DE 1969: Hey, das ist Musik für mich!

Siw Malmkvist, DE 1969
Die Unbe­schwer­te

Als Lehr­stun­de des ger­ma­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Unter­hal­tungs­elends kann ohne jede Fra­ge die Vor­ent­schei­dung des Jah­res 1969 die­nen. Die Show lief ver­mut­lich exakt so ab, wie sich das Deutsch­lands obers­ter Grand-Prix-Beam­te, Hans-Otto Grü­ne­feldt vom Hes­si­schen Rund­funk, immer vor­ge­stellt hat­te. So ver­wen­de­te er quä­lend lan­ge Sen­de­mi­nu­ten dar­auf, den Zuschauer/innen haar­klein aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass dies hier ein → Kom­po­nis­ten­wett­be­werb sei, in wel­cher Form die Vor­auswahl der neun an die­sem Abend zu Gehör zu brin­gen­den Schlicht­schla­ger erfolg­te, und dass die Auf­tritts­rei­hen­fol­ge der drei Sänger/innen, die sich “freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt” hat­ten, den Mist weg­zu­sin­gen, unter nota­ri­el­ler Auf­sicht aus­ge­lost wur­de.

Der letz­te TV-Auf­tritt Alex­an­dras vor ihrem tra­gi­schen Tod fand nicht, wie zunächst geplant, beim deut­schen Vor­ent­scheid statt. Für die Aktu­el­le Schau­bu­de stand sie statt­des­sen ziem­lich zuge­dröhnt in der mas­siv ver­müll­ten Ost­see.

Nach Anga­ben des Fan­clubs Euro­vi­si­on Club Ger­ma­ny soll­te ursprüng­lich auch Alex­an­dra (‘Mein Freund, der Baum’) in Frank­furt dabei sein. Die Aus­nah­mesän­ge­rin mit der ein­zig­ar­ti­gen Stim­me, die im Som­mer des­sel­ben Jah­res bei einem Auto­un­fall den Tod fand, sag­te jedoch auf­grund wich­ti­ge­rer Ter­mi­ne ab. Oder wegen des grau­en­haf­ten Song­ma­te­ri­als? Selbst der so char­man­ten wie bedau­erns­wer­ten Mode­ra­to­rin Marie-Loui­se Stein­bau­er war es sei­tens des Sen­ders strengs­tens unter­sagt, ihren Job aus­zu­üben und tat­säch­lich zu mode­rie­ren. Irgend­wel­che gar noch spon­ta­nen Äuße­run­gen hät­ten ja als Beein­flus­sung gel­ten kön­nen. So muss­te sie die Rol­le eines Sprech­ro­bo­ters spie­len und durf­te ledig­lich ansa­gen: “Das war Lied Num­mer 1 und jetzt kommt Lied Num­mer 2”. Und auch das ver­mut­lich erst, nach­dem die­ser Satz durch das hr-Jus­ti­zia­ri­at acht­fach gegen­ge­prüft und geneh­migt wur­de. Selbst bei der Büh­nen­de­ko­ra­ti­on leg­te man ängst­lich Wert dar­auf, bloß kei­nen der drei Prot­ago­nis­ten, die jeweils im Wech­sel drei Lied­lein vor­zu­tra­gen hat­ten, in irgend­ei­ner Form zu bevor­zu­gen.

Hey, DAS ist Musik für mich: die poly­glot­te Peg­gy March

Doch wozu der gan­ze Auf­wand? Denn selbst­ver­ständ­lich blieb der unmün­di­ge Zuschau­er von der Ent­schei­dungs­fin­dung aus­ge­schlos­sen. Statt­des­sen tag­te ein Gre­mi­um von elf alten Män­nern in grau­en Tre­vi­ra­an­zü­gen und mit bil­li­gen Tou­pets, die nicht ver­drieß­li­cher das Grau­en des alles­läh­men­den deut­schen Ver­bands­un­we­sens hät­ten illus­trie­ren kön­nen: je zwei Ver­tre­ter der Tex­ter- und Kom­po­nis­ten­lob­bys sowie der “Arbeits­ge­mein­schaft Schall­plat­te” (also der Indus­trie), die Unter­hal­tungs­chefs der ARD-Sen­de­an­stal­ten und, aus wel­chem Grund auch immer, der Kapell­meis­ter der Städ­ti­schen Büh­nen Frank­furt am Main, Rudi Franz. Letz­te­rer ver­rich­te­te sei­ne Juro­ren­tä­tig­keit (wegen des Spe­sen­schecks?) wenigs­tens mit einem son­ni­gen Lächeln, wäh­rend die übri­gen Her­ren mit staats­tra­gend sauer­töp­fi­scher Mie­ne und zusam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen (und ver­mut­lich auch Poba­cken) ihre alber­nen Papp-Wer­tungs­tä­fel­chen zogen und vor sich depo­nier­ten. In ihrer unfass­bar spie­ßi­gen Ver­klemmt­heit wirk­te die gan­ze Sze­ne­rie wie ein Sketch von Lori­ot. (Unfrei­wil­lig) lus­tig wur­de es jedoch nur ein­mal ganz kurz, als der Gro­ße Vor­sit­zen­de Grü­ne­feldt die von einem der Lob­by­is­ten abge­ge­be­ne Vote für Peg­gy March (→ Vor­ent­scheid 1975) wie­der­hol­te: “Herr Hée: Hey!”.

So steif wie die Juro­ren: auch sexy Rexy hat einen Stock im Arsch

Bei sel­bi­gem Titel, der es zusam­men mit dem spä­te­ren Sie­ger­lied ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ von Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, Vor­ent­scheid DE 1962) und Rex Gil­do‘Die bes­te Idee mei­nes Lebens’ (was man über sei­ne Teil­nah­me an die­ser Vor­run­de nicht unbe­dingt sagen kann) in die End­aus­wahl schaff­te, han­delt es sich denn auch um den ein­zi­gen nen­nens­wer­ten Bei­trag des Abends. “Hey, das ist Musik für mich / Hey, das ist Musik für Dich / Denn Musik, die ist nun mal / Inter­na­tio­nal”: grand­pri­x­es­ker konn­te die Bot­schaft des musi­ka­lisch locker-flo­ckig swin­gen­den Easy-Lis­ten­ing-Knül­lers kaum sein. Zu modern und frisch ver­mut­lich für die grau­en Herr­schaf­ten der → Jury, die sich statt­des­sen mehr­heit­lich für das ver­staub­te Spiel­do­sen-Schla­ger­lein ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ aus der Feder von Hans Blum erwärm­ten. Fair­neß­hal­ber soll gesagt sein: es war neben ‘Hey!’ der ein­zi­ge Song des Abends, der den Zuschau­er nicht sofort in dorn­rös­chen­glei­chen Tief­schlaf ver­setz­te, da er zumin­dest eine gefäl­li­ge, ins Ohr gehen­de Melo­die bot. Die man bei den rest­li­chen sie­ben Seicht­songs schmerz­lich ver­miss­te.

