Sal­va­dor Sobral unter­bricht Kar­rie­re

Sor­ge um den dies­jäh­ri­gen Gewin­ner des Euro­vi­si­on Song Con­test, Sal­va­dor Sobral: wie der 27jährige Por­tu­gie­se, der im Mai 2017 mit sei­ner ver­schro­be­nen, inti­men Per­for­mance beim euro­päi­schen Wett­sin­gen einen gan­zen Kon­ti­nent ver­zau­ber­te und den ers­ten Sieg in der über vier­zig­jäh­ri­gen, an Ent­täu­schun­gen nicht armen Grand-Prix-Geschich­te sei­nes Lan­des hol­te, ges­tern in einem You­tube-Video erklär­te, muss er sei­ne Musik­kar­rie­re bis auf Wei­te­res unter­bre­chen, um sich die Hän­de der Ärz­te zu bege­ben. Schon bei den Pro­ben in Kiew hat­te sich der char­man­te Hips­ter-Schlumpf krank­heits­be­dingt von sei­ner Schwes­ter Luí­sa, der Auto­rin sei­ner ver­träum­ten Jazz­bal­la­de ‘Amar pelos Dois’, ver­tre­ten las­sen. Sei­ner­zeit – und auch aktu­ell wie­der – mach­ten dar­auf­hin Gerüch­te um eine lebens­be­droh­li­che Herz­schwä­che und die drin­gen­de Not­wen­dig­keit eines Spen­der­or­gans die Run­de, die das Manage­ment Sobrals jedoch damals zurück­wies. Doch nun scheint der Stress einer aus­ge­dehn­ten Tour­nee und zahl­rei­cher Wohl­tä­tig­keits­ak­tio­nen (wie bei­spiels­wei­se für die Opfer der Wald­brän­de im por­tu­gie­si­schen Pedrógão Gran­de), die sei­nem Erd­rutsch­sieg beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 folg­ten, sei­nen Tri­but zu for­dern: bereits letz­te Woche sag­te der sym­pa­thi­sche Sän­ger die letz­ten drei Gigs aus gesund­heit­li­chen Grün­den ab. Ges­tern folg­te dann die Ankün­di­gung einer län­ger­fris­ti­gen Aus­zeit: “Mein fra­gi­ler Gesund­heits­zu­stand ist kein Geheim­nis mehr,” so Sal­va­dor, der aller­dings nicht kon­kre­ti­sier­te, an was er nun lei­det, son­dern dies­be­züg­lich um “Respekt für mei­ne Pri­vat­sphä­re” bat und auch nicht an einem Sei­ten­hieb auf die Klatsch­pres­se spar­te. “Dort hieß es, ich hät­te nur noch drei Mona­te zu leben. Das habe ich aber schon vor mehr als einem Vier­tel­jahr gele­sen,” spot­te­te der blau­blü­ti­ge Por­tu­gie­se, bevor es dra­ma­tisch wur­de: “Lei­der ist die Zeit gekom­men, mei­nen Kör­per der Wis­sen­schaft zu über­las­sen und mich aus der Welt der Musik zu ver­ab­schie­den”. Gleich­zei­tig bemüh­te er sich jedoch, Zuver­sicht zu ver­brei­ten: “Ich wer­de bald zurück sein – wie bald, weiß ich nicht,” so der in der Tat ziem­lich zer­brech­lich wir­ken­de Sän­ger, der an die­sem Frei­tag noch ein kos­ten­lo­ses Abschieds­kon­zert für sei­ne Fans geben will. Bleibt nur, Sal­va­dor von gan­zem Her­zen viel Glück und eine hof­fent­lich bal­di­ge und voll­stän­di­ge Gene­sung zu wün­schen.

Sal­va­dors Video­bot­schaft (auf Por­tu­gie­sisch).

