – der erste Flug der Linie, der im offiziell britischen Hoheitsgebiet landen durfte.

Nein, das ist kein stilisiertes Hakenkreuz – das Logo des ESC 1970 setzte sich aus vier kreisförmig angeordneten Musiknoten zusammen.

Eurovision Song Contest 1970

Eurovisie Songfestival. Samstag, 21. März 1970, aus dem Rai Congrescentrum in Amsterdam, Niederlande. Zwölf Teilnehmerländer. Moderation: Willy Dobbe.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01NLHearts of SoulWaterman0707
02CHHenri DèsRetour0806
03ITGianni MorandiOcchi di Ragazza0510
04YUEva SršenPridi, dala ti bom Cvet0411
05BEJean ValléeViens l'oublier0508
06FRGuy BonnetMarie Blanche0805
07UKMary HopkinKnock, knock, who's there?2602
08LUDavid Alexandre WinterJu suis tombé du Ciel0012
09ESJulio IglesiasGwendolyne0804
10MCDominique DussaultMarlène0509
11DEKatja EbsteinWunder gibt es immer wieder1203
12IEDanaAll kinds of everything3201

DE 1970: Musst Du sie auch sehn!

Katja Ebstein, DE 1970
Die Weltverbessererin

Eine Veranstaltung wie ein Drogenrausch: kurz, bunt und knallig. Der Kontrast zur viel belächelten 1969er Kleintierzüchtervereinsvorstandssitzung, ebenso wie diese Show vom Hessischen Rundfunk produziert, hätte nicht krasser ausfallen können. Niemals zuvor und nie wieder danach atmete eine deutsche Eurovisionsvorentscheidung so intensiv den Duft der großen weiten Welt. Beziehungsweise, präziser gesagt: Londons. Von dort her flog der hr die aus der britischen Chartshow Top of the Pops bekannte Tanzformation Pan’s People ein, die in den Wertungspausen anstelle des preußischen Ehepaars Trautz das Publikum im Sendestudio (und vor den Bildschirmen) unterhalten sollte. Und wie sie das taten!

Im Spätsommer der Liebe: Pan’s People 

Knallig bunt und aufreizend knapp gekleidet, wirbelten sie zu den Klängen der Beatles bzw. des ‚Clapping Song‘ derart wild auf der Bühne herum, dass sich die Zuschauer/innen vor lauter Farben und Bewegung auf einem LSD-Trip (oder zumindest im Afri-Cola-Rausch) wähnen mussten. Augenscheinlich hatten die Leute des Pan dazu noch gleich das Frankfurter Sendestudio eingerichtet, denn bunt und psychedelisch wirkten auch die Projektionen auf der Videoleinwand, vor der die Interpret/innen dieser Vorentscheidung ihre Beiträge zum Besten gaben. Selbst die sechs Titel, wenngleich textlich allesamt eher banale Liebesschlager, wirkten doch durch ihren musikalischen Vortrag, nicht zuletzt durch die tatkräftige Hilfe des begleitenden Günter-Kallmann-Chores, der so spacig klang wie eben frisch von der Raumpatrouille entführt, geradezu revolutionär modern. Bereits die Eröffnungssequenz, eine verjazzte (und somit beinahe erträgliche) Instrumental-Interpretation des letztjährigen deutschen Beitrags ‘Primaballerina’ wies die Richtung.

Der swingende Topflappen: Mary Roos mit einer ihrer anbetungswürdig lässigen Performances, für die wir sie so sehr lieben