Sag, weint Dein Herz? Siw Malmkvist gibt uns die ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’

Skur­ril: Durodont-Rex (→ Vor­ent­scheid 1960), des­sen Hoch­zeits-Kit­schlied in der ers­ten Run­de noch am ein­deu­tigs­ten führ­te, erhielt in der Final­ab­stim­mung von den­sel­ben Juro­ren kei­nen ein­zi­gen Punkt. Anfang der Sech­zi­ger noch gemein­sam mit Git­te Hæn­ning (→ Vor­ent­scheid DK 1962, DE 1973) als “Traum­paar des deut­schen Schla­gers” ver­mark­tet, war Gil­do lan­ge Jah­re Stamm­gast in der 1969 zum ers­ten Mal aus­ge­strahl­ten ZDF-Hit­pa­ra­de und lan­de­te im sel­ben Jahr mit ‘Don­do­lo’ einen sei­ner zahl­rei­chen Top-Ten-Hits. Drei­ßig Jah­re und etli­che des­il­lu­sio­nier­te Möbel­haus-Auf­trit­te spä­ter wähl­te der schrank­schwu­le Schla­ger­sän­ger dann den Frei­tod. Doch zurück nach 1969: die weni­gen Vor­ent­schei­dungs-Zuschau­er/in­nen, die bis hier­hin noch nicht abge­schal­tet hat­ten und auch die bei­den als Pau­sen­über­brü­ckung gebuch­ten “Tanz­dar­bie­tun­gen” des Ehe­paa­res Trautz ohne Spon­tan­au­gen­krebs über­stan­den, ent­ließ man mit dem siche­ren Gefühl, dass die gan­ze Ver­an­stal­tung für alle sen­der­seits Betei­lig­ten, sei­en es die Juro­ren, die Mode­ra­to­rin oder die Sänger/innen, min­des­tens genau so quä­lend gewe­sen sein muss wie für die Men­schen vor den TV-Gerä­ten. Juris­tisch unan­greif­bar und jeg­li­cher Schie­bung unver­däch­tig gewiss, aber dafür eben auch nicht eine Sekun­de lang unter­halt­sam. Also alle Kli­schees über die red­li­chen, aber lang­wei­li­gen Deut­schen bestä­ti­gend.

Chart-Watch: Süd­län­di­scher Froh­sinn wohn­te dem ‘Lied für Madrid’ nicht inne. Rober­to Blan­co (→ Vor­ent­scheid 1970, 19731979) nahm dann auch lie­ber an der ZDF-Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung ‘Deut­scher Schla­ger-Wett­be­werb 1969’ teil, wo er sich schnell von den Fes­seln fest­lich-deut­scher Spie­ßig­keit befrei­te, dem etwas tra­ni­gen ‘Heu­te so, mor­gen so’ tän­ze­risch erstaun­li­chen Pepp ein­hauch­te, damit sieg­te und einen Top-Ten-Hit gene­rier­te. Was hät­te aus dem Mann für ein groß­ar­ti­ger Enter­tai­ner wer­den kön­nen, hät­te man ihm nur mal adäqua­tes Song­ma­te­ri­al gege­ben!

Vor­ent­scheid DE 1969

Ein Lied für Madrid. Sams­tag, 22. Febru­ar 1969, aus dem Sen­de­stu­dio 2 des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Drei Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Marie-Loui­se Stein­bau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Siw MalmkvistDein Come­back zu mir02 | –--
02Rex Gil­doLady Julia04 | –--
03Peg­gy MarchKarus­sell mei­ner Lie­be01 | –--
04Siw MalmkvistMelo­die04 | –--
05Rex Gil­doDie bes­te Idee mei­nes Lebens07 | 0003-
06Peg­gy MarchAber die Lie­be bleibt bestehen04 | –--
07Siw MalmkvistPri­ma­bal­le­ri­na05 | 070113
08Rex Gil­doFes­ti­val der jun­gen Lie­be00 | –--
09Peg­gy MarchHey!06 | 040229

ESC 1968: Hap­pi­ness had­n’t been inven­ted

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Das Jahr der Schie­bung

Jurys sind Wich­ser™! Den im Ver­gleich zu den → Nul-Point-Ergeb­nis­sen der Vor­jah­re zwar deut­lich bes­se­ren, im Lich­te der Kon­kur­renz den­noch etwas ent­täu­schen­den (und unge­rech­ten!) sechs­ten Platz im ers­ten Jahr der euro­vi­sio­nä­ren Farb­aus­strah­lung ver­dankt der fabel­haf­te deut­sche Bei­trag von 1968 unter ande­rem den nor­we­gi­schen Wer­tungs­rich­tern: die reagier­ten pikiert, weil die in Oslo gebür­ti­ge, in Deutsch­land jedoch kei­nen uner­heb­li­chen Anteil ihres Ein­kom­mens als Schla­ger­sän­ge­rin gene­rie­ren­de Wencke Myh­re nicht fürs Hei­mat­land sang, und straf­ten sie fürs Fremd­ge­hen mit null Punk­ten ab. Doch auch Deutsch­land sorg­te beim Con­test in Lon­don nicht nur mit dem pro­gres­si­ven ‘Ein Hoch der Lie­be’ für Furo­re, son­dern eben auch mit den sehr offen­sicht­lich – eine ande­re Erklä­rung schei­det aus – von Kor­rup­ti­on gepräg­ten Wer­tun­gen unse­rer → Juro­ren.

