Wegen Coro­na-Kri­se: ESC 2020 abge­sagt

Für hart­ge­sot­te­ne Fans wie mich fühlt sich genau so die Apo­ka­lyp­se an: 64 Mal fand seit 1956 der Euro­vi­si­on Song Con­test in unun­ter­bro­che­ner Fol­ge jähr­lich statt. Noch nicht ein­mal die Krie­ge im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en oder in der Ukrai­ne konn­ten den euro­päi­schen Fest­spie­len der leich­ten Muse etwas anha­ben. Ein unsicht­ba­res Virus brach unser aller Lieb­lingsevent nun das Genick: wie es ange­sichts der sich täg­lich ver­schär­fen­den Nach­rich­ten­la­ge schon zu befürch­ten stand, sag­te die EBU heu­te Nach­mit­tag die Aus­tra­gung des Wett­be­werbs im Mai 2020 in Rot­ter­dam ab. Auf­grund der auch in den Nie­der­lan­den aktu­ell ver­füg­ten Ver­an­stal­tungs­ver­bo­te, und da der­zeit nicht abzu­se­hen ist, wie lan­ge die­se bestehen blei­ben, habe die Show weder ver­legt noch als Geis­ter­ver­an­stal­tung vor lee­ren Rän­gen orga­ni­siert wer­den kön­nen, so Jan Ola Sand in einem Video. Von den Fans bereits gekauf­te Kar­ten sol­len vor­aus­sicht­lich ihre Gül­tig­keit behal­ten, da man vor­ha­be, den 65. Jahr­gang des Euro­vi­si­on Song Con­test statt­des­sen 2021 im Ahoy statt­fin­den zu las­sen. Wel­che Aus­wir­kun­gen die­se Ent­schei­dun­gen für die 41 aus­ge­wähl­ten Songs und Künstler:innen nach sich zie­hen, steht der­zeit noch nicht fest. Und auch, wenn die­se Ent­schei­dung im Hin­blick auf die Gesund­heit der Teilnehmer:innen und Fans wohl unum­gäng­lich war (und noch zu den am wenigs­ten dra­ma­ti­schen Maß­nah­men die­ser Tage zählt), nimmt sie mir gera­de ziem­lich das Licht am Ende des Tun­nels, in den wir gera­de für die nächs­ten Wochen und Mona­te ein­fah­ren. Bleibt nur, all mei­nen Leser:innen zu wün­schen, dass Ihr heil da durch kommt.

Aser­bai­dschan 2020: Strai­ght or gay

Das Land des Feu­ers scheint beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2020 eine Art Res­te­ver­wer­tung zu betrei­ben. Zunächst ver­kün­de­te der zustän­di­ge Sen­der Ictimai Ende Febru­ar 2020, dass die 28jährige ehe­ma­li­ge The Voice-Teil­neh­me­rin Sami­ra Efen­di, die sich zuvor schon vier­mal erfolg­los um die Grand-Prix-Reprä­sen­tanz bewor­ben hat­te, heu­er Aser­bai­dschan ver­tre­ten dür­fe, nach­dem sie sich in einer inter­nen Jury­wahl gegen vier Kon­kur­ren­ten durch­set­zen konn­te. Heu­te ver­öf­fent­lich­te der Sen­der ihren Bei­trag ‘Cleo­pa­tra’, ein ziem­lich cam­pes, ori­en­ta­lisch aro­ma­ti­sier­tes Uptem­po-Mach­werk, zu dem ich vor mei­nem geis­ti­gen Auge bereits Hor­den von Fans aller­lei Geschlechts im Euro­club den Tanz der sie­ben Schlei­er auf­füh­ren sehe und das fast so viel die­bi­sches Ver­gnü­gen berei­tet wie Lore­na Bućans ‘Tower of Baby­lon’ aus der letzt­jäh­ri­gen Dora. Die ‘Cleo­pa­tra’ muss zuvor wohl bereits eini­ge Run­den durch Euro­pas TV-Sta­tio­nen gedreht haben: auch die san­ma­ri­ne­si­sche Ver­tre­te­rin Sen­hit nahm pro­be­hal­ber eine Ver­si­on davon auf, ent­schied sich dann aber gegen den Song.

Die­se Nase (Asterix-Leser:innen wis­sen, was ich mei­ne!): Sami­ra Efen­di.

