EBU lanciert asiatischen ESC-Ableger

Die European Broadcasting Union (EBU), Veranstalterin des Eurovision Song Contest, befindet sich offensichtlich auf geradezu zwanghaftem Expansionskurs: neben dem 2003 ins Leben gerufenen und nach anfänglichem Schlingerkurs mittlerweile stabil laufenden Kinderableger, dem Junior-ESC (an welchem sich das deutsche Fernsehen nicht beteiligt), den im jeweiligen zweijährlichen Wechsel stattfindenden und von der Öffentlichkeit wenig beachteten Wettbewerben für junge Tänzer/innen bzw. Musiker/innen sowie dem gerade erst im Juli diesen Jahres vom Stapel gelaufenen Chöre-Wettsingen Eurovision Choir of the Year wollen die Genfer ihr Portfolio nun auch um den etwas stolprig betitelten Eurovision Asia Song Contest erweitern. An dem sollen sich bis zu 20 Länder aus dem asiatisch-pazifischen Raum beteiligen dürfen, wie die heute lancierte offizielle Website informiert. Und die Nachfrage besteht dort durchaus: so meldeten in den vergangenen Jahren bekanntlich sowohl China als auch das bislang bei der Türkvizyon sehr erfolgreiche Kasachstan ihren festen Willen zum Mittun am ESC an, was bekanntlich nicht bei allen westeuropäischen Fans auf Gegenliebe stößt, steht doch eine immer stärkere Verwässerung der identitätsstiftenden Funktion des Musikspektakels für den politisch ohnehin schon bröckelnden Kontinent zu befürchten. Mit der Installierung des Eurovision Asia Song Contests schlägt die EBU zwei Fliegen mit einer Klappe: sie kann diese Länder elegant vom europäischen Wettbewerb fernhalten und verfügt sogleich über potentielle starke Zugpferde (sowie Zuschauer/innen en masse) für die neue Show, an welcher auch Japan und Südkorea Interesse bekundet haben. „Mit seinen brillanten Popstars, seiner glamourösen Mode und der absoluten Leidenschaft für Popmusik sind Asien und die Eurovision wie füreinander geschaffen,“ so schmiert eurovisionasia.tv den Adressaten denn auch gleich Honig uns Maul. Als mögliche Austragungsstädte für die Premiere sind Hongkong, Singapur und Sydney im Gespräch. Weitere Details sind derzeit nicht zu erfahren, man befinde sich noch „in der Entwicklung“ – vor 2018 dürfte der neue Event, der sich inhaltlich und organisatorisch nicht von seinem europäischen Vorbild unterscheiden soll, also kaum über die Bühne gehen. Das einzig Traurige: da Eurofire zufolge der australische Sender SBS bei der Eurovision Asia das Heft in der Hand hält, dürfte uns das seit 2015 regelmäßig auf „Einladung“ der EBU am Eurovision Song Contest teilnehmende Down Under, das mit seinen qualitativ hochwertigen Wettbewerbsbeiträgen die Latte für alle ein wenig höher gelegt hat, vermutlich wieder flöten gehen. Schade!

Tschüss, Dami Im (AU 2016): Dein Auftrittsrahmen dürfte wohl künftig beim Asia-Ableger liegen.

Österreich will keine großen Töchter: Conchita Wurst ausgebuht

Wie das Gratisblatt heute berichtet, musste sich die Siegerin des Eurovision Song Contest 2014, Conchita Wurst, bei einem Auftritt im Rahmenprogramm der Beachvolleyball-WM auf der Wiener Donauinsel am vergangenen Samstag neben Applaus auch deutliche Buhrufe gefallen lassen, als sie die Nationalhymne des Alpenstaates in der seit fünf Jahren gültigen, gendergerechten Fassung sang: einstmals ausschließlich die „Heimat großer Söhne“, finden in der seit dem 1. Januar 2012 offiziell verabschiedeten aktuellen Version nun auch die „Töchter“ des Landes Erwähnung, was viele Traditionalisten auch heute noch immer in Wallung zu bringen scheint. Und obwohl selbst der bislang eher durch eine extrem konservative Weltsicht aufgefallene Volksmusik-Kotzbrocken Andreas Gabalier, der in der Vergangenheit seine Fans noch aufgefordert hatte, die Hymne stets in der alten Fassung zu singen, seit den derzeitigen Erfolgen der österreichischen Fußballfrauen bei der EM konzediert: „Heimat seid’s ihr großer Töchter. Des muass ma jetzt wirklich amol sogn,“ lehne nach einer von heute passend zum Vorfall zitierten aktuellen Meinungsumfrage eine Mehrheit von 55% der Alpenländler/innen das Gendern in der Sprache ab – acht Prozentpunkte mehr als noch 2014. Selbst unter den repräsentativ befragten Frauen wollen 47% im Sprachgebrauch lieber unsichtbar bleiben. Man kann sich schon des Eindrucks nicht erwehren, dass die heimischen Alpen – so landschaftlich reizvoll sie auch sein mögen – ihren Bewohner/innen auch den geistigen Horizont verstellen…

