Bizarr: Eurovisionsfans im Visier des digitalen Info-Krieges?

Wie das Heise-Online-Magazin Telepolis unter Bezugnahme auf eine Meldung der britischen Tageszeitung Guardian berichtet, soll die britische Regierung die PR-Agentur Saatchi beauftragt haben, mit gezielten Kampagnen in den sozialen Medien das Ansehen der Ukraine bei Fans des Eurovision Song Contest positiv zu beeinflussen. Dies sei Teil einer großangelegten Offensive, mit welcher die Regierung des Inselstaates im sogenannten Info-Krieg zwischen Russland und dem Ausrichterland der europäischen Gesangsfestspiele von 2017 der Ukraine beistehen will. Die Firma Saatchi, die zuletzt Wahlkampagnen für die konservativen Torys gefahren habe, soll nach Angaben des Guardian hierfür rund 100.000 £ bekommen (was natürlich die Frage aufwirft, ob man das Geld nicht sinnvoller für einen gescheiten britischen Eurovisionsbeitrag verwenden könnte). Erheblich höhere Mittel gebe man für die Beratung der Regierung in Kiew in PR-Fragen, Programme für die russischsprachigen Minderheiten in den Staaten des Baltikums oder zur Untersuchung des Einflusses des kremltreuen Senders Russia Today auf westeuropäische Mediennutzer/innen aus. Die benötigten Gelder stammen der Zeitung zufolge aus dem Topf des britischen Konflikt-, Stabilitäts- und Sicherheitsfonds CSSF, die Regierung betrachte dies als „Antwort auf die zunehmenden Infowar-Kampagnen, mit denen von Russland gesteuerte Medien angeblich versucht haben, das EU-Referendum wie auch die Wahlen in den USA, Frankreich und Deutschland zu beeinflussen,“ so der Guardian. Wie Telepolis ergänzt, bestünden ähnliche Programme bereits seit einigen Jahren innerhalb der EU. Auch deutsche Universitäten und der Auslandssender Deutsche Welle seien an diversen Medienprojekten in der oder für die Ukraine beteiligt, die sich spezifisch mit russischen Desinformationskampagnen beschäftigen. Ein gezielt auf Grand-Prix-Fans maßgeschneidertes Programm scheint jedoch neu zu sein. Wie dies im Einzelnen aussehen soll und ob das Budget ausreicht, um Eurovisions-Ikonen wie Lys Assia, Carola oder Loreen als Testimonial zu engagieren, darüber war leider nichts zu erfahren. Andererseits: Ruslana macht das bestimmt gerne kostenlos!

Auch das einstmals britisch besetzte Malta versuchte sich schon an subtilen Botschaften im Info-Krieg mit Russland.

Kein Kosovo in Lissabon – und wohl auch kein Siegel

Wie esctoday heute berichtet, wird – entgegen aller Fan-Spekulationen – das Kosovo 2018 nicht beim Eurovision Song Contest debütieren. Der Sender der abtrünnigen ehemals serbischen Republik, RTK, erfülle nicht die Voraussetzungen einer Voll- oder assoziierten Mitgliedschaft bei der Europäischen Rundfunkunion (EBU) und könne daher nicht am gemeinsamen Gesangswettbewerb teilnehmen, wie die Genfer Organisation auf Nachfrage sagte. RTK hatte sich hingegen Hoffnungen gemacht: „Letztes Jahr stellte uns die Reference Group in Aussicht, dass das Kosovo am ESC teilnehmen könne, wenn das Gastgeberland die Unabhängigkeit des Kosovos anerkennt,“ behauptet der Generaldirektor des von den Genfern bei seinem Aufbau technisch und mit Know-How unterstützten Senders, Mentor Shala, gegenüber dem niederländischen Grand-Prix-Nachrichtenportal. Da die Portugiesen dies (wie übrigens auch die deutsche Regierung) – im Gegensatz zur Ukraine – tun, sei man „sicher gewesen“, in Lissabon dabei sein zu dürfen. Um so mehr habe RTK die Absage der EBU auf den entsprechenden Antrag der umstrittenen De-facto-Republik erstaunt, die sich daraus herleite, dass das für etliche Serb/innen emotional untrennbar mit ihrer Geschichte verknüpfte Gebiet kein Mitglied der Vereinten Nationen sei. „Das ist ein absurder Grund, wenn man bedenkt, dass das Kosovo in Weltorganisationen aufgenommen wurde wie die UEFA, die FIFA, den IWF, das IOC, die Weltbank etc.,“ so Shala weiter. Was allerdings fehlt, ist die Mitgliedschaft in der Internationalen Fernmeldeunion ITU, die eben wiederum eine Aufnahme in die Vereinten Nationen oder das Europäische Konzil voraussetzt, und die ihrerseits unabdingbar für die EBU-Membership-Card ist. Shalas verzweifelter Appell „wir wollen doch bloß beim ESC singen!“ könnte aber vielleicht dennoch irgendwann noch Gehör finden: der Eurovisions-Lenkungsausschuss der EBU, die Reference Group, dürfe „im Einzelfall Ausnahmen“ machen, wie die Genfer selbst bestätigen und wie sie es seit drei Jahren mit der „Einladung“ Australiens regelmäßig unter Beweis stellen. Tja, die Büchse der Pandora… Der Aussie-Sender SBS ist allerdings assoziiertes Mitglied der Europäischen Senderunion, die Nation als solche unumstritten. Für 2018 jedenfalls sei die Teilnahme des Kosovo am Eurovision Song Contest definitiv ausgeschlossen, wie die EBU gegenüber esctoday am Nachmittag nochmals klar stellte.

