Jurys sind Wichser

Wie oft müs­sen die Bevor­mun­dungs­or­ga­ne ihre him­mel­schrei­en­de Inkom­pe­tenz noch unter Beweis stel­len, bis sie end­lich wie­der abge­schafft wer­den?

2018, Die Zwanzigzehner, Diese Welt, Internationale Vorentscheidungen, Jurys sind Wichser

San Mari­no: Give me Chan­ce to refi­nan­ce

Eine kostspielige Angelegenheit ist die Teilnahme am Eurovision Song Contest, und gerade die TV-Stationen kleinerer und finanzschwächerer Länder müssen hier oft kreative Wege gehen. So wie die gerade mal 30.000 Einwohner starke Winz-Republik San Marino. Jahrelang ließ man sich dort den Beitrag von Ralph Siegel bereitstellen und bezahlen, was einer gewissen Valentina Monetta (→ SM 2012, 2013, 2014, 2017) zu fragwürdiger Berühmtheit verhalf. In diesem Jahr legte das sanmarinesische Fernsehen die Verantwortung in die Hände des österreichischen Musikproduzenten Christoph Straub, des Vaters von Zoë (→ AT 2016), die ihrerseits als Co-Komponistin an fast allen Titeln des Vorentscheidungsformats 1in360 beteiligt ist. Und gleichzeitig der Jury vorsitzt, die über nämliche Lieder urteilt. Vater Strau...
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Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Mori­tu­ri te salutant!

Zwei Vorentscheidungen vom Wochenende gilt es noch nachzureichen. Die letzte Vorrunde der litauischen Eurovizija vom vergangenen Samstag zeigte sich erstaunlich arm an... - nein, präziser: enttäuschend frei von Durchgeknalltem, wie wir es sonst von dem Baltenstaat kennen und lieben. Am schrägsten vielleicht noch der Auftritt einer gewissen Ofelija, deren rein musikalisch betrachtet (wäre da nur nicht der gräusliche Gesang!) noch nicht einmal schlechtes Elektropopliedchen den Titel 'Butterfly' trug und die sich, wenig überraschend, mit bunten Schmetterlingsflügeln ausgestattet hatte. Die sie allerdings erst nach zwei Minuten zur vollen Pracht entfaltete: zunächst saß sie hinter einer schäbigen Heimorgel, anschließend ließ sie sich von einem tanzenden Pärchen umspringen. Insgesamt vermittelt...
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You­tube-Dra­ma um San Mari­no

Ein gesperrter Youtube-Kanal und öffentliche Anprangerungen auf Facebook: rund um das diesjährige sanmarinesische Vorentscheidungsverfahren 1in360 ist ein hoch unterhaltsamer Zickenkrieg entbrannt. Popcorn bereitgestellt? Gut! Was bisher geschah: bekanntlich entschied sich der Sender der chronisch erfolglosen Miniaturrepublik, die Ermittlung ihres Beitrags für das europäische Wettsingen in Lissabon an die britisch-österreichische Produktionsfirma Naff Naff Ltd. auszulagern. Die eröffnete einen Youtube-Kanal namens 1in360, auf dem jeder, der wollte, ein Bewerbungsvideo hochladen durfte, was natürlich eine Springflut größtenteils tragischer Einsendungen nach sich zog. https://youtu.be/cC_sfbt_rCs Gehört zu den 1in360-Finalist/innen: Jessica Muskat aus Malta (Repertoirebeispiel). (mehr...
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Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Im Schmerz gebo­ren

Es ist eine Gewissensentscheidung, die man als leidenschaftlicher Eurovisionsfan während der Vorentscheidungssaison treffen muss: schaut man Sonntagsabends um 20:15 Uhr weiterhin den Tatort, wie es sich für einen ordentlichen Deutschen verpflichtend gehört? Oder lässt man den kollektiven TV-Gottesdienst sausen, um sich leichtfertig den Verlockungen des rumänischen Vorentscheidungsmarathons, der Selecția Națională (SN) hinzugeben, die seit vorvergangenem Sonntag für eineinhalb Monate zeitgleich läuft? Nun, als echter Connaisseur des Abartigen fällt die Antwort natürlich leicht! Erst recht in diesem Jahr, in dem der Sender des Karpatenstaates aus Anlass des hundertjährigen Geburtstags Rumäniens in seiner heutigen Ausdehnung das Format auf fünf Semifinale mit insgesamt 60 Liedern ausgedehnt h...
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Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Kei­ne Lie­be für Sasha Bogni­bov

