Lettland 2017: In the Schwarzlichtdisco

Ich kann es immer noch nicht richtig glauben: die Letten schenkten uns am heutigen Sonntagabend einen Uptemposong für Kiew. Ich möchte vor Freude weinen. Uptempo! Also, nicht dass der im Finale der gut anderthalbstündigen, von zahlreichen Werbepausen (in denen für die Internetgemeinde erneut der #AdBreakBeaver sein Unwesen trieb) unterbrochenen Supernova aus insgesamt vier (!) verbliebenen Titeln in einem reinen Televoting ausgewählte Song ‚Line‘ der Band Tirana-Park Triānas Parks ausgesprochen gut wäre. Aber man ist mittlerweile ja schon für Kleinigkeiten dankbar. Er lebt von einem nett vor sich hin puckernden Elektrobeat, über welchem die leider ziemlich unfähige Leadsängerin, die aussieht und klingt, als habe sie ein paar Wochenenden zuviel durchgefeiert, die mittelprächtige Hookline des Liedes massakriert. Das fällt aber nicht so sehr ins Gewicht, weil die leicht psychedelischen, bunten Schwarzlichtmalereien im Hintergrund, vor allem aber die schier überbordende Energie des sexy Drummers, der mehr noch als die Frontfrau die Aufmerksamkeit der Kamera auf sich zieht und eine deutlich überperformative Show abliefert, das Ganze retten und zu recht vergnüglichen drei Minuten werden lassen. Das Stück wird, um nicht missverstanden zu werden, weder die Tanzflächen Europas in Brand setzen (geschweige denn die des Euroclubs) noch auch nur im Entferntesten beim Eurovision Song Contest um eine vordere Platzierung mitspielen. Dennoch möchte ich die Letten küssen und herzen, dass wir nicht noch eine düstere Ballade über uns ergehen lassen müssen. Danke! (Oh, und: über die anderen drei Supernova-Songs wollen wir lieber den Mantel der Vergessens breiten.)

Dem Drummer würde ich gerne nachts im Park begegnen (LV)

Schafft Lettland mit 'Line' den Finaleinzug?

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Vierter Supersamstag 2017: die Handetasche muss lebendig sein

Neben den drei Entscheidungen in der Ukraine, Moldawien und Dänemark fanden am gestrigen Supersamstag zeitgleich auch noch Eurovisions-Vorrunden in Schweden, Litauen und Island statt. Dabei zog das vierte Viertelfinale des Melodifestivalen mal wieder die höchste Aufmerksamkeit auf sich, vor allem, weil die Grand-Prix-Gewinnerin von 2012, Loreen, es hier mit ihrem bereits im Vorfeld extrem gehypten, neuen Beitrag ‚Statements‘ versuchte, einer extrem düsteren, dräuenden Elektroballade im Stile von Sia, die vor allem auf eine eindrückliche optische Präsentation setzte. Und diese erwies sich auch tatsächlich als beeindruckend, ließ sich die sichtlich gealterte Eurovisionsveteranin, die manche spitze Zunge rein optisch an das unlängst viel zu früh verstorbene Musikgenie der Achtzigerjahre, Pete Burns von Dead or Alive, erinnerte, doch von mehreren Doubles im unterschiedlichen Alter begleiten, welche die Sängerin in verschiedenen Lebensabschnitten darstellen sollten. Besonders stark prägte sich dabei die junge Loreen ein, die zunächst mit einem Heiligenschein auf der Bühne hockte, im Refrain allerdings eher einen vom Teufel besessenen Eindruck hinterließ. Für Verwirrung außerhalb Schwedens dürfte auch der Einsatz einer Tänzerin gesorgt haben, die unablässig eine Handtasche schwang – eine Anspielung auf das berühmte Foto der Frau mit der Handtasche, die damit 1985 im südschwedischen Städtchen Växjö bei einem Neonazi-Aufmarsch auf eine Hassglatze einprügelte. Letztes Jahr sollte sie dort ein Denkmal erhalten, über das man sich im Stadtrat aber nicht einigen konnte – absurderweise, weil die Darstellung der Tat der jüdischen Dame, deren Mutter im KZ saß, gewaltverherrlichend sei. Die Nation debattierte erregt, und die Sängerin mit marokkanischen Wurzeln ergriff mit dieser Show bewusst Partei.

