Die Schweiz melodifestivalisiert ihren Vorentscheid

Es stand zu erwarten: nachdem das Schweizer Fernsehen sich im Juni 2017 als Reaktion auf die fast durchgehend schlechten Ergebnisse der Eidgenossenschaft beim europäischen Wettbewerb in den letzten Jahren einem Eurovisions-Workshop mit den schwedischen ESC-Produzenten Christer Björkman (→ SE 1992) und Martin Österdahl unterzog, präsentierte der SRF heute die wenig überraschenden Ergebnisse des gemeinsamen Brainstormings, welche unter anderem die Einführung einer internationalen Jury beinhalten, wie sie beim von Björkman verantworteten Melodifestivalen schon seit Jahren zum Einsatz kommt. Auch will man, dem deutschen Beispiel folgend, den Fokus bei der Beitragssuche stärker auf das Lied legen und zunächst mit Hilfe einer sowohl mit Musikschaffenden als auch mit Eurovisionsfans besetzten, rund zwanzigköpfigen Auswahljury voraussichtlich sechs möglichst wettbewerbsfähige Titel für die Entscheidungsshow am 4. Februar 2018 finden.

Der schweizerische Bibo von 2017 musste im Semifinale Federn lassen.

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Neues von Damals: Lugano zahlte für den ersten ESC

Womit wäre die eurovisionäre Sommerpause besser zu überbrücken als mit Meldungen aus der reichhaltigen Geschichte des Wettbewerbs? So ist es dem schottischen Eurovisionsfan David A. Allen nach hartnäckigem Drängen gelungen, lange Zeit verschollene Dokumente aus dem Stadtarchiv von Lugano auszugraben, wo 1956 die Premiere des europäischen Gesangswettbewerbs über die Bühne ging. Und zwar deswegen, weil die Schweiz als neutrales Land im Zweiten Weltkrieg weitestgehend verschont blieb und seinerzeit über die intakteste und fortschrittlichste TV-Infrastruktur verfügte. Da der Song Contest auch eine Leistungsschau des Fernsehens sein sollte, fiel die Wahl beim konstituierende EBU-Eurovisions-Treffen in Rom im Oktober 1955 dementsprechend auf die Eidgenossen. Die gaben die Stafette an den Sender ihres italienischsprachigen Landesteils, Radio Svizzera Italiana (RSI) weiter, der den Unterlagen zufolge nicht nur das Sendeformat und die Regeln des Premierenwettbewerbs völlig eigenständig und ohne Vorgaben aus Genf entwickeln, sondern auch eine geeignete Location finden musste. Die größte Stadt des malerischen Tessin, eines der beiden italophilen Landesteile der Schweiz, griff dem Sender dabei großzügig unter die Arme: nicht nur stellte sie das Theatro Kursaal mit dem angeschlossenen Kasino für die Show und die After-Show-Party kostenlos zur Verfügung und organisierte verbilligte Hotelzimmer für die anreisenden Delegationen, sie steuerte auch 7.000 Schweizer Franken – und damit rund ein Siebtel der avisierten Kosten – zum Budget bei, seinerzeit eine Menge Geld (den Löwenanteil von 30.000 Franken teilten sich RSI und das Schweizer Fernsehen). Im Gegenzug versprach RSI der 60.000-Einwohner-Gemeinde eine Steigerung der touristischen Bekanntheit des grenznahen Seeanrainerstädtchens: „Der Name Lugano wird nicht nur in den nationalen Vorentscheidung Erwähnung finden – das TV-Finale wird die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen auf Lugano lenken,“ so stehe es in den Unterlagen.

(c) Vincenzo Vicari / David A Allen. Hier ein Foto vom Auftritt von Michele Arnauld (LU).

