ESC-Fina­le 1971: Ein Staub­korn nur in der Unendlichkeit

ESC-Fina­le 1971: Ein Staub­korn nur in der Unendlichkeit

Heftige Auseinandersetzungen tobten Anfang der Siebzigerjahre hinter den Kulissen des Song Contests, unter anderem um das schon mehrfach geänderte Wertungssystem und über die Besetzung der Jurys. Noch immer gärte der Eklat des Vierfachsieges von 1969 nach, der im Vorjahr für einen Teilboykott durch fünf Länder gesorgt hatte. Selbst Deutschland, seit jeher die unerschütterlichste Eurovisionsnation, drohte mit dem Ausstieg aus der Gemeinschaftsveranstaltung, sollte sie sich nicht endlich dem Zeitgeist annähern. Doch der Grand Prix ist bekanntlich unkaputtbar, und so einigte man sich, ganz europäisch, auf einen Kompromiss. Dessen augenfälligstes Ergebnis war, dass die Jurys jetzt vor der Kamera und damit für…
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Jugo­vi­zi­ja 1971: Die Nacht ist lang und dun­kel, wie der Schmerz

Jugo­vi­zi­ja 1971: Die Nacht ist lang und dun­kel, wie der Schmerz

Lediglich drei der insgesamt acht jugoslawischen Landessender, nämlich RTV Ljubljana, RTV Zagreb und RTV Skopje, beteiligten sich 1971 am nationalen Eurovisionsvorentscheid Jugovizija im slowenischen Domžale. Jeder von ihnen entsandte drei Beiträge. Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, wie viele über den gesamten Staatenbund verteilte Jurys mit wie vielen Mitgliedern über die Lieder abstimmten, aber es müssen etliche gewesen sein, denn selbst der letztplatzierte Titel von Ditka Haberl und Doca Marolt bekam noch rund 1.300 Punkte. Haberl war zudem Teil der polyphonen Gesangsgruppe Bele Vrane, die nur einen Platz besser abschnitt. Zu den prominenten Namen zählte die aus einer Roma-Familie stammende Esma…
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Ein Lied für Dub­lin 1971: Es ist schön auf ihr

Ein Lied für Dub­lin 1971: Es ist schön auf ihr

'Wunder gibt es immer wieder’ - und im Vorjahr war tatsächlich eines geschehen: erstmals in der bisherigen Grand-Prix-Geschichte konnte die in Berlin aufgewachsene Katja Ebstein für das bis dato beim internationalen Wettsingen eher glücklos agierende und nur sehr mäßig erfolgreiche Deutschland einen (bronzenen) Medaillenplatz erringen. Und um das Glück perfekt zu machen, zudem noch mit einem Titel, der beim Publikum wie bei der Kritik gleichermaßen Anklang fand. Der seinerzeitige Grand-Prix-Verantwortliche Hans-Otto Grünefeldt vom Hessischen Rundfunk witterte Morgenluft und buchte die Schlagersängerin mit der sozialdemokratischen Weltverbessererinnenattitüde in diesem Jahr gleich fest. Wie man sieht, folgte das Lena-Doppel also einem historischen Vorbild,…
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San-Remo-Fes­ti­val 1971: Dann komm’ in die Stadt

San-Remo-Fes­ti­val 1971: Dann komm’ in die Stadt

Unter einem (wenn auch nur sehr langsam) sinkenden Stern stand das traditionsreiche San-Remo-Festival im Jahre 1971. Gleich drei Plattenfirmen blieben mit ihren Künstler:innen aufgrund der hohen Startgebühren dem Wettbewerb fern, dessen Teilnehmerfeld daraufhin von 26 auf 24 verkleinert werden musste. Sergio Endrigo ging auf eigene Kosten ins Rennen, belegte mit dem selbst geschriebenen 'Una Storia' jedoch nur den vorletzten Platz. Wie schon in den Vorjahren zog die vielbeachtete Veranstaltung auch etliche Demonstrant:innen an; eine Studentengruppe, die gegen die Ausweisung einer Immigrantenfamilie protestierte, stürmte das Café des Casinos und warf faule Eier und Tomaten auf die dortigen Gäste. Eine spektakuläre Performance…
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Melo­di­fes­ti­va­len 1971: Ich hab ein ande­res Paradies

Melo­di­fes­ti­va­len 1971: Ich hab ein ande­res Paradies

Wie frustrierend muss es für die Senderverantwortlichen sein, wenn sie jede Menge Kreativität, Geld und Gehirnschmalz in ein elaboriertes neues Auswahlverfahren stecken - nur um am Ende feststellen zu müssen, dass sie sich den ganzen Aufwand auch hätten sparen können? Der schwedische Sender SVT entschied sich nach dem Vorjahresboykott des Eurovision Song Contest, seine Rückkehr zu einem radikalen Umbau seiner Vorentscheidung zu nutzen und entwarf für das Melodifestivalen 1971 einen in dieser Form ubiquitären Hybrid aus interner Auswahl, reiner Interpret:innenkür und offenem Vorentscheid. Zunächst bestimmte SVT intern drei Acts: einen Solo-Sänger, eine Solo-Sängerin und, da in diesem Jahr erstmalig offiziell…
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Natio­naal Song­fes­ti­val 1971: Die Zeit macht nur vor dem Teu­fel halt