Die heldinnenhafte Conchita.

Not good to be back: Ukraine ermittelt gegen Scooter

Die deutschen Techno-Veteranen Scooter (→ Vorentscheid DE 2004) sind nach einem Auftritt auf der Krim in das Visier der ukrainischen Ermittlungsbehörden geraten. Die Band spielte, wie bereits im Juni diesen Jahres angekündigt, am vergangenen Freitag beim ZB-Festival in der Nähe von Sewastopol vor begeisterten Fans, was in der Ukraine auf wenig Gegenliebe stieß. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, bezeichnete der Botschafter des Landes, Andrej Melnyk, die aus Sicht des Landes „illegale“ Einreise auf die seit 2014 von Russland annektierte Krim als „Verbrechen mit schwerwiegenden rechtlichen Folgen: Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine gravierende Straftat, die weltweit geahndet wird“. Man wolle daher die deutschen Behörden im Wege der Amtshilfe bitten, Frontmann H.P. Baxxter zu dem Vorfall zu vernehmen. Es drohten, wie schon bei der russischen Vertreterin beim diesjährigen Eurovision Song Contest, Julia Samoylova, ein Einreiseverbot in die Ukraine sowie – bei einem Verstoß der Band hiergegen – bis zu acht Jahren Haft. Zudem habe Melnyk (und hier wird es irgendwie putzig) die Macher der RTL-Show Deutschland sucht den Superstar gebeten, Baxxter aus der Jury zu entfernen, weil er vorsätzlich gegen die Gesetze eines anderen Landes verstoßen habe. Die sich selbst als „unpolitisch“ verstehende ‚Harder! Faster! Louder!‘-Kapelle hatte trotz vorheriger Warnungen seitens der Ukraine im Vorfeld an ihrem Gig festgehalten: „Wir sehen das als rein musikalischen Event, wir spielen für unsere Fans,“ sagten sie bereits im Juni diesen Jahres auf entsprechende Kritik.

Dürften nach den neuesten Regeländerungen nun nicht mehr beim ESC antreten, falls dieser mal wieder in der Ukraine stattfände: Scooter mit ihrem damaligen Vorentscheidungsbeitrag.

