Pro Sieben: Kooperation am Geld gescheitert?

Recht erfolgreich, zumindest von den Ergebnissen beim Eurovision Song Contest und dem Interesse der Medien, verlief bekanntlich (nach leichten Anlaufschwierigkeiten) die Zusammenarbeit des NDR und des Privatsenders Pro Sieben beim deutschen Vorentscheid in den Jahren 2010 bis 2012. Dass man dieses Experiment nicht mehr weiterführte, hatte – neben der bei Unser Star für Baku deutlich erkennbaren Unlust des Showmachers Stefan Raab – wohl vor allem pekuniäre Gründe, wie Brainpool-Chef Jürgen Grabosch dieser Tage durchblicken ließ. So äußerte er sich nach DWDL-Angaben im Rahmen eines Werkstattgesprächs zum renommierten Grimme-Preis auf eine entsprechende Nachfrage dahingehend, dass seiner Ansicht die Kooperation noch heute bestünde, „aber nur, wenn ProSieben weiterhin sechs von acht Shows bezahlt und gesendet und der ARD den quotenträchtigsten Teil des Wettbewerbs, das Finale, überlassen hätte.“ Speziell 2012 bei Unser Star für Baku erreichten die auf Pro Sieben gesendeten, teilweise quälend langatmigen Vorrunden äußerst enttäuschende Quoten. Wer weniger der vielbeschworenen „nationalen Aufgabe“ verpflichtet sei als dem Shareholder Value, wie die P7S1-Gruppe, springe dann halt schnell wieder ab, so Grabosch.


Da war es noch eine „nationale Aufgabe“: Trailer für USFO

Halbzeit bei Unser Song für Malmö

Sieben der zwölf Beiträge zur deutschen Vorentscheidung 2013 sind mittlerweile veröffentlicht – Zeit für eine erste Zwischenbilanz! Lesen und kommentieren Sie den aufrechtgehn.de-Schnellcheck des ersten halben Dutzends und ihrer vermutlichen Chancen beim Vorentscheid (jedenfalls, bis der Song der Säusler Mannheims endlich bekannt wird).


Ben Ivory: The righteous Ones

Kraftvoller, leicht düsterer Elektropop mit inhaltlicher Botschaft: das findet nur eine begrenzte Zielgruppe. Leider, denn der Grand-Prix-Song des Berliner Fashionstas ist ein echtes Brett. Mag ich! Sehr!

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Roberto Bellarosa für Belgien

Dieses Jahr sind die Benelux-Länder ganz weit vorne in der Kandidatenkür: nach den Niederlanden gab heute als zweites Teilnehmerland überhaupt Belgien seinen Eurovisionsvertreter bekannt. Es handelt sich um den 18jährigen Roberto Bellarosa (von bösartigen britischen Eurovisionsfans umgehend als „Bobby Prettypink“ veralbert), den aktuellen Sieger der wallonischen Ausgabe der auch hierzulande beliebten Castingshow The Voice. Wie die bislang einzige belgische Eurovisionssiegerin Sandra Kim verfügt der samtäugige Roberto über italienische Wurzeln, allerdings auch über eine erschütternd schlimme Justin-Toter-Bieber-Frisur. Bereits am 16. Dezember findet eine öffentliche Vorentscheidung statt, in der Bellarosa mehrere Songs vorstellt, aus denen die Zuschauer den Beitrag für Malmö bestimmen. Seine dem Castingshowsieg folgende erste Hitsingle ‚Je crois‘ offerierte schon mal nett gemachten Mainstreampop und eine hübsche, wenn auch nicht besonders eigenständige Stimme. Wenn er da für den Grand Prix noch ein Brikett drauflegt und jemand mal mit der Schermaschine durch die Haarkatastrophe durchgeht, könnte das was werden.


Je crois… qu’il faut Sony Music de mourir! (leider nur per Umweg zu sehen). 

Roberto Bellarosa für Belgien!