Mit Rona Nishliu nahm 2012 bereits eine im Kosovo geborene Sängerin am Eurovision Song Contest teil – allerdings für Albanien. Die ethnischen Skipetaren stellen heute im Kosovo mit 90% Anteil die Bevölkerungsmehrheit.

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ARD-Chef Herres will den ESC nicht gewinnen

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: die ARD zielt (wie so viele andere europäische TV-Stationen auch) beim Eurovision Song Contest nicht auf einen Sieg ab. Dies bestätigte Volker Herres, der unlängst für weitere drei Jahre in seinem Amt bestätigte Programmdirektor des Senderverbundes gerade erst: „Ganz ehrlich gesagt will ich in meiner Amtszeit gar nicht so unbedingt noch mal gewinnen, denn dann ist man im nächsten Jahr Gastgeber, und das ist teuer,“ sagte er nach einer Meldung des Medienmagazins DWDL diese Woche der Süddeutschen Zeitung. Laut DWDL sei die Äußerung im (kostenpflichtigen) SZ-Interview mit einem „Augenzwinkern“ gefallen, wobei die deutsche Grand-Prix-Bilanz der letzten Jahre doch eher für die Annahme spricht, dass Herres kleiner Scherz so ironisch nicht gemeint war. Die Verantwortung für das miserable Abschneiden seines Senders beim europäischen Wettsingen sieht der Programmchef in guter alter ARD-Tradition natürlich nicht bei der TV-Station, den unnötig komplizierten und teils chaotischen Vorentscheidungsverfahren oder der notorisch falschen Songauswahlstrategie mit ihrer halsstarrigen Fokussierung auf seichten Radiopop, der niemandem wehtut und niemanden zum Anrufen verleitet, sondern im Bereich Human Resources: es sei „offenbar schwer geworden, Künstler zu finden, die europäisch überzeugen,“ so Herres gegenüber der SZ. Kein Wunder, möchte man da rufen, angesichts des Umgangs der Hamburger mit dem Sangespersonal – erinnert sei nur an die mediale Kreuzigung des intern ausgewählten Xavier Naidoo, an der NDR-Mitarbeiter/innen einen erheblichen Anteil hatten, oder an die Klage von Ann-Sophie Dürmeyer, sie sei vom Sender nach ihren → Nul Points in Wien fallen gelassen worden wie eine heiße Kartoffel. Auch die letzte Vertreterin Levina Lueen schickte die ARD mit einem schwachen Song sehenden Auges ins Verderben. Dass da etablierte Stars mit internationalem Appeal nicht unbedingt vor dem Hamburger Funkhaus Schlange stehen, um die heimische Flagge verteidigen zu dürfen, leuchtet ein. Und dass ein Sender, der öffentlich bekennt, zu einem Wettbewerb anzutreten, ohne diesen gewinnen zu wollen, nicht gerade Siegertypen anzieht, auch. Wehmütig denkt man da zurück an lange vergangene Zeiten, als ein Stefan Raab (→ DE 2000) von der Findung des deutschen Repräsentanten als eine „Aufgabe von nationaler Tragweite“ sprach – und mit Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) prompt die noch immer auf dem heimischen Grand-Prix-Thron residierende Königin fand. Es muss sich aus ARD-Sicht hierbei wohl um ein einmaligen Ausrutscher gehandelt haben, der sich nie mehr wiederholen darf…

Nein, ich will den Raab nicht zurück beim deutschen Vorentscheid. Aber ein bisschen mehr von seiner „fast schon erotischen“ Leidenschaft für den Wettbewerb seitens der ARD würde ich mir schon wünschen.

