ESC 1971: Glück ist Hering in Dill­sos­se

Logo des Eurovision Song Contest 1971
Das Jahr des Auf­bruchs

Hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen tob­ten Anfang der Sieb­zi­ger­jah­re hin­ter den Kulis­sen des Song Con­tests, unter ande­rem um das schon mehr­fach geän­der­te Wer­tungs­sys­tem und über die Beset­zung der → Jurys. Auch Deutsch­land droh­te mit dem Aus­stieg aus der Gemein­schafts­ver­an­stal­tung, soll­te sie sich nicht end­lich mehr dem Zeit­geist annä­hern. Doch der Grand Prix ist bekannt­lich unka­putt­bar, und so einig­te man sich, ganz euro­pä­isch, auf einen Kom­pro­miss. Des­sen augen­fäl­ligs­tes Ergeb­nis war, dass die Juro­ren jetzt vor der Kame­ra und damit für alle sicht­bar ihre Punk­te ver­teil­ten statt wie bis­lang im Hin­ter­zim­mer. Zumin­dest in die­sem Jahr sorg­te das tat­säch­lich für annehm­ba­re Abstim­mungs­er­geb­nis­se, ver­mut­lich aus Angst der Juro­ren vor einem wüten­den Lynch­mob. Und es sorg­te für eine Rück­kehr zu alter Beset­zungs­stär­ke: nach nur zwölf Län­dern in Ams­ter­dam gin­gen in Dub­lin nun 18 Staa­ten ins Ren­nen um die euro­päi­sche Chan­son­kro­ne.

Orches­ter, TV-Kame­ras, Mode­ra­to­rin, Punk­te­ta­fel – neben all den tech­ni­schen Erfor­der­lich­kei­ten pass­ten noch etwa 20 Zuschauer/innen ins Point Thea­ter zu Dub­lin

Zu den Rück­keh­rern zähl­te neben den Skan­di­na­vi­ern und Por­tu­gal auch Öster­reich, das sich eigent­lich viel zu spät ange­mel­det hat­te und nur des­we­gen zuge­las­sen wur­de, weil es geschickt dar­auf hin­wies, dass sich 18 Län­der auf der drei­spal­ti­gen Anzei­gen­ta­fel optisch deut­lich bes­ser machen als 17. Zur Stra­fe muss­te es von Start­platz 1 aus ins Ren­nen. Der galt bis 1975, als eine wei­te­re Öster­rei­che­rin, näm­lich die für Hol­land sin­gen­de Get­ty Kas­pers, von die­ser Posi­ti­on aus sieg­te, als ver­flucht. Der ORF schick­te die groß­ar­ti­ge Mari­an­ne Mendt, die kurz zuvor auch bei uns mit ihrer Debüt-Sin­gle, dem gran­dio­sen Gos­pel­schla­ger ‘Wie a Glockn (die 24 Stun­den läut)’, für Auf­se­hen gesorgt hat­te. Ihren kom­merz­kri­ti­schen, mund­art­lich gesun­ge­nen Grand-Prix-Bei­trag ‘Musik’, der als eine Art Geburts­stun­de des Aus­tro­pop gilt (die min­der flot­ten Deut­schen brauch­ten mit ihrem Äqui­va­lent, der NDW, mal wie­der ein biss­chen län­ger), trug sie mit beein­dru­cken­der Stimm­kraft und Ver­ve vor, schei­ter­te jedoch an der Sprach­gren­ze.

Der über­am­bi­tio­nier­te öster­rei­chi­sche Jazz- und Chan­son-Ver­such” (Tho­mas Her­manns): Mari­an­ne Mendt (AT) gibt alles, erin­nert aber optisch ein wenig an Bet­ty Boop. In der → Post­kar­te kurz im Bild: die Wie­ner Stadt­hal­le, wo 2015 der Con­test statt­fin­den soll­te.