Alles so schön bunt hier: der ESC 1968

Die punk­te­ten näm­lich, getreu des Mot­tos, dass ein anspruchs­vol­les Lied gewin­nen sol­le, mit sechs ihrer ins­ge­samt zehn Stim­men die Spa­nie­rin Mas­siel und ihren tief­schür­fen­den Titel ‘La La La’ über­ra­schend nach vor­ne und ver­hal­fen ihr so zum Sieg. Bei Mas­siel (eigent­lich: María de los Ánge­les San­ta­ma­ría Espi­no­sa) han­del­te es sich um die Zweit­be­set­zung für das kraft­vol­le und ein­gän­gi­ge, Lebens­freu­de trans­por­tie­ren­de Chan­son über die Lust am Sin­gen: der ursprüng­lich vor­ge­se­he­ne Inter­pret Joan Manu­el Ser­rat, einer der bekann­tes­ten ibe­ri­schen Lie­der­ma­cher und Sän­ger, woll­te es nur in der Regio­nal­spra­che Kata­lo­ni­ens, von wo er stamm­te, vor­tra­gen. Da hat­te Spa­ni­ens Dik­ta­tor Fran­co, dem die Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der Kata­la­nen als Bedro­hung sei­ner Macht gal­ten, aber was gegen: er tausch­te Ser­rat gegen die wil­li­ge Kol­la­bo­ra­teu­rin Mas­siel aus. Fai­rer­wei­se muss man zuge­ben: das Lied ver­fügt tat­säch­lich über vier Stro­phen Text, neben den gezähl­ten 138 “La“s des Refrains (der Song trans­por­tiert eben extrem viel Lebens­freu­de!). Die Zuschau­er stan­den nach dem Über­ra­schungs­sieg der Spa­nie­rin Kopf, denn eigent­lich galt jemand ganz ande­res als kla­rer Favo­rit.

Doch, vor allem der Refrain gewinnt eine ganz neue Bedeu­tung: ‘La la la’ in der von Ser­rat bevor­zug­ten kata­la­ni­schen Fas­sung

Näm­lich der bri­ti­sche, welt­weit bekann­te und mit ins­ge­samt mehr als 250 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Alben kom­mer­zi­ell extrem erfolg­rei­che Super­star Cliff Richard (→ UK 1973). Sein Wunsch­sen­dungs-Ever­green ‘Congra­tu­la­ti­ons’, eine flot­te Pop­num­mer mit pro­mi­nen­tem Trom­mel­mo­tiv, stand zum Zeit­punkt des Song Con­tests bereits seit Wochen hoch in allen euro­päi­schen Charts (so auf #3 in Deutsch­land, #2 in Öster­reich und der Schweiz und an der Spit­ze in den Nie­der­lan­den, Bel­gi­en, Nor­we­gen und natür­lich im Ver­ei­nig­ten König­reich). Fre­ne­tisch krei­schend begrüß­te ihn das hei­mi­sche Publi­kum in der Roy­al Albert Hall, es schien rei­ne Form­sa­che zu sein, dass er nach San­die Shaw (→ UK 1967) mit dem vom glei­chen Autoren­team geschrie­be­nen Hit den Dop­pel­sieg holen wür­de, für den kein Wett­bü­ro etwas gezahlt hät­te. Doch nun durch­kreuz­ten die dia­bo­li­schen deut­schen Juro­ren sei­ne Plä­ne. Es lag ver­mut­lich nicht an der sehr exal­tier­ten Dar­bie­tung Richards, son­dern an dem idio­ti­schen Man­tra vie­ler Juro­ren, Hits hät­ten beim Grand Prix nichts zu suchen.

Im lin­gu­is­ti­schen Nir­wa­na: die äußerst selbst­be­wuss­te Mas­siel (ES)

Eine Anlei­tung zum Nacht­an­zen der legen­dä­ren ‘Congra­tu­la­ti­ons’-Per­for­mance fin­det sich auf der bri­ti­schen, geni­al zyni­schen Euro­vi­si­ons­fan­sei­te Who­ops, Dra­go­vic! Hier die Über­set­zung: “Die → Tanz­schrit­te zu Cliffs Euro­klas­si­ker kön­nen Sie über­all pro­blem­los nach­stel­len; ob Zuhau­se, in Ihrem Gar­ten, der Kir­che oder im Loft.

  1. Lau­fen Sie den Gar­ten­pfad (bzw. den Kirch­gang) hin­un­ter, direkt auf die freu­dig jubeln­den Mas­sen zu.
  2. Am Ende des Pfa­des ange­kom­men, tun Sie so, als wür­den Sie mit Ihren Füßen ein Feu­er aus­tre­ten.
  3. Beim Sin­gen ducken Sie sich leicht ver­krampft zusam­men, so als ob Sie unter Durch­fall lit­ten. Las­sen Sie gleich­zei­tig Ihre Arme wie Pro­pel­ler krei­sen.
  4. Wäh­rend des Instru­men­tal­parts Ihres Lie­des wei­sen Sie die Zuschau­er auf die (nicht vor­han­de­nen) Not­aus­gän­ge zu Ihrer Lin­ken und Rech­ten hin.
  5. Beim gro­ßen Song­fi­na­le tre­ten Sie noch­mals die Flam­men aus. Recken Sie dann die Arme dem will­kom­me­nen Applaus ent­ge­gen.
  6. Ver­ste­cken Sie sich auf der Toi­let­te, bis Sie jemand holt.”

Der Seil­spring­pan­to­mi­me: Cliff Richard (UK)

Oder spiel­te doch Geld eine Rol­le? Einer spe­ku­la­ti­ven Doku­men­ta­ti­on eines spa­ni­schen Pri­vat­sen­ders zufol­ge sol­len das Fran­co-Régime und der Staats­sen­der TVE meh­re­re euro­päi­sche Jurys, dar­un­ter die deut­sche, mit dem Ankauf von Fern­seh­se­ri­en (Punk­te im Tausch für den Tat­ort?) besto­chen haben, die dann unge­sen­det in den TVE-Archi­ven ver­rot­te­ten. Das Ziel der anrü­chi­gen Finanz­trans­ak­ti­on: durch einen Sieg Spa­ni­ens und die Aus­tra­gung des Grand Prix im Fol­ge­jahr woll­te sich die an tou­ris­ti­schen Ein­nah­men inter­es­sier­te Dik­ta­tur als kul­tu­rell anschluss­fä­hi­ge euro­päi­sche Nati­on prä­sen­tie­ren. Was auch gelang! Bewie­sen sind die­se Behaup­tun­gen indes nicht, auch wenn der offen­bar arg gekränk­te Cliff Richard, der schon 1968 Mas­siel mit einem “war­men Keh­len­druck” gra­tu­lie­ren woll­te, bereits mein­te, er sei “der glück­lichs­te Mensch der Welt”, soll­ten sie sich bewahr­hei­ten. So lan­ge dient dem schlech­ten Ver­lie­rer der trotz des zwei­ten Plat­zes sehr viel grö­ße­re kom­mer­zi­el­le Erfolg sei­nes Bei­trags mit knapp zwei Mil­lio­nen ver­kauf­ter Ein­hei­ten sicher als klei­nes Trost­pflas­ter.