Grüße aus dem Sommerloch: Tony Marshall will zum ESC

Alljährlich kommen sie zur nachrichtenarmen Zeit unter ihren Steinen hervorgekrochen, die Untoten des Schlagergeschäfts, denen sich sonst kaum noch eine Bühne bietet, und geben eine so aussichtslose wie öffentliche Bewerbung für den Eurovision Song Contest ab. Nun reiht sich auch Tony Marshall in diese Armee der Verzweifelten ein und bringt sich in Deutschlands widerlichstem Schundblatt, der Bild, in Position: „In den vergangenen Jahren haben wir uns nur blamiert. Zwölf Punkte kennen wir gar nicht mehr. Beim ESC geht es um das Lied. Darauf sollten wir uns besinnen,“ so vertraut er der Springer-Gazette sein Geheimrezept für einen Grand-Prix-Erfolg an. Als Referenz muss seine Teilnahme am deutschen Eurovisionsvorentscheid von 1976 herhalten, wo er mit dem tatsächlich herausragenden, selbstbezüglichen Chanson ‚Der Star‘, dem einzigen erträglichen Song seines umfangreichen Portfolios, die Postkartenabstimmung haushoch gewann – um dann schnöde besiegelt zu werden: nach einem *hüstel* anonymen Hinweis aus dem Konkurrentenkreis, dass sein Lied bereits vor der offiziellen Vorentscheidung von einer Tingeltangelsängerin in einem bayerischen Bierzelt vor Publikum gesungen wurde, musste die ARD den Beitrag disqualifizieren, es rückten die Les Humphries Singers mit dem ersten aus einer langen Reihe von deutschen Grand-Prix-Schlagern aus der Feder von Ralph Siegel nach. Ein Erlebnis, das Marshalls Kollegin Corinna May fast ein Vierteljahrhundert später exakt so ebenfalls durchleiden musste und das den Stimmungssänger (‚Schöne Maid‘) anscheinend nachhaltig verbitterte: „Das war für mich eine Riesen-Enttäuschung,“ klagt er noch mehr als vierzig Jahre später. Mit Riesen-Enttäuschungen dürfte sich der ausgebildete Opernsänger, der seit Anbeginn seiner Schlagerkarriere stets mit dem selben räudigen Minipli auftritt, gut auskennen: zuletzt lamentierte er im Mai diesen Jahres darüber, dass er seine neueste Single nicht im ZDF-Fernsehgarten vorstellen durfte. Was der Mainzer Sender offiziell damit begründete, seine „Musikfarbe“ passe nicht in das *hüstel* „internationale und poppige“ Format der sommersonntäglichen Rentner/innensedierung – fadenscheiniger kann man das „wir wollen Dich nicht“ wohl kaum bemänteln. Von Seiten des NDR gab es auf die jüngste Eurovisionsbewerbung bislang noch keine Reaktion. Und dabei dürfte es wohl auch bleiben…

Wir waren mal Stars / die Karriere ist vorbei: Tony Marshall mit seinem Vorentscheidungsbeitrag von 1976.

Juliagate: Ukraine will Einspruch gegen Geldstrafe einlegen

Die öffentlich-rechtliche ukrainische Rundfunkanstalt UA:PBC will Einspruch gegen die heute von der EBU wegen des Juliagates verhängte Geldstrafe einlegen, wie der Intendant Zurab Alasania gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte: „Formell gesehen haben nicht wir die Entscheidung getroffen, sie [Julia Samoylova] nicht zuzulassen“. Da hat er nicht ganz Unrecht: der faktische Ausschluss der russischen Repräsentantin basierte auf der Entscheidung des ukrainischen Geheimdienstes, der aufgrund eines Krim-Auftritts der Sängerin in Übereinstimmung mit geltenden ukrainischen Gesetzen ein dreijähriges Einreiseverbot verhängte, von dem auch der Staatschef keine Ausnahme für den Eurovision Song Contest 2017 machen wollte, wodurch dem Sender die Hände gebunden waren. Alasania, der die Höhe der von der EBU verhängten Geldstrafe auf 200.000 € bezifferte, meinte mokant, er glaube allerdings nicht, dass die Regierung die Forderung der EBU begleichen werde. Das scheint noch ein lustiges Hauen und Stechen zu werden: erst letzte Woche hatte Alasania durchblicken lassen, dass sein Sender eine schweizerische Anwaltsfirma eingeschaltet habe, weil die EBU eine dort für den ESC 2017 hinterlegte Sicherheit in Höhe von 15 Millionen € eingefroren habe. Ob ein Zusammenhang mit der heute angekündigten Geldstrafe besteht, ist bis dato unklar. Der Verlautbarung der EBU von heute Vormittag zufolge basiere die Buße allerdings auch auf dem organisatorischen Chaos, das UA:PBC bei der Vorbereitung des Eurovision Song Contest 2017 angerichtet hatte und das der „Reputation“ des Wettbewerbs abträglich gewesen sei. Holt schon mal das Popcorn raus: da dürfte wohl noch ein wenig gefeilscht werden zwischen Kiew und Genf…