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San Mari­no 2020: In the Dis­co

Es scheint grund­sätz­lich nur zwei Arten von Men­schen erlaubt zu sein, das klei­ne San Mari­no beim Euro­vi­si­on Song Con­test zu ver­tre­ten, und die hei­ßen ent­we­der Valen­ti­na Monet­ta oder S**h*t. Der sexy Dis­co-Dad­dy Ser­hat war bereits letz­tes Jahr an der Rei­he, daher hol­te SMTV heu­er Sen­hit Zadik Zadik aus der Ver­sen­kung. Die lang­weil­te uns 2011 in Düs­sel­dorf mit dem super­sprö­den ‘Stand by’ zu Tode, da noch unter dem Namen Senit, und schied zu Recht im Semi aus. Für Rot­ter­dam lern­te sie zumin­dest aus ihren Feh­lern und ver­sucht es heu­er mit dem­sel­ben Rezept wie ihr erfolg­rei­cher Vor­gän­ger: mit der guten, alten Dis­co! Yay! Um etwas künst­li­chen Hype zu erzeu­gen, ver­an­stal­te­te die im ita­lie­ni­schen Bolo­gna auf­ge­wach­se­ne Sän­ge­rin auf ihrer Inter­net­sei­te gar noch einen klei­nen Instant-Vor­ent­scheid, bei dem sich inter­es­sier­te Fans einen Tag lang zwi­schen zwei Bei­trä­gen ent­schei­den konn­ten: dem ver­gleichs­wei­se lah­men Mid­tem­po­ti­tel ‘Obses­sed’ und dem glück­li­cher­wei­se sieg­rei­chen, herr­lich bil­li­gen Dis­co-Ban­ger ‘Fre­aky’. Manch­mal kommt das Bes­te halt tat­säch­lich zum Schluss!

Den täto­wier­ten Tän­zer aus dem Clip bit­te unbe­dingt nach Rot­ter­dam mit­neh­men, Sen­hit!

Maze­do­ni­en 2020: Ebenee­zer Goo­de

In der Abend­aus­ga­be sei­ner TV-Nach­rich­ten stell­te der nord­ma­ze­do­ni­sche Sen­der MRT vor weni­gen Minu­ten den Video­clip zu sei­nem Euro­vi­si­ons­bei­trag 2020 vor. Der heißt sehr sim­pel ‘You’ und wird gesun­gen von Vasil Gar­v­an­liev, der bereits letz­tes Jahr in Tel Aviv als Chor­kna­be für die Jury­sie­ge­rin Tama­ra Todevs­ka im Ein­satz war. Der in Maze­do­ni­en gebo­re­ne Vasil wuchs haupt­säch­lich in den USA auf, seit sei­ner Rück­kehr in die frü­he­re jugo­sla­wi­sche Repu­blik konn­te er dort meh­re­re Hits plat­zie­ren. Sein Euro­vi­si­ons­bei­trag, der gegen die­sen Kata­log natür­lich deut­lich abfällt, mün­det nach einem ein­mi­nü­ti­gen, von spar­sam ein­ge­setz­ten Akkor­de­on­klän­gen und einer fast ori­en­ta­lisch anmu­ten­den Gesangs­füh­rung beglei­te­ten Vor­spiel in einem boun­cen­den Refrain, der bei­na­he aus­schließ­lich aus der man­tra­ar­ti­gen Wie­der­ho­lung der Hook­li­ne “I just wan­na dance with you” besteht. Ja, liebe:r Leser:in, Sie hören rich­tig: es ist ein eska­pis­ti­scher, hart kicken­der Tanz­flä­chen­stamp­fer, den uns Maze­do­ni­en hier ser­viert. Kei­ne Sor­gen wer­den beweint, kei­ne Pro­ble­me har­ren ihrer Lösung: Vasil will ein­fach nur ein biss­chen unver­bind­li­chen Spaß. Und man möch­te vor Freu­de und Erleich­te­rung wei­nend auf die Knie fal­len, ihn lob­prei­sen und gebe­ne­dei­hen, dass er dem dürs­ten­den Volk end­lich den lan­ge ersehn­ten Upper mit­ge­bracht hat. ‘You’ erfin­det trotz sei­ner wun­der­schön deko­ra­tiv mäan­dern­den Melo­die­li­ni­en das Rad nicht neu, aber das muss er auch nicht. Ich nehm’s auch so, mit Hand­kuss.

Den tie­fen Blick, den Vasil am Anfang des Vide­os dem Bar­kee­per zuwirft, emp­fin­de ich per­sön­lich als glaub­wür­di­ger. Aber da mag der Wunsch Vater des Gedan­ken sein.