Wie denkst Du über die Äußerung von Volker Herres, er wolle des ESC nicht gewinnen?

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EBU lanciert asiatischen ESC-Ableger

Die European Broadcasting Union (EBU), Veranstalterin des Eurovision Song Contest, befindet sich offensichtlich auf geradezu zwanghaftem Expansionskurs: neben dem 2003 ins Leben gerufenen und nach anfänglichem Schlingerkurs mittlerweile stabil laufenden Kinderableger, dem Junior-ESC (an welchem sich das deutsche Fernsehen nicht beteiligt), den im jeweiligen zweijährlichen Wechsel stattfindenden und von der Öffentlichkeit wenig beachteten Wettbewerben für junge Tänzer/innen bzw. Musiker/innen sowie dem gerade erst im Juli diesen Jahres vom Stapel gelaufenen Chöre-Wettsingen Eurovision Choir of the Year wollen die Genfer ihr Portfolio nun auch um den etwas stolprig betitelten Eurovision Asia Song Contest erweitern. An dem sollen sich bis zu 20 Länder aus dem asiatisch-pazifischen Raum beteiligen dürfen, wie die heute lancierte offizielle Website informiert. Und die Nachfrage besteht dort durchaus: so meldeten in den vergangenen Jahren bekanntlich sowohl China als auch das bislang bei der Türkvizyon sehr erfolgreiche Kasachstan ihren festen Willen zum Mittun am ESC an, was bekanntlich nicht bei allen westeuropäischen Fans auf Gegenliebe stößt, steht doch eine immer stärkere Verwässerung der identitätsstiftenden Funktion des Musikspektakels für den politisch ohnehin schon bröckelnden Kontinent zu befürchten. Mit der Installierung des Eurovision Asia Song Contests schlägt die EBU zwei Fliegen mit einer Klappe: sie kann diese Länder elegant vom europäischen Wettbewerb fernhalten und verfügt sogleich über potentielle starke Zugpferde (sowie Zuschauer/innen en masse) für die neue Show, an welcher auch Japan und Südkorea Interesse bekundet haben. „Mit seinen brillanten Popstars, seiner glamourösen Mode und der absoluten Leidenschaft für Popmusik sind Asien und die Eurovision wie füreinander geschaffen,“ so schmiert eurovisionasia.tv den Adressaten denn auch gleich Honig uns Maul. Als mögliche Austragungsstädte für die Premiere sind Hongkong, Singapur und Sydney im Gespräch. Weitere Details sind derzeit nicht zu erfahren, man befinde sich noch „in der Entwicklung“ – vor 2018 dürfte der neue Event, der sich inhaltlich und organisatorisch nicht von seinem europäischen Vorbild unterscheiden soll, also kaum über die Bühne gehen. Das einzig Traurige: da Eurofire zufolge der australische Sender SBS bei der Eurovision Asia das Heft in der Hand hält, dürfte uns das seit 2015 regelmäßig auf „Einladung“ der EBU am Eurovision Song Contest teilnehmende Down Under, das mit seinen qualitativ hochwertigen Wettbewerbsbeiträgen die Latte für alle ein wenig höher gelegt hat, vermutlich wieder flöten gehen. Schade! [Nachtrag 24.08.2017]: Wie heute gemeldet wurde, nimmt der australische Sender SBS auch 2018 am Eurovision Song Contest in Lissabon teil.

Tschüss, Dami Im (AU 2016): Dein Auftrittsrahmen dürfte wohl künftig beim Asia-Ableger liegen.