Wird sich noch eine Zeit lang hinziehen: das Drama ums Juliagate

Geld heilt alle Wunden: die EBU legt Juliagate ad acta

Wie der Nachrichtendienst Reuters heute Vormittag meldete, wolle die EBU die gastgebende TV-Anstalt des Eurovision Song Contest 2017 aufgrund der massiven Verzögerungen bei der Vorbereitung des Events und des „unkooperativen Verhaltens“ der Ukraine im Zusammenhang mit dem Bann der russischen Vertreterin Julia Samoylova mit einer Geldstrafe belegen. Die Krise um die monatelangen Verspätungen bei der Organisation, die ein Einschreiten der Genfer und die Entsendung eines Rettungsteams rund um den schwedischen Melodifestivalen-Impresario Christer Björkman (→ SE 1992) notwendig machte, und das Drama um Juliagate hätten die mediale Aufmerksamkeit überlagert und die „Reputation der Marke Eurovision Song Contest gefährdet,“ so die EBU in einer Erklärung. „Daher schlägt der Lenkungsausschuss in Übereinstimmung mit den Wettbewerbsregeln vor, dass UA:PBC eine empfindliche Geldstrafe erhält“. Die ursprünglich mal ins Gespräch gebrachte Eurovisionssperre für die Ukraine ist damit wohl vom Tisch. Über die Höhe der Buße schwieg sich die EBU indes wie immer aus [Nachtrag: laut UA:PBC beläuft sich die Strafe auf 200.000 €]. Das von russischer Seite sehr offensichtlich in provokativer Absicht inszenierte Juliagate hat für den sowjetischen Staatssender unterdessen keine Konsequenzen: gegenüber dem Perwy Kanal sprach man nach einer Meldung von Eurovoix lediglich einen „Tadel“ aus, weil dieser nicht an den Vorbereitungstreffen für Kiew teilnahm. Durch die Verknüpfung der Geldstrafe mit den unbestreitbaren, massiven Organisationsmängeln der ukrainischen Sendeanstalt UA:PBC kann diese sich kaum gegen die Sanktion wehren [Nachtrag: anscheinend doch]. Damit geht man in Genf mal wieder den Weg des geringsten Widerstands: von den unbedingt notwendigen Anpassungen der Wettbewerbsregeln an die veränderte politische Weltlage war jedenfalls keine Rede, ebenso wenig wie von der Mitverantwortung der EBU für das Desaster um den bewusst kalkulierten Ausschluss der russischen Rollstuhlfahrerin aufgrund ihres Krim-Auftrittes, obwohl sich ein solcher Clash bereits frühzeitig angekündigt hatte, ohne dass man hierauf irgendwie reagierte.

Ist laut dem russischen Sender jetzt für 2018 gesetzt: Julia Samoylova (RU)

 

Die Jury: Power to all my Friends?

Langjährige Leser/innen dieses Blogs werden mit meiner beinahe schon ans Pathologische grenzenden Ablehnung der Jury beim Eurovision Song Contest vertraut sein. Doch bekanntlich ist der Kopf rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Portugiesen Salvador Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neues Licht auf die Frage, ob die Institution in einem gewissen, streng abgegrenzten Rahmen nicht sogar doch ihre Berechtigung haben könnte: bei den nationalen Vorentscheiden nämlich! Man mag es sich kaum ausmalen, aber Europa hätte den wunderbar verschrobenen Jazz-Schlumpf aus Lissabon niemals kennengelernt (und Portugal, das aufgrund seiner chronisch schlechten Ergebnisse erst 2016 eine einjährige Schmollpause einlegte, vermutlich weitere 53 Jahre auf seinen ersten Eurovisionssieg gewartet), wäre es nach dem Willen des heimischen Publikums gegangen. Das nämlich zog sowohl im ersten Semi als auch im Finale des dortigen Vorentscheids Festival da Cançāo das schauderhaft anzuschauende und anzuhörende Trio Viva la Diva mit dem rundweg brechreizerregenden Popera-Titel ‚Nova Glória‘ dem so sanften wie bezaubernden Liebessehnen Salvadors vor, was einen ein wenig an der geistigen, vollends aber an der geschmacklichen Zurechnungsfähigkeit der Portugiesen zweifeln lässt. Nur das beherzte Eingreifen der Juroren, welche den entsetzlichen Diva-Driss vorsichtshalber auf den fünften Platz abwerteten, sicherte den Gesamtsieg Sobrals und muss im Hinblick auf das Endergebnis als die glücklichste Entscheidung bezeichnet werden, die jenes Organ jemals fällte.

Ist uns gerade nochmal erspart geblieben, und den Portugiesen damit ein erneutes Ausscheiden im Semi: Viva la Diva. Danke, Jury!