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Armenien 2017: Flying high in Yerevan

Der diesjährige Diva-Award für den unnötig dramatischsten Auftritt geht zweifelsfrei an Armenien: erst am gestrigen Samstag, sechs Tage nach der Deadline für das Einreichen der Wettbewerbsbeiträge für den Eurovision Song Contest 2017 bei der EBU, präsentierte das armenische Fernsehen den Song der bereits zu Weihnachten 2016 über eine monatelang laufende Castingshow als Repräsentantin des Landes ausgewählten Artsvik Harutyunyan endlich der bereits voller Ungeduld mit den Hufen scharrenden Weltöffentlichkeit. Hat sich das lange Warten auf ‚Fly with me‘, so der Titel des ethnolastigen Uptemposongs, mit dem alle 43 Lieder für Kiew nun komplettiert sind, denn wenigstens gelohnt? Nunja, bedingt. Zwar weiß das artifizielle Stück mit seiner spannenden und anspruchsvollen Mixtur aus orientalischen Anklängen und sphärischen Elektrosounds durchaus zu gefallen, gibt aber zugleich eine Art von Versprechen ab, das es nicht einzulösen vermag. Man hört irgendwie Ofra Haza (→ IL 1983) über die Tonspur von Loreens ‚Statements‘ (→ SE Vorentscheid 2017) singen, was zumindest erklärt, warum sich Artsvik das Melodifestivalen-Logo auf das Kleid nähen ließ, obschon ihr Beitrag nicht aus schwedischer Feder stammt, sondern vom selben heimischen Komponisten-Ehepaar, das bereits für ‚LoveWave‘ (→ AM 2016) und ‚I’m not alone‘ (→ AM 2014) verantwortlich zeichnete. Und man fühlt sich angenehm unterhalten, wartet zugleich jedoch die ganze Zeit darauf, dass es nun endlich richtig losgeht. Oder anders gesagt: der Song klingt wie ein dreiminütiges, hochgradig anregendes Vorspiel, das jedoch genau an der Stelle endet, wo es zum eigentlichen Geschehen überleiten sollte. Als Zuhörer fühlt man sich gewissermaßen angetriggert, aber dann um den Höhepunkt betrogen. Und das passt ja nun wieder zum divaesken Auftritt Armeniens.

Ein Meisterwerk der Haarkunst: Artsviks Teppichklopfer-Zopf und die Bärte ihrer Propheten (AM)

Bulgarien 2017: Generation Lys Assia

Heute gab der bulgarische Sender BNT endlich seinen Vertreter beim Eurovision Song Contest 2017 in Kiew bekannt, den erst siebzehnjährigen (und bedeutend jünger aussehenden) Kristian Kostov. Das Schockierende daran: der frühere Finalist der russischen Castingshow The Voice Kids (sein Mentor damals: Dima Bilan [→ RU 2006, 2008]) ist ein Kind dieses Jahrtausends, er kam am 15. März 2000 als Sohn eines bulgarischen Vaters und einer kasachischen Mutter zur Welt (und es nerve mich bitte niemand in den Kommentaren damit, dass das 21. Jahrhundert kalendarisch erst 2001 begonnen habe: das interessiert keine Sau!). Während lebensältere Grand-Prix-Fans wie der Blogger, die damit offiziell der Generation Lys Assia angehören, nun erst mal ihre Midlife-Crisis pflegen müssen, freut sich der Dreikäsehoch mit der charakteristischen Zahnlücke über seinen Song, wie er eurovision.tv verriet: „Beautiful Mess‘ ist mein erstes Lied mit einer tieferen Bedeutung. Meine Zukunftsvision ist es, dass meine Projekte tatsächlich Sinn machen, daher ist es für mich ein Schritt in die richtige Richtung“. Ein großer Schritt für ihn, ein kleiner für die Menschheit!

So jung und schon so Tim Bendzko: das Bulgaren-Bübchen Kristian Kostov

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Russland 2017: eine Wunderwaffe auf Rädern

Hut ab vor diesem Schachzug! Überschlugen sich zuletzt die durch entsprechende Forderungen vonseiten der Politik genährten Spekulationen, Mütterchen Russland würde am Eurovision Song Contest 2017 in der Ukraine aufgrund der Feindschaft der beiden sich im Krieg befindlichen Länder nicht teilnehmen, so beendete der verantwortliche Sender Kanal 1 diese heute Abend erfreulicherweise mit der Präsentation des Beitrags ‚A Flame is burning‘, einer geradezu prototypisch generischen Sülzhymne, wie sie abgeschmackter kaum sein könnte. Wäre da nicht die Interpretin, die 28jährige, an den Rollstuhl gefesselte Julia Samoilova, die schon 2013 in der russischen Variante der Castingshow X-Factor mit einer fantastischen Rendition von ‚Molitva‘ (→ RS 2007) und natürlich ihrer persönlichen Geschichte eine Nation berührte: gesund geboren, verlor sie, wie Wiwibloggs unter Berufung auf ihre Website berichtet, angeblich als Folge eines Impfschadens die Kontrolle über ihre Beine und sei seither gelähmt. Von der Schulmedizin aufgegeben, hätten sie ihre wohlmeinenden Eltern zunächst von Wunderheiler zu Scharlatan gezerrt. Doch erst, seit sie sich der Musik zuwendete und alle Behandlungen stoppte, gehe es ihr wieder besser, so die Story, die fast schon zu kitschig klingt, um wahr zu sein.