Streit um Namens­rech­te: die Türk­vi­zyon auf Tauch­sta­ti­on

Die­ser Tage (die genaue­ren Anga­ben schwank­ten zuletzt irgend­wo zwi­schen dem 19. und dem 30. August 2017) soll­te in Asta­na, der Haupt­stadt Kasach­stans, eigent­lich die vier­te Aus­ga­be der Türk­vi­zyon über die Büh­ne gehen, des vom Staats­fern­se­hen TRT nach dem Vor­bild des Euro­vi­si­on Song Con­tests erst­mals 2013 ange­scho­be­nen Musik­wett­be­werbs der Turk­völ­ker, zu dem sich in die­sem Jahr nach einer Mel­dung von Euro­voix über 30 Län­der, Teil­re­pu­bli­ken und Volks­grup­pen ange­mel­det hat­ten. Doch dar­aus wird wohl vor­erst nichts: auf­grund einer gericht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung um die Namens­rech­te ver­schiebt sich die bereits 2016 aus­ge­fal­le­ne Show erneut auf unbe­stimm­te Zeit. Wie die Web­site ESCape News bereits vor zwei Mona­ten rap­por­tier­te, habe der Musi­ker Furat Emir TRT erst­mals im Jah­re 2014 wegen der Nut­zung sei­nes angeb­li­chen geis­ti­gen Eigen­tums ver­klagt. Emir behaup­te, das Kon­zept eines von ihm “Tur­ka­vi­si­on” genann­ten Con­tests ent­wi­ckelt zu haben. Im Febru­ar 2017 sprach ihm ein Gericht der Web­site zufol­ge in ers­ter Instanz die Namens­rech­te und eine Ent­schä­di­gung in Höhe von umge­rech­net rund 6.000 € für die bis­he­ri­ge Ver­wen­dung zu. Seit­her befin­det sich das tür­ki­sche Fern­se­hen – die Ver­ant­wor­tung für die Türk­vi­zyon liegt seit 2014 beim zur TRT-Sen­der­grup­pe gehö­ren­den Musik­ka­nal TMB – auf Tauch­sta­ti­on, ver­mut­lich fin­det hin­ter den Kulis­sen ein zähes Gescha­cher um eine finan­zi­el­le Kom­pen­sa­ti­on für die künf­ti­gen Nut­zungs­rech­te statt, bei dem bei­de Sei­ten offen­bar auf Zeit spie­len. Auch der You­tube-Kanal des Sen­ders ist von der Aus­ein­an­der­set­zung betrof­fen. Ob der Wett­be­werb, an dem auch Deutsch­land teil­nimmt, über­haupt noch mal statt­fin­det, bleibt abzu­war­ten. Die Ver­an­stal­tungs­rei­he scheint seit ihrer Erst­aus­ga­be ohne­hin nach­hal­tig vom Unglück ver­folgt: erst vor weni­gen Tagen erschüt­ter­te die Mel­dung die tür­ki­sche Öffent­lich­keit, dass der Mode­ra­tor der letz­ten, in Istan­bul abge­hal­te­nen Türk­vi­zyon 2015, Vat­an Şaş­maz, von sei­ner mut­maß­li­chen Gelieb­ten Filz Aker in einem Hotel­zim­mer nach einem laut­star­ken Streit mit meh­re­ren Schüs­sen getö­tet wur­de. Aker beging anschlie­ßend Selbst­mord.

Und hier zur Erin­ne­rung an bes­se­re Türk­vi­zyons-Tage einer ihrer kul­tigs­ten Bei­trä­ge: Trip­pi­ger Keh­len­ge­sang aus Keme­row.

