Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Can you feel the Love ton­ight

Bevor am heu­ti­gen Abend beim weiß­rus­si­schen Vor­ent­scheid zwölf lei­der durch die Bank unin­ter­es­san­te Songs im Kampf um die Fahr­kar­te nach Rot­ter­dam antre­ten, gilt es, noch schnell einen nost­al­gisch getrüb­ten Blick auf die legen­dä­ren jähr­li­chen öffent­li­chen Audi­tions in Minsk zu wer­fen. Die­se fan­den heu­er vor gut einem Monat statt und ver­sam­mel­ten weni­ger Inter­es­sier­te als in frü­he­ren Jah­ren. Denn im Ver­such, der unter ande­rem mit den ehe­ma­li­gen Repräsentant:innen Zena und Navi bestück­ten Aus­wahl­ju­ry das Schlimms­te zu erspa­ren, hat­te der Sen­der BTRC ver­fügt, dass nur noch weiß­rus­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge vor­sin­gen dür­fen. Nicht alle kapier­ten das: neben 65 inlän­di­schen Acts bewar­ben sich den­noch 30 aus­län­di­sche, die man fein säu­ber­lich aus­sor­tier­te. 49 Aus­er­wähl­te durf­ten sich schließ­lich vor der Kame­ra prä­sen­tie­ren, der größ­te Teil davon lei­den­de Frau­en. Doch auch ein paar weni­ge Trash-Per­len lie­ßen sich ertau­chen, so wie die bela­rus­si­schen Kess­ler-Zwil­lin­ge Kat­ya und Vol­ga. Zwar ver­moch­ten die bei­den ein­ei­igen Schwes­tern weder mit dem gesang­li­chen noch dem tän­ze­ri­schen Talent des his­to­ri­schen deut­schen Duos mit­zu­hal­ten, dafür aber über­zeug­ten sie in den Kate­go­ri­en Lang­bei­nig­keit, Blond­heit und Stoi­zis­mus. Punk­te gab es auch für das stil­si­che­re Sieb­zi­ger-Jah­re-Out­fit und den dazu pas­sen­den, ori­gi­nal­ge­treu­en Dis­co­schla­ger ‘Noy’.

Als habe sich Aman­da Lear geklont: Kat­ya und Vol­ga.

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Groß­bri­tan­ni­en 2020: Try­ing to die

Das frisch von der Euro­päi­schen Uni­on geschie­de­ne Groß­bri­tan­ni­en ent­bie­tet dem Fest­land beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2020 zum Abschied eine letz­te, ver­gif­te­te Atem­spen­de. Dem Bei­spiel der ande­ren Big-5-Natio­nen (bis auf Ita­li­en) fol­gend, hat­te sich auch das Ver­ei­nig­te König­reich die­ses Jahr zu einer inter­nen Nomi­nie­rung von Künst­ler und Song ent­schie­den. Und natür­lich lief seit­her die Gerüch­te­kü­che heiß. Der wei­ße Soul­sän­ger John New­man, der 2013 mit ‘Love me again’ auch in Deutsch­land einen Top-Ten-Hit lan­den konn­te, war einer der mehr­fach getipp­ten Namen. Nun ist es statt­des­sen sein Bru­der gewor­den. Der bis­lang eher als Song­schrei­ber täti­ge James New­man, der unter ande­rem für den iri­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Dying to try’ ver­ant­wort­lich zeich­net, wech­selt mit dem von ihm mit­kom­po­nier­ten ‘My last Breath’ vor das Mikro­fon. In der sehr mode­rat ange­gos­pel­ten Lie­bes­bal­la­de wan­delt James lyrisch auf FransPfa­den und gefällt sich in auf den ers­ten Blick roman­tisch klin­gen­den Ges­ten. So wol­le er sei­ner Liebs­ten, fän­den sich die Bei­den als Tief­see­tau­cher mit so gut wie lee­ren Sauer­stoff­fla­schen in aus­weg­lo­ser Situa­ti­on auf dem Boden des Mee­res wie­der, sei­nen letz­ten Atem­zug über­las­sen. Wie selbst­los, sagen Sie? Oh nein, ganz im Gegen­teil!

