Unser Song 2017

Nach den selbstverschuldeten Vollflops der beiden letzten Jahre kehrte der NDR für die Ermittlung des deutschen Grand-Prix-Beitrags 2017 zur Castingshow zurück, wie der Sender Mitte September 2016 bekannt gab. Grundsätzlich keine schlechte Idee, denn dieses Format bescherte uns in Person von Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) bereits eine Eurovisionssiegerin. Selbige Lena gehörte neben dem führenden Protagonisten der Neuen Deutschen Weinerlichkeit®, Tim Bendzko, der bei dieser Gelegenheit seine neue Single bewerben durfte, und dem Volksmusikanten Florian Silbereisen einer (nicht stimmberechtigten) „Experten-Jury“ an, deren Aufgabe lediglich darin bestand, die Vorentscheidungsauftritte der Nachwuchstalente zu kommentieren. Anders als bei einer klassischen Castingshow, die über mehrere Wochen läuft, gab es allerdings nur eine einzige TV-Sendung am 9. Februar 2017, moderiert von der bewährten Barbara Schöneberger, die mit ihrer gewohnt lockeren, schlagfertigen Art im Alleingang den kompletten, ziemlich zähen Abend rettete. Fünf Eurovisionshoffnungen traten an, für die zwei Songs zur Verfügung standen. Also zwei insgesamt, nicht zwei pro Person! War das Budget so eng in Hamburg? Laut Senderangaben wurden die Beiträge von „national und international erfolgreichen“ (lies: US-amerikanischen) „Produzenten speziell für den ESC 2017 vorgeschlagen“ (lies: die Songs gammelten schon länger in der Schublade und waren anderweitig unverkäuflich). Die ARD-Zuschauer/innen kürten per hundertprozentigem Televoting (yay!) aus den Fantastischen Fünf (Links zu den Beschreibungen der Künstler/innen in der untenstehenden Tabelle) die Siegerin des Abends und deutsche Vertreterin 2017, Levina Lueen.

Die Teebeutelvariante von David Guettas ‚Titanium‘: unser Song 2017

Wenn man nur zwei Songs hat, damit aber drei Stunden Sendezeit füllen will, muss man eben endlose Durchgänge veranstalten, dachte man sich Hamburg und gestaltete den Abend maßlos kompliziert. Es gab sage und schreibe vier (!) Abstimmungsrunden: zunächst traten alle fünf deutschen Nachwuchshoffnungen mit je einem Coversong ihrer Wahl auf. Für zwei von ihnen, nämlich die Ersatzkandidatin Yosefin Bouhler und die dünnstimmige Lenaistin Felicia Lu Kürbiß, war danach bereits Schluss: nur die drei Bestplatzierten im Zuschauervoting zogen in die zweite Runde ein und durften dort den ersten der beiden zur Wahl stehenden Songs vorstellen, namentlich das von seiner Komponistin vergleichsweise poppig konzipierte ‚Wildfire‘. Levina Lueen, die spätere Siegerin, machte hieraus allerdings eine zähe, klebrige Ballade. Axel Feige, dem einzigen Mann im Line-up, den Babsi Schöneberger in einem freudianischen Versprecher aufforderte, doch seinen „Pferdeschwanz heraushängen“ zu lassen (was weiß sie, das wir nicht wissen?), lag der Song offenbar gar nicht. Dennoch kam er eine Runde weiter, denn Helene Nissen, das Küken der Show, welches die Vorstellungsrunde nur aufgrund ihrer kindlich-naiven Niedlichkeit überlebt hatte (und dem tollkühnen Mut, dort einen Johnny-Cash-Song zu covern), zeigte sich nun vollständig überfordert und wurde von den Zuschauer/innen herausgewählt.

Noch eine Grand-Prix-Ballade, und das Universum implodiert. Das spürten wohl auch die Unser-Song-Zuschauer