Julia­ga­te: Ukrai­ne will Ein­spruch gegen Geld­stra­fe ein­le­gen

Die öffent­lich-recht­li­che ukrai­ni­sche Rund­funk­an­stalt UA:PBC will Ein­spruch gegen die heu­te von der EBU wegen des Julia­ga­tes ver­häng­te Geld­stra­fe ein­le­gen, wie der Inten­dant Zurab Ala­sa­nia gegen­über der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters sag­te: “For­mell gese­hen haben nicht wir die Ent­schei­dung getrof­fen, sie [Julia Samo­yl­o­va] nicht zuzu­las­sen”. Da hat er nicht ganz Unrecht: der fak­ti­sche Aus­schluss der rus­si­schen Reprä­sen­tan­tin basier­te auf der Ent­schei­dung des ukrai­ni­schen Geheim­diens­tes, der auf­grund eines Krim-Auf­tritts der Sän­ge­rin in Über­ein­stim­mung mit gel­ten­den ukrai­ni­schen Geset­zen ein drei­jäh­ri­ges Ein­rei­se­ver­bot ver­häng­te, von dem auch der Staats­chef kei­ne Aus­nah­me für den Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 machen woll­te, wodurch dem Sen­der die Hän­de gebun­den waren. Ala­sa­nia, der die Höhe der von der EBU ver­häng­ten Geld­stra­fe auf 200.000 € bezif­fer­te, mein­te mokant, er glau­be aller­dings nicht, dass die Regie­rung die For­de­rung der EBU beglei­chen wer­de. Das scheint noch ein lus­ti­ges Hau­en und Ste­chen zu wer­den: erst letz­te Woche hat­te Ala­sa­nia durch­bli­cken las­sen, dass sein Sen­der eine schwei­ze­ri­sche Anwalts­fir­ma ein­ge­schal­tet habe, weil die EBU eine dort für den ESC 2017 hin­ter­leg­te Sicher­heit in Höhe von 15 Mil­lio­nen € ein­ge­fro­ren habe. Ob ein Zusam­men­hang mit der heu­te ange­kün­dig­ten Geld­stra­fe besteht, ist bis dato unklar. Der Ver­laut­ba­rung der EBU von heu­te Vor­mit­tag zufol­ge basie­re die Buße aller­dings auch auf dem orga­ni­sa­to­ri­schen Cha­os, das UA:PBC bei der Vor­be­rei­tung des Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 ange­rich­tet hat­te und das der “Repu­ta­ti­on” des Wett­be­werbs abträg­lich gewe­sen sei. Holt schon mal das Pop­corn raus: da dürf­te wohl noch ein wenig gefeilscht wer­den zwi­schen Kiew und Genf…

Wird sich noch eine Zeit lang hin­zie­hen: das Dra­ma ums Julia­ga­te

Geld heilt alle Wun­den: die EBU legt Julia­ga­te ad acta

Wie der Nach­rich­ten­dienst Reu­ters heu­te Vor­mit­tag mel­de­te, wol­le die EBU die gast­ge­ben­de TV-Anstalt des Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 auf­grund der mas­si­ven Ver­zö­ge­run­gen bei der Vor­be­rei­tung des Events und des “unko­ope­ra­ti­ven Ver­hal­tens” der Ukrai­ne im Zusam­men­hang mit dem Bann der rus­si­schen Ver­tre­te­rin Julia Samo­yl­o­va mit einer Geld­stra­fe bele­gen. Die Kri­se um die mona­te­lan­gen Ver­spä­tun­gen bei der Orga­ni­sa­ti­on, die ein Ein­schrei­ten der Gen­fer und die Ent­sen­dung eines Ret­tungs­teams rund um den schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len-Impre­sa­rio Chris­ter Björk­man (→ SE 1992) not­wen­dig mach­te, und das Dra­ma um Julia­ga­te hät­ten die media­le Auf­merk­sam­keit über­la­gert und die “Repu­ta­ti­on der Mar­ke Euro­vi­si­on Song Con­test gefähr­det,” so die EBU in einer Erklä­rung. “Daher schlägt der Len­kungs­aus­schuss in Über­ein­stim­mung mit den Wett­be­werbs­re­geln vor, dass UA:PBC eine emp­find­li­che Geld­stra­fe erhält”. Die ursprüng­lich mal ins Gespräch gebrach­te Euro­vi­si­ons­sper­re für die Ukrai­ne ist damit wohl vom Tisch. Über die Höhe der Buße schwieg sich die EBU indes wie immer aus [Nach­trag: laut UA:PBC beläuft sich die Stra­fe auf 200.000 €]. Das von rus­si­scher Sei­te sehr offen­sicht­lich in pro­vo­ka­ti­ver Absicht insze­nier­te Julia­ga­te hat für den sowje­ti­schen Staats­sen­der unter­des­sen kei­ne Kon­se­quen­zen: gegen­über dem Per­wy Kanal sprach man nach einer Mel­dung von Euro­voix ledig­lich einen “Tadel” aus, weil die­ser nicht an den Vor­be­rei­tungs­tref­fen für Kiew teil­nahm. Durch die Ver­knüp­fung der Geld­stra­fe mit den unbe­streit­ba­ren, mas­si­ven Orga­ni­sa­ti­ons­män­geln der ukrai­ni­schen Sen­de­an­stalt UA:PBC kann die­se sich kaum gegen die Sank­ti­on weh­ren [Nach­trag: anschei­nend doch]. Damit geht man in Genf mal wie­der den Weg des gerings­ten Wider­stands: von den unbe­dingt not­wen­di­gen Anpas­sun­gen der Wett­be­werbs­re­geln an die ver­än­der­te poli­ti­sche Welt­la­ge war jeden­falls kei­ne Rede, eben­so wenig wie von der Mit­ver­ant­wor­tung der EBU für das Desas­ter um den bewusst kal­ku­lier­ten Aus­schluss der rus­si­schen Roll­stuhl­fah­re­rin auf­grund ihres Krim-Auf­trit­tes, obwohl sich ein sol­cher Clash bereits früh­zei­tig ange­kün­digt hat­te, ohne dass man hier­auf irgend­wie reagier­te.