Nein, sie werden wohl keine Freunde mehr, die moldawische Gothic-Legende Sasha Bognibov und sein Heimatsender TRM. Seit über einer Dekade reicht der nach seiner Eigenbeschreibung für "Güte und Gerechtigkeit" eintretende Künstler Jahr für Jahr Beitrag um Beitrag zur Melodie pentru Europa, dem Vorentscheid des rumänischen Bruderlandes, ein. Und nicht ein einziges Mal überlebte er die Vorstellungsrunde. So auch 2018: am vergangenen Mittwoch versammelte der Sender alle (!) 27 Bewerber/innen um das moldawische Eurovisionsticket zu den Audițiile, dem öffentlichen Vorsingen, in einer Karaokebar (!) in der Hauptstadt Chisinau. Und obschon Sasha den Liedernachmittag mit seinem aktuellen Song 'Love' eröffnen durfte und eben dieser Beitrag, ein so effektives wie eingängiges Stück musikalischen Weltsc...
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Per­len der Vor­ent­schei­dung: die Nacht der kur­zen Mes­ser

Ein Nachmittag unter der Woche, ein grell ausgeleuchtetes, steril wirkendes Fernsehstudio in Minsk, eine knappe Hundertschaft aufgeregter Amateure, eine ausgesprochen ruppige Jury und jede Menge jaulend schiefer Katzengesänge: verlässlich wie immer erwies sich die vorgestrige Vorauswahlrunde für den weißrussischen Eurovisionsvorentscheid 2018 als klassische Desaster Area. 93 Acts hatten sich beworben, und wie sich das für eine lupenreine Demokratie ziemt, durfte jeder einzelne von ihnen im Belteleradiocompany-Studio vorsingen. Maximal 15, so die Vorgabe, sollte die Jury daraus für das Finale am 16. Februar 2018 auswählen, nur 11 Finalist/innen wurden es tatsächlich. Die Juroren zeigten sich mit einem ausgesprochen dünnen Geduldsfaden ausgestattet: die meisten der hoffnungsfroh Angetretenen...
Die Zwanzigzehner, Internationale Vorentscheidungen, Jurys sind Wichser

Die Schweiz melo­di­fes­ti­va­li­siert ihren Vor­ent­scheid

Es stand zu erwarten: nachdem das Schweizer Fernsehen sich im Juni 2017 als Reaktion auf die fast durchgehend schlechten Ergebnisse der Eidgenossenschaft beim europäischen Wettbewerb in den letzten Jahren einem Eurovisions-Workshop mit den schwedischen ESC-Produzenten Christer Björkman (→ SE 1992) und Martin Österdahl unterzog, präsentierte der SRF heute die wenig überraschenden Ergebnisse des gemeinsamen Brainstormings, welche unter anderem die Einführung einer internationalen Jury beinhalten, wie sie beim von Björkman verantworteten Melodifestivalen schon seit Jahren zum Einsatz kommt. Auch will man, dem deutschen Beispiel folgend, den Fokus bei der Beitragssuche stärker auf das Lied legen und zunächst mit Hilfe einer sowohl mit Musikschaffenden als auch mit Eurovisionsfans besetzten, ru...
2017, Deutsche Vorentscheidung, Die Zwanzigzehner, Diese Welt, Jurys sind Wichser

Die Jury: Power to all my Friends?

Langjährige Leser/innen dieses Blogs werden mit meiner beinahe schon ans Pathologische grenzenden Ablehnung der Jury beim Eurovision Song Contest vertraut sein. Doch bekanntlich ist der Kopf rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Portugiesen Salvador Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neues Licht auf die Frage, ob die Institution in einem gewissen, streng abgegrenzten Rahmen nicht sogar doch ihre Berechtigung haben könnte: bei den nationalen Vorentscheiden nämlich! Man mag es sich kaum ausmalen, aber Europa hätte den wunderbar verschrobenen Jazz-Schlumpf aus Lissabon niemals kennengelernt (und Portugal, das aufgrund seiner chronisch schlechten Ergebnisse erst 2016 eine einjährige Schmollpause einlegte, vermutlich weitere 53 Jahre auf seinen ...
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Fina­le 2017: Gift im Instru­ment