So geht Abrüstung auf menschliche Art: Julia Samoilova (RU)

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San Marino 2017: Oops, they did it again!

Oh! Mein! Gott! Sie sind tatsächlich zurück! Vor wenigen Minuten stellte das sanmarinesische Fernsehen seinen Beitrag zum Eurovision Song Contest 2017 vor, nachdem man bis zuletzt geheimnisvoll tat und lediglich das Gerücht streute, ein „international bekanntes“ Duo, bestehend aus einem EU- und einem Nicht-EU-Partizipanten, werde die Miniaturrepublik vertreten. Und das stimmt auch, ein bisschen: der mittlerweile in Deutschland lebende, gebürtige US-Amerikaner Jimmie Wilson (noch nie von ihm gehört!) und die Eurovisionslegende Valentina Monetta (→ SM 2012, 2013, 2014) treten mit einem schmissigen, hoffnungslos campen Eurodance-Schlager namens ‚Spirit of the Night‘ an. Das im Münchener Schickeria-Schuppen P1 gedrehte Video bebildert eine zarte Disco-Romanze zwischen der rothaarigen Grand-Prix-Queen und dem schwarzen, deutlich jüngeren Sänger. Und natürlich stammt die Nummer aus der Feder von Ralph Siegel und klingt genau so, wie sich ein alternder Grandseigneur wohl einen jugendlichen Clubabend vorstellt. Mit klassischem Aufbau, bollernden Beats, amtlicher → Rückung und dem vollem Programm! Und was soll man sagen: genau so einen unfreiwillig unterhaltsamen Beitrag hat dieser Jahrgang dringend gebraucht! Danke also an unseren allerliebsten Eurovisions-Opi, der dann doch noch mal das von SMTV gerüchtehalber geforderte Startgeld in Höhe von einer halben Million locker machte und ohne den ein Grand Prix kein richtiger Grand Prix wäre. Und danke an Valentina Monetta, die ja eigentlich nie wieder etwas mit der Veranstaltung zu tun haben und endlich wieder Jazz singen wollte, jetzt aber auf alle künstlerische Integrität scheißt und uns nochmal auf das Königlichste unterhält. Wie wunderbar!

Samantha Fox hat angerufen und will ihren Titel zurück (SM)

Siegel zurück in San Marino! Wie geil ist das denn?

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Mazedonien 2017: eindeutig unterdosiert

Überall das Gleiche: große Teile des Songschreiber- und Produzententeams, die für den serbischen Eurovisionsbeitrag 2017 verantwortlich zeichnen, beteiligten sich auch an dem bereits am Freitagabend vorgestellten mazedonischen Wettbewerbssong ‚Dance alone‘. Und die musikalische Verwandtschaft hört man ziemlich deutlich. Allerdings scheint das kleinere Land hier die hübschere Tochter abbekommen zu haben, denn wo ‚In too deep‘ arg seicht und ziellos vor sich hinplätschert, da vermag ‚Dance alone‘ durch einen verhältnismäßig süffigen Refrain und einen relativ ordentlichen Schub zu punkten. Und auch die kräftig verzerrte Stimme der entfernt an solche Elektro-Heldinnen wie Anne Clark oder Beth Ditto erinnerden, schon im vergangenen, gefühlt also mehrere Jahrhunderte zurückliegenden November 2016 intern ausgewählten Interpretin Jana Burčeska verleiht der Nummer einen eigenen Flair. Jedenfalls versprüht der mazedonische Beitrag im Gegensatz zu seinem serbischen Gegenpart deutlich mehr Lebensfreude, obgleich der begleitende Videoclip, in dem sich die Protagonistin, eine abgekämpfte Hausfrau im Klimakterium, mittels virtueller Realität in ihre Jugendzeit zurückversetzt, eine andere Sprache spricht. Ganz am Schluss sitzt aber auch die adoleszente Jana alleine und niedergeschlagen auf dem abgerammelten Sofa, und das passt ganz gut, weil der Song auf den letzten Metern ebenfalls ziemlich traurig ausfranst, so als sie die Wirkung der eingeworfenen chemischen Stimulanzien einen Tick zu früh verpufft. Und so hinterlässt der mittelprächtige Beitrag am Ende ein irgendwie unbefriedigendes Gefühl, auch wenn er den innerbalkanischen Zweikampf locker gewinnt.