Ist laut dem rus­si­schen Sen­der jetzt für 2018 gesetzt: Julia Samo­yl­o­va (RU)

 

Die Jury: Power to all my Friends?

Lang­jäh­ri­ge Leser/innen die­ses Blogs wer­den mit mei­ner bei­na­he schon ans Patho­lo­gi­sche gren­zen­den Ableh­nung der Jury beim Euro­vi­si­on Song Con­test ver­traut sein. Doch bekannt­lich ist der Kopf rund, damit das Den­ken sei­ne Rich­tung wech­seln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Por­tu­gie­sen Sal­va­dor Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neu­es Licht auf die Fra­ge, ob die Insti­tu­ti­on in einem gewis­sen, streng abge­grenz­ten Rah­men nicht sogar doch ihre Berech­ti­gung haben könn­te: bei den natio­na­len Vor­ent­schei­den näm­lich! Man mag es sich kaum aus­ma­len, aber Euro­pa hät­te den wun­der­bar ver­schro­be­nen Jazz-Schlumpf aus Lis­sa­bon nie­mals ken­nen­ge­lernt (und Por­tu­gal, das auf­grund sei­ner chro­nisch schlech­ten Ergeb­nis­se erst 2016 eine ein­jäh­ri­ge Schmoll­pau­se ein­leg­te, ver­mut­lich wei­te­re 53 Jah­re auf sei­nen ers­ten Euro­vi­si­ons­sieg gewar­tet), wäre es nach dem Wil­len des hei­mi­schen Publi­kums gegan­gen. Das näm­lich zog sowohl im ers­ten Semi als auch im Fina­le des dor­ti­gen Vor­ent­scheids Fes­ti­val da Cançāo das schau­der­haft anzu­schau­en­de und anzu­hö­ren­de Trio Viva la Diva mit dem rund­weg brech­reiz­er­re­gen­den Pope­ra-Titel ‘Nova Gló­ria’ dem so sanf­ten wie bezau­bern­den Lie­bes­seh­nen Sal­va­dors vor, was einen ein wenig an der geis­ti­gen, voll­ends aber an der geschmack­li­chen Zurech­nungs­fä­hig­keit der Por­tu­gie­sen zwei­feln lässt. Nur das beherz­te Ein­grei­fen der Juro­ren, wel­che den ent­setz­li­chen Diva-Driss vor­sichts­hal­ber auf den fünf­ten Platz abwer­te­ten, sicher­te den Gesamt­sieg Sobrals und muss im Hin­blick auf das End­ergeb­nis als die glück­lichs­te Ent­schei­dung bezeich­net wer­den, die jenes Organ jemals fäll­te.

Ist uns gera­de noch­mal erspart geblie­ben, und den Por­tu­gie­sen damit ein erneu­tes Aus­schei­den im Semi: Viva la Diva. Dan­ke, Jury!

wei­ter­le­senDie Jury: Power to all my Friends?