Fes­ti­val da Canção 2020: Un Banc, un Arb­re, une Rue

Das Zweit­bes­te ist immer das Erst­schlech­tes­te. Die­se Lek­ti­on lehr­te uns (mal wie­der) das gest­ri­ge Fina­le des Fes­ti­val da Canção, bei dem sich in der Abstim­mung Publi­kum und Jurys nicht eini­gen konn­ten und in Fol­ge des­sen sich die in bei­den Votings ledig­lich Zweit­plat­zier­te Eli­sa Sil­va durch­set­zen konn­te. Mit einer für mei­ne Ohren graus­lich gesun­ge­nen, stein­schwe­ren Bal­la­de namens ‘Medo de Sen­tir’ (‘Angst vor dem Gefühl’), mit denen sich das Urlaubs­land mal wie­der als aus­sichts­rei­cher Bewer­ber für den letz­ten Platz im ESC-Semi­fi­na­le in Stel­lung bringt. Nicht nur, dass das kaum zu ertra­gen­de, depres­si­ve Geflen­ne der aus Madei­ra stam­men­den Künst­le­rin im dies­jäh­ri­gen, sich gera­de zum ein­schlä­fernds­ten Euro­vi­si­ons­jahr­gang seit 1961 ent­wi­ckeln­den Oze­an der Jam­mer­bal­la­den voll­kom­men unter­geht. Im FdC-Fina­le belei­dig­te Eli­sa zudem mit einem Büh­nen­fum­mel aus der Abtei­lung “Fest­li­che Abend­ro­be für die Dame ab Hun­dert”, bestehend aus einer über alle Maßen puf­fi­gen, bei­gen Blu­se und einem boden­lan­gen Rock aus dem­sel­ben auber­gi­ne­far­be­nen Glit­zer­stoff, aus dem auch das Kleid der sie beglei­ten­den Pia­nis­tin genäht war, die Augen des mode­be­wuss­ten Publi­kums. Ohren- und Augen­krebs in nur einem Auf­wasch, ergänzt von dem drin­gen­den Wunsch, sich das Leben neh­men wol­len ange­sichts des gan­zen Elen­des, das muss Por­tu­gal erst mal jemand nach­ma­chen.

Pao­la hat ange­ru­fen und will ihren Kla­mot­ten­ge­schmack zurück: Eli­sa Sil­va.

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DMGP 2020: Run­ning sca­red

Vor kom­plett lee­ren Rän­gen fand das däni­sche Melo­di Grand Prix 2020 statt. Nicht etwa, weil die Zuschauer:innen end­gül­tig genug gehabt hät­ten von dem faden Musik­brei, denen ihnen der ver­ant­wort­li­che Sen­der DR Jahr für Jahr dort kre­denzt, und den Vor­ent­scheid boy­kot­tiert hät­ten. Viel­mehr ent­schied die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche däni­sche Minis­ter­prä­si­den­tin Met­te Fre­de­rik­sen nur einen Tag vor der Show, im Zuge der gras­sie­ren­den Coro­no­vi­rus-Hys­te­rie alle öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen mit mehr als tau­send Zuschauer:innen zu unter­sa­gen. Nun hat­te der Sen­der die das rund Zehn­fa­che fas­sen­de Roy­al Are­na in Kopen­ha­gen bereits gebucht, die Pro­ben schon durch­ge­führt. Eine Ver­le­gung der Sen­dung schied aus ter­min­li­chen Grün­den aus, und so ent­schied man sich für eine Geis­ter­show in einer lee­ren Hal­le. Was einen beson­ders iro­ni­schen Biss dadurch erhält, dass die zehn aus­ge­wähl­ten Wett­be­werbs­ti­tel sich – wie für das Land üblich – als musi­ka­lisch der­ar­tig ste­ril erwie­sen, dass kein noch so bös­ar­ti­ges Virus dage­gen eine Chan­ce beses­sen hät­te. Tra­di­tio­nell sor­tier­te ein ers­tes 50/50-Voting alle Bei­trä­ge weg, die auch nur in Spu­ren­ele­men­ten Leben besa­ßen. Unter den fürs Gold­fi­na­le ver­blie­be­nen Drei stimm­ten die dort allei­ne ent­schei­dungs­be­rech­tig­ten Dän:innen dann wenig über­ra­schend für das hete­ro­se­xu­el­le Pär­chen und das Seich­tes­te aller DMGP-Lie­der.

Ell & Nik­ki rel­oa­ded: Ben & Tan sagen ‘Yes’ zuein­an­der. 