Tanz, kleiner Waschbär, dreh Dich im Kreise (MK)

Schafft es Mazedonien mit Jana ins Finale?

  • Ich denke doch. Das ist ein hübsches Uptempostück, das sollte reichen. (85%, 67 Votes)
  • Nein, das kann nicht überzeugen. (9%, 7 Votes)
  • Ich mag's aber ich hab wenig Hoffnung. Dafür ist die Konkurrenz zu hart. (6%, 5 Votes)

Total Voters: 79

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Aserbaidschan 2017: Them Bones

Auch die Erdöldiktatur vom Kaspischen Meer stellte gestern ihren Wettbewerbsbeitrag für den Eurovision Song Contest 2017 in Kiew vor. Der nennt sich ‚Skeletons‘, präsentiert sich als vielschichtiger, spannend gemachter, mittelschneller, düster-sphärischer Popsong aus bewährt aserischwedischer Gemeinschaftsproduktion, gesungen von der bereits im vergangenen Jahr intern ausgewählten Diana Hajiyeva alias DiHaj. Die präsentiert sich im dazugehörigen Videoclip als ziemlich unnahbar, was aber ganz gut zu dem Song passt, der mit einer verhalten-dunklen Strophe anfängt und im Refrain zu einem atmosphärisch dichten Chorgesang auffräst, wobei Diana und ihre Hintergrunddamen völlig verschiedene Lyrik-Linien übereinander singen, was mir sehr gut gefällt. Ein wenig irritiert indes die einleitende, grammatikalisch falsche Textzeile „I’m a Skeletons“, denn auch wenn Tijana ausschließlich aus Haut und Knochen besteht, fällt es schwer zu glauben, dass sie gleich mehrere Skelette in sich beherbergt. Oder spricht sie da auf einer spirituellen Ebene? Denn ebenso schwer fällt es, zu glauben, dass ein solcher Lapsus bei einer dermaßen internationalen, hochwertigen Produktion (vom gleichen Team, das bereits den furchtbaren, aber siegreichen Song ‚Running scared‘ [→ AZ 2011] verbrach) unbeabsichtigt durchgerutscht sein sollte. Hat man sich beim falschen Mehrzahl-S also etwas gedacht, was sich dem Rezensenten verschließt? Wer zur Aufklärung beitragen kann: bitte in die Kommentare!

Auf der Knochenjagd: DiHaj (AZ)

Kommt Aserbaidschan damit ins Finale?

  • Ja, und zwar zu Recht. Die Nummer ist echt gut! (54%, 37 Votes)
  • Ist das eine Scherzfrage? Es ist Aserbaidschan, also ja. (29%, 20 Votes)
  • Ich bin noch nicht überzeugt, dass das live auch so gut klingt. Also abwarten. (17%, 12 Votes)

Total Voters: 69

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Serbien 2017: Birds are falling from the Skies