Chart-Watch: Blan­che ist nicht alo­ne in the Dan­ger Zone

Fünf der sechs­und­zwan­zig Final­ti­tel des Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 haben es in die am gest­ri­gen Frei­tag­abend offi­zi­ell ver­öf­fent­lich­ten deut­schen Sin­gle-Top-100 geschafft. Den höchs­ten Ein­stieg konn­te die Bel­gie­rin Blan­che mit ‘City Lights’ auf Rang 38 ver­zeich­nen, erstaun­li­cher­wei­se gefolgt vom nach übli­chen Maß­stä­ben nicht sehr hit­ver­däch­ti­gen Sie­ger­ti­tel ‘Amar pelos Dois’ von Sal­va­dor Sobral, der auf Platz 43 notiert und damit doch ein paar Ver­käu­fe (sprich: bezahl­te Down­loads oder Streams) gene­riert haben muss. Wäh­rend der in Kiew zweit­plat­zier­te Bul­ga­re Kris­ti­an Kostov leer aus­ging, zogen die Bron­ze­me­dail­len­ge­win­ner vom Sun­Stro­ke Pro­ject mit ‘Hey Mam­ma!’ auf Platz 52 in die deut­schen Top 100 ein. Ihre rumä­ni­schen Kol­le­gen Ilin­ca und Alex Flo­rea fol­gen sehr viel tie­fer auf Rang 93. Dazwi­schen reich­te es für die mit dem vor­letz­ten Platz heim­ge­kehr­te deut­sche Ver­tre­te­rin Levina Lueen, die bereits nach dem hei­mi­schen Vor­ent­scheid Unser Song 2017 für genau eine Woche auf Platz 28 in die Charts ein­zog, zu einer kur­zen Rück­kehr auf Rang 88. Gibt es so etwas wie Mit­leids­käu­fe? Kei­ne Notie­rung war hin­ge­gen für den im Vor­feld des Wett­be­werbs lan­ge Zeit als kla­rer Sie­ger vor­her­ge­sag­ten Ita­lie­ner Fran­ces­co Gab­ba­ni und sein ‘Occidentali’s Kar­ma’ zu ver­zeich­nen, das vie­le bereits als euro­päi­schen Som­mer­hit 2017 gehan­delt hat­ten. Sein Auf­tritt im ARD-Mor­gen­ma­ga­zin Anfang die­ser Woche mit einer ent­kof­fein­ier­ten, von ihm selbst am Kla­vier beglei­te­ten Unplug­ged-Ver­si­on dürf­te da ver­mut­lich auch nichts mehr ret­ten: in den Tief­schlaf geklim­per­te Men­schen kau­fen kei­ne Musik­stü­cke! In den Mid-Week-Charts lagen die fünf Euro­vi­si­ons­ti­tel übri­gens jeweils um eini­ges höher, wor­aus sich schlie­ßen lässt, dass es sich – wie schon in den ver­gan­ge­nen Jah­ren – nur um ein kur­zes Stroh­feu­er han­delt, also ein­ma­li­ge Käu­fe direkt im Anschluss an die TV-Show ver­gan­ge­nen Sams­tag, und dass die Hit­pa­ra­de nächs­te Woche bereits wie­der berei­nigt sein dürf­te von allen Grand-Prix-Ein­flüs­sen. Am meis­ten pro­fi­tier­te indes die deut­sche Schla­ger­kö­ni­gin Hele­ne Fischer vom ESC: die im wie immer völ­lig unsäg­li­chen Grand-Prix-Rah­men­pro­gramm des Ers­ten vor­ge­stell­ten drei Lie­der aus ihrem neu­en Album stie­gen alle­samt hoch ein, der Titel ‘Herz­be­ben’ sogar auf Rang 18. Und zum Schluss noch ein kur­zer Blick zu den Nach­barn: der öster­rei­chi­sche Char­mer Nathan Trent schaff­te es im Hei­mat­land auf Rang 72 der Charts, die schwei­ze­ri­sche Band Time­bel­le zu Hau­se auf Platz 80.

