Die Schweiz melodifestivalisiert ihren Vorentscheid

Es stand zu erwarten: nachdem das Schweizer Fernsehen sich im Juni 2017 als Reaktion auf die fast durchgehend schlechten Ergebnisse der Eidgenossenschaft beim europäischen Wettbewerb in den letzten Jahren einem Eurovisions-Workshop mit den schwedischen ESC-Produzenten Christer Björkman (→ SE 1992) und Martin Österdahl unterzog, präsentierte der SRF heute die wenig überraschenden Ergebnisse des gemeinsamen Brainstormings, welche unter anderem die Einführung einer internationalen Jury beinhalten, wie sie beim von Björkman verantworteten Melodifestivalen schon seit Jahren zum Einsatz kommt. Auch will man, dem deutschen Beispiel folgend, den Fokus bei der Beitragssuche stärker auf das Lied legen und zunächst mit Hilfe einer sowohl mit Musikschaffenden als auch mit Eurovisionsfans besetzten, rund zwanzigköpfigen Auswahljury voraussichtlich sechs möglichst wettbewerbsfähige Titel für die Entscheidungsshow am 4. Februar 2018 finden.

Der schweizerische Bibo von 2017 musste im Semifinale Federn lassen.

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Die Jury: Power to all my Friends?

Langjährige Leser/innen dieses Blogs werden mit meiner beinahe schon ans Pathologische grenzenden Ablehnung der Jury beim Eurovision Song Contest vertraut sein. Doch bekanntlich ist der Kopf rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Portugiesen Salvador Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neues Licht auf die Frage, ob die Institution in einem gewissen, streng abgegrenzten Rahmen nicht sogar doch ihre Berechtigung haben könnte: bei den nationalen Vorentscheiden nämlich! Man mag es sich kaum ausmalen, aber Europa hätte den wunderbar verschrobenen Jazz-Schlumpf aus Lissabon niemals kennengelernt (und Portugal, das aufgrund seiner chronisch schlechten Ergebnisse erst 2016 eine einjährige Schmollpause einlegte, vermutlich weitere 53 Jahre auf seinen ersten Eurovisionssieg gewartet), wäre es nach dem Willen des heimischen Publikums gegangen. Das nämlich zog sowohl im ersten Semi als auch im Finale des dortigen Vorentscheids Festival da Cançāo das schauderhaft anzuschauende und anzuhörende Trio Viva la Diva mit dem rundweg brechreizerregenden Popera-Titel ‚Nova Glória‘ dem so sanften wie bezaubernden Liebessehnen Salvadors vor, was einen ein wenig an der geistigen, vollends aber an der geschmacklichen Zurechnungsfähigkeit der Portugiesen zweifeln lässt. Nur das beherzte Eingreifen der Juroren, welche den entsetzlichen Diva-Driss vorsichtshalber auf den fünften Platz abwerteten, sicherte den Gesamtsieg Sobrals und muss im Hinblick auf das Endergebnis als die glücklichste Entscheidung bezeichnet werden, die jenes Organ jemals fällte.

Ist uns gerade nochmal erspart geblieben, und den Portugiesen damit ein erneutes Ausscheiden im Semi: Viva la Diva. Danke, Jury!

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Finale 2017: Gift im Instrument