  • Wer? (51%, 20 Votes)
  • Gähn. (26%, 10 Votes)
  • Geil! (23%, 9 Votes)

Total Voters: 39

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Aserbaidschan: you’re cold, cold, cold

Kaltblütig: anders kann man es nicht nennen. Vergangenen Freitag „begnadigte“ der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyew den wegen eines brutalen Axtmordes an einem armenischen Soldaten zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilten Ramil Safarov – unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Ungarn, wo die Tat im Jahre 2004 geschah, und ungeachtet der vorher abgegebenen Versprechungen an die Regierung von Viktor Orbán, dass Safarov seine Reststrafe in einem aserbaidschanischen Gefängnis absitzen müsse. Stattdessen wurde er als Volksheld empfangen und befördert, wie Stefan Niggemeier unter Bezugnahme auf eine Meldung der Washington Post berichtet. Safarov hatte den armenischen Kollegen während einer gemeinsam in Budapest besuchten NATO-Fortbildung heimtückisch im Schlaf überfallen und mit 16 Axthieben getötet. Armenien brach aus Empörung über die Auslieferung des verurteilten Mörders die diplomatischen Beziehungen zu Ungarn ab, in Jerewan flogen Tomaten auf das magyarische Konsulat.


Da stirbt die Musik: Aserbaidschan feiert Mörder als Volkshelden

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Jurysplit 2012: das Indianagate

Lange mussten wir darauf warten: heute endlich veröffentlichte die EBU die getrennten Ergebnisse des Tele- und Juryvotings beim Eurovision Song Contest 2012. Und während sich, wenig verwunderlich, beide beim Siegertitel einig waren, so besteht schon ab dem zweiten Platz im Gesamtranking eine massive Uneinigkeit: während die russischen Großmütterchen aus Buranow beim Publikum total einschlugen und mit nur 12 Punkten Abstand hinter Loreen auf dem zweiten Platz landeten, verstanden die Juroren überhaupt keinen Spaß und straften die niedlichen Omas mit Rang 11 ab. Ihrem allen Anschein nach von der EBU erhaltenen Auftrag zur Stützung der Big Five kamen sie indessen nach: sowohl die italienische Amalia Casa del Vino als auch die spanische Sirene Pastora Soler voteten sie mit 13 Plätzen Differenz deutlich nach oben. Ebenso wie die charismafreie Französin Anggun, die mit ihren Bodenturnern beim Publikum ganze null Punkte erzielte. Als prominentestes Juryopfer aus den Semis ist die Gefiederländerin Indiana Joan Franka zu vermelden, die nach dem Willen der anrufenden Zuschauer den Finaleinzug geschafft hätte – das erste Mal seit acht Jahren für die gebeutelten Nachbarn.


In bester Gesellschaft mit Kuunkuskajat und Stella Mwangi: Indiana Joan (NL)

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Euphoric Dance Radio: Loreen auf Rotation

Heute Vormittag konnte man mich glücklich über beide Ohren grinsend durchs Büro tanzen sehen (Gott sei Dank waren die Kollegen gerade in Pause!): Loreens ‚Euphoria‘ lief auf Sunshine live, dem einzigen Radiosender, den ich (auf der Arbeit) höre. Und kaum ebbten meine durch dieses unerwartete Erlebnis ausgeschütteten Glückshormone am Nachmittag langsam wieder ab, ging der Song  nochmal über die Antenne. Und ich nochmal steil. Was sich, wie der Moderator ankündigte, noch öfters wiederholen wird: der Eurovisions-Siegersong ist der „Top Track der Woche“, läuft also auf Rotation. Und das heißt bei Sunshine live, wie wohl bei den meisten Formatradios: einmal alle vier Stunden! Ich muss zugeben, meine Euphorie überraschte mich zunächst selbst1)Für Hörer regulärer Top-40-Stationen wie Antenne (hier Bundesland einsetzen) oder Hit Radio Irgendwas dürfte das nichts Neues sein, aber diese Sender höre ich üblicherweise nicht., aber dass ein strikt auf elektronische Tanzmusik ausgerichteter, kommerzieller Radiosender einen Grand-Prix-Beitrag auch nur mit spitzen Fingern anfasst, geschweige denn in Dauerschleife spielt, das ist ein absolutes Novum! Was natürlich auch mit dem fulminanten Charteinstieg vom vergangenen Freitag zusammenhängen dürfte. Wie der Radiosprecher eben sagte: „das Teil werden wir diesen Sommer sicher noch öfters hören“! Hurra!


