EBU erlässt eine Lex Samoylova

Wie Dr. Eurovision, Irving Wolther, heute auf eurovision.de meldet, hat die European Broadcasting Union (EBU) in Reaktion auf Juliagate Anpassungen in den offiziellen Regeln für die Ausrichtung des und die Teilnahme am Eurovision Song Contest (ESC) vorgenommen. So müssen die einzelnen nationalen Sendeanstalten künftig eigenverantwortlich sicherstellen, dass die von ihnen ausgewählten Repräsentant/innen und Delegationsmitglieder „den Behörden des Gastgeberlandes“ keinen „Anlass dafür geben, aufgrund nationaler Gesetze ein Einreiseverbot gegen diese zu verhängen.“ Genau dieses war beim ESC 2017 in Kiew geschehen: der ukrainische Geheimdienst belegte die von Russland nominierte 28jährige Sängerin Julia Samoylova mit einer Einreisesperre, weil diese zuvor auf der annektierten Krim aufgetreten war. Was zu einem unschönen (von Moskau vermutlich gezielt herbeigeführten) Propagandakrieg und für die EBU zu unangenehmen Schlagzeilen führte. Nochmal will man sich in Genf verständlicherweise nicht vor den Karren spannen lassen und schiebt dieser Form der Kriegsführung damit einen Riegel vor.

Die Posterfrau der Krim-Krise: die EBU bestätigt mit ihrer neuesten Regeländerung im Nachhinein den Ausschluss von Julia Samoylova vom ESC 2017. 

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Grüße aus dem Sommerloch: Tony Marshall will zum ESC

Alljährlich kommen sie zur nachrichtenarmen Zeit unter ihren Steinen hervorgekrochen, die Untoten des Schlagergeschäfts, denen sich sonst kaum noch eine Bühne bietet, und geben eine so aussichtslose wie öffentliche Bewerbung für den Eurovision Song Contest ab. Nun reiht sich auch Tony Marshall in diese Armee der Verzweifelten ein und bringt sich in Deutschlands widerlichstem Schundblatt, der Bild, in Position: „In den vergangenen Jahren haben wir uns nur blamiert. Zwölf Punkte kennen wir gar nicht mehr. Beim ESC geht es um das Lied. Darauf sollten wir uns besinnen,“ so vertraut er der Springer-Gazette sein Geheimrezept für einen Grand-Prix-Erfolg an. Als Referenz muss seine Teilnahme am deutschen Eurovisionsvorentscheid von 1976 herhalten, wo er mit dem tatsächlich herausragenden, selbstbezüglichen Chanson ‚Der Star‘, dem einzigen erträglichen Song seines umfangreichen Portfolios, die Postkartenabstimmung haushoch gewann – um dann schnöde besiegelt zu werden: nach einem *hüstel* anonymen Hinweis aus dem Konkurrentenkreis, dass sein Lied bereits vor der offiziellen Vorentscheidung von einer Tingeltangelsängerin in einem bayerischen Bierzelt vor Publikum gesungen wurde, musste die ARD den Beitrag disqualifizieren, es rückten die Les Humphries Singers mit dem ersten aus einer langen Reihe von deutschen Grand-Prix-Schlagern aus der Feder von Ralph Siegel nach. Ein Erlebnis, das Marshalls Kollegin Corinna May fast ein Vierteljahrhundert später exakt so ebenfalls durchleiden musste und das den Stimmungssänger (‚Schöne Maid‘) anscheinend nachhaltig verbitterte: „Das war für mich eine Riesen-Enttäuschung,“ klagt er noch mehr als vierzig Jahre später. Mit Riesen-Enttäuschungen dürfte sich der ausgebildete Opernsänger, der seit Anbeginn seiner Schlagerkarriere stets mit dem selben räudigen Minipli auftritt, gut auskennen: zuletzt lamentierte er im Mai diesen Jahres darüber, dass er seine neueste Single nicht im ZDF-Fernsehgarten vorstellen durfte. Was der Mainzer Sender offiziell damit begründete, seine „Musikfarbe“ passe nicht in das *hüstel* „internationale und poppige“ Format der sommersonntäglichen Rentner/innensedierung – fadenscheiniger kann man das „wir wollen Dich nicht“ wohl kaum bemänteln. Von Seiten des NDR gab es auf die jüngste Eurovisionsbewerbung bislang noch keine Reaktion. Und dabei dürfte es wohl auch bleiben…

Wir waren mal Stars / die Karriere ist vorbei: Tony Marshall mit seinem Vorentscheidungsbeitrag von 1976.