So wie auch die Pre­miè­re fei­ern­de Mit­tel­meer­in­sel Mal­ta, heut­zu­ta­ge ein ver­läss­li­cher Lie­fe­rant für Euro­vi­si­ons­camp. 1971 ver­such­ten es die Insu­la­ner zunächst mit lan­des­sprach­li­cher Folk­lo­re. Und das Mut­ter-Idi­om der Mal­te­ser (zwei­te Amts­spra­che ist, der zeit­wei­li­gen Beset­zung durch die Bri­ten sei Dank, Eng­lisch) besteht aus einer sehr eigen­ar­ti­gen Kreu­zung aus melo­disch-wei­chem Ita­lie­nisch und dem für euro­päi­sche Ohren eher aggres­siv klin­gen­den Ara­bisch. Fol­ge­rich­tig erhielt Joe Grechs Taver­nen­schla­ger ‘Mari­ja L’Maltija’, der zudem mit einer fie­sen Klatsch­fal­le über­rasch­te, als Begrü­ßungs­ge­schenk die Rote Later­ne über­reicht. Zu den über­fäl­li­gen Ergeb­nis­sen des dau­ern­den Rin­gens um Moder­ni­sie­rung beim Grand Prix zähl­te die amt­li­che Zulas­sung von Grup­pen (mit maxi­mal sechs Per­so­nen) ab die­sem Jahr. Die Schwei­zer, sonst eigent­lich nie vor­ne­weg, nutz­ten als Ers­te die­se neue → Regel und schick­ten ganz offi­zi­ell ein Gesangs­trio, das sich nicht mehr, wie einst­mals noch die Spa­ni­er (Los TNT, 1964), Jugo­sla­wen (4M, 1969) oder die Nie­der­län­der (Heart of Soul, 1970), also Solosänger/in plus Chor tar­nen muss­te. Peter, Sue & Marc (→ CH 1976, 1979, 1981) tra­ten in der Fol­ge noch mehr­fach für die Eid­ge­nos­sen an. Mit dem Bel­gi­er Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960, 1962) tei­len sie den Rekord für die meis­ten Euro­vi­si­ons­teil­nah­men, nur dass sie jedes­mal in einer ande­ren Spra­che san­gen und über einen län­ge­ren Zeit­raum dabei waren. Bei ihrer Pre­miè­re mit dem nach­denk­li­chen Lie­der­ma­cher­stück ‘Les Illu­si­ons de nos vingt Ans’ reich­te es für eine Posi­ti­on im Mit­tel­feld.

Die­ses Lied, die­ses Lied, hat die Kat­ja uns geschenkt (DE)

Wie gut sich ein Medail­len­platz, wenn auch nur ein bron­ze­ner, anfühlt, hat­ten die Deut­schen im letz­ten Jahr erst­ma­lig erfah­ren dür­fen. Die bis dato unge­wohn­te Dro­ge des Erfol­ges berausch­te sie so stark, dass sie sofort den nächs­ten Schuss woll­ten und die hier­für ver­ant­wort­li­che Vor­jah­res­ver­tre­te­rin Kat­ja Ebstein (→ DE 19701980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) gleich noch mal nomi­nier­ten. Kommt einem irgend­wie bekannt vor, gel­le? Eine aus­ge­zeich­ne­te Wahl: Kat­ja brach­te den sen­sa­tio­nel­len Öko­schla­ger ‘Die­se Welt’, mit dem die den Sozi­al­de­mo­kra­ten nahe­ste­hen­de Künst­le­rin all die sei­ner­zeit bei­spiels­wei­se im Ruhr­ge­biet oder der Gegend um Bit­ter­feld täg­lich erleb­ba­ren Miss­stän­de (“Rauch aus tau­send Schlo­ten senkt sich über Stadt und Land”) the­ma­ti­sier­te, die eine Deka­de spä­ter zur Grün­dung der Grü­nen führ­ten. Mit die­ser Con­test-Per­le, in ihrem span­nungs­reich-düs­te­ren Unter­ton auch musi­ka­lisch von erle­se­ner Qua­li­tät, zeig­te sich die Ebstein sehe­risch und ihrer Zeit weit vor­aus. Viel­leicht zu weit: obschon es sich bei ‘Die­se Welt’ um den ein­deu­tig bes­ten Bei­trag beim Haupt­wett­be­werb in Dub­lin han­del­te, kam wie­der nur der drit­te Platz her­aus. Immer­hin mit einem im Ver­gleich zum Vor­jahr deut­lich gerin­ge­rem Abstand zur Erst- und Zweit­plat­zier­ten.