Als Gesamtkunstwerk grandios, als Grand-Prix-Lied mindergeeignet: Loreens ‚Statements‘ (SE)

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Spanien: Delegationsleiter tritt vorzeitig zurück

Niemand beherrscht Eurovisionsdrama so gut wie die Iberer! Nach den Tumulten beim spanischen Eurovisionsvorentscheid 2017 rund um die offensichtliche Jury-Schiebung rollte nun ein Kopf: Federico Llano, seit 2002 Delegationsleiter des Landes beim Eurovision Song Contest, trat vorzeitig von seinem Posten zurück, wie Eurovoix heute unter Bezugnahme auf ein spanisches Nachrichtenportal berichtet. Eigentlich wollte er den Job noch bis Juni 2017 machen, wie OnEurope weiß, gab die Delegationsleitung aber nun schon vor Kiew an die Leiterin der Abteilung für Internationale Beziehungen beim Sender RTVE, Ana Maria Bordas, ab. Angeblich seien „persönliche Gründe“ und seine Arbeitsbelastung für die Entscheidung ausschlaggebend. Das glaube allerdings, wer will. Die Ereignisse des iberischen Finales vom 12. Februar 2017, als es zu einem Punktegleichstand zwischen der Publikumsfavoritin Mirela und dem Juryliebling Manel Navarro kam und die für diesen Fall erneut abstimmungsberechtigte Jury ihren Willen gegen das lautstark skandierende Studiopublikum durchsetzte, sorgten im Land bereits für hohe Wellen. Die Fans erbosten sich nicht nur über die klare Missachtung des Zuschauerwillens, sondern auch über die engen (und nach den Regeln eigentlich unzulässigen) Verbindungen zwischen Navarro und dem Jurymitglied Xavier Martinez, der in seinem Brotberuf als Radio-DJ bereits im Vorfeld der Objetivo Eurovision keinen Hehl aus seiner Unterstützung für den jungen Surferboy Manel gemacht hatte und dessen Beitrag ‚Do it for your Lover‘ auch in seinen Radiosendungen pushte. Martinez gab bei der Vorentscheidung nicht nur seine Höchstwertung an Navarro, sondern verhinderte aktiv Mirelas Sieg, in dem er ihr vorsorglich die niedrigst mögliche Punktzahl zuschusterte. Ein Mirela-Fan echauffierte sich hierüber so stark, dass er nach der Show Martinez etwas unsanft anging, was natürlich inakzeptabel ist. Sein Günstling Navarro hingegen machte sich keine Freunde, als er der nach seiner Siegesakklamation lautstark buhenden Meute im Überschwang der Gefühle die Stinkefaust zeigte, wofür er sich später entschuldigte. Doch damit nicht genug!

Hier die umstrittene Jury-Entscheidung bei Objetivo Eurovision

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Dänemark 2017: so interessant wie der deutsche Song