Oder gilt James Lie­be gar dem ker­ni­gen fin­ni­schen nie­der­län­di­schen Eis­tau­cher? Das könn­te ich nach­voll­zie­hen.

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Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Child­ren of the Revo­lu­ti­on

Bevor es mit dem bereits am Don­ners­tag star­ten­den, nächs­ten Vor­ent­schei­dungs-Wochen­en­de wie­der in die maxi­ma­le Über­for­de­rung geht, gilt es, noch zwei Semis vom ver­gan­ge­nen Sams­tag nach­zu­rei­chen. In Por­tu­gal bot das tra­di­ti­ons­rei­che Fes­ti­val da Canção, wie wir es von dem klei­nen Land gewohnt sind, mal wie­der eine frap­pie­ren­de Mischung aus völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Musi­cal-Num­mern, len­den­lah­men Schnarch­bal­la­den, absei­ti­gem Eth­no­folk und bizar­ren Dar­bie­tun­gen. Acht Acts kämpf­ten am spä­ten Abend um vier Final­plät­ze. Und lei­der erlaub­ten sich (genau weiß man es noch nicht, die Split-Voting-Ergeb­nis­se hält der Sen­der RTP unter Ver­schluss) ent­we­der das Publi­kum oder, deut­lich wahr­schein­li­cher, die Jury beim Her­aus­sie­ben einen mas­si­ven Miss­griff: auf der Stre­cke blie­ben mei­ne per­sön­li­chen Favo­ri­ten die­ser Vor­run­de, das bereits seit 1995 bestehen­de alter­na­ti­ve Künst­ler­kol­lek­tiv Blas­ted Mecha­nism, das – nichts bräuch­ten wir drin­gen­der in die­sen Tagen – zur ‘Rebel­li­on’ auf­rief. Und dies glaub­wür­dig­keits­för­dernd in Büh­nen­kos­tü­men, als kämen sie gera­de vom Bur­ning Man oder dem Boom Fes­ti­val. Ihr Pro­blem: bis zum ers­ten Refrain, der in sei­ner appel­la­ti­ven Schlicht­heit durch­aus als Demo-Slo­gan taugt, ver­ging erst mal eine gan­ze lan­ge Minu­te, gefüllt mit einem die Kampf­kraft eher ein­schlä­fern­den Genu­del. So wird das nichts mit dem Krieg gegen die Paläs­te!

Mad Max trifft Robin Hood auf dem Goa-Fes­ti­val: Blas­ted Mecha­nism.

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Vid­bir 2020: Does your Mother know?

Um die­ses Wochen­en­de wenigs­tens mit einem erfreu­li­chen Ergeb­nis zu beschlie­ßen, habe ich mir das gest­ri­ge Fina­le der Vid­bir bis zum Schluss auf­ge­ho­ben. Dort sieg­te – und zwar erst­ma­lig in der ukrai­ni­schen Vor­ent­schei­dungs­ge­schich­te glei­cher­ma­ßen bei den Anrufer:innen wie bei der drei­köp­fi­gen Jury – die Band Go_A (für das eng­li­sche Wort Go und das grie­chi­sche Zei­chen Alpha) mit der von einer beson­ders schlim­men Form des Res­ting-Bitch­face-Syn­droms heim­ge­such­ten Front­frau Kate­ry­na Pav­len­ko. Ihre in der Lan­des­spra­che und im sla­wi­schen Stil des mono­to­nen Wei­ßen Gesangs, den wir bereits von den letzt­jäh­ri­gen pol­ni­schen Ver­tre­te­rin­nen Tulia ken­nen, vor­ge­tra­ge­ne Elek­tro-Folk-Num­mer über die Nach­ti­gall (‘Solovey’) erzählt die hoch roman­ti­sche Geschich­te eines heim­li­chen, ver­bo­te­nen Tech­tel­mech­tels im Früh­lings­hain zwi­schen der Sän­ge­rin und einem gewis­sen Iwan, das sofort enden muss, sobald die Mut­ter etwas davon erfährt. Da “der Iwan” nicht nur im Deut­schen als Syn­onym für den Rus­sen steht, liegt es natür­lich auf der Hand, in dem Song­text eine sub­ti­le Alle­go­rie auf die ver­track­te, zwi­schen Annä­he­rung und Feind­schaft pen­deln­den Situa­ti­on zwi­schen der Ukrai­ne und der Föde­ra­ti­on zu erken­nen, die nicht zuletzt für die Ein­füh­rung einer Krim-Klau­sel bei der Vid­bir sorg­te, nach wel­cher kein Act mehr am Vor­ent­scheid teil­neh­men darf, der Auf­trit­te in Russ­land oder den annek­tier­ten Gebie­ten tätig­te oder plant.