Ganz der alte Arsch: Clif­fie (Ordens­rit­ter Ihrer Majes­tät) congra­tu­liert der Queen zum 60. Thron­ju­bi­lä­um

Aber nicht nur Sir Richard lie­fer­te eine spek­ta­ku­lä­re Per­for­mance. Mit der Ein­füh­rung des Farb­fern­se­hens in jenem Jahr schien auch jeder Rest von Chan­son­se­lig­keit, vor­neh­mer Zurück­hal­tung, durch stei­fe Abend­ro­ben beding­ter Bewe­gungs­un­fä­hig­keit und Dezenz von der Ver­an­stal­tung abzu­fal­len. Schon der mit einem vom Con­test-Gewin­ner Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) ver­fass­ten, aller­dings arg lang­wei­li­gen alpen­län­di­schen Anspruchs­schla­ger über die ach so schlim­me Ein­sam­keit der Groß­stadt für Öster­reich star­ten­de tsche­chisch­stäm­mi­ge Karel Schla­gerGott (‘Babič­ka’) gebär­de­te sich auf der Büh­ne so tun­tig wie ein Musi­cal­sän­ger: eine Vier auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la für die “Gol­de­ne Stim­me aus Prag”. Noch schwu­ler wirk­ten die jugo­sla­wi­schen Dubro­vački Tru­badu­ri, die sich als mit­tel­al­ter­li­che Min­ne­sän­ger kos­tü­mier­ten und zu ihrer pos­sier­li­chen Wei­se anmu­tig über die Büh­ne hüpf­ten wie hor­mon­ge­steu­er­te Wald­el­fe im Früh­lings­sturm der Gefüh­le. Auf­grund des noch immer gel­ten­den Grup­pen­ver­bo­tes muss­ten sich die eigent­lich fünf­köp­fi­gen Trou­ba­dou­re aus Dubrov­nik offi­zi­ell als Duo (Luci & Hamo) mit Begleit­chor tar­nen.

Auch schön: Män­ner in Strumpf­ho­sen. Die auf­ge­platz­ten Gedär­me am Ellen­bo­gen irri­tier­ten aber ein wenig. (YU)

Eher gru­se­lig gaben sich hin­ge­gen die Ver­tre­ter aus dem hohen Nor­den: der Schwe­de Cla­es-Gör­an Heder­ström wirk­te im Trench­coat mit hoch­ge­schla­ge­nem Kra­gen wie der böse Onkel vom Kin­der­spiel­platz, was den Genuss sei­nes wun­der­bar jaz­zi­gen Loun­ge­songs ‘Ban­ne mej’, in dem er das schwe­re Schick­sal beklagt, frisch ver­liebt zu sein, erheb­lich min­der­te. Etwas opti­sche Lin­de­rung ver­schaff­te uns Finn­land, das eine jun­ge Sän­ge­rin namens Kris­ti­na Hauta­la in einem lind­grü­nen Kleid­chen mit gerüsch­ten Blüm­chen auf dem Ärmel schick­te: eine sin­gen­de Früh­lings­wie­se! Der Nor­we­ger Odd Bør­re Søren­sen schau­te sei­nen Tanz­stil bei dem direkt vor ihm auf­ge­tre­te­nen Cliff ab – nur, dass er mit dicker Horn­bril­le und Bill-Gates-Fri­sur aus­sah wie der ver­rück­te Pro­fes­sor aus einem Hor­ror­film der legen­dä­ren Lon­do­ner Ham­mer-Stu­di­os. Was per­fekt zu sei­nem wir­ren Lied mit dem tref­fen­den Titel ‘Stress’ pass­te. Die­ser ursprüng­lich zweit­plat­zier­te Song der nor­we­gi­schen Vor­ent­schei­dung war nach­ge­rückt, nach­dem der EBU eine all zu gro­ße Ähn­lich­keit des eben­falls von Odd Bør­re inter­pre­tier­ten Sie­ger­ti­tels ‘Jeg har ald­ri vært så glad i no’en som deg’ mit dem Cliff-Richard-Hit ‘Sum­mer Holi­day’ auf­fiel.

Ver­dammt, es ist Lie­be: die Schwe­den sind schon ech­te Roman­ti­ker! (SE)

Für das nicht abge­kup­fer­te ‘Stress’ kas­sier­te Nor­we­gen ledig­lich zwei Mit­leids­pünkt­chen – der gerech­te kos­mi­sche Aus­gleich für ihre Rache­wer­tung gegen­über “unse­rer” Wencke Myh­re. Die schun­kel­te und pro­pel­ler­te zum vom BBC-Orches­ter lei­der etwas schaum­ge­bremst beglei­te­ten ‘Hoch der Lie­be’ über die Büh­ne wie ein zu stark auf­ge­zo­ge­ner Brumm­krei­sel, und das in einem top­mo­di­schen, quietsch­gel­ben Mini­kleid, das ihre nicht gera­de reh­schlan­ken Bei­ne erst so rich­tig zur Gel­tung brach­te. Und dann noch die Dai­sy-Duck-Schu­he: grau­sam! Nicht sehr vor­teil­haft mach­te sich auch die fran­zö­si­sche Sie­ge­rin von 1962, Isa­bel­le Aubret, zurecht. Ihr labb­ri­ges, blass­blau­es Satin-Nacht­hemd kon­tras­tier­te so schmerz­voll zu ihrer pla­tin­blon­den Locken­pracht, dass man sich gar nicht auf ihr fas­zi­nie­ren­des Chan­son ‘La Source’ kon­zen­trie­ren konn­te, einer dunk­len Schau­er­ge­schich­te über ein von ihren drei Ver­ge­wal­ti­gern im Wald erschla­ge­nes Mäd­chen. Wobei sich die Fra­ge stellt, ob ihr die­se opti­sche Ablen­kungs­stra­te­gie ange­sichts des nicht nur für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich düs­te­ren Song­the­mas nicht sogar zum Vor­teil gereich­te: immer­hin erreich­te Madame Aubret Rang 3.

Bra bra bra statt la la la: Odd Bør­re (NO)

Den abso­lu­ten Vogel schoss aber der so drol­li­ge wie tra­gi­sche Schwei­zer Gian­ni Mas­co­lo ab. In einem kür­bis­far­be­nen, schraub­sto­cken­gen Anzug und mit Hei­no-Bril­le lie­fer­te er den abschlie­ßen­den Beweis, dass das sämt­li­che modi­schen Fehl­grif­fe scho­nungs­los auf­de­cken­de Farb­fern­se­hen nicht immer ein Segen sein muss. Zudem hat­te er mit ‘Guar­da­no il Sole’ eine sehr grand­pri­x­es­ke Bal­la­de dabei. Und grand­pri­x­esk meint hier vor allem: mit einem gro­ßen, emo­ti­ons­ge­la­de­nen, auf­wal­len­den Fina­le. Ein Song also, wie er eigent­lich für fran­zö­si­sche Chan­so­net­ten typisch ist. Und wie eine sol­che gebär­de­te sich Gian­ni auch: er strahl­te, schmet­ter­te und warf die Arme in die Luft, exal­tier­ter als jeder Jür­gen Mar­cus (→ Vor­ent­scheid DE 19741975, LU 1976) und min­des­tens genau so enthu­si­as­tisch wie drei Jah­re nach ihm Sévé­ri­ne. Die gewann 1971 mit genau so einer Dar­bie­tung. Dem armen Gian­ni bleib das ver­wehrt: mit nur mage­ren zwei Pünkt­chen, eben­so vie­len wie Odd Bør­re erhielt, lan­de­te er ganz hin­ten. Ein glas­kla­rer Fall von geschlechts­spe­zi­fi­scher Dis­kri­mi­nie­rung: blö­de für den im fal­schen Kör­per gebo­re­nen Ita­lo­schwei­zer, dass es sei­ner­zeit noch kei­ne Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten gab.