Die großartige, fantastische, nicht hoch genug zu lobende Mary Roos (→ DE 1972, 1984, Vorentscheid 1975, 1982) eröffnete das Feld mit Grandezza. In einen riesigen, handgehäkelten, FDP-farbenen Topflappen gewandet, mit gestufter Kurzhaarfrisur und Orion-Eyeliner sah sie nicht nur extrem stylish aus, sondern interpretierte ihr fabelhaftes ‘Bei jedem Kuss’ auch noch dermaßen übertrieben cool, als handele es sich um eine Aufforderung zum Trendclubhopping à la Petula Clark (‚Downtown‘). Nichts schlagerhaft Dumpfes haftete diesem Auftritt an, wie es in den Sechzigern noch üblich war: hier begann eine neue deutsche Eurovisionsära! Und das eher zufällig: eigentlich sollte Edina Pop (→ Vorentscheid 1972, DE 1979 als Teil von Dschinghis Khan) die Nummer singen, sie fiel jedoch kurzfristig krankheitsbedingt aus. Mary sprang als Interpretin ein, was vielleicht erklärt, warum sie diese funkelnd strahlende Vorentscheidungsperle leider nie auf Tonträger aufnahm. Roberto Blanco (→ Vorentscheid 1973, 1979), der „wunderbare Neger“, wie ihn der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in der TV-Quasselbude Hart aber Fair einmal nannte (ziemlich hart, wenig fair), besang eurovisionstypisch die Liebe in allen Sprachen des Kontinents und wirkte dabei gar nicht so sehr wie der spätere Oktoberfest-Bierzeltstimmungssänger, sondern geradezu jetsetmäßig international.

Auf dem Kurfürstendamm sagt man „ohne Gummi fuffzig, mit dreißig“

Die norwegische Dreifach-Repräsentantin Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 1967, 1969), die im Vorjahr mit dem fröhlichen ‚Ein Student aus Uppsala‘ einen europaweiten Top-Hit landen konnte, erschien ebenfalls im quietschgelben Topflappen und gab einen von Drafi Deutscher erdichteten, schlimmen Schunkelschlager mit verklärender Pennerromantik über das sorgenfreie Leben der ach so glücklichen Berber von Paris zum Besten – da hatte Drafi beim Texten wohl dem französischen Landrotwein Marke “Pennerglück” etwas zu sehr zugesprochen… Nach so viel Internationalität mutete das 2007 verstorbene Schlagerfossil Peter Beil (→ Vorentscheid 1962, 1965) mit seinem drögen Anforderungskatalog an mögliche Gespielinnen, ‘Rote Augen, braune Lippen und kastanienblaues Haar’ (oder so ähnlich), doch ein wenig provinziell an. In dem zeitsprunghaft modernen Umfeld des diesjährigen Vorentscheids fühlte er sich wohl dergestalt verunsichert, dass er sich während des gesamten Vortrags ängstlich am Mikrofonkabel festklammerte und seinen Auftritt ziemlich vergeigte. Konsequenterweise erhielt er keinen einzigen Punkt.

Fabelhaft im hellblauen Maxikleid: Katja Ebstein regiert die Bühne

Die hinreißende, sensationelle, fantastische Katja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981) ließ bereits bei ihrem ersten Auftritt erkennen, dass nur sie die Königin des Abends sein könne: nicht eine Sekunde biederte sie sich beim Publikum an, hatte lediglich die vage Andeutung eines huldvollen Lächelns übrig – sie wusste sehr genau, dass niemand sie vom Material her schlagen konnte, dass sie über einen Jahrhundertsong verfügte. ‘Wunder gibt es immer wieder’, die Referenzklasse des deutschen Tröstungsschlagers, erhielt durch ihren stimmlich dramatischen wie bedeutungsschwer melancholischen Vortrag einen Tiefgang, der nochmals deutlich über den eigentlichen Text hinausging. Welcher im Gegensatz zu den vergleichsweise weinerlichen Paradies-wo-bist-Du-Schlagern der Sechziger die subtile Aufforderung zum aktiven Zupacken („…musst Du sie auch sehn“) enthielt. Und damit sagte: nimm Dein Leben selbst in die Hand, Du bist Deines Glückes Schmied! Das war neu im deutschen Schlager, der bis dato eher eine Art von schicksalsergebener Duldungsstarre propagierte. Musikalisch fand sich das spannungsgeladene Lied ohnehin Äonen vom üblichen Schlagereinerlei entfernt, in einer völlig anderen Galaxie.

Ich bin kein Hampelmann: der Reiner findet seine Schöne auch inmitten von Millionen

Auch Reiner Schöne, ein in Weimar aufgewachsener Schauspieler und Liedermacher, der 1968 aus der DDR rübermachte und in der Bundesrepublik Hauptrollen in aktuellen Musicals wie ‚Hair‘ und ‚Jesus Christ Superstar‘ sowie später in zahllosen Serien- und Filmproduktionen ergatterte, legte einen beachtlichen Auftritt hin. Selbst wenn er, wie schon weiland Cliff Richard (→ UK 1968), dabei gelegentlich den Eindruck erweckte, unter Diarrhö zu leiden, so geduckt, wie er dastand. Mit hippiesk langem Haupt- sowie schamlos freigelegtem Brusthaar sah er ein bisschen aus wie der friesische Blödelbarde Otto Waalkes auf Testosteron. Nur, dass Schöne deutlich besser singen konnte. Sein Beitrag ‘Allein unter Millionen’ beschäftigte sich im Grunde mit demselben Thema, mit dem zwei Jahre zuvor Karel Gott (→ AT 1968) für Österreich beim Londoner Contest baden ging: die Einsamkeit in der Großstadt. Wirkte Karels Schlager jedoch verzagt, so zeichnete sich Schönes optimistisch gestimmtes, kompetent vorgetragenes Angebot als eines aus, das Mut macht („…und das Glück wird mich belohnen“) und, wie Katjas Lied, die Zuhörer/innen auffordert, sich das pralle Leben mit beiden Händen fest zu greifen. Auch ihm wäre, ebenso wie Mary Roos, ein Sieg durchaus zu gönnen gewesen.

Chartwatch 1970: Ob das die selbe ‚Anuschka‘ ist, der Inge Brück 1967 beim Contest in Wien Trost spenden musste? Schwerenöter Udo Jürgens (→ AT 1964, 1965, 1966) landete auch 1970 wieder einen Top-Ten-Hit in den deutschen Verkaufscharts. 

Die Wertung teilte sich in zwei Phasen auf: sieben Juror/innen durften zunächst jeweils drei Beiträgen einen Punkt geben; die drei bestplatzierten Titel kamen eine Runde weiter. Die langatmigen Erklärungen Hans-Otto Grünefeldts, man suche etwas Vorzeigbares für das internationale Parkett (ach, wie sehr wünschte man sich, die heutige NDR-Auswahljury für den deutschen Eurovisionsvorscheid zeigte sich vom selben Ziel beseelt, anstatt nur ängstlich darauf zu schielen, was auf heimischen Mainstream-Radiowellen laufen könnte), verfehlten ihre Wirkung nicht: tatsächlich flogen die drei eher klassischen Schlager von Blanco, Sparboe und Beil raus und die drei musikalisch wie inhaltlich anspruchsvolleren Beiträge der Roos, der Ebstein und des Schöne kamen ins Finale. Wobei der Sieg von Katja Ebstein, die sieben von sieben möglichen Punkten erhielt, eigentlich bereits zu diesem Zeitpunkt feststand.

Noch fabelhafter im Mini mit silbernen Stiefeln: Modekönigin Katja Ebstein in Amsterdam!

Trotzdem mussten alle drei ihre Songs in der Endrunde nochmals präsentieren. Und zwar, da wollte man sich seitens des Hessischen Rundfunks wohl Aufwand ersparen, mit exakt der gleichen Dramaturgie und denselben Kameraeinstellungen wie schon im ersten Durchlauf. Was die Show nicht gerade abwechslungsreicher machte. In der zweiten Wertungsrunde gingen Herr Schöne und Frau Roos dann fieser Weise völlig leer aus und Frau Ebstein durfte ihren Schlager ein drittes Mal an diesem Abend singen. Moderatorin Marie-Louise Steinbauer, der man diesmal erlaubt hatte, ihren Job zu machen und etwas lockerer zu plaudern als noch im letzten Jahr, freute sich aufrichtig, auch wenn sie das lethargische Studiopublikum zum Siegesapplaus erst gesondert auffordern musste. Mit einer Chorinterpretation von ‘Boom Bang A Bang’ ging der unter sechzigminütige Farben- und Klangrausch schließlich zu Ende.

Vorentscheid DE 1970

Ein Lied für Amsterdam, Samstag, 16. Februar 1970, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Sechs Teilnehmer, Moderation: Marie-Luise Steinbauer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Mary RoosBei jedem Kuss05 | 0002-
02Roberto BlancoAuf dem Kurfürstendamm sagt man "Liebe"01 | ----
03Kirsti SparboePierre, der Clochard03 | ----
04Peter BeilBlaue Augen, rote Lippen und kastanienbraunes Haar00 | ----
05Katja EbsteinWunder gibt es immer wieder07 | 070116
06Rainer SchöneAllein unter Millionen05 | 0002-