Nachzureichen gibt es noch ein paar gestern bzw. sogar schon am Freitag vorgestellte Beiträge vom Balkan, wo man sich durch die Bank für intern ausgewählte Repräsentant/innen entschieden hatte. So wie in Serbien, wo Tijana Bogićević, ihres Zeichens ehemalige Chorsängerin bei Nina (→ RS 2011), den Beitrag des recht erfolgreichen Eurovisionslandes singt. Der heißt, wie wir nun wissen, ‚In too Deep‘, ist eine schwediserbische Koproduktion, dessen Team auch schon für Poli Genovas ‚If Love was a Crime‘ (→ BG 2016) verantwortlich zeichnete und erweist sich im Gegensatz zu diesem Titel leider als recht belanglos vor sich hin plätschernder Uptempo-Albumtrack ohne jeglichen musikalischen oder gesanglichen Höhepunkt. Tijanas per Autotune glattgebügelte, austauschbare Stimme schwebt süßlich über der in Ansätzen sphärischen Nummer, zu der man sanft mitwippen kann, die aber keinerlei Begeisterungsstürme auszulösen vermag. Im dazugehörigen Videoclip, von dem vor allem der athletische, wie aus Stein gemeißelte Körper des halbnackten Tänzers in Erinnerung bleibt, präsentiert sich die blass bleibende Sängerin als in einem Vogelreif sitzender, trauriger Papagei im PVC-Body. Das ist alles ganz nett, zieht sich aber dennoch gefühlt deutlich länger als drei Minuten dahin und reicht ganz sicher nicht für den vom serbischen Sender bereits herbeiphantasierten erneuten Eurovisionssieg.

Einmal von der Vogel-Stange: Tijana (RS)

Kommt Serbien mit Tijana ins Finale?

  • Selbstredend, weil Serbien. Der Song hätte es aber nicht verdient. (44%, 33 Votes)
  • Nein, das ist einfach zu lahm und glanzlos. (37%, 28 Votes)
  • Natürlich, und zu Recht. Das ist ein moderner, gut gemachter Popsong. (19%, 14 Votes)

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Litauen 2017: Every Song is a Cry

Unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit ging am gestrigen Samstagabend ebenfalls die schier unendliche Geschichte des litauischen Eurovisionsvorentscheids 2017 zu Ende. Nach insgesamt zehn Runden setzte sich in der finalen Sendung der Eurovizija das dreiköpfige, seit 2004 in wechselnden Zusammensetzungen bestehende Musik-Kollektiv Fusedmarc mit den Stimmen der Jury und der Zuschauer/innen gegen die langwöchige Favoritin Aistė Pilvelytė mit ihrem von Aminata (→ LV 2015) geschriebenen Wolfslied durch und ließ auch den einzigen einigermaßen erfolgversprechenden Trash-Titel ‚Get frighten‘ der ursprünglich bereits abgewählten, in letzter Sekunde jedoch per Wildcard wieder hinzugefügten Turbo-Dragqueen Lolita Zero weit abgeschlagen hinter sich. Warum, bleibt allen Nicht-Litauer/innen ein völliges Rätsel: da steht eine zierliche Frau mit einem strengen Kugelzopf im roten Kleid auf der Bühne und schreit disharmonisch zu einem im Hintergrund ziellos vor sich hin puckernden Elektrotrack, als gingen ihr gerade ein paar Nierensteine ab. Eine Revolution will sie auf uns herabregnen lassen, so nölt sie, und es klingt nach einer Drohung. Zumal unklar bleibt, woraus diese bestehen soll: aus der ersatzlosen Streichung solcher überkommenen und ewiggestrigen Konzepte wie das eines wahrnehmbaren Refrains oder eines Gesangs, der beim Zuhörer keine unmittelbaren Ohrenschmerzen auslöst? Eigentlich will man das als ignoranter Westeuropäer aber auch gar nicht so genau wissen, sondern den nach ermüdend zähem Prozess nun endlich ausgewählten, ebenso ermüdend zähen Titel ‚Rain of Revolution‘ nur noch flugs in die hoffentlich ausbruchssichere Kiste mit der Aufschrift „hoffnungsloses Füllmaterial für die Qualifikationsrunde“ packen, in der sicher nicht unbegründeten Hoffnung, den Song nur noch ein einziges Mal bei seinem Semifinalauftritt hören zu müssen und dann für immer vergessen zu können.

Keine Revolution: Kon-Fusedmarc schreien für Litauen

Hat Litauen dieses Jahr eine Chance aufs Finale?

  • Natürlich nicht. Wie man zehn Wochen brauchen kann, um so einen Müll auszuwählen, bleibt wohl das Geheimnis der Balten. (85%, 82 Votes)
  • Ja, das geht natürlich nicht so leicht ins Ohr wie Helene Fischer. Der Musik-Connaisseur weiß das aber zu schätzen und wird es ins Finale wählen. Hoffentlich. (15%, 14 Votes)

Total Voters: 96

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