Es war ein denkwürdiger Abend der Verzauberung am gestrigen Samstag in Kiew. Ein Mann schaffte es, einem ganzen Kontinent den Kopf zu verdrehen und Millionen von Menschen tief in ihren Herzen berühren. Und das mit einer extrem zurückgenommenen Inszenierung und einem völlig aus der Zeit gefallenen Lied, das klang, als sei es für eine romantische Filmschnulze aus den Fünfzigerjahren geschrieben worden, bei dem man im eigenen Kopfkino die junge Audrey Hepburn mit tränenvernebeltem Blick durch das schwarzweiß fotografierte Lissabon spazieren sehen konnte. Salvador Sobral, so der Name des koboldhaften jungen Portugiesen, verweigerte sich als Einziger der 26 Finalacts der Nutzung der gigantischen, futuristisch aufgebrezelten Showbühne im Internationalen Ausstellungszentrum der ukrainischen Metropole und sang stattdessen inmitten des andächtig schweigenden, von seiner intimen Darbietung ebenso wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergriffenen Hallenpublikums auf der kleinen Satellitenbühne stehend seine zerbrechliche, hauchzarte Trennungsschmerzballade ‚Amar pelos Dois‘, ein flehendes Abschiedslied an seine Verflossene, in welcher er in poetischen Worten seine Trauer, seine noch immer sanft glimmende Hoffnung auf eine Rückkehr der Geliebten und seine Entschlossenheit, seine Liebe niemals sterben zu lassen, vor uns ausgoß. Was ich im Übrigen nur weiß, weil ich die Übersetzung seines in Landessprache verfassten Songtextes gegoogelt habe. Doch die Sprachbarriere spielte keine Rolle: auch ohne ein Wort zu verstehen, konnte man die mit dem Lied verbundenen Emotionen fühlen, ja geradezu mit Händen greifen. Die Bildregie des veranstaltenden Senders blendete im Anschluss an seinen Auftritt in den Green Room, wo sich die armenische Teilnehmerin Artsvik Harutyunyan gerade ein Tränchen aus dem Auge wischte und damit wohl auf den Punkt brachte, was wir alle (oder jedenfalls alle mit einem offenen Herzen) in diesem Moment empfanden. Es war eine seltener Moment der Überwältigung, ein Sieg der „Musik, die wirklich etwas ausdrückt,“ wie der portugiesische Adelsspross sagte, als man ihn am Ende des Abends zur Reprise auf die Bühne holte.

Jackett frisst Künstler: Hutzelmännchen Salvador überzeugte dennoch (PT)

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Schweden 2017: Hier kommt der Trostpreis

Auch Schweden, spirituelles Mutterland des Eurovision Song Contest, schließt sich 2017 dem europaweiten Vorentscheidungstrend an, bei dem die Jury sich in den meisten Auswahlverfahren, an denen sie beteiligt war, über den Willen der Zuschauer/innen hinwegsetzte. Und, so ungern ich das als bekennender Juryhasser zugebe, zumindest im vorliegenden Fall dabei die bessere Entscheidung traf. Sofern man beim Melodifestivalen 2017 von „besser“ sprechen konnte, in dessen Finale sich in diesem Jahr ein ziemlich enttäuschendes Aufgebot versammelte. Als gewissermaßen Einäugiger unter den Blinden gewann mit einem massiven Stimmenvorsprung bei den internationalen Juroren das (beim Publikum drittplatzierte) Botoxgesicht Robin Bengtsson, im letzten Jahr noch Fünfter mit dem Titel ‚Constellation Prize‘ (‚Trostpreis‘), was auch heuer irgendwie treffend gewesen wäre. Sein aktueller Discoschlager ‚I can’t go on‘ lieferte indes exakt das, was Grand-Prix-Fans europaweit von einem schwedischen Beitrag erwarten: eine starke Melodie, eine catchy Hook, eine fehlerfrei exerzierte, bis zur Bewusstlosigkeit einstudierte Choreografie und ein nettes Bühnengimmick in Form eines überbreiten Laufbandes, auf dem Robin und seine drei Begleiter zum Dreiviertelplayback (d.h. mit massivem Einsatz von Stimmen vom Band) performten. Und tatsächlich erwischten die Jurys unter dem übrig gebliebenen Angebot meinen persönlichen Lieblingssong, der allerdings ein wenig unter der blasiert-nervengiftgelähmten Ausstrahlung seines Interpreten litt, der sowohl lyrisch als auch optisch den Eindruck erweckte, er habe seinen Sensibilisierungskurs für Gleichstellungsfragen auf der Trump-Universität abgeschlossen.

Seine Gespielin muss schon eine Zehn sein: Robin Bängt-Sohn (SE)

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Doch keine Null: Lolita Zero ist zurück!