Dann mach ich mir ein Loch ins Kleid und find es wun­der­bar: Kari­na (ES)

Eine davon war die direkt nach Kat­ja star­ten­de Spa­nie­rin Kari­na, antre­tend in einem Maxik­leid mit einem kreis­run­den Loch auf Höhe der zar­ten Fes­seln – ob hier die Idee für Gol­die Hawns “Ich kann Dich durch­schau­en!”-Kleid in ‘Der Tod steht ihr gut’ her­stammt? ‘En un Mun­do nue­vo’ muss man als ein in der End­pha­se des Fran­co-Regimes bei­na­he schon muti­ges Lied bezeich­nen, das – wenn auch schla­ger­ty­pisch unbe­stimmt – die in der Luft lie­gen­de Hoff­nung auf ein bes­se­res Mor­gen in einer neu­en Welt besang. Trotz Klatsch­fal­le und Hump­tata-Fina­le erreich­te sie einen gerech­ten zwei­ten Platz. Inter­es­san­tes Detail: Kari­na (bür­ger­lich: María Isa­bel Bár­ba­ra Llau­des) nahm ihren Titel auch in einer fast wört­lich über­setz­ten deut­schen Ver­si­on auf (‘Wir glau­ben an mor­gen’, akzent­frei nach­ge­sun­gen dann von Mary Roos [→ DE 1972, 1984, Vor­ent­scheid 1970, 1975, 1982]), wäh­rend die Ebstein von ihrem die Din­ge beim Namen nen­nen­den, auf Ver­än­de­rung set­zen­den Öko­schla­ger auch eine sehr ein­dring­li­che spa­ni­sche Fas­sung (Este Mun­do siemp­re asì) ein­spiel­te. Bei­de Songs tra­fen per­fekt die über­all zu spü­ren­de Auf­bruch­stim­mung der begin­nen­den sieb­zi­ger Jah­re, in der die Men­schen tat­säch­lich noch an ein neu­es, bes­se­res Mor­gen glaub­ten.

Ohne Loch im Kleid: Mary mit der deut­schen Fas­sung des spa­ni­schen Bei­trags

Für Dei­ne Lie­be tut sie alles: Clo­dagh “Hot­pants” Rod­gers (UK)

Nach die­sen Höhen­flü­gen wie­der zurück in die Nie­de­run­gen des Con­test­ge­schäf­tes. Bei den nächs­ten bei­den, musi­ka­lisch unin­ter­es­san­ten Num­mern aus Frank­reich und Luxem­burg bie­ten allen­falls die Song­ti­tel eine Vor­la­ge für müde Flach­wit­ze: wäh­rend Ser­ge Lama noch ziel­los im ‘Jar­din sur la Terre’ her­um­spa­zier­te, sam­mel­te sei­ne Nach­fol­ge­rin Moni­que Melsen hin­ter ihm die Früch­te auf: ‘Pom­me, Pom­me, Pom­me’. Groß­bri­tan­ni­en ent­sand­te einen etwas ver­härmt wir­ken­den Abklatsch der Vor­jah­res­ver­tre­te­rin Mary Hop­kin (→ UK 1970): Clo­dagh Rod­gers ver­füg­te über eine schwä­che­re Stim­me, zeig­te dafür aber deut­lich mehr Bein. In ihrem flot­ten, mehr geklopf­ten als gesun­ge­nen Bei­trag ‘Jack in the Box’ (UK-Charts #4, DE #36, BE #3) degra­dier­te sich die Sän­ge­rin text­lich zum all­zeit auf Knopf­druck berei­ten Spiel­zeug: ihre Auto­ren hat­ten, wie sie in einem Inter­view sag­ten, am Bei­spiel von ‘Pup­pet on a String’ (→ UK 1967) “bewusst stu­diert”, wie ein Grand-Prix-Lied beschaf­fen sein müss­te, und lie­ßen sich so zur (sexis­ti­schen) Spiel­zeug­the­ma­tik inspi­rie­ren. Musi­ka­lisch glich der Titel ziem­lich ein­deu­tig dem Vor­jah­res­bei­trag ‘Knock knock, who’s the­re?’ – und folg­te damit kon­se­quent der von Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) bereits drei Jah­re zuvor geleg­ten Ton­spur. “Poch, Poch, wer da?” - wenn es in die­ser Ära irgend­wo klopf­te, konn­te man sicher sein: die Bri­ten ste­hen vor der Tür.

Zu früh gefreut: im Gegen­satz zu ihrem Pro­mo­clip schaff­ten es Nico­le & Hugo (BE) im wah­ren Leben dann doch nicht über den Ärmel­ka­nal. So kamen wir 1973 erst in den Genuss ihrer Tanz­dar­bie­tun­gen.