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Melo­di­fes­ti­va­len 2020: Nicht das Gel­be vom Ei

Ein Punkt. Ein ein­zi­ges gott­ver­damm­tes Pünkt­chen trenn­te am Ende einer ner­ven­auf­rei­ben­den Abstim­mung beim dies­jäh­ri­gen Melo­di­fes­ti­va­len die Sie­ge­rin­nen von der Fan-Favo­ri­tin. Immer­hin war es hier nicht die Schuld der inter­na­tio­na­len Jury: die zeig­te sich näm­lich genau so gespal­ten wie das Publi­kum und bedach­te bei­de Betei­lig­ten mit der exakt glei­chen Stim­men­zahl. So, dass es allei­ne den schwe­di­schen Televoter:innen oblag, für Klar­heit zu sor­gen. Und die ent­schie­den sich mit einem wirk­lich nur hauch­dün­nen Vor­sprung von 0,1% der abge­ge­be­nen Stim­men für The Mamas, den Begleit­chor des Vor­jah­res­ver­tre­ters John Lundvik, die heu­er, geschrumpft vom Quar­tett zum Trio, selbst ange­tre­ten waren im Kampf um die Fahr­kar­te nach Rot­ter­dam. Sel­bi­ge ergat­ter­ten die drei schwar­zen, stimm- wie figur­ge­wal­ti­gen Diven Lou­lou Lamot­te (wenn das kein fabel­haf­ter Drag-Name ist!), Ash­ley Hay­nes und Dinah Yonas Man­na mit ihrem uplif­ten­den Gos­pel-Pop­song ‘Move’ und einer simp­len, aber vor schie­rer Ener­gie und posi­ti­ver Aus­strah­lung nur so bers­ten­den Büh­nen­show. Und spä­tes­tens, als nach der Tro­phä­en­über­ga­be durch Lundvik bei der Sie­ger­re­pri­se bei einer der Drei­en die Freu­den­trä­nen flos­sen und ihr vor Gerührt­heit kurz die Stim­me ver­sag­te, muss­te jedem, der ein Herz besitzt, die­ses augen­blick­lich dahin schmel­zen.

Three Tons of Fun: die abso­lut ado­rablen Mamas.

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UMK 2020: Wenn ich ein Jun­ge wär

Ein ereig­nis­rei­cher Super­sams­tag, der letz­te der Vor­ent­schei­dungs­sai­son 2020, liegt hin­ter uns, mit Ent­schei­dun­gen in drei skan­di­na­vi­schen Län­dern und in Por­tu­gal. Und fast über­all kam es zu tota­len Kata­stro­phen sowie erneut zum Beweis, dass Jurys elen­de Wich­ser sind, die nie­mand braucht. Den schlimms­ten Ver­lust gab es bei der Uuden Musii­kin Kil­pai­lu zu bekla­gen. Nach zwei eher mäßi­gen Ergeb­nis­sen mit vom Sen­der vor­her­be­stimm­ten Interpret:innen hat­te sich YLE ent­schie­den, in die­sem Jahr wie­der einen offe­nen Vor­ent­scheid mit sechs Teilnehmer:innen zu ver­an­stal­ten. Und seit der Ver­öf­fent­li­chung aller sechs Bei­trä­ge vor gerau­mer Zeit stand fest, dass Finn­land bei die­ser UMK nur einen ein­zi­gen Job zu erle­di­gen gehabt hät­te; näm­lich die in sämt­li­chen inter­na­tio­na­len Fan-Polls haus­hoch füh­ren­de Eri­ka Vik­man und ihre (zuge­ge­be­ner­ma­ßen insze­na­to­risch aus­bau­fä­hi­ge) her­aus­ra­gen­de femi­nis­ti­sche Hym­ne ‘Cic­cio­li­na’ nach Rot­ter­dam zu ent­sen­den, in wel­cher die Inter­pre­tin die real exis­tie­ren­de ehe­ma­li­ge Por­no­dar­stel­le­rin und ita­lie­ni­sche Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te Ilo­na Stal­ler ali­as Cic­cio­li­na für ihre Rol­le als Vor­kämp­fe­rin der lust­vol­len sexu­el­len Selbst­be­stim­mung und Selbst­er­mäch­ti­gung von Frau­en abfei­er­te.

Da steppt der Bär: Eri­ka Vik­mann in Beglei­tung ihrer bei­den Kuschel­ted­dys.