Eine fünf auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la: Gian­ni (CH)

Trotz der all­ge­mei­nen Auf­re­gung über den (ver­mut­lich nicht zu Unrecht) als Schie­bung emp­fun­de­nen Sieg Mas­siels ver­kauf­te sich ‘La, la, la’ übri­gens euro­pa­weit ziem­lich gut (#18 in den Nie­der­lan­den, #12 in Deutsch­land, #8 in Öster­reich und der Schweiz sowie #5 in Nor­we­gen). Und konn­te, sozu­sa­gen als Kir­sche auf dem Sah­ne­häub­chen, selbst die sonst gegen fremd­spra­chi­ge Titel so her­me­tisch abrie­gel­ten bri­ti­schen Top 40 kna­cken (#35). Manch­mal lohnt sich ein Königs­mord also doch!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1968

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 6. April 1968, aus der Roy­al Albert Hall in Lon­don, Groß­bri­tan­ni­en. 17 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Kat­ie Boyle.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01PTCar­los Men­desVer­ão0511
02NLRon­nie ToberMor­gen0116
03BEClau­de Lom­bardQuand tu revi­en­dras0808
04ATKarel GottTau­send Fens­ter0213
05MCChris Bal­do + Sophie GarelNous vivrons d’A­mour0512
06CHGian­ni Mas­co­loGuar­da­no il Sole0213
07MCLine + Wil­lyÀ cha­cun sa Chan­son0807
08SECla­es-Gör­an Heder­strömDet bör­jar ver­ka Kärlek, ban­ne mej1505
09FIKris­ti­na Hauta­laKun Kel­lo käy0116
10FRIsa­bel­le AubretLa Source2003
11ITSer­gio End­ri­goMari­an­ne0710
12UKCliff RichardCongra­tu­la­ti­ons2802
13NOOdd Bør­re Søren­senStress0215
14IEPat McGe­eganChan­ce of a Life­time1804
15ESMas­sielLa la la2901
16DEWencke Myh­reEin Hoch der Lie­be1106
17YUDubro­vački Tru­badu­riJedan Dan0808

ESC 1966: Zwin­gen kann man kein Glück

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Das Jahr der Show­trep­pe

Das zehn­jäh­ri­ge Jub­liäum des Euro­vi­si­on Song Con­tests nahm die EBU zum Anlass, im Früh­jahr 1966 bei den teil­neh­men­den TV-Anstal­ten Ide­en für die künf­ti­ge Gestal­tung des Wett­be­werbs zu sam­meln. Dabei zeig­ten sich regio­nal sehr unter­schied­li­che Schwer­punk­te, wie Gor­don Rox­burgh in der Fibel Songs for Euro­pe auf­lis­tet: so bestan­den die skan­di­na­vi­schen Sen­der dar­auf, dass der “musi­ka­li­schen Qua­li­tät” der Bei­trä­ge die abso­lu­te Prio­ri­tät ein­zu­räu­men sei. Die west­eu­ro­päi­schen Anstal­ten wie die ARD, das bel­gi­sche BRT, der ORF und das fran­zö­si­sche Fern­se­hen woll­ten vor allem die Teil­neh­mer­zahl von zuletzt 18 Natio­nen redu­zie­ren und schlu­gen ver­schie­de­ne For­ma­te für Semi­fi­na­le vor, wie sie sich aber erst 2004 durch­set­zen soll­ten. Die lin­gu­is­tisch zwie­ge­spal­te­nen Bel­gi­er votier­ten dabei für die Zutei­lung der Län­der anhand von Sprach­grup­pen, was ihnen selbst gleich zwei Start­plät­ze beschert hät­te: einen für Flan­dern in der nie­der­län­di­schen Vor­run­de, einen für Wal­lo­ni­en in der ungleich grö­ße­ren fran­zö­si­schen Grup­pe. Noch mehr Bei­trä­ge hät­te dies für die Schweiz bedeu­tet: einen für das deut­sche Semi, einen fürs fran­zö­si­sche und einen wei­te­ren fürs ita­lie­ni­sche. Die RAI woll­te den Wett­be­werb hin­ge­gen ger­ne über zwei oder gar drei Aben­de stre­cken, nicht unähn­lich dem eige­nen San-Remo-Fes­ti­val. Die BBC nahm Anstoß an der über­pro­por­tio­na­len Prä­senz Frank­reichs, das via Mona­co und Luxem­burg stets drei­fach ver­tre­ten war und sich im Jury­vo­ting gegen­sei­tig die Punk­te zuschau­feln konn­te. Das skan­di­na­vi­sche Ver­lan­gen nach “Qua­li­tät” konn­ten die Bri­ten nicht nach­voll­zie­hen: der Sie­ger­song wür­de schließ­lich stets anhand sei­nes “Pop-Appeals” bewer­tet.

Klei­ne Büh­ne, gro­ße Show: 1966, ein Mei­len­stein-Con­test.

