Sis­ters

Die Künst­le­rin­nen:

1979 kom­po­nier­te Ralph Sie­gel einen Dis­co­schla­ger namens ‘Dschinghis Khan’, den er zum deut­schen Vor­ent­scheid ein­reich­te und dafür eigens eine Retor­ten­com­bo aus sechs solo nicht (mehr) beson­ders erfolg­rei­chen Sänger/innen zusam­men­stell­te, die er eben­falls Dschinghis Khan tauf­te. War, so kann man wohl sagen, ganz erfolg­reich. Ob die­ses Husa­ren­stück dem Damen­duo Sis­ters eben­falls gelingt, bleibt abzu­war­ten. Obschon die Ent­ste­hungs­ge­schich­te Ähn­lich­kei­ten auf­weist: denn zuerst war der von einem vier­köp­fi­gen, inter­na­tio­na­len Song­schrei­ber­team fabri­zier­te und zu Unser Lied für Isra­el ein­ge­reich­te Titel namens ‘Sis­ter’, der dem NDR beson­ders am Her­zen liegt und den er unbe­dingt dabei haben woll­te. Die sechs ande­ren in dem hoch­kom­pli­zier­ten, künst­ler­kon­zen­trier­ten Ver­fah­ren aus­ge­wähl­ten Sänger/innen wol­len aber alle mit eige­nen Lie­dern antre­ten. Also such­te man beim NDR zwei gewill­te und geeig­ne­te jun­ge Frau­en und fand sie in der 19jährigen Car­lot­ta Tru­man und in der 26jährigen Lau­ra Käs­tel, die bei­de schon als Kin­der an TV-Wett­be­wer­ben wie The Voice Kids und dem ZDF-Kid­dy-Con­test teil­nah­men.

Erin­nert optisch und stimm­lich ein wenig an Chris­ti­na Agui­le­ra: Car­lot­ta Tru­man (Reper­toire­bei­spiel).

Bei­de kön­nen zudem eine Ver­bin­dung zur letz­ten deut­schen Grand-Prix-Sie­ge­rin Lena Mey­er-Land­rut vor­wei­sen: Lau­ra, die Toch­ter der 2017 ver­stor­be­nen Frank­fur­ter Regen­bo­gen-Stra­ßen­fest-Musik­le­gen­de Tere­sa Käs­tel, die gele­gent­lich auch unter dem Pseud­onym Lau­ri­ta Spi­nel­li auf­tritt, singt aktu­ell im Begleit­chor der zur­zeit wie­der tou­ren­den Han­no­ve­ra­ne­rin, Car­lot­ta trat mit elf Jah­ren als Lena-Dou­ble in einer TV-Show auf. Auch optisch (lan­ge Haa­re, Mager­sucht) sind die Par­al­le­len mit der deut­schen Euro­vi­si­ons­kö­ni­gin bei bei­den Frau­en nicht zu über­se­hen. Stimm­lich ergän­zen sich die “Schwes­tern” gut: Car­lot­ta bedient eher die höhe­ren, pop­pi­ge­ren Regis­ter, Lau­ra die etwas tie­fer tim­brier­ten. Die Vor­aus­set­zun­gen für einen schö­nen Har­mo­nie­ge­sang sind also da, und wenn jetzt der Song noch was taugt, könn­te das eine gute Alter­na­ti­ve zu all den jam­mer­klamp­fi­gen Milch­büb­chen wer­den, die uns sonst erwar­ten.

Setz­te schon im zar­ten Alter von zehn Jah­ren die rich­ti­gen Prio­ri­tä­ten: Lau­ra Käs­tel will in die Dis­co gehen (Reper­toire­bei­spiel).

Der Vor­ent­schei­dungs­bei­trag:

Fan­gen wir mal mit dem Posi­ti­ven an: im Refrain har­mo­nie­ren die Stim­men der bei­den Inter­pre­tin­nen sehr schön mit­ein­an­der. Der direkt bei der Erken­nungs­me­lo­die des ukrai­ni­schen Vor­ent­schei­dungs­for­mats Vid­bir geklau­te “Oh-oh-oh”-Hin­ter­grund­chor stellt eine geschick­te, unter­be­wuss­te Ver­bin­dung zum Euro­vi­si­on Song Con­test her. Die Spiel­do­sen­me­lo­die am Beginn erin­nert vage an ‘Pri­ma­bal­le­ri­na’ und fängt so auch die Zuschauer/innen jen­seits der 70 ein. Das The­ma des Songs, ein Appell gegen weib­li­che Stu­ten­bis­sig­keit, scheint bei wei­ten Tei­len des Publi­kums zu ver­fan­gen. So weit, so gut; wäre da nicht die­se allen Lebens­wil­len rau­ben­de mid­tem­po­rä­re Mit­tel­mä­ßig­keit und Belie­big­keit der völ­lig aus­tausch­ba­ren, am Reiß­brett ent­stan­de­nen Kom­po­si­ti­on, die das Schwei­zer Fern­se­hen, bei dem das hel­ve­ti­sche Song­schrei­ber­team den Titel zuerst ein­reich­te, für sei­nen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid zu Recht ablehn­te. Der NDR, wo man genau so einen Seich über alles liebt, griff natür­lich sofort beherzt zu.

Der ULfI-Auf­tritt:

Blond und braun. Erfolg­reich, sexy, weib­lich. Wann hat’s das zuletzt gege­ben? Eigent­lich nur bei Modern Tal­king”! Mit die­ser eigent­lich auf sie selbst gemünz­ten Beschrei­bung setz­ten die bei­den star­ken Mode­ra­to­rin­nen des Vor­ent­schei­dungs­abends, Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger und Lin­da Zer­va­kis, das Nar­ra­tiv. Welch ein Zufall, dass Car­lot­ta und Lau­ra die­sem Bild eben­falls ent­spre­chen (gut, viel­leicht bis auf das “erfolg­reich”) und welch ein Zufall, dass der NDR ihnen den letz­ten Start­platz zuschanz­te. Sowie, im Gegen­satz zu ihrer Kon­kur­renz, eine eini­ger­ma­ßen sau­be­re Kame­ra­ar­beit. Dass der Auf­tritt der kom­plett in schwarz und aus­ge­spro­chen casu­al ange­zo­ge­nen Schwes­tern, die sich auf einem Dreh­po­dest umkreis­ten, so kom­plett ungla­mou­rös aus­fiel, ver­schaff­te ihnen ver­mut­lich sogar die Dou­ze Points im Tele­vo­ting. Schließ­lich mag man in Deutsch­land die Under­dogs, den unprä­ten­tiö­sen Star zum Anfas­sen, wie schon Elai­za bewie­sen.

Das Ergeb­nis:

Die hei­mi­schen Euro­vi­si­ons­fans mach­ten es als Ein­zi­ge rich­tig und setz­ten den Retor­ten­act auf Rang 5. Half nicht, da sich die inter­na­tio­na­len Juro­ren und die Televoter/innen einig waren und die Sis­ters zu Sie­ge­rin­nen krön­ten.

Car­lot­ta Tru­mans You­tube-Kanal

Car­lot­ta Tru­mans Web­site

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