Und hier zur Abwechslung mal eine der zahllosen Coverversionen

Hast Du 'Euphoria' schon irgendwo öffentlich (also nicht vom eigenen iPod) gehört?

  • Im Radio, schön öfters. (31%, 45 Votes)
  • Nein, noch nicht. Schade. (19%, 28 Votes)
  • Nein, noch nicht. Gott sei Dank. (18%, 26 Votes)
  • Im Radio, bislang nur ein einziges Mal. (17%, 24 Votes)
  • Im Musikfernsehen. (16%, 23 Votes)
  • Andere Gelegenheit. (12%, 17 Votes)
  • In der Disco. (8%, 12 Votes)
  • Beim Shopping / im Supermarkt. (8%, 11 Votes)
  • Als Klingelton von anderen Handys. (3%, 4 Votes)
  • Im Fitnessstudio. (1%, 1 Votes)

Total Voters: 144

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Fußnote(n)   [ + ]

1. Für Hörer regulärer Top-40-Stationen wie Antenne (hier Bundesland einsetzen) oder Hit Radio Irgendwas dürfte das nichts Neues sein, aber diese Sender höre ich üblicherweise nicht.

Loreen is going up-up-up

Der schwedische Sieg beim Eurovision Song Contest wiederholt sich nun auch in den Verkaufscharts. Wie der Branchendienst mediabiz berichtet, steigt Loreen in den am kommenden Freitag offiziell zu veröffentlichenden Top 100 Singlecharts direkt an der Spitze ein. Damit ist die euphorische Pop-Elfe die erste nichtdeutsche Eurovisionssiegerin seit Sandie Shaw (1967, ‚Puppet on a String‘) Abba, der ein Nummer-Eins-Hit im zweitgrößten Popmarkt der EU gelingt (wozu heutzutage allerdings auch wesentlich weniger verkaufte Tonträger beziehungsweise bezahlte Downloads erforderlich sind als im vergangenen Jahrtausend). Selbst die Brotherhood of Men, die mit ‚Save your Kisses for me‘ 1976 den kommerziell erfolgreichsten Siegertitel aller Zeiten hatten, mussten sich in Deutschland mit dem zweiten Chartrang begnügen. Auch in anderen europäischen Länder scheint ‚Euphoria‘ richtig einzuschlagen. Bleibt noch abzuwarten, ob es sich um ein durch euphorisierte Grand-Prix-Fans ausgelöstes Strohfeuer handelt und Loreen nächste Woche wieder abschmiert oder sich der Titel tatsächlich zum veritablen Eurohit entwickelt. So oder so: ein derartig beeindruckendes Crossover vom Song Contest in den Popmainstream gab es lange nicht mehr. Toll!


Chartstürmerin Loreen (SE)

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Kuula, kuis hingab sinu maa (Das deutsche Juryvoting)