Ärmel wie Pan­zer­sper­ren, Ohr­ge­schmei­de wie Wurf­ket­ten: Kate­ry­na wapp­net sich gegen die Erobe­rung durch den Iwan.

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Szan­sa na Suk­ces 2020: der Sieg der Laut­stär­ke

Wenn ein noch absur­de­res Vor­ent­schei­dungs­sys­tem exis­tiert als das slo­we­ni­sche, dann das pol­ni­sche. Wie­wohl das For­mat Szan­sa na Suk­ces dem Sen­der TVP gleich zwei Sie­ge in Fol­ge beim Juni­or-ESC bescher­te. Unter gro­tesk hohem Blut­zoll: gleich 21 jun­ge, aktu­el­le Künstler:innen stell­ten sich heu­er in drei Vor­run­den zum natio­na­len Vor­ent­scheid zur Wahl. Sie durf­ten dort aller­dings nicht ihre eige­nen Lie­der sin­gen, son­dern muss­ten sich an the­ma­tisch vor­ge­ge­be­nen, stein­al­ten Oldies ver­su­chen, die natür­lich nicht dem musi­ka­li­schen Stil der Teilnehmer:innen ent­spra­chen und damit über kei­ner­lei Aus­sa­ge­kraft ver­füg­ten. Den­noch bil­de­ten sie die Grund­la­ge für die Aus­le­se: nur die drei Anpas­sungs­fä­higs­ten über­leb­ten das völ­lig unnö­ti­ge Blut­bad. Und durf­ten im heu­te Nach­mit­tag aus­ge­strahl­ten Fina­le end­lich ihre Wett­be­werbs­ti­tel vor­stel­len. Natür­lich erst, nach­dem man sie nötig­te, zuvor einen wei­te­ren ESC-Song zu schän­den. Unter zwei ganz okay­en und einem völ­lig ent­setz­li­chen Bei­trag setz­te sich erwar­tungs­ge­mäß Letz­te­rer durch, geschul­det unter ande­rem der Tat­sa­che, dass sei­ne Inter­pre­tin Ali­c­ja Szem­plińs­ka erst vor weni­gen Mona­ten die aktu­el­le Staf­fel der Cas­ting­show The Voice gewann. Und wie eigens für die­ses For­mat kom­po­niert klang denn auch ihre sieg­rei­che Bal­la­de ‘Empi­res’. Denn die­se setz­te auf die lei­der sehr zeit­ge­mä­ße, popu­lis­ti­sche Losung “wer am lau­tes­ten schreit, gewinnt”.

Stumpfs­te musi­ka­li­sche und text­li­che Kli­schees, über­trumpft von einer lau­ten Stim­me: das ist das pol­ni­sche Impe­ri­um.

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EMA 2020: Teu­fels Werk und Got­tes Bei­trag