Und auch die Dänen bestimmten heute Abend beim traditionellen Melodi Grand Prix ihren Song für Kiew. Nationalistisch, wie das skandinavische Völkchen (oder zumindest ihr Sender DR) gestimmt ist, taten sie dies unter Ausschluss der nicht-dänischen Öffentlichkeit: trotz gegenteiliger vorheriger Ankündigung blieben die Zuschauer/innen aus dem Ausland vom Internetstream des MGP ausgesperrt. Was mich, wenn ich das an dieser Stelle kurz einschieben darf, zu der Forderung an die EBU veranlasst, sämtliche an einer Eurovisionsteilnahme interessierten Mitgliedssender künftig zwingend vertraglich zu verpflichten, ihre nationale Vorentscheidung ohne jede Zugangsbeschränkung (oder die Notwendigkeit zur Installation fischiger Plug-ins wie in Slowenien) auf Youtube als Livestream und zum nachträglichen Abruf einzustellen. Nicht, dass man tatsächlich etwas versäumt hätte: die zehn MGP-Beiträge variierten in ihrer musikalischen Bandbreite von unerträglich bis uninteressant, und bei der im Superfinale mit 64% der Zuschauerstimmen überwältigend siegreichen Blondine Anja Nissen und ihrem Midtempotitel ‚Where I am‘ handelt es sich um ein weiteres der mittlerweile hunderten von Eurovisionsliedern, die ich nicht zwingend wegschalten würde, wenn sie in der Zufalls-Playlist kämen, die ich allerdings auch schon wieder vergessen habe, während sie noch laufen. Die also schlichtweg total egal sind. Und die unter normalen Umständen im Semifinale scheitern müssten – wäre nicht die Konkurrenz mindestens genau so langweilig. Bei der, wie Eurofire weiß, aus Tralien stammenden und dort bereits als Siegerin aus der Castingshow The Voice hervorgegangenen Anja scheint es sich um eine weitere der vielen Künstler/innen zu handeln, die stimmliche Lautstärke mit inhaltlichem Ausdruck verwechseln, einen angestrengten Gesichtsausdruck mit Ernsthaftigkeit und exaltierte Gesten mit ansprechender Interpretation. Aber auch, wenn sie das technisch einigermaßen sauber macht: einen Grand-Prix-Auftritt, an den man sich in zehn Jahren (oder auch nur während der Telefonabstimmung) noch erinnert, ergibt dies nicht. Sehr treffend fasste das ein Fan im ESC Nation-Forum zusammen: „This is just as interesting as the German song“. Und dem ist nichts hinzuzufügen.

Warum schreit die Frau mich an? Ich hab ihr doch nix getan! (DK)

Was sagst Du: schafft Dänemark mit Anja Nissen wieder das Finale?

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Ukraine 2017: the Ant is near

Das diesjährige Gastgeberland Ukraine läuft wohl keine Gefahr, den Wettbewerb auch 2018 organisieren zu müssen (höre ich da ein erleichtertes Aufatmen in der internationalen Fangemeinde?), denn es entschied sich am heutigen Abend für zwar ausgesprochen professionell ins Bild gesetzten, musikalisch aber unerträglich langweiligen Seichtrock. O.Torvald (jawohl, ohne Leerzeichen, dafür war wohl kein Geld mehr da) nennt sich das optisch ganz ansprechende Softrockquintett, und es inszenierte sein lahmes Geplodder mit dem beim Song Contest bislang noch nie dagewesenen Titel ‚Time‘ inhaltlich passend als düsteres Endzeit-Setting. Derangiert, mit aufgemalten Schrammen und aufgerissenen T-Shirts stehen die Torwälder auf der Bühne, aus ihrer Brust ragen die Displays von Zeitzündern, welche die noch verbleibenden Minuten und Sekunden bis zum unvermeidlichen Untergang der Erde hinunterzählen. Beziehungsweise in ihrem Fall bis zum nicht schnell genug kommen könnenden Ende des Songs, und hierbei leisten die Digitalanzeiger tatsächlich wertvolle Hilfe, weiß der Zuschauer doch so sehr genau, ob er sich beim Gang auf die Toilette und / oder an den Kühlschrank bzw. das Schnapsschränkchen beeilen muss oder sich noch Zeit lassen kann. Wie aufmerksam! Wobei ich zugeben muss, dass mir die Inszenierung des Titels im Semifinale der ukrainischen Vorentscheidung deutlich besser gefiel: da wurde der Leadsänger von einem mutigen und geschmackssicheren Zuschauer aus dem Dunkel des Sendesaales angeschossen und blutete sein Hemd voll – wenn auch nur mit Ketchup. Und nein, natürlich will ich keinesfalls Gewalt verharmlosen oder rechtfertigen, aber dieser Song kann einen da schon bis an die persönliche Grenze führen…

Die Hälfte ist geschafft: nur noch eine Minute und 30 Sekunden Langeweile sind zu überstehen (UA)

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Moldawien 2017: nicht von der Mutter befingern lassen!