Es war ein denkwürdiger Abend der Verzauberung am gestrigen Samstag in Kiew. Ein Mann schaffte es, einem ganzen Kontinent den Kopf zu verdrehen und Millionen von Menschen tief in ihren Herzen berühren. Und das mit einer extrem zurückgenommenen Inszenierung und einem völlig aus der Zeit gefallenen Lied, das klang, als sei es für eine romantische Filmschnulze aus den Fünfzigerjahren geschrieben worden, bei dem man im eigenen Kopfkino die junge Audrey Hepburn mit tränenvernebeltem Blick durch das schwarzweiß fotografierte Lissabon spazieren sehen konnte. Salvador Sobral, so der Name des koboldhaften jungen Portugiesen, verweigerte sich als Einziger der 26 Finalacts der Nutzung der gigantischen, futuristisch aufgebrezelten Showbühne im Internationalen Ausstellungszentrum der ukrainischen Metro...
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Schwe­den 2017: Hier kommt der Trost­preis

Auch Schweden, spirituelles Mutterland des Eurovision Song Contest, schließt sich 2017 dem europaweiten Vorentscheidungstrend an, bei dem die Jury sich in den meisten Auswahlverfahren, an denen sie beteiligt war, über den Willen der Zuschauer/innen hinwegsetzte. Und, so ungern ich das als bekennender Juryhasser zugebe, zumindest im vorliegenden Fall dabei die bessere Entscheidung traf. Sofern man beim Melodifestivalen 2017 von "besser" sprechen konnte, in dessen Finale sich in diesem Jahr ein ziemlich enttäuschendes Aufgebot versammelte. Als gewissermaßen Einäugiger unter den Blinden gewann mit einem massiven Stimmenvorsprung bei den internationalen Juroren das (beim Publikum drittplatzierte) Botoxgesicht Robin Bengtsson, im letzten Jahr noch Fünfter mit dem Titel 'Constellation Prize' ('T...
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Doch kei­ne Null: Loli­ta Zero ist zurück!

Sehr erfreuliche Nachrichten aus Litauen: nachdem die hier bereits gründlich abgefeierte, fabelhafte Dragqueen Lolita Zero mit ihrem discotastischen Elektrobrett 'Get frighten' vor einigen Wochen in einer der gefühlt 700 Vorrunden (genauer gesagt: dem ersten Viertelfinale) des Nacionalinė Atranka herausflog - und das denkbar knapp bei Punktegleichstand, aber weniger Jurystimmen - und ich den Baltenstaat somit bereits abgeschrieben hatte, sinnierte man beim Sender LTR wohl einige Zeit über einen geeigneten Weg, den schrecklichen Fehler ungeschehen zu machen und die einzige ernsthafte Eurovisionshoffnung des Vorentscheids wieder ins Boot zu holen. Vergangenes Wochenende fand man die Lösung: in einer so überraschend wie kurzfristig angesetzten Internetabstimmung durften Fans aus aller Welt un...
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Est­land 2017: Lost in the Semi

Zeitgleich zum Schweden-Schocker wählten die Esten am gestrigen Samstagabend ihre Vertreter für den Eurovision Song Contest 2017 in Kiew aus. Sie schicken zwei alte Bekannte: Koit Toome vertrat 1998 als damals Neunzehnjähriger das baltische Land bei der Meilenstein-Veranstaltung von Birmingham; bei Laura Põldvere handelt es sich neben Sloweniens Repräsentanten Omar Naber um die zweite Eurovisions-Wiederkehrerin, die beim Grand Prix 2005 bereits an gleicher Stelle - ebenfalls in Kiew - am Start war, seinerzeit als Teil der Girlgroup Suntribe. Gemeinsam präsentiert das Duo mit dem Titel 'Verona' einen gefälligen, rhythmusbetonten Schlager für die Ü-50-Disco, der an manchen Stellen entfernt an die epochemachenden Werke von Modern Talking erinnert und in dem die beiden Protagonisten das Ausein...
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Spa­ni­en: Dele­ga­ti­ons­lei­ter tritt vor­zei­tig zurück

