ESC 2017 Kiew

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Das IEC Kiew

In Kiew fand er statt, der Eurovision Song Contest 2017. Sechs Städte hatten sich nach Jamalas nicht ganz unumstrittenem Sieg beim ESC 2016 um die Austragung beworben, drei davon kamen in die engere Wahl: Dnipro, Odessa und eben Kiew. Zwischen der Schwarzmeermetropole und der Hauptstadt der Ukraine entspann sich ein harter politischer Kampf: sowohl der Gouverneur des Regierungsbezirks Odessa und ehemalige georgische Regierungschef Michaeil Saakaschwili als auch der Oberbürgermeister von Kiew und frühere Boxer Vitali Klitschko fochten hinter den Kulissen mit harten Bandagen, so dass sich die Entscheidung ewig lange hinzog. Die für ihre Schönheit (und die ihrer Matrosen) gerühmte Hafenstadt zog letztlich den Kürzeren, wobei sich, neben logistischen Gründen, vor allem die politische Instabilität der nahe zur Krim gelegenen Region mit ihrem hohen russischstämmigen Bevölkerungsanteil als ausschlaggebend erwies. Doch auch nach dem Plazet für Kiew ging es nicht voran: aufgrund finanzieller und bürokratischer Hürden schmiss im November 2016 zunächst der Chef des ukrainischen Senders NTU (mittlerweile: UA:PBC) den Bettel hin. Im Februar 2017 folgten eine Reihe von Mitarbeitern des ESC-Organisationsteams seinem Beispiel, weil die Vorbereitungsarbeiten stockten und entscheidende Verträge mit externen Dienstleistern noch immer nicht abgeschlossen waren. Einer der Gründe: die strikten staatlichen Vergaberegeln, mit denen die Ukraine versucht, ihr massives Korruptionsproblem in den Griff zu bekommen.

Herr Klitschko sorgt persönlich für die Sicherheit der ESC-Fans in Kiew.

Als Austragungsort wählte man das im Jahre 2002 erbaute, rund 11.000 Besucher/innen fassende Internationale Ausstellungszentrum (IEC) Kiew. Anders als ursprünglich geplant, stand die im Bewerbungsvideo opulent in Szene gesetzte Sankt-Sophia-Kathedrale, mit ihren pompösen goldenen Zwiebeltürmen eines der Wahrzeichen der Stadt, nicht als Location für den glamourösen Willkommensempfang zur Verfügung: orthodoxe Kirchenvertreter sahen in dem frivolen Treiben eine Entweihung des ehemals sakralen Gebäudes, das allerdings schon länger nicht mehr religiösen Zwecken dient, sondern ein Museum beherbergt. Stattdessen rollte man den roten Teppich vor dem Marienpalast aus, dem Amtssitz des Präsidenten. Gefeiert wurde im Euroclub, den das direkt gegenüber gelegene Kongresszentrum am Park beherbergte. Und wie schon 2005, beim ersten Eurovision Song Contest in der Ukraine, ließen die ahnungslosen Clubbetreiber auch diesmal wieder weibliche Go-Go-Tänzerinnen auf die befremdeten, mehrheitlich männlichen und am eigenen Geschlecht interessierten Fans los…

Wirkt etwas unglamouröser als das Bewerbungsvideo: der Weg von der U-Bahn-Station ins IEC in Realzeit.

Dabei hatte man als Contest-Motto eigens das CSD-taugliche „Celebrate Diversity“ („Feiere die Vielfalt“) ausgewählt, um sich der Weltöffentlichkeit als modernes, tolerantes Land zu präsentieren. Und strafte selbiges bei der Auswahl der Moderatoren umgehend Lügen: mit Oleksandr Skichko, Volodymyr Ostapchuk und dem sein umfassendes Eurovisionswissen stets roboterhaft und ohne jegliche Betonung herunterrasselnden Greenroom-Pausenclown Timur Miroshnychenko (alias Tick, Trick und Track) entschied man sich für ein entsetzlich hölzern agierendes Männertrio. Die Idee, das aufgrund der politischen Entwicklungen obsolet gewordene Denkmal der ukrainisch-russischen Völkerfreundschaft, ein Wahrzeichen von Kiew, mittels Farbanstrich zum LGBTI-freundlichen Regenbogen umzufunktionieren, brach man allerdings mittendrin ab, nachdem rechtsnationalistische Gruppen die Arbeiter angriffen. Es ist noch ein weiter Weg…

Also so enn Perlekettche…!

Die eingangs erwähnten strikten Vergaberegeln sorgten nicht nur für ein derart starkes organisatorisches Chaos, dass die EBU Ende Februar 2017 die Reißleine zog und den Schweden Christer Björkman als Retter nach Kiew beorderte, sondern zunächst auch für eine herbe Enttäuschung bei den Fanclubs, die in den vergangenen Jahren stets von eigens für sie reservierten Kontingenten an Eintrittskarten profitierten. Die sollte es 2017 nicht geben, hieß es: die Antikorruptionsgesetze der Ukraine ließen keine Rabattierung der Tickets für die Fanclubs zu, so der Sender. Die Absage erfolgte praktisch zeitgleich mit dem erst in letzter Minute annoncierten Verkaufsstart der Eintrittskarten. Diese Hektik stürzte die wenigen Glücklichen, die es schafften, online eine Eintrittskarte zu ergattern, nur kurze Zeit später wieder ins Unglück: massenhaft erhielten westeuropäische Besteller die Mitteilung, ihre Kreditkartenzahlung sei storniert: aufgrund der in dem Land besonders stark verbreiteten Cyberkriminalität sperren viele Banken Zahlungen dorthin. Allerdings erhielten die Fanclubs nach harten Nachverhandlungen nur einen Tag später die (mündliche) Zusage, dass es nun doch eigens für sie reservierte Plätze in der Eurovision Mosh Pit vor der Bühne und sogar Sitzplätze gebe…