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Zeitungsbericht von 1956: Lys Assia gewann mit 102 Punkten

Wie die Fan-Seite Eurofestival Italia in dieser Woche enthüllte, soll es sich bei dem ersten Grand-Prix-Sieg in der mehr als sechzigjährigen Geschichte des Wettbewerbs um einen sehr eindeutigen gehandelt haben. Einer der Fan-Seite zufolge aus einem Archiv ausgegrabenen Besprechung des Premieren-Wettbewerbs im schweizerischen Lugano in der Tageszeitung La Stampa vom 25. Mai 1956 zufolge konnte Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958) für ihr Lied ‚Refrain‘ 102 Punkte auf sich vereinen. Bislang wusste man lediglich, dass die Jurys sie zur Siegerin gekürt hatten, danach aber alle Stimmzettel vernichteten, so dass kein genaueres Ergebnis bekannt war. Bis auf kurze Ausschnitte aus der Siegerreprise besteht auch keine Bildaufzeichnung des Ereignisses. Da bei der ersten Ausgabe des Wettbewerbs nur sieben Länder mitmachten, die jeweils zwei Juroren entsandten, die wiederum jedem Lied zwischen einem und zehn Punkten geben durften – und das nach herrschender Lehre seinerzeit noch unter Einschluss des eigenen Landes, – läge die rechnerisch maximal zu erreichende Zahl an Punkten für jeden Song des 1956er Jahrgangs bei 140. Die helvetische Chanteuse hätte damit 72,9% des Potentials ausgeschöpft. Zum Vergleich: der aktuelle Gewinner von 2017Salvador Sobral, erhielt 758 von 984 maximal möglichen Punkten (41 abstimmungsberechtigte Länder [ohne das eigene] mal 12 Punkte Höchstwertung mal 2 [Jury plus Televoting]) oder 77%. Das Ergebnis deckt sich mit den Beobachtungen des Reporters, der nach Lys‘ Auftritt „nicht enden wollenden Applaus“ im Theatro Kursaal notierte, während er beispielsweise für die beiden deutschen Beiträge von Walter Andreas Schwarz und Freddy Quinn nur „Applausi discreti“ vermerkt. Die französische Chansonsängerin Mathé Altéry habe für ‚Les Temps perdu‘ sogar nur „Höflichkeitsbeifall“ erhalten, so der namentlich nicht genannte Reporter. Zu den restlichen Platzierungen oder Punkten kann aber auch dieses Fundstück nichts beitragen – die gab man seinerzeit schlichtweg nicht bekannt.

Lys Assia vor 102 Blumen bei der Siegerreprise von ‚Refrain‘

Chart-Watch: Blanche ist nicht alone in the Danger Zone

Fünf der sechsundzwanzig Finaltitel des Eurovision Song Contest 2017 haben es in die am gestrigen Freitagabend offiziell veröffentlichten deutschen Single-Top-100 geschafft. Den höchsten Einstieg konnte die Belgierin Blanche mit ‚City Lights‘ auf Rang 38 verzeichnen, erstaunlicherweise gefolgt vom nach üblichen Maßstäben nicht sehr hitverdächtigen Siegertitel ‚Amar pelos Dois‘ von Salvador Sobral, der auf Platz 43 notiert und damit doch ein paar Verkäufe (sprich: bezahlte Downloads oder Streams) generiert haben muss. Während der in Kiew zweitplatzierte Bulgare Kristian Kostov leer ausging, zogen die Bronzemedaillengewinner vom SunStroke Project mit ‚Hey Mamma!‘ auf Platz 52 in die deutschen Top 100 ein. Ihre rumänischen Kollegen Ilinca und Alex Florea folgen sehr viel tiefer auf Rang 93. Dazwischen reichte es für die mit dem vorletzten Platz heimgekehrte deutsche Vertreterin Levina Lueen, die bereits nach dem heimischen Vorentscheid Unser Song 2017 für genau eine Woche auf Platz 28 in die Charts einzog, zu einer kurzen Rückkehr auf Rang 88. Gibt es so etwas wie Mitleidskäufe? Keine Notierung war hingegen für den im Vorfeld des Wettbewerbs lange Zeit als klarer Sieger vorhergesagten Italiener Francesco Gabbani und sein ‚Occidentali’s Karma‘ zu verzeichnen, das viele bereits als europäischen Sommerhit 2017 gehandelt hatten. Sein Auftritt im ARD-Morgenmagazin Anfang dieser Woche mit einer entkoffeinierten, von ihm selbst am Klavier begleiteten Unplugged-Version dürfte da vermutlich auch nichts mehr retten: in den Tiefschlaf geklimperte Menschen kaufen keine Musikstücke! In den Mid-Week-Charts lagen die fünf Eurovisionstitel übrigens jeweils um einiges höher, woraus sich schließen lässt, dass es sich – wie schon in den vergangenen Jahren – nur um ein kurzes Strohfeuer handelt, also einmalige Käufe direkt im Anschluss an die TV-Show vergangenen Samstag, und dass die Hitparade nächste Woche bereits wieder bereinigt sein dürfte von allen Grand-Prix-Einflüssen. Am meisten profitierte indes die deutsche Schlagerkönigin Helene Fischer vom ESC: die im wie immer völlig unsäglichen Grand-Prix-Rahmenprogramm des Ersten vorgestellten drei Lieder aus ihrem neuen Album stiegen allesamt hoch ein, der Titel ‚Herzbeben‘ sogar auf Rang 18. Und zum Schluss noch ein kurzer Blick zu den Nachbarn: der österreichische Charmer Nathan Trent schaffte es im Heimatland auf Rang 72 der Charts, die schweizerische Band Timebelle zu Hause auf Platz 80.