Niemand beherrscht Eurovisionsdrama so gut wie die Iberer! Nach den Tumulten beim spanischen Eurovisionsvorentscheid 2017 rund um die offensichtliche Jury-Schiebung rollte nun ein Kopf: Federico Llano, seit 2002 Delegationsleiter des Landes beim Eurovision Song Contest, trat vorzeitig von seinem Posten zurück, wie Eurovoix heute unter Bezugnahme auf ein spanisches Nachrichtenportal berichtet. Eigentlich wollte er den Job noch bis Juni 2017 machen, wie OnEurope weiß, gab die Delegationsleitung aber nun schon vor Kiew an die Leiterin der Abteilung für Internationale Beziehungen beim Sender RTVE, Ana Maria Bordas, ab. Angeblich seien "persönliche Gründe" und seine Arbeitsbelastung für die Entscheidung ausschlaggebend. Das glaube allerdings, wer will. Die Ereignisse des iberischen Finales vom ...
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Ukrai­ne 2017: the Ant is near

Das diesjährige Gastgeberland Ukraine läuft wohl keine Gefahr, den Wettbewerb auch 2018 organisieren zu müssen (höre ich da ein erleichtertes Aufatmen in der internationalen Fangemeinde?), denn es entschied sich am heutigen Abend für zwar ausgesprochen professionell ins Bild gesetzten, musikalisch aber unerträglich langweiligen Seichtrock. O.Torvald (jawohl, ohne Leerzeichen, dafür war wohl kein Geld mehr da) nennt sich das optisch ganz ansprechende Softrockquintett, und es inszenierte sein lahmes Geplodder mit dem beim Song Contest bislang noch nie dagewesenen Titel 'Time' inhaltlich passend als düsteres Endzeit-Setting. Derangiert, mit aufgemalten Schrammen und aufgerissenen T-Shirts stehen die Torwälder auf der Bühne, aus ihrer Brust ragen die Displays von Zeitzündern, welche die noch v...
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Mol­da­wi­en 2017: nicht von der Mut­ter befin­gern las­sen!

Just zur gleichen Zeit, als die versammelte Schwuppenschaft Europas vor dem Melodifestivalen-Livestream angesichts des Auftritts Ihrer Hoheit Loreen feuchte Höschen bekam, schlossen sich die Moldawier/innen heute Abend den Slowenen an und entschieden sich, ebenfalls alte Bekannte zum Eurovision Song Contest 2017 zu schicken: das Sunstroke Project (→ MD 2010, Vorentscheid 2012) löste das Ticket nach Kiew mit dem mittelprächtigen Dance-Pop-Song 'Hey Mamma'. Das Trio schaffte dies aufgrund der Liebe des Publikums: mit etwas über 1.500 (!) Anrufen erhielten sie in etwa so viel Zuspruch wie die restlichen sieben Konkurrent/innen zusammen und gut drei Mal so viele Stimmen wie das zweitplatzierte Muttis-in-Trachten-Quartett Ethno Republic, welches die Jury gerne nach Kiew geschickt hätte. Doch im...
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Slo­we­ni­en 2017: die Rück­kehr des Jugo-Rob­bie

Bei manchen Ländern fragt man sich doch, warum sie überhaupt noch scheinbar öffentliche Vorentscheidungen abhalten, wenn sie ihren Vertreter doch ohnehin längst intern bestimmt haben. So wie heute Abend bei der slowenischen EMA: dort entschied sich das Publikum mit großer Mehrheit für das aus zwei Brüdern bestehende Wortspiel-Duo BQL (gesprochen: "be cool") mit dem musikalisch zwar nicht sonderlich originellen, aber zumindest extrem eingängigen Midtemposong 'Heart of Gold', eines der wenigen Lieder diesen Abends (und Jahrganges), das tatsächlich über einen erkennbaren Refrain verfügte. Doch die kostenpflichtigen Anrufe hätten sich die Slowenen (wie immer) sparen können: die Jurys werteten die beiden charmanten Jungs, deren Verwandtschaft auch stimmlich unverkennbar schien, vorsichtshalber ...
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Drit­ter Super­sams­tag 2017: extrem hete­ro­se­xu­ell