Natio­naal Song­fes­ti­val 1971: Die Zeit macht nur vor dem Teu­fel halt

Die mehr als fischige Abstimmung beim niederländischen Vorentscheid von 1970, wo eine fünfköpfige nationale Jury eine zweite, internationale, überstimmte, in dem sie all ihre Voten auf einen einzigen Act vereinte, hatte beim heimischen Publikum verständlicherweise für große Empörung und für naheliegende Bestechungsvorwürfe gesorgt. Wohl, um solch einem erneuten Eklat zu entgehen, aber auch, weil sich das Format beispielsweise für die Briten als überaus erfolgreich erwies, stellte das niederländische Fernsehen das Nationaal Songfestival ab 1971 auf eine reine Songauswahl mit fix gesetzten Interpreten um. Und was läge näher, als das im Vorjahr düpierte Folkschlagerpärchen Saskia & Serge mit einer Direktnominierung für…
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A Song for Euro­pe 1971: Das machen nur die Bei­ne von Dolores

A Song for Euro­pe 1971: Das machen nur die Bei­ne von Dolores

Auch nach dem frühen Tod des BBC-Unterhaltungschefs und Eurovisionsverantwortlichen Tom Sloan kurz nach dem Contest von 1970 im Alter von 50 führte sein Nachfolger Bill Cotton das seit Jahren bewährte Vorentscheidungsverfahren fort. Als Grand-Prix-Repräsentantin wählte man die Sängerin Clodagh Rodgers aus, die bereits eine Handvoll von Chart-Hits vorweisen konnte und auch aufgrund ihres attraktiven Äußeren ("The Best Legs in British Showbusiness") gern gesehener Gast in TV-Shows war. Da der Wettbewerb 1971 erstmalig in Irland stattfand, könnte man die Ernennung der gebürtigen Nordirin als Beschwichtigungsgeste im damals hitzig geführten Disput über den britisch besetzten Teil der Insel interpretieren, wobei von dort…
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Melo­di Grand Prix 1971: Gebt den Kin­dern das Kommando

Melo­di Grand Prix 1971: Gebt den Kin­dern das Kommando

"Dann fangen wir an mit der am meisten geschmähten Fernsehsendung des Jahres:" mit diesen Worten begrüßte der Moderator des norwegischen Vorentscheids 1971, Jan Voigt, die heimischen TV-Zuschauer:innen. Er nahm damit Bezug auf die Debatte um den Siegertitel des Melodi Grand Prix (MGP) 1969 und das absurde Ergebnis beim Eurovision Song Contest in Madrid, das zu einem Boykott des Wettbewerbs durch die skandinavischen Länder im Jahre 1970 geführt hatte. Das Nachbeben spürte man bis in diese Sendung: gleich zu Beginn stellte Voigt die im Studio anwesenden und offen abstimmenden 14 norwegischen Juror:innen, davon ein Drittel weiblichen Geschlechts, namentlich vor. Für die…
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Eurovi­isukar­sin­ta 1971: Schlie­ße die Augen vorm Morgen

Eurovi­isukar­sin­ta 1971: Schlie­ße die Augen vorm Morgen

Nach der Beteiligung am skandinavischen Eurovisionsboykott 1970 stieg der finnische Sender YLE 1971 wieder in den Wettbewerb ein, änderte aber die Herangehensweise. Diesmal schrieb YLE anstelle eines offenen Liederwettbewerbs neun namhafte, aktuell erfolgreiche Komponist:innen direkt an und bat sie um jeweils einen Titel. Der besonders für seine Verdienste um den finnischen Tango bekannte Toivo Kärki lehnte ab, und so gingen acht Beiträge ins Rennen um die Gunst einer dreißigköpfigen Jury. Die bestand aus 24 von den regionalen Radiostationen ausgewählten Zuhörer:innen, von denen jeweils die Hälfte unter und die andere Hälfte über 25 Jahre alt sein musste, sowie aus sechs "Professionellen".…
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Fes­ti­val da Can­ção 1971: Wer sie erblickt, wird gereinigt