Österreich will keine großen Töchter: Conchita Wurst ausgebuht

Wie das Gratisblatt heute berichtet, musste sich die Siegerin des Eurovision Song Contest 2014, Conchita Wurst, bei einem Auftritt im Rahmenprogramm der Beachvolleyball-WM auf der Wiener Donauinsel am vergangenen Samstag neben Applaus auch deutliche Buhrufe gefallen lassen, als sie die Nationalhymne des Alpenstaates in der seit fünf Jahren gültigen, gendergerechten Fassung sang: einstmals ausschließlich die „Heimat großer Söhne“, finden in der seit dem 1. Januar 2012 offiziell verabschiedeten aktuellen Version nun auch die „Töchter“ des Landes Erwähnung, was viele Traditionalisten auch heute noch immer in Wallung zu bringen scheint. Und obwohl selbst der bislang eher durch eine extrem konservative Weltsicht aufgefallene Volksmusik-Kotzbrocken Andreas Gabalier, der in der Vergangenheit seine Fans noch aufgefordert hatte, die Hymne stets in der alten Fassung zu singen, seit den derzeitigen Erfolgen der österreichischen Fußballfrauen bei der EM konzediert: „Heimat seid’s ihr großer Töchter. Des muass ma jetzt wirklich amol sogn,“ lehne nach einer von heute passend zum Vorfall zitierten aktuellen Meinungsumfrage eine Mehrheit von 55% der Alpenländler/innen das Gendern in der Sprache ab – acht Prozentpunkte mehr als noch 2014. Selbst unter den repräsentativ befragten Frauen wollen 47% im Sprachgebrauch lieber unsichtbar bleiben. Man kann sich schon des Eindrucks nicht erwehren, dass die heimischen Alpen – so landschaftlich reizvoll sie auch sein mögen – ihren Bewohner/innen auch den geistigen Horizont verstellen…

Die heldinnenhafte Conchita.

Not good to be back: Ukraine ermittelt gegen Scooter

Die deutschen Techno-Veteranen Scooter (→ Vorentscheid DE 2004) sind nach einem Auftritt auf der Krim in das Visier der ukrainischen Ermittlungsbehörden geraten. Die Band spielte, wie bereits im Juni diesen Jahres angekündigt, am vergangenen Freitag beim ZB-Festival in der Nähe von Sewastopol vor begeisterten Fans, was in der Ukraine auf wenig Gegenliebe stieß. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, bezeichnete der Botschafter des Landes, Andrej Melnyk, die aus Sicht des Landes „illegale“ Einreise auf die seit 2014 von Russland annektierte Krim als „Verbrechen mit schwerwiegenden rechtlichen Folgen: Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine gravierende Straftat, die weltweit geahndet wird“. Man wolle daher die deutschen Behörden im Wege der Amtshilfe bitten, Frontmann H.P. Baxxter zu dem Vorfall zu vernehmen. Es drohten, wie schon bei der russischen Vertreterin beim diesjährigen Eurovision Song Contest, Julia Samoylova, ein Einreiseverbot in die Ukraine sowie – bei einem Verstoß der Band hiergegen – bis zu acht Jahren Haft. Zudem habe Melnyk (und hier wird es irgendwie putzig) die Macher der RTL-Show Deutschland sucht den Superstar gebeten, Baxxter aus der Jury zu entfernen, weil er vorsätzlich gegen die Gesetze eines anderen Landes verstoßen habe. Die sich selbst als „unpolitisch“ verstehende ‚Harder! Faster! Louder!‘-Kapelle hatte trotz vorheriger Warnungen seitens der Ukraine im Vorfeld an ihrem Gig festgehalten: „Wir sehen das als rein musikalischen Event, wir spielen für unsere Fans,“ sagten sie bereits im Juni diesen Jahres auf entsprechende Kritik.

Dürften nach den neuesten Regeländerungen nun nicht mehr beim ESC antreten, falls dieser mal wieder in der Ukraine stattfände: Scooter mit ihrem damaligen Vorentscheidungsbeitrag.