Wei­ter­le­senESC 1966: Zwin­gen kann man kein Glück

NO 1966: We’­re not gon­na take it

Sie hat­te ein klein wenig was von einem femi­nis­ti­schen Folk-Fes­ti­val, die nor­we­gi­sche Euro­vi­si­ons-Vor­ent­schei­dung Melo­di Grand Prix 1966. Was nicht nur dar­an lag, dass aus­schließ­lich Frau­en san­gen. Nein, auch der eine oder ande­re der ins­ge­samt fünf dort vor­ge­stell­ten Titel ver­ström­te einen lei­sen, leich­ten Hauch von Auf­leh­nung und Rebel­li­on, sei es durch sei­ne Instru­men­tie­rung, sei­nen Text oder sei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Inter­es­san­ter­wei­se stamm­ten die­se Lie­der alle­samt aus der schöp­fe­ri­schen Hand eines ein­zel­nen Man­nes, näm­lich des nor­we­gi­schen Kom­po­nis­ten und ESC-Ver­tre­ters von 1964, Arne Ben­dik­sen. Was auch vor dem wei­te­ren Hin­ter­grund bemer­kens­wert erscheint, dass eine sen­der­ei­ge­ne Jury die­se fünf – in jeweils zwei unter­schied­lich instru­men­tier­ten Fas­sun­gen von zwei unter­schied­li­chen Sän­ge­rin­nen dar­ge­bo­te­nen – MGP-Titel aus ins­ge­samt 325 Ein­sen­dun­gen aus­ge­wählt hat­te und dabei gleich alle drei Vor­schlä­ge Ben­dik­sens beach­te­te. Ledig­lich der Eröff­nungs­song und mit 96 Sekun­den Lied­dau­er noch nicht ein­mal kür­zes­te Bei­trag des Abends, der von Wencke Myh­re in einem bezau­bern­den Geschenk­schlei­fen­kleid unter­nom­me­ne, musi­ka­lisch flot­te ‘Lør­dags­tripp’ (‘Sams­tags­aus­flug’), sowie die hoff­nungs­los alt­mo­disch-ver­staub­te Bal­la­de ‘Ung og forels­ket’ (‘Jung und ver­liebt’), die der Sen­der fol­ge­rich­tig Ani­ta Thallaug (→ NO 1963) zudach­te, zähl­ten nicht dazu. Thallaug inter­pre­tier­te in der ers­ten Lied-Run­de, die mit dem klei­nen Orches­ter, auch den in der anschlie­ßen­den Jury­wer­tung letzt­plat­zier­ten Song, das beat­be­tont-fröh­li­che ‘Vims’, mit dem sich die Sän­ge­rin aller­dings stimm­lich gering­fü­gig über­for­dert zeig­te.

Shake dat Ass: Frau Thallaug über­zeug­te eher tän­ze­risch als gesang­lich. Oh, und natür­lich durch die schmie­de­ei­ser­nen Locken.

Wei­ter­le­senNO 1966: We’­re not gon­na take it

NL 1966: Oran­je is the new black

Über ein gan­ze Woche zog sich, wie bereits im Vor­jahr, die nie­der­län­di­sche Vor­ent­schei­dung von 1966: in fünf auf­ein­an­der­fol­gen­den Vor­run­den trat zunächst jeder der fünf Finalist/innen mit jeweils drei Titeln an, aus denen eine jeweils 15köpfige Jury den jewei­li­gen Bei­trag für das Fina­le des Natio­naal Song­fes­ti­val her­aus­such­te. Dort tra­fen dann unter der Mode­ra­ti­on von Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin Ted­dy Schol­ten (→ NL 1959) so unter­schied­li­che Künstler/innen zusam­men wie Piet Syb­ran­di, der sich schon 1960 ver­geb­lich am NSF betei­ligt hat­te und auch heu­er den letz­ten Platz beleg­te, und das noch rela­tiv neue Schla­ger­duo The Luck­ber­rys, deren für deut­sche Ohren lus­tig zu lesen­der Titel ‘Mijn Hart klopt alle­en maar voor jou’ die Vor­auswahl nicht über­leb­te und statt­des­sen dem super­pep­pi­gen Rock’n’Roll-Schla­ger ‘Dro­men zijn Bedrog’ den Vor­tritt las­sen muss­te. ‘Träu­me sind Betrug’: ich höre vor mei­nem inne­ren Ohr förm­lich, wie Bernd Mei­nun­ger ob die­ses Schla­ger­text-Sakri­legs in schock­be­ding­te Schnapp­at­mung ver­fällt! Die fünf Vor­run­den­ju­rys stimm­ten im Fina­le gemein­schaft­lich über das Sie­ger­lied ab, und sie tra­fen mit sehr kla­rer Mehr­heit eine in zwei­er­lei Hin­sicht fort­schritt­li­che und muti­ge Wahl. Denn sie ent­schie­den sich den Song ‘Fer­nan­do en Filip­po’, vom nie­der­län­di­schen Kom­men­ta­to­ren beim Euro­vi­si­on Song Con­test als “Par­odie” auf die all­seits belieb­ten und stets kli­schee­trie­fen­den Mexi­ko-Schla­ger ange­kün­digt, mit denen sich der West­eu­ro­pä­er ger­ne mal ein wenig Exo­tik und süd­ame­ri­ka­ni­sche Lebens­freu­de in die Wohn­stu­be hol­te. Die Num­mer eröff­ne­te mit den legen­dä­ren laut­ma­le­ri­schen Text­zei­len “Tong-ki tong ti-ki kong-kong-kong” und lie­fer­te in den Stro­phen auch nicht viel Tief­grei­fen­de­res über den Chi­le­nen Fer­nan­do und sei­nen Neben­buh­ler Filip­po ab. Noch weg­wei­sen­der als die­ser ers­te offi­zi­el­le Come­dy-Song der Grand-Prix-Geschich­te aber war die Wahl sei­ner Inter­pre­tin.

Dahin­ten liegt San Anto­nio, gleich links von der Büh­ne und dann nur ein paar tau­send Kilo­me­ter über den Atlan­tik.

Wei­ter­le­senNL 1966: Oran­je is the new black

ESC 1965: Die Hit­ze der Jungs

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Die Pop-Revo­lu­ti­on

Im zehn­ten Jahr sei­nes Bestehens schien der Euro­vi­si­on Song Con­test end­gül­tig bei sich ange­kom­men zu sein, die gröbs­ten Kin­der­krank­hei­ten eini­ger­ma­ßen aus­ge­merzt: unver­zeih­li­che archi­va­ri­sche Lücken durch eine feh­len­de Auf­zeich­nung der Live-Sen­dung wie noch 1956 und 1964 soll­ten künf­tig nicht mehr vor­kom­men; die Fra­ge, wer auf der Büh­ne die Sie­ges­tro­phäe über­reicht bekommt – Interpret/in oder → Komponist/in – sorg­te nicht mehr für Ver­wir­rung und pein­li­che Situa­tio­nen wie noch 1957; die Wer­tung unter­lag zwar noch stän­di­gen Ver­fah­rens­än­de­run­gen, hat­te sich aber als unver­zicht­ba­rer Teil der Sen­dung eta­bliert; die Zahl der teil­neh­men­den euro­päi­schen Staa­ten zeig­te einen erfreu­lich sta­bi­len Auf­wärts­trend von sie­ben im Anfangs­jahr zu aktu­ell 18 Natio­nen und die BBC hat­te 1963 ers­te Mei­len­stei­ne in Sachen Insze­nie­rung gesetzt, wel­che die im Jubi­lä­ums­jahr erst­ma­li­ge gast­ge­ben­de ita­lie­ni­sche TV-Anstalt RAI aller­dings nicht auf­griff. Viel­mehr wirk­te die Show aus Nea­pel extrem sta­tisch: alle Teilnehmer/innen muss­ten hin­ter einem klo­bi­gen Ste­reo-Mikro­fon Auf­stel­lung neh­men und durf­ten sich so gut wie nicht bewe­gen, wäh­rend die Kame­ras sie über­wie­gend vom Hals auf­wärts ein­fin­gen. Dazu kam eine Beleuch­tung, die so grell wirk­te, als habe sich die RAI für die Ver­an­stal­tung bei der NATO ein Dut­zend Rake­ten­such­schein­wer­fer aus­ge­lie­hen, mit denen man nicht nur das knapp 1.000 gela­de­ne Gäs­te fas­sen­de TV-Stu­dio, son­dern zur Not auch den Nacht­him­mel von ganz Nord­ita­li­en tag­hell hät­te illu­mi­nie­ren kön­nen.