Just zur gleichen Zeit, als die versammelte Schwuppenschaft Europas vor dem Melodifestivalen-Livestream angesichts des Auftritts Ihrer Hoheit Loreen feuchte Höschen bekam, schlossen sich die Moldawier/innen heute Abend den Slowenen an und entschieden sich, ebenfalls alte Bekannte zum Eurovision Song Contest 2017 zu schicken: das Sunstroke Project (→ MD 2010, Vorentscheid 2012) löste das Ticket nach Kiew mit dem mittelprächtigen Dance-Pop-Song ‚Hey Mamma‘. Das Trio schaffte dies aufgrund der Liebe des Publikums: mit etwas über 1.500 (!) Anrufen erhielten sie in etwa so viel Zuspruch wie die restlichen sieben Konkurrent/innen zusammen und gut drei Mal so viele Stimmen wie das zweitplatzierte Muttis-in-Trachten-Quartett Ethno Republic, welches die Jury gerne nach Kiew geschickt hätte. Doch im Gegensatz zur korrupten Geschmacksdiktatur Spanien fühlte sich der Balkan heuer der Demokratie verpflichtet: das Plazet der Zuschauer/innen genoss beim unvermeidlichen Punktegleichstand der beiden Acts Vorrang. Selbstverständlich, wie man sagen möchte. Und so kommen die drei Dancefloor-Helden vom Sunstroke Project zu ihrem zweiten Eurovisionseinsatz und dürfen im Mai 2017 auch das restliche Europa mit Uptempo (danke!), der äußerst denkwürdigen Eröffnungsstrophe „Hey, hey you / you’ll never happen to finger me“ und lustigen Tanzmoves unterhalten. Denn augenscheinlich infizierten sich die beiden anderen Projektmitglieder zwischenzeitlich beim Epic Sax Guy: das Trio präsentierte eine Choreografie, die ihre Inspiration zweifelsfrei bei Monty Pythons Ministry of Silly Walks nahm und hauptsächlich aus dem endlosen Auftippen des rechten Fußes besteht. Gewissermaßen eine Steilvorlage für einen Zehn-Stunden-Loop auf Youtube, wie ihn ihr berühmt-berüchtigter Saxophonist bereits 2010 inspirierte.

Blondinen haben mehr Spaß: Sunstroke Project (MD)

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Fantastico: ‚Occidentali’s Karma‘ bleibt in Italienisch!

Es ist die beste Nachricht der laufenden Eurovisionssaison: wie Wiwibloggs soeben berichtete, verkündete der italienische Eurovisionsteilnehmer und bereits vielfach als aussichtsreichster Thronanwärter ausgerufene Franceso Gabbani am gestrigen Abend in der RAI-Unterhaltungssendung Standing Oviations, dass er seinen Titel ‚Occidentali’s Karma‘ in Kiew in seiner Landessprache singen werde. „Es ist eine große Verantwortung,“ sagte er im Hinblick auf seine Funktion als Repräsentant der Halbinsel beim europäischen Wettstreit. „Ein Abenteuer, das ich mit großer Spontanität erleben will. So, wie ich das immer versuche. Ich möchte die Reputation der italienischen Musik hochhalten, also präsentiere ich den Song in seiner Ursprungsversion, auf Italienisch“. Hurra! Gabbani schwankte nach seinem Sieg beim San Remo Festival eine Weile, ob er Teile seiner rundweg fantastischen Lyrics der besseren internationalen Verständlichkeit wegen auf Englisch singen solle. Als Beispiel hierfür sei die Textstelle „La Scimmia nuda balla“ („Der nackte Affe tanzt“) genannt, die sich auf  das 1967 erschienene, seinerzeit ziemlich bahnbrechende und vieldiskutierte wissenschaftliche Buch Der nackte Affe des britischen Biologen Desmond Morris bezieht, das mit dieser Zuschreibung natürlich den Menschen meint, diesen haarlosen Primaten. Ohne dieses Wissen, so die Befürchtung, könnten viele Zuschauer/innen den Tänzer im Gorillakostüm, der Francesco beim San-Remo-Auftritt auf der Bühne begleitete, womöglich nur für einen albernen Gimmick halten und den Song als Comedy-Nummer abtun. Doch das Risiko besteht bei einer Teilübersetzung genau so. Zumal ohnehin die wenigsten Zuschauer/innen an einem solchen Abend tatsächlich intensiv auf das Gesungene achten (soweit man es überhaupt schon rein von der Aussprache her versteht). Ein Sprachenmischmasch – der ja bei anderen Titeln durchaus Sinn machen kann – würde aber, so auch das Empfinden beim Großteil der Fans, speziell diesem Lied seine ganz besondere Aura rauben. Diese Gefahr ist nun beigelegt, und so sollte die RAI schon mal diskret überprüfen, welche geeigneten Hallen im Mai 2018 in Rom, Mailand oder Neapel so zur Verfügung stehen…