Grüße aus dem Sommerloch: Tony Marshall will zum ESC

Alljährlich kommen sie zur nachrichtenarmen Zeit unter ihren Steinen hervorgekrochen, die Untoten des Schlagergeschäfts, denen sich sonst kaum noch eine Bühne bietet, und geben eine so aussichtslose wie öffentliche Bewerbung für den Eurovision Song Contest ab. Nun reiht sich auch Tony Marshall in diese Armee der Verzweifelten ein und bringt sich in Deutschlands widerlichstem Schundblatt, der Bild, in Position: „In den vergangenen Jahren haben wir uns nur blamiert. Zwölf Punkte kennen wir gar nicht mehr. Beim ESC geht es um das Lied. Darauf sollten wir uns besinnen,“ so vertraut er der Springer-Gazette sein Geheimrezept für einen Grand-Prix-Erfolg an. Als Referenz muss seine Teilnahme am deutschen Eurovisionsvorentscheid von 1976 herhalten, wo er mit dem tatsächlich herausragenden, selbstbezüglichen Chanson ‚Der Star‘, dem einzigen erträglichen Song seines umfangreichen Portfolios, die Postkartenabstimmung haushoch gewann – um dann schnöde besiegelt zu werden: nach einem *hüstel* anonymen Hinweis aus dem Konkurrentenkreis, dass sein Lied bereits vor der offiziellen Vorentscheidung von einer Tingeltangelsängerin in einem bayerischen Bierzelt vor Publikum gesungen wurde, musste die ARD den Beitrag disqualifizieren, es rückten die Les Humphries Singers mit dem ersten aus einer langen Reihe von deutschen Grand-Prix-Schlagern aus der Feder von Ralph Siegel nach. Ein Erlebnis, das Marshalls Kollegin Corinna May fast ein Vierteljahrhundert später exakt so ebenfalls durchleiden musste und das den Stimmungssänger (‚Schöne Maid‘) anscheinend nachhaltig verbitterte: „Das war für mich eine Riesen-Enttäuschung,“ klagt er noch mehr als vierzig Jahre später. Mit Riesen-Enttäuschungen dürfte sich der ausgebildete Opernsänger, der seit Anbeginn seiner Schlagerkarriere stets mit dem selben räudigen Minipli auftritt, gut auskennen: zuletzt lamentierte er im Mai diesen Jahres darüber, dass er seine neueste Single nicht im ZDF-Fernsehgarten vorstellen durfte. Was der Mainzer Sender offiziell damit begründete, seine „Musikfarbe“ passe nicht in das *hüstel* „internationale und poppige“ Format der sommersonntäglichen Rentner/innensedierung – fadenscheiniger kann man das „wir wollen Dich nicht“ wohl kaum bemänteln. Von Seiten des NDR gab es auf die jüngste Eurovisionsbewerbung bislang noch keine Reaktion. Und dabei dürfte es wohl auch bleiben…

Wir waren mal Stars / die Karriere ist vorbei: Tony Marshall mit seinem Vorentscheidungsbeitrag von 1976.

Juliagate: Ukraine will Einspruch gegen Geldstrafe einlegen

Die öffentlich-rechtliche ukrainische Rundfunkanstalt UA:PBC will Einspruch gegen die heute von der EBU wegen des Juliagates verhängte Geldstrafe einlegen, wie der Intendant Zurab Alasania gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte: „Formell gesehen haben nicht wir die Entscheidung getroffen, sie [Julia Samoylova] nicht zuzulassen“. Da hat er nicht ganz Unrecht: der faktische Ausschluss der russischen Repräsentantin basierte auf der Entscheidung des ukrainischen Geheimdienstes, der aufgrund eines Krim-Auftritts der Sängerin in Übereinstimmung mit geltenden ukrainischen Gesetzen ein dreijähriges Einreiseverbot verhängte, von dem auch der Staatschef keine Ausnahme für den Eurovision Song Contest 2017 machen wollte, wodurch dem Sender die Hände gebunden waren. Alasania, der die Höhe der von der EBU verhängten Geldstrafe auf 200.000 € bezifferte, meinte mokant, er glaube allerdings nicht, dass die Regierung die Forderung der EBU begleichen werde. Das scheint noch ein lustiges Hauen und Stechen zu werden: erst letzte Woche hatte Alasania durchblicken lassen, dass sein Sender eine schweizerische Anwaltsfirma eingeschaltet habe, weil die EBU eine dort für den ESC 2017 hinterlegte Sicherheit in Höhe von 15 Millionen € eingefroren habe. Ob ein Zusammenhang mit der heute angekündigten Geldstrafe besteht, ist bis dato unklar. Der Verlautbarung der EBU von heute Vormittag zufolge basiere die Buße allerdings auch auf dem organisatorischen Chaos, das UA:PBC bei der Vorbereitung des Eurovision Song Contest 2017 angerichtet hatte und das der „Reputation“ des Wettbewerbs abträglich gewesen sei. Holt schon mal das Popcorn raus: da dürfte wohl noch ein wenig gefeilscht werden zwischen Kiew und Genf…