Gäbe es einen Wett­be­werb um das absur­des­te Vor­ent­schei­dungs­for­mat zum Euro­vi­si­on Song Con­test, dann spiel­te die Evro­vi­zijs­ka Melo­di­ja (EMA) wohl um den Sieg mit. 12 Acts ver­sam­mel­te das slo­we­ni­sche Fern­se­hen RTV SLO ges­tern Abend in Ljub­lja­na, von denen sich zehn die Mühen streng­ge­nom­men von vor­ne her­ein hät­ten spa­ren kön­nen. Denn nach­dem alle 12 gesun­gen hat­ten, tag­te eine reiz­voll um eine rie­si­ge Schüs­sel Mini-Dick­manns dra­pier­te Jury, bestehend aus drei Genera­tio­nen slo­we­ni­scher Euro­vi­si­ons­di­ven, nament­lich Dar­ja Šva­jger, Nuša Deren­da und Maja Keuc. Und die schick­ten zehn von ihnen gleich wie­der nach Hau­se, dar­un­ter alles auch nur annä­hernd Aus­sichts­rei­che sowie die zwei in einem wochen­lang zele­brier­ten Nach­wuchs­wett­be­werb namens EMA Freš Aus­ge­wähl­ten. Ledig­lich zwei Songs ließ man dem Publi­kum gnä­dig zur Abstim­mung übrig: eine blas­se Bal­la­de sowie… eine noch blas­se­re Bal­la­de. Mit einem dia­bo­li­schen Abstand von 666 Anru­fen ent­schie­den sich die Slowen:innen dann immer­hin für das etwas weni­ger drö­ge der bei­den inhalts­glei­chen Ange­bo­te, näm­lich das von der anämi­schen Inter­pre­tin Ana Soklič mit­kom­po­nier­te ‘Voda’ (‘Was­ser’). Das kann näm­lich zumin­dest mit einem ansatz­wei­se dra­ma­ti­schen Refrain punk­ten, der die Zuschauer:innen nach einer lei­der andert­halb Minu­ten andau­ern­den, koma­in­du­zie­ren­den Weg­fin­dung wie­der aus dem Tief­schlaf reißt.

Rief panisch den Erlö­ser an, als sie erfuhr, dass sie mit den Stim­men des Teu­fels gewann: Ana Soklič.

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Beo­vi­zi­ja: Kon­tro­ver­se über gewalt­ver­herr­li­chen­den Song­text

Ich habe die Bom­be mit­ge­bracht (…). Wenn Du nein sagst, spren­ge ich alles in die Luft:” mit die­sen Zei­len war­te­te der für die ser­bi­sche Euro­vi­si­ons-Vor­ent­schei­dung Beo­vi­zi­ja 2020 gelis­te­te Bei­trag ‘Svad­ba veli­ka’ (‘Gro­ße Hoch­zeit’) auf. Bora Dugić, der beim ESC 2008 mit Jele­na Tomaše­vić (‘Oro’) auf der Büh­ne stand und die Flö­te spiel­te, sowie die Roma­ka­pel­le Bal­ku­ba­no inter­pre­tie­ren das tra­di­tio­na­lis­ti­sche Volks­lied mit sei­nen fröh­li­chen Tönen und Rhyth­men, deren Text es in sich hat: in ihm bedeu­tet der Sän­ger einer Frau, in die er sich ver­liebt haben will, dass er pla­ne, in Gegen­wart ihres Vater um ihre Hand anzu­hal­ten. Ver­bun­den mit der offe­nen Dro­hung zum Ein­satz von Spreng­stoff, falls sie es wage, abzu­leh­nen. Denn: “nie­mand ande­rem ist es erlaubt, dich zu haben,” so der Song­text wei­ter. Das Auto­no­me Frau­en­zen­trum Ser­bi­en for­der­te nun vom Sen­der RTS, den Bei­trag zu dis­qua­li­fi­zie­ren, weil es inak­zep­ta­bel sei, einem expli­zi­ten Mord­auf­ruf eine öffent­li­che Büh­ne zu geben: “Das ist nicht der ers­te oder ein­zi­ge Pop­song, der zur Gewalt gegen Frau­en auf­sta­chelt, und wir fin­den es extrem wich­tig, sol­che Wer­te nicht mehr zu unter­stüt­zen,” heißt es in einem State­ment des Frau­en­zen­trums. “Wir erin­nern dar­an, dass in Ser­bi­en jedes Jahr zwi­schen 30 und 40 Frau­en durch häus­li­che Gewalt getö­tet wer­den. An die­ser Situa­ti­on wird sich nichts ändern, solan­ge nicht alle gesell­schaft­li­chen Kräf­te Ver­ant­wor­tung dafür über­neh­men, Gewalt gegen Frau­en zu ver­hin­dern”.