Kein ESC ohne Schweden: Christer war mit am Start

Überschattet wurde dies alles jedoch von dem unwürdigen, politisch motivierten Geharke um die avisierte russische Teilnehmerin Julia Samaylova, vom zuständigen Perwy Kanal (hihi!) erst einen Tag vor Einsendeschluss aus dem Hut gezaubert. Hielt sich zunächst die Vermutung, die Föderation habe die aufgrund einer heimtückischen Muskelerkrankung fast komplett gelähmte und auf den Rollstuhl angewiesene 28jährige nominiert, um das befürchtete antirussische Pfeifkonzert im Kiewer IEC im Keim zu ersticken, zeigte sich die tatsächliche Perfidie der Strategie erst kurze Zeit später. Denn Julia war im Jahre 2015 auf der von Russland annektierten Krim aufgetreten: nach geltenden ukrainischen Gesetzen ein Grund für ein dreijähriges Einreise- und Auftrittsverbot, welches der Geheimdienst des Gastgeberlandes nach Prüfung des Vorfalls dann auch verhängte und trotz allen Insistierens seitens der EBU nicht mehr zurücknahm. Ein so ungewöhnlicher wie fast schon verzweifelter Vermittlungsversuch aus Genf schlug fehl: am Gründonnerstag 2017 verkündete der Perwy Kanal, die Show nicht übertragen zu wollen, woraufhin der EBU nichts anders übrig blieb, als zähneknirschend offiziell zu bestätigen, dass der Wettbewerb ohne Russland über die Bühne geht. Damit standen die Organisatoren vor einem Scherbenhaufen und die Gastgeber als herzlose Monster dar, die einer eher unbedrohlich wirkenden Gehandicapten ihren „Lebenstraum“ einer Grand-Prix-Teilnahme verweigern. Also genau der Effekt, den Moskau erzeugen wollte, wusste man dort doch nur zu gut um die Krim-Regelung und hatten die Ukrainer noch im September 2016 unmissverständlich darauf hingewiesen, dass man diese auf im Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest durchziehen werde.

Ihre Flamme durfte in Kiew nicht brennen: Julia Samoylova (RU)

Ihren Status als unschuldiges Opfer fieser Ränkespiele verlor Frau Samoylova jedoch spätestens mit einem erneuten Auftritt auf der Krim anlässlich des russischen Weltkrieg-Gedenktages (der just mit dem ersten Semifinale in Kiew kollidierte). Mit ihrem Ausschluss reduzierte sich die Teilnehmerzahl auf 42 Länder, eines weniger als bei den bisherigen Rekordveranstaltungen von Düsseldorf (2011) und Belgrad (2008). Neben Russland blieb auch Bosnien-Herzegowina, dessen Staatssender gerade hart ums finanzielle und politische Überleben kämpft, dem ESC fern. Dafür kehrte, nach einer einjährigen Schmollpause, das in seiner Eurovisionsgeschichte meist nur sehr weit hinten platzierte Portugal zum Wettbewerb zurück. Mit, wie wir mittlerweile wissen, durchschlagendem Erfolg…

Die Beiträge

43 Lieder wurden gefunden für das Wettsingen in Kiew, 42 durften allerdings nur mitmachen. Die ersten intern ausgesuchten Interpreten standen bereits seit dem Spätsommer 2016 fest, den ersten ausgewählten Song lieferten kurz vor Weihnachten 2016 traditionell die Albaner. Hier die Übersicht.

LandInterpret/inSong
ALLindita HalimiWorld
AMArtsvik HarutyunyaFly with me
ATNathan TrentRunning on Air
AUIsaiah FirebraceDon't come easy
AZDiHajSkeletons
BEBlancheCity Lights
BGKristian KostovBeautiful Mess
BYNaviHistoryja majho žyccia
CHTimebelleApollo
CYHovig DemirjanGravity
CZMartina BártaMy Turn
DELevina LueenPerfect Life
DKAnja NissenWhere I am
EEKoit Toome + Laura PõldvereVerona
ESManel NavarroDo it for your Lover
FINorma JohnBlackbird
FRAlmaRequiem
GETako GachechiladseKeep the Faith
GRDemyThis is Love
HRJacques HoudekMy Friend
HUJoci PápaiOrigo
IEBrendan MurrayDying to try
ILImri ZivI feel alive
ISSvala BjörgvinsdóttirPaper
ITFrancesco GabbaniOccidentali's Karma
LTFusedmarcRain of Revolution
LVTriānas ParksLine
MDSunstroke ProjectHey Mamma
MESlavko KalezićSpace
MKJana BurčeskaDance alone
MTClaudia FanielloBreathlessly
NLO'geneLights and Shadows
NOJowstGrab the Moment
PLKasia MośFlashlight
PTSalvador SobralAmar pelos Dois
ROIlinca + Alex FloreaYodel it!
RSTijana BogićevićIn to Deep
SERobin BengtssonI can't go on
SIOmar NaberOn my Way
SMValentina Monetta + Jimmie WilsonSpirit of the Night
UAO.TorvaldTime
UKLucie JonesNever give up on you

Für Eilige: der Schnelldurchlauf mit allen 42 Songs in 16 Minuten.

Unser Song 2017 >

Erstes Semifinale 2017 >

Zweites Semifinale 2017 >

Finale 2017 >