Wegen irgend­wel­cher bescheu­er­ten Copy­right-Scher­gen gibt’s den ESC 1965 lei­der nicht kom­plett am Stück zu sehen, son­dern nur (in Tei­len) als Play­list. Wie oft muss ich es noch beto­nen: wir haben TV-Gebüh­ren bezahlt, die Show gehört uns! 

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ES 1965: Fess­le mich!

Mit einem gera­de­zu gigan­ti­schen Knock-out-Ver­fah­ren bestimm­te der spa­ni­sche Sen­der TVE im Jah­re 1965 sei­nen Euro­vi­si­ons­bei­trag. Begin­nend im Okto­ber 1964, stell­te man der Öffent­lich­keit im Rah­men der wöchent­li­chen TV-Show Gran Para­da ins­ge­samt 54 (!) Lie­der vor. Gegen Ende jedes Monats tra­ten die zurück­lie­gend prä­sen­tier­ten Titel in einem Semi­fi­na­le gegen­ein­an­der an, die bei­den Best­plat­zier­ten gelang­ten ins Anfang Febru­ar 1965 ange­setz­te Fina­le des Euro­fes­ti­val. Zu den so gefun­de­nen acht Bei­trä­gen (oder, genau­er gesagt: sie­ben, denn einen Titel muss­te der Sen­der dis­qua­li­fi­zie­ren) addier­te TVE noch­mal sechs Direkt­star­ter hin­zu, die sich nicht dem Vor­auswahl­ver­fah­ren stel­len muss­ten, dar­un­ter der spä­te­re Sie­ger­song. Im Fina­le ver­ga­ben sech­zehn Juro­ren, dar­un­ter auch aus­ge­wähl­te Zuschauer/innen, pro Wer­tungs­durch­gang jeweils einen Punkt für jedes Lied bis auf eines. Der Bei­trag mit den wenigs­ten Punk­ten flog dann raus, alle ande­ren stell­ten sich erneut zur Wahl. Bereits rela­tiv früh, als Vier­ten von 13 Teilnehmer/innen, traf das Schick­sal den ibe­ri­schen Ver­tre­ter von 1972, Jai­me Morey, mit sei­nem Lied über einen Fla­men­co­tän­zer – einer von zahl­rei­chen Bei­trä­gen, die sich mit gera­de­zu kli­schee­haft spa­ni­schen The­men befass­te. Lei­der sind – bis auf die Medail­len­rän­ge – sämt­li­che Titel des Euro­fes­ti­vals nicht mehr auf You­tube auf­find­bar. Der Bron­ze­platz ging an Rapha­el (→ ES 1966, 1967), der mit den ‘Feri­an­tes’ (‘Rum­mel­platz­be­su­chern’) eine der für ihn so typi­schen hoch­dra­ma­ti­schen Num­mern ablie­fer­te, für wel­che ich die Halb­in­sel im Süden Euro­pas so sehr lie­be.

Irgend­wie möch­te man die gan­ze Zeit “THE RAIN! THE RAIN! DAN­CING!” dazu skan­die­ren: das zweit­plat­zier­te Dyna­mi­sche Duo.

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YU 1965: Immer mehr vom Meer sehn

Es waren in den Sech­zi­ger­jah­ren mehr oder min­der stets die­sel­ben Namen, die auf der Teil­neh­mer­lis­te der jugo­sla­wi­schen Vor­ent­schei­dung auf­tauch­ten. Frü­her oder spä­ter gewann dann auch fast Jede/r von ihnen mal und durf­te den Viel­völ­ker­staat beim Euro­vi­si­on Song Con­test ver­tre­ten. Eine, die das trotz bei­na­he durch­ge­hen­der Prä­senz bei der Jugo­vi­zi­ja nie ganz schaff­te, und das, obwohl sie laut Wiki­pe­dia die erfolg­reichs­te Schla­ger­sän­ge­rin des Bal­kan­staa­tes ist, war Gabi Novak. Klingt ziem­lich ger­ma­nisch, die­ser Vor­na­me, wer­den Sie sich jetzt viel­leicht den­ken, und lie­gen damit völ­lig rich­tig: die gute Gabi kam näm­lich 1936 als Kind eines kroa­ti­schen Vaters und einer deut­schen Mut­ter in Ber­lin zur Welt, von wo die Fami­lie jedoch bei Kriegs­aus­bruch auf die dal­ma­ti­ni­sche Insel Hvar floh. 1965 kam Frau Novak, die im Lau­fe ihrer Jahr­zehn­te umspan­nen­den Kar­rie­re auch in eini­gen Schla­ger­fil­men mit­wirk­te, neben ihrer Brot-Musik aber auch Jazz-Alben ver­öf­fent­lich­te, und die 1973 den Sän­ger­kol­le­gen und Poe­ten Arsen Dedić ehe­lich­te, der für vie­le ihrer Titel kom­po­si­to­risch ver­ant­wort­lich zeich­ne­te, einem Euro­vi­si­ons­auf­tritt so nahe wie nie: mit dem hüb­schen Schla­ger ‘Prvi Sni­jeg’ (‘Ers­ter Schnee’) gelang ihr der zwei­te Platz bei der Jugo­vi­zi­ja und ein Hit im Hei­mat­land.

Lei­der nur als Audio ver­füg­bar: Gabis Ers­ter Schnee.