Sehr erfreuliche Nachrichten aus Litauen: nachdem die hier bereits gründlich abgefeierte, fabelhafte Dragqueen Lolita Zero mit ihrem discotastischen Elektrobrett ‚Get frighten‘ vor einigen Wochen in einer der gefühlt 700 Vorrunden (genauer gesagt: dem ersten Viertelfinale) des Nacionalinė Atranka herausflog – und das denkbar knapp bei Punktegleichstand, aber weniger Jurystimmen – und ich den Baltenstaat somit bereits abgeschrieben hatte, sinnierte man beim Sender LTR wohl einige Zeit über einen geeigneten Weg, den schrecklichen Fehler ungeschehen zu machen und die einzige ernsthafte Eurovisionshoffnung des Vorentscheids wieder ins Boot zu holen. Vergangenes Wochenende fand man die Lösung: in einer so überraschend wie kurzfristig angesetzten Internetabstimmung durften Fans aus aller Welt unter sechs bereits ausgeschiedenen Kandidaten, darunter Zero, eine Wildcard verteilen. Wenig überraschend konnte der aus einem aktuell in den litauischen Kinos laufenden Actionstreifen bekannte Schauspieler und Tänzer Gytis Ivanauskas, der auch dort die Rolle der schrillen Lolita Zero verkörpert und bislang in jedem Televoting unter den ersten Zwei lag, sich problemlos gegen den erst vorgestern ausgeschiedenen Sascha Song (→ LT 2009) durchsetzen (die restlichen vier Zählkandidaten spielten keine Rolle) und nimmt damit kommenden Samstag am Eurovizijos-Finale teil. Ich kann nur hoffen, dass das nicht noch mal schiefgeht und Lolita nun auch endlich das Ticket nach Kiew löst!

Tanz den Horn! (LT)

Estland 2017: Lost in the Semi

Zeitgleich zum Schweden-Schocker wählten die Esten am gestrigen Samstagabend ihre Vertreter für den Eurovision Song Contest 2017 in Kiew aus. Sie schicken zwei alte Bekannte: Koit Toome vertrat 1998 als damals Neunzehnjähriger das baltische Land bei der Meilenstein-Veranstaltung von Birmingham; bei Laura Põldvere handelt es sich neben Sloweniens Repräsentanten Omar Naber um die zweite Eurovisions-Wiederkehrerin, die beim Grand Prix 2005 bereits an gleicher Stelle – ebenfalls in Kiew – am Start war, seinerzeit als Teil der Girlgroup Suntribe. Gemeinsam präsentiert das Duo mit dem Titel ‚Verona‘ einen gefälligen, rhythmusbetonten Schlager für die Ü-50-Disco, der an manchen Stellen entfernt an die epochemachenden Werke von Modern Talking erinnert und in dem die beiden Protagonisten das Auseinanderbrechen ihrer Beziehung verarbeiten, die sie in einem Anflug von hormon- und alkoholinduziertem Größenwahn mit der tragischen Liebesgeschichte von Romeo und Julia vergleichen, die, wenngleich etliche Jähren zuvor, ebenfalls in dem namensgebenden norditalienischen Städtchen spielte. Welches als einer der möglichen Austragungsorte des Eurovision Song Contest 2018 in Frage kommt, ganz im Gegensatz zu Tallin. Denn wiewohl die vom estnischen Ralph Siegel, Sven Lõhmus, komponierte Nummer leicht ins Ohr geht und dank einer überzeugenden Hookline auch drin bleibt, dürften die auf musikalische Aktualität achtenden Juroren im Eurovisions-Semifinale den etwas aus der Zeit gefallenen estnischen Beitrag voraussichtlich killen. Leider.

Verkatert und planlos tappt der von Laura frisch verlassende Koit durch das Touristenstädtchen: Eure Chance, italienische OGAE-Fans! (EE)

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Spanien: Delegationsleiter tritt vorzeitig zurück