Hat noch am ehes­ten Chan­cen auf ein Cross­over ins ech­te Pop-Leben: Blan­che (BE)

Alex Flo­rea bezich­tigt Sal­va­dor Sobral des “Thea­ter­spiels”

Nach dem Schwe­den Robin Beng­ts­son hat sich nun auch der rumä­ni­sche Rap­per Alex Flo­rea (‘Yodel it!’) kri­tisch über den am ver­gan­ge­nen Sams­tag sieg­rei­chen Por­tu­gie­sen Sal­va­dor Sobral geäu­ßert. Wie Wiwi­bloggs rap­por­tiert, äußer­te er heu­te früh in einem live aus­ge­strahl­ten Video-Inter­view mit der rumä­ni­schen Tages­zei­tung Ade­va­rul Zwei­fel an den gesund­heit­li­chen Pro­ble­men des schlump­fi­gen Hip­sters und ver­brei­te­te die Theo­rie, es han­de­le sich dabei um Mit­leids-“Mar­ke­ting”, wie es in Cas­ting­shows an der Tages­ord­nung sei: “Sei­ne Hin­ter­grund­sto­ry funk­tio­nier­te, das Publi­kum hat es geschluckt,” so Flo­rea. Sobral war auf Anra­ten sei­ner Ärz­te erst spä­ter als sei­ne Konkurrent/innen nach Kiew ange­reist und etli­chen Pro­ben fern­ge­blie­ben, in den Medi­en mach­ten (von eini­gen Kom­men­ta­to­ren offen­sicht­lich wei­ter­ver­brei­te­te) Gerüch­te über eine lebens­be­droh­li­che Herz­er­kran­kung die Run­de, die sein Manage­ment aller­dings strikt zurück­wies. Auf Anfra­gen besorg­ter Schwur­na­lis­ten in den Pres­se­kon­fe­ren­zen in Kiew räum­te Sal­va­dor aller­dings gesund­heit­li­che Pro­ble­me ein. Der rumä­ni­sche Bad Boy kauf­te ihm das aber nicht ab: “Sal­va­dor hat kei­ne Herz­pro­ble­me, bei ihm stimmt etwas im Kopf nicht”. Er sei von sei­nem “bil­li­gen Thea­ter” ange­wi­dert, des­we­gen reagie­re er so zynisch: “Ich habe in Cas­ting­shows auch schon Pro­ble­me gehabt, aber nie zu sol­chen Tak­ti­ken gegrif­fen, um zu gewin­nen,” so der Rumä­ne, der Sobral jedoch zumin­dest zuge­stand, dass sein Song “exzel­lent” gewe­sen sei. Flo­reas jodeln­de Duett­part­ne­rin Illin­ca Băcilă zeig­te sich im glei­chen Inter­view dage­gen “glück­lich” über den Sieg des Por­tu­gie­sen: “Was Sal­va­dor tat, kann man als Kunst begrei­fen, daher herz­li­chen Glück­wunsch zum Erfolg”! Sie gra­tu­lier­te außer­dem dem Sun­Stro­ke Pro­ject aus dem Nach­bar­land Mol­da­wi­en, das für die Bron­ze­me­dail­le beim Con­test, das bes­te Ergeb­nis des Bal­kan­lan­des bis­her, vom hei­mi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Igor Dodon nach Bericht von Euro­voix sogar eine staat­li­che Aus­zeich­nung erhal­ten soll: “Eine super­be Show”! Der rumä­ni­sche Jodel-Rap lan­de­te beim Publi­kum auf dem fünf­ten Rang, wur­de von den Jurys aber auf den sieb­ten Platz abge­wer­tet.

Schießt mit Kano­nen auf Spat­zen: Alex Flo­rea (RO)