Noch hält uns die EBU mit den gesplitteten Abstimmungsergebnissen von Jury und Televoting im Ungewissen – vermutlich, um die Fan-Empörung angesichts der unterschiedlichen Ergebnissen im medialen Nirwana verpuffen zu lassen. Dafür aber veröffentlichte der NDR heute schon mal die Wertungen der deutschen Jury, in diesem Jahr bestehend aus der fantastischen Anke Engelke, dem singenden Weichspüler Tim Bendzko, dem Moderator und Sänger Ben (einziger Hit: „Engel“), der tollen Mieze Katz von der Neue-Neue-Deutsche-Welle-Band Mia. (deutsche Vorentscheidung 2004, „Hungriges Herz“) sowie dem Radiogesicht Sabine Heinrich, noch aus Unser Star für Oslo bekannt für ihren modischen Spürsinn und ihre intelligenten Interviewfragen. Wie auch im Gesamtergebnis gaben die Phantastischen Fünf ihre Douze Points an Loreen. Übereinstimmungen gab es auch bei den 6 Punkten für Albanien und den 2 Punkten für Italien. Geschmack bewiesen die deutschen Juroren mit der zweithöchsten Wertung für die estnische Augen- und Ohrenweide Ott Lepland sowie 8 Zählern für das fantastische Balladendrama aus Island. Einen Rüffel gibt es allerdings für die Punkte für die bosnische Langeweile, an deren Stelle die Zuschauer den türkischen Seeman Can Bonomo bevorzugten (Diasporavoting, anyone?). Die russischen Großmütterchen aus Buranowo, im deutschen Gesamtklassement auf Rang 4 und im finalen Endergebnis auf dem zweiten Platz, vermochten bei den Juroren nicht zu reüssieren. Was natürlich Spekulationen den Weg ebnet, die knuffigen Grannies könnten europaweit der Publikumssieger gewesen sein und von den Jurys auf den zweiten Platz hinabgewertet (was allerdings ob des doch fulminanten Punkteabstands von Loreen wenig wahrscheinlich erscheint).


Juryzweiter: der niedliche Ott (EE)

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ESC Finale 2012: An everlasting Piece of Art

Logo ESC 2012 Finale
Das gerontische Jahr

Europa altert – und der Eurovision Song Contest reflektiert das. Musste die EBU noch 1990 eine Altersuntergrenze von 16 Jahren einführen, um den Wettbewerb nicht zur Mini Playback Show verkommen zu lassen, so schienen sich die Teilnehmerländer dieses Jahrgangs einen Wettstreit um den ältesten Grand-Prix-Partizipanten zu liefern. Nicht nur die Jugos schickten mit dem serbischen Balkanballadenkönig Željko Joksimović (40) und der mazedonischen Nina Hagen, Kaliopi (46), lebenserfahrene Barden. Gleich der erste Starter des Abends riß die bisherige, vom kroatischen Gerontorapper 75 Cents gelegte Meßlatte: das Vereinigte Königreich entsandte nämlich den sich nach einem schon lange verschiedenen deutschen Komponisten nennenden, mittlerweile 76jährigen Schnulzier Engelbert Humperdinck, steinalten Menschen wie mir noch bekannt durch seinen 1966er Superhit ‚(Please) Release me‘.

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ESC 2. Semi 2012: Verjammern

Logo ESC 2012, zweites Semi
Das gerontische Jahr

Ganze fünf (von sechs) exjugoslawische Länder versammelten sich in diesem zweiten Semi, und sie brachten fünf mehr oder minder dramatische, klassische Balkanballaden mit. Drei von ihnen kamen weiter ins Finale, darunter echte Überraschungen. Nicht so sehr beim Eröffnungsact des Abends: Željko Joksimović, auf dessen Konto das selbst gesungene ‚Lane moje‘ (RS 2004, 2. Platz), ‚Lejla‘ (BA 2006, 3. Platz) und ‚Oro‘ (RS 2008, 6. Platz) gehen, bewies mit ‚Nije Ljubav Stvar‘ erneut, warum er mit Fug und Recht als unumschränkter Balkanballadenkönig gilt: ein wunderschön instrumentierter, sanft beginnender und nach und nach immer eindringlicher und dramatischer werdender Folkschlager mit einem ergreifend kitschigen Text, vorgetragen von ernsthaft dreinblickenden, würdevoll gemessen über die Bühne schreitenden Menschen in edlem Schwarz. Wie soll man das nicht mögen? Und wie soll das nicht die 12er aus dem erweiterten Balkan abräumen?

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