Die zeig­ten sich übri­gens wegen des eska­lie­ren­den Kon­flik­tes mit der IRA sehr besorgt über die Fra­ge, wen sie nach Dub­lin schi­cken soll­ten, und hat­ten die Nord­irin Clo­dagh, die den Lon­do­ner Vor­ent­scheid allei­ne bestrei­ten durf­te, gewis­ser­ma­ßen als Wogen­glät­te­rin aus­ge­wählt. Auch die 1996 ver­stor­be­ne Kom­men­ta­to­ren­le­gen­de Ter­ry Wogan kam so zu sei­nem Job: der Ire war erst weni­ge Wochen vor dem Con­test von RTÉ zur BBC gewech­selt. Er soll­te für die nächs­ten Jahr­zehn­te die Wahr­neh­mung des Wett­be­werbs auf der Insel mit sei­nen sar­kas­ti­schen Spit­zen ent­schei­dend prä­gen. Den flo­cki­gen flä­mi­schen Easy-Lis­ten­ing-Bei­trag ‘Goei­emor­gen, mor­gen’, ein Song wie ein lau­war­mer Milch­kaf­fee, hat­te beim bel­gi­schen Vor­ent­scheid noch das Kult­duo Nico­le & Hugo (→ BE 1973) gesun­gen. Auf­grund einer Gelb­sucht Nico­les muss­ten beim Con­test jedoch sehr kurz­fris­tig Jac­ques Ray­mond (→ BE 1963) und Lily Cas­tel ein­sprin­gen, die sich die exal­tier­te → Cho­reo­gra­fie der ursprüng­li­chen Ver­tre­ter nicht mehr drauf­schaf­fen konn­ten, ihre Sache aber den­noch sehr ordent­lich mach­ten.

Der Link zwi­schen The Mamas & the Papas und Abba (SE)

Für Ita­li­en trat ein hüb­sches Kerl­chen namens Mas­si­mo Ranie­ri (→ IT 1973) an, der sei­ne gefühls­sturm­kit­schi­ge, man­do­li­nen­ge­schwän­ger­te Ode an den Bei­schlaf, ‘L’Amore é un Atti­mo’, mit der­ar­tig expres­sio­nis­ti­scher Hin­ga­be und Dra­ma­tik into­nier­te, dass man stel­len­wei­se befürch­te­te, es kön­ne ihn jeden Moment vor lau­fen­den Kame­ras förm­lich zer­rei­ßen. Gott sei Dank blieb er heil – so konn­te er zwei Jah­re spä­ter noch­mal zum Con­test zurück­keh­ren. Der Nea­po­li­ta­ner nahm sei­ne Num­mer in meh­re­ren Spra­chen auf, dar­un­ter in einer sehr pos­sier­li­chen deut­schen Fas­sung als ‘Die Lie­be ist ein Traum’. Sein bel­gi­scher Euro­vi­si­ons­kol­le­ge Luis Neefs (→ BE 1967, 1969) cover­te den Schla­ger als ‘Omdat ik van je hou’. Für Ranie­ri schloss sich eine Kar­rie­re als Film­schau­spie­ler in sei­ner Hei­mat an. Neben den Schwei­zern nutz­ten auch die Schwe­den die neue Grup­pen­frei­heit mit der Fami­ly Four (→ SE 1972): zwei bär­ti­ge Her­ren, zwei Damen, die eine blond, die ande­re brü­nett, eine davon mit Namen Agne­ta, und im Gepäck eine opti­mis­tisch swin­gen­de Hap­py­sound­num­mer (‘Vita vid­der’) – wie­so kommt einem das Kon­zept nur so bekannt vor?

Gibt wirk­lich alles: Mas­si­mo (IT)