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NL 1964: Ein Leben in Gefahr

Wie bereits im Vor­jahr ent­schied sich das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen auch 1964 für die inter­ne Nomi­nie­rung einer Reprä­sen­tan­tin, näm­lich der 1942 im damals noch unter hol­län­di­scher Besat­zung ste­hen­den Indo­ne­si­en als Toch­ter eines nie­der­län­di­schen Sol­da­ten und einer ein­hei­mi­schen Mut­ter gebo­re­nen Johan­na Loui­se oder Anne­ke Grön­loh. Die hat­te mit ihren 22 Jah­ren schon eine beweg­te Zeit hin­ter sich: im Zuge der feind­li­chen Über­nah­me der Insel­ket­te durch die Japa­ner im Zwei­ten Welt­krieg war Anne­kes Vater in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gera­ten, auch die Fami­lie leb­te in einem Lager. Nach ihrer Frei­las­sung flo­hen die Grön­lohs vor den indo­ne­si­schen Unab­hän­gig­keits­kämp­fen zurück in die Nie­der­lan­de, wo die jun­ge Johan­na Loui­se die Musik für sich ent­deck­te. 1959 gewann sie einen Talent­wett­be­werb und schon 1960 erziel­te sie mit ihrer aller­ers­ten Sin­gle ‘Asma­ra’ ihre ers­te gol­de­ne Schall­plat­te und einen Num­mer-Eins-Hit – aller­dings nicht zu Hau­se, son­dern auf Malay­sia. Die hei­mi­schen Charts topp­te sie dann 1962 mit ‘Bran­dend Zand’, der (akku­ra­ten) nie­der­län­di­schen Über­set­zung des vom deut­schen Kom­po­nis­ten­team Feltz & Schar­fen­ber­ger geschrie­be­nen Best­sel­lers ‘Hei­ßer Sand’ von Mina (→ Vor­ent­scheid IT 1961), eines wun­der­bar vage gehal­te­nen und viel­fäl­tig inter­pre­tier­ba­ren, hoch­dra­ma­ti­schen Schla­gers, der mir noch heu­te beim Hören ange­neh­me Schau­er über den Rücken jagt und den ich für einen der bes­ten sei­nes Gen­res hal­te. Unnüt­zes Wis­sen 500: eine von Anne­ke selbst ein­ge­spiel­te eng­lisch­spra­chi­ge Fas­sung unter dem Titel Oh Malay­sia dien­te in den Grün­dungs­jah­ren des jun­gen, an Indo­ne­si­en gren­zen­den Insel­staa­tes im süd­chi­ne­si­schen Meer dort als eine Art inof­fi­zi­el­ler Natio­nal­hym­ne. Zu Hau­se folg­te Hit auf Hit und auch im deut­schen Fern­se­hen war Frau Grön­loh mit Schla­gern wie ‘Wenn wir bei­de Hoch­zeit machen’ ein ger­ne gese­he­ner Gast. Zum Zeit­punkt ihrer Direkt­no­mi­nie­rung für den Euro­vi­si­on Song Con­test 1964 konn­te sie also mit Fug und Recht als inter­na­tio­nal erfolg­rei­cher Star gel­ten.

Ohne den Nie­der­län­dern zu nahe tre­ten zu wol­len, aber in der von Mina mit geheim­nis­voll-elek­tri­sie­ren­dem Akzent vor­ge­tra­ge­nen deut­schen Fas­sung kommt das gefahr­voll-düs­te­re Nar­ra­tiv des Tex­tes deut­lich bes­ser zur Gel­tung!

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NO 1964: Für immer jung

Es war eine Art von Lehr­stun­de zum The­ma Genera­tio­nen­kon­flikt, was sich beim nor­we­gi­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid von 1964 abspiel­te. Und was auf sei­ne eher spie­le­ri­sche Wei­se das reflek­tier­te, was in der ech­ten Pop­welt drau­ßen gera­de in Form des mas­si­ven Durch­mar­sches von Bands wie den Beat­les pas­sier­te, beglei­tet von hys­te­ri­schem Ver­hal­ten der jugend­li­chen Fans, die in ihrem Über­mut gan­ze Kon­zert­sä­le zer­leg­ten, sowie vom völ­li­gen Unver­ständ­nis und der schrof­fen Ableh­nung der “lang­haa­ri­gen Gamm­ler” durch die Erwach­se­nen­ge­nera­ti­on, die in ihnen – nicht ganz zu Unrecht – eine Bedro­hung für die bestehen­de gesell­schaft­li­che Ruhe und Ord­nung sah. Lus­ti­ger­wei­se reprä­sen­tier­te beim Nor­ske Melo­di Grand Prix ein Mann gleich bei­de Sei­ten der Medail­le: der nor­we­gi­sche Sän­ger, Musi­ker, Band­lea­der, Kom­po­nist und Musik­pro­du­zent Arne Ben­dik­sen näm­lich, der im Lan­de bereits in den Fünf­zi­gern Erfol­ge als Teil der Band The Monn Keys gefei­ert hat­te und der hier mit einer stel­len­wei­se etwas brü­chi­gen Stim­me den sieg­rei­chen Bei­trag ‘Spi­ral’ inter­pre­tier­te, eine klas­si­sche Big-Band-Melo­die, die eigent­lich nicht wei­ter der Rede wert ist – ein ohne grö­ße­re Schmer­zen anhör­ba­res, wenn­gleich ziem­lich alt­mo­disch wir­ken­des Lied, das als dezent swin­gen­de Begleit­mu­sik für das Super­markt­ra­dio bes­tens geeig­net scheint, das man aber sofort wie­der ver­gisst, sobald es ver­klun­gen ist. ‘Spi­ral’ setz­te sich in der Jury-Abstim­mung mit nur einem ein­zi­gen Pünkt­chen Vor­sprung gegen den unter ande­rem von der sich bereits im gesetz­ten Alter befind­li­chen “sin­gen­den Haus­frau aus Lørens­kog”, Eli­sa­beth Gran­ne­man (→ MGP 1960, 1969) inter­pre­tier­ten ‘God gam­mel fir­kan­tet Vals’, den ‘Guten alten spie­ßi­gen Wal­zer durch, der also – auf eine selt­sam eigeniro­ni­sche Art – sei­ne gera­de in der älte­ren Genera­ti­on viru­len­te nost­al­gi­sche Sehn­sucht nach kon­ser­va­ti­ven Wer­ten bereits im Namen trug. Lus­ti­ges Detail: der Schöp­fer die­ses Spieß­bür­ger-Wal­zers hieß… Arne Ben­dik­sen!

Ein Wer­be­song für ein Emp­fäng­nis­ver­hü­tungs­mit­tel? Das kam beim Grand Prix nur so mit­tel an: Platz 8 für Arne Ben­dik­sen.

Wei­ter­le­senNO 1964: Für immer jung