Es war mal wieder ein Abend der eurovisionären Überforderung gestern: neben den gleich drei finalen Entscheidungen in Ungarn, Malta und Polen liefen zeitgleich noch fünf (!) weitere Vorrunden und Semis. Und in den meisten von ihnen fielen ähnlich deprimierende Fehlentscheidungen. Das begann bereits im schwedischen Växjö, wo das bislang schwächste Viertelfinale des Melodifestivalen mit durch die Bank völlig egalen Beiträgen über die Bühne ging und wo die wunderbare, quirlige Krista Siegfrids (→ FI 2013) mit dem wunderbaren, quirligen Mello-Schlager 'Snurra min jord', fraglos dem einzigen guten Song des gesamten Abends, unfassbarerweise auf dem letzten Platz landete. Und das trotz vorschriftsmäßiger Choreografie mit Hologramm und Haarschüttelbeuge, schwedischer Sprache, des für deutsche Ohre...
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Polen 2017: die Krä­he auf dem Draht­seil

Für einen kleinen Moment glimmte noch schwach Hoffnung auf, als das polnische Fernsehen bei der heutigen Eurovisionsvorentscheidung Krajowe Eliminacje einen Schnelldurchlauf der bereits in den anderen europäischen Nationen ausgewählten Grand-Prix-Beiträge zeigte. Würden, so wie bei Unser Song 2017, als diese Werkschau für einen plötzlichen, dramatischen Stimmungsumschwung hinsichtlich des auszuwählenden Lieds sorgte, auch die Polen instinktiv begreifen, dass die Quote für düstere, dramatische Balladen im Jahrgang 2017 bereits deutlich übererfüllt ist? Um es kurz zu machen: sie taten es nicht. Übereinstimmend bestimmte die fünfköpfige, zu 50% wertungsberechtigte Jury die hagere Blondine Kasia Moś mit ihrem nervtötenden (wenn auch sauber intonierten) Geschrei über eine 'Fleshlight', Verzeihu...
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Ungarn 2017: Die Wagen so bunt, die Pferd­chen so zot­tig

Die Magyaren haben gewählt. Oder, um genauer zu sein: sie wählten aus dem, was die Jury ihnen übrig ließ. Die holzte den in der Endrunde des heutigen A Dal-Finales alleine abstimmungsberechtigten Zuschauer/innen im ersten Durchgang gezielt ihre bisherigen Favoriten weg, das Trio Toyota Totova nämlich, das zum noch nicht mal notdürftig kaschierten Bühnenhintergrund von Jamalas '1944' einen äußerst zähen, anstrengenden Song in die Gegend brüllte. Und auch wenn ich die krasse Bevormundung durch die Juroren natürlich als undemokratisch geißeln muss: inhaltlich bin ich schon froh, dass uns das erspart blieb. Unter den verbliebenen Titeln entschieden sich die Ungarn dann für den interessantesten. Um mich selbst zu zitieren: ‚Origo‘ von Joci Pápai (der Gewinnertitel) verknüpft sehnsuchtsvolles zi...
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Spa­ni­en 2017: ein aus­ge­buh­ter Sie­ger

Tumultartige Szenen spielten sich heute früh im Finale der spanischen Vorentscheidung Objetivo Eurovisión ab, wie Eurofire berichtet (ich selbst konnte die Sendung dank eines zickigen, auf meinem Rechner ums Verrecken nicht funktionierenden Livestreams leider nicht mitverfolgen - "danke" nochmal an die EBU für die Entscheidung, die nationalen Finale nicht mehr auf eurovision.tv zu übertragen!). Denn es kam mal wieder zum klassischen Patt zwischen der Jury und dem Publikum. Das favorisierte klar die Sängerin Mirela und ihren (zugegebenermaßen extrem eurovisionsklischeehaften, aber wenigstens flotten) Grand-Prix-Schlager 'Contigo'. Von den drei Juror/innen hingegen stand eine ebenfalls auf der Seite Mirelas, zwei aber bevorzugten den (im Televoting nur drittplatzierten) zwanzigjährigen Surfe...
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Ers­ter Super­sams­tag 2017: von Mit­leid, Spaß und Prolls

Einen Akt des Mitleids begingen die ungarischen Zuschauer/innen am gestrigen ersten großen Supersamstag, an dem gleich vier nationale Vorrunden parallel liefen (ganz im Ernst: kann das niemand bei der EBU mal koordinieren?). Die dürfen beim dortigen A Dal bekanntlich, nach dem die Juroren aus zehn Bewerber/innen fünf Semifinalisten herausgepickt haben, einen sechsten "retten". Und diesmal gingen ihre Stimmen an den letztplatzierten Act im Juryvoting, nämlich die Band Soulwave. Deren juveniler, leichenblasser Leadsänger schaute aber auch während seines Auftritts in die Kamera wie ein Rehkitz auf der nächtlichen Bundesstraße in die Scheinwerfer des heranbrausenden Landrovers, der ihm gleich die Lichter ausbläst. Und nicht nur in seinem Blick konnte man die schiere Angst erkennen, sondern auc...
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Finn­land 2017: Ihr habt wohl einen Vogel!