Niemand beherrscht Eurovisionsdrama so gut wie die Iberer! Nach den Tumulten beim spanischen Eurovisionsvorentscheid 2017 rund um die offensichtliche Jury-Schiebung rollte nun ein Kopf: Federico Llano, seit 2002 Delegationsleiter des Landes beim Eurovision Song Contest, trat vorzeitig von seinem Posten zurück, wie Eurovoix heute unter Bezugnahme auf ein spanisches Nachrichtenportal berichtet. Eigentlich wollte er den Job noch bis Juni 2017 machen, wie OnEurope weiß, gab die Delegationsleitung aber nun schon vor Kiew an die Leiterin der Abteilung für Internationale Beziehungen beim Sender RTVE, Ana Maria Bordas, ab. Angeblich seien „persönliche Gründe“ und seine Arbeitsbelastung für die Entscheidung ausschlaggebend. Das glaube allerdings, wer will. Die Ereignisse des iberischen Finales vom 12. Februar 2017, als es zu einem Punktegleichstand zwischen der Publikumsfavoritin Mirela und dem Juryliebling Manel Navarro kam und die für diesen Fall erneut abstimmungsberechtigte Jury ihren Willen gegen das lautstark skandierende Studiopublikum durchsetzte, sorgten im Land bereits für hohe Wellen. Die Fans erbosten sich nicht nur über die klare Missachtung des Zuschauerwillens, sondern auch über die engen (und nach den Regeln eigentlich unzulässigen) Verbindungen zwischen Navarro und dem Jurymitglied Xavier Martinez, der in seinem Brotberuf als Radio-DJ bereits im Vorfeld der Objetivo Eurovision keinen Hehl aus seiner Unterstützung für den jungen Surferboy Manel gemacht hatte und dessen Beitrag ‚Do it for your Lover‘ auch in seinen Radiosendungen pushte. Martinez gab bei der Vorentscheidung nicht nur seine Höchstwertung an Navarro, sondern verhinderte aktiv Mirelas Sieg, in dem er ihr vorsorglich die niedrigst mögliche Punktzahl zuschusterte. Ein Mirela-Fan echauffierte sich hierüber so stark, dass er nach der Show Martinez etwas unsanft anging, was natürlich inakzeptabel ist. Sein Günstling Navarro hingegen machte sich keine Freunde, als er der nach seiner Siegesakklamation lautstark buhenden Meute im Überschwang der Gefühle die Stinkefaust zeigte, wofür er sich später entschuldigte. Doch damit nicht genug!

Hier die umstrittene Jury-Entscheidung bei Objetivo Eurovision

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Ukraine 2017: the Ant is near

Das diesjährige Gastgeberland Ukraine läuft wohl keine Gefahr, den Wettbewerb auch 2018 organisieren zu müssen (höre ich da ein erleichtertes Aufatmen in der internationalen Fangemeinde?), denn es entschied sich am heutigen Abend für zwar ausgesprochen professionell ins Bild gesetzten, musikalisch aber unerträglich langweiligen Seichtrock. O.Torvald (jawohl, ohne Leerzeichen, dafür war wohl kein Geld mehr da) nennt sich das optisch ganz ansprechende Softrockquintett, und es inszenierte sein lahmes Geplodder mit dem beim Song Contest bislang noch nie dagewesenen Titel ‚Time‘ inhaltlich passend als düsteres Endzeit-Setting. Derangiert, mit aufgemalten Schrammen und aufgerissenen T-Shirts stehen die Torwälder auf der Bühne, aus ihrer Brust ragen die Displays von Zeitzündern, welche die noch verbleibenden Minuten und Sekunden bis zum unvermeidlichen Untergang der Erde hinunterzählen. Beziehungsweise in ihrem Fall bis zum nicht schnell genug kommen könnenden Ende des Songs, und hierbei leisten die Digitalanzeiger tatsächlich wertvolle Hilfe, weiß der Zuschauer doch so sehr genau, ob er sich beim Gang auf die Toilette und / oder an den Kühlschrank bzw. das Schnapsschränkchen beeilen muss oder sich noch Zeit lassen kann. Wie aufmerksam! Wobei ich zugeben muss, dass mir die Inszenierung des Titels im Semifinale der ukrainischen Vorentscheidung deutlich besser gefiel: da wurde der Leadsänger von einem mutigen und geschmackssicheren Zuschauer aus dem Dunkel des Sendesaales angeschossen und blutete sein Hemd voll – wenn auch nur mit Ketchup. Und nein, natürlich will ich keinesfalls Gewalt verharmlosen oder rechtfertigen, aber dieser Song kann einen da schon bis an die persönliche Grenze führen…

Die Hälfte ist geschafft: nur noch eine Minute und 30 Sekunden Langeweile sind zu überstehen (UA)

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Moldawien 2017: nicht von der Mutter befingern lassen!