Fes­ti­val da Can­ção 1971: Wer sie erblickt, wird gereinigt

Diesmal mit rechtzeitigem Abstand vor dem Eurovision Song Contest fand im Februar 1971 das achte Festival da Canção in Lissabon statt, das heuer wieder der Auswahl des portugiesischen Beitrags zum europäischen Wettsingen diente, denn wie die skandinavischen Nationen und Österreich kehrte auch das Land an der Algarve nach dem letztjährigen Boykott zurück an den Busen von Mütterchen EBU. Neben dem Moderationsveteran Henrique Mendes führte die amtierende heimische Schönheitskönigin Ana Maria Lucas durch den Abend, der zudem mit Stargästen wie der diesjährigen spanischen Eurovisionsrepräsentantin Karina und dem britischen Schlagersänger Malcolm Roberts aufwartete. Das Line-up entsprach in weiten Teilen dem des Vorjahres…
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Iri­scher Vor­ent­scheid 1971: Und so töte ich das Gefühl für dich

Iri­scher Vor­ent­scheid 1971: Und so töte ich das Gefühl für dich

Groß waren die Hoffnungen, die sich für die damals neunzehnjährige Angela Farrell mit ihrem Sieg beim heimischen Eurovisionsvorentscheid, dem dritten in Folge für eine im unruhegeschüttelten Nordirland lebende Sängerin, verbanden. So groß, dass sie gar ihren bisherigen Haupterwerbsjob als Drogerieangestellte aufgab, um sich voll und ganz der antizipierten musikalischen Karriere zu widmen. Doch so wie ihr von einem Zahnarzt geschriebener Beitrag 'One Day Love', eine mit enervierend hoher Stimme intonierte Depressionsballade, die auf das bitterlichste enttäuschten Erwartungen eines Pick-up-Artist-Opfers thematisierte, welches sich die wahre Liebe erhoffte und stattdessen als abgelegter One-Night-Stand endete, so sollte auch Farrells Flirt mit dem Unterhaltungsgewerbe…
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Bel­gi­scher Vor­ent­scheid 1971: Ein Luft­schloss zum Teilen

Bel­gi­scher Vor­ent­scheid 1971: Ein Luft­schloss zum Teilen

Überschattet von Krankheit und Tod zeigte sich die flämische Eurovisionsvorentscheidung im Jahre 1971. Der zuständige Sender BRT hatte hierfür ein drittes Mal nach 1963 und 1967 das von der italienischen Rai geklaute Format Canzonissima hervorgekramt, das mit neun Vorrunden und einem Finale sowie gleich drei Jurys mal wieder einen maximalen Aufwand für durch die Bank eher mittelmäßig bis katastrophal schlechte Songs betrieb. Bereits im Oktober 1970 ging es mit der ersten Qualifikationsrunde mit zehn Teilnehmer:innen los, weitere Sendungen folgten im Abstand von jeweils 14 Tagen. Der Sänger Ron Davis erlitt wenige Tage nach der zweiten Show bei einem schweren Verkehrsunfall…
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Mal­ta Song Fes­ti­val 1971: Pro­mi­se me Delight

Mal­ta Song Fes­ti­val 1971: Pro­mi­se me Delight

Eine gute halbe Million Menschen, und damit weniger als in meiner Heimatstadt Frankfurt am Main, bevölkern das aus zwei Inseln bestehende Mittelmeer-Archipel Malta, bis 1964 noch eine britische Kronkolonie und seit 2004 Teil der Europäischen Union. Interesse am Eurovision Song Contest hegte man in dem vom Wasser umgebenen und vom Tourismus lebenden Stadtstaat jedoch bereits seit 1960, als die dortige Zweigstelle der Christlichen Arbeiterjugend das am Vorbild des San-Remo-Festivals und des Grand Prix geschulte erste Malta Song Festival organisierte, mit dem erklärten Wunsch, dessen Sieger Joe Grech mit seinem selbstgeschriebenen, italienischsprachigen Canzone 'Vola Uccellino' zum internationalen Wettbewerb zu entsenden. Der…
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Spa­ni­scher Vor­ent­scheid 1971: Reisefieber

Spa­ni­scher Vor­ent­scheid 1971: Reisefieber

Zu einer Art von Castingshow griff der jedes Jahr ein neues Verfahren ausprobierende spanische Sender TVE zur Auswahl seiner Eurovisionsrepräsentantin 1971. Zwischen dem 17. Oktober und dem 30. Dezember 1970 gingen insgesamt zwölf Shows der Reihe Pasaporte a Dublin über die Antenne und bescherten dem Staatsfernsehen einen grandiosen Einschaltquotenerfolg. In der 75minütigen Auftaktsendung erklärten die ehemaligen iberischen Eurovisionsvertreter:innen Julio Iglesias und Massiel zunächst das Konzept, danach folgten unterhaltsame Kurzvorstellungen der insgesamt zehn Konkurrent:innen, inklusive eines Potpourris ihrer bisherigen Hits. In den darauffolgenden Galas präsentierte jeweils eine:r von ihnen werbewirksam Titel aus dem eigenen Repertoire, während die neun anderen zum wechselnden…
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