Das Gast­ge­ber­land schick­te eine sin­gen­de Schwarz­wäl­der Kirsch­tor­te namens Ange­la Farell, die ziem­lich schlecht abschnitt. Was aber ange­sichts der Auf­re­gung, als ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne und arme Nati­on erst­mals einen Event die­ser Grö­ßen­ord­nung stem­men zu müs­sen, gar nicht ins Gewicht fiel – nach Recher­chen von Gor­don Rox­burgh gab RTÉ 44.000 € allei­ne für die not­wen­di­ge tech­ni­sche Umstel­lung von schwarz­weiß auf Far­be aus und muss­te im Vor­feld mit erbit­ter­ter sen­der­in­ter­ner Oppo­si­ti­on wegen der hohen Kos­ten umge­hen. Am Ende aber konn­te man heil­froh bilan­zie­ren, dass “die Repu­ta­ti­on” der TV-Sta­ti­on noch “intakt” sei, wie der spä­te­re Unter­hal­tungs­chef David Bla­de Know in sei­nem Buch ‘Ire­land and the Euro­vi­si­on’ so schön for­mu­liert. Die Nie­der­lan­de steu­er­ten das Vor­bild für Inga & Wolf (→ DVE 1972) bei, näm­lich ihr Lie­der­ma­cher­pär­chen Sas­kia & Ser­ge. Sie hat­ten kei­ne all zu gute ‘Tijd’ auf der Büh­ne: die ihren mediä­val anmu­ten­den Bei­trag musi­ka­lisch prä­gen­den Block­flö­ten klan­gen live, als ob in einem schall­ge­dämpf­ten Neben­raum zwei Grund­schü­ler an dem Instru­ment übten. Sas­ki­as Mikro­fon pro­du­zier­te ent­we­der Tonaus­fäl­le oder fie­se Rück­kop­pe­lun­gen, und dass der fus­sel­bär­ti­ge Ser­ge sei­ne Gitar­re direkt unter dem Kinn tra­gend zupf­te, weil man schein­bar ver­ges­sen hat­te, ihm ein zwei­tes Mikro zu instal­lie­ren, irri­tier­te ein wenig. So, als woll­ten sie die Kli­schees über ihre Haupt­stadt Ams­ter­dam unbe­dingt bestä­ti­gen, sahen die Bei­den auch noch so aus­ge­mer­gelt aus, wie es für lang­jäh­ri­ge Drogengebraucher/innen typisch ist.

Ein frü­hes Hip­ster­pär­chen: Sas­kia & Ser­ge (NL)

Unge­wohn­ten Opti­mis­mus ver­brei­te­ten hin­ge­gen die Por­tu­gie­sen: obwohl das iri­sche Orches­ter ihren fröh­li­chen Folk­schla­ger ‘Meni­na’ nur mit unge­fähr der Hälf­te des Tem­pos der fast schon speed­me­tal­ar­tig schnel­len Stu­dio­fas­sung zele­brier­te, gehört der Titel zu den weni­gen lusi­ta­ni­schen Grand-Prix-Bei­trä­gen, die nicht in die sofor­ti­ge Depres­si­on füh­ren. Ein kur­zer Kame­ra­schwenk ins Publi­kum direkt nach Tonichas Per­for­mance (in einem wirk­lich far­ben­fro­hen Maxik­leid) sorg­te für den Kult­mo­ment des Abends, zeig­te er doch eine für weni­ge Sekun­den enthu­si­as­tisch applau­die­ren­de Zuschaue­rin, die plötz­lich mit­ten in der Bewe­gung ein­fror, so als habe ihr jemand den Ste­cker gezo­gen. Oder wur­den wir hier Zeu­gen eines Feh­lers in der Matrix? Der jugo­sla­wi­sche kroa­ti­sche Ver­tre­ter Kru­nos­lav Slab­niac hat­te sich in ein Sak­ko gewor­fen, das aus­sah wie aus einem Wand­tep­pich genäht, nur dass der Kra­gen groß­räu­mig fehl­te. Dafür glänz­te er mit den ers­ten Schul­ter­pols­tern der Mode­ge­schich­te. Sei­ne hoch­gra­dig melo­dra­ma­ti­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Tvoj Dječak je tužan’, vom Kol­le­gen Ivi­ca Kra­jač (→ YU 1969) kom­po­niert und spä­te­ren Bal­kan-Schmacht­fet­zen wie ‘Lane Moje’ (→ RS 2004) in punk­to gro­ße Gefüh­le durch­aus eben­bür­tig, stieß aller­dings auf tau­be west­eu­ro­päi­sche Juro­ren­oh­ren.

Eine Farb­ex­plo­si­on: Antó­nia de Jesus Mon­tes Tonicha Vie­gas (PT)