Just zur gleichen Zeit, als die versammelte Schwuppenschaft Europas vor dem Melodifestivalen-Livestream angesichts des Auftritts Ihrer Hoheit Loreen feuchte Höschen bekam, schlossen sich die Moldawier/innen heute Abend den Slowenen an und entschieden sich, ebenfalls alte Bekannte zum Eurovision Song Contest 2017 zu schicken: das Sunstroke Project (→ MD 2010, Vorentscheid 2012) löste das Ticket nach Kiew mit dem mittelprächtigen Dance-Pop-Song ‚Hey Mamma‘. Das Trio schaffte dies aufgrund der Liebe des Publikums: mit etwas über 1.500 (!) Anrufen erhielten sie in etwa so viel Zuspruch wie die restlichen sieben Konkurrent/innen zusammen und gut drei Mal so viele Stimmen wie das zweitplatzierte Muttis-in-Trachten-Quartett Ethno Republic, welches die Jury gerne nach Kiew geschickt hätte. Doch im Gegensatz zur korrupten Geschmacksdiktatur Spanien fühlte sich der Balkan heuer der Demokratie verpflichtet: das Plazet der Zuschauer/innen genoss beim unvermeidlichen Punktegleichstand der beiden Acts Vorrang. Selbstverständlich, wie man sagen möchte. Und so kommen die drei Dancefloor-Helden vom Sunstroke Project zu ihrem zweiten Eurovisionseinsatz und dürfen im Mai 2017 auch das restliche Europa mit Uptempo (danke!), der äußerst denkwürdigen Eröffnungsstrophe „Hey, hey you / you’ll never happen to finger me“ und lustigen Tanzmoves unterhalten. Denn augenscheinlich infizierten sich die beiden anderen Projektmitglieder zwischenzeitlich beim Epic Sax Guy: das Trio präsentierte eine Choreografie, die ihre Inspiration zweifelsfrei bei Monty Pythons Ministry of Silly Walks nahm und hauptsächlich aus dem endlosen Auftippen des rechten Fußes besteht. Gewissermaßen eine Steilvorlage für einen Zehn-Stunden-Loop auf Youtube, wie ihn ihr berühmt-berüchtigter Saxophonist bereits 2010 inspirierte.

Blondinen haben mehr Spaß: Sunstroke Project (MD)

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Slowenien 2017: die Rückkehr des Jugo-Robbie

Bei manchen Ländern fragt man sich doch, warum sie überhaupt noch scheinbar öffentliche Vorentscheidungen abhalten, wenn sie ihren Vertreter doch ohnehin längst intern bestimmt haben. So wie heute Abend bei der slowenischen EMA: dort entschied sich das Publikum mit großer Mehrheit für das aus zwei Brüdern bestehende Wortspiel-Duo BQL (gesprochen: „be cool“) mit dem musikalisch zwar nicht sonderlich originellen, aber zumindest extrem eingängigen Midtemposong ‚Heart of Gold‘, eines der wenigen Lieder diesen Abends (und Jahrganges), das tatsächlich über einen erkennbaren Refrain verfügte. Doch die kostenpflichtigen Anrufe hätten sich die Slowenen (wie immer) sparen können: die Jurys werteten die beiden charmanten Jungs, deren Verwandtschaft auch stimmlich unverkennbar schien, vorsichtshalber in einer offensichtlich vorher abgesprochenen konzertierten Aktion vorsätzlich herunter und schummelten den Sieg so ihrem eindeutigen Favoriten zu, dem Wiederkehrer Omar Naber (→ SI 2005). Der Robbie Williams des Balkan sah zwar trotz einer etwas arg nachlässigen Garderobe und fehlender Gesichtsbehaarung noch immer so gut aus wie bei seinem ersten Eurovisionsauftritt in Kiew, lieferte aber mit ‚On my Way‘ eine dermaßen altbackene, kitschtriefende, disneyfizierte Grand-Prix-Ballade ab, dass wohl selbst ein völlig abgeschmackter Schnulzier wie Engelbert Humperdinck (→ UK 2012) sich für solch eine Nummer zu Tode schämen würde. Zumindest erklärte das Ergebnis den nervtötenden Einsatz des ohrenzermürbend lautstarken Dosenapplauses (der um so offensichtlicher auffiel, da an der Stelle, wo der Loop zu Ende war, stets eine einsekündige Jubelpause eintrat, bevor das Gejohle wieder von vorne losging) während der EMA: konnte man auf diese Weise doch die vermutlich von vorneherein einkalkulierten Pfiffe und Buhrufe des düpierten Saalpublikums erfolgreich übertünchen und tumultartige Szenen wie in Spanien verhindern. Nur dem bereits vor der Sendung feststehenden Sieger hatte niemand das Memo zukommen lassen: Omar zeigte sich während seiner Reprise sichtbar angepisst und griff sich an einer Stelle während des Vortrags gar in den Schritt – offensichtlich als garstige Geste gegenüber dem Publikum und in Referenz auf John Cobra (→ Vorentscheid ES 2010).

Kennt sich in Kiew bereits bestens aus: Omar Naber (SI)

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