Hier ein Aus­zug mit der bean­stan­de­ten Fas­sung des Lied­tex­tes.

Wei­ter­le­senBeo­vi­zi­ja: Kon­tro­ver­se über gewalt­ver­herr­li­chen­den Song­text

Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Vira­le Schlach­ten

Mit der übli­chen Ver­spä­tung folgt heu­te noch der Nach­schlag zum ver­gan­ge­nen Super­sams­tag, an dem neben gleich drei natio­na­len Fina­len wei­te­re vier Vor­run­den und Semis über die Büh­ne gin­gen. Begin­nen wir im hohen Nor­den beim islän­di­schen Söng­vakepp­nin, wo sich im zwei­ten Semi zwei der Favorit:innen auf den Sieg im Fina­le nächs­ten Sams­tag durch­setz­ten. Der eine von ihnen, der fan­tas­ti­sche Daði Freyr, gewinnt gera­de inter­na­tio­nal Momen­tum: sowohl der ein­fluss­rei­che deut­sche Sati­ri­ker und Talk­show-Host Jan Böh­mer­mann als auch der neu­see­län­di­sche Schau­spie­ler Rus­sell Cro­we (sowie der deut­sche ESC-Ver­ant­wort­li­che Tho­mas Schrei­ber) teil­ten heu­te auf Twit­ter den super­lus­ti­gen, herr­lich selbst­iro­ni­schen Video­clip zu ‘Think about Thinks’. So der eng­li­sche Ori­gi­nal­ti­tel des wun­der­bar ein­gän­gi­gen Elek­tro-Pop-Songs (mit euro­vi­si­ons­ge­rech­ter Rückung!), den der lang­haa­ri­ge Hip­sterz­ot­tel im Söng­vakepp­nin-Semi frei­lich auf­grund der dort gel­ten­den Lan­des­spra­chen­pflicht noch als ‘Gagna­ma­gnið’ (sinn­ge­mäß: ‘Daten­vo­lu­men’) vor­tra­gen muss­te. Auf den glei­chen Namen hört auch Dad­dy Fires fünf­köp­fi­ge Begleit­band, die ihn, bewaff­net mit klo­bi­gen Mul­ti-Fake-Instru­men­ten, bei sei­ner extrem läs­si­gen Euro­vi­si­ons-Cho­reo­gra­fie unter­stütz­te, wel­cher das Kunst­stück gelang, deren klas­si­sche Ele­men­te gleich­zei­tig ernst und auf die Schip­pe zu neh­men.

Sogar die Wind­ma­schi­ne kommt zum Ein­satz: Dad­dy Fire weiß, wie ESC geht!

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Bel­gi­en 2020: Let the Sky fall

Lan­ge muss­ten wir auf den Song war­ten: am heu­ti­gen Mor­gen fei­er­te der bel­gi­sche Bei­trag der bereits im Okto­ber ver­gan­ge­nen Jah­res vom flä­mi­schen Sen­der Één intern nomi­nier­ten Band Hoo­ver­pho­nic in einer Radio­show Pre­miè­re. Und seit heu­te Mit­tag steht auch ein You­tube-Video bereit. Doch zum Lied: ‘Release me’ sei diver­sen Ver­laut­ba­run­gen zufol­ge dem vor kur­zem ver­stor­be­nen Vater des Band­lea­ders Alex Cal­li­er gewid­met, ent­puppt sich bei genaue­rer Betrach­tung lyrisch aller­dings als klas­si­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de. Es folgt in die­ser ver­wun­der­li­chen Text-Bedeu­tungs­sche­re dem letzt­jäh­ri­gen Sie­ger­song von Dun­can Lau­rence, der zu ‘Arca­de’, einer Betrach­tung über Spiel­sucht, ja eben­falls durch den Tod eines nahe ste­hen­den Men­schen inspi­riert wor­den sein will. Und noch mehr ver­bin­det bei­de Lie­der: wie ‘Arca­de’ schwebt das von einem ele­gi­schen Strei­cher­tep­pich getra­ge­ne ‘Release me’ zwi­schen edler Ele­ganz und ein­schlä­fern­der Lan­ge­wei­le, ver­mag jedoch eben­falls über den Gesang zu fes­seln: die einer­seits völ­lig ent­rückt und unbe­tei­ligt wir­ken­de, gleich­zei­tig tief­trau­rig-ange­kratz­te Stim­me der Lead­sän­ge­rin Luka Cruys­berghs ver­leiht dem von einem leich­ten James-Bond-Flair durch­zo­ge­nen Song eine unbe­streit­ba­re Fas­zi­na­ti­on. Ob die­se aus­reicht, auch live über drei Minu­ten zu tra­gen und das völ­li­ge Feh­len jeg­li­cher musi­ka­li­scher Vari­anz oder dyna­mi­scher Stei­ge­rung wett­zu­ma­chen, wage ich aller­dings zu bezwei­feln. Und so fürch­te ich, dass der bel­gi­sche Bei­trag Rot­ter­dam bereits im Semi­fi­na­le in Schön­heit ster­ben könn­te. Immer­hin: die Heim­fahrt ist nicht weit.