Wird sich noch eine Zeit lang hinziehen: das Drama ums Juliagate

Geld heilt alle Wunden: die EBU legt Juliagate ad acta

Wie der Nachrichtendienst Reuters heute Vormittag meldete, wolle die EBU die gastgebende TV-Anstalt des Eurovision Song Contest 2017 aufgrund der massiven Verzögerungen bei der Vorbereitung des Events und des „unkooperativen Verhaltens“ der Ukraine im Zusammenhang mit dem Bann der russischen Vertreterin Julia Samoylova mit einer Geldstrafe belegen. Die Krise um die monatelangen Verspätungen bei der Organisation, die ein Einschreiten der Genfer und die Entsendung eines Rettungsteams rund um den schwedischen Melodifestivalen-Impresario Christer Björkman (→ SE 1992) notwendig machte, und das Drama um Juliagate hätten die mediale Aufmerksamkeit überlagert und die „Reputation der Marke Eurovision Song Contest gefährdet,“ so die EBU in einer Erklärung. „Daher schlägt der Lenkungsausschuss in Übereinstimmung mit den Wettbewerbsregeln vor, dass UA:PBC eine empfindliche Geldstrafe erhält“. Die ursprünglich mal ins Gespräch gebrachte Eurovisionssperre für die Ukraine ist damit wohl vom Tisch. Über die Höhe der Buße schwieg sich die EBU indes wie immer aus [Nachtrag: laut UA:PBC beläuft sich die Strafe auf 200.000 €]. Das von russischer Seite sehr offensichtlich in provokativer Absicht inszenierte Juliagate hat für den sowjetischen Staatssender unterdessen keine Konsequenzen: gegenüber dem Perwy Kanal sprach man nach einer Meldung von Eurovoix lediglich einen „Tadel“ aus, weil dieser nicht an den Vorbereitungstreffen für Kiew teilnahm. Durch die Verknüpfung der Geldstrafe mit den unbestreitbaren, massiven Organisationsmängeln der ukrainischen Sendeanstalt UA:PBC kann diese sich kaum gegen die Sanktion wehren [Nachtrag: anscheinend doch]. Damit geht man in Genf mal wieder den Weg des geringsten Widerstands: von den unbedingt notwendigen Anpassungen der Wettbewerbsregeln an die veränderte politische Weltlage war jedenfalls keine Rede, ebenso wenig wie von der Mitverantwortung der EBU für das Desaster um den bewusst kalkulierten Ausschluss der russischen Rollstuhlfahrerin aufgrund ihres Krim-Auftrittes, obwohl sich ein solcher Clash bereits frühzeitig angekündigt hatte, ohne dass man hierauf irgendwie reagierte.

Ist laut dem russischen Sender jetzt für 2018 gesetzt: Julia Samoylova (RU)

 

Die Jury: Power to all my Friends?

Langjährige Leser/innen dieses Blogs werden mit meiner beinahe schon ans Pathologische grenzenden Ablehnung der Jury beim Eurovision Song Contest vertraut sein. Doch bekanntlich ist der Kopf rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Portugiesen Salvador Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neues Licht auf die Frage, ob die Institution in einem gewissen, streng abgegrenzten Rahmen nicht sogar doch ihre Berechtigung haben könnte: bei den nationalen Vorentscheiden nämlich! Man mag es sich kaum ausmalen, aber Europa hätte den wunderbar verschrobenen Jazz-Schlumpf aus Lissabon niemals kennengelernt (und Portugal, das aufgrund seiner chronisch schlechten Ergebnisse erst 2016 eine einjährige Schmollpause einlegte, vermutlich weitere 53 Jahre auf seinen ersten Eurovisionssieg gewartet), wäre es nach dem Willen des heimischen Publikums gegangen. Das nämlich zog sowohl im ersten Semi als auch im Finale des dortigen Vorentscheids Festival da Cançāo das schauderhaft anzuschauende und anzuhörende Trio Viva la Diva mit dem rundweg brechreizerregenden Popera-Titel ‚Nova Glória‘ dem so sanften wie bezaubernden Liebessehnen Salvadors vor, was einen ein wenig an der geistigen, vollends aber an der geschmacklichen Zurechnungsfähigkeit der Portugiesen zweifeln lässt. Nur das beherzte Eingreifen der Juroren, welche den entsetzlichen Diva-Driss vorsichtshalber auf den fünften Platz abwerteten, sicherte den Gesamtsieg Sobrals und muss im Hinblick auf das Endergebnis als die glücklichste Entscheidung bezeichnet werden, die jenes Organ jemals fällte.

Ist uns gerade nochmal erspart geblieben, und den Portugiesen damit ein erneutes Ausscheiden im Semi: Viva la Diva. Danke, Jury!

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