Robin Beng­ts­son: getrof­fe­ne Elche blö­ken

Es sei ein Sieg der “ech­ten Musik,” so for­mu­lier­te es der por­tu­gie­si­sche Gewin­ner des Euro­vi­si­on Song Con­test 2017, Sal­va­dor Sobral, bei sei­ner Sie­ger­an­spra­che am ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend, über das, was er als weg­werf­ba­re “Fast-Food-Musik” bezeich­ne­te: den inhalts­lee­ren Main­stream­pop näm­lich, der kei­ner­lei authen­ti­sche Geschich­te erzäh­le oder kei­ne Gefüh­le trans­por­tie­re. Und, sind wir ganz ehr­lich: die Meis­ten von uns wer­den in die­sem Moment intui­tiv an den klas­si­schen, hoch­glanz­po­lier­ten Schwe­den­schla­ger gedacht haben, der seit Jah­ren den Grand Prix nicht nur für sein Hei­mat­land domi­niert. Das ging wohl auch dem dies­jäh­ri­gen schwe­di­schen Ver­tre­ter Robin Beng­ts­son so, der mit ‘I can’t go on’, einem gera­de­zu pro­to­ty­pi­schen Bei­spiel die­ser Musik­gat­tung, auf dem fünf­ten Platz lan­de­te. Jeden­falls kri­ti­sier­te er Sal­va­dor in einem Insta­gram-Pos­ting, wo er schrieb: “Glück­wunsch zu Dei­nem Sieg, ich mag Dei­nen Song und die Art, wie Du ihn singst, sehr, aber ich den­ke, Dei­ne Anspra­che war eines Sie­gers nicht wür­dig. ‘Fast food’-Pop kann zur rich­ti­gen Zeit und am rich­ti­gen Ort die bes­te Sache der Welt sein, so wie eben auch ein so schö­ner Song wie Dei­ner. Es ist Platz genug für Alle”. Der aus­tra­li­sche Teil­neh­mer und Jury-Lieb­ling Isai­ah Fire­b­race und der nor­we­gi­sche Sän­ger Alex­an­der Wal­mann signa­li­sier­ten in den Kom­men­ta­ren zur Robins Pos­ting ihre Zustim­mung zum Gesag­ten.

wei­ter­le­senRobin Beng­ts­son: getrof­fe­ne Elche blö­ken

Dem Arsch von Kiew droht der Knast

Wer ver­gan­ge­ne Sams­tag­nacht wäh­rend der Wer­tungs­pau­se beim Fina­le des 62. Euro­vi­si­on Song Con­test in Kiew gera­de kurz mit der Stimm­ab­ga­be, dem Plau­dern mit Freun­den oder dem Geträn­kenach­schub beschäf­tigt war oder auch nur kurz blin­zel­te, ver­pass­te womög­lich die ärger­lich-unter­halt­sams­ten fünf Sekun­den der gesam­ten Show: wäh­rend die Vor­jah­res­sie­ge­rin Jama­la gera­de ihre spek­ta­ku­lär lang­wei­li­ge und musi­ka­lisch erstaun­lich farb­lo­se neue Sin­gle ‘I belie­ve in U’ vor­stell­te, enter­te ein mit der aus­tra­li­schen Flag­ge umhüll­ter Mann urplötz­lich die Satel­li­ten­büh­ne, umtän­zel­te kurz die ukrai­ni­sche Sän­ge­rin (die sich nichts anmer­ken ließ und ihren Auf­tritt pro­fes­sio­nell wei­ter durch­zog), um dann über­ra­schend blank­zu­zie­hen und sei­nen Aller­wer­tes­ten in die Kame­ra zu stre­cken. So schnell, wie er kam, war er auch wie­der weg: nur Sekun­den spä­ter zog ihn die Secu­ri­ty von der Büh­ne. Noch in der Nacht stell­te sich her­aus, dass es sich nicht, wie zunächst ver­mu­tet, um einen Fan-Hoo­li­gan aus Down Under han­del­te (wie auch, ein ech­ter Grand-Prix-Fan wür­de so etwas Affi­ges nie­mals tun!), son­dern um einen pro­fes­sio­nel­len Stö­rer. Vita­lii Sedi­uk heißt der Mann, ein ehe­ma­li­ger ukrai­ni­scher TV-Jour­na­list, der sei­ne mas­si­ve Pro­fil­neu­ro­se aus­lebt, in dem er welt­weit nichts Böses ahnen­de Pro­mi­nen­te beläs­tigt und für Tumul­te bei gla­mou­rö­sen Ver­an­stal­tun­gen sorgt. Er ver­grub unter ande­rem schon sein Gesicht im Schritt von Leo­nar­do DiCa­prio und ver­such­te, Kim Kar­da­shi­ans extra­or­di­nä­ren Hin­tern zu küs­sen. Nun dro­hen ihm bis zu fünf Jah­re Haft, wie unter ande­rem der Spie­gel unter Bezug auf die Nach­rich­ten­agen­tur dpa kol­por­tiert. Der von der inter­na­tio­na­len Bla­ma­ge erbos­te ukrai­ni­sche Innen­mi­nis­ter bezeich­ne­te den offen­bar sozi­al gestör­ten Mann bereits als “Schan­de des Lan­des”. Bei Sedi­uk han­delt es sich nicht um den ers­ten Euro­vi­si­ons­flit­zer: bereits 2010 enter­te der Spa­ni­er Jau­me Mar­quet wäh­rend des Auf­tritts sei­nes Lands­man­nes Dani­el Diges beim ESC in Oslo die Büh­ne und füg­te sich für weni­ge Tak­te in die Har­le­kin-Cho­reo­gra­phie des ibe­ri­schen Wal­zers ‘Algo Peque­ñi­to’ ein, ohne aller­dings irgend­wel­che Kör­per­tei­le zu ent­blö­ßen. Mar­quet kam sei­ner­zeit mit einer mil­den Geld­bu­ße davon.