Die beiden Übriggebliebenen, also Axel und Levina, durften im dritten Durchgang nun den zweiten potentiellen Eurovisionstitel vorstellen, also das weniger eingängige ‚Perfect Life‘. Das interpretierten die beiden Kandidaten jeweils auf ihre sehr eigene, sehr unterschiedliche Weise: Levina als durchhörbaren Midtemposeich ohne jeden Funk von Eigenständigkeit, Axel Feige hingegen als James-Bond-Ballade, in der er sich sichtbar mehr zuhause fühlte, was auch die Juroren bemerkten. Dieselben Juroren übrigens, die ihn vorher durch alberne Kritik an seiner statischen Präsentation und der unverhohlenen Bevorzugung seiner Konkurrenten so richtig schön verunsichert hatten. Die Strategie ging auf: die vom Publikum mit stehenden Ovationen gefeierte und von Auftritt zu Auftritt sichtlich stärker aufblühende und entspannter wirkende Levina, die ich im Vorfeld noch (fälschlich) als verbiestert eingeschätzt hatte, zog mit beiden Songs in die Endrunde ein, wo sie dann überflüssigerweise gegen sich selbst sang. Dass am Ende das vom Saalpublikum wie von der Jury präferierte ‚Wildfire‘ den Kürzeren zog, lag mutmaßlich auch daran, dass der NDR direkt vor der Endabstimmung hilfreicherweise einen Schnelldurchlauf der bislang schon in den Nachbarländern ausgewählten Konkurrenztitel zeigte. Die klugen Zuschauer/innen vermochten so zu erkennen, dass der Balladensee bereits bis zum Überlaufen gefüllt ist und wir mit noch so einer Nummer darin mit größerer Sicherheit untergehen als mit dem wenigstens mittelschnellen ‚Perfect Life‘. Kluge Entscheidung!

Der NDR erklärt es nochmal mit einer Power-Point-Präsentation. Macht die Sache aber auch nicht verständlicher.

Im Vorfeld kam für das dreistündige Castingshow-Konzentrat weder in den Medien noch bei mir persönlich die geringste Begeisterung für das diesjährige Format auf, welches vergeblich versuchte, die Kennenlern-Arbeit von mehreren Wochen in einen Abend zu quetschen und so zu einer unnötig zähen und komplizierten Angelegenheit mit lauter verschenkten Chancen werden musste. Der NDR begründete diese Entscheidung mit Quotengründen, wobei man sich in Hamburg ohnehin keinerlei Hoffnungen machte. Sonst hätte man die Sendung nämlich nicht auf einen Donnerstagabend programmiert – ausgerechnet gegen den Staffelauftakt von Germanys next Bulimieopfer auf ProSieben! Fast alle unter Dreißigjährigen fielen damit als potentielle Zuschauer/innen für Unser Song 2017 schon mal aus. Und für die Berufstätigen ging die Sendung deutlich zu lange, um sie bis zum Ende zu verfolgen. Auch die von Programmdirektor Volker Herres nach eigenen Worten erhoffte „Chance auf eine Top-Ten-Platzierung“ können wir uns wohl abschminken, was vor allem mit der Auswahl der Titel zusammenhing. Denn erneut zeigte sich das NDR-Liedfindungskomitee von der alten Krankheit befallen. Den angefragten Labels und Songschreibern machte man strikte Genrevorgaben: Singer-Songwriter-Pop, Alternative Mainstream, Dance-Pop – aber kein Soul, kein R&B und „kein Quatsch“, so der Anforderungskatalog. Oder auch, wie es sich beim Vorentscheid dann mal wieder zeigte, die altbekannten Schattierungen von beige.

Nicht anecken, nicht auffallen, niemandem weh tun: so mag’s die ARD-Jury. Immer wieder. Mit den bekannten Ergebnissen. Immer wieder.

Wer sich die offizielle Eurovisions-App aufs Smartphone lud, konnte die beiden Songs schon einen Tag vorher, bei der Generalprobe, hören. Dem schwedischen Vorbild ein winziges Stück weit folgend, wollte der NDR heuer nämlich erstmals die Schwarmintelligenz der europäischen Fans anzapfen, welche über die App die Show schauen und für ihre Lieblinge voten durften. Deren Stimmen flossen allerdings nicht ins Endergebnis ein, sondern wurden während der Sendung als europäische „Eurovision Vibes“ vor jeder Votingrunde eingeblendet, um dem abstimmungsberechtigten deutschen TV-Publikum einen Einblick zu geben, welchen Titel und Interpreten die internationalen Zuschauer/innen bevorzugten. Prinzipiell eine sehr gute Idee, denn diese vergeben im Mai 2017 schließlich die Punkte an Deutschland – oder eben auch keine. In der Praxis klappte das allerdings nur so mittelgut, weil die Ergebnisse aus Europa so gar nicht zur Stimmungslage im Sendestudio passen wollten und sich wie ein Fremdkörper anfühlten. Und in der dritten Runde, als es um die Frage „Axel oder Levina“ ging, legten die App-Nutzer ein 50/50-Votum hin und führten damit die Funktion der „Vibes“ ad absurdum. Die ganze Geschichte macht halt aber auch nur dann wirklich Sinn, wenn man wie in Schweden das Auslandsvotum tatsächlich in die Endergebnisse mit einfließen lässt.

