Unser Lied für Lissabon

Fleißig schraubte der NDR nach der Pleitenserie der letzten Jahre, geprägt von unweigerlich letzten Plätze mit miserabler Mainstream-Mucke, am Auswahlverfahren für den deutschen ESC-Beitrag 2018. Einen „völligen Neuanfang“ kündigte ARD-Mann Schreiber an und ging sogar auf eine Roadshow, um die zuletzt doch arg enttäuschten heimischen Fans wieder ins Boot zu holen und das neue, Big-Data-basierte Konzept vorzustellen. Das sollte den Schwerpunkt den markigen Vorankündigen zufolge auf die Auswahl „kantiger“ (so das neue Lieblings-Buzzwort Schreibers) Interpret/innen legen und bediente sich hierfür einer aus jungen, auf ihren zeitgemäßen Musikgeschmack getesteten Fans zusammengesetzten Jury, welche aus über 200 vom Sender kommissionierten Vorschlägen zunächst knapp 20 Kandidat/innen aussuchte, die man zu einem Workshop nach Köln einlud. Nicht alle der Erwählten hatten sich vorab selbst beworben, und so folgten am Ende lediglich 17 dem Ruf des NDR. Dennoch zahlte sich der neue Mut zum Risiko aus, konnte der Sender mit dem Verweis auf die Fan-Stimmen doch beispielsweise den auf ansprechende Weise ganzkörperbemalten und damit zumindest schon mal optisch „kantigen“ The-Voice-Schmusebarden Boris Alexander Stein überzeugen, mitzumachen.

„Groß, tätowiert, hübsch, Veganer und auch noch so eine Stimme“ (Youtube-Kommentar): der schmucke Boris Alexander (Repertoirebeispiel).

Der es allerdings am Ende dennoch nicht in den Vorentscheid schaffte: in einem zweiten, unmittelbar auf den Workshop folgenden Schritt destillierte die besagte Fan-Jury sowie ein aus internationalen ESC-Juroren der letzten Jahre zusammengesetztes Panel aus eben diesen 17 nun kurz vor den Festtagen die finalen Sechs. Die kurzfristige Aufstockung um einen Platz gegenüber der ursprünglichen, im unten stehenden Erklärbär-Clip dargelegten Planung mit fünf Finalist/innen erfolgte laut Thomas Schreiber auch aufgrund des Fan-Feedbacks aus der Roadshow, wo wiederholt die Forderung nach einem breiteren Feld vorgetragen wurde. Am zweiten Weihnachtsfeiertag stach die Bild die fast richtige, vom NDR jedoch zunächst nicht bestätigte Kandidatenliste durch: man müsse erst die Rückmeldungen der Auserwählten abwarten, so Thomas Schreiber. Und tatsächlich fand sich die von Bild lancierte Bonner Band Steal A Taxi dann doch nicht in dem am 29. Dezember 2017 offiziell bekanntgegebenen Teilnehmerfeld. An ihrer Stelle rückte der bayerische Singer-Songwriter Xavier Darcy nach.

„Wenn Du es nicht in einem Satz erklären kannst, taugt es nicht“ – das würde ich in diesem Fall nicht unterschreiben. Zumindest bietet das neue Verfahren die Chance, mal etwas „Kantigeres“ zu finden.

Und der fügt sich perfekt ein in das zu gleichen Teilen aus selbst komponierenden, ewigen Nachwuchshoffnungen sowie aktuellen und ehemaligen The-Voice-Castingsternchen bestehende Setup der Super Sechs, von denen es nun eine/r in Lissabon für Deutschland richten soll. Talentierte und künstlerisch eigenständige Kandidat/innen allesamt, das ohne jede Frage. Gleichzeitig fällt es ziemlich schwer, ihnen die im Vorfeld so stark beschworene Kantigkeit zu attestieren. Mit einer maßgeblichen Ausnahme: der Skihütten-Schlager-Boyband VoXXclub nämlich, dem einzigen (!) tatsächlich kontroversen Act im diesjährigen Line-up, der dementsprechend bereits seit seiner ersten Erwähnung die Nation in entschiedene Gegner/innen und feiernde Fans spaltet – ein bisschen so wie weiland beim Meister. Doch ob die kernig-virilen Neuen Volksmusikanten tatsächlich so einen medialen Hype wie Guildo Horn erzeugen und die Fahrkarte nach Lissabon lösen können, erscheint mehr als fraglich.

Die Choreo ist schon mal allererste Sahne. Ob das stimmlich live allerdings auch so gut klingt, steht auf einem anderen Blatt: VoXXclub beim Vollplayback-Aufritt in Silberfischchens lustiger Musikantenscheune.

Denn auch die aktuelle Siegerin der Castingshow The Voice, Natia Todua, befindet sich unter den Finalist/innen, und die Erfahrungen der letzten Jahre (nicht nur in Deutschland) zeigen, das diese praktisch automatisch jegliche nationale Vorentscheidung aus dem Stand gewinnen, wenn sie dort mitmachen. Am 22. Februar 2018 entscheidet es sich: dann geht Unser Lied für Lissabon in Berlin-Adlershof über die Bühne. Übrigens mal wieder an einem Donnerstag – den geheiligten Samstagabend mag die ARD angesichts der zuletzt eher schwachen Einschaltquoten der heimischen Vorauswahl (noch) nicht freiräumen. Laut Herrn Schreiber wählte man den Termin zudem, „um einerseits soviel Zeit wie möglich für [das] Songwriting Camp, [die] Produktion des Titels [sowie die] Inszenierungsideen zu haben und andererseits, um die Unterlagen für das Head-of-Delegation-Meeting Mitte März vorzubereiten; Verfügbarkeit von Studios und Ü-Wagen sind ebenfalls Faktoren bei der Terminfindung“. Immerhin kollidiert das deutsche Finale, in dem sowohl die Zuschauer/innen entscheiden als auch die beiden oben vorgestellten Auswahlgremien, somit lediglich mit dem Semifinale des moldawischen Vorentscheids und verursacht keinen zusätzlichen Supersamstags-Stress. Und dafür muss man den Hamburgern letztlich dankbar sein.

Unser Lied für Lissabon

Donnerstag, 22. Februar 2018, 20:15 Uhr

6 Teilnehmer/innen, Moderation: Linda Zervakis und Elton

Studio Berlin Adlershof, Am Studio 20, Berlin

Liveübertragung im Ersten und per Livestream auf eurovision.de

Die vermutliche deutsche Vertreterin beim ESC 2018, hier in einem Duett mit der fantastischen Beth Ditto (Repertoirebeispiel).

Die Teilnehmer/innen:

Ivy Quainoo, The-Voice-Siegerin 2012

Michael Schulte, Singer-Songwriter und The-Voice-Finalist 2012

Natia Todua, The-Voice-Siegerin 2017

Ryk, Singer-Songwriter

VoXXclub, Neue-Volksmusik-Boyband

Xavier Darcy, Singer-Songwriter

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