Vielleicht sollte die EBU aber ihre Mitgliedsstationen verpflichten, während des ESC Untertitel anzubieten und die Songtexte in die jeweilige Landessprache zu übersetzen?

Slowenien 2017: die Rückkehr des Jugo-Robbie

Bei manchen Ländern fragt man sich doch, warum sie überhaupt noch scheinbar öffentliche Vorentscheidungen abhalten, wenn sie ihren Vertreter doch ohnehin längst intern bestimmt haben. So wie heute Abend bei der slowenischen EMA: dort entschied sich das Publikum mit großer Mehrheit für das aus zwei Brüdern bestehende Wortspiel-Duo BQL (gesprochen: „be cool“) mit dem musikalisch zwar nicht sonderlich originellen, aber zumindest extrem eingängigen Midtemposong ‚Heart of Gold‘, eines der wenigen Lieder diesen Abends (und Jahrganges), das tatsächlich über einen erkennbaren Refrain verfügte. Doch die kostenpflichtigen Anrufe hätten sich die Slowenen (wie immer) sparen können: die Jurys werteten die beiden charmanten Jungs, deren Verwandtschaft auch stimmlich unverkennbar schien, vorsichtshalber in einer offensichtlich vorher abgesprochenen konzertierten Aktion vorsätzlich herunter und schummelten den Sieg so ihrem eindeutigen Favoriten zu, dem Wiederkehrer Omar Naber (→ SI 2005). Der Robbie Williams des Balkan sah zwar trotz einer etwas arg nachlässigen Garderobe und fehlender Gesichtsbehaarung noch immer so gut aus wie bei seinem ersten Eurovisionsauftritt in Kiew, lieferte aber mit ‚On my Way‘ eine dermaßen altbackene, kitschtriefende, disneyfizierte Grand-Prix-Ballade ab, dass wohl selbst ein völlig abgeschmackter Schnulzier wie Engelbert Humperdinck (→ UK 2012) sich für solch eine Nummer zu Tode schämen würde. Zumindest erklärte das Ergebnis den nervtötenden Einsatz des ohrenzermürbend lautstarken Dosenapplauses (der um so offensichtlicher auffiel, da an der Stelle, wo der Loop zu Ende war, stets eine einsekündige Jubelpause eintrat, bevor das Gejohle wieder von vorne losging) während der EMA: konnte man auf diese Weise doch die vermutlich von vorneherein einkalkulierten Pfiffe und Buhrufe des düpierten Saalpublikums erfolgreich übertünchen und tumultartige Szenen wie in Spanien verhindern. Nur dem bereits vor der Sendung feststehenden Sieger hatte niemand das Memo zukommen lassen: Omar zeigte sich während seiner Reprise sichtbar angepisst und griff sich an einer Stelle während des Vortrags gar in den Schritt – offensichtlich als garstige Geste gegenüber dem Publikum und in Referenz auf John Cobra (→ Vorentscheid ES 2010).

Kennt sich in Kiew bereits bestens aus: Omar Naber (SI)

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Christer, der Erretter: Björkman wird Produzent des ESC 2017