Für Nor­we­gen schließ­lich spa­zier­te eine gut beschirm­te Han­ne Krogh (1985 eine Hälf­te der sieg­rei­chen Bob­by­socks, 1991 ein Vier­tel von Just4Fun: für den fol­ge­rich­tig nächs­ten fäl­li­gen Auf­tritt als ein Ach­tel von irgend­was müss­te die EBU zunächst die Regeln ändern) über die Büh­ne und lis­te­te auf, was ihrer Mei­nung nach Glück sei: ‘Lykken er…’ “eine Steu­er­rück­zah­lung”, “eine Stun­de in der Bade­wan­ne” oder “Hering in Dill­so­ße”. Ah ja – für den Hering sicher nicht, außer man lässt ihn am Leben und füllt die Dill­so­ße in die Bade­wan­ne! Aber auch Han­ne brach­te die Num­mer wenig For­tu­ne: Platz 17. Es gewann eine klei­ne, ver­hält­nis­mä­ßig kor­pu­len­te Sän­ge­rin mit Sturz­helm­fri­sur aus Paris, die aller­dings für das finan­zi­ell gut situ­ier­te Mona­co an den Start ging. Séveri­ne zählt unbe­streit­bar zu denen, die den Con­test durch schie­re Wil­lens­kraft bezwan­gen. Was sich vor allem im letz­ten Refrain ihrer kraft­vol­len Mein-Park-soll-schö­ner-wer­den-Hym­ne ‘Un Banc, un Arb­re, une Rue’ mani­fes­tier­te, als sie nach der → Rückung die kur­zen Ärm­chen völ­lig ent­fes­selt in die Luft warf und der­ar­tig enthu­si­as­tisch und vol­ler glü­hen­der Ver­ve sang, dass die Juro­ren gar nicht anders konn­ten, als sie zur Beloh­nung mit Punk­ten zu über­häu­fen. Auch ihr männ­li­cher Begleit­chor ließ sich von Séveri­nes Begeis­te­rung anste­cken und gab alles, nach­dem er sich zuvor schon mit dem man­tra­ar­ti­gen Durch­sum­men des Refrains wäh­rend der weni­gen Stro­phen in Stim­mung gebracht hat­te.

Glaub an Dich selbst und es wird gelin­gen: Séveri­ne (MC)

Und auch wenn sich das Fürs­ten­tum, das die Aus­tra­gung des Con­tests im Fol­ge­jahr vor unüber­wind­ba­re logis­ti­sche Hin­der­nis­se stell­te, über Séveri­nes Sieg nicht amü­siert zeig­te, bleibt ihr das Wis­sen um einen unsterb­li­chen Auf­tritt und einen viel­fach, unter ande­rem von den Song-Con­test-Kol­le­gin­nen Kirsti Spar­boe (→ NO 1965, 19671969), Siw Malmkvist (→ SE 1960, DE 1969, Vor­ent­scheid DE 1962, Vor­ent­scheid SE 2004), Mari­an­ne Rosen­berg (→ Vor­ent­scheid 1975, 1980, 1982) und Tere­za Keso­vi­ja (→ MC 1966, YU 1972) geco­ver­ten, euro­pa­wei­ten Mil­lio­nen­sel­ler (#13 NL, #9 UK, #5 CH, #3 BE, #2 NO). Als beschä­mend muss man aber bezeich­nen, was die Deut­schen ihr anta­ten: nicht nur muss­te Josia­ne Gri­zeau (so ihr bür­ger­li­cher Name) eine unsäg­li­che, pho­ne­tisch ein­ge­sun­ge­ne deut­sche Fas­sung ihres Grand-Prix-Titels auf­neh­men: ‘Mach die Augen zu (und wünsch Dir einen Traum)’ ver­kauf­te sich hier­zu­lan­de sogar einen Tick bes­ser (#20, wäh­rend das Ori­gi­nal auf #23 ver­en­de­te). Was zur Fol­ge hat­te, dass sie anschlie­ßend mit graus­li­gen Bier­zelt­schla­gern durch deut­sche TV-Shows tin­gel­te. Und sich 1975 und 1982 gar beim deut­schen Vor­ent­scheid bewarb, natür­lich umsonst.

Teil­te sich mit Seve­ri­ne eine Fri­sur: Kru­nos­lav (YU)

Euro­vi­si­on Song Con­test 1971

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 3. April 1971, aus dem Gai­ety Theat­re in Dub­lin, Irland. 18 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Ber­na­det­te Ní Chall­choir.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01ATMari­an­ne MendtMusik06616
02MTJoe GrechMari­ja L-Mal­ti­ja05218
03MCSévé­ri­neUn Banc, un Arb­re, une Rue12801
04CHPeter, Sue & MarcLes Illu­si­ons de nos vingt Ans07812
05DEKat­ja EbsteinDie­se Welt10003
06ESKari­naEn un Mun­do nue­vo11602
07FRSer­ge LamaUn Jar­din sur la Terre08210
08LUMoni­que MelsenPom­me, Pom­me, Pom­me07013
09UKClo­dagh Rod­gersJack in the Box09804
10BEJac­ques Ray­mond + Lily Cas­telGoeie Mor­gen, Mor­gen06814
11ITMas­si­mo Ranie­riL’Amore è un Atti­mo09105
12SEFami­ly FourVita vid­der08507
13IEAnge­la FarellOne Day Love07911
14NLSer­ge + Sas­kiaTjid08506
15PTTonichaMeni­na08309
16YUKru­nos­lav Sla­bi­n­acTvoj dječak je tužan06815
17FIMark­ku Aro + Koi­vi­si­to Sis­tersTie uute­en Päiv­ään08408
18NOHan­ne KroghLykken er06517