wei­ter­le­senDem Arsch von Kiew droht der Knast

Fina­le 2017: Gift im Instru­ment

Es war ein denk­wür­di­ger Abend der Ver­zau­be­rung am gest­ri­gen Sams­tag in Kiew. Ein Mann schaff­te es, einem gan­zen Kon­ti­nent den Kopf zu ver­dre­hen und Mil­lio­nen von Men­schen tief in ihren Her­zen berüh­ren. Und das mit einer extrem zurück­ge­nom­me­nen Insze­nie­rung und einem völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Lied, das klang, als sei es für eine roman­ti­sche Film­schnul­ze aus den Fünf­zi­ger­jah­ren geschrie­ben wor­den, bei dem man im eige­nen Kopf­ki­no die jun­ge Audrey Hepburn mit trä­nen­ver­ne­bel­tem Blick durch das schwarz­weiß foto­gra­fier­te Lis­sa­bon spa­zie­ren sehen konn­te. Sal­va­dor Sobral, so der Name des kobold­haf­ten jun­gen Por­tu­gie­sen, ver­wei­ger­te sich als Ein­zi­ger der 26 Final­acts der Nut­zung der gigan­ti­schen, futu­ris­tisch auf­ge­bre­zel­ten Show­büh­ne im Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trum der ukrai­ni­schen Metro­po­le und sang statt­des­sen inmit­ten des andäch­tig schwei­gen­den, von sei­ner inti­men Dar­bie­tung eben­so wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergrif­fe­nen Hal­len­pu­bli­kums auf der klei­nen Satel­li­ten­büh­ne ste­hend sei­ne zer­brech­li­che, hauch­zar­te Tren­nungs­schmerz­bal­la­de ‘Amar pelos Dois’, ein fle­hen­des Abschieds­lied an sei­ne Ver­flos­se­ne, in wel­cher er in poe­ti­schen Wor­ten sei­ne Trau­er, sei­ne noch immer sanft glim­men­de Hoff­nung auf eine Rück­kehr der Gelieb­ten und sei­ne Ent­schlos­sen­heit, sei­ne Lie­be nie­mals ster­ben zu las­sen, vor uns aus­goß. Was ich im Übri­gen nur weiß, weil ich die Über­set­zung sei­nes in Lan­des­spra­che ver­fass­ten Song­tex­tes geg­oogelt habe. Doch die Sprach­bar­rie­re spiel­te kei­ne Rol­le: auch ohne ein Wort zu ver­ste­hen, konn­te man die mit dem Lied ver­bun­de­nen Emo­tio­nen füh­len, ja gera­de­zu mit Hän­den grei­fen. Die Bild­re­gie des ver­an­stal­ten­den Sen­ders blen­de­te im Anschluss an sei­nen Auf­tritt in den Green Room, wo sich die arme­ni­sche Teil­neh­me­rin Arts­vik Haru­ty­un­yan gera­de ein Trän­chen aus dem Auge wisch­te und damit wohl auf den Punkt brach­te, was wir alle (oder jeden­falls alle mit einem offe­nen Her­zen) in die­sem Moment emp­fan­den. Es war eine sel­te­ner Moment der Über­wäl­ti­gung, ein Sieg der “Musik, die wirk­lich etwas aus­drückt,” wie der por­tu­gie­si­sche Adels­spross sag­te, als man ihn am Ende des Abends zur Repri­se auf die Büh­ne hol­te.

Jackett frisst Künst­ler: Hut­zel­männ­chen Sal­va­dor über­zeug­te den­noch (PT)

wei­ter­le­senFina­le 2017: Gift im Instru­ment