Die EBU scheint angesichts des fortdauernden Chaos rund um die Organisation des für den 13. Mai 2017 terminierten Eurovision Song Contest durch den ukrainischen Sender NTU die Reißleine zu ziehen und schickt den Melodifestivalen-Chef und Produzenten der beiden letzten schwedischen ESCs in Malmö und Stockholm, Christer Björkman (→ SE 1992), gen Kiew, um zu retten, was zu retten ist. Der Schwede wird dort offiziell für die Bühnenpräsentation der 43 teilnehmenden Acts verantwortlich zeichnen und freut sich auch schon, seine „Zähne in die Songs schlagen“ zu können, wie er im Interview verrät. Das tut denen doch weh! In den Fan-Foren ging natürlich unmittelbar das Geheule los, dass dem Wettbewerb nun eine erneute Schwedifizierung drohe – teils vorgebracht von denselben Leuten, die erst unlängst greinten und wehklagten, dass es die Ukrainer nicht hinbekämen. Letzteres findet wohl auch Eurovisions-Obermotz Jan Ola Sand, der die Neuigkeit auf eurovision.tv folgendermaßen kommentierte: „Björkman ergänzt ein bereits vorhandenes, exzellentes Produktionsteam, seine umfassende Erfahrung in der Produktion des Eurovision Song Contests wird von unschätzbarem Wert sein“. Liest sich so, als solle Christer den Beteiligten vor Ort ein wenig Feuer unter dem Hintern machen und die nötigen Strippen ziehen bzw. die richtigen Kontakte vermitteln. Gegenüber seinem Heimatsender NRK wurde der Norweger Sand unter Bezugnahme auf das Hinterherhängen der Ukrainer hinter dem Zeitplan noch etwas deutlicher, wie ESC Daily meldete: er habe „so etwas noch nie erlebt“! Dennoch sei man sicher, die Show noch rechtzeitig auf die Beine stellen zu können. Nach dem Rücktritt mehrerer führender Mitarbeiter/innen des ukrainischen Staatssenders letzte Woche wurden dort zwischenzeitlich neue Verantwortliche für die Bereiche Vermarktung, Sicherheit und Eventmanagement ernannt. Morgen gehen die Eintrittskarten für die beiden Semis in den Verkauf (die fürs Finale sind bereits weg). Wer sein Glück versuchen will, sollte gegebenenfalls vorher seine Kreditkarte für Zahlungen in die Ukraine freischalten lassen, diese Funktion ist bei vielen Banken standardmäßig gesperrt.

 Kann es gar nicht abwarten: der Christer

Christer Björkman hat die Finger wieder drin: eine gute Entscheidung?

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Perlen der Vorentscheidungen: en stenhipp Man och en Prinsessa

Stellen Sie sich vor, liebe Leserin, lieber Leser: Sizilien 1931 Lissabon 2017. Es ist der Abend des ersten Semifinales des neu aufgelegten Festival da Canção, Portugals traditionsreichem Liederabend, der nach einem Jahr eurovisionärer Schmollpause – angeblich inhaltlich komplett aufgefrischt – erneut als Vorentscheidungsformat des notorisch erfolglosen Grand-Prix-Landes fungiert. Sechs der acht Beiträge dieser Runde sind bereits an Ihnen vorübergezogen, erste Ermüdungserscheinungen stellen sich ein, geschuldet der Tatsache, dass das Festival traditionell erst gegen 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit startet. Und dass Sie, was die bisherigen Lieder anging, nichts von der groß verkündeten Neuausrichtung feststellen konnten: fade und glanzlos plätscherte das alles an Ihnen vorbei, selbst der einzige englischsprachige Uptemposong löste nur Langeweile aus. Nun annonciert ein Einspieler den siebten Teilnehmer des Abends, einen hübschen jungen Mann namens Salvador Sobral, seinem Äußeren nach zu urteilen ein sympathisch wirkender urbaner Hipster mit lässigem Haarzopf und sexy Vollbart. Etwas verspielt-cooles wird jetzt sicher kommen, denken Sie sich, vielleicht ein wenig Elektrofolk wie seinerzeit von ByeAlex (→ HU 2013). ‚Amar pelos Dois‘ (‚Liebe für Zwei‘) heißt der Titel, wie die Einblendung verrät – ein gern genommenes Songthema, das keine weiteren Aufschlüsse zulässt. Dann blendet die Kamera in den Saal und fährt langsam auf Salvador zu, der in der Bühnenmitte im Halbdunkel steht. Während sie sich ihm immer mehr nähert, setzt die Musik ein. Und Sie merken instinktiv: hier stimmt etwas nicht.

Was zur Hölle? (PT)

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