DE 1971: Es ist schön auf ihr

Katja Ebstein, DE 1971
Die Öko­lo­gi­sche

Wun­der gibt es immer wie­der’ – und im Vor­jahr war tat­säch­lich eines geschehn: erst­mals in der bis­he­ri­gen Grand-Prix-Geschich­te konn­te Kat­ja Ebstein (→ DE 19701980, Vor­ent­scheid 1975, Mode­ra­ti­on 1981) für das bis dato beim inter­na­tio­na­len Wett­sin­gen eher glück­los agie­ren­de und nur sehr mäßig erfolg­rei­che Deutsch­land einen (bron­ze­nen) Medail­len­platz errin­gen. Und um das Glück per­fekt zu machen, zudem noch mit einem Titel, der beim Publi­kum wie bei der Kri­tik glei­cher­ma­ßen Anklang fand. Der sei­ner­zei­ti­ge Grand-Prix-Ver­ant­wort­li­che Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk wit­ter­te Mor­gen­luft und buch­te die Schla­ger­sän­ge­rin mit der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Welt­ver­bes­se­re­r­at­ti­tü­de in die­sem Jahr gleich fest. Wie man sieht, folg­te das Lena-Dop­pel also einem his­to­ri­schen Vor­bild, und nicht dem Schlech­tes­ten!

Chart-Watch 1971: Der Som­mer­hit des Jah­res stamm­te, wie im rest­li­chen Euro­pa, auch in Deutsch­land von Peret (ES 1974)

Kat­ja sah natür­lich ihre Chan­ce, ihre durch den Song Con­test fun­dier­te Kar­rie­re durch einen erneu­ten pro­mi­nen­ten TV-Auf­tritt zu fes­ti­gen und sag­te ger­ne zu. Um auch die Lob­by­ver­bän­de zu beglü­cken, durf­ten ihr sechs bekann­te und in der Stan­des­ver­tre­tung orga­ni­sier­te Schla­ger­kom­po­nis­ten jeweils ein Lied auf den schlan­ken Leib schrei­ben. Die Ebstein sang sie in Zwei­er­blö­cken weg, in den Umklei­de­pau­sen unter­bro­chen von einer neu­er­li­chen bri­ti­schen Tanz­for­ma­ti­on, die – hek­tisch durch das Stu­dio wir­belnd – für einen inter­na­tio­na­len Touch sorg­te. Auch der hip­pe Far­ben­rausch des Vor­jah­res fei­er­te sei­ne Rück­kehr, wobei man die wil­den Licht­pro­jek­tio­nen dies­mal im Blue­screen­ver­fah­ren hin­ter die Sän­ge­rin schnitt, wäh­rend die­se vor der Stu­dio­wand stand und mit – je nach per­sön­li­cher Zunei­gung zum Titel – mehr oder min­der star­kem Ein­satz per­form­te.

Die­se Welt: in einem garan­tiert nicht aus Bio-Baum­woll­fa­ser her­ge­stell­ten Dress sin­nier­te Kat­ja über die Fol­gen der Umwelt­zer­stö­rung

Als weni­ger hipp erwies sich die Mode­ra­ti­on von Gün­ther Schramm, der sich zwar alle Mühe gab, sen­der­seits jedoch gezwun­gen wur­de, das Publi­kum mit stun­den­lan­gen, schul­meis­ter­li­chen Beleh­run­gen zum The­ma → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb und zur Punk­te­ver­ga­be zu lang­wei­len. Wie dünn­häu­tig und unent­spannt der Hes­si­sche Rund­funk mit der Show umging, zeigt ein Zwi­schen­fall: Schramm muss­te auf Wei­sung des hr-Jus­ti­ti­ars noch in der lau­fen­den Sen­dung sei­ne unbe­dach­te Bemer­kung prä­zi­sie­ren, die Juro­ren säßen im Neben­stu­dio, wo sie ihre Wer­tung “abstim­men” wür­den: natür­lich nicht unter­ein­an­der, wie *hüs­tel* bös­wil­li­ge Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker mut­ma­ßen könn­ten, son­dern nur mit sich selbst! Nicht, dass es wie­der Mani­pu­la­ti­ons­vor­wür­fe gibt! “Bevor man die­se Sen­dung mode­riert, hat man bes­ser Jura stu­diert”, so der generv­te Seuf­zer Schramms.