Legt sich als Film­sound­track wie Bal­sam auf die Ohren, dürf­te im Wett­be­werb aber unter­ge­hen: Hoo­ver­pho­nic.

Frank­reich 2020: La Vie en jau­ne Bon­bon

Und dafür schmiss das fran­zö­si­sche Fern­se­hen die Desti­na­ti­on Euro­vi­si­on, Euro­pas bes­ten Vor­ent­scheid der letz­ten zwei Jah­re, weg? Ernst­haft? Heu­te ver­öf­fent­lich­te Fran­ce 2 das Prä­sen­ta­ti­ons­vi­deo für den Bei­trag des im Janu­ar 2020 intern aus­ge­wähl­ten Ver­tre­ters Tom Leeb. Der heißt ‘The Best in me’, fällt, wie bei einem der­ar­ti­gen Song­ti­tel nicht anders zu erwar­ten, in die Kate­go­rie der bereits eine Mil­li­on Mal gehör­ten pom­pö­sen Power­bal­la­de, ver­fügt über eine Rückung und besteht aus fran­zö­si­schen Stro­phen und einem eng­li­schen Refrain. Wie heut­zu­ta­ge üblich, wer­kel­ten gan­ze sechs (!) Per­so­nen dar­an her­um, damit nie­mand allei­ne die Ver­ant­wor­tung für die Mala­desse über­neh­men muss: die in Spu­ren­ele­men­ten vom Secret-Gar­den-Cas­ting­show­klas­si­ker ‘You rai­se me up’ inspi­rier­te Musik stammt aus der Feder der bei­den schwe­di­schen (!) Euro­vi­si­ons-Seri­en­tä­ter Tho­mas G:son und Peter Boström; den Text ver­bra­chen neben dem Inter­pre­ten selbst noch Léa Ivan­ne sowie die Euro­vi­si­ons­kol­le­gen Amir und John Lundvik. Und wo schon der Inhalt einer beschä­men­den kul­tu­rel­len Kapi­tu­la­ti­on der einst­mals stol­zen Gran­de Nati­on gleich­kommt, ver­such­te man, wenigs­tens mit einer schö­nen Ver­pa­ckung davon abzu­len­ken: der fest­lich ange­strahl­te nächt­li­che Eif­fel­turm muss­te her­hal­ten als Kulis­se für die staats­tra­gen­de Insze­nie­rung des schau­spie­lern­den Schön­lings Leeb. Frank­reich hat sich, anders lässt sich die Mer­de musi­ca­le nicht zusam­men­fas­sen, offen­sicht­lich auf­ge­ge­ben. Zût alors!

Ein Lied wie ein kleb­ri­ges Kara­mellbon­bon: beim Aus­wi­ckeln glänzt das Gold­pa­pier noch, der Inhalt jedoch schmeckt nach kur­zer Zeit total aus­ge­lutscht.