Man muss die Finnen schon bewundern, ganz ehrlich. Und zwar für ihre Hingabe an den kosmischen Strom der Gegebenheiten. Führt man sich die aktuelle politische Weltlage mal kurz vor Augen, mit einem dünnhäutigen, mental retardierten Psychopathen im Weißen Haus, allen Anzeichen eines möglichen Auseinanderbrechens der EU und den anhaltenden Wahlerfolgen der Neofaschisten in Europa, so muss man unweigerlich Schmerz und Verzweiflung empfinden. Und sehr schlechte Laune bekommen. Wie stark ist da die Versuchung, sich wenigstens beim Eurovision Song Contest mit fröhlichem Liedgut, lustigen Kostümen und bunten Shows für ein paar Stunden abzulenken und die Realität zu verdrängen. Stoff genug hierfür stand beim heutigen Vorentscheid UMK zur Auswahl: gleich drei schmissige Uptemponummern mit eingängig...
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Groß­bri­tan­ni­en 2017: so klingt der Bre­x­it

Gespannt durfte man im Vorfeld der britischen Vorentscheidung 2017 sein, ob das Königreich die (nicht zu vergessen: im Lande selbst höchst umstrittene) kulturelle, politische und wirtschaftliche Abspaltung von Europa auch beim Eurovision Song Contest durchziehen würde. Nach dem heutigen Abend muss man sagen: hell, yes! Der Einmarsch der sechs komplett egalen Finalist/innen von Eurovision: you decide, allesamt zu Recht gescheiterte X-Factor-Teilnehmer/innen, fand zu den Klängen von Lenas 'Satellite' (→ DE 2010) statt; als Gaststar eröffnete der Norweger Alexander Rybak (oder, wie Moderatorin Mel Giedroyc den Sieger von 2009 ansagte: "Reibach") mit der gefühlt sechshundertsten Aufführung von 'Fairytale' den Abend; den Pausenact während der Abstimmungsphase übernahm die von Sparzwängen gebeut...
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Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Tanz den Horn, Mut­ter­söhn­chen!

Welch ein ereignisreiches Eurovisionswochenende! Es begann mit einem leider sehr traurigen Ereignis: nachdem in der Nacht von Freitag auf Samstag in der Nähe der italienischen Stadt Verona ein Reisebus mit ungarischen Schüler/innen verunglückte, verhängte die magyarische Regierung angesichts von 16 Todesopfern verständlicherweise Staatstrauer, woraufhin die eigentlich für Samstagabend geplante zweite Vorrunde der heimischen Eurovisionsvorentscheidung A Dal bis auf Weiteres um eine Woche verschoben wurde. Neben dieser Tragödie und den bereits verbloggten zwei nationalen Endausscheidungen vom Samstag in Weißrussland und Georgien blieb kaum noch Zeit für eine Sichtung der bereits am Freitagabend veröffentlichten zwölf Songs des für den 11. März 2017 terminierten isländischen Söngvakeppnin, di...
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Weiß­russ­land 2017: das fein­ge­stimm­te Navi der Jury

Auffälliger hätte die Schiebung durch die international besetzte, sendereigene Jury beim gestrigen Vorentscheid in "Europas letzter Diktatur" Weißrussland nicht ausfallen können. Nach der Vorstellung aller 13 Wettbewerbstitel lag nämlich das Bübchenduo Provokatsiya, eine Art Bros-Gedächtnisband, mit dem entsetzlichen 'My Love' in der SMS-Abstimmung mit weitem Abstand vorne, und das trotz des ohrenbetäubend jauligen, völlig schiefen Gewinsels der beiden Milchfläume, die jedoch zuvor wohl irgendeine Kinder-Castingshow gewannen und auf unermüdlich votende pubertäre Mädchen setzen durften. Doch im Anschluss an die Bekanntgabe dieses Zwischenstands schob der belarussische Sender einen endlos langen Pausenblock mit mindestens 13 weiteren Überbrückungsliedern ein (darunter die neueste Single des ...