Hat noch am ehesten Chancen auf ein Crossover ins echte Pop-Leben: Blanche (BE)

Alex Florea bezichtigt Salvador Sobral des „Theaterspiels“

Nach dem Schweden Robin Bengtsson hat sich nun auch der rumänische Rapper Alex Florea (‚Yodel it!‘) kritisch über den am vergangenen Samstag siegreichen Portugiesen Salvador Sobral geäußert. Wie Wiwibloggs rapportiert, äußerte er heute früh in einem live ausgestrahlten Video-Interview mit der rumänischen Tageszeitung Adevarul Zweifel an den gesundheitlichen Problemen des schlumpfigen Hipsters und verbreitete die Theorie, es handele sich dabei um Mitleids-„Marketing“, wie es in Castingshows an der Tagesordnung sei: „Seine Hintergrundstory funktionierte, das Publikum hat es geschluckt,“ so Florea. Sobral war auf Anraten seiner Ärzte erst später als seine Konkurrent/innen nach Kiew angereist und etlichen Proben ferngeblieben, in den Medien machten (von einigen Kommentatoren offensichtlich weiterverbreitete) Gerüchte über eine lebensbedrohliche Herzerkrankung die Runde, die sein Management allerdings strikt zurückwies. Auf Anfragen besorgter Schwurnalisten in den Pressekonferenzen in Kiew räumte Salvador allerdings gesundheitliche Probleme ein. Der rumänische Bad Boy kaufte ihm das aber nicht ab: „Salvador hat keine Herzprobleme, bei ihm stimmt etwas im Kopf nicht“. Er sei von seinem „billigen Theater“ angewidert, deswegen reagiere er so zynisch: „Ich habe in Castingshows auch schon Probleme gehabt, aber nie zu solchen Taktiken gegriffen, um zu gewinnen,“ so der Rumäne, der Sobral jedoch zumindest zugestand, dass sein Song „exzellent“ gewesen sei. Floreas jodelnde Duettpartnerin Illinca Băcilă zeigte sich im gleichen Interview dagegen „glücklich“ über den Sieg des Portugiesen: „Was Salvador tat, kann man als Kunst begreifen, daher herzlichen Glückwunsch zum Erfolg“! Sie gratulierte außerdem dem SunStroke Project aus dem Nachbarland Moldawien, das für die Bronzemedaille beim Contest, das beste Ergebnis des Balkanlandes bisher, vom heimischen Ministerpräsidenten Igor Dodon nach Bericht von Eurovoix sogar eine staatliche Auszeichnung erhalten soll: „Eine superbe Show“! Der rumänische Jodel-Rap landete beim Publikum auf dem fünften Rang, wurde von den Jurys aber auf den siebten Platz abgewertet.

Schießt mit Kanonen auf Spatzen: Alex Florea (RO)