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Bul­ga­ri­en 2020: Mor­gens bin ich immer müde

Ken­nen Sie das, liebe:r Leser:in? Wenn man manch­mal nur noch elen­dig­lich müde ist? Müde der Hin­hal­te­tak­tik von immer mehr Euro­vi­si­ons­na­tio­nen, die wie Bul­ga­ri­en ihre Reprä­sen­tan­tin für Rot­ter­dam bereits im Novem­ber letz­ten Jah­res bekannt­ga­ben, sich aber, unter­bro­chen von stän­di­gen nutz­lo­sen Teasern, bis heu­te früh Zeit lie­ßen mit der voll­stän­di­gen Ver­öf­fent­li­chung des Wett­be­werbs­bei­trags? Müde der Flut von depri­mie­ren­den Jam­mer­bal­la­den, zu denen das vom Sym­pho­nix-Kol­lek­tiv und der Inter­pre­tin Vic­to­ria Geor­gi­e­va selbst geschrie­be­ne ‘Tears get­ting sober’ einen wei­te­ren Trop­fen bei­trägt? Müde der Tex­te, die sich nach offi­zi­el­ler Dar­stel­lung mit wich­ti­gen, zeit­ge­mä­ßen The­men wie psy­chi­schen Erkran­kun­gen befas­sen, sich tat­säch­lich aber in einer lyri­schen Belie­big­keit und Unbe­stimmt­heit ver­lie­ren, die kei­ne fass­ba­re inhalt­li­che Aus­sa­ge erken­nen lässt? Und von denen man als Zuhörer:in ohne­hin kaum ein Wort ver­steht, weil sich die Sän­ge­rin und der sie durch das gesam­te Lied beglei­ten­de, elek­tro­nisch ver­frem­de­te Engel­schor in einer säu­selnd-ver­wa­sche­nen Beto­nung gefal­len? Müde der zwi­schen spar­sam und süß­lich-schwel­ge­risch chan­gie­ren­den orches­tra­len Instru­men­tie­rung, die aus dem bul­ga­ri­schen Bei­trag eine Art musi­ka­li­scher Zucker­wat­te mit Bit­ter­man­del­ge­schmack macht? Ja, ken­nen Sie? Dann kön­nen Sie viel­leicht nach­emp­fin­den, wie drin­gend ich jetzt was zum Wach­wer­den bräuch­te. Kof­fe­in- oder Koks­spen­den wer­den ger­ne ent­ge­gen genom­men.

Selbst Vic­to­ria schaut ganz ver­schla­fen drein.

Zypern 2020: Stan­ding naked

Seit ewi­gen Zei­ten bereits steht der deut­sche Sän­ger und The Voice-Teil­neh­mer Ales­san­dro Rüt­ten ali­as San­dro Nico­las als Ver­tre­ter Zyperns beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2020 fest. Auch, dass sein Bei­trag ‘Run­ning’ heißt, wis­sen wir schon län­ger. Heu­te nun, nur weni­ge Tage vor dem offi­zi­el­len Annah­me­schluss für Rot­ter­dam, durf­te die Öffent­lich­keit end­lich des Mach­werks gewahr wer­den. Lohn­te sich das lan­ge War­ten wenigs­tens? Naja. Das (seufz!) mid­tem­po­rä­re ‘Run­ning’ ver­fügt über einen ordent­li­chen Beat, ent­wi­ckelt aber kei­nen Schub. Dafür kommt die Num­mer über das Weg­lau­fen vor den inne­ren Dämo­nen zu düs­ter daher und kann sich auch nie so rich­tig zwi­schen Jam­mer­pop und Dance-Ban­ger ent­schei­den. Die ech­te Stim­me des fit­ten 23jährigen lässt sich unter den ein­ge­setz­ten Ton­nen an digi­ta­ler Schmin­ke kaum wie­der­erken­nen, so dass auch kei­ne wirk­li­che Ver­bin­dung zu sei­ner sehr per­sön­lich klin­gen­den Geschich­te ent­ste­hen will. “Stan­ding naked” ver­spricht er uns an einer Stel­le, und so sehr ich das aus opti­schen Grün­den begrü­ßen wür­de, so wenig füh­le ich das bezo­gen auf sein Lied, an dem neben dem Inter­pre­ten selbst auch der offen schwu­le aus­tra­li­sche Sin­ger-Song­wri­ter, Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mer und The-Voice-Gewin­ner Alfie Arcu­ri mit­schrieb. Unterm Strich bleibt ‘Run­ning’ nett anzu­hö­ren­des Semi­fi­nal-Fut­ter, mehr nicht.

Und nett anzu­schau­en­des, natür­lich. Allei­ne für San­dros porn­ö­sen Ober­lip­pen­bart gibt es schon 12 Punk­te.