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Die gleichen „Experten“, die für die beiden schwachen Songs verantwortlich zeichneten, sortierten übrigens im November 2016 aus den über 2.300 Bewerber/innen für Unser Song 2017 in mehreren nichtöffentlichen Castings zunächst 33 Nachwuchshoffnungen aus, darunter Youtube-Stars, Lehrer und ehemalige aserbaidschanische Vorentscheidungsteilnehmerinnen. Eine recht vielversprechende Auswahl, soweit man das aus den albernen Drei-Minuten-Interviews, die der NDR als Nikolausgeschenk für die Fans ins Netz stellte, beurteilen konnte. Einer davon kam allerdings im Vorfeld abhanden: der Tiroler Schnuckel Nathan Trent, den uns der ORF wegschnappte. Dann stand das Komitee vor der schwierigen Aufgabe, den verbliebenen Talentepool auf die fünf Besten einzudampfen. Am Dreikönigstag 2017 verkündete man das Ergebnis: drei Mädels und zwei Jungs im Alter von 19 bis 28 Jahren, teils mit Castingshow-Erfahrung, teils mit elaborierter musikalischer Ausbildung, alle mit eigenen Youtube-Kanälen. Der Löwenanteil von ihnen laut Eigenbeschreibung übrigens dem „verbotenen“ Soul zugeneigt. Ein Großteil der fantastischen Fünf hätte sogar eigene Songs im Köcher gehabt, aber die waren nicht zugelassen. Und das ist auch gut so: die meisten Musiker/innen können ein Lied davon singen, dass ihre größten Hits meist nicht die Lieder sind, die ihnen selbst am meisten am Herzen liegen. Auch unsere Pop-Prinzessin Lena hätte 2010 einen anderen Titel ausgewählt, wenn man sie gelassen hätte. Doch das Publikum zwang ihr ‚Satellite‘ auf – und behielt damit Recht. Selbiges Lied hörten wir auch im Rahmenprogramm des Vorentscheids – allerdings nicht aus dem Munde Lenas, sondern sehr liebevoll und einzigartig interpretiert von der großartigen Conchita Wurst (→ AT 2014) – der beste Moment der gesamten Sendung!

Süß, aber kein ESC-Siegersong: Lenas Lieblingslied ‚Love me‘

Den potentiell erfolgversprechendsten Kandidaten hatte uns allerdings im Vorfeld der Show bereits Mitte Januar 2017 Deutschlands hässlichstes Schmierblatt abgeschossen. Gegen den ursprünglich nominierten 19jährigen Wilhelm „Sadi“ Richter, so berichtete die Lügenpresse, laufe ein Verfahren wegen des Verdachts auf einen angeblichen Ebay-Betrug vor einem Jugendgericht. Eine Petitesse – der geschockte Singer-Songwriter aber zog seine Teilnahme an Unser Song 2017 stante pede zurück: so könne er keinen unbelasteten Auftritt absolvieren, begründete er seine Absage gegenüber dem NDR. Ob der charismatische wie stimmlich hochbegabte Künstler, der am Donnerstag während der Sendung auf Facebook schlicht ein trauriges kleines Emoji postete, aus den beiden Songs mehr hätte machen können, ist eine Frage, über die ich lieber gar nicht nachdenken möchte, um nicht noch mehr in Depressionen zu verfallen…

Von der Bild rausskandalisiert: Sadi Richter zog seine Kandidatur zurück. Was ein Verlust!

Unser Song 2017

Donnerstag, 9. Februar 2017, 20:15 Uhr aus Köln (Raab TV Studios). Fünf Teilnehmer/innen. Moderation: Barbara Schöneberger.
Interpret/in1. Runde (Coversong)StimmenErgebnis
Yosefin BuohlerLove on Top12.748x
Axel FeigeYou know my Name39.242Q
Felicia Lu KürbißDancing on my own13.139x
Levina LueenWhen we were young89.156Q
Helene NissenFolsom Prison Blues49.964Q
Interpret/in2. Runde (Wildfire)StimmenErgebnis
Axel FeigeWildfire47.639Q
Levina LueenWildfire79.811Q
Helene NissenWildfire41.459x
Interpret/in3. Runde (Perfect Life)StimmenErgebnis
Axel FeigePerfect Life57.631x
Levina LueenPerfect Life60.474Q
Axel FeigeWildfire36.266x
Levina LueenWildfire124.326Q
Interpret/in4. Runde (Superfinale)StimmenCharts
Levina LueenWildfire45.285--
Levina LueenPerfect Life100.40728

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