Alle Men­schen will sie fra­gen, die Kat­ja. Da hat sie aber gut zu tun!

Über­haupt, die Wer­tung: in Anleh­nung an das beim Haupt­wett­be­werb prak­ti­zier­te Ver­fah­ren durf­ten erst­mals neben den fünf ARD-Fern­seh­un­ter­hal­tungs­chefs auch fünf “musik­in­ter­es­sier­te Lai­en”, alle unter 25 Jah­ren, gleich­be­rech­tigt mit­vo­ten. Damit soll­te, ganz im Sin­ne des zeit­los gül­ti­gen Wil­ly-Brandt-Mot­tos “mehr Demo­kra­tie wagen”, auch die Stim­me der auf­rüh­re­ri­schen Jugend Berück­sich­ti­gung fin­den. Natür­lich trug der nur bedingt wage­mu­ti­ge hr jedoch durch die Aus­wahl Vio­li­ne spie­len­der Musik­stu­den­tin­nen dafür Sor­ge, dass die­se bloß nicht all zu auf­rüh­re­risch aus­fal­len möge. Um so bemer­kens­wer­ter, dass die Wahl gene­ra­ti­ons­über­grei­fend auch bei den älte­ren Juro­ren auf den ein­zi­gen poli­ti­schen Song des Abends fiel: den die Umwelt­ver­schmut­zung anpran­gern­den und die über alle Maßen Res­sour­cen ver­nich­ten­de Lebens­wei­se der Indus­trie­staa­ten in Fra­ge stel­len­den Öko-Schla­ger ‘Die­se Welt’, ein musi­ka­lisch wie inhalt­lich packen­des, qua­li­ta­tiv her­aus­ra­gen­des Stück. Oder, wie Kat­ja es lako­nisch for­mu­lier­te: “Wir wuss­ten, wir lie­fer­ten kei­nen Schrott ab”. Wohl wahr!

…auf der Welt”: unter­halb des gan­zen Pla­ne­ten tut’s die Ebstein nicht!

Die rest­li­chen fünf Songs des Abends ver­moch­ten da nicht mit­zu­hal­ten, selbst wenn sie text­lich das belieb­te Schla­ger­the­ma “Lie­be” vom übli­chen Klein­klein des Zwi­schen­mensch­li­chen zum All­ge­mein­platz mit glo­ba­lem Anspruch auf­blie­sen. So wie bei­spiels­wei­se ‘Alle Men­schen auf der Erde’, die Kom­po­si­ti­on von Ebsteins dama­li­gem Ehe­mann und Pro­du­zen­ten Chris­ti­an Bruhn, wel­che die Sän­ge­rin per­sön­lich selbst­re­dend favo­ri­sier­te, wie sie spä­ter im Inter­view mit Jan Fed­der­sen zugab. Auch der sonst so pro­gres­si­ve Ton­set­zer Horst Jan­kow­ski (‘Ein Hoch der Lie­be’, → DE 1968) lie­fer­te dies­mal mit ‘Es wird wie­der geschehn’ musi­ka­lisch arg kon­ven­tio­nel­le Ware. Um nicht unge­recht zu erschei­nen: sol­che Aus­nah­me­ti­tel wie ‘Wun­der gibt es immer wie­der’ und ‘Die­se Welt’ schrei­ben sich halt nicht im Dut­zend. In den Charts reich­te es für den auch heu­te noch nichts von sei­ner Aus­sa­ge­kraft ein­ge­büßt haben­den Öko-Song erneut für Rang 16.

Leben von der Lie­be: wenn das die Nah­les hört, kürzt sie gleich wie­der den Hartz-Vier-Regel­satz!

Vor­ent­scheid DE 1971

Ein Lied für Dub­lin. Sams­tag, 27. Febru­ar 1971, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Eine Teil­neh­me­rin, Mode­ra­ti­on: Gün­ter Schramm.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Kat­ja EbsteinDer Mensch lebt von der Lie­be2705-
02Kat­ja EbsteinAlle Men­schen auf der Erde370216
03Kat­ja EbsteinEs wird wie­der geschehn2804-
04Kat­ja EbsteinDie­se Welt430116
05Kat­ja EbsteinIch bin glück­lich mit Dir2506-
06Kat­ja EbsteinIch glau